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PHILIPPA BALLANTINE

Die Runen der Macht

Geisterzeichen

Roman

Ins Deutsche übertragen

von Michaela Link

Zu diesem Buch

Sorcha Faris ist Kriegerin eines Ordens, der die Menschen vor den Angriffen mächtiger Geistwesen beschützt. Mithilfe ihrer Runenmagie kann sie die Kreaturen in die Anderwelt zurückschicken. Während einer Geisteraustreibung hat Sorcha eine Zukunftsvision, die ihr den Tod ihres Geliebten Raed Rossin zeigt, der als Ausgestoßener die Meere durchsegelt. Kurzerhand schließen sie und ihr Partner Merrick sich einer Delegation des Kaisers in die exotische Stadt Orinthal an, die sie in der Erscheinung gesehen hat. Dort treffen sie tatsächlich auf Raed, der nach seiner verschwundenen Schwester sucht. Doch in Orinthal lauern ungeahnte Gefahren, die mehr als nur Raeds Leben bedrohen. Ein grausamer Mörder treibt dort sein Unwesen, und Sorcha und Merrick sollen die Vorkommnisse untersuchen. Sie ahnen nicht, dass hinter den mysteriösen Ereignissen eine fast vergessene, gnadenlose Macht steht: Die Schwester des Kaisers hat unwissentlich Hatipai, eine Göttin aus alter Zeit, entfesselt, die jeden vernichtet, der sich ihr entgegenstellt, und nun auf Rache sinnt. Rache an denen, die sie einst in die Geisterwelt verbannten, und vor allem Rache an dem Geistherrn Rossin, der durch einen Fluch an Raed gebunden ist.

Für Tee Morris, meinen Kapitän,

der mich überraschenderweise

an Seelengefährten glauben machte

Die Runen der Sicht

Sielu – Seht durch die Augen eines anderen

Aiemm – Seht in die Vergangenheit

Masa – Seht in die Zukunft

Kebenar – Seht die wahre Natur einer Situation

Kolar – Schickt Eure Sicht auf die Reise

Mennyt – Seht in die Anderwelt

Ticat – Die letzte Rune der Sicht; für den letzten Moment

Die Runen der Herrschaft

Aydien – Die Rune der Abstoßung

Yevah – Der Feuerschild

Tryrei – Öffnet ein Guckloch in die Anderwelt

Chityre – Blitzbringer

Pyet – Die reinigende Flamme

Shayst – Stehlt die Macht eines anderen

Seym – Die Rune des Fleisches

Voishem – Geht durch Wände

Deiyant – Bewegt Objekte mit Eurem Willen

Teisyat – Öffnet die Tür zur Anderwelt

Kapitel 1

Rückkehr des Wanderers

Dampf stieg auf von den einst bewunderten Kanälen der Hauptstadt des Reichs Arkaym. Mehrmals musste der Geistherr, der Kojotengestalt trug, wieder umkehren, da er überall auf zerstörte Brücken und eingestürzte Häuser traf. Der Fensena beschnupperte die Leichen, die in den Gassen von Vermillion verwesten, aber anders als ein echter Kojote hielt er nicht inne, um sich an ihnen zu laben.

Dass ein fast mannshoher Kojote am helllichten Tage durch das Herz des Reichs streifte, wäre noch vor wenigen Monaten undenkbar gewesen. Doch er bewegte sich frei in der Stadt, und kein Diakon des Ordens, kein Soldat der Kaisergarde hielt ihn auf. Dem Kaiser von Arkaym war seine Hauptstadt gleichgültig. Er verfolgte vielmehr die Prinzen, die sich gegen ihn erhoben hatten, und es stellte sich heraus, dass diese Prinzen recht zahlreich waren.

Papiere raschelten im scharfen Wind und wirbelten an dem Kojoten vorbei. Er fing eines im Flug auf und drückte es blitzschnell mit der Pfote auf den Boden. Durch glänzende goldene Augen las der Geistherr – eine Fähigkeit, auf die er stolz war. Man hatte ein Kopfgeld ausgesetzt, und zwar auf Sorcha Faris. Sie wurde des Aufruhrs beschuldigt, des Hochverrats und des Mords. Noch verräterischer war der Titel, den sie ihr gaben. »Erzäbtissin des geächteten Ordens« stand unter ihrem schlecht gezeichneten Bild. Der Fensena mochte die Diakone nicht, aber er wusste, was ihn in der Anderwelt erwartete, und er verspürte nicht den geringsten Wunsch, die menschliche Welt brennen zu sehen.

Während diese finsteren Gedanken ihn mit Grauen erfüllten, trottete er durch die Stadt und erreichte schließlich die Vergoldete Brücke. Der Kanal darunter war mit allen möglichen toten und verwesenden Dingen verstopft, die seine Nase zucken ließen. Jemand hatte Opfergaben für einen der kleinen Götter am Geländer befestigt: Früchte, tote Vögel und etwas Blutiges, das nicht zu identifizieren war.

Doch die Brücke war unversehrt, und so lief er zur Kaiserlichen Insel hinüber. Die Ohren des Kojoten schnellten vor, als er vor sich zwischen den Läden, die die Brücke säumten, eilige Schritte vernahm. Obwohl die meisten Händler ihre Geschäfte längst aufgegeben hatten, da sie sich irrtümlicherweise anderswo sicherer wähnten, hielten einige wenige Unentwegte durch und kauerten in ihren kleinen Läden. Der Kojote konnte sie riechen, und er hörte sie flüstern.

Eine junge Frau kam über die Brücke auf ihn zugerannt und hielt etwas an der Brust. Der Fensena mit seinen scharfen Sinnen empfand ihren Angstgeruch als penetrant.

Es war ein Baby. Sie hielt ein Baby in den Armen. Im Licht des Sonnenuntergangs waren ihre Augen groß vor Panik. Schließlich sah sie den großen Kojoten mitten auf der Brücke und kam schlitternd zum Stehen.

Der Wind zerzauste das gestromte Fell des Kojoten, das für tiefere Winter und ein nördlicheres Klima geschaffen war. Er verspürte einen Stich des Mitgefühls für die Frau und ihr Kind. Der Rossin, der große Geistherr, der viele schreckliche Gestalten besaß, hätte sie im Nu zerfleischt. Der Fensena selbst hätte sie zumindest beißen und in ihren Körper springen können, um sich mit ihrer Energie noch für einige Tage in diesem Reich halten zu können.

Die Frau sah sich um, und nun spürte der Fensena das wirbelnde Nahen eines Artgenossen. Ein Geist auf der Suche nach einem Wirt stieß von der Insel herab. Dem Fensena kam er wie eine zerstörte Seele vor, die im Leben vielleicht sogar die Robe eines Diakons getragen hatte. Gewiss etwas, das von der Anderwelt verdorben und zu einer schrecklichen Form zerkaut worden war.

Der Fensena neigte den Kopf nachdenklich zur Seite und stellte eine Pfote vor die andere, um vor der Frau eine schwache Verbeugung zu machen.

»Lauft, solange Ihr noch könnt«, flüsterte er durch Kiefer, die dazu gemacht waren, Knochen zu zerbrechen und Fleisch zu zerreißen.

Dass Tiere das Maul öffneten und in der Sprache der Menschen redeten, war anfangs gar nicht so seltsam gewesen, vor vielen Generationen, als die Geister in die Welt kamen – aber Menschen hatten ein so überaus kurzes Gedächtnis und lasen nicht viel über ihre Geschichte.

Die Frau presste die Lippen aufeinander und nutzte ihre Chance. Sie schoss vorwärts und an ihm vorbei, so nah, dass ihre Röcke sein Fell streiften und der Duft ihrer Haut seine Nase erreichte. Der Kojote sah ihr nicht nach, doch sein Gehör folgte ihren Schritten.

Der Geist war ihr auf den Fersen, und es war wirklich so, wie der Kojote vermutet hatte. Die abgerissene und entweihte Gestalt eines Diakons vom Orden des Auges und der Faust schwebte die Brücke entlang. Früher hätte Wasser es dem Geist unmöglich gemacht, sie zu überqueren, aber die Anderwelt war diesem Reich jetzt sehr nah.

Der Geist nahm die Existenz des Fensena nicht zur Kenntnis. Er schwebte weiter und ließ sogar das Unkraut in den Pflasterritzen welken. Der Kojote wusste, was der Geist mit der Frau machen würde, wenn er sie einholte – und das würde er irgendwann.

Es war nicht seine Sorge, und er durfte deswegen seine Verabredung nicht versäumen. Der Kojote lief weiter, ließ die Brücke hinter sich und trabte den Hügel hinauf auf den Regierungssitz zu. Er war nicht gern in dieser Stadt. Doch wie bei seinem letzten Besuch war er für den Rossin unterwegs, den großen und mächtigen Geistherrn, an den er gebunden war – ob es ihm gefiel oder nicht.

Der Kojote hob den Kopf und schnupperte, als er sich der ausgebrannten Ruine der Mutterabtei näherte. Der Gestank von verwesendem Menschenfleisch war hier nicht zu verkennen. Nach dem Einsturz des Dachs hatte es niemanden gegeben, um die Leichen unter den Trümmern hervorzuziehen, und nun waren die Ruinen ein Friedhof. Dieser Ort hatte einst schöne Gärten, Dormitorien voller Diakone und eine große Bibliothek besessen.

Doch das, wonach er suchte, war nicht hier. Nichts war hier.

Mit zuckender Nase ging der Fensena weiter. Vor ihm lag der Kaiserpalast. Hier war jedoch ein wenig Vorsicht angebracht. Wie die Gestalt, die er trug, wusste der Fensena, dass er auf der Hut sein musste; er hatte einen Körper, er konnte getötet werden und seinen Zugriff auf dieses Reich vollends verlieren. Im Gegensatz zum Rossin war er nicht dauerhaft mit seinem Wirt verbunden. Also senkte er den Kopf und hielt sich im Schatten der Gebäude, die auf den Kaiserplatz hinausgingen. Seine Nase sagte ihm, dass sich darin anders als in der Mutterabtei lebendige Menschen befanden – Menschen, denen es wahrscheinlich nicht gefallen würde, wenn dort ein großer Kojote frei herumlief.

Er schnüffelte sich um den großen Platz vor dem Palast und schaute immer wieder kurz zu der hellen Steinmauer hinüber. Die anderen Geister hatten den Palast nicht in Ruhe gelassen, trotz der Zauber und Schutzzauber, die die Diakone im Laufe der Jahrhunderte angebracht hatten.

Der Kojote blieb stehen und stieß ein schwaches Jaulen aus, als ihm ein Gedanke kam; diese Diakone waren während eines großen Teils der Geschichte Arkayms der Sternenkreis gewesen. Der neuere Orden, dem Sorcha Faris gedient hatte, mochte zwar seine Zauber darüber angebracht haben, aber sollte das frühere Fundament fortgerissen worden sein, war alles umsonst gewesen. Genau das musste unmittelbar nach der Zerstörung der Mutterabtei geschehen sein.

Schließlich fand der Fensena im hinteren Teil des Palasts, wonach er suchte; ein Teil der Mauer und ihrer Schutzzauber waren dort gefallen. Der Haufen roter Steine war ein willkommener Anblick. Der Fensena musste hineingelangen, und zwar bald, da sein Herr nicht gerade das versöhnlichste Geschöpf war.

Er betrat den Lustgarten des Palasts und begriff, dass hier wohl kaum je wieder Lust zu finden sein dürfte. Es sah aus, als wäre ein kleiner Wirbelwind durch die ordentlichen Pflanzenreihen und kunstvoll geschnittenen Hecken gefahren. Alles war aus dem Boden gerissen und herumgeworfen worden, und er vermutete, dass Nebelhexen einmal mehr die alten Pfade genommen hatten, die der Bau des Palasts verlagert hatte. Obwohl die Insel kein Sumpf mehr war, würden die Hexen ihre alten Pfade benutzen, und da der Schleier zwischen dieser und der anderen Welt so dünn war, würden ihre Kräfte größer sein.

Der Fensena mochte die niederen Geister und ihre chaotische Natur nicht. Er bevorzugte Logik, da sie im Allgemeinen eine größere Überlebenschance bedeutete. Ein leises Grollen erklang in seiner Brust, und er zog instinktiv den gestromten Schwanz ein.

Die Nebelhexen waren noch da.

Jeder Chance beraubt, Reisende in die Irre zu führen, sie im Sumpf zu ertränken und sich ihr Wesen zu eigen zu machen, würden sie stattdessen mit Freuden einen Menschen in Stücke reißen. Oder sogar einen anderen Geist oder Geistherrn. Energie war schließlich Energie.

Der Fensena knurrte, aber eine Nebelhexe war ein vernunftloses Ding, nur dazu geschaffen, zu zerfleischen und sich zu nähren. Sie war kein Geistherr, der des logischen Denkens und Ränkeschmiedens mächtig war. Sie wurde von jedem Lebewesen in der Nähe angezogen. Bevor der Sternenkreis, der jüngst zurückgekehrte einheimische Orden, alles Notwendige getan hatte, um die Grenze zwischen der Anderwelt und hier niederzureißen, hatte die Nebelhexe nur Menschen in den Tod gelockt oder nach ihrem Verstand gegriffen. Doch jetzt war sie viel stärker.

Wie ein Diakon sah der Fensena ihre ganze Gestalt: die wirbelnden Muster, die bemerkenswerte Ähnlichkeit mit Runen hatten und dieses Spinnennetz aus Hunger zusammenhielten. Als sie heulend auf ihn zukam und ihre eisigen Finger nach dem Fleisch des Fensena ausstreckte, fletschte er die Zähne und sprang.

Er mochte zwar einer der geringeren Geistherrn sein, aber einer einfachen Nebelhexe war er immer noch mehr als gewachsen. Seine Zähne trafen auf die Stränge des Geists, und seine Macht übertrug sich auf den Knoten aus runischen, sich wandelnden Gestalten. Mit ruckartiger Kopfbewegung zerriss der Fensena die Kreatur wie das verweste Fleisch eines Rentiers, das tagelang in der Sonne gelegen hatte.

Die Nebelhexe löste sich heulend auf und hinterließ nur einen bitteren Nachgeschmack im Mund des Kojoten. Leider gab es keine Möglichkeit, diesen Geschmack wieder loszuwerden. Auch deshalb vermied er nach aller Möglichkeit Scharmützel mit Geistern.

Der Fensena neigte den Kopf und lenkte seine Sinne auf das Gebäude hinter den Gärten. Es roch nach Tod, und in jedem Flur war frisches Blut. Während er einst, in seinen frühen Tagen in diesem Reich, darin geschwelgt hatte, störte ihn das jetzt.

Die lange rosafarbene Zunge hing ihm seitlich aus dem Maul, und die tiefen Atemzüge, die er brauchte, um Luft zu holen, lenkten ihn ab. Er wusste auch, warum; diesem Körper blieb nicht mehr viel Zeit.

Das war der Grund, warum der Kojotengeistherr nicht mehr gern nach Vermillion kam: Zu viele Körper waren bereits von anderen Geistern besetzt. Seine Verbindung mit menschlichem Blut war bestenfalls dünn, und es war sehr schwer für ihn, einen Wirt zu nehmen, wenn bereits einer seiner Gefährten darin steckte. Ein weiterer Grund, den jüngsten Ereignissen zu grollen.

Mit einem langen hündischen Seufzen lief der Fensena einen einst gepflegten Kiesweg entlang. Vor ihm waren Menschen; er konnte sie riechen und auch mit seiner Geistsicht spüren, aber sie waren völlig verwirrt.

Der Kojote drückte eine Tür auf, die verriegelt und bewacht hätte sein sollen, und drang in die Gänge und Flure vor, wo einst die Geschäfte des Reichs geführt worden waren. Seine Krallen klickten auf dem Steinboden, und der Geruch von Urin und Verzweiflung füllte seine Nase.

Während der Fensena durch den Palast trottete, dachte er darüber nach, wie es dazu gekommen war. Der Rossin war in der Anderwelt eine grausame Macht gewesen und hatte viele von ihrer Art verschlungen. Doch seit er sich mit der Kaiserlichen Familie eingelassen hatte, war er viel zurückhaltender gewesen. Der Fensena hatte festgestellt, dass er seinen Schutz nicht gebraucht hatte. Tatsächlich konnte der Kojote in diesem Reich frei umherwandern, wie es ihm lieber war. Nur die Strömungsänderung, das leichte Dünnerwerden der Grenze zwischen dieser Welt und der Anderwelt hatte eine Veränderung angezeigt.

Das hatte Derodak bewirkt, dieser mächtige Narr, als er beschlossen hatte, dass die Zeit reif sei, seinen Plan in die Tat umzusetzen, die Geister für seine Zwecke zu nutzen und diese Welt endlich zu seiner eigenen zu machen. Das wiederum hatte eine Reihe von Ereignissen in Gang gesetzt, die das Ende des Reichs bedeuten konnten. Es würde die Zerstörung dieses Palasts wie einen Tropfen in einem Eimer Wasser erscheinen lassen.

Es erheiterte den Fensena, dass nun der Rossin es war, der dieses Reich retten wollte … na ja, der es retten und dabei eine Scheibe für sich abschneiden wollte; eine besonders löwenhafte Scheibe. Sein Maul teilte sich zu einem hündischen Lächeln. Noch bevor es vorbei war, würde er den tiefen Sturz des stolzen Rossin erleben – vorausgesetzt es gab eine Gelegenheit, den Wegemacher daran zu hindern, die Wirklichkeit aufzureißen.

Der Fensena schob diese düsteren Gedanken beiseite und tappte den Flur entlang in die Richtung, in die seine Nase ihn führte. Einige Male war er gezwungen, sich im Dunkeln zu verstecken und sich in beschädigte Räume zurückzuziehen, um Menschen aus dem Weg zu gehen, aber wenn man bedachte, dass es sich hier um das Zentrum des menschlichen Reichs handelte, war das lächerlich einfach.

Der Kojote fand das Treppenhaus im Herzen des Palasts. Es gehörte zur ursprünglichen Festung, die es lange vor den Lustgärten und goldenen Sälen gegeben hatte, die kaiserliche Eitelkeit darüber bauen ließ. Je tiefer der Fensena nach unten kam, umso kühler und stiller wurde es, aber es gefiel ihm immer weniger. Die verblassten und von tiefen Rissen durchzogenen Wandgemälde erzählten Geschichten von seiner Art und von den Menschen, die danach getrachtet hatten, sie zu kontrollieren.

Vieles war hier unter dem Palast vergraben, was die verschiedenen Kaiser von Arkaym versteckt haben wollten. Einiges war im Laufe der Zeit wieder zum Vorschein gekommen, vieles andere aber noch immer verborgen.

Der Fensena hielt vor einer eingeschlagenen Mauer inne. Seine Nase sagte ihm, dass hier einst ein Geistherr eingekerkert gewesen war. Er hatte kein gutes Namensgedächtnis, aber er erinnerte sich an ein schönes geflügeltes Geschöpf, sehr talentiert darin, sich als etwas auszugeben, das es nicht war.

Der Boden fiel jetzt noch steiler ab, und die glatten und geschmückten Höhlenwände gingen in unbehauenen Stein über. Die flackernden Wehrsteinlichter wurden nun auch immer weniger. Das spielte keine Rolle; er brauchte kaum Licht, um zu sehen. Seine tierische wie seine Geist-Sicht leiteten ihn.

Der Fensena blieb dort stehen, wo das Gebäude endete und die alten Höhlen begannen. Hier unten waren die Wurzeln des Palasts. Er legte die Ohren an, als er zu einem Bild über dem Eingang aufschaute. Dass er offen stand, war ein weiteres Zeichen für die schwindende Kontrolle des Kaisers. Dieses Tor war immer verriegelt gewesen, solange Vermillion einen Kaiser gehabt hatte, der hoch oben auf dem roten Thron saß. Jetzt, da Kaleva wahnsinnig geworden war, waren alle Schlösser aufgesprungen – wie der Rossin es dem Fensena prophezeit hatte.

Das Bild über dem Durchgang hätte jedoch genügt, um jeden neugierigen Abenteurer abzuschrecken, der sich so tief hinunter gewagt hätte. Die Murashew, der leuchtende tödliche Geistherr in Frauengestalt, tanzte um eine schreckliche Figur, die alles andere als menschlich aussah. Sie überragte den Eingang und hielt die Ränder mit ihren muskulösen Tentakeln gepackt. Der Wegemacher war in dem Moment dargestellt, in dem er die Welt zur Anderwelt hin aufriss. Es war ein verheerendes Ereignis, vor dem der erste Kaiser gewarnt hatte. Viele dachten, dies sei eine Darstellung des Bruchs, aber der Fensena wusste, dass der Schaden, den dieser mächtige Geist anrichten würde, groß genug wäre, um das frühere Ereignis wie einen Kratzer auf dem Reich wirken zu lassen.

Mit gesenktem Kopf und angelegten Ohren schlich der Kojote unter dem schrecklichen Bogen hindurch in den alten Bauch von Vermillion. Es war ein kleiner, runder Raum mit einem Sandboden ohne menschliche Spuren. Doch er roch alt und fühlte sich warm an. Der Kojote schlich vorwärts und setzte sich in die Mitte des Raums. Im menschlichen Reich gab es heilige Orte; einige wurden von den Göttern und ihren Anhängern verehrt, manche waren die Heimat alter Legenden, und wieder andere waren gezeichnet von den furchtbaren Dingen, die dort geschehen waren.

Dieser Ort war nur sehr wenigen bekannt, aber diese wenigen waren sehr mächtig. Genau da, wo der Fensena jetzt saß, war der Rossin in die menschliche Welt gekommen. Hier hatte der erste Kaiser – der auch der allererste Diakon gewesen war – den Pakt mit dem schrecklichen Geistherrn besiegelt und ihm einen Halt in diesem Reich gewährt.

Der Fensena schaute zur Decke empor. Er wunderte sich darüber, dass der Fels über ihm so glatt und glänzend war wie Glas. Eine große Hitze war einst in diesem Raum entstanden, und der Fels zeugte noch immer davon.

Auch der Sand unter dem Kojoten war etwas Besonderes und stammte definitiv nicht aus Arkaym, sondern aus seiner Heimat. Beim Gedanken an die Anderwelt fröstelte den großen Kojoten bis ins Mark. Dort war es entweder glühend heiß oder bitterkalt, und man fand keine Ruhe. Das war der Grund, warum alle Geister auf dieser Seite sein wollten, im menschlichen Reich, wo man eine Wahl hatte und es Hoffnung gab. Er hatte nicht den Wunsch, in die Anderwelt zurückzukehren, und wollte auch nicht erleben, wie die Geister des Hungers und der Rache ins menschliche Reich kamen. Sie würden es gedankenlos in Schutt und Asche legen, wie sie es mit der Anderwelt getan hatten. Sie labten sich an den menschlichen Seelen, die durch diesen Ort kamen, weil das alles war, was sie hatten. Der Fensena und der mächtige Rossin hatten andere Pläne.

Der Kojote roch die Ankunft des Menschen und hörte das Rasen seines Herzens, lange bevor er erschien. Seine goldenen Augen glänzten, als er sich umdrehte und über das gestromte Fell seiner Schulter die Ankunft des Kaisers von Arkaym verfolgte.

Auf seine Weise sah er gut aus, frische Haut und festes Kinn, aber der Geistherr blickte mühelos hinter die Fassade. Kaleva, der Prinz, den die Anführer Arkayms aus dem fernen Delmaire gerufen hatten, um ihn zu ihrem Kaiser zu krönen, war eine gebrochene Hülle von einem Mann. Alle Tatkraft war ihm entrissen, aber andererseits war er nie wirklich stark genug gewesen, um über ein so großes Reich zu herrschen. Der Kojote fuhr sich mit der Zunge über Lippen und Nase. Er glaubte fest, dass die ganze Kraft dieser Familie in ein weibliches Gefäß gelegt worden war. Die Prinzen von Arkaym hatten nicht gut gewählt.

Der Kaiser stolzierte auf hochherrschaftliche Weise durch die alte Höhle, doch in Wirklichkeit hatte ihn derselbe Geistherr gerufen, der auch den Fensena hatte kommen lassen.

Aber er verstand nichts – das war sofort klar. Er betrachtete das geschmolzene Mauerwerk, ohne zu blinzeln. Als der Rossin bei der Zerstörung der Mutterabtei das Leben dieses kläglichen Menschen verschont hatte, hatte der Kaiser der großen Raubkatze etwas aus diesem Palast versprochen … und er konnte nicht gehen, um seinen persönlichen Krieg fortzuführen, bis dieser Pakt erfüllt war.

Als Kaleva in seiner eleganten weißen Uniform vom Tunnel aus ins Innere der Höhle sah, zuckte er beim Anblick des großen, in der Mitte hockenden Kojoten merklich zusammen – schließlich hatte er mit Geistherrn in Tiergestalt keine guten Erfahrungen gemacht. Das Maul des Fensena öffnete sich zu einem Hundehecheln, das einem menschlichen Lächeln am nächsten kam.

»Für einen Menschenführer seid Ihr spät.« Er konnte sich die Stichelei nicht verkneifen und nutzte zudem gern die Gelegenheit, den Kaiser mit seinem Sprechvermögen zu erschrecken.

Der Kaiser trat einen Schritt zurück und warf einen Blick über die Schulter, als erwartete er, eine Art Puppenspieler würde aus der Dunkelheit springen. Der Mann war wirklich ein Narr, und Derodak hatte ihn an die Schwelle zum Wahnsinn geführt.

»Habt Ihr den Traum geschickt?« Endlich fand der Kaiser seine Stimme.

»Nein, ich war es nicht«, bellte der Kojote, stand auf und streckte sich. Er gab sich große Mühe, gleichgültig zu erscheinen. »Es war der, den wir beide Herr nennen.«

»Ich nenne ihn nicht …«

Der Fensena knurrte. Er zog es vor, den Gauner zu spielen, aber wenn es sein musste, konnte er so böse werden wie jeder Geistherr in diesem Reich oder in der Anderwelt. »Er ist der Rossin, der Spross der Kaiserlichen Familie. Von ihm kommt alle Kraft. Als er in Feuer und Staub vor Euch stand, habt Ihr vermutlich verstanden, dass …«

Der Kaiser schluckte vernehmlich und wurde blass wie Pergament. Der Fensena war sich ganz sicher, dass das Bild in seinem gebrochenen Geist aufblitzte. Der Rossin machte vieles gut, aber vor allem machte er Eindruck.

Der Kojote trat einen Schritt vor, senkte den Kopf und richtete seine goldenen Augen auf Kaleva. »Genug mit dem Getue. Ihr seid hier, um Euer Wort zu erfüllen und meinem Herrn zu geben, was er begehrt.«

Der Kaiser sah sich in dem öden und leeren Raum um. »Es gibt viele Dinge in meinem Palast, die ich ihm hätte geben können, aber hier ist nichts, was …«

Der Fensena fiel ihm mitten in der Dummheit wieder ins Wort. »Ihr seht wirklich gar nichts, nein? Als wäre Euch als Kind nie eine Geschichte vorgelesen worden.« Er blies einen Atemzug aus seiner langen Schnauze und schüttelte sich, als wäre Torheit Wasser und ließe sich irgendwie loswerden. Er konnte nicht glauben, dass dieser Mann nach Arkaym gekommen war, um darüber zu herrschen, und sich doch nie die Zeit genommen hatte, sich die alten Geschichten und Mythen anzuhören. Delmaire war ein schönes Land, aber es war nicht das Land, nicht das erste. Arkaym war sehr viel älter.

Doch er hatte weder Zeit noch Veranlassung, seinen Atem darauf zu verschwenden, jetzt davon zu erzählen. Wenn der Mensch so blind war, wie es den Anschein hatte, würde man es ihm zeigen müssen. Also drehte der Kojote auf dem Schwanz um und trat in die Mitte des Raums. Er spürte es in den Knochen summen, und ihm sträubte sich das Fell; es war der älteste Ort und auch ein Versteck.

Anders als der Rossin vermochte der Fensena zumindest hierher zu kommen, aber nicht einmal er konnte tun, was vom Kaiser verlangt wurde. Um ihm einen Hinweis zu geben, begann der Kojote zu graben. Seine stumpfen, aber wirksamen Klauen ließen den Sand fliegen, und obwohl ihm das Graben auf die Nerven ging, hielt er keinen Moment inne.

Schließlich wurde der Kaiser neugierig und kam näher, um zu schauen, was der Geistherr trieb. Der Fensena keuchte, und ihm dröhnte der Kopf, aber er hatte getan, was er konnte. Gemeinsam blickten Geistherr und Kaiser auf das, was er freigelegt hatte.

Es war eine Tür, genauer gesagt: eine Einstiegsluke. Der Palast von Vermillion verfügte über ein gerüttelt Maß solcher Verstecke, aber dieses war viel mehr. Kaleva ließ sich auf die Knie nieder und starrte auf die kreisrunde silberne Luke. »Was steht da?«, stieß er mit erstickter Stimme hervor.

Dass er es nicht lesen konnte, war keine Überraschung; es war in der Sprache der Ehtia geschrieben, die seit Langem aus dem menschlichen Gedächtnis getilgt waren. »Verflucht sei, wer das hochhebt«, war eine recht brauchbare Übersetzung, die der gebrochene Kaiser aber nicht zu kennen brauchte.

»Ich muss Eure Fragen nicht beantworten, Junge« erwiderte der Kojote, und ein Knurren verschärfte seine Stimme. »Ihr habt zu tun, was man Euch sagt.«

Der Kaiser zögerte kurz, das musste man ihm lassen. Er sah den Kojoten lange an, und dann sprang sein Blick dahin und dorthin, als führte er ein Selbstgespräch. Vielleicht tat er das auch.

Das Nackenfell des Fensena sträubte sich, und er fletschte die Zähne. »Tut, wie Euch geheißen – wie Ihr es dem Rossin versprochen habt, als er Euer Leben verschonte –, oder tragt die Konsequenzen!«

Dem Kaiser trat Schweiß auf die Stirn, aber er beugte sich vor und packte den Griff. Dies war der Moment, in dem alles schiefgehen konnte. Das Blut des Rossin floss nicht in diesem Kaiser, und die mächtigen Zauber, mit denen Derodak die Tür belegt hatte, konnten Kaleva zu Staub zermahlen. Doch er war der Kaiser und hatte auf dem Thron von Arkaym gesessen. Das sollte für den Zauber genügen … hoffentlich.

Kaleva keuchte und krümmte sich, als hätte man ihm einen Hieb in den Magen versetzt. Der Kojote wartete darauf, dass er Feuer fing, zu Asche zerstob oder dahinschmolz. Nichts davon geschah.

Schließlich richtete der Kaiser sich auf und riss am Türgriff. Ein knirschendes, altes Geräusch erfüllte den verlassenen Raum, und dann brach ein Schwall abgestandener Luft hinter der Luke hervor. Kojote wie Mensch wandten sich ab und husteten heftig. Die scharfen Sinne des Fensena sagten ihm, dass er fliehen sollte; hier unten gab es nicht nur schlechte Luft. Die Anderwelt war nah, und hier verlief eine alte Fuge. Für den Moment war sie fest verschlossen, aber sie machte den Geistherrn dennoch nervös.

Da er sich nicht rührte, war es der Kaiser, der sich in das Loch hinabbeugte. Er mochte fast so vernunftlos sein wie eine gesprungene Schüssel, aber er besaß reichlich von dem fatalen Problem der Menschen: Neugier. Der Fensena ließ ihn gewähren, da dort drin auch gut Fallen warten konnten.

Schon begann der Kaiser zu schreien, und die Vorsicht des Koyoten erwies sich als berechtigt. Lange Fangarme, grün und leuchtend rot, waren am Rand der Luke erschienen. Vielleicht war diese Fuge doch nicht so fest verschlossen, wie der Fensena gedacht hatte. Die dicken, kraftvoll pulsierenden Tentakel hatten sich Kaleva bereits um den Arm geschlungen und rissen an ihm, bis Blut im Rhythmus seines Herzschlags aus den Wunden drang.

Der Fensena spürte, wie sich seiner Kehle ein leises Wimmern entrang, und kämpfte den natürlichen Drang zur Flucht nieder. Während der Kaiser schrie und wie ein Wahnsinniger an seinem Arm und den Tentakeln riss, sprang der Kojote von einer Seite zur anderen. Ihm war klar, dass das Blut des Kaisers unbedingt in die Luke musste, daher stürzte er sich auf ihn und biss den Kaiser knapp oberhalb der Stelle in den Arm, an der der andere ihn gepackt hatte. Der Fensena stemmte sich gegen den Boden und sorgte dafür, dass der Mensch sich nicht bewegen konnte.

Der Raum stank nach der Anderwelt. Was, wenn die Grenze hier und jetzt brach? Ursprüngliche Angst, die der Fensena längst überwunden glaubte, durchfuhr ihn.

Die Fangarme hielten den Kaiser, und der Geruch von Blut erfüllte den Raum. Kaleva stieß einen seltsamen, erstickten Schrei aus, und dann gab es ein reißendes Geräusch.

Kaleva blieb taumelnd zurück und hielt sich den Arm, aber die Tentakel waren verschwunden und das Blut ebenfalls. Es war akzeptiert worden. Der Fensena stieß ein erleichtertes Jaulen aus und spähte ins Loch.

Dort unten sah er, wonach er trachtete, war aber nicht so dumm, es sich selbst nehmen zu wollen. Er drehte sich zum Kaiser um. »Greift hinein. Holt es raus.«

Kalevas Augen waren groß und verängstigt. »Nein, n-n-nein …«, stotterte er.

Törichter, verdammter Mensch. Dem Fensena riss der Geduldsfaden. Er stand so kurz davor, die Aufgabe, die der Rossin ihm gestellt hatte, zu vollbringen. Dazu gedrängt benutzte der Kojote schließlich seine Macht.

Er griff den Kaiser an und warf ihn um. Für einen Moment zerrte und riss er wie wild an dem heulenden Mann. Der Geruch von Blut trieb ihn an, und es war durchaus möglich, dass er ihn an Ort und Stelle töten würde.

Schließlich fand der Fensena sein gelassenes Zentrum wieder. Als er zur Besinnung kam, stand er über dem verängstigten Kaiser, der über die Verletzungen durch die Tentakel hinaus nun viele Bisswunden hatte. Der Blick des Fensena war auf seine Kehle geheftet, und er überlegte, wie einfach sie aufzureißen wäre. Er konnte sich auch den Körper des Kaisers aneignen, da sein jetziger Körper kurz vor dem Verlöschen stand.

Nein, das durfte er nicht. Der Kaiser wurde gebraucht, und der Rossin wollte nur, was versprochen worden war. Der Fensena knurrte tief und leise. »Greift hinein und holt es raus. Sofort!«

Der Kaiser rutschte zur Seite, weg vom Kojoten und auf die Luke zu. Der Fensena hatte den Menschen davon überzeugt, dass er gefährlicher war als das, was in der Grube war, was immer das sein mochte. Kalevas Hand schloss sich um ein Bündel und zog es heraus.

Es verströmte einen modrigen und kräftigen Geruch. Der Kojote vergaß sofort den Menschen; all seine Sinne waren auf das Bündel gerichtet. »Öffnet es«, knurrte er.

Der immer noch zitternde Kaiser tat, wie ihm geheißen. Der Pelz des Rossin war unverkennbar; das Fell dick, üppig und mit dunklen Flecken gemustert. Es war zusammengelegt und fest mit einem dünnen roten Seil verschnürt.

Die Augen des Fensena glänzten, und ohne ein Wort nahm er das Seil zwischen die Zähne. Den Kaiser ließ er auf dem Boden sitzen, wo er sich die Wunden hielt. Er war nicht länger von Belang. Jetzt musste der Kojote zu seinem Herrn zurückkehren, und zwar schnell. Es war Zeit, dass ihr Plan vorankam.