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Trudi Canavan

DIE BEGABTE

DIE MAGIE DER TAUSEND WELTEN 1

Roman

Deutsch von Michaela Link

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Die Originalausgabe erschien unter dem Titel
»Thief’s Magic. Book One of Millenium’s Rule« bei Orbit,
an imprint of Little, Brown Book Group,
an Hachette Livre UK company, London.

1. Auflage

© der Originalausgabe 2014 by Trudi Canavan

© der deutschsprachigen Ausgabe 2014 by Penhaligon Verlag,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH, München

Umschlaggestaltung: Isabelle Hirtz, Inkcraft

Umschlagmotiv: Melanie Miklitza, Inkcraft

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-941-12329-1

www.penhaligon.de

ERSTER
TEIL

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1 Tyen

Die starren, verwelkten Finger des Leichnams gaben sein Eigentum nur widerstrebend her. Es kam Tyen respektlos vor, es dem Griff des Toten zu entwinden, daher arbeitete er langsam, hob sanft die Hand, wo ein geschwärzter Fingernagel sich an dem Gegenstand verfangen hatte. Er hatte die alten Leichen so oft berührt, dass er sie nicht länger als Übelkeit erregend oder angsteinflößend empfand. Ihr völlig ausgetrocknetes Fleisch hatte schon vor langer Zeit aufgehört, eine Quelle übertragbarer Krankheiten zu sein, und an Geister glaubte er nicht.

Als sich die geheimnisvolle Beute löste, richtete Tyen sich auf und lächelte triumphierend. Er war bei der Sammlung alter Artefakte nicht so skrupellos wie seine Mitstudenten und sein Lehrer, aber wenn er grundsätzlich davor zurückschreckte, die Toten zu stören, würde er niemals seinen Abschluss als Zauberer-Archäologe machen können. Er zwang seine winzige, von Magie genährte Flamme dichter heran.

Noch wusste er nicht, was er gefunden hatte; das Material, in das der geheimnisvolle Gegenstand eingewickelt war, schien ebenso trocken und spröde zu sein wie der Bewohner des Grabes, der ihn nun nach schätzungsweise sechshundert Jahren unberührter Ruhe hatte hergeben müssen. Dickes, vom Alter dunkel gewordenes Leder ohne Markierungen – kein Schmuck, keine kostbaren Steine oder Metalle. Es zerfiel, als er es zu öffnen versuchte, und sein Inhalt rutschte heraus. Tyans Puls beschleunigte sich, als er den Gegenstand auffing …

… und seine Schultern sackten ein wenig herunter. Kein Schatz lag in seinen Händen. Nur ein Buch. Nicht einmal ein juwelenbesetztes und mit Gold verziertes Buch.

Nicht dass ein Buch keinen potenziellen historischen Wert hätte, aber verglichen mit den glitzernden Schätzen, die die beiden anderen Studenten Professor Hofkrazners für die Akademie ausgegraben hatten, war es ein enttäuschender Fund. Nach all den Monaten des Reisens, des Forschens, des Beobachtens und des Grabens hatte er wenig vorzuweisen, was als seine eigene Arbeit gelten konnte. Er hatte endlich ein Grab ausgehoben, das nicht bereits von Grabräubern geplündert worden war, und was enthielt es? Einen schlichten steinernen Sarg, einen schmucklosen Leichnam und ein altes Buch. Trotzdem, die alten Fossilien in der Akademie würden es nicht bereuen, seine Reise finanziert zu haben, wenn das Buch sich als etwas Bedeutsames erwies. Er untersuchte es eingehend. Im Gegensatz zu dem Leder, in das es eingeschlagen war, fühlte sich der ebenfalls lederne Einband biegsam an. Die Bindung war in gutem Zustand. Wenn er das Buch nicht gerade in den Händen der Leiche gefunden hätte, würde er das Alter des Buches auf nicht mehr als vielleicht hundert Jahre geschätzt haben. Der Buchrücken war unbeschriftet. Oder vielleicht war ein ehemaliger Titel auch durch Abnutzung verschwunden. Er öffnete das Buch. Die erste Seite war leer, daher blätterte er weiter. Die nächste war ebenfalls leer, und während er den Rest der Seiten durchging, sah er, dass sie genauso leer waren wie die beiden ersten.

Er starrte das Buch ungläubig an. Warum sollte jemand einem Toten ein leeres, sorgfältig eingewickeltes Buch mit ins Grab geben? Er betrachtete den Leichnam, aber dieser bot auch keine Antwort. Dann lenkte etwas seine Aufmerksamkeit zurück auf das Buch, das immer noch auf einer der letzten Seiten aufgeschlagen war. Er schaute genauer hin.

Ein Mal war auf der leeren Seite erschienen.

Daneben bildete sich ein dunkler Fleck, dann Dutzende weitere. Sie verteilten sich und taten sich zusammen.

Hallo, sagten sie. Mein Name ist Pergama.

Tyen stieß ein Wort hervor, das zu hören seine Mutter schockiert gewesen wäre. Erleichterung und Staunen verdrängten die Enttäuschung. Das Buch war magisch. Obwohl die meisten Zauberbücher auf geringfügige und frivole Art Magie benutzten, waren sie doch so selten, dass die Akademie sie immer in ihre Sammlung aufnahm. Seine Reise war keine Zeitverschwendung gewesen.

Also, was tat dieses Buch? Warum erschien nur dann Text, wenn man es aufschlug? Warum hatte es keinen Titel und keinen Namen? Auf der Seite formten sich weitere Worte.

Ich habe immer einen Namen gehabt. Ich war früher eine Person. Eine lebende, atmende Frau.

Tyen starrte auf die Worte. Ein Frösteln überlief ihn, doch gleichzeitig verspürte er einen vertrauten Kitzel. Magie konnte bisweilen verstörend sein. Sie war oft unerklärlich. Es gefiel ihm, dass nicht alles an ihr verstanden wurde. Das ließ Raum für neue Entdeckungen. Genau deshalb hatte er sich dafür entschieden, neben Geschichte auch Zauberei zu studieren. Auf beiden Gebieten gab es Gelegenheit, sich einen Namen zu machen.

Er hatte noch nie zuvor von einer Person gehört, die sich in ein Buch verwandelt hatte. Wie ist das möglich?, fragte er sich.

Ich wurde von einem mächtigen Zauberer gemacht, erwiderte der Text. Er hat mein Wissen und mein Fleisch genommen und mich verwandelt.

Seine Haut kribbelte. Das Buch hatte auf die Frage reagiert, die er im Geiste geformt hatte. Soll das heißen, dass diese Seiten aus deinem Fleisch gemacht sind?, fragte er.

Ja. Mein Einband und meine Seiten sind meine Haut. Meine Bindung ist mein Haar, zusammengedreht und mit Nadeln aus meinen Knochen und Leim von meinen Sehnen genäht.

Er schauderte. Bist du bei Bewusstsein?

Ja.

Du kannst meine Gedanken hören?

Ja, aber nur wenn du mich berührst. Ohne die Berührung eines lebenden Menschen bin ich blind und taub, gefangen in der Dunkelheit ohne jedes Zeitgefühl. Ich schlafe nicht einmal. Bin nicht ganz tot. Die Jahre meines Lebens gleiten vorbei – vergeudet.

Tyen blickte auf das Buch hinab. Die Worte blieben, füllten jetzt fast eine Seite, dunkel gegen das cremefarbene Pergament. Das ihre Haut war …

Es war grotesk und doch … jedes Pergament war aus Haut gemacht. Obwohl diese Seiten aus menschlicher Haut waren, fühlten sie sich nicht anders an als die, die aus Tierhaut bestanden. Sie waren weich und angenehm anzufassen. Das Buch war nicht so abstoßend wie eine alte, vertrocknete Leiche.

Und es war um so vieles interessanter. Das Gespräch mit ihm war wie ein Gespräch mit dem Toten. Wenn das Buch so alt war wie das Grabmal, wusste es Dinge über die Zeit, bevor es dort hingelegt worden war. Tyen lächelte. Er mochte kein Gold und keine Juwelen gefunden haben, um die Kosten seiner Teilnahme an der Expedition zu rechtfertigen, aber dieses Buch … es konnte das mit historischen Informationen wettmachen.

Weiterer Text formte sich.

Entgegen meinem äußeren Anschein bin ich kein »Es«.

Vielleicht war es die Wirkung des Lichts auf der Seite, aber die neuen Worte schienen ein wenig größer und dunkler zu sein als die vorangegangenen. Tyens Gesicht wurde warm.

Es tut mir leid, Pergama. Ich habe mich schlecht benommen. Ich versichere dir, ich habe es nicht böse gemeint. Es kommt nicht jeden Tag vor, dass ein Mann das Wort an ein redendes Buch richtet. Ich brauche einen Moment, um mir über die Gebote der Höflichkeit in einem solchen Fall klar zu werden.

Sie war eine Frau, machte er sich bewusst. Er sollte die Etikette befolgen, mit der er großgezogen worden war. Obwohl es höllisch heikel sein konnte, mit Frauen zu reden, selbst wenn man alle Regeln des guten Benehmens befolgte. Es wäre unhöflich, ihre Bekanntschaft zu beginnen, indem er ihr Fragen nach ihrer Vergangenheit stellte. Die Regeln der Konversation verfügten, dass er sich nach ihrem Wohlergehen erkundigen sollte.

Also … ist es schön, ein Buch zu sein?

Wenn ich von einer freundlichen Person gehalten und gelesen werde, ist es das, erwiderte sie.

Und wenn dich niemand hält? Ich kann sehen, dass das in deinem Zustand ein Nachteil sein könnte, wenn auch einer, den du erwartet haben musst, bevor du ein Buch geworden bist.

Ich hätte es vorhergesehen, wenn ich vorher von meinem Schicksal erfahren hätte.

Also hast du dich nicht freiwillig entschieden, ein Buch zu werden? Warum hat dein Schöpfer das getan? War es eine Strafe?

Nein, aber vielleicht natürliche Gerechtigkeit, weil ich zu ehrgeizig und zu eitel war. Ich habe seine Aufmerksamkeit gesucht und mehr davon empfangen, als es meine Absicht war.

Warum hast du seine Aufmerksamkeit gesucht?

Er war berühmt. Ich wollte ihn beeindrucken. Ich dachte, meine Freunde würden neidisch sein.

Und dafür hat er dich in ein Buch verwandelt. Was für ein Mann könnte so grausam sein?

Er war der mächtigste Zauberer seiner Zeit, Roporien der Schlaue.

Tyen schnappte nach Luft, und ein Schauer lief ihm über den Rücken. Roporien! Aber er ist vor über tausend Jahren gestorben!

In der Tat.

Dann bist du …

Mindestens so alt, ja. Obwohl es zu meiner Zeit nicht höflich war, eine Bemerkung über das Alter einer Frau zu machen.

Er lächelte. Das ist es nach wie vor nicht – und ich denke nicht, dass es das jemals sein wird. Ich entschuldige mich noch einmal.

Du bist ein höflicher junger Mann. Es wird mir gefallen, in deinem Besitz zu sein.

Du willst, dass ich dich besitze? Tyen fühlte sich plötzlich unbehaglich. Er betrachtete das Buch jetzt als eine Person, und der Besitz einer Person war Sklaverei – eine unmoralische und unzivilisierte Praxis, die seit über hundert Jahren illegal war.

Besser das, als meine Existenz im Nichts zu verbringen. Bücher halten sich nicht ewig, nicht einmal magische. Behalte mich. Benutze mich. Ich kann dir einen großen Schatz an Wissen geben. Alles, was ich erbitte, ist dies: Nimm mich so oft wie möglich in die Hand, damit ich meine Lebensspanne wach und bewusst verbringen kann.

Ich weiß nicht … der Mann, der dich geschaffen hat, hat viele schreckliche Dinge getan – wie du selbst erlebt hast. Ich will nicht in seine Fußstapfen treten. Dann kam ihm ein Gedanke, bei dem ihn eine Gänsehaut überlief. Verzeih mir meine Offenheit, aber sein Buch oder irgendwelche seiner Werkzeuge könnten zum Bösen geschaffen worden sein. Bist du ein solches Werkzeug?

Ich wurde nicht so geschaffen, aber das bedeutet nicht, dass ich nicht dafür benutzt werden könnte. Ein Werkzeug ist nur so böse wie die Hand, die sich seiner bedient.

Die Vertrautheit des Sprichworts war verblüffend und unerwartet beruhigend. Es war ein Sprichwort, das Professor Schmelzer gern mochte. Der alte Historiker begegnete allem Magischen mit Argwohn.

Woher weiß ich, dass du nicht lügst, wenn du behauptest, du seist nicht böse?

Ich kann nicht lügen.

Wirklich? Aber was ist, wenn du darin lügst, nicht lügen zu können?

Das wirst du wohl selbst herausfinden müssen.

Mit gerunzelter Stirn dachte Tyen darüber nach, welche Art von Prüfung ihm Gewissheit in dieser Sache verschaffen könnte, als direkt neben seinem Ohr ein Summen ertönte. Er zuckte erschrocken zusammen, aber es war nur Käfer, seine kleine mechanische Schöpfung. Es war mehr als ein Spielzeug, aber auch nicht ganz das, was er als ein Schoßtier beschreiben würde, und hatte sich auf der Expedition als ein nützlicher Gefährte erwiesen.

Das handtellergroße Insektoid landete auf seiner Schulter, legte seine blau schillernden Flügel zusammen und pfiff dann dreimal. Das sollte ihn warnen, dass …

»Tyen!«

… Miko, sein Freund und Kommilitone im Fach Archäologie, nahte.

Die Stimme hallte in dem kurzen Gang wider, der von der Außenwelt ins Grab führte. Tyen murmelte einen Fluch. Er blickte auf die Seite hinab. Tut mir leid, Pergama. Ich muss Schluss machen. Schritte näherten sich der Tür des Grabes. Da er keine Zeit hatte, sie in seine Tasche zu stecken, stopfte er sie sich unters Hemd, wo sie auf dem Taillenbund seiner Hose zu liegen kam. Sie war warm – was ein wenig beunruhigend war, jetzt, da er wusste, dass es sich um ein bewusstes Ding handelte, das aus menschlichem Fleisch geschaffen worden war – aber er hatte keine Zeit, darüber nachzugrübeln. Er drehte sich zur Tür um, und im nächsten Moment kam Miko hereingestolpert.

»Hast du keine Lampe dabei?«, fragte Tyen.

»Dazu war keine Zeit«, stieß der andere Student hervor. »Hofkrazner hat mich geschickt, dich zu holen. Die anderen sind ins Lager zurückgekehrt, um zu packen. Wir reisen ab.«

»Jetzt?«

»Ja. Jetzt sofort«, erwiderte Miko.

Tyen blickte sich in der kleinen Grabkammer um. Obwohl Professor Hofkrazner diese Auslandsexkursionen gern als Schatzsuche bezeichnete, erwarteten seine Kollegen von den Studenten Belege dafür, dass die Reisen auch deren Bildung zugutekamen. Wenn er die bereits sehr verblassten Dekorationen auf den Wänden der Grabkammer kopieren könnte, hätten sie etwas gehabt, das sie zensieren konnten. Sehnsüchtig dachte er an die neuen Sofortritzer, die einige der reicheren Professoren und der gewerblichen Abenteurer für ihre Aufzeichnungen benutzten. Sie überstiegen sein mageres Taschengeld bei weitem. Und selbst wenn dem nicht so wäre, hätte Hofkrazner sie nicht auf ihre Expeditionen mitgenommen, weil sie ebenso schwer wie empfindlich waren.

Tyen griff nach seiner Tasche und zog die Lasche auf. »Käfer. Rein mit dir.« Das Insektoid huschte über seinen Arm und hinein. Tyen schlang sich den Gurt über Kopf und Schulter und sandte seine Flamme in den Gang.

»Wir müssen uns beeilen«, sagte Miko und ging voran. »Die Einheimischen haben erfahren, wo du gräbst. Es muss ihnen wohl einer der Jungen gesteckt haben, die Hofkrazner eingestellt hat, um uns Proviant zu bringen. Sie kommen mit einer ganzen Horde das Tal herauf und blasen ihre Schlachtenhörner.«

»Sie wollten nicht, dass wir hier graben? Das hat mir niemand gesagt.«

»Hofkrazner wollte nicht, dass wir es dir erzählen. Er meinte, du würdest nach all den Forschungen, die du angestellt hast, bestimmt etwas Beeindruckendes finden.«

Er erreichte das Loch, durch das Tyen in den Gang zur Grabkammer eingedrungen war. Tyen folgte ihm und ließ die Flamme ersterben, während er in das helle Nachmittagslicht hinauskletterte. Trockene Hitze umfing ihn. Miko hatte bereits den oberen Rand des trichterförmigen Lochs erreicht. Tyen, der ihm folgte, schaute zurück und begutachtete sein Werk. Es war nichts mehr in dem Grab, das einen Räuber interessieren würde, aber er wollte es nicht so offen zurücklassen – erst recht nicht, da er jetzt wusste, dass den Einheimischen die Unversehrtheit dieses Grabes so wichtig war. Er sandte seinen Geist aus, zog Magie in sich hinein und ließ dann Erdreich und Steine, die er ringsum aufgeworfen hatte, wieder zurück in den Trichter rutschen.

»Was tust du da?« Miko klang verärgert.

»Ich fülle es auf.«

»Dafür haben wir keine Zeit!« Miko griff nach seinem Arm und riss ihn herum, sodass sie beide in das Tal hinabschauten. Er streckte die Hand aus. »Siehst du?«

Die Talwände waren fast senkrechter Fels, und wo das Gestein im Laufe der Zeit verwittert und in die Tiefe gestürzt war, hatten sich hohe, steile Schuttkegel an der Felswand gebildet. Tyen und Miko standen auf einem dieser Kegel.

Eine lange Reihe von Menschen kam den Talgrund herauf, die Blicke nach oben gerichtet, um das Geröll abzusuchen. Jemand hob den Arm und deutete auf Tyen und Miko. Die Übrigen blieben stehen, dann schüttelten sie die Fäuste.

Ein Schauer durchlief Tyen – teils war es Furcht, teils schlechtes Gewissen. Obwohl die Menschen, die jetzt die entlegenen Täler des Maienlands bewohnten, nichts mit der alten Rasse zu tun hatten, wegen deren Gräbern die Archäologen gekommen waren, hatten sie das Gefühl, dass solche Orte des Todes nicht angerührt werden sollten, damit keine Geister geweckt wurden. Sie hatten das klargestellt, als Hofkrazner eingetroffen war, genau wie sie es früheren Expeditionen gesagt hatten. Aber ihre Proteste hatten sich stets in Worten erschöpft. Sie mussten wirklich außer sich sein, wenn Hofkrazner die Expedition abgekürzt hatte. Warum hatte Hofkrazner ihm nicht gesagt, dass sie in diesem Gebiet keine Grabungen dulden würden?

Tyen öffnete den Mund, um zu fragen, als ein Stück weit neben ihm der Boden explodierte. Sie rissen beide die Arme hoch, um das Gesicht gegen den Staub und die Steine zu beschirmen.

»Kannst du uns beschützen?«, fragte Miko.

»Ja. Gib mir einen Moment …« Tyen sammelte weitere Magie. Diesmal ließ er die Luft um sie herum still werden. Darum ging es bei einem Zauber zumeist: etwas zur Ruhe kommen zu lassen oder etwas zu bewegen. Das Erhitzen und Abkühlen war nichts als eine weitere Form von Bewegen und Beruhigen, nur intensiver und konzentrierter. Als der Staub sich jenseits seines Schildes legte, sah er, dass die Einheimischen sich hinter einer leuchtend bunt gekleideten Frau gesammelt hatten, ihrer Priesterin und Zauberin. Er schickte sich an, zu ihnen hinabzusteigen.

»Bist du verrückt geworden?«, fragte Miko.

»Was können wir sonst tun? Wir sitzen hier oben fest. Wir sollten einfach zu ihnen gehen und mit ihnen reden. Erklären, dass ich nicht …«

Wieder explodierte der Boden, diesmal viel näher.

»Sie scheinen nicht in der Stimmung zu sein zu reden.«

»Sie werden zwei Söhnen des Leratischen Reichs nichts antun«, versuchte Tyen es mit Logik. »Das Maienland profitiert stark davon, dass es eine der sichereren Kolonien ist.«

Miko schnaubte. »Glaubst du, das interessiert die Dorfbewohner? Sie sind an den Gewinnen nicht beteiligt.«

»Nun … die Gouverneure werden sie bestrafen.«

»Das scheint im Moment ihre geringste Sorge zu sein.« Miko drehte sich um, um die Felswand hinter ihnen hinaufzublicken. »Ich werde nicht abwarten, um festzustellen, ob sie bluffen.« Er lief am oberen Rand ihres Schuttkegels entlang und suchte nach Aufstiegsmöglichkeiten im Fels.

Tyen folgte ihm und blieb so nah wie möglich bei Miko, sodass er seinen Schild nicht überdehnen musste, um sie beide damit zu beschirmen. Die Dörfler hatten inzwischen den Schuttkegel erreicht, aber dessen loses Geröll verlangsamte sie. Die Zauberin ging am Fuß des Kegels entlang und versuchte, direkt unter ihnen zu bleiben. Vielleicht – hoffentlich – bedeutete das, dass sie mit ihren Angriffen die Magie in ihrer unmittelbaren Umgebung erschöpft hatte und erst in einiger Entfernung davon wieder Zugang zu mehr Magie finden würde. Wenn dem so war, konnte sie zur Sammlung von Magie nicht so weit ausgreifen wie er selbst.

Sie blieb stehen, und die Luft kräuselte sich vor ihr, ein Puls, der auf ihn zurauschte. Als ihm klar wurde, dass Miko vorausgegangen war, zog Tyen weitere Magie in sich hinein und breitete den Schild aus, um ihn zu beschützen.

Kurz vor ihren Füßen explodierte das Geröll. Tyen ignorierte die Steine und den Staub, die von seinem Schild abprallten, und beeilte sich, Miko einzuholen. Sein Freund hatte einen Spalt in der Felswand erreicht. Nachdem er die Füße auf die rauen Flächen des schmalen Spalts gestellt und dessen Kanten umfasst hatte, begann er zu klettern. Tyen legte den Kopf in den Nacken. Zwar reichte der Riss im Fels ein Stück nach oben, aber bei weitem nicht bis zum oberen Ende der Wand. Stattdessen verbreiterte er sich etwa drei Manneshöhen über ihnen und bildete eine schmale Höhle.

»Das ist keine gute Idee«, murrte er. Selbst wenn sie nicht abrutschten und sich etwas brachen, würden sie festsitzen, sobald sie die Höhle erreicht hatten.

»Wir haben keine Wahl. Wenn wir nach unten gehen, werden sie uns fangen«, sagte Miko mit gepresster Stimme und ohne seine Aufmerksamkeit vom Klettern abzuwenden. »Schau nicht nach oben. Schau auch nicht nach unten. Klettere einfach.«

Obwohl die Felsspalte fast senkrecht war, bot sie mit ihren zerklüfteten Kanten genug Halt für Hände und Füße. Tyen schluckte hörbar und schwang sich seine Tasche auf den Rücken, damit er Käfer nicht zwischen sich selbst und der Wand zerquetschte. Dann schob er Finger und Zehen in die raue Oberfläche und hievte sich empor.

Zuerst war es leichter, als er erwartet hatte, aber schon bald wurden seine Finger, Arme und Beine müde und schmerzten vor Anstrengung. Ich hätte mehr Sport treiben sollen. Ich hätte einem Club beitreten sollen. Dann schüttelte er den Kopf. Nein, es gibt keinen Sport, den ich hätte machen können und der diese Muskeln trainiert hätte, es sei denn, ich wäre Felswände hinaufgeklettert, und ich habe von keinem Club gehört, der das als Freizeitbeschäftigung einstufen würde.

Der Schild hinter ihm erbebte unter einem plötzlichen Aufprall. Tyen ließ mehr Magie hineinfließen und versuchte, sich nicht vorzustellen, wie er einer Wanze gleich auf der Klippenwand zerquetscht würde. Hatte Miko recht, was die Einheimischen betraf? Würden sie es wagen, ihn zu töten? Oder setzte die Priesterin einfach darauf, dass er als Zauberer gut genug war, um ihre Angriffe abzuwehren?

»Wir sind fast da«, rief Miko.

Tyen ignorierte das Feuer in seinen Fingern und Waden und blickte auf, um zu sehen, wie Miko in der Höhle verschwand. Nicht mehr weit jetzt, sagte er sich. Er zwang seine schmerzenden Glieder zu ziehen, zu schieben und ihn hinaufzutragen, auf den dunklen Schatten der Sicherheit zu. Während er wieder und wieder emporblickte, sah er, dass er eine Körperlänge entfernt war, dann nah genug, um die Öffnung mit einem ausgestreckten Arm zu erreichen. Eine Vibration ging durch den Stein unter seiner Hand, und Splitter lösten sich aus dem Fels. Er fand abermals Tritt, stieß sich hoch, hielt sich fest, zog, spürte den kühlen Schatten der Höhle auf dem Gesicht …

Dann packten ihn Hände unter den Achseln und zerrten ihn nach oben.

Miko hörte nicht auf zu ziehen, bis Tyen ganz in der Höhle lag. Sie war so schmal, dass seine Schultern beide Seiten zugleich berührten. Es gab auch keinen durchgehenden Boden; unter ihnen verlief der Spalt in der Felswand, aber er war hier so schmal, dass sie nicht hineinrutschen konnten.

Und der Grund, den dieser Spalt bildete, senkte sich, je tiefer man in die Höhle vordrang, sodass Tyen jetzt mit dem Kopf tiefer lag als mit den Beinen. Er spürte, wie ihm das Buch aus dem Hemd rutschte, und versuchte es festzuhalten, aber Miko kam ihm mit den Armen in die Quere. Das Buch fiel unter ihm in den Spalt. Er fluchte und schuf schnell eine Flamme. Das Buch war auf einer Kante liegen geblieben, aber er hätte es mit der Hand nicht erreicht – selbst wenn sein Arm mager genug gewesen wäre, um in den Spalt zu passen.

Miko ließ ihn los und drehte sich zaghaft um, um die Höhle zu untersuchen. Tyen ignorierte ihn und ging in die Hocke, zog seine Tasche nach vorn und öffnete sie. »Käfer«, zischte er. Der kleine Apparat regte sich, dann huschte er heraus und Tyens Arm hinauf. Tyen zeigte auf den Spalt. »Hol das Buch.«

Käfers Flügel summten zur Bestätigung, dass er verstanden hatte, dann sirrte sein Körper, als er Tyens Arm hinunter und in den Spalt huschte. Das Insektoid musste die Beine weit spreizen, um in dem Spalt Halt zu finden, wo das Buch lag. Tyen stieß einen Seufzer der Erleichterung aus, als seine winzigen Zangen den Buchrücken packten. Sobald Käfer an dem Spalt auftauchte, steckte Tyen ihn zusammen mit Pergama in seine Tasche.

»Beeil dich! Der Professor ist hier!«

Tyen stand auf. Miko schaute nach oben und drückte einen Finger an die Lippen. Ein schwaches, rhythmisches Geräusch hallte in dem Raum wider.

»Im Luftwagen?« Tyen schüttelte den Kopf. »Ich hoffe, ihm ist klar, dass die Priesterin uns mit Steinen bombardiert. Sonst könnte es ein sehr langer Heimweg werden.«

»Ich bin mir sicher, dass er auf einen Kampf vorbereitet ist.« Miko wandte sich ab und ging an dem Spalt entlang weiter. »Ich denke, wir können hier hinaufklettern. Komm her und bring dein Licht mit.«

Tyen stand auf und folgte Miko. Hinter seinem Kameraden wurde der Spalt wieder schmaler, aber Schutt hatte den Raum gefüllt und bot ihnen eine steile, unebene, natürliche Treppe. Über sich sahen sie einen Fleck blauen Himmels. Miko begann zu klettern, aber das Geröll löste sich unter seinem Gewicht, sodass er nicht weiterkam.

»So dicht am Ziel.« Er blickte hoch. »Kannst du mich dort hinaufheben?«

»Vielleicht …« Tyen konzentrierte sich auf die magische Atmosphäre. In der Höhle war seit langer Zeit keine Magie mehr benutzt worden. Die Magie war so glatt verteilt und so reglos wie ein Teich an einem windstillen Tag. Und sie war in Fülle vorhanden. Er hatte sich immer noch nicht daran gewöhnt, wie viel stärker und verfügbarer Magie außerhalb der Städte war. Anders als in der Metropole, wo Magie ständig zu wichtigerer Verwendung wogte, sammelte sich hier die Macht wie ein sanfter Nebel um ihn herum. Den in der Stadt allgegenwärtigen Ruß, das Überbleibsel verbrauchter Magie, hatte er hier bisher nur in kleinen, sich schnell auflösenden Flecken bemerkt. »Sieht so aus, als wäre es möglich«, sagte Tyen. »Bist du bereit?«

Miko nickte.

Tyen holte tief Luft. Er sammelte Magie und benutzte sie, um vor Miko ein kleines flaches Rechteck aus Luft ganz still werden zu lassen.

»Tritt vor«, wies er seinen Freund an.

Miko gehorchte. Tyen stärkte das Rechteck, um das Gewicht des jungen Mannes zu halten, dann bewegte er es langsam nach oben. Miko streckte die Arme aus, um das Gleichgewicht zu wahren, und lachte nervös.

»Lass mich eben überprüfen, ob uns auch niemand dort oben erwartet, bevor du mich aus der Höhle hebst«, rief er zu Tyen herab. Nachdem er durch die Öffnung gespäht hatte, grinste er. »Die Luft ist rein.«

Als Miko von dem Rechteck heruntertrat, ertönte ein Ruf vom Eingang der Höhle. Tyen drehte sich um und sah einen der Einheimischen hereinklettern. Er nahm Magie in sich auf, um den Mann wieder hinauszustoßen, besann sich dann jedoch eines Besseren. Wenn der Mann die Felswand hinabstürzte, könnte er dabei umkommen. Stattdessen schuf Tyen einen weiteren Schild innerhalb des Eingangs.

Als er sich umschaute, spürte er, wo die magische Atmosphäre erschöpft war, aber es strömte bereits weitere Magie ein, um die verbrauchte zu ersetzen. Er nahm noch ein wenig mehr, um ein weiteres Rechteck zu formen, dann trat er, in der Hoffnung, dass die Einheimischen nichts tun würden, um seine Konzentration zu stören, auf das Rechteck und ließ es emporsteigen.

Er hatte es nie gemocht, sich selbst oder jemand anderen auf diese Weise aufsteigen zu lassen. Wenn er jemals in seiner Konzentration nachließ oder ihm die Magie ausging, blieb keine Zeit, um eine neue Plattform zu schaffen. Zwar war es möglich, die Person selbst zu bewegen, statt die unter ihr zum Stillstand gebrachte Luft, aber dabei konnte ein Mangel an Konzentration oder ein kleiner Fehler – wenn man nicht alle Teile eines Körpers mit gleicher Geschwindigkeit bewegte – zu Verletzungen oder sogar zum Tod führen.

Als Tyen den oberen Rand des Spalts erreichte, trat er ins Sonnenlicht hinaus. Über dem Tal vor der Felswand schwebte eine große, rhombenförmige, mit heißer Luft gefüllte Kapsel – der Luftwagen. Er trat von seinem Rechteck auf den Boden und eilte zu Miko, der bereits am Rand der Felswand stand.

Der Luftwagen senkte sich ins Tal hinab, sodass die Kapsel den Blick auf die darunter hängende Gondel und ihre Insassen versperrte. Die Dorfbewohner hatten sich am unteren Ende des Spalts gesammelt; einige von ihnen waren auch in die Felswand gestiegen. Die Priesterin hatte den Schuttkegel noch nicht ganz bezwungen und richtete ihre Aufmerksamkeit jetzt auf den Luftwagen.

»Professor!«, rief Tyen, obwohl er wusste, dass es unwahrscheinlich war, dass man ihn über den Lärm der Propeller hören konnte. »Hier drüben!«

Der Luftwagen entfernte sich weiter von der Felswand. Unter ihm machte die Priesterin eine dramatische Gebärde, die nur darauf bedacht war zu beeindrucken – die Magie selbst erforderte keinerlei fantastische körperliche Bewegungen. Tyen hielt den Atem an, als ein Flimmern der Luft nach oben schoss, und stieß ihn wieder aus, als die Wucht des Angriffs mit einem dumpfen Schlag, der durch das Tal hallte, unter dem Luftwagen abgefangen und neutralisiert wurde.

Der Luftwagen ging in den Steigflug über, und gleich darauf gab die Kapsel den Blick auf die lange, schmale Gondel frei; sie hatte die Form eines Kanus, mit zu beiden Seiten herausragenden Propellerarmen und einem fächerähnlichen Ruder am Heck. Professor Hofkrazner saß vorn auf dem Fahrersitz, Drem, sein Diener, der bereits in den mittleren Jahren war, und der dritte Student, Neel, standen an der Seilreling und hielten sich an den Tragseilen fest, die die Kapsel mit der Gondel verbanden. Das Trio würde ihn und Miko sehen, wenn sie sich nur umdrehten und in ihre Richtung schauten. Er rief und ruderte mit den Armen, aber die Besatzung des Luftwagens starrte wie gebannt nach unten.

»Mach ein Licht oder irgendetwas«, sagte Miko.

»Sie werden es nicht sehen«, erwiderte Tyen, aber er zog trotzdem noch mehr Magie in sich hinein und formte eine neue Flamme, machte sie größer und heller als die früheren in der Hoffnung, dass sie in dem strahlenden Sonnenlicht deutlicher zu sehen sein würde. Zu seiner Überraschung blickte der Professor herüber und entdeckte sie.

»Ja! Hierher!«, rief Miko.

Hofkrazner wendete den Luftwagen und hielt mit brummenden Propellern auf den oberen Absatz der Felswand zu. An beide Seiten der Gondel waren Taschen und Kisten mit ihrer Expeditionsausrüstung geschnallt. Schließlich kam der Wagen mit einem Schwall vertrauter Gerüche über den Rand des Felsens. Tyen atmete den Duft von harzbestrichenem Tuch, poliertem Holz und Pfeifenrauch ein und musste unwillkürlich lächeln. Miko griff nach der Reling aus Tauwerk, die rund um die Gondel verlief, duckte sich darunter hinweg und stieg an Bord.

»Tut mir leid, Jungs«, sagte Hofkrazner. »Die Expedition ist vorbei. Es hat keinen Sinn mehr zu bleiben, wenn die Einheimischen erst einmal diesen Zustand erreicht haben. Macht euch auf das Knacken in den Ohren gefasst. Wir steigen auf.«

Als Tyen sich sein Bündel auf den Rücken schwang, um an Bord zu gehen, dachte er an das, was darin war. Er hatte keinen Schatz, mit dem er angeben konnte, aber zumindest hatte er etwas Interessantes gefunden. Nachdem er sich unter dem Seil der Reling hindurchgeduckt hatte, setzte er sich auf das schmale Deck und ließ die Beine über den Rand baumeln. Miko nahm neben ihm Platz. Der Luftwagen stieg rasch auf, und seine Nase drehte sich langsam in Richtung Heimat.