Sólveig Pálsdóttir

EISKALTES GIFT

Ein Island-Krimi

Aus dem Isländischen
von Gisa Marehn

Aufbau Digital

Impressum

Die Originalausgabe mit dem Titel

»Leikarinn«

erschien 2012 bei Forlagið, Reykjavík.

ISBN 978-3-8412-0671-8

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, Februar 2014

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die deutsche Erstausgabe erschien 2014 bei Aufbau, einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

Copyright © Sólveig Pálsdóttir, 2012

Published by agreement with Forlagið, www.forlagid.is

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Umschlaggestaltung morgen, Kai Dieterich
unter Verwendung eines Motivs von © fotogloria

E-Book Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig, www.le-tex.de

www.aufbau-verlag.de

Inhaltsübersicht

Cover

Impressum

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

35. Kapitel

36. Kapitel

37. Kapitel

38. Kapitel

39. Kapitel

40. Kapitel

41. Kapitel

42. Kapitel

43. Kapitel

44. Kapitel

45. Kapitel

Informationen zum Buch

Informationen zu den Autoren

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1. KAPITEL

Alda umschloss fest die Klinke und drückte sie hinunter, um sich zu vergewissern, dass die Tür verriegelt war. Stellte die Kaffeetasse auf den Waschtisch und ließ sich an der Tür hinabgleiten, bis sie mit ausgestreckten Beinen auf den altmodischen Mosaikfliesen in dem engen Raum saß. Sie konzentrierte sich darauf, ihr Gleichgewicht zu finden. Die Anspannung und Gereiztheit von sich abfallen zu lassen. Das war doch gar nichts. Nichts, womit sie nicht klarkommen würde.

»Ich ertrage diese ewige Warterei einfach nicht«, sagte sie hörbar zu sich selbst und seufzte. »Dieses verdammte, endlose Herumgehänge bei den Filmaufnahmen.«

Sie dehnte ihre jeansbekleideten Beine, drehte die Fußspitzen nach innen und berührte mit den Zehen der weichen Hausschuhe die harte Keramik. Abgesehen von der ermüdenden Warterei mochte sie diese Arbeit sehr gern. Eigentlich war sie ihr von allen ihren bisherigen Tätigkeiten am liebsten. Noch nie hatte sie so lange auf irgendeinem anderen Arbeitsplatz festgesessen.

Eine vorbeieilende Person zeichnete sich hinter dem Fenster ab. Alda sprang auf und zog die Gardine weiter zu, so dass man nicht hereinsehen konnte. Ihre Finger spielten mit dem Stoff, und ihre Gedanken blieben an der zart gehäkelten Kante hängen. Eine schöne Häkelarbeit, die sich bestimmt gut in einem Film machen würde. Sie kicherte ein bisschen über sich selbst. Ständig war sie mit ihren Gedanken bei der Arbeit, immer auf der Suche nach etwas, das sich für Bühnenbilder eignete. Sie vergaß sich nahezu über der Badezimmergardine!

Ihre Karriere als Requisiteurin dehnte sich über viele Jahre. Ihre Projekte sind zahlreich und vielfältig gewesen. Sie hatte schon mit Kurzfilmen, Fernsehproduktionen, ja sogar mit Serien und Spielfilmen in voller Länge zu tun gehabt. Die Arbeit an diesem Film hatte viel mehr Zeit in Anspruch genommen als jedes andere Projekt, und jetzt kam es endlich zum Abschluss. Sie überlegte, ob das gut war oder schlecht, sie war sich da nicht so sicher.

Sie lockerte ihre verspannten Schultern, machte kreisende Bewegungen und atmete tief in den Bauch ein. Drehte den Wasserhahn auf und spritzte sich etwas Wasser ins Gesicht. Kniff die Augen fest zusammen, riss sie weit auf und betrachtete sich im Spiegel. Ihre großen, mandelförmigen, tiefblauen Augen funkelten, als ein Gefühl der vollkommenen Balance durch ihre Adern strömte.

»Liebe Alda, du machst deine Sache gut! Lässt dir von absolut niemandem deine Gereiztheit oder deine negative Stimmung ansehen«, versicherte sie sich selbst. Keiner ihrer Kollegen hatte das geringste Anzeichen von Ungeduld in ihrem Auftreten bemerkt oder sollte sie je bemerken. Auch nicht bei den allerlängsten Drehs, ebenso wenig während des ständig wiederkehrenden endlosen Herumgewartes. Nicht einmal vorhin beim Essen, als sie gegenüber dem Superstar Lárus den Namen ihres Sohnes erwähnt hatte und er sich den Anschein gab, sich überhaupt nicht an ihn zu erinnern. Als ob es möglich wäre, einen jungen Burschen zu vergessen, der eine ganze Spielzeit lang im selben Theaterstück wie er am Nationaltheater aufgetreten war. Selbst wenn Darri nur ganz kurz vor der Pause die Bühne betrat und direkt danach nach Hause ging, hätte sich Lárus an ihn erinnern müssen. Einen winzigen Augenblick lang waren feurige Wellen durch ihr Nervensystem pulsiert, doch ihr war es gelungen, sich nichts anmerken zu lassen. Diese Schauspieler konnten bisweilen furchtbar überheblich sein, besonders die alten. Dieser Knacker, was glaubt der eigentlich, wer er ist? Sie trocknete sich das Gesicht kräftig ab. Das raue Handtuch kratzte auf ihrer empfindlichen Haut. Sie warf es genervt in die Ecke.

Alda öffnete ihre knallige Kosmetiktasche und nahm den schwarzen Mascara mit den zusätzlichen Faserchen heraus. Wenn Mama und Papa sehen könnten, wie besonnen sie inzwischen geworden ist, von nichts ließ sie sich aus der Fassung bringen. Sie lächelte sich breit an, während sie ihre langen Wimpern tuschte. Wenn sie nur wüssten. Alda trat einen Schritt vom Spiegel zurück, wobei sie fast über die Toilette gefallen wäre. Sie stieg auf den Deckel und begutachtete das Spiegelbild ihres Körpers. Verrenkte sich, soweit es diese kleine Toilette zuließ. Ihre Verfassung war verdammt in Ordnung, bezogen auf das wochenlange Durchhalten am Drehort mit lediglich einem Minimum an Komfort und ziemlich ungesundem Essen. Und sie hatte Glück mit ihrem Aussehen. Wenn sie zunahm, verteilten sich die Kilos gleichmäßig über ihren Körper. Besser, als alles auf den Hintern und die Oberschenkel zu bekommen, so wie die arme Brynja, die Maskenbildnerin. Etwas in der Toilettenaufhängung knackte, doch sie tat so, als hörte sie es nicht. Am Bauch setzte sich allerdings ein bisschen mehr fest als an anderen Stellen, dachte sie. Erneut war ein beängstigendes Knacken zu hören, so, als ob sich das Toilettenbecken jeden Moment von der Wand lösen würde. Kaum mehr als zwei Kilo, tröstete sie sich, als sie hinab auf den Fußboden stieg. Ach was, davon ließ sie sich nicht verrückt machen.

Das war der letzte Drehtag, und sie freute sich darauf, nach Hause zu kommen, zum Fitnesstraining zu gehen, ihren Jungen zu sehen, in ihren alltäglichen Rhythmus zu fallen. Alda betrachtete sich, wie sie mit den Fingern durch das dicke, blonde Haar strich, bei dem der dunkle Ansatz bereits deutlich zu sehen war, kramte daraufhin abermals in ihrer Kosmetiktasche und angelte den neuen Lipgloss heraus, den ihr die Maskenbildnerin Brynja gegeben hatte. Der blassrosa Farbton passte unglaublich gut zu ihrem Teint. Sie zog eine Schnute und warf einen Kuss in Richtung Spiegel. Nahm die hübsche Puderdose zur Hand, die sie von ihrer Mutter geerbt und von der Großmutter behauptet hatte, sie sei aus echtem Elfenbein. Zärtlich glitt ihr Zeigefinger über den Deckel.

»Alda!«

Sie schrak auf.

»Alda! Wo ist Alda eigentlich?«, rief irgendjemand. »Hat jemand Alda gesehen? Sie sollte schon am Set sein.«

Das war offenbar der Regisseur Hjörtur Símon, was bedeutete, die anderen sind schon auf der Suche nach ihr gewesen. Was dachte sie sich eigentlich? Bestimmt war alles schon längst für die nächste Aufnahme bereit, und sie sollte das Set fertigmachen, oder besser gesagt, es fertiggemacht haben! Gestern war sie auch zu spät, was war denn los mit ihr? Wollte sie selbst dafür sorgen, dass sie demnächst keinen Job mehr hatte? Die Stellen wuchsen heutzutage nicht direkt auf den Bäumen, ganz zu schweigen von der Arbeit beim Film. Sie holte tief Luft und ermahnte sich, besser aufzupassen.

»Ich komme schon«, rief sie durch die geschlossene Tür und beeilte sich, fertig zu werden. Wusch sich dann gründlich die Hände und ergriff ihre Sachen, bevor sie die Tür zum Flur öffnete.

»Sorry, sorry«, wisperte sie ihren Kollegen zu, denen sie auf dem Weg zum Set begegnete, »ich war ein bisschen in Gedanken versunken.«

Sie eilte in das holzgetäfelte Wohnzimmer, um alles für die Aufnahme fertigzumachen. Zwei Wochen hatten sie in diesem alten, stattlichen Holzhaus gearbeitet, das ursprünglich von einem weithin bekannten Landrat erbaut worden war. Die jetzigen Besitzer, ein entspanntes Paar in den Dreißigern, hatten ihr Haus bereitwillig Odin Films zur Verfügung gestellt und sich mit ihren beiden Kindern aus dem Staub gemacht. Sie hatten fröhlich gewunken, als sie in einem großen, schwarzen Jeep mit einem kleinen Wohnwagen im Schlepptau vom Hof rollten. Völlig überzeugt davon, ihr Haus sei in vertrauenswürdigen Händen und in genauso gutem Zustand, wenn nicht gar in einem besseren, wenn sie zurückkämen.

»Es werden ja nicht alle dafür bezahlt, sozusagen, in die Ferien zu fahren und obendrein noch eine frisch gemalerte Stube als Zugabe zu bekommen«, hatten sie wieder und wieder gesagt und herumgealbert wie Kleinkinder.

Alda hatte sie lächerlich gefunden, so übertrieben positiv in ihren tadellosen Fleeceshirts und Outdoorhosen, zugleich jedoch einen bitteren Stich von Neid im Herzen verspürt. Sie wirkten so locker und selbstsicher, hatten vielleicht sogar ihre elende Karre abbezahlt. Verdammter Mist, über dreißig zu sein und noch nicht einmal eine eigene Wohnung zu haben. Dann ermahnte sie sich, nicht so streng mit sich selbst zu sein. Es hatte seinen Preis, als alleinerziehende Mutter zu leben und zudem eine unsichere Arbeit zu haben, doch genau das wollte sie um so vieles lieber, als in irgendeiner langweiligen Routinefalle zu versacken.

Wo war eigentlich der Karton mit dem Geschirr? Hoffentlich ist alles noch heil, dachte sie und spähte unruhig in der Stube nach dem Karton umher. Jemand hatte ihn weggestellt und hinter dem Sofa deponiert. Darin befand sich das Kaffeeservice, das Alda von einer Frau, die im Laugardalur wohnt, als Leihgabe bekommen hatte. Es war aus England und wunderschön. Das hauchdünne Porzellan war sicherlich sauteuer, dennoch schien die Frau geradezu froh gewesen zu sein, es ihr zu überlassen. Und empfand es als große Ehre, dass ihr Sonntagsservice in einem Spielfilm Unsterblichkeit erlangen würde, hatte Alda ihren Arbeitskollegen lachend erzählt. Das unsterbliche Service wurde so zu einem dankbaren Thema, um allerhand abstruse Witze darüber zu reißen. Nach langen Drehtagen war eben alles nur noch lustig.

Falls von dem Service etwas kaputtgehen sollte, würde es bestimmt eine einzige Schererei werden, passenden Ersatz zu finden, dachte sie. Dann zuckte sie mit den Schultern. Alda war stolz auf ihre Fähigkeiten. Sie war gut darin. Es gelang ihr immer, die richtigen Requisiten für jede einzelne Szene zu finden. Darin bestand die Herausforderung, und das war mit das Spannendste an dieser Tätigkeit. Nicht zuletzt, wenn sie Gegenstände aus einer bestimmten Epoche beschaffen musste. Dann vertiefte sie sich in Forschungsarbeit, holte genaue Informationen ein und machte sich daraufhin daran, das Bild auszufüllen, welches sie sich ausgedacht hatte, um die richtige Stimmung zu erzeugen. Die Suche nach den Dingen, die sie für jedes derartige Projekt benötigte, führte sie an die unglaublichsten Orte.

»Ich bin sofort so weit«, vermeldete sie und sah zu ihrer Erleichterung, dass sowohl das Tonaufnahme- als auch das Kamerateam die Wartezeit schon dazu genutzt hatten, um ein paar technischen Details den letzten Schliff zu geben.

Alda verrichtete ihre Arbeit flink und lautlos wie immer. So sollten die bestickten Kissen auf dem Sofa sitzen, das prächtigste zuvorderst. Das Landschaftsbild hängte sie an die Wand, dann stellte sie die Blumenvase auf das Regal neben dem Sofa. Bevor sie den Gedichtband von Einar Benediktsson auf dem Tisch platzierte, breitete sie wie vereinbart die Tischdecke aus. Die Frau hatte gesagt, beides, das Service und die Decke, müsse zusammenbleiben, und Alda hatte sich einfach herzlich dafür bedankt, denn die Decke war überaus schön. An einer Seite war sogar ein Datum aufgestickt, doch sie gab darauf acht, sie so zu drapieren, dass im Film nur die Stickerei zu sehen sein würde, nicht aber das Datum.

Wenn sie beschließen würden, die Kameraeinstellung zu erweitern, hatte sie vor, eine verschnörkelte Stehlampe mit großem Lampenschirm dazuzustellen, die perfekt zu dem Ambiente passen würde. Allerdings müsste sie zuerst mit dem Beleuchter sprechen.

In der Schlussszene trat nur ein Schauspieler auf. Der Zufall hatte es so kurios eingerichtet, dass seine Szenen nicht nur Anfang und Ende des Filmes bildeten, der in der Arbeitsfassung des Drehbuches Die Geschichte, die nie erzählt wurde hieß, sondern sie markierten darüber hinaus auch den Beginn und den Abschluss der Filmaufnahmen an sich. Eher etwas Seltenes bei Dreharbeiten, und sie hatten, alle das Gefühl, als ob das eine tiefere Bedeutung hätte.

Lárus Þórarinsson, Liebling der Nation, betrat das Wohnzimmer. Alda lächelte ihm zu, und sie wechselten ein paar Worte, bevor zur Probe gerufen wurde. Sie spürte, wie seine starke Ausstrahlung jeden Winkel und jede Ecke erfüllte, genau wie sie es damals immer empfunden hatte, wenn er die Bühne des Nationaltheaters betrat, als sie noch klein war. Von ihm ging ein unerklärlicher Zauber aus. Alda betrachtete ihn interessiert, während der Tontechniker ihn verkabelte. Die Maskenbildnerin Brynja puderte sein Gesicht und trug mit einem Pinsel ein winziges bisschen Farbe auf seine Lippen auf.

Es musste nicht viel geprobt werden, bis der Regisseur zufrieden war.

»Alles bereit zur Aufnahme, Ton ab, Film ab«, rief die Regieassistenz. Lárus wandte der Kamera sein Profil zu. Er verstand wahrhaftig sein Fach, das musste man ihm lassen. Obwohl er fast das ganze Leben auf der Theaterbühne verbracht hat, gebärdete er sich genauso professionell vor den Kameras. Die Bewegungen waren sorgfältig und so, dass sie für einen Augenblick die Bedeutung unterstrichen, die beim Publikum ankommen sollte, fand sie.

Er sieht gut aus, dachte Alda und bewunderte im Stillen, mit welcher Attraktivität er alterte. Sie fühlte, wie ihr Ärger, den sie seinetwegen in der Mittagszeit empfunden hatte, gänzlich verpuffte.

Die Regieassistenz trat vor die Kamera und rief: »Bitte«, während sie gleichzeitig die Filmklappe schlug.

Der Schauspieler nahm einen Schluck Kaffee und stellte die Tasse wieder ab, nahm den Gedichtband vom Tisch, schritt zum Fenster und sah nach draußen.

»Stopp!«, rief der Regisseur und ging ein paar Schritte auf Lárus zu, bevor er etwas leiser fortfuhr: »Lárus, wir beginnen noch mal von vorn. Das war genau so, wie ich es haben will, nur bitte ich dich, dir ein klein wenig mehr Zeit zu geben, wenn du das Buch vom Tisch nimmst, damit wir es besser drauf bekommen.«

Der geübte Schauspieler hatte umgehend wieder seine Ausgangsposition eingenommen. Die Regieassistenz wiederholte ihren Vers:

»Klappe, die zweite!«

Lárus nahm einen Schluck Kaffee, stellte die Tasse ab, nahm den Gedichtband zur Hand, nun aber mit mehr Bedachtsamkeit. Als Nächstes ging er zum Fenster und sah hinaus. Er schien kurz den Faden zu verlieren, denn anstatt die Aussicht zu beachten und dann das Buch zu öffnen, so wie es vorgesehen war, starrte er regungslos aus dem Fenster. Die Kameras surrten in der Stille, der Regisseur zog die Augenbrauen hoch. Alle warteten gespannt auf den einen Satz dieser Aufnahme: »Das Gemüt kann sich wandeln mit nur einem Unglimpf, Obacht sei gegeben, in Anwesenheit der Seele.« Danach sollte die Aufnahme auf Lárus’ Profil heranzoomen, wie er wieder hinaus auf die Siedlung blickt.

Endlich schaute er auf das Buch, blickte dann jedoch wieder aus dem Fenster. Jetzt kommt der Satz und bestimmt noch eleganter als im Durchlauf vor der Aufnahme, dachte Alda. Sie verehrte diese Stimme, die so oft in ihren Ohren geklungen hatte, tief und sonor, sogar wenn er sie nicht einmal hob. Niemals zu stark oder zu schwach und irgendwie stets mit haargenau dem richtigen Nachdruck.

Es herrschte absolute Stille. Alda spürte die steigende Spannung in der Luft. Warum sagte er nicht seinen Text? Gebannt starrte sie ihn an. Er drehte sich langsam um. Seine Augen flackerten hin und her. Für einen Moment trafen sich ihre Blicke. Dann erkannte sie es: Er hatte Angst. Er wankte und sah in seiner Verzweiflung einen nach dem anderen an. Anstelle der anmutigen Verse war nur ein raues, ein ganz und gar unmenschliches Röcheln zu hören.

Lárus erstarrte. Dann war es, als verlöre er die Gewalt über seinen Körper. Dieser stattliche Mann sank vor den Augen der Filmleute auf die Knie, die wie gelähmt dastanden und nicht wussten, ob es ernst war oder ein Spiel.

Aus Lárus’ Hals tönte ein scharfer, erstickter Schrei. Verzweiflung, gemischt mit Verwunderung, blitzte aus seinen dunkelblauen Augen. Dann fiel er um. Der zuvor noch würdevolle Körper lag jetzt zusammengekrümmt vor ihnen auf dem Boden. Er zuckte einige Male heftig wie in wiederholten Krampfanfällen, die dann langsam verebbten. Danach wurde es ganz still.

Blutiger Schaum quoll ihm aus dem Mundwinkel und bahnte sich seinen Weg über die Wange, die eine seltsame graublaue Farbe angenommen hatte, trotz des Make-ups.

2. KAPITEL

Alda zündete sich eine Zigarette an und fühlte den beißenden Rauch. Eigentlich hatte sie aufgehört zu rauchen, sich aber nichtsdestotrotz eine Kippe vom Allrounder Sævar geschnorrt. Sie sog gierig den Rauch ein, nachdem sie von Sævar Feuer bekommen hatte. Der war offensichtlich überglücklich, jemanden zu haben, der mit ihm draußen auf der Treppe zur Hintertür eine schmökte. Die Stufe bot kaum Platz genug für den schlaksigen Mann, und Alda quetschte sich irgendwie am Geländer neben ihn. Weiter durften sie sich nicht entfernen, denn die Polizei hatte angeordnet, das Haus nicht zu verlassen.

Jetzt wartete sie darauf, in das Zimmer hineingerufen zu werden, das von der Polizei für Verhöre okkupiert wurde. Alda sollte als Letzte drankommen, denn sie war kurz zuvor zusammengebrochen und hatte heftig zu weinen begonnen. Ihr war klar, dass ihnen der Gefühlsausbruch etwas seltsam vorkam.

Alda befeuchtete ihren Zeigefinger und strich vorsichtig unter ihren Augen entlang, um das Schwarz zu entfernen, das durch die Tränen verlaufen war. Die Schminke, die sie eben erst so sorgfältig aufgetragen hatte, war bestimmt ruiniert. Diese Polizisten wussten natürlich nicht, wie viel ihr Lárus bedeutete. Er war ein wichtiger Teil ihrer Kindheit gewesen, und sie hatte sich so sehr gefreut, als sie endlich mit ihm zusammenarbeiten konnte, auch wenn es nur für kurze Zeit wäre. Ihre Eltern hatten dafür Sorge getragen, dass sie beinah alle seine Aufführungen im Nationaltheater gesehen hat, von dem Moment an, wo sie länger als eine Minute lang stillsitzen konnte. Sie durfte Erwachsenenvorstellungen sehen, aber nicht zu erwachsene, hatte Mama gesagt und Papa dabei zugezwinkert. Sie waren so wunderbar altmodisch und konservativ gewesen. In jener Saison wurde ein Stück aufgeführt, in dem zwei Schauspieler eine ganze Weile völlig nackt auf der Bühne zugange waren und Operngläser an der Theaterkasse vorbestellt wurden.

Die Besuche im Elfenpalast, dem Nationaltheater in der Hverfisgata, waren das Beste überhaupt, fand Alda, weil sie dann all das Lästige vergessen konnte, was Teil der Wirklichkeit war. Wenn es dunkel wurde im Saal, das Hüsteln losging, sich der Vorhang öffnete und die Scheinwerfer die Bühne erhellten, versank sie in sich selbst. Es war beinah egal, welches Theaterstück gegeben wurde. Sie sog jedes Wort in sich auf, jede Bewegung, glückselig und sicher zwischen Papa und Mama, Lakritzkonfekt schmatzend, welches in eine Tüte gefüllt worden war, die nicht knisterte. Sie erkannten auch bald, wie wichtig die Theaterbesuche für sie waren, und von da an erhielt sie Theaterkarten zum Lohn für gutes Betragen. So kam es, dass sie manche Aufführungen mehr als einmal gesehen hatte, sie schnell begriffen hatte, dass gutes Verhalten ihr mehr Vorteile und Nutzen verschaffte als schlechtes.

Nein, etwas Derartiges war nicht zu erklären. Am allerwenigsten der Polizei. Alda riss sich von den Erinnerungen los und versuchte, so gut sie konnte, das stockende Gespräch mit Sævar aufrechtzuerhalten, gab dann jedoch auf und drückte die zur Hälfte gerauchte Zigarette auf dem schwarzlackierten Handlauf aus, öffnete die Hintertür und trottete zur Toilette. Zum zweiten Mal an diesem Tag schaute sie sich im Spiegel selbst in die Augen. Dann beugte sie sich über das Waschbecken und spritzte sich wieder und wieder kaltes Wasser ins Gesicht, um sich zu erfrischen. Sie schüttelte unwillkürlich den Kopf, als sie den Beschluss fasste, diese Krisenintervention nicht anzunehmen, die gewiss schon unterwegs war. Diesen idiotischen Psychoschrott konnte sie nicht ausstehen.

Als sie wieder nach vorn kam, sah sie ihre Kolleginnen und Kollegen an der Wand des Korridors stehen, einige hatten auf den wenigen Stühlen, die zur Verfügung standen, Platz genommen. Die Leute schwiegen oder wechselten gedämpft und mit ernstem Gesicht ein paar Worte. Brynjas feuerroter kurzgeschnittener Schopf war das einzig Erfreuliche, was zu sehen war, doch als sie sich umdrehte, bemerkte Alda ihr blasses Gesicht.

»Das ist ja eine Geschichte«, murmelte sie.

»Haben sie ihn schon weggebracht?«, flüsterte Alda und umfasste die Schultern ihrer Freundin.

»Nein, noch nicht. Der Arzt ist noch drin, und dann sind welche von der Spurensicherung auf dem Weg. Sie werden auch noch die Küche untersuchen. In der nächsten Zeit darf wohl niemand von hier weg. Die Polizei wird mit allen sprechen, mit jeder einzelnen Person. Sie sind dort drin.« Brynja deutete in Richtung Zimmer.

»Ja, ich weiß«, flüsterte Alda weiter. »Es ist nur … ich begreife das mit Lárus nicht. Er wirkte so robust. Ob er vielleicht einen Herzinfarkt hatte oder an schwerer Epilepsie gelitten hat? Diese Krämpfe könnten ein Hinweis darauf sein.«

»Nein, ich hab vorhin gehört, dass er  …«, Brynja befeuchtete ihre Lippen.

»Was?«

»Dass Lárus, ich meine, die Leiche, weist ein paar Anzeichen einer Vergiftung auf.«

»Er hat mit uns Mittag gegessen!«, sagte Alda lauter, als sie beabsichtigt hatte. »Ich habe vor ihm in der Schlange gestanden und genau dasselbe genommen wie er. Soweit ich mich jedenfalls erinnere.« Sie erschauderte und verschränkte die Arme.

»Fuck.« Brynja seufzte und nahm unbewusst etwas mehr Abstand zu Alda ein, so als hätte sie eine hochansteckende Krankheit. Sie sahen einander ernst in die Augen, ohne weitere Worte zu wechseln.

Eine Schwere überflutete Alda, sie wurde von einem Gefühl der Einsamkeit übermannt, sie vermisste ihren Sohn. Sie hatte Darri seit ihrem kurzen freien Wochenende vor zwei Wochen nicht mehr gesehen. Guter Gott, was dachte sie sich eigentlich dabei, ihn so viel allein zu lassen? Sie nippte an dem lauwarmen, milchgefärbten Kaffee, den ihr jemand gereicht hatte. Doch der Geschmack führte dazu, dass ihr plötzlich übel wurde.

»Nein, das kann kaum sein, dass sie denken, es sei eine Lebensmittelvergiftung. Dann hätten sie bestimmt schon ein paar Blutproben von uns genommen, würde ich denken«, meinte Brynja mit ernster Stimme. Die langen Ohrringe, die sie so gut wie nie herausnahm, schlenkerten heftig hin und her, so, als wollten sie ihren Worten noch mehr Gewicht verleihen.

Alda zuckte geistesabwesend mit den Schultern, als sie sich zum Flur durchschlängelte, um ihr Telefon zu holen und Darri anzurufen. Auf einmal konnte sie es kaum noch erwarten, dieser erdrückenden Stimmung zu entkommen.

3. KAPITEL

»Vollständiger Name?«

»Alda Ingþórsdóttir.«

»Alter?«

»Fünfunddreißig Jahre.«

»Tätigkeit?«

»Ich kümmere mich um die Props.«

»Die Props?«

»Also, die Requisiten«, erklärte sie.

Noch so eine absonderliche Berufsbezeichnung und noch eine weitere Mitarbeiterin. Guðgeir Fransson gebrauchte den Mittelfinger, um seine neue Gleitsichtbrille auf der Nase zurechtzurücken, ohne die Augen von der Frau abzuwenden, die vor dem weißblauen Schreibtisch saß. Streckte dann ein paarmal vorsichtig sein rechtes Bein aus, und zwar so unauffällig wie möglich. Sein Knie plagte ihn, obwohl er auf einem guten Stuhl saß. Eine Welle des Schmerzes durchlief ihn bei jeder Bewegung.

»Es scheinen ja unheimlich viele Leute gebraucht zu werden, um einen Spielfilm zu drehen«, entschlüpfte es ihm.

Alda sah ihn fragend an, offensichtlich unsicher, ob das eine Frage war oder eine Feststellung.

»Ja, unglaublich viele«, sagte sie, bevor Guðgeir fortfahren konnte. »Bist du einer von denen, die schon aus dem Kino stürzen, sobald der Film zu Ende ist, und nie sehen, wie der Abspann über die Leinwand läuft? Es verlängert den Kinobesuch um einiges, wenn man ihn liest, sage ich dir.«

Ein unfreiwilliges Lächeln huschte über sein Gesicht, aber es gelang ihm, es fast im selben Augenblick zurückzuhalten.

»Arbeitest du schon lange bei Odin Films, Alda?«

»Ich  …, also, so läuft das nicht ab. Man wird für bestimmte Projekte engagiert, und ich habe schon einige für sie gemacht.« Sie spielte mit ihrem dicken Haar. Bildete aus einer Locke einen Ring und wickelte sie auf.

Guðgeir streckte seinen langen Oberkörper, während er die Frau betrachtete, die auf der anderen Seite des Tisches saß. Blond, wie es ihm schien. Die Haarfarbe der Frauen ließ sich heutzutage nicht mehr feststellen. Hübsch war sie … ja, eigentlich bildschön, machte aber trotzdem einen etwas zerzausten Eindruck. Vielleicht war das der Stil dieser Filmleute? Jedenfalls war klar, dass sie nicht viel tun musste, um sich zurechtzumachen und zum größten Teil immer noch gut dabei wegzukommen.

In den folgenden Minuten hörte er geduldig zu, wie sie gewissenhaft jedes einzelne Detail schilderte, seitdem Lárus am Morgen aus Reykjavík zum Drehort angefahren kam. Der Schauspieler hatte das Angebot abgelehnt, abgeholt zu werden, und gemeint, es dieses Mal schöner zu finden, selbst zu fahren. Im Morgengrauen sei alles so friedlich, und nichts verderbe die schöne Sicht auf die Berge. Indem er alleine im Auto dahinrollte, erhielte er auch die willkommene Gelegenheit, sich mental auf die Aufnahmen einzustellen.

Alda beschrieb präzise alle Geschehnisse des Tages, so gut sie sich erinnern konnte, wie sie betonte, und Guðgeir war von ihrer Genauigkeit angetan. Mit Lárus hatte sie nur sehr wenig gesprochen, genaugenommen einmal direkt vor der Aufnahme. Und auch ganz kurz, als sie in einer Reihe hintereinander nach Essen anstanden. Sie hatte ihm erzählt, wie sehr sie von ihm in der Islandglocke von Laxness begeistert gewesen sei, dann aber beschlossen, sich nicht in irgendeinem Fan-Gelaber zu ergehen. Es wirkte so unglaublich lächerlich, alle seine Rollen aufzuzählen, erläuterte sie. Nein, stattdessen hatte sie angefangen, über den Salat zu sprechen. Alda legte ihre Hand auf den Mund, so als wollte sie dieses Gespräch damit beenden.

»Den Salat?«

Ja, sie hatte etwas davon gefaselt, wie froh sie sei, dass heute Salat angeboten werde. An gesundem Essen hatte es in letzter Zeit gemangelt, seit die Aufnahmen hier in diesem Kaff begonnen hatten, denn die Auswahl war in dem einzigen Laden des Ortes nicht groß. Und nicht zu vergessen den Tankstellenshop, das hatte sie noch ergänzt, wenn sie sich richtig an das Gespräch erinnerte, das einzig vorhandene Gemüse dort sind Pommes!

Trotz des Sarkasmus’ bemerkte Guðgeir, wie ein Schauer durch Alda lief, als sie an dieses leere Gesabbel  mit einem Mann dachte, vor dem sie offensichtlich Respekt hatte. Es wurde ihr offenbar gerade jetzt klar, dass sie zu den Letzten gehörte, die mit ihm gesprochen hatten.

»Ich wollte schon immer einmal mit Lárus reden, ihn nach seinen Rollen fragen und so  … er war mein Lieblingsschauspieler … und dann hab ich nur so etwas über einen Salat geschwafelt wie eine Idiotin«, brachte sie gepresst hervor.

»Und sonst habt ihr nichts weiter besprochen?« Er sah sie fest mit seinen dunkelbraunen Augen an.

»Nein.«

Er spürte, dass sein Blick sie unsicher machte und wie sie ein wenig zögerte, bevor sie weitersprach.

»Doch, ich habe ihm gegenüber kurz meinen Sohn erwähnt. Darri, er ist zwölf und war in der letzten Saison Statist in einem Stück am Nationaltheater. Lárus spielte da die Hauptrolle.«

»Na, das ist bestimmt richtig aufregend für deinen Jungen gewesen!« Guðgeir lächelte Alda aufmunternd zu, während er mit Daumen und Mittelfinger sein schmerzendes Knie umfasste und es vorsichtig massierte.

»Lárus erinnerte sich nicht an ihn. Solche großen Schauspieler nehmen irgendwelche Nebendarsteller auch nicht wahr«, sagte sie ein bisschen verärgert und fasste erneut eine Haarsträhne, die sie mit hoher Intensität aufzudrehen begann. Guðgeir setzte die neue Gleitsichtbrille ab und kniff die Augen zusammen. Sie machte ihn etwas schwindlig, deshalb steckte er sie in das Etui, das vor ihm auf dem Schreibtisch lag.

»Erinnerst du dich, dass heute etwas anders gewesen ist als an den Tagen davor?«

»Im Filmbusiness gleicht kein Tag dem anderen«, erklärte sie, bemerkte darüber hinaus jedoch, nichts Ungewöhnliches beobachtet zu haben, so gesehen. Alles sei wie immer vor dem Dreh gewesen.

»Bist du sicher? Denk noch mal gut nach, Alda«, forderte Guðgeir sie auf. Sie schwieg und schien im Geiste die Ereignisse durchzugehen.

»Lass dir Zeit«, fügte er hinzu und warf dabei einen Blick hinter sich, dorthin, wo seine Kollegen, Særós und Andrés, saßen und die Vernehmung beobachteten. Wie automatisch verglich er die beiden Frauen miteinander. Sie konnten kaum unterschiedlicher sein.

Seine Kollegin Særós, dunkelhaarig und markant, in ein dunkelblaues Kostüm und eine weiße Bluse gekleidet, saß kerzengerade auf ihrem Stuhl. Sie hatte offensichtlich ihre Sachen heute mit derselben Sorgfalt gebügelt, wie an allen anderen Tagen des Jahres. Ihr Haar lag wie immer, als wäre sie gerade vom Friseur gekommen. Guðgeir wusste aber, dass sie schwimmen ging und ausnahmslos jeden Morgen viele Kilometer lief. Er bewunderte ihre Disziplin. Und er war sich absolut sicher, dass ihr bestimmt während der Vernehmung nichts entging – jedes noch so kleine Detail war ihr wichtig. Særós war blitzgescheit und hart im Nehmen. Sie hatte neben ihrer Vollzeittätigkeit vier Semester Jura abgeschlossen, während sie auch noch ihren Geschwistern den Rücken freigehalten hat. Ihre Familienverhältnisse waren gewiss nicht unkompliziert, hatte Guðgeir gehört. Die Belastung, neben dem Studium auch noch der Arbeit zu hundert Prozent nachzugehen, war ihr zu viel geworden, so dass sie die Ausbildung vorübergehend auf Eis gelegt hatte. Ihr Vorgesetzter zweifelte jedoch nicht daran, dass sie den Faden später wieder aufgreifen würde.

Gebügelte Blusen und adrette Kostüme beherbergte der Kleiderschrank der Requisiteurin Alda bestimmt nicht, ihre Kleidung war um einiges origineller, nicht zusammengehörend zwar, trotzdem ging aber etwas Faszinierendes davon aus. Ihr blondes Haar wellte sich über die Schultern, ganz so, als wäre es purer Zufall. Guðgeir hegte dennoch den Verdacht, dass dem nicht so war. Er strich mit den Fingern durch sein Haar, das an den Schläfen bereits grau wurde. Blickte dann in Andrés’ Richtung, der zwischendurch, während er Alda beobachtete, mit seinen Gedanken an dem Aufnahmegerät klebte, das neben ihm schnurrte, und darauf achtete, dass dort nichts schiefging. Guðgeir hielt Andrés für begabt, er war angenehm im Umgang und meistens gutgelaunt. Knapp durchschnittlich groß, hatte aber für sein Alter sehr dünnes und schütteres Haar. Bemerkenswerterweise hatte er seinen moosgrünen Blouson auch an diesem warmen Sommertag nicht ausgezogen. Vor kurzem hatte Guðgeir gehört, wie Særós Andrés fragte, ob er in der Jacke auch schlafe. Nicht das erste Mal, dass die Scharfsinnige peinlich direkt zur Sache kam, dachte Guðgeir, und mit Sicherheit auch nicht das letzte Mal. Særós hatte so ihre Macken, die ihr aber in ihrem Beruf schon gute Dienste geleistet hatten.

Er richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf die junge Frau, die ihm gegenübersaß, und schüttelte den Kopf, als sie erneut seinem fragenden Blick begegnete.

»Nun geh noch mal alle Ereignisse von heute Morgen in Gedanken durch, und wenn du an irgendetwas hängenbleibst, wie klein es auch sein mag, dann teile es uns mit«, sagte er freundlich.

»Ich glaube, ich kann euch sonst mit nichts weiterhelfen«, antwortete Alda entschuldigend und schaute dabei entschlossen in die dunklen Augen Guðgeirs, der ihren Blick aufmerksam erwiderte. Ihre großen, hellen Augen waren von einem eigentümlichen Blau.

»Kanntest du den Verstorbenen auf eine Weise persönlich?«

»Nein, eigentlich überhaupt nicht. Natürlich habe ich ihn einige Male gesehen, als Darri in dem Theaterstück war, ich habe aber nie direkt mit ihm gesprochen.«

»Ach so«, sagte Guðgeir. »Verständlicherweise hat dieser heutige Vorfall etwas Schockierendes. Und dass es für die Anwesenden unangenehm war, ist normal, doch ich habe gehört, dass dir die Ereignisse ziemlich nahegegangen sind.«

Alda starrte ihn an und Tränen stiegen ihr in die Augen. Guðgeir verlor für einen Moment die Konzentration.

»Was meinst du damit? Natürlich kriegt man einen Schock, wenn jemand so direkt vor deinen Augen stirbt. Ich habe Lárus nicht persönlich gekannt, aber ich habe ihn als Schauspieler bewundert, solange ich denken kann. Er hatte eine so starke Ausstrahlung und hat mir sehr viel bedeutet, ich habe ihn nicht aus den Augen gelassen, seit ich ein Kind war, und dann war es …«, sie suchte nach Worten und drehte ununterbrochen ihre Haarsträhne. »Ich meine, ich habe noch nie jemanden sterben sehen und das … passierte einfach alles auf einmal. Sie machte eine Pause, bevor sie weitersprach. »Wir waren mitten in der Aufnahme, und Lárus sank plötzlich zu Boden, wie du bereits viele Male heute gehört haben dürftest. Es war ziemlich gruselig«, platzte es aus ihr heraus. In ihrer Stimme schwang unterdrückte Ungeduld mit, so, als würde sie etwas einem Kind erklären, nicht aber einem Untersuchungsleiter der Polizei.

»Verständlich«, sagte Guðgeir und musste an die Bilder denken, die er im Winter in den Schaukästen vor dem Nationaltheater gesehen hatte, und an die Riesenplakate mit Lárus in irgendeiner Rolle, die die Bushaltestellenhäuschen der Stadt geschmückt hatten. »Würdest du mit uns nach vorne ins Wohnzimmer gehen und uns zeigen, wo du gestanden hast, als das passierte?« Er erhob sich und berührte sanft Aldas bloßen Arm und führte sie höflich, aber bestimmt aus dem Zimmer in den Korridor. Ihre Haut war seidenweich.

4. KAPITEL

Guðgeir ließ ihren Arm nicht los, bis sie im Wohnzimmer angekommen waren. Alda war das nicht unangenehm. An genau derselben Stelle, wo sie die geschnitzte Stehlampe in der Szene hatte platzieren wollen, stand ein blutjunger Mann. Offensichtlich ein Arzt, denn um seinen Hals baumelte ein Stethoskop, das merkwürdig altmodisch erschien. Wie eine Requisite, die man einem Schauspieler verpasst hat, dachte sie. Der junge Arzt fühlte sich sichtlich nicht besonders wohl in diesen sonderbaren Umständen, denn sein Gesicht war schweißüberströmt. Zwei Kriminalisten der Polizei arbeiteten leise vor sich hin, an etwas, von dem sie nicht erkennen konnte, was es war.

Sie schlug sich unwillkürlich die Hand vor den Mund, als sie sah, dass Lárus noch auf dem Boden lag. Über die Leiche war eine dünne Decke gebreitet worden, so dass das Gesicht nicht zu sehen war. Gezielt atmete sie einige Male tief in den Bauch hinein, schloss die Augen und konzentrierte sich darauf, alles um sich herum auszublenden. Öffnete dann die Augen wieder und fühlte, wie sie sich wieder in den Griff bekam.

»Entschuldige, aber mir fällt das schwer.« Sie wandte ihren Blick von der Leiche ab und schaute Guðgeir voller Vertrauen an, der ihr aufmunternd auf den Arm klopfte.

»Das ist schon in Ordnung. Nimm dir einfach Zeit, mir ist klar, dass es unangenehm ist, hier drinnen zu sein.«

Sie lächelte ihn dankbar an und gab sich Mühe, alles genau zu rekonstruieren, seit sie die Stube betreten und den Karton mit dem englischen Porzellanservice und der gestickten Tischdecke gesucht hatte. Sie erinnerte sich, wie sie damit begonnen hatte, die Decke über den Tisch zu breiten. Dann vorsichtig die Tassen, Untertassen und die zarte Zuckerdose auswickelte. Alda zeigte zu dem Tisch, wo sich das Service befand. Ja, jetzt fiel es ihr wieder ein. Lárus war genau in dem Moment hereingekommen, als sie mit dem Service hantierte. Er war an den Tisch herangetreten, hatte eine Ecke der Tischdecke genommen und den gestickten Text an der Kante gelesen. Dann hatte er eine Tasse hochgenommen.

»Wo hast du das her?«, hatte er gefragt.

»Von einer Frau aus Reykjavík«, hatte sie geantwortet.

»Was für eine Frau, wie heißt sie?« Seine Stimme war ein kleines bisschen schneidend gewesen.

»Ich erinnere mich nicht mehr, aber sie wohnt unten im Laugardalur, gleich beim Schwimmbad. Erla oder Edda, wenn ich mich richtig erinnere, ich habe es im Computer.«

»Bist du dir da sicher? Erla oder Edda?«

»Ja, soweit ich mich erinnern kann. Das Merkwürdige war, dass diese Frau von sich aus zu uns Kontakt aufgenommen hatte. Meinte, sie hätte davon gehört, dass wir diesen Film drehen würden«, fügte sie lachend hinzu.

»Ja, ach so«, hatte Lárus darauf gesagt.

Mehr hatte sich nicht zwischen ihr und Lárus abgespielt, denn genau da kam die Aufforderung, dass sich alle für die Probe fertigmachen sollten. Guðgeir betrachtete sie abwesend, während sie ihm das berichtete.

»Ist das alles?«, fragte er, und las dabei laut den gestickten Text auf der Decke. »2. Juni 1974. Ist nicht heute der 2. Juni?« Guðgeir richtete seine Frage an einen anderen Polizisten, der zustimmend nickte.

»Diese Frage hätte ich auch beantworten können.« Alda zuckte mit den Schultern und bemühte sich, ihm direkt in die Augen zu sehen. Ein süßer Typ, fand sie, und etwas Fremdartiges war in seinem Aussehen. Guðgeir hielt ihrem Blick stand.

»Danke, dann sagen wir, es reicht erst mal für heute«, sagte er. »Doch bevor du gehst, muss ich dich bitten, zu bestätigen, dass sie dich korrekt markiert haben.«

»Wie? Wie markiert?«

»Wo du gestanden hast, als das passiert ist.«

»Oh, ja, natürlich, kein Problem«, antwortete sie eilig. Sie überlegte einen Moment, bevor sie die richtige Stelle ausfindig machte. Einer der beiden Kriminalisten markierte die Position.

»Kann ich jetzt nach Hause fahren? Ich meine, wenn ich irgendwo mitfahren kann nach Reykjavík? Hier wird wohl kaum noch was gearbeitet heute oder morgen?« Guðgeir schaute sie fest und, wie sie fand, unangenehm lange an. Dann begriff sie, dass er wahrscheinlich mit seinen Gedanken bereits ganz woanders war.

»Entschuldige, ihr habt hier im Haus natürlich mehr als genug zu tun.« Sie wies dorthin, wo die Leiche lag, bevor sie fortfuhr. »Ich meinte, also, wir, dass wir wohl kaum weiterarbeiten, von Odin Films. Erst mal, meine ich, wir können heute hier nicht weiterarbeiten.« Ihr wurde bewusst, wie absurd das alles klang. Es war schwer, in einer solchen Situation die richtigen Worte zu finden.

Alda war erleichtert, als er nickte. Die altmodische Stube, die zuvor so gemütlich erschien, wirkte jetzt auf sie wie eine enge, geschlossene Gefrierzelle. Die Leiche auf dem Boden nahm zusehends eine seltsamere Farbe an, und sie bildete sich ein, dass bereits ein schwacher Verwesungsgeruch von ihr ausging.

»Soweit ich sehen kann, wird es von uns aus in Ordnung sein. Aber wir werden dich wahrscheinlich später noch einmal kontaktieren. Danke für deine Mithilfe, Alda.« Er streckte ihr die Hand entgegen. Sie war groß, weich und warm. Auf einmal hatte sie das Verlangen, von ihm in den Arm genommen zu werden, und musste aufpassen, dass er es nicht bemerkte.

»Litt Lárus vielleicht an einer schweren Epilepsie?«, fragte sie leise.

»Wir können zu diesem Zeitpunkt noch nichts über die Todesursache sagen«, erwiderte Guðgeir, während er seine Hand zurückzog.

Ein Sonnenstrahl brach durch die bunte Scheibe von der Diele herein, so dass Brynjas feuerrotes Haar leuchtete. Alda ging langsamen Schrittes auf sie zu.

»Darfst du auch los, meine Liebe?«, rief ihr Brynja leise zu.

Alda nickte.

»Wie gut, hier wegzukommen. Ich hab sogar wieder angefangen zu rauchen, deshalb. Bin vorhin mit Sævar auf einen Schmök nach draußen gegangen«, gestand Alda.

»Ja, er fährt auch mit uns in die Stadt«, sagte Brynja und die Erleichterung in ihrer Stimme war deutlich zu hören. »Vorn im Flur ist ein Aushang angebracht worden, dass das Projekt auf unbestimmte Zeit verschoben ist. Sævar hat sein Zeug schon aufgeräumt, du solltest dich also beeilen mit dem Packen.« Brynja schüttelte sich mit dramatischer Gestik und ging auf die Tür zu. »Ich kann nicht länger hierbleiben, ich ersticke jeden Moment.«

»Da bist du nicht allein.« Alda zögerte für den Bruchteil einer Sekunde. »Warte mal, ich möchte noch wissen, ob ich das Service nicht einpacken kann«, sagte sie und begab sich in Richtung Wohnzimmer. »Ich hab eine Scheißangst, dass die etwas kaputtmachen. Das ist kein gewöhnliches Geschirr.«

Sie erschrak, als Brynja sie fest packte.

»Was?« Alda fühlte, wie eine Gereiztheit in ihr aufstieg.

»Die Polizei meint, es darf nichts berührt werden, also können wir uns genauso gut einfach vom Acker machen«, sagte Brynja hörbar ungeduldig. »Ich durfte nicht mal meine Sachen zusammensammeln.«

Sie saßen schweigend im Auto auf dieser gut zweistündigen Fahrt in die Stadt. Hielten nicht mal an, um zur Toilette zu gehen oder eine zu rauchen. Brynja konzentrierte sich aufs Fahren. Aldas Gedanken rasten, Sævar hingegen verschickte eine SMS nach der anderen. Sie versuchte Darri anzurufen, doch sein Telefon war ausgeschaltet. Wahrscheinlich war er noch mit seinem Vater und dessen neuer Freundin im Sommerhaus. War sie Nummer zehn oder elf, diese Neue? Ach, na ja, sie machte gar nicht mal so einen schlechten Eindruck, und Darri meinte, sie sei klasse. Aber zweifellos war sie ziemlich affig. Dürr und mit viel zu großen Brüsten und geschwollener Oberlippe, die aussah, als hätte ein schlechter Zahnarzt die Betäubungsspritze in die falsche Stelle reingejagt.

Alda wollte Darri unbedingt von Lárus’ Tod erzählen und wählte erneut seine Nummer. Vielleicht sind er und sein Vater hinausgefahren, um sich mit dem Quad zu vergnügen, oder was auch immer. Sie beschloss, ein wenig zu warten, hatte keine Lust, den Vater ihres Kindes sofort anzurufen. Er jammerte ständig darüber, sie riefe Darri zu häufig an, wenn er bei ihm sei. Der Junge wird sein Telefon wohl am Abend wieder anschalten.

Sie fuhren Sævar hoch in so etwas wie eine Bergsiedlung, weit oben in Kópavogur, der Stadt, die mit Reykjavík verwachsen ist, doch Brynja war es unangenehm, nach den Ereignissen vom Tage allein zu sein, und bedrängte Alda so lange, bis sie einwilligte, sie mit in ihre kleine Dachwohnung unten im Stadtzentrum hinaufzunehmen. Alda stöberte glücklicherweise im Küchenschrank ein Rotweinpack auf. Die Gläser standen in einem offenen Regal und die Staubschicht darauf zeigte deutlich, wie lange die Hausherrin nicht zu Hause gewesen war. Zur Sicherheit spülte Alda die Gläser ab und trocknete sie, bevor sie den Rotwein aus der Packung hineinfließen ließ.

»Verdammt, ich glaube, Sævar hat Geld damit verdient, indem er die Klatschblätter über den Vorfall informiert hat«, rief Brynja aus dem Wohnzimmer. »Hast du bemerkt, wie er auf die Tasten eingehauen hat? Ihm muss jetzt der Daumen weh tun.« Alda lachte und reichte ihr ein Glas. Brynja griff es an dem schlanken Stiel und hob es weit in die Höhe.

»Wow, super! Hast du die neu? Ist das isländisches Design?«

»Das ist genau das richtige Thema für heute«, antwortete Alda und fühlte, wie gut es tat, über etwas anderes als Lárus’ Tod zu reden. »Ich konnte der Verlockung nicht widerstehen und hab mir sechs Stück gekauft. Handarbeit, und kein Glas gleicht dem anderen.«

»Du hast so einen unglaublich guten Geschmack, Schatz.« Brynja schaute sich bewundernd um. »Ich finde deine Wohnung so wahnsinnig cool. Du hast jedes Mal, wenn ich komme, etwas neu gemacht, und der hier wird immer hübscher.« Sie nahm ein neueres Foto von Darri in einem glänzend schwarzen Rahmen zur Hand. Sein schelmischer Ausdruck lächelte ihnen entgegen.

»Wie sein Papa, und auf den stehst du wohl«, bemerkte Alda trocken und bemühte sich, über die hinterlassenen Fingerabdrücke hinwegzusehen.

»Ach Schätzchen, das war ein Ausrutscher, nur ein Diskoknutsch. Da wusste ich nicht, dass er dieser Þór ist, dein Ex. Also, ich hätte nie …«

»Diskoknutsch! Brynja, werd erwachsen!« Alda machte es sich auf dem Sofa gemütlich und nahm einen ordentlichen Schluck Rotwein. Spott blitzte in ihren Augen auf, als sie ihre Freundin ansah.

»Ihr wäret beide fast gestorben, als ihr mich gesehen habt«, sagte sie ruhig und strich über die kleine Tätowierung, die sie auf dem einen Knöchel trug.

»Oh, das war extrem peinlich, Reykjavík ist so klein.« Brynja legte das Foto von Darri weg und ging zu der einzigen Wand des Wohnzimmers, die nicht unter einer Dachschräge lag.

»Das Einzige, was sich hier drin nicht verändert, ist die Wand mit deinen Masken«, sagte sie, fest entschlossen, das Thema zu wechseln.

»Wow, irre, besonders die aus Afrika«, fuhr sie fort, die farbenfrohen Masken zu bewundern, die fast die ganze Wand bedeckten. »Bist du in all diesen Ländern schon gewesen?« Ehrfurcht lag in ihrer Stimme.

»Nein, ein paar von den Masken habe ich einfach im Netz bestellt. So wie die hier vom mexikanischen Sonnengott, die ich gerade bekommen habe, bevor wir mit den Aufnahmen angefangen haben. Seit ich sie habe, hat die Sonne auf Island geschienen. Bald brauche ich eine größere Wand für die alle.« Sie prostete Brynja zu, fühlte jedoch im selben Moment, wie die Müdigkeit inzwischen wie ein Stein auf ihr lag. Eigentlich würde sie jetzt am liebsten allein sein. Sich eine Pizza bestellen, ein heißes Bad nehmen, es danach genießen, nach langer Abwesenheit im eigenen Bett einzuschlafen.