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Das Buch

Bereits seit fünf Jahren ist Sapphire die Lieblingsmätresse des Königs von Sari. Sehr zum Leidwesen der Königin von Sari – und zu Sapphires eigenem, denn die junge Schönheit ist nicht nur bestens in allen Liebeskünsten unterrichtet, sondern auch klug und abenteuerlustig. Das Leben im goldenen Käfig empfindet sie als Qual, und sie sehnt sich nach Freiheit und der wahren Liebe.

Wulfric D’Ashier, der Kronprinz des Nachbarreiches von Sari, und seit Jahren mit dem sarischen Königshaus verfeindet. Eines Tages wird er im Grenzgebiet von einer gegnerischen Patrouille überwältigt und fast getötet. Schwer verletzt wird er Sapphires Obhut übergeben. Schnell ist beiden klar, dass sie füreinander bestimmt sind, und gemeinsam erleben sie einen Rausch der Leidenschaft. Doch der König von Sari ist nicht bereit, Sapphire so einfach aufzugeben, und so droht die Liebe von Sapphire und Wulfric ihrer beider Länder ins Unglück zu stürzen …

Die Autorin

Die Nummer-1-Bestsellerautorin Sylvia Day stand mit ihrem Werk an der Spitze der New York Times-Bestsellerliste sowie 23 internationaler Listen. Sie hat über 20 preisgekrönte Romane geschrieben, die in mehr als 40 Sprachen übersetzt wurden. Weltweit werden ihre Romane millionenfach verkauft, die Serie CROSSFIRE ist derzeit als TV-Verfilmung in Planung. Sylvia Day wurde nominiert für den Goodreads Choice Award in der Kategorie bester Autor.

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Ein ausführliches Werkverzeichnis aller von Sylvia Day im Wilhelm Heyne Verlag erschienenen Bücher finden Sie hier.

Sylvia Day

IM BANN

DER LIEBE

Roman

WILHELM HEYNE VERLAG

MÜNCHEN

Titel der amerikanischen Originalausgabe

IN THE FLESH

Deutsche Übersetzung von Ursula Gnade

Deutsche Erstausgabe 02/2015

Redaktion: Catherine Beck

Copyright © 2009 by Sylvia Day

Copyright © 2015 der deutschsprachigen Ausgabe by

Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Umschlaggestaltung: Nele Schütz Design, München,

unter Verwendung von Shutterstock/Daria Minaeva

Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach

ISBN: 978-3-641-14565-1

Twitter_Voegelchen.TIF www.twitter.com/HeyneFantasySF

@HeyneFantasySF

www.heyne-fantastisch.de

Dies ist für all die Leser, die fünf lange Jahre auf

Sapphires Geschichte gewartet haben.

Ich hoffe, sie gefällt euch!

Prolog

D’Ashier, im Grenzgebiet

»Ist er tot, Eure Hoheit?« Wulfric, der Kronprinz von D’Ashier, schloss den Bioscanner, erhob sich aus seiner kauernden Haltung und starrte auf den Leichnam vor seinen Füßen. Wüstensand wirbelte um die Leiche herum und hatte es eilig, sie zu begraben. »Bedauerlicherweise ja.«

Er hob den Blick und ließ ihn über die Böschungen um sie herum gleiten. »Erstattet am nächsten Kontrollposten Meldung. Es besteht keine Notwendigkeit, den Vorfall frühzeitig zu melden und zu riskieren, dass das Signal abgefangen wird.«

Sie waren zu nah an Sari, um das Risiko einer Entdeckung einzugehen. Der König von Sari lag immer auf der Lauer, um bei der geringsten Provokation in den Krieg zu ziehen – daher die niemals endenden Grenzpatrouillen.

Alle zwei Monate begleitete Wulf einen Zug Soldaten von D’Ashier auf ihren Kontrollgängen. Seine Anwesenheit war nicht erforderlich, aber er sah darin eine notwendige Maßnahme. Ein guter Herrscher setzte sich den Belastungen aus, die auch seine Leute durchmachten. Er sah die Welt durch ihre Augen, aus ihrer Perspektive, und nicht von so hoch oben, dass er das Gespür für ihre Nöte verlor.

»Wollte er rein oder raus, Eure Hoheit?«

Er warf einen Blick auf den jungen Lieutenant an seiner Seite. »Ich kann es nicht mit Sicherheit sagen. Es ist so heiß heute, dass ich nicht einmal bestimmen kann, wie lange er schon tot ist.« Der Schutzanzug, den Wulf trug, bewahrte ihn sowohl vor Austrocknung als auch vor der sengenden Sonne, doch er konnte die Hitzewellen über dem Sand flimmern sehen. Nach den jüngsten Konfrontationen war die Grenze abrupt geschlossen worden, was zur Aufspaltung zahlreicher Familien geführt hatte. Eine bedauerliche Folge war der Tod vieler Staatsbürger bei dem Versuch, die Grenze zu ihren Angehörigen zu überqueren. Wulf bemühte sich um die Wiederaufnahme regelmäßiger Vertragsverhandlungen mit Sari, doch der sarische König lehnte jedes Mal ab. Trotz all der Jahre, die inzwischen vergangen waren, hegte Sari nach wie vor Groll.

Vor zweihundert Jahren war D’Ashier eine große, wohlhabende Bergbaukolonie Saris gewesen. Nach Jahren der Meinungsverschiedenheiten und Ungerechtigkeiten, die von beiden Seiten geltend gemacht wurden, hatte eine blutige Revolution das kleine Territorium von seinem Heimatland befreit und eine dauerhafte Animosität zwischen den beiden Ländern hervorgerufen. Die Bevölkerung von D’Ashier hatte den populären und geliebten Gouverneur zum Monarchen gekrönt. Im Lauf der Jahre hatten Wulfs Vorfahren die junge Nation ausgebaut und gefestigt, bis sie mit allen anderen konkurrieren konnte.

Doch die königliche Familie von Sari blickte immer noch so herablassend auf D’Ashier, wie ein frustrierter Elternteil die Nase über ein Kind rümpfen würde, das sich zum Emporkömmling entwickelt. Sari blieb standhaft bei seiner Entscheidung, D’Ashiers Macht und seine Staatshoheit zu ignorieren. Die Talgoritminen von D’Ashier waren der größte Produzent der begehrten Energiequelle im bekannten Universum und durchaus jede Schlacht und jeden Krieg wert, der geführt wurde, um sie zurückzuerobern.

»Hier ist etwas faul.« Wulf hob seinen Feldstecher an die Augen, um den Himmel abzusuchen.

Er und der Lieutenant standen wenige Kilometer von der Grenze entfernt auf einer kleinen Anhöhe. Ganz in der Nähe schwebte einsatzbereit sein Skipsbåt. Um sie herum hielten Gardisten von D’Ashier Wache. Insgesamt waren sie ein Dutzend, die erforderliche Anzahl für jede Patrouille. Von seiner günstigen Position aus konnte er ein gutes Stück weit sehen und hätte sich relativ sicher fühlen sollen, und doch hatten sich ihm die Nackenhaare aufgestellt. Er hatte schon vor langer Zeit gelernt, seinen Instinkten zu vertrauen. Also begutachtete er die Situation abermals und sagte: »Das Ganze hat etwas Gestelltes und Künstliches an sich, und es gibt zu viele offene Fragen. Ohne Transportmittel könnte dieser Mann nicht so weit gereist sein. Wo ist sein Skip? Wo ist sein Proviant? Warum hat der Sand ihn nicht begraben?«

Als es in seinen Kopfhörern zu knistern begann, ließ er den Feldstecher sinken.

»Es gibt kein Anzeichen für etwas Bemerkenswertes, Eure Hoheit. Wir haben die Umgebung im Umkreis von zwei Kilometern durchsucht.«

»Sonst noch irgendwelche ungewöhnlichen Messungen, Captain?«

»Nichts.«

Er warf einen Blick auf den jungen Lieutenant, der erwartungsvoll neben ihm stand. Zu Wulfs Patrouillen wurde stets ein Übermaß an Offizieren herangezogen, darunter gewöhnlich zahlreiche neu bestallte. Diesen Wunsch hatte der General schon vor Jahren geäußert, um seinen Untergebenen zu demonstrieren, wie die Befehlslast getragen werden sollte. In diese Führungsrolle war Wulf von Geburt an mühelos hineingewachsen. »Gehen wir.«

Rasch liefen sie zu ihren abgestellten Skips und setzten dabei die von Natur aus sparsamen Bewegungen der Bewohner eines Wüstenplaneten ein. Als sie gerade Vorbereitungen trafen, um auf die schmalen Bikes zu steigen, grollte der Boden Unheil verkündend. Die Geräuschquelle war leicht aufzuspüren, und Wulf verfluchte sich für sein Versäumnis, die Falle vorherzusehen. Er lockerte die Griffhalterung des Glefenhalfters, der an seinem Oberschenkel angebracht war, und brüllte eine Warnung. Dann sprang er auf sein Skip, gab Gas und zog fest am Hebel. Unmittelbar bevor die kleine feindliche Fräse aus dem Sand hervorkam, flog er davon.

»Ich kann keinen Notruf aussenden«, rief der panische Lieutenant.

Der Rest der Patrouille fügte sich in den V-förmigen Gruppenverband ein und raste tiefer in das Gebiet von D’Ashier hinein.

»Sie blockieren die Übertragung.« Wulfs Ton war grimmig. »Verflucht noch mal, sie müssen sich tagelang ihren Weg durch den Sand gegraben haben.«

»Warum waren sie auf den Scannern nicht zu sehen? Wir waren direkt über ihnen.«

»Der Strom war abgeschaltet. Ohne diese Signatur waren sie praktisch unsichtbar.«

Wulf nahm das kräftige Surren der Fräse hinter ihnen sehr bewusst wahr. Das Warnsignal, das ihre Nachforschungen ausgelöst hatte, musste entstanden sein, als das Transportmittel von Sari nach D’Ashier eingedrungen und bevor die Motoren abgeschaltet worden waren. Der Leichnam war lediglich der Köder, der dafür sorgte, dass die Anomalie nicht als Fehlfunktion abgetan wurde.

»Wie zum Teufel konnten sie ohne Kabinenklimatisierung unten bleiben?«

»Aus reiner Verzweiflung«, murmelte der Captain und flog nach oben, als ein Warnschuss von der Fräse Sand in einer Wolke vor ihm aufsprühen ließ. »Das ist keine sarische Fräse. Es sind Söldner.«

Während er die Landschaft durch seinen Navigationsscanner musterte, sagte Wulf: »Wir können sie nicht abhängen. Trennt euch über der Erhebung. Umkreist die Felsformation.«

Nach dem Überfliegen der Anhöhe spaltete sich die Patrouille in zwei Gruppen auf. Ein weiterer Schuss von der Fräse traf sein Ziel und ließ einen Skip kurz trudeln, bevor er explodierte und den Soldaten tötete, der ihn steuerte. Die restlichen Männer beugten sich tiefer hinunter, während sie auf die mehrtürmige Felsformation zurasten, Monolithen, die aus dem Wüstenboden aufragten.

Wulf fluchte, als ein gut gezielter Schuss von der Fräse einen Turm aus rotem Fels zerbröckeln ließ. Blutfarbener Staub wogte auf, während ein entsetzliches Krachen die Luft zerriss. Ein Blick auf seine Konsole zeigte ihm, dass Brocken in der Größe von Transportmitteln losbrachen und auf die andere Hälfte seiner Patrouille hinunterkrachten. Die stark reduzierte Sichtanzeige machte deutlich, dass nur wenige überlebt hatten.

Als er in die Kurve ging, sah er eine Bresche, die ihnen eine Chance zum Kampf geben konnte.

»Absteigen«, befahl er und schlängelte sich mit seinem Skip zwischen den Monolithen durch. »Lockt sie aus der Deckung heraus.«

Im Mittelpunkt der Felsformation befand sich eine kreisförmige Sandfläche. Sie setzten auf, stiegen ab und fächerten sich auf, um einen nach außen gewandten Kreis zu bilden. Dann zogen sie ihre Glefen, aktivierten die enormen Klingen und warteten. Die Anspannung war geradezu greifbar.

Phaserbeschuss ließ den Boden unter ihnen erbeben, doch im Innern der Gesteinsformation waren sie in Sicherheit. Die Lücken und Spalten zwischen den einzelnen Felsen waren groß genug für einen Skip, nicht jedoch für die Fräse, die viel breiter war. Wenn die Angreifer sie töten wollten, würden sie zu Fuß hereinkommen und Mann gegen Mann kämpfen müssen.

Die Warterei zog sich endlos hin. Schweiß strömte über Wulfs Schläfen. Der Rest seiner Haut blieb nur dank des Dämmanzugs trocken, der seine Körpertemperatur regulierte.

»Wir wollen nichts weiter als den Prinzen.« Die Wörter hallten um sie herum. »Gebt ihn uns, und der Rest von euch kann weiterleben.«

Wulf spürte die Wut, die sich in seinen Rängen ausbreitete.

»Erst werdet ihr uns töten müssen«, sagte der Captain herausfordernd.

»Ich hatte gehofft, dass ihr das sagen würdet«, kam die lachende Erwiderung. Dann erhellte Blasterbeschuss die Luft und wurde von der raschen Bewegung einer Glefe abgelenkt, deren starke Laserklinge es leicht mit der plumpen Handfeuerwaffe aufnehmen konnte.

Wulf stellte fest, dass seine Männer im Handumdrehen umzingelt waren. Während er mit angeborenen Reflexen Ausfälle machte und parierte, wusste er, dass mehr als nur eine Fräse da gewesen sein musste. All diese Männer konnten nicht in ein einziges der kleinen Transportmittel hineingepasst haben. Er wusste auch, dass keine Hoffnung auf einen Sieg bestand – nicht, wenn sie vier zu eins in der Unterzahl waren.

Der Drang zur Kapitulation war stark, denn es ging darum, die Leben seiner Männer zu retten. Ungeachtet des Risikos, das seine Auslösung für D’Ashier darstellen würde, wollte sich Wulf gerade ergeben, als seine Kopfhörer knisterten.

»Nein, Eure Hoheit.« Der Captain warf einen Seitenblick auf ihn. »Sie werden uns trotzdem töten. Lasst uns wenigstens ehrenhaft sterben.«

Und so kämpfte er weiter, den Brustkorb zugeschnürt vor Bedauern und vergeblicher Wut. Jeder seiner Soldaten gab sein Letztes, obwohl sie sich über die Unabwendbarkeit des Ausgangs im Klaren waren. Sie traten auf diejenigen ein, die nah genug kamen, mähten jene nieder, die ihnen versehentlich vor die Klingen liefen, und hielten sich so nah wie möglich bei Wulf, vergeblich bemüht, ihn zu verschonen.

Einer nach dem anderen fielen sie, und in der Luft hing der schwere Geruch nach verbranntem Fleisch. Der sandige Boden war mit Leichen übersät, sowohl von Soldaten als auch von Söldnern. Aber schon allzu bald stand er den vielen allein gegenüber.

Am Ende ging Kronprinz Wulfric von D’Ashier mit dem Wissen zu Boden, dass er nicht mehr hätte tun können, als er getan hatte.

Das genügte ihm.

Sari, im königlichen Palast

Sapphire faulenzte in dem kleinen privaten Atrium, das an ihre Unterkunft grenzte, und musterte auf ihrem Tablet geistesabwesend den Entwurf des Palasts von Sari. Vögel zwitscherten in ihren hängenden Käfigen und sangen im Chor mit dem plätschernden Wasser im Brunnen. Sonnenschein strömte auf die breiten Wedel der Pflanzen, die die Wände säumten und Schutz vor den sengenden Strahlen spendeten, die durch die niedrigen Oberlichter gefiltert wurden.

Die anderen Mätressen, königliche Konkubinen wie sie, plauderten im Serail miteinander, doch sie wollte heute nicht unter Menschen sein. Tatsächlich hatte sie im Laufe der letzten Jahre festgestellt, dass sie ihr Leben im Palast zunehmend unbefriedigender fand. Sie war eine lebhafte Frau mit vielfältigen Interessen. Das träge Leben einer Konkubine war zwar hoch angesehen und geachtet, entsprach jedoch nicht ihrem Naturell.

Dennoch war Sapphire immer noch dankbar dafür, dass der König von Sari sie unter den vielen Frauen ausgewählt hatte, die die Akademie der sinnlichen Künste in der Hauptstadt abgeschlossen hatten. Ihren Abschluss hatte sie kurz nach dem Ende der Konfrontationen mit D’Ashier gemacht, einem langwierigen Krieg mit einer benachbarten Nation, der Saris Mittel erschöpft hatte. Eine Zeit lang waren Konkubinen zu einem unerschwinglichen Luxus geworden, und viele Schulabsolventinnen waren gezwungen gewesen, ihre Verträge an den Höchstbietenden zu versteigern. Das Interesse des Königs bewahrte sie vor einem ähnlichen Los und begründete ihren hohen gesellschaftlichen Status. Das Einzige, was sie hatte aufgeben müssen, war ihr Name. Jetzt war sie als Sapphire bekannt, der königliche Stein von Sari. Diese Anrede war eine unbestreitbare Kundgebung der königlichen Besitzansprüche und die Triebfeder ihres Ruhms.

Doch ihr König gehörte ihr so gewiss, wie sie ihm niemals gehören würde. Seine Liebe zu ihr war zwanghaft, sein Begehren unersättlich. Er verlangte ihre Anwesenheit bei allen öffentlichen Veranstaltungen. Seit ihrer ersten gemeinsamen Nacht hatte er sich nie mehr mit einer anderen Frau gebettet. Nicht einmal die Königin ließ er in sein Bett.

Gerade der letzte Umstand bereitete Sapphire großen Kummer. Es war nicht zu übersehen, dass die Königin von Sari ihren Gatten liebte. Sapphire besaß keine persönliche Erfahrung mit diesem großen Gefühl, doch sie stellte sich vor, der Schmerz müsse verheerend sein – einen Mann zu lieben, der seinerseits eine andere liebte. Es war ihr verhasst, die Ursache solchen Elends zu sein.

Im Lauf der letzten Jahre hatte sie jede Gelegenheit ergriffen, in den höchsten Tönen von ihrer Königin zu sprechen. Sie hob die Schönheit Ihrer Majestät hervor, die Selbstsicherheit und die Leichtigkeit, mit der sie Befehle erteilte, doch ihr Lob stieß auf taube Ohren. Ihre wohlmeinenden Bemühungen, der anderen Frau zu helfen, scheiterten allesamt.

Seufzend legte Sapphire das Tablett zur Seite, erhob sich und begann, über den gefliesten Pfad zu schlendern.

»Es ist mir verhasst, dich so gelangweilt zu sehen«, ertönte eine trällernde Stimme vom Durchgang her.

Sapphire drehte den Kopf, und ihr Blick traf auf sanfte blassgrüne Augen. Die blonde Frau in den wehenden rosafarbenen Gewändern war ihr ein willkommener Anblick. »Mom!«

»Hallo, meine Süße.« Sasha Erikson breitete ihre Arme aus, und Sapphire eilte hinein und schmiegte sich genüsslich in die mütterliche Umarmung. »Du hast mir gefehlt. Erzähl mir, was sich bei dir getan hat.«

»So ziemlich gar nichts, wie ich zu meinem Bedauern sagen muss.«

»O mein Liebling.« Ihre Mutter drückte ihr einen Kuss auf die Stirn. »Ich glaube mehr und mehr, ich habe dir einen schlechten Dienst erwiesen, weil ich nicht gesehen habe, worin deine wahre Berufung bestand.«

Sasha hatte das Leben einer Konkubine geliebt und Sapphire gedrängt, ebenfalls diese Laufbahn einzuschlagen. Inzwischen war Sasha im Ruhestand und ordentliche Professorin an der Akademie der sinnlichen Künste. Sie wurde hochgeschätzt für ihre Schönheit und die Verehrung, die ihr umschwärmter Ehemann ihr zukommen ließ. Sapphires Erfolg wurde weitgehend der Anleitung ihrer Mutter zugeschrieben, und sie war dankbar für diesen Vorteil. Dennoch hatte sie zu spät erkannt, dass sie sich weitaus mehr für den militärischen Beruf ihres Vaters eignete als für die sinnliche Tätigkeit ihrer Mutter.

»Du weißt, dass das nicht stimmt.« In Sapphires Stimme schwang ein sanfter Vorwurf mit. Sie hakte sich bei ihrer Mutter ein und zog sie in das Atrium. »Ich hätte diese Laufbahn nicht eingeschlagen, wenn ich es nicht selbst gewollt hätte. Nur habe ich mit meiner Erwartungshaltung nicht ganz richtig gelegen. Das ist einzig und allein meine Schuld.«

»Was hast du denn erwartet?«

»Anscheinend zu viel. Ich kann dir sagen, was ich nicht erwartet habe. Ich habe ganz bestimmt nicht mit den Konfrontationen oder mit dem Verkauf meines Vertrags an den König gerechnet. Ich habe nicht damit gerechnet, dass es sich bei der politischen Eheschließung zwischen unseren Monarchen tatsächlich für nur einen von beiden um eine Liebesheirat gehandelt hat. Ich hätte das Angebot Seiner Majestät niemals angenommen, wenn ich das gewusst hätte.« Sie rümpfte die Nase. »Ich war naiv.«

»Du? Naiv?« Sasha drückte ihre Hand. »Liebling, du bist eine der pragmatischsten Frauen, die ich kenne.«

»Das würdest du nicht sagen, wenn du wüsstest, was ich mir zu dem Zeitpunkt erhofft habe. Ich wollte das, was ihr beide habt, du und Vater. Ihr habt eine großartige Liebesgeschichte – der gut aussehende, heldenhafte General, der sich in seine wunderschöne Konkubine verliebt und sie heiratet. Du hast gesagt, als du ihn das erste Mal gesehen hast, war es, als hätte dein Blut Feuer gefangen. Das ist so romantisch, Mom.« Sie seufzte dramatisch, und ihre Mutter lachte. »Siehst du? Du findest mich albern. Die Fantasien und Tagträume eines kleinen Mädchens.«

Ihre Mutter schüttelte den Kopf. »Die Mehrheit der Menschen findet im Lauf ihrer Anstellung nicht die große Liebe. Aber für albern halte ich dich nicht.«

Sapphire zog zweifelnd eine Augenbraue hoch.

»Na, von mir aus«, räumte Sasha ein. »Vielleicht ein klein wenig albern.«

Sapphire läutete grinsend nach einem Mästare, damit er Wein brachte. Dann setzte sie sich auf den gekachelten Brunnenrand und machte es sich bequem, um durch die Worte ihrer Mutter die dringend benötigte Aufregung zu erleben.

In wenigen Momenten würde ihr Gatte die exotische Oase ihrer privaten Gemächer verlassen, um sich ins Bett seiner Konkubine zu begeben.

Da sie unbedingt Gehör bei ihm finden wollte, ehe er ging, äußerte sich Brenna, die Königin von Sari, unverblümt. »Du musst mit mir schlafen, Gunther, wenn du willst, dass ich schwanger werde. Das geht nicht von allein.«

Als der König unruhig vor ihr auf und ab zu gehen begann, war ihm der Frust deutlich anzusehen. Er war ein ungeheuer attraktiver Mann, groß, mit goldenem Haar und goldener Haut. In ihrem ganzen Leben war sie nie einem Mann begegnet, der sich an ihm messen konnte. Mit jedem ihrer Atemzüge liebte sie ihn mehr.

»Das Prozedere ist klar und unumstößlich. Ich darf nicht künstlich befruchtet werden«, rief sie ihm schonungslos ins Gedächtnis zurück. »Die königlichen Erben müssen auf natürliche Weise empfangen worden sein.«

Gunther fuhr sich mit einer Hand durchs Haar und warf ihr einen vernichtenden Blick zu. Er schritt an dem mit Samt drapierten Divan vorbei, auf dem sie saß. »Die Gesetze sind mir bekannt.«

Sein Widerstreben, mit ihr zu schlafen, verletzte sie tief. Als sie an seine Konkubine dachte, gruben sich ihre Nägel tief in ihre Handflächen. Sapphire war die Karimai – die am höchsten Geschätzte unter sämtlichen Mätressen. Die Unterkünfte der Konkubinen waren weiterhin mit Frauen jeglicher Art gefüllt, doch seit nunmehr fünf Jahren waren die anderen Mätressen sexuell ausschließlich von den Mästares befriedigt worden, die sie beschützten und ihnen dienten. Nur Sapphire teilte das Bett des Königs – ein Vorrecht, das Brenna zustehen sollte, und sie würde diesen Platz wieder einnehmen. Schon bald.

»Schick sie fort«, schlug Brenna vor, wie sie es schon hundertmal getan hatte. Daran entzündete sich stets ein Streit, doch sie weigerte sich, den Versuch aufzugeben. Sie würde ihre Rivalin loswerden. Irgendwie. »Sari braucht einen Erben.«

Er murrte und beschleunigte seine Schritte. »Ich bin der alten Leier überdrüssig.«

»Wir sind seit Jahren verheiratet! Das Volk wird unruhig. Die Leute beginnen, an unserer Fruchtbarkeit zu zweifeln.«

»Du lügst. Niemand würde es wagen, derlei Dinge auszusprechen.«

Sie sprang auf die Füße. »Sie denken es. Sie tuscheln darüber.«

Gunther kam zum Stehen. Seine Blicke huschten umher, als sei er in eine Falle gegangen. Zweifellos empfand er es so.

»Gunther?«

»Gut, dann tu es.«

Ihr Atem stockte.

»Morgen, Brenna. Ehe ich es mir anders überlege.«

»Ja, selbstverständlich.«

Gunther starrte sie lange an. Dann schüttelte er den Kopf und entfernte sich schleunigst.

Um zu ihr zu gehen. Zu Sapphire.

Brenna kämpfte gegen die Galle an, die in ihre Kehle aufstieg. Sie brauchte nur noch Stunden zu warten, bis die Mätresse fort sein würde.

Dann würde der König wieder ihr gehören.

Während Sapphire den König von Sari liebte, konzentrierte sie sich ganz auf ihre Aufgabe. Sie nahm die Opulenz ihrer Umgebung kaum wahr und schenkte nur den Aspekten, die sie bei der Erfüllung ihrer Pflichten unterstützten, flüchtige Beachtung. Simuliertes Kerzenlicht und die duftenden Schwaden von Räucherstäbchen trieben träge durch den Raum. Weiße Steinbögen, die mit blauem Samt drapiert waren, umstanden kreisförmig den Divan, auf dem sie dem König Lust bereitete. Dahinter befand sich ein seichtes Badebecken; die plätschernde Melodie von Wasser, das aus den Brunnen strömte, wurde durch die rhythmischen Geräusche des Akts übertönt.

Sie konzentrierte sich auf die körperlichen Signale des Königs – die Beschleunigung seines Atems, das ungeduldige, heftige Anheben seiner Hüften und den glasigen Blick seiner blauen Augen. Unter Einsatz der kräftigen Muskeln ihrer Oberschenkel hob und senkte sich Sapphire mit routinierter Anmut über ihm und war sich dabei ihres Erscheinungsbilds bewusst, da sie wusste, dass der König sie gern betrachtete. Sie wurde durch die maskuline Genugtuung belohnt, die seine Lippen verzog.

Schon bald packte er die Kissen um sich herum, und heisere Schreie entrissen sich seiner Kehle, während sie ihm zu Diensten war. Der allgewaltige König von Sari stöhnte, und Schweiß perlte über seine attraktiven Gesichtszüge.

Sapphire wölbte den Rücken, während der Orgasmus des Königs in ihrem Innern pulsierte. Als sie ihre Aufgabe zu seiner Zufriedenheit erledigt hatte, schloss sie die Augen und erreichte ihren eigenen Höhepunkt. Ihr Stöhnen der Erfüllung hallte gemeinsam mit dem des Königs durch ihr Schlafgemach.

Zufrieden sank sie mit einem Seufzer in die Umarmung des Königs. Er war ein großer Mann voll sehniger Kraft, die sie bewunderte. Der Monarch schimmerte in einem goldenen Glanz, vom Scheitel bis zu den Sohlen seiner gepflegten Füße, und er behandelte sie freundlich.

Einst hatte sie davon geträumt, sich in ihren König zu verlieben, doch am Ende war es ihr unmöglich gewesen. Der König von Sari maß seiner eigenen Lust größere Bedeutung bei als ihrer. Er wusste nichts über sie und unternahm nichts, um etwas über sie zu erfahren. Nach fünf Jahren wurden ihr immer noch Speisen vorgesetzt, die ihr nicht schmeckten. Sie hörten sich Musik an, die ihm gefiel, und die Kleidungsstücke, die für sie beschafft wurden, waren in Farben und Materialien gehalten, die er ohne Rücksicht auf ihre Vorlieben auswählte.

Sowie eine Konkubine einem Arbeitsvertrag zustimmte, war sie an ihren gewählten Beschützer gebunden, bis er beschloss, sie freizugeben. Sapphire fragte sich, ob der König ihr jemals gestatten würde fortzugehen. Wie lange würde von ihr verlangt werden, dass sie seine Konkubine blieb? Kein Anzeichen wies auf ein Nachlassen seines Interesses hin.

Sapphire wollte jemanden finden, der sie so mochte, wie sie wirklich war – innerlich und äußerlich. Sie wollte mit einem Mann schlafen, weil sie sich ihm von ganzem Herzen hingab und sich dem Mann, den sie liebte, zum Geschenk machte.

Dazu würde es niemals kommen, wenn der König sie nicht freiließ.

Sapphire knabberte an seinem Hals und gab ein kehliges Lachen von sich, als der Beweis seines neuerlichen Verlangens in ihrem Innern anschwoll. Sie sah ihm in die Augen.

»Lasst mir einen Moment Zeit, mein König.« Ihre Stimme senkte sich zu einem tiefen Schnurren. »Dann werde ich Euch erneut Lust bereiten.«

Er nahm ihr Gesicht in seine Hände und sah sie mit glühendem Blick an. »Ganz gleich, was in Zukunft geschieht, du musst mir versprechen, immer daran zu denken, dass du meine Karisette bist. Du bist es von dem Moment an gewesen, als ich dich das erste Mal gesehen habe.«

Die Intensität seines Tonfalls verblüffte sie, ebenso wie seine Worte. Karisette – »wahre Liebe«.

»Mein König …«

»Versprich es mir!«

Sie streichelte beschwichtigend seinen Brustkorb und verwandelte ihre Stimme in ein sanftes Gurren. »Gewiss. Ich verspreche es Euch.«

Er rollte sich auf sie und nahm sie erneut.

Unruhig und gereizt durchschritt Brenna den Thronsaal. Wenn sie sich machtlos fühlte, empfand sie diesen Ort – den Sitz ihrer Macht – immer als beruhigend. Als sie hergekommen war, war es noch dunkel gewesen. Jetzt hellte sich der gewaltige Raum auf, da die aufgehende Sonne ihr Licht durch die Glaskuppeln ergoss.

»Eure Majestät.«

Als sie den Kopf drehte, sah sie den Boten, der sich in der Nähe der Tür niedergeworfen hatte. »Erhebe dich.«

Rasch stand er auf und strich das blau-goldene Wams glatt, das seine Stellung als Angehöriger der königlichen Dienerschaft kundtat. »Ich habe eine Nachricht für den König.«

»Du darfst sie mir mitteilen«, sagte sie, da sie die Ablenkung gebrauchen konnte. »Seine Majestät ist beschäftigt.«

»Eine Familie in Grenznähe hat Unruhen gemeldet, vergleichbar mit Blasterbeschuss, oder jedenfalls hielten sie es dafür. Eine Einheit wurde entsandt, um den Vorfall zu untersuchen, und in dem anschließenden Kampf wurde ein Söldner gefangen genommen.« Er unterbrach sich. »Es ist Tarin Gordmere.«

Brenna zog die Augenbrauen hoch. Gordmere. Er war ein altbekanntes Ärgernis für Gunther. Er hatte keinerlei Bedenken, in bestimmte Sektoren einzufallen, was die königlichen Schatzkammern oft eine Menge Einkünfte kostete. Wenn sie dem König den Söldner präsentierte, würde es ihn in gute Laune versetzen, was nur dabei dienlich sein konnte, seine Gefühle ihr gegenüber zu besänftigen, und sei es auch nur ein wenig. »Wo ist er jetzt?«

»In der südlichen Einrichtung für Gefangene.«

»Ausgezeichnet!« Sie bedachte den Boten mit einem strahlenden Lächeln. »Ich werde dafür sorgen, dass der König es erfährt. Du kannst wegtreten.«

»Das war noch nicht alles, Eure Majestät.«

»Was gibt es denn noch?« Ihr Ton war schroff, ein hörbares Anzeichen ihrer nachlassenden Geduld.

»Gordmeres Lieutenant hat kurz nach der Inhaftierung Kontakt zum Gefängnis aufgenommen und einen Austausch angeboten.«

»Er hat nichts, was wir wollen«, höhnte sie.

»Er behauptet, den Kronprinzen Wulfric von D’Ashier zu haben.«

Sie hielt inne. »Ausgeschlossen.«

»Der Captain beteuert Euch, dass er diese Information nicht ohne Beweis an den Palast weitergäbe. Der Söldner trug einen Siegelring mit dem königlichen Wappen von D’Ashier bei sich.«

Fassungslos versuchte Brenna die Konsequenzen dieser neuen Entwicklung zu durchdenken.

Gordmere. Prinz Wulfric.

Wie vorzüglich, falls sich die Geschichte als wahr erweisen sollte. Wenn sie Gunther den Prinzen präsentierte, würde er sie bestimmt für ihren Wagemut bewundern. Sie würde ihm beweisen, dass sie Saris würdig war. Er würde sehen, wofür er in all diesen Jahren blind gewesen war – dass sie ideal zu ihm passte.

»Hüter«, rief sie.

»Ja, Eure Majestät?«, erwiderte die männliche Stimme des Palastcomputers.

»Teile meinen Wachen mit, dass sie sich für meinen Aufbruch bereitmachen sollen.« Sie lief an dem Bediensteten vorbei, da sie sich umziehen und aufbrechen musste, ehe die Ereignisse des Tages ihrem Gatten unterbreitet wurden. »Ich breche in weniger als einer halben Stunde auf.«

Sari, im Grenzgebiet

Beim Aussteigen aus dem Anti-G-Modul rückte Brenna die Schleppe ihres Gewands aus Samt zurecht. Während sie ihre Umgebung auf sich wirken ließ, rümpfte sie die Nase. Die weiträumige Höhle, zu der man ihnen den Weg gewiesen hatte, bescherte ihr eine Gänsehaut, und der Geruch nach ungereinigter Luft war abstoßend.

»Wo ist er?« Sie hatte es eilig, die widerwärtige Angelegenheit hinter sich zu bringen.

Der breit gebaute Mann mit dem rotblonden Haar, der am Ende der Rampe wartete, verbeugte sich tief – eine grobe Beleidigung, denn er hätte auf die Knie sinken und sich vor ihr niederwerfen sollen. »Hier entlang, Eure Majestät.«

Brenna konnte ihren Wachen befehlen, Tor Smithson auf die Knie zu zwingen, und sie hätte es getan, wenn der Söldner nicht etwas, das sie begehrte, in seinem Besitz gehabt hätte. Doch so war es nun mal, und daher folgte sie ihm, umgeben von ihrer Garde. Sie durchquerten einen langen Gang und bogen dann um eine Ecke.

Der Anblick, der sich ihr bot, ließ sie würgen.

Sie bedeckte ihren Mund, und es dauerte einen Moment, bis sie genug Atem fand, um zu sprechen.

»Wenn er tot ist«, brachte sie erstickt hervor, »bekommst du nichts für ihn.«

»Er ist nicht tot.« Smithson zuckte die Achseln. »Ich hatte nur ein bisschen Spaß mit ihm.«

Ein bisschen Spaß.

Ihr Magen geriet in heftigen Aufruhr. Der Mann war wahnsinnig. Was sie vor sich sah, war das reinste Gemetzel. Die Steinwände um sie herum waren mit so viel Blut bespritzt, dass sie nicht glauben konnte, es gehörte nur einem einzigen Menschen.

Brenna verbarg ihre Übelkeit unter eisigem Hochmut und trat vor. Der Mann, von dem sie behaupteten, er sei der Kronprinz von D’Ashier, hing bewusstlos vor ihr, seine Handgelenke gefesselt und an gegenüberliegende Wände gekettet. Das gesamte Gewicht seines Körpers wurde von diesen metallenen Fesseln gehalten. Seine kräftigen Arme und die breiten Schultern waren bis zum Zerreißen gedehnt, und seine Hände waren dunkelviolett angelaufen, weil sie seinen kräftig gebauten Körper auf den Füßen hielten.

Als sie ihn erreicht hatte, benutzte sie beide Hände, um seinen schlaff herabhängenden Kopf anzuheben. Sie schnappte nach Luft. Abgesehen von ihrem Ehemann hatte sie noch bei keinem Mann so fein herausgearbeitete Gesichtszüge gesehen. Sämtliche Konturen waren wie von meisterlicher Hand gemeißelt, erschaffen, um Perfektion zu erreichen.

Bedauerlicherweise war sein Gesicht das einzige an ihm, das nicht mit Blut bedeckt, zerschnitten, verbrannt oder gepeitscht worden war. Der Rest von ihm – der gestählte Körper eines Kriegers – wies schwere, wenn nicht gar tödliche Verletzungen auf.

Sie lauschte aufmerksam auf Geräusche, die sich als Lebenszeichen deuten ließen, und schnappte seinen Atem auf – flach und unregelmäßig. Die Laute eines Sterbenden.

»Binde ihn los.« Sie trat aus dem Weg.

Smithson murrte. »Gebt mir erst Gordmere.«

»Nein.« Brenna musterte seine kräftige Gestalt mit einem Ausdruck reinen Abscheus. Nie in ihrem ganzen Leben war ihr eine so widerwärtige Kreatur begegnet. »Wenn der Prinz sicher in meinem Modul untergebracht ist, werde ich Gordmere freilassen.«

Der Austausch wurde innerhalb von Momenten abgewickelt und ein gesunder Gordmere gegen einen Mann eingetauscht, der nur noch Stunden zu leben hatte. Das Anti-G-Modul hob ab und steuerte behutsam aus der Höhle hinaus.

»Sendet einen Ruf nach Truppen aus«, ordnete sie an. »Ich will, dass dieser Ort zerstört wird.«

Die Entfernung zum Palast war schnell zurückgelegt, doch die Verfassung des Prinzen schien sich im Lauf der Wegstrecke beträchtlich zu verschlechtern. Da sie sich scheute, ihn noch weiter zu befördern, ließ Brenna ihn bei der Landung in dem Transportmittel sitzen. Sie wollte einen lebenden Gefangenen präsentieren, ganz gleich, ob er kurz darauf starb oder nicht. In einem Wettlauf gegen die Zeit eilte Brenna auf der Suche nach ihrem Gatten aus der Transportschleuse. Die schnellste Route führte durch das Serail, also wählte sie diesen Weg.

Als sie um eine Ecke bog, kam sie beim Anblick des Königs abrupt zum Stehen. Sie wollte ihn gerade ansprechen, als ihr klar wurde, dass er nicht allein war. Er war mit ihr zusammen. Mit Sapphire.

Als Brenna die Innigkeit seiner Körperhaltung wahrnahm, wurden ihre Augen groß. Gunther stand in der Tür zum Zimmer der Konkubine und hatte seine Hand an ihre Wange geschmiegt. Er war besitzergreifend über sie gebeugt, und seine Lippen lagen mit offenkundiger Zuneigung auf denen der Mätresse. Als er den Kopf hob, zeichneten sich seine Qualen deutlich sichtbar in seinem Gesicht ab.

Er liebt sie.

Brenna sackte an die kühle verputzte Wand, denn diese Erkenntnis entsetzte sie. Sie konnte sein Herz nur deshalb nicht gewinnen, weil er es nicht mehr verschenken konnte. Es war bereits vergeben.

Etwas in ihrem Innern bekam einen Sprung und zerbrach dann vollständig.

Es würde nicht genügen, die Konkubine fortzuschicken. Solange Sapphire Atem holte, würde sie eine Bedrohung darstellen.

Brenna richtete sich auf und entfernte sich, bevor sie gesehen werden konnte. Sie rief sich ins Gedächtnis zurück, dass sie die Königin war und über unbeschränkte Mittel verfügte. Sie konnte und würde sich ein für alle Mal mit dieser Bedrohung befassen.

Alles, was sie brauchte, hatte sie zur Hand.

Sapphire betrat das Empfangszimmer der Königin und bewunderte wie immer die Schönheit des natürlichen Lichts, das durch die Glaskuppeln in der Decke hereinströmte. Als der Palastcomputer die Tür hinter ihr zugleiten ließ, warf sie sich direkt innerhalb der Schwelle nieder, und ihre Stirn berührte den kühlen Fliesenboden. »Eure Majestät, ich bin hier, wie Ihr es befohlen habt.«

Die gebieterische Stimme der Königin hallte über die Gewölbedecke hinweg und durch das lange, schmale Gemach. »Du darfst dich jetzt erheben, Mätresse des Königs. Komm, und setz dich zu meinen Füßen nieder.«

Sapphire bewegte sich, wie es ihr geboten worden war, und durchmaß auf dem Weg zu der wunderschönen Königin Brenna die gewaltige Länge des Thronsaals. Da auch sie von Kopf bis Fuß den goldenen Farbton ihres Mannes aufwies, nahm sich die Königin gegen Sapphire aus wie Tag und Nacht. Sie war mit einer gertenschlanken Anmut gesegnet, einen Kopf größer als Sapphire und besaß nichts von deren sinnlicher Üppigkeit. Was die Leidenschaft des Königs abgeschreckt hatte, war jedoch nicht die Figur der Blondine, sondern ihre Gefühlskälte. Als Sapphire der Monarchin näher kam, hätte sie geschworen, dass sie trotz der warmen Samtgewänder der Königin die Kühle spürte, die von ihr ausging.

Als sie das Ende des Raumes erreicht hatte, nahm Sapphire auf der untersten Stufe des erhabenen königlichen Podiums Platz und wartete.

»Wir sind uns beide unserer jeweiligen Stellung deutlich bewusst, Mätresse, daher werde ich mich kurzfassen. Sari braucht einen Erben. Ich habe das mit dem König erörtert, und er ist meiner Meinung.«

Sapphire nahm die Neuigkeiten auf, ohne auch nur mit einer Wimper zu zucken.

Die Königin beobachtete sie scharf. »Der Gedanke an den König in meinem Bett geht dir offenbar nicht gegen den Strich.«

Es war eine Feststellung, keine Frage.

Sapphire neigte den Kopf zur Bestätigung und sagte: »Natürlich nicht, meine Königin. Der König gehört Euch. Ich habe das nie anders betrachtet.«

Mit einem grimmigen Lächeln lehnte sich Brenna in ihrem Thron zurück. »Wie ich sehe, bist du nicht so sehr vom König eingenommen wie er von dir.«

Sapphire sagte nichts dazu, was wiederum alles sagte. Sie hatte nie vorgegeben, den König zu lieben. Er war ein anständiger Mann, ein attraktiver und freundlicher Mensch, aber er war nicht ihr Karisem. Niemals könnte sie einen Mann lieben, der sie nur als sein Eigentum ansah und nicht als eigenständige Person mit eigenen Gedanken und Gefühlen.

»Das ist ein Glück für dich, Mätresse, in Anbetracht dessen, was ich dir zu sagen habe. Der König hat offenbar nicht das Gefühl, das Bett mit mir teilen zu können, wenn du im Palast bleibst.« Ihre Bitterkeit war deutlich aus der majestätischen Stimme herauszuhören.

Sapphire senkte den Blick, um ihr Mitgefühl zu verbergen. Es tat ihr so leid für die Königin.

»Du wirst mit den Ehrenbezeugungen, die dir als der Karimai des Königs gebühren, aus dem Dienst ausscheiden«, sagte Ihre Majestät. »Als seine Meistbegünstigte wirst du unverzüglich in eine Unterkunft am Rande der Hauptstadt umgesiedelt werden. Dir werden vierzehn Mästares zur Verfügung gestellt, die dir bis zu deinem Tode dienen werden. Für die vorbildlichen Dienste, die du dem König erwiesen hast, Mätresse, wird dir jeder Wunsch gewährt werden.«

Sapphire saß einen Moment lang erschrocken da. In den Ruhestand geschickt. Mehr als die Freiheit, mehr, als sie sich jemals zu erhoffen gestattet hatte. Nach nur einem Vertrag wurde sie in den Ruhestand versetzt.

Wenn eine Mätresse von ihren Pflichten entbunden wurde, stand es ihr im Allgemeinen frei, einen anderen Beschützer zu finden, und ihr Wert war enorm gestiegen, weil sie das Bett mit dem König geteilt hatte. Mit jedem Beschützer wurde ihr Lohn exorbitanter, und ihr Wert stieg, bis sie die Mittel erworben hatte, um ihre Lebensführung zu finanzieren. Aber das sollte nicht Sapphires Los sein. Sie besaß die Wertschätzung des Königs, und er liebte sie so sehr, dass er gewillt war, sie in den Ruhestand zu versetzen.

Ruhestand. Sie berauschte sich geradezu an dem Wort, das durch ihren Kopf wirbelte. Das war es, wofür sie gearbeitet hatte, der Grund, weshalb ihre Eltern sie angespornt hatten, Konkubine zu werden. Es war nicht nur eine hoch angesehene Stellung, sondern auch eine der wenigen Laufbahnen, bei denen harte Arbeit ein luxuriöses Dasein fürs ganze Leben garantierte. Zusätzlich zu ihrem Ruhestandsgeld wurden ihr vierzehn Mästares zum Geschenk gemacht – gut aussehende, virile Männer, die es sich zur Lebensaufgabe machen würden, ihr zu dienen.

»Ich bin dankbar, meine Königin.« Ihre Worte kamen von ganzem Herzen.

Brenna wedelte mit einer Hand, um das Gespräch für beendet zu erklären. »Geh jetzt. Deine Habe wird bereits gepackt, während wir uns unterhalten. Der König hat den Palast verlassen und wird sich nicht von dir verabschieden. Ich bin sicher, dass du klug genug bist, um den Grund zu erkennen.«

»Ja, Eure Majestät.« Jetzt verstand sie die Eindringlichkeit, die den König in der vergangenen Nacht angetrieben hatte, und die leidenschaftliche Bekundung seiner Gefühle. Er hatte gewusst, dass es ihre letzte Zusammenkunft sein würde.

Sapphire entfernte sich mit einer Verbeugung rückwärts aus dem Saal. Die Türen glitten zischend auseinander, als sie sich ihnen näherte, und schlossen sich dann wieder, während sie den Raum verließ.

So unglaublich es auch sein mochte – sie war frei.

Brenna wartete, bis sich die Türen hinter der Mätresse geschlossen hatten. Die Tatsache, dass die Konkubine die Liebe des Königs so leichthin missachten konnte, bestärkte die Königin in ihrem ohnehin festen Entschluss.

»Hüter«, rief sie in den leeren Saal hinaus.

»Ja, Eure Majestät?«

»Ist mein Geschenk bereits im neuen Haushalt der Mätresse Sapphire abgeliefert worden?«

»Selbstverständlich, meine Königin. Mit äußerster Diskretion.«

Ihr Mund verzog sich zu einem brutalen Lächeln. »Ausgezeichnet.«

1

Als Sapphire aus dem königlichen Anti-G-Modul ausstieg, waren ihre Handflächen feucht vor Aufregung. Das Haus, das ihr der König von Sari zugestanden hatte, war in der Tat ein kleiner Palast: leuchtend weiß mit vielfarbigen Fenstern und wie ein funkelnder Edelstein in die goldenen Hügel aus Sand eingelassen.

Während fünf ihrer neuen Mästares ihre Besitztümer ausluden, ging sie auf ihre Haustür zu. Die heiße Brise, die über ihre Haut strich, war ein willkommenes und angenehmes Gefühl. Sie hatte die letzten fünf Jahre im Innern des Palasts verbracht, ihre Haut mit künstlichen Mitteln gebräunt und gereinigte Luft in die Lungen gesogen. Bei Ausflügen mit dem König hatte sie das Modul immer durch die gekühlten Landeschleusen betreten.

Als sie jetzt tief Atem holte und zum ersten Mal seit Jahren natürliche Luft einsog, entlockte das leicht körnige Gefühl, das in ihrem Mund zurückblieb, Sapphire ein Lächeln. Sie genoss die Hitze von Sari und kostete den dünnen Schweißfilm auf ihrer Haut aus, der in dem trockenen Wüstenklima sofort verdunstete.

Dann legte sie ihre Handfläche auf den Scanner an der Tür und wartete einen Sekundenbruchteil, während das System ihren Abdruck abtastete und wiedererkannte. Die Tür glitt auf, und die melodische weibliche Stimme des Hauscomputers ließ ein »Willkommen, Herrin« ertönen.

Sapphire betrat ihr neues Zuhause, und augenblicklich schlug ihr gekühlte, gesäuberte Luft entgegen.

»Hüterin.«

»Ja, Herrin?«

»Reinige die Luft, aber kühle sie nur in den Schlafzimmern.«

»Wie Ihr wünscht.«

Mit großen Augen nahm sie ihre neue Umgebung in sich auf und stellte fest, dass ein Großteil ihrer Mästares auf beiden Seiten der langen Diele ihres Hauses aufgereiht waren. Lächelnd bemerkte sie, wie ähnlich sämtliche Männer dem König sahen. Sie waren groß und blond, sehnig und muskulös, und alle waren auffallend attraktiv.

Sapphire absolvierte den Spießrutenlauf und blieb dann stirnrunzelnd am anderen Ende stehen. »Ihr seid nur dreizehn.«

Der Mästare an diesem Ende sank auf die Knie. »Herrin, mein Name ist Dalen.«

Sie legte die Hand auf seinen Kopf und ließ ihre Finger durch sein seidiges Haar gleiten.

»Der fehlende Mästare ist noch in der Heilkammer, Herrin.«

Die Falten in ihrer Stirn vertieften sich. Geringfügige Verletzungen heilten in der Kammer innerhalb weniger Augenblicke. »Noch?«

»Er war bei seiner Ankunft ernsthaft verletzt. Jetzt ist er schon seit einer halben Stunde in der Kammer. Er sollte zwar in Kürze geheilt sein, doch er wird sich eine Weile ausruhen müssen, ehe er seinen Pflichten nachkommen kann. Aber der Rest von uns steht bereit. Wir werden seine Abwesenheit mehr als wettmachen.«

»Ich zweifle nicht daran, dass ihr mich alle zufriedenstellen werdet. Aber der Verletzte bereitet mir Sorgen. Wie hat er sich so schlimme Blessuren zugezogen? Und warum wurde er in einem solchen Zustand zu mir geschickt?«

»Ich führe Euch zu ihm, Herrin. Eure Fragen kann ich nicht beantworten. Ihr werdet sie ihm selbst stellen müssen, wenn er zu sich kommt.«

Dalen bot ihr seinen Arm an und geleitete sie durch ihren Palast. Sapphire nahm die Weitläufigkeit und die Schönheit ihrer Umgebung mit freudigem Erstaunen zur Kenntnis. Eine größere Bezeugung der Wertschätzung des Königs als diese demonstrative Freigebigkeit konnte es nicht geben.

Sie durchquerten das geräumige Empfangszimmer mit seinem enormen Divan und begaben sich durch einen Bogengang zum zentral gelegenen Atrium. Der Anblick eines großen schäumenden Badebeckens, umgeben von üppigen Grünpflanzen, erfüllte sie mit Freude. In diesem Haus würde der Rest ihres Lebens beginnen, und der Gedanke an die Freiheit, die sie hier genießen würde, ließ ihr Blut rascher durch ihre Adern strömen.

Dalen blieb vor einer Tür stehen, die in den rückwärtigen Flügel des Innenhofs eingefügt war, und wedelte mit seiner Hand über dem Scanner. Die Tür glitt zur Seite, und sie trat ein. In der Mitte des kleinen Raums stand die gläserne zylindrische Heilkammer. Sie warf einen Blick auf den bewusstlosen Mann, der sich darin befand, und ihre instinktive Reaktion auf ihn war so stark, dass sie Dalen befahl, sie allein zu lassen. Als sich die Tür hinter dem Mästare schloss, ging Sapphire näher auf die Kammer zu.

Der Verletzte verschlug ihr den Atem. Er war groß, besaß einen dunklen Teint und dunkles Haar und war mit Peitschenstriemen, die vor ihren Augen heilten, übel zugerichtet, doch trotz allem wies er eine umwerfende rohe Männlichkeit auf. Er hatte keinerlei Ähnlichkeit mit dem König oder ihren Mästares. Er besaß nicht die geringste Ähnlichkeit mit irgendeinem Mann, den sie jemals gesehen hatte.

Üppiges, schillernd schwarzes Haar wehte sachte um sein Genick, während der kreisende Luftdruck im Innern des Glaszylinders ihn auf den Beinen hielt. Seine Haut war tief gebräunt und spannte sich über stark ausgeprägten Muskeln. Nie hatte sie einen Mann mit einem so kräftigen Muskelspiel unter der Haut gesehen; nicht einmal ihr kriegerischer Vater stellte so viel Kraft zur Schau.

Seine Gesichtszüge waren so stark und kühn wie der Rest seines Körpers. Hohe Backenknochen und eine Adlernase verliehen ihm etwas Aristokratisches; das kräftige Kinn und die sinnlichen Lippen ließen ihn gefährlich wirken. Er war schlicht und einfach prachtvoll. Sie fragte sich, welche Farbe seine Augen wohl hatten. Vielleicht braun, wie ihre eigenen? Oder blau, wie die des Königs?

Sapphire ging langsam um die Kammer herum und zuckte angesichts der unzähligen Wunden zusammen, die sein Fleisch zerfurchten und sich in Streifen hineingruben. Der Mann war äußerst brutal gefoltert worden. Der Zeitraum, den er bereits in der Kammer verbracht hatte, verriet ihr, dass er dem Tod nahe gewesen sein musste, als sie ihn zu ihr gebracht hatten. Wer hätte einen solchen Mann für sie ausgewählt? Er unterschied sich so sehr von den anderen Mästares, wie sie sich von der Königin unterschied. Selbst bewusstlos strahlte dieser Mann Überlegenheit aus. Er war kein Mästare.

Geh nicht fort,

»Hüterin.« Ihre Stimme war ein heiseres Flüstern. »Wer ist dieser Mann in der Heilkammer?«

»Das ist Kronprinz Wulfric von D’Ashier.«