Hanser E-Book

 

Alex Capus

 

Mein

Nachbar

Urs

 

Geschichten

aus der Kleinstadt

 

Carl Hanser Verlag

 

 

Diese Geschichten sind als wöchentliche Kolumnen 2011 bis 2013

im Oltner Stadt-Anzeiger erschienen.

 

 

 

ISBN 978-3-446-24536-5

© Carl Hanser Verlag München 2014

Alle Rechte vorbehalten

Schutzumschlag: Peter-Andreas Hassiepen, München, unter Verwendung einer Zeichnung, © Angela Kirschbaum.

 

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Datenkonvertierung E-Book:

Kreutzfeldt digital, Hamburg

Inhalt

Mein Nachbar Urs

Vitamin D

Die Chinesen

Das Leben ist lang

Herbert

Räuber und Poulet

Die Schönheit der Frau

Scheidung

Ein geostationärer Jetlag

Am Bahnhof

Olten Road

Zwei Oltner Buben in der Fremde

Baby

Mein französischer Bistrostuhl

Kamele und Kokosnüsse

Vom Sirren der Gleise

Mein Ausflug mit Prinz Charles

Mein Nachbar Urs

Ich habe fünf Nachbarn, die mit Vornamen Urs heißen. Der erste Urs wohnt schräg gegenüber von mir, unsere Gärten stoßen aneinander. Wenn ich morgens auf meinem Balkon Zeitung lese, kann ich ihn sehen, wie er in seiner Küche sitzt und Kaffee trinkt. Natürlich gucke ich nicht. Ich schaue nur kurz, ob er da ist, dann lese ich wieder Zeitung.

Hinter dem Haus des ersten Urs führt die Elsastraße durch. Dort fährt jeden Morgen um zwanzig nach sieben der zweite Urs auf seinem Rad vorbei. Am Ende der Straße biegt er rechts ab zum Bahnhof, wo er den 07:32-Uhr-Zug nach Bern nimmt. Er ist Jurist im Bundesamt für Veterinärwesen. Abends spielt er Bassgitarre in einer Hillbilly-Band.

Der dritte Urs ist Chemielaborant in einer Fabrik, die Sonnencreme herstellt. In seiner Freizeit restauriert er italienische Motorroller, die er uns Nachbarn freigebig ausleiht, wenn wir Lust auf eine Spritzfahrt haben. Seine Frau Sandra ist Lehrerin im Froheimschulhaus. Ihr gemeinsamer Sohn Tobias geht mit unserem Louis in den Kindergarten.

Der vierte Urs ist geschieden und wohnt allein in einem zu groß gewordenen Haus. Am Tag, an dem seine Frau die Koffer packte, hat er erstmals nach Jahren wieder eine Packung Camel gekauft. Ohne Filter. Seither unterhält er häufig wechselnde Liebschaften und ist starken Stimmungsschwankungen unterworfen.

Der fünfte Urs versorgt uns alle mit ausgezeichnetem Birnenschnaps, den ein Onkel von ihm auf einem abgelegenen Hof im Entlebuch schwarz brennt. Man bringt ihm zwanzig Franken und eine leere Cola- oder Sinalcoflasche, ein paar Tage später stellt er einem den Schnaps vor die Tür.

Dann gibt es in unserer Nachbarschaft noch einen sechsten Urs, aber der will nicht, dass ich über ihn schreibe. Also sage ich, es seien nur fünf Urse.

Oft treffe ich meine Urse auf dem kleinen Kiesplatz an der Elsastraße, wo wir ein paar Stühle, einen Tisch und einen Grill aufgestellt haben. Wir führen kurze Gespräche über den Fahrradlenker hinweg oder trinken zusammen ein Glas. Dabei erfahre ich die interessantesten Sachen.

Letzten Samstag zum Beispiel hat mir der dritte Urs zur Kenntnis gebracht, dass es auch unter Gehörlosen Stotterer und unerträglich langweilige Redner gibt, die einfach zu wenig Pfiff im Ausdruck ihrer Hände und Gebärden haben.

Tags darauf habe ich vom ersten Urs erfahren, dass der typische Kopfschmuck der Indianer – Stirnband mit Feder – eine Hollywood-Erfindung ist. Zur Pionierzeit des Westernfilms waren die in Kalifornien verfügbaren Indianer-Darsteller ebenso kurzhaarig wie die Cowboy-Schauspieler, deshalb musste man sie mit Perücken ausstatten. Und damit das Kunsthaar während der Kampfszenen nicht verrutschte, befestigte man es mit federgeschmückten Stirnbändern an den Schädeln.

 

Vorgestern hat mir der fünfte Urs berichtet, dass in Paris die Chinarestaurants, die in den Achtzigerjahren zwecks Verpflegung der Touristen wie Pilze aus dem Boden geschossen waren, jetzt eins ums andere zu Sushi-Lokalen umgestaltet werden. Die Angestellten in Küche und Service bleiben dieselben, sie erhalten nur neue Kostüme; traten sie zuvor als Chinesen auf, verkleiden sie sich jetzt als Japaner. Die Touristen sehen keinen Unterschied. Schlitzauge ist Schlitzauge.

 

In diesem Zusammenhang berichtete der vierte Urs, dass in allen Tätowierstudios weltweit die chinesischen Schriftzeichen für »Weisheit« und »Gelassenheit« zu den beliebtesten Motiven gehören. Das Problem ist nur, dass außerhalb Chinas kaum ein Tätowierer des Chinesischen mächtig ist, weshalb die Schriftzeichen oft spiegelverkehrt von der durchgepausten Vorlage auf die Haut gestichelt werden.

 

Und heute, als ich wiederum mit dreien meiner Urse auf dem Kiesplatz stand, ging’s um Eichhörnchen.

 

»Weißt du, wieso es im Stadtpark keine Eichhörnchen mehr gibt?«, fragte der erste Urs. »Die Katzen haben sie gefressen.«

»Meinst du?«, sagte ich.

»Natürlich«, sagte Urs. »Je mehr Katzen, desto weniger Eichhörnchen.«

»Es gibt wirklich zu viele Katzen«, sagte der zweite Urs. »Früher hatten die Leute Kinder. Jetzt haben sie Katzen.«

»Je mehr Katzen, desto weniger Kinder«, sagte der erste Urs.

»Was habt ihr gegen Katzen?«, fragte ich. »Fressen die wirklich Eichhörnchen?«

Urs schaute mich an. »Eichhörnchen sind Nagetiere«, sagte er. »Für eine Katze ist ein Eichhörnchen nichts anderes als eine Maus oder eine Ratte. Oder ein Maulwurf.«

Da kam der dritte Urs herbei und stellte seine Einkaufstaschen ab. »Und die Blindschleichen – wieso haben wir keine Blindschleichen mehr in unseren Gärten?«

»Wegen der Katzen?«

»Natürlich«, sagte der dritte Urs.

»Je mehr Katzen, desto weniger Eichhörnchen, Blindschleichen und Kinder.«

»Klingt ganz so, als ob Katzen auch Kinder fressen würden.«

»Und Eidechsen«, sagte der zweite Urs.

Nun stieß auch der vierte Urs dazu. »Wisst ihr, wo der Urs ist?«, fragte er. Er meinte den fünften Urs. Wir schüttelten die Köpfe.

»Du, Alex«, sagte er und deutete mit dem Kinn auf mein Velo. »Du solltest die Reifen an deinem Fahrrad wieder mal aufpumpen.«

»Ach ja?«

»Du fährst nächstens auf den Felgen.«

»Das heißt Pneu und Velo«, sagte ich. »Wir sind doch hier nicht in Deutschland.«

»Du sagst manchmal auch Rad.«

»Trotzdem«, sagte ich.

»Das Wort Felgen darf ich aber benutzen, ja?«

»Felgen ist ok«, sagte ich.

»Und ok?«

»Ok ist auch ok«, sagte ich.

»Jedenfalls ist dein Velo immer schlecht gewartet«, sagte Urs. »Keine Luft in den Pneus. Fuchsrote Kette. Schlecht eingestellte Bremsen. Kein Licht. Der Sattel zu tief.«

»Das ist mir auch schon aufgefallen«, sagte der zweite Urs. »Noch nie hat man dich auf einem ordentlichen Velo gesehen. Diese zwanghafte Nachlässigkeit – irgendwie kindisch finde ich das.«

»Wenn’s nur das Velo wäre«, fügte der dritte Urs hinzu. »Bei dir ist aber, wenn man genau hinguckt, alles immer ein bisschen vage und ungefähr. Irgendwie lasch. Nichts für ungut.«

»Ein bisschen lauwarm«, sagte der zweite Urs und nickte.

»Ach ja?«, sagte ich.

»Nicht, dass uns das etwas anginge«, sagte der erste Urs. »Versteh das bitte nicht falsch.«

»Aber ihr scheint euch in dieser Sache doch ausgetauscht zu haben«, erwiderte ich. »Dann erklärt mir sie doch bitte genauer.«

»Lass gut sein«, sagte Urs.

»Ich bitte darum.«

»Es geht uns ja wirklich nichts an. Aber wenn du es partout wissen willst … schau dir zum Beispiel dein Kopfhaar an. Das ist so halb lang und halb kurz, eine Frisur kann man das wirklich nicht nennen. Und dann deine Kleidung.«

»Was ist mit meiner Kleidung?«

»Du kleidest dich, nimm’s mir nicht übel, wie ein Blinder. Du ziehst einfach irgendwas an – n’importe quoi, wie der Franzose sagt. Und deine Schriftstellerei, die du als deine Arbeit bezeichnest …«

»Was ist damit?«

»Nichts. Eine Art Arbeit wird das schon auch sein, was du so machst«, sagte er. »Ich will gar nichts gesagt haben.«

»Aber?«

»Schon gut«, sagte Urs.

»War’s das?«

»Ja.«

»Darf ich jetzt auch etwas sagen?«

»Aber bitte«, sagten Urs und Urs gleichzeitig.

»Ich verstehe, dass euch mein Lottervelo ein Dorn im Auge ist«, sagte ich. »Aber nehmt bitte zur Kenntnis, dass ich mich genauso ärgern könnte über eure oberprall gefüllten Velopneus und eure atmungsaktiven Mammut-Regenjacken, ebenso über eure jederzeit funktionstüchtigen Halogen-Scheinwerfer und die doppelten Scheibenbremsen vorn und hinten. Ich tu’s nicht, aber ich könnte mich ärgern.«

»Wieso das denn?«, fragte Urs.

»Dieser Perfektionswahn hat etwas Totalitäres«, sagte ich. »Und dann eure Velohelme. Und die Handschuhe. Alles wollt ihr kontrollieren. Alles beherrschen. Jedes Risiko ausschalten. Ausmerzen. Eliminieren. Alles müsst ihr im Griff haben, nichts darf sich eurem Willen entziehen. Ich hingegen lasse den Dingen ihren Lauf mit meinem klapprigen Velo. Meine schlechten Bremsen sind ein Zeichen von Menschlichkeit und Gottvertrauen.«

»Sind wir etwa Faschisten, nur weil wir ordentliche Räder fahren?«, fragte Urs.

»Das nun nicht gerade«, sagte ich. »Aber mein Velo ist der bessere Demokrat als deins. Und wenn wir von Frisuren sprechen: Aus welchem Grund muss heute jeder Mann sich gleich eine Glatze scheren, wenn sich an der Stirn und am Hinterkopf das Kopfhaar lichtet? Wieso sind die guten alten Geheimratsecken und Tonsuren nicht mehr erlaubt?«

»Deswegen bin ich doch kein Nazi«, brummte Urs und strich sich über seinen Borstenschädel.

»Bei euch gibt’s immer nur weiß oder schwarz«, sagte ich. »Ganz oder gar nicht. Vollhaar oder Glatze. Leben oder Tod. Große Liebe oder dann gleich Scheidung, eine freundlich-lauwarme Ehe hat in eurem Lebenskonzept keinen Platz. Und dann müsst ihr euch immer schwarz kleiden, meine lieben Freunde, das habt ihr in Zürich gelernt und findet es smart. Da lobe ich mir doch mein rostiges Velo und die schlecht gepumpten Pneus.«

»Du kommst ja richtig in Fahrt«, sagte Urs.

»Ich habe Lammkoteletts im Kühlschrank«, sagte ich. »Wollen wir den Grill anwerfen?«