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Sie war die Liebe seines Lebens, die einzige Frau, für die er je wirklich etwas empfunden hat. Doch dann, wie aus dem Nichts, beschloss Natalie, einen anderen Mann zu heiraten. Jake Fisher war am Boden zerstört. Und musste Natalie auch noch versprechen, sie nie wieder zu kontaktieren, nicht einmal nach ihr zu suchen.

Sechs Jahre lang hat Jake sich an dieses Versprechen gehalten, hat sich voll und ganz auf seine Karriere als College-Professor konzentriert, hat alles getan, um Natalie zu vergessen. Als er jedoch durch einen Zufall auf die Todesanzeige von Natalies Mann Todd stößt, steigt er in das nächste Flugzeug. Auf Todds Beerdigung will er wenigstens einen letzten Blick auf Natalie werfen. Doch als die trauernde Witwe ihren Schleier hebt, fällt Jake aus allen Wolken – an Todds Grab steht eine völlig andere. Eine sichtlich erschütterte Frau, die dem angesehenen Arzt seit zwölf Jahren eine liebende Ehefrau war. Und die ganz offensichtlich noch nie von Natalie gehört hat.

Alles, was Jake über die Liebe seines Lebens zu wissen glaubte, ist dahin. Natalie hat ihn angelogen. Sie selbst ist spurlos verschwunden, und der Einzige, den er nach ihr fragen könnte, liegt tot in einem Sarg. Doch Jake lässt nicht locker. Und macht sich trotz mehrerer unmissverständlicher Warnungen auf eine verhängnisvolle Suche, die nicht nur sein Leben für immer verändern wird …

HARLAN COBEN

ICH FINDE DICH

THRILLER

DEUTSCH
VON GUNNAR KWISINSKI

PAGE & Turner

Die Originalausgabe erschien 2013
unter dem Titel »Six Years« bei Dutton, a member
of Penguin Group USA (Inc.), New York.

Page & Turner Bücher erscheinen im
Wilhelm Goldmann Verlag, München,
einem Unternehmen der Verlagsgruppe
Random House GmbH.

1. Auflage

Copyright © der Originalausgabe 2013

by Harlan Coben

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2014

by Page & Turner/Wilhelm Goldmann Verlag, München,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Redaktion: Anja Lademacher

Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München

Umschlagmotiv: David Baker / Trevillion Images

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN: 978-3-641-13387-0

www.pageundturner-verlag.de

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FÜR BRAD BRADBEER
Ohne Dich, lieber Freund, gäbe es keinen Win.

EINS

Ich saß in der hintersten Kirchenbank und sah zu, wie die einzige Frau, die ich je lieben würde, einen anderen Mann heiratete.

Natalie kam ganz in Weiß – wie auch sonst – und sah so hinreißend aus, dass ich es nie wieder vergessen würde. In ihrer Schönheit hatten sich schon immer Grazilität und eine ruhige Kraft vereint, aber da oben, auf der Empore vor dem Altar, sah sie so ätherisch aus, als wäre sie nicht von dieser Welt.

Sie biss sich auf die Unterlippe. Mir gingen die ruhigen Vormittage durch den Kopf, an denen sie, nachdem wir uns geliebt hatten, in mein hellblaues Hemd geschlüpft und mit mir nach unten gegangen war. Wir hatten uns in die Essecke gesetzt und die Zeitung gelesen, bis sie schließlich zu ihrem Skizzenblock gegriffen und angefangen hatte, mich zu zeichnen. Auch dabei hatte sie sich so auf die Unterlippe gebissen.

Zwei Hände griffen in meine Brust, packten mein ausgemergeltes Herz und brachen es entzwei.

Warum war ich hier?

Glauben Sie an Liebe auf den ersten Blick? Ich auch nicht. Ich glaube allerdings an die große, mehr als rein körperliche Anziehung auf den ersten Blick. Ich glaube, dass man sich gelegentlich – ein, vielleicht zwei Mal im Leben – ungestüm, ursprünglich und unmittelbar zu einem Menschen hingezogen fühlt – stärker als durch Magnetismus. So war es mir mit Natalie ergangen. Manchmal ist das schon alles. Dann kommt nichts mehr. Doch gelegentlich steigert sich diese Anziehung noch, die Energie nimmt zu, bis sich alles in ein heiß loderndes Flammenmeer verwandelt, dessen Wahrhaftigkeit unverkennbar ist.

Und manchmal vertut man sich und hält Ersteres für Letzteres.

Ich war so naiv gewesen zu glauben, wir würden ewig zusammenbleiben. Ich, der ich nie wirklich an langfristige Bindungen geglaubt und alles dafür getan hatte, mir diese Fesseln niemals anlegen zu lassen, hatte vom ersten Moment an – na ja, jedenfalls nach nicht einmal einer Woche – gewusst, dass dies die Frau war, neben der ich Tag für Tag aufwachen wollte, dass ich mein Leben ihrem Wohlergehen widmen wollte. Sie war die Frau – ja, mir ist klar, wie kitschig das klingt –, ohne die ich keinen Schritt mehr gehen konnte, die Frau, deren Gegenwart jede noch so prosaische Handlung mit Magie erfüllte.

Zum Kotzen dieser Kitsch, oder?

Vorne sprach ein Pfarrer mit kahlrasiertem Kopf, das Rauschen in meinen Ohren war jedoch so laut, dass ich kein Wort verstand. Ich starrte Natalie an. Ja, ich wollte, dass sie glücklich wird. Und das war kein reines Lippenbekenntnis, nicht die Lüge, mit der wir uns selbst gern besänftigen, wenn wir in Wahrheit der Geliebten, die uns verschmäht, alles Unglück dieser Welt wünschen. Ich meinte es ernst. Hätte ich wirklich angenommen, dass Natalie ohne mich ein glücklicheres Leben führen könnte, hätte ich sie gehen lassen, auch wenn es mich zerstört hätte. Aber genau das glaubte ich nicht, ganz egal, was sie sagte oder tat. Ja, vielleicht war auch das nur ein Rechtfertigungsmechanismus, mit dem wir versuchen, uns zu besänftigen, eine weitere Lüge, die dazu diente, uns zu beruhigen.

Natalie sah mich nicht ein einziges Mal an, aber ich meinte einen angestrengten Zug um ihren Mund entdecken zu können. Sie wusste, dass ich in der Kirche war. Sie wandte den Blick keinen Moment von ihrem zukünftigen Ehemann ab, dessen Name Todd lautete, wie ich kürzlich erfahren hatte. Ich kann den Namen Todd nicht ausstehen. Todd. Wahrscheinlich nannten seine Freunde ihn Toddy, Todd-Man oder den Toddster.

Todds Haare waren zu lang, und er trug einen Drei- bis Viertagebart, den einige Menschen als hip und andere, zu denen ich mich zählte, zum Reinschlagen fanden. Sein Blick glitt geschmeidig und selbstgefällig über die Gäste hinweg, bevor er, tja, an mir hängen blieb, wo er einen Moment taxierend verharrte, bis er zu dem Schluss kam, dass ich nicht der Mühe wert war.

Warum war Natalie zu ihm zurückgekehrt?

Natalies Schwester Julie war die Brautjungfer. Sie hielt einen Blumenstrauß in beiden Händen und stand mit einem leblosen, roboterhaften Lächeln auf dem Podium. Wir waren uns nie begegnet, ich kannte sie jedoch von Fotos und hatte ein paar Mal mitgehört, als Natalie mit ihr telefonierte. Auch Julie wirkte etwas überrascht und verblüfft von der Entwicklung. Ich versuchte, ihr in die Augen zu sehen, doch sie starrte mit leerem Blick ins Nichts.

Ich konzentrierte mich wieder auf Natalies Gesicht, und sofort detonierten in meiner Brust kleine Sprengsätze. Bum, bum, bum. Mann, was für eine bescheuerte Idee, hierherzukommen. Als der Trauzeuge die Ringe präsentierte, wurde der Druck auf meiner Brust so stark, dass ich kaum noch Luft bekam.

Genug davon.

Wahrscheinlich war ich hier, um es mit eigenen Augen zu sehen. Dass das nötig war, hatte ich vor Kurzem auf die harte Tour gelernt. Mein Vater war vor fünf Monaten an einem schweren Herzinfarkt gestorben. Bis dahin hatte er keinerlei Probleme mit dem Herzen gehabt und war auch sonst in guter Verfassung gewesen. Ich weiß noch, wie ich aus dem Wartezimmer in den Behandlungsraum des Arztes gebeten worden war, der mir die niederschmetternde Nachricht übermittelt und mich gefragt hatte, ob ich meinen toten Vater noch einmal sehen wollte. Dasselbe hatte man mich später auch im Beerdigungsinstitut gefragt. Ich hatte Nein gesagt. Wahrscheinlich wollte ich mich nicht an seinen Anblick auf der Bahre oder im Sarg erinnern. Ich wollte ihn so in Erinnerung behalten, wie ich ihn gekannt hatte.

Im Nachhinein musste ich dann allerdings feststellen, dass ich Schwierigkeiten hatte, seinen Tod zu akzeptieren. Er war so voller Energie, so voller Leben gewesen. Nur zwei Tage vor seinem Tod waren wir gemeinsam bei einem Eishockeyspiel der New York Rangers gewesen – Dad hatte eine Dauerkarte –, das Spiel war in die Verlängerung gegangen, wir hatten gekreischt und geschrien, und – wie konnte dieser Mann plötzlich tot sein? Manchmal fragte ich mich, ob da nicht jemandem ein Fehler unterlaufen war oder ob es sich um einen riesengroßen Schwindel handelte und mein Dad noch irgendwo lebte. Ich weiß, dass das ein unsinniger Gedanke ist, aber die Verzweiflung treibt manchmal seltsame Blüten, und wenn man ihr auch nur den kleinsten Spielraum lässt, fängt die Fantasie an, Alternativszenarien zu entwerfen.

In gewisser Weise belastete mich also die Tatsache, dass ich die Leiche meines Vaters nicht gesehen hatte. Diesen Fehler wollte ich keinesfalls wiederholen. Aber – um in dem etwas überstrapazierten Bild zu bleiben – diesmal hatte ich die Leiche gesehen. Und es gab keinen Grund, bei ihr noch den Puls zu fühlen oder irgendwie anderweitig daran herumzudoktern.

Ich versuchte, so unauffällig wie möglich zu verschwinden. Das ist nicht einfach, wenn man ein Meter siebenundneunzig groß und, um es mit Natalies Worten zu sagen, »wie ein Holzfäller gebaut« ist. Ich habe große Hände. Natalie hatte sie geliebt. Sie hatte sie genommen und war die Linien in meiner Handfläche nachgefahren. Sie sagte, es wären echte Hände, Männerhände. Sie hatte sie auch gezeichnet, weil sie, wie sie sagte, viel über mein Leben erzählten, darüber, dass ich in einem Arbeiterhaushalt aufgewachsen war, über den Job als Türsteher eines lokalen Clubs, mit dem ich mein Studium am Lanford College finanziert hatte, und irgendwie auch über die Tatsache, dass ich jetzt dort der jüngste Professor im Fachbereich Politikwissenschaft war.

Ich taumelte aus der kleinen, weißen Kapelle in die warme Sommerluft. Sommer. War das am Ende vielleicht alles gewesen? Eine sommerliche Affäre? Aber wir waren keine sexhungrigen Jugendlichen in einem Ferienlager, sondern zwei erwachsene Menschen auf der Suche nach Ruhe und Einsamkeit – sie, um sich ihrer Kunst zu widmen, ich, um meine politikwissenschaftliche Dissertation zu schreiben –, die sich kennengelernt und heftig ineinander verliebt hatten, und jetzt, wo es auf September zuging, tja, auch die besten Dinge im Leben gehen irgendwann zu Ende. Unsere ganze Beziehung hatte etwas Unwirkliches gehabt, schließlich waren wir beide aus unseren normalen Leben herausgetreten und hatten damit auch den Alltag weit hinter uns gelassen. Vielleicht waren die Gefühle deshalb so überwältigend gewesen. Vielleicht hatte die Tatsache, dass unser Aufenthalt in dieser Seifenblase abseits der Realität zeitlich begrenzt war, unsere Beziehung besser und intensiver gemacht. Vielleicht erzähle ich hier aber auch nur völligen Unsinn.

In der Kirche brandete Jubel und Applaus auf. Das riss mich aus meiner Erstarrung. Der Gottesdienst war zu Ende. Todd und Natalie waren jetzt Herr und Frau Stoppelbart. Gleich würden sie den Mittelgang entlangschreiten. Ich fragte mich, ob Reis geworfen werden würde. Nichts für Todd wahrscheinlich. Der Reis könnte seine Frisur durcheinanderbringen oder sich in den Bartstoppeln verfangen.

Noch einmal: Hier hatte ich genug gesehen.

Ich ging zur Rückseite der weißen Kapelle und verschwand genau in dem Moment aus dem Blickfeld, als die Flügeltür geöffnet wurde. Ich starrte auf die Lichtung. Es gab dort nichts zu sehen, außer, tja, eine Lichtung. Mit Bäumen dahinter. Die Hütten lagen hinter dem Hügel. Die Kapelle gehörte zu dem Künstler-Refugium, in dem Natalie wohnte. Meine Hütte lag im Schriftsteller-Refugium ein Stück die Straße hinab. Beide Refugien waren ehemalige Vermonter Farmen, auf denen nebenbei auch jetzt noch etwas ökologischer Landbau betrieben wurde.

»Hallo, Jake.«

Ich drehte mich zu der wohlbekannten Stimme um. Natalie stand keine drei Meter von mir entfernt. Schnell warf ich einen Blick auf ihre linke Hand. Als hätte sie meine Gedanken gelesen, hob sie sie und präsentierte mir den Ehering.

»Glückwunsch«, sagte ich. »Ich freu mich für dich.«

Sie ging nicht auf meine Bemerkung ein. »Unfassbar, dass du gekommen bist.«

Ich breitete die Arme aus. »Ich hatte gehört, dass fantastische Horsd’œuvres gereicht werden sollen. Die lasse ich mir nicht gern entgehen.«

»Urkomisch.«

Ich zuckte die Achseln, während mein Herz zu Staub zerfiel und vom Wind verweht wurde.

»Alle haben gesagt, dass du dich niemals blicken lassen würdest«, sagte Natalie. »Aber ich wusste, dass du kommst.«

»Ich liebe dich immer noch«, sagte ich.

»Ich weiß.«

»Und du liebst mich auch noch.«

»Das tu ich nicht, Jake. Siehst du das hier?«

Sie streckte mir den Finger ins Gesicht.

»Schatz?« Todd und seine Gesichtsbehaarung kamen um die Ecke. Als er mich sah, runzelte er die Stirn. »Wer ist das?«

Es war offensichtlich, dass er sehr genau Bescheid wusste.

»Jake Fisher«, sagte ich. »Herzlichen Glückwunsch zur Vermählung.«

»Woher kenne ich Sie?«

Ich überließ es Natalie, diese Frage zu beantworten. Sie legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte: »Jake hat uns im Refugium oft Modell gestanden. Wahrscheinlich hast du ihn auf dem einen oder anderen Bild gesehen.«

Seine Stirn war noch immer gerunzelt. Natalie stellte sich vor ihn und sagte: »Ich möchte noch ein paar Worte mit Jake reden. Ich komme dann sofort nach.«

Todd sah mich noch einmal an. Ich rührte mich nicht. Ich wich nicht zurück. Ich wandte den Blick nicht ab.

Widerwillig sagte er: »Okay, aber mach nicht zu lang.«

Er musterte mich noch mit einem strengen Blick, bevor er hinter der Kapelle verschwand. Natalie sah mich an. Ich deutete auf die Stelle, wo Todd gerade verschwunden war.

»Scheint ein netter Kerl zu sein«, sagte ich.

»Was willst du hier?«

»Ich musste dir noch einmal sagen, dass ich dich liebe«, sagte ich. »Ich musste dir sagen, dass ich dich immer lieben werde.«

»Es ist aus, Jake. Du wirst eine Andere finden. Du wirst darüber hinwegkommen.«

Ich sagte nichts.

»Jake?«

»Ja?«

Sie legte den Kopf schief. Sie wusste genau, welche Wirkung das auf mich hatte. »Versprich mir, dass du uns in Ruhe lässt.«

Ich sah sie nur stumm an.

»Versprich mir, dass du uns nicht folgst, nicht anrufst und nicht einmal eine E-Mail schickst.«

Der Schmerz in meiner Brust nahm zu. Er wurde stechend und heiß.

»Versprich es mir, Jake. Versprich mir, dass du uns in Ruhe lässt.«

Sie sah mir in die Augen.

»Okay«, sagte ich. »Versprochen.«

Ohne ein weiteres Wort drehte Natalie sich um und ging zurück zum Eingang der Kapelle und zu dem Mann, den sie gerade geheiratet hatte. Ich musste mich einen Moment sammeln und atmete tief durch. Ich versuchte, Zorn zu empfinden, das Ganze zu verstehen, alle Gedanken daran abzuschütteln, ich wollte ihr sagen, dass sie den größten Schaden davontrug. All das spielte ich in Gedanken durch. Schließlich versuchte ich, vernünftig mit der Situation umzugehen, obwohl ich wusste, dass das alles nur Teil einer Taktik war, die dazu diente, den Gedanken zu verdrängen, dass ich mein Leben lang untröstlich sein würde.

Ich wartete so lange hinter der Kapelle, bis ich davon ausgehen konnte, dass alle verschwunden waren. Dann ging ich wieder nach vorne. Der kahlgeschorene Pfarrer stand auf der Treppe. Natalies Schwester Julie stand neben ihm. Sie legte mir eine Hand auf den Arm. »Alles in Ordnung?«

»Alles bestens«, sagte ich.

Der Pfarrer lächelte mir zu. »Ein wundervoller Tag für eine Hochzeit, finden Sie nicht auch?«

Ich sah blinzelnd in die Sonne. »Da haben Sie wohl recht«, sagte ich, wandte mich ab und ging.

Ich würde tun, was Natalie von mir verlangte. Ich würde sie in Ruhe lassen. Ich würde zwar jeden Tag an sie denken, aber nie versuchen, sie zu erreichen, ich würde noch nicht einmal im Internet nach ihr suchen. Ich würde mein Versprechen halten.

Sechs Jahre lang.

ZWEI

SECHS JAHRE SPÄTER

Die größte Veränderung in meinem Leben begann zwischen 15:29 und 15:30 Uhr, auch wenn ich das damals natürlich noch nicht wissen konnte.

Mein Erstsemester-Seminar über die Hintergründe moralischen Denkens war gerade zu Ende. Ich verließ die Bard Hall. Der Tag war wie geschaffen dafür, ihn auf dem Campus zu verbringen. Die Sonne strahlte auf einen klaren Massachusetts-Nachmittag herab. Auf dem Quad, der großen, zentralen Rasenfläche des Colleges, fand ein Ultimate-Frisbee-Spiel statt. Am Rand lagen Studenten wie von einer riesigen Hand verstreut im Gras. Musik erklang. Es war, als wäre die Campus-Werbebroschüre zum Leben erwacht.

Ich liebe solche Tage, aber – wer tut das nicht?

»Professor Fisher?«

Ich drehte mich um. Sieben Studenten saßen in einem Halbkreis auf dem Rasen, in der Mitte die junge Frau, die mich angesprochen hatte.

»Wollen Sie sich nicht zu uns setzen?«, fragte sie.

Ich winkte lächelnd ab. »Danke, aber meine Sprechstunde beginnt gleich.«

Ich ging weiter. Ich wäre sowieso nicht geblieben, obwohl ich mich an einem so wunderschönen Tag gern zu ihnen gesetzt hätte. Doch die Beziehung zwischen Professoren und Studenten ist eine komplexe, und, Entschuldigung, das mag jetzt etwas hart klingen, ich wollte einfach nicht so ein Professor sein, wenn Sie verstehen, was ich meine – so ein Professor, der etwas zu viel mit den Studenten abhängt, sich gelegentlich auf Verbindungspartys blicken lässt und womöglich bei der Parkplatz-Party nach einem Football-Spiel der College-Mannschaft noch eine Runde Bier ausgibt. Ein Professor sollte hilfsbereit und zugänglich sein, aber weder Kumpel noch Elternersatz.

Als ich ins Clark House kam, begrüßte Mrs Dinsmore mich mit altvertraut finsterer Miene. Mrs Dinsmore, ein klassischer alter Drache, war wahrscheinlich schon seit Hoovers Präsidentschaft Sekretärin des Fachbereichs Politikwissenschaft. Sie musste mindestens zweihundert sein, wirkte aber nur halb so alt, so ungeduldig und garstig, wie sie sich aufführte.

»Einen wunderschönen guten Tag, Zuckerschnittchen«, begrüßte ich sie. »Gibt’s was Neues?«

»Die Post liegt auf Ihrem Schreibtisch«, sagte Mrs Dinsmore. Auch ihre Stimme klang verdrießlich. »Außerdem steht die übliche Schlange von Studentinnen vor Ihrer Bürotür.«

»Okay, danke.«

»Sieht aus wie beim Vortanzen für die Rockettes.«

»Schon klar.«

»Ihr Vorgänger war nicht so zugänglich.«

»Ach, machen Sie mal halblang, Mrs Dinsmore. Als Student war ich auch dauernd bei ihm.«

»Ja, aber Ihre Shorts hatten zumindest eine angemessene Länge.«

»Wovon Sie damals ein wenig enttäuscht waren, oder?«

Mrs Dinsmore versuchte, sich ein Lächeln zu verkneifen. »Gehen Sie mir einfach aus den Augen, ja?«

»Sie können es ruhig zugeben.«

»Soll ich Ihnen einen Tritt in den Hintern verpassen? Raus mit Ihnen.«

Ich warf ihr eine Kusshand zu und ging durch die Hintertür, um den Studenten, die sich für die Freitags-Sprechstunde angemeldet hatten, nicht in die Arme zu laufen. Ich habe jeden Freitag von 15 bis 17 Uhr eine »offene« Sprechstunde, Zeit, um über alle Themen zu reden, neun Minuten pro Student, keine thematischen Vorgaben, keine Anmeldeliste. Einfach reinschauen und hinten anstellen. Jeder hatte neun Minuten, um mit mir zu sprechen, und eine Minute, um zu gehen und den Nächsten reinzuschicken. Wenn jemand mehr Zeit brauchte, ich die Dissertation betreute oder sonst irgendetwas war, konnte man bei Mrs Dinsmore einen Termin für ein längeres Gespräch vereinbaren.

Um Punkt 15 Uhr ließ ich die erste Studentin herein. Sie wollte über die Theorien von Locke und Rousseau sprechen, über zwei Philosophen, die inzwischen bekannter durch ihre Reinkarnationen in der Fernsehserie Lost waren als für ihre Theorien. Die zweite Studentin hatte keinen echten Grund hier zu sein, außer um – ich sage es ganz direkt – zu schleimen. Ich war versucht, während des Gesprächs die Hand zu heben und zu sagen: »Backen Sie mir doch lieber ein paar Kekse«, andererseits hatte ich durchaus Verständnis für sie. Die dritte Studentin wollte um eine Note feilschen: Sie meinte, für ihre Zwei-plus-Hausarbeit hätte sie eine Eins minus bekommen müssen, obwohl ich ihr eigentlich eher eine glatte Zwei hätte geben sollen.

So lief das. Manche Studenten kamen vorbei, um etwas zu lernen, manche, um mich zu beeindrucken, manche zum Feilschen, manche einfach nur zum Plaudern – alles bestens. Ich bilde mir kein Urteil über sie aufgrund dieser Besuche. Das wäre falsch. Ich behandele alle Studenten gleich, die durch diese Tür kommen, denn unser Job ist es zu lehren, und wenn es dabei mal nicht um Politikwissenschaft geht, dann geht es womöglich um so etwas wie kritisches Denken oder sogar – keuch! – um das Leben selbst. Wenn die Studenten innerlich bereits völlig gefestigt und selbstsicher zu uns kämen, was könnten wir ihnen dann noch beibringen?

»Es bleibt bei der Zwei plus«, sagte ich, als sie ihren Sermon beendet hatte. »Ich würde aber wetten, dass Sie die Note mit dem nächsten Essay verbessern können.«

Der Wecker summte. Wie gesagt, ich halte mich strikt an die Zeitvorgabe. Es war genau 15:29 Uhr. Daher wusste ich im Rückblick so genau, wann es begonnen hatte – zwischen 15:29 Uhr und 15:30 Uhr.

»Vielen Dank, Professor«, sagte sie und erhob sich, um zu gehen. Auch ich stand auf.

Seit ich vor vier Jahren zum Leiter des Fachbereichs berufen wurde, hat sich mein Büro kein bisschen verändert. Der Raum sieht noch genauso aus, wie ich ihn von meinem Vorgänger und Mentor Professor Malcolm Hume übernommen habe, der unter einer Regierung Außenminister, unter einer anderen Stabschef im Weißen Haus gewesen war. Er atmete immer noch diese wundervoll nostalgische Atmosphäre akademischer Unordnung aus antiken Globen, übergroßen Folianten, vergilbten Manuskripten, Postern, die sich von der Wand lösten, und edlen Bilderrahmen mit Porträts bärtiger Männer. Im Raum stand kein Schreibtisch, nur ein großer Eichentisch, der Platz für zwölf Personen bot – exakt die Anzahl, die an meinem Dissertationsseminar teilnahm.

Es herrschte ein totales Durcheinander. Ich hatte das Zimmer nicht neu eingerichtet, weniger weil ich meinen Mentor ehren wollte, wie die meisten Leute hier glaubten, sondern weil ich erstens zu faul war und wirklich Besseres zu tun hatte, zweitens, weil ich weder wirklich einen eigenen Stil hatte noch Familienfotos, die ich aufhängen wollte, und mir dieser »der Arbeitsplatz ist der Spiegel des Menschen«-Unsinn vollkommen egal war und – wäre er mir nicht egal gewesen – dieses Büro, so wie es war, mich tatsächlich genau widerspiegelte und ich drittens eine gewisse Unordnung dem individuellen Ausdruck eher für zuträglich erachtete. Sterilität und Ordnung hemmen die Spontaneität der Studenten. Das Durcheinander schien die Offenheit meiner Studenten zu fördern – in dieser wirren und chaotischen Umgebung, so dachten sie offenbar, würden meine albernen Darlegungen schon keinen allzu großen Schaden anrichten.

Der wichtigste Grund war jedoch der, dass ich faul war und Besseres zu tun hatte.

Wir beide standen also an dem großen Eichentisch und schüttelten uns die Hände. Sie hielt meine Hand eine Sekunde länger als notwendig, also zog ich sie absichtlich schnell zurück. Nein, so etwas passiert nicht täglich. Aber es kommt vor. Inzwischen bin ich fünfunddreißig, aber als ich anfing, als junger Professor in den Endzwanzigern, kam es häufiger vor. Erinnern Sie sich an die Szene in Jäger des verlorenen Schatzes, wo eine Studentin sich »LOVE YOU« auf die Augenlider geschrieben hatte? Etwas Ähnliches ist mir im ersten Semester auch passiert. Außer dass das erste Wort nicht LOVE gewesen war und das zweite nicht »YOU« sondern »ME«. Ich bilde mir nichts darauf ein. Wir Professoren haben hier extrem viel Macht. Männer, die dem verfallen oder glauben, solche Aufmerksamkeiten in irgendeiner Form verdient zu haben (das ist nicht sexistisch gemeint, aber es handelt sich fast ausschließlich um Männer), sind normalerweise erheblich unsicherer und bedürftiger als irgendwelche Studentinnen mit Vaterkomplex, die einem hier gelegentlich über den Weg laufen.

Als ich mich wieder hinsetzte und auf den nächsten Studenten wartete, warf ich einen kurzen Blick auf den Computer-Monitor auf der rechten Seite des Tischs. Der Browser zeigte die Homepage des Colleges. Sie war recht klassisch gestaltet. Die Diashow links zeigte Studenten aller Nationen, Religionen, Konfessionen und beiderlei Geschlechts beim fröhlichen gemeinsamen Lernen, bei Freizeitaktivitäten, mit Professoren und so weiter. Oben befanden sich das Logo des Colleges und die Gebäude mit dem größten Wiedererkennungswert, vor allem natürlich die berühmte Johnson Chapel, eine größere Version der Kapelle, in der ich Natalies Hochzeit beigewohnt hatte.

Am rechten Bildschirmrand wurden Nachrichten aus dem College eingeblendet, und genau in dem Moment, als Barry Watkins, der nächste Student auf der Anmeldeliste, den Raum betrat und sagte: »Yo, Prof, was geht?«, entdeckte ich dort eine Todesanzeige, die mich stutzen ließ.

»Hey, Barry«, sagte ich, ohne den Blick vom Bildschirm abzuwenden. »Nehmen Sie Platz.«

Er setzte sich und legte die Füße auf den Tisch. Er wusste, dass mich das nicht störte. Barry kam jede Woche. Wir unterhielten uns über Gott und die Welt. Seine Besuche waren eher als harmlose Therapiesitzungen einzuordnen, als dass sie akademische Zwecke verfolgten, aber auch dagegen hatte ich nichts einzuwenden.

Ich schaute mir die Anzeige auf dem Bildschirm genauer an. Das briefmarkengroße Foto des Verstorbenen machte mich stutzig. Ich erkannte ihn nicht – nicht auf diese Entfernung –, aber er sah relativ jung aus. Das war bei den Todesanzeigen des Colleges allerdings nicht ungewöhnlich. Oft wurde kein aktuelles Bild benutzt, sondern ein altes Jahrbuchfoto eingescannt. In diesem Fall sah man jedoch auf den ersten Blick, dass das nicht der Fall war. Die Frisur entstammte nicht den Sechzigern oder Siebzigern. Es war auch kein Schwarz-Weiß-Foto, wie in den Jahrbüchern bis 1989.

Wir sind nur ein kleines College, rund vierhundert Studenten pro Jahrgang. Vielleicht deshalb oder weil ich mich sowohl als ehemaliger Student und als Professor dem College verbunden fühlte, traf es mich persönlich, wenn jemand von hier starb.

»Yo, Teach.«

»Sekunde, Barry.«

Das ging jetzt von seiner Zeit ab. Ich benutzte einen tragbaren Basketball-Timer mit großer Digitalanzeige, wie man ihn aus den Sporthallen im ganzen Land kennt. Ein Freund hatte ihn mir geschenkt, weil er, vermutlich aufgrund meiner Größe, angenommen hatte, dass ich Basketball spielte. Das tat ich nicht, aber ich war vernarrt in die Uhr. Sie war so eingestellt, dass sie automatisch von neun Minuten herunterzählte, und jetzt stand sie bei 8:49.

Ich klickte auf das kleine Foto. Als die größere Version auf dem Bildschirm erschien, gelang es mir, ein überraschtes Stöhnen zu unterdrücken.

Der Name des Verstorbenen war Todd Sanderson.

Ich hatte Todds Nachnamen aus dem Gedächtnis verdrängt – auf der Hochzeitseinladung stand damals nur »Todd und Natalies Vermählung!«, aber, Mann, das Gesicht kannte ich. Die hippen Bartstoppeln waren verschwunden. Auf dem Foto war er glattrasiert und trug fast einen Bürstenschnitt. Ich fragte mich, ob das Natalies Einfluss war – sie hatte sich immer über meine Bartstoppeln beschwert, weil sie auf der Haut kratzten. Aber dann fragte ich mich sofort, warum ich mir Gedanken über so etwas Blödsinniges machte.

»Die Uhr tickt, Teach.«

»Sekunde noch, Barry. Und nennen Sie mich nicht Teach.«

Der Anzeige zufolge war Todd zweiundvierzig gewesen. Das waren ein paar Jahre mehr, als ich erwartet hatte. Natalie musste jetzt vierunddreißig sein – sie war ein Jahr jünger als ich. Ich hatte angenommen, dass auch Todd ungefähr in unserem Alter war. Offensichtlich war Todd der Tight End der College-Football-Mannschaft gewesen und hatte es bis in die letzte Bewerbungsrunde für ein Rhodes-Stipendium für die Universität in Oxford geschafft. Beeindruckend. Er hatte seinen Abschluss im Fachbereich Geschichte mit summa cum laude gemacht, eine Wohltätigkeitsorganisation namens Fresh Start gegründet und war im letzten Studienjahr Präsident von Psi U gewesen, der Studentischen Verbindung, in der auch ich Mitglied gewesen war.

Todd war nicht nur ein ehemaliger Lanford-Student, wir waren sogar in derselben Verbindung gewesen. Wie kam es, dass ich nichts davon gewusst hatte?

In der Anzeige stand noch mehr, viel mehr, aber ich übersprang alles bis zur letzten Zeile:

Die Beerdigung findet am Sonntag in Palmetto Bluff, South Carolina, nahe Savannah, Georgia, statt. Mr Sanderson hinterlässt eine Frau und zwei Kinder.

Zwei Kinder?

»Professor Fisher?«

Barrys Stimme hatte einen eigenartigen Unterton. »Entschuldigung, ich war gerade …«

»Schon gut, Mann, kein Problem. Ist mit Ihnen alles okay?«

»Ja, mir geht’s gut.«

»Sicher? Sie sind ganz schön blass, Mann.« Barry nahm die Turnschuhe vom Tisch und legte die Hände darauf. »Hey, soll ich nicht lieber ein andermal wiederkommen?«

»Nein«, sagte ich.

Ich wandte mich vom Bildschirm ab. Das musste warten. Natalies Mann war jung gestorben. Das war traurig, oder vielleicht sogar tragisch, aber es hatte nichts mit mir zu tun. Es war kein Grund, meine Arbeit liegen zu lassen oder meinen Studenten Unannehmlichkeiten zu bereiten. Natürlich hatte die Nachricht mich aus dem Konzept gebracht – nicht nur die von Todds Tod, sondern auch die, dass er auf meine Alma Mater gegangen war. Das mochte ein aberwitziger Zufall sein, eine weltbewegende Enthüllung war es allerdings nicht.

Vielleicht stand Natalie einfach auf Lanford-Männer.

»Also, was liegt an?«, fragte ich Barry.

»Kennen Sie Professor Byrner?«

»Klar.«

»Er ist ein totaler Vollpfosten.«

Das stimmte, auch wenn ich es so nicht formulieren würde. »Worum geht’s denn?«

In der Anzeige hatte nichts über die Todesursache gestanden, aber darüber erfuhr man in den Anzeigen des Colleges häufig nichts. Trotzdem würde ich später noch einmal nachsehen. Wenn sie dort nicht genannt wurde, fand ich vielleicht im Internet etwas Genaueres.

Aber warum wollte ich eigentlich mehr darüber wissen? Was änderte das schon?

Am besten hielt ich mich da raus.

Jedenfalls konnte ich das Ende meiner Sprechstunde kaum erwarten. Als Barrys Zeit um war, machte ich weiter. Ich versuchte, den Gedanken an die Todesanzeige beiseitezuschieben und mich auf die anderen Studenten zu konzentrieren. Ich war nicht gut in Form, aber das merkten die Studenten nicht. Studenten können sich genauso wenig vorstellen, dass Professoren ein richtiges Leben führen, wie sie sich vorstellen können, dass ihre Eltern Sex haben. Was irgendwie auch ganz gut so war. Andererseits bemühte ich mich unablässig, ihnen beizubringen, dass sie ihren Horizont erweitern sollten. Es ist eine Eigenart des Menschen, sich selbst für einzigartig und sehr komplex zu halten und alle anderen für leicht durchschaubar. Was natürlich ein Irrtum ist. Wir alle haben unsere Träume, Hoffnungen, Bedürfnisse, Begierden und Sehnsüchte. Jeder von uns ist auf seine eigene Art verrückt.

Meine Gedanken schweiften ab. Die Zeiger der Uhr schleppten sich so mühsam voran, als würde ich mich im langweiligsten Seminar zu Tode langweilen. Nach der Sprechstunde um Punkt 17 Uhr setzte ich mich wieder an den Computer. Ich klickte auf die Todesanzeige, so dass sie komplett auf dem Bildschirm erschien.

Nein, die Todesursache wurde nicht genannt.

Seltsam. Manchmal fand man Hinweise in den Spendenaufrufen. Wenn dort zum Beispiel stand, statt Blumen bitten wir um Spenden an die Amerikanische Krebsgesellschaft oder so etwas. Aber auch da entdeckte ich nichts. Es gab auch keinen Hinweis auf Todds Beruf, aber auch das hatte nicht viel zu sagen.

Die Bürotür wurde aufgerissen, und Benedict Edwards, Professor aus dem Fachbereich Geisteswissenschaft und mein bester Freund, kam herein. Er hatte nicht geklopft, was er allerdings noch nie getan hatte und auch nicht für notwendig erachtete. Freitags um fünf gingen wir oft zusammen in die Bar, in der ich während des Studiums als Türsteher gearbeitet hatte. Sie war damals noch funkelnagelneu, hip und total angesagt gewesen. Jetzt war sie alt, heruntergekommen und etwa so hip und angesagt wie ein Betamax-Videorekorder.

Körperlich war Benedict praktisch genau das Gegenteil von mir – klein, zierlich und Afroamerikaner. Seine Augen wurden durch eine riesige Ameisenmensch-Brille vergrößert, die an eine Schutzbrille aus dem Chemielabor erinnerte. Zu dem zu groß geratenen Schnurrbart und dem fluffigen Afrolook hatte ihn vermutlich Apollo Creed inspiriert. Seine Finger waren schlank wie die einer Klavierspielerin, um seine Füße hätte ihn eine Ballerina beneidet, und selbst ein Blinder hätte ihn nicht für einen Holzfäller gehalten.

Trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – war Benedict ein absoluter Womanizer und riss mehr Frauen auf als ein Rapper mit einem Radio-Hit.

»Was ist los?«, fragte Benedict.

Ich übersprang die »Nichts«- oder »Was soll schon los sein«-Phase und kam direkt auf den Punkt. »Hast du je von einem Todd Sanderson gehört?«

»Ich glaube nicht. Wer soll das sein?«

»Ein Ehemaliger. Seine Todesanzeige ist auf der Homepage.«

Ich drehte den Bildschirm in seine Richtung. Benedict rückte die Schutzbrille zurecht. »Nein, den kenne ich nicht. Wieso?«

»Erinnerst du dich an Natalie?«

Seine Miene verfinsterte sich einen Moment lang. »Den Namen hast du ja schon ewig …«

»Ja, schon gut. Jedenfalls ist er – war er – ihr Mann.«

»Der Kerl, für den sie dich hat sitzen lassen?«

»Ja.«

»Und jetzt ist er tot?«

»Sieht so aus.«

»Damit«, sagte Benedict und zog eine Augenbraue hoch, »ist sie ja wieder zu haben.«

»Wie einfühlsam.«

»Ich mache mir Sorgen. Du bist mein bester Wingman. Ich kann zwar reden und die Ladys umgarnen, aber du siehst gut aus. Ich kann unmöglich auf dich verzichten.«

»Wie einfühlsam«, wiederholte ich.

»Rufst du sie an?«

»Wen?«, fragte ich.

»Condoleezza Rice. Wen schon? Natalie.«

»Ja, klar doch. Dann sag ich so was wie: ›Hey, ich hab gehört, dass der Typ, für den du mich hast sitzen lassen, tot ist. Hättest du Lust, mit mir ins Kino zu gehen?‹«

Benedict las die Todesanzeige. »Warte.«

»Was ist?«

»Hier steht, sie hat zwei Kinder.«

»Und?«

»Das macht es natürlich komplizierter.«

»Kannst du jetzt mal aufhören?«

»Zwei Kinder. Da könnte sie fett geworden sein.« Benedict sah mich mit den vergrößerten Augen an. »Weißt du, wie Natalie jetzt aussieht? Ich meine, zwei Kinder. Ein bisschen stämmig wird sie da wohl schon sein, oder?«

»Woher soll ich das wissen?«

»Äh … na, wie jeder andere auch – Google, Facebook und so weiter.«

Ich schüttelte den Kopf. »Ich hab nicht geguckt.«

»Was? Das macht doch jeder. Verdammt, sogar ich mach das mit all meinen Verflossenen.«

»Und das Internet verkraftet diese Datenmengen?«

Benedict grinste: »Ich hab natürlich einen eigenen Server.«

»Einen? Jetzt untertreibst du aber.«

Ich sah eine gewisse Traurigkeit in seinem Lächeln. Mir ging ein Abend in der Bar durch den Kopf, an dem er ziemlich viel getrunken und dann eine ganze Weile ein recht abgegriffenes Foto angestarrt hatte, das er sonst hinten in seinem Portemonnaie versteckte. Ich hatte ihn gefragt, wer das war. »Die einzige Frau, die ich je lieben werde«, hatte er gelallt. Dann steckte er das Foto wieder hinter die Kreditkarten, und obwohl ich ihn ein paar Mal behutsam darauf angesprochen hatte, verlor er nie wieder ein Wort darüber.

Damals hatte er genauso gegrinst.

»Ich habe es Natalie versprochen«, sagte ich.

»Was hast du ihr versprochen?«

»Dass ich die beiden zufrieden lasse. Dass ich mich nicht nach ihnen erkundige oder sie auf irgendeine Art behellige.«

Benedict überlegte. »Wie’s aussieht, hast du dein Versprechen gehalten, Jake.«

Ich sagte nichts. Vorhin hatte Benedict gelogen. Er checkte die Facebook-Seiten seiner ehemaligen Freundinnen nicht, und wenn doch, tat er es ohne große Begeisterung. Aber einmal, als ich in sein Büro geplatzt war – genau wie er, klopfe auch ich nie an, wenn ich ihn sehen will –, war er gerade auf Facebook. Mit einem kurzen Blick erfasste ich, dass er auf der Facebook-Seite der Frau war, deren Foto er im Portemonnaie gehabt hatte. Benedict hatte den Browser sofort geschlossen, ich würde aber wetten, dass er die Seite häufig besuchte. Wahrscheinlich täglich. Ich würde wetten, dass er sich jedes neue Foto ansah, das die einzige Frau, die er je lieben würde, auf ihrer Seite postete. Ich würde wetten, dass er ihr Leben auch heute noch verfolgte, sich Bilder von ihrer Familie ansah, von dem Mann, mit dem sie das Bett teilte, und dass er sie genauso anstarrte wie damals das Foto aus seinem Portemonnaie. Ich kann das alles nicht beweisen, es ist nur ein Gefühl, aber ich glaube nicht, dass ich mit dieser Einschätzung weit danebenliege.

Wie ich schon sagte, ist jeder von uns auf seine eigene Art verrückt.

»Was willst du mir damit sagen?«, fragte ich ihn.

»Ich will damit nur sagen, dass diese ganze ›Die beiden‹-Nummer jetzt vorbei ist.«

»Natalie ist schon lange kein Teil meines Lebens mehr.«

»Ist das dein Ernst?«, fragte Benedict. »Musstest du ihr auch versprechen zu vergessen, was du damals für sie empfunden hast?«

»Ich dachte, du hättest Angst, deinen besten Wingman zu verlieren.«

»So gut siehst du auch wieder nicht aus.«

»Gemeiner Mistkerl.«

Er stand auf. »Wir Geisteswissenschaftler wissen alles.«

Mit diesen Worten ließ Benedict mich allein. Ich stand auf, trat ans Fenster und blickte auf die Mensa hinunter. Ich betrachtete die vorbeigehenden Studenten und überlegte, wie ich es oft mache, wenn ich eine schwierige Entscheidung treffen musste, welchen Rat ich ihnen geben würde, wenn sie sich in dieser Situation befänden. Plötzlich stürzte alles ohne jede Vorwarnung auf mich ein – die weiße Kapelle, ihre Frisur, ihr Ringfinger vor meinem Gesicht, der Schmerz, die Sehnsucht, die Emotionen, die Liebe, das Leid. Ich bekam weiche Knie. Ich hatte gedacht, dass ich mich nicht mehr nach ihr sehnte. Sie hatte mich damals zerschmettert, aber ich hatte die Einzelteile aufgesammelt, mich wieder zusammengesetzt und mein Leben fortgesetzt.

Wie dumm von mir, jetzt so etwas zu denken. Wie selbstsüchtig und unangebracht. Die Frau hatte gerade ihren Mann verloren, und ich Schwein dachte nur daran, was das für mich bedeuten könnte. Lass gut sein, sagte ich mir. Vergiss es und sie. Lass die Vergangenheit ruhen.

Aber das konnte ich nicht. Es war einfach nicht meine Art.

Das letzte Mal hatte ich Natalie auf einer Hochzeit gesehen. Jetzt würde ich sie auf einer Beerdigung wiedersehen. Manche Leute mögen darin eine gewisse Ironie des Schicksals erkennen – ich gehörte nicht dazu.

Ich ging zurück zum Computer und buchte einen Flug nach Savannah.

DREI

Das erste Anzeichen dafür, dass etwas nicht stimmte, zeigte sich während der Grabrede.

Palmetto Bluff war eigentlich kein Ort, sondern eine riesige bewachte Wohnanlage. Das neu erbaute »Dorf« war hübsch, sauber, gepflegt und historisch korrekt – was dem Ort ein steriles, falsches Disney-Flair verlieh. Alles wirkte ein wenig zu perfekt. Die strahlende weiße Kapelle – ja, noch so eine – lag so malerisch am Hang, dass sie … tja … wie gemalt aussah. Die Hitze hingegen war nur zu real – ein lebendes, atmendes Etwas wie ein schwüler, feuchtwarmer Vorhang.

In einem flüchtigen Moment der Vernunft fragte ich mich noch einmal, warum ich hier runtergekommen war, wischte dann jedoch alle Zweifel beiseite. Schließlich war ich schon hier, damit hatte sich die Frage erledigt. Das Inn von Palmetto Bluff sah aus wie eine Filmkulisse. Ich trat in die hübsche Bar und bestellte bei der hübschen Bardame einen Scotch ohne Wasser und ohne Eis.

»Sind Sie wegen der Beerdigung hier?«, fragte sie.

»Ja.«

»Tragisch.«

Ich nickte und starrte in meinen Whisky. Die hübsche Bardame verstand den Hinweis und stellte keine weiteren Fragen.

Ich bin stolz darauf, ein aufgeklärter Mensch zu sein. Ich glaube nicht an Schicksal, Bestimmung oder sonstigen abergläubischen Hokuspokus, trotzdem saß ich hier und rechtfertigte mein impulsives Verhalten genau damit. Ich musste hier sein, sagte ich mir. Etwas hatte mich gezwungen, in dieses Flugzeug zu steigen. Warum, wusste ich nicht. Ich hatte mit eigenen Augen gesehen, wie Natalie einen anderen Mann heiratete, und trotzdem konnte ich es nicht akzeptieren. Es war der intuitive Wunsch, einen Schlussstrich zu ziehen. Vor sechs Jahren hatte Natalie mich mit einer kurzen Notiz abserviert, in der stand, dass sie ihren alten Verehrer heiraten würde. Am nächsten Tag hatte ich die Einladung zu ihrer Hochzeit bekommen. Kein Wunder, dass sich das alles irgendwie … unvollständig anfühlte. Und jetzt war ich hier, in der Hoffnung, vielleicht einen Schlussstrich ziehen, zumindest aber das Bild vervollständigen zu können.

Faszinierend, welch vernünftige Begründungen wir finden, wenn wir etwas unbedingt wollten.

Aber was genau wollte ich hier eigentlich?

Ich trank meinen Scotch aus, bedankte mich bei der hübschen Bardame und machte mich auf den Weg zur Kapelle. Natürlich hielt ich Abstand – ich mag zwar furchtbar, gefühllos und selbstsüchtig sein, aber doch nicht so sehr, dass ich eine trauernde Witwe beim Begräbnis ihres Ehemanns störte. Ich stellte mich hinter einen großen Baum – genauer gesagt, hinter eine der großen Fächerpalmen, denen der Ort seinen Namen verdankte – und traute mich noch nicht einmal, die Trauergäste mit verstohlenen Blicken zu betrachten.

Als das Eröffnungslied erklang, ging ich davon aus, dass die Luft halbwegs rein war. Ein kurzer Blick bestätigte meine Vermutung. Die Trauergemeinde war in der Kapelle. Ich näherte mich der Eingangstür und hörte einen Gospelchor singen. Er war, kurz gesagt, großartig. Unsicher, was genau ich tun sollte, drückte ich vorsichtig gegen die Tür zur Kapelle, die natürlich unverschlossen war – was hatte ich auch erwartet? Also ging ich hinein. Beim Eintreten senkte ich den Kopf und hielt mir eine Hand vors Gesicht, als müsste ich mich kratzen.

Eine wahrlich armselige Vorstellung.

Und außerdem völlig überflüssig. Die Kapelle war rappelvoll. Ich stand hinten bei den anderen Spätankömmlingen, die keinen Platz mehr gefunden hatten. Der Chor beendete die ergreifende Hymne, und ein Mann – ein Pfarrer, Priester oder was auch immer – trat in die Kanzel. Er begann, Todd als »fürsorglichen Arzt, guten Nachbarn, großzügigen Freund und wunderbaren Familienvater« zu preisen. Arzt? Das hatte ich nicht gewusst. Der Geistliche schwärmte weiter über Todds Stärken – seine Wohltätigkeitsarbeit, seine einnehmende Persönlichkeit, seinen offenen Geist, die Fähigkeit, jedem das Gefühl zu geben, etwas Besonderes zu sein, seine Bereitschaft, die Ärmel hochzukrempeln und anzupacken, wenn jemand Hilfe brauchte, ganz egal, ob er ein Freund oder ein Fremder war. Ich verbuchte das natürlich unter der üblichen Begräbnis-Märchenstunde, aber ich sah, dass den Trauernden Tränen in den Augen standen und dass sie bei den Worten des Geistlichen leicht nickten, als wäre es ein Lied, das nur sie hörten.

Ich versuchte, von meinem Platz hinten in der Kapelle einen Blick auf Natalie zu erhaschen. Aber es waren zu viele Köpfe im Weg, und da ich nicht auffallen wollte, duckte ich mich wieder. Ich war in die Kapelle gekommen, hatte mich umgesehen und mir sogar die lobenden Worte über den Verstorbenen angehört. Reichte das nicht? Was wollte ich hier noch?

Es war Zeit zu gehen.

»Die erste Trauerrede«, sagte der Mann in der Kanzel, »hält jetzt Eric Sanderson.«

Ein blasser Teenager – ich hätte ihn auf sechzehn Jahre geschätzt – stand auf und trat aufs Podium. Mein erster Gedanke war, dass Eric Todd Sandersons (und damit auch Natalies) Neffe sein musste, aber diese These wurde bereits durch den Eröffnungssatz des Jungen torpediert.

»Mein Vater war mein Held …«

Vater?

Ich brauchte ein paar Sekunden. Die Gedanken sind nur schwer davon abzubringen, sich immer entlang derselben ausgetretenen Wege zu bewegen. Als ich jung war, hatte mein Vater versucht, mich mit einem alten Rätsel in die Irre zu führen. »Ein Mann und sein Sohn haben einen Autounfall. Der Vater stirbt. Der Junge wird ins Krankenhaus gebracht. Der diensthabende Chirurg lehnt es ab, ihn zu operieren, weil er sein Sohn sei. Wie ist das möglich?« Das meine ich, wenn ich von ausgetretenen Wegen rede. Für die Generation meines Vaters war dieses Rätsel vermutlich mittelmäßig schwer, für jemanden meines Alters war die Antwort – der diensthabende Chirurg ist eine Chirurgin und die Mutter des Jungen – so offensichtlich, dass ich schon damals laut aufgelacht hatte. »Und jetzt, Dad? Spielst du mir etwas von deinen 8-Spur-Kassetten vor?«

Hier war es ähnlich. Wie konnte ein Mann, der erst sechs Jahre mit Natalie verheiratet war, einen Sohn im Teenageralter haben? Antwort: Eric war Todds Sohn, nicht Natalies. Entweder war Todd vorher schon einmal verheiratet, zumindest aber hatte er ein Kind mit einer anderen Frau.

Wieder versuchte ich, Natalie in der ersten Reihe zu entdecken. Ich reckte den Hals, doch dann seufzte die Frau neben mir verärgert, weil sie sich gestört fühlte. Auf dem Podium drehte Eric noch einmal richtig auf. Er sprach so eindringlich und bewegend, dass in der ganzen Kapelle kein Auge trocken blieb. Na ja, außer meinen.

Und weiter? Sollte ich hier einfach stehen bleiben, der Witwe mein Beileid aussprechen … sie dadurch vollkommen aus dem Konzept bringen und sie in ihrer Trauer stören? Wie stand mein selbstsüchtiges Ich dazu? Wollte ich ihr wirklich in die Augen sehen, während sie den Verlust der Liebe ihres Lebens beweinte?

Wohl eher nicht. Ich sah auf die Uhr. Mein Rückflug ging heute Abend. Ja, schnell rein und wieder raus. Kein Chaos, kein Getue, keine Übernachtung, keine Hotelkosten. Die Billigversion eines Schlussstrichs.

Natürlich würden manche Leute mutmaßen, ich hätte unsere Affäre unverhältnismäßig idealisiert. Das wäre verständlich. Objektiv betrachtet könnte da durchaus etwas dran sein. Doch das Herz ist nicht objektiv. Als jemand, der die großen Denker, Theoretiker und Philosophen unserer Zeit verehrt, würde ich mich niemals dazu herablassen, ein so abgedroschenes Axiom zu bemühen wie: Ich weiß es einfach. Tatsache ist aber, dass ich es weiß. Ich weiß, was zwischen Natalie und mir passiert ist. Ich sehe es mit klarem Blick, ganz ohne rosarote Brille, und genau deshalb ergibt das, was sich dann entwickelt hat, keinen Sinn.

Mit anderen Worten, ich begriff immer noch nicht, was da geschehen war.