Merline Lovelace, Heather Graham Pozzessere, Ruth Langan
HISTORICAL PLATIN BAND 8
IMPRESSUM
HISTORICAL PLATIN erscheint in der Harlequin Enterprises GmbH
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Redaktion und Verlag: Postfach 301161, 20304 Hamburg Telefon: +49(0) 40/6 36 64 20-0 Fax: +49(0) 711/72 52-399 E-Mail: kundenservice@cora.de |
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| Redaktionsleitung: | Claudia Wuttke (v. i. S. d. P.) |
| Produktion: | Christel Borges |
| Grafik: | Deborah Kuschel (Art Director), Birgit Tonn, Marina Grothues (Foto) |
© Deutsche Erstausgabe in der Reihe HISTORICAL PLATIN
Band 8 - 2014 by Harlequin Enterprises GmbH, Hamburg
© 1998 by Merline Lovelace
Originaltitel: „The Tiger’s Bride“
erschienen bei: Harlequin Enterprises Ltd., Toronto
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.
Übersetzung: Bärbel Hurst
© 1991 by Heather Graham Pozzessere
Originaltitel: „Forbidden Fire“
erschienen bei: Harlequin Enterprises Ltd., Toronto
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.
Übersetzung: Riette Wiesner
© 1999 by Ruth Ryan Langan
Originaltitel: „Briana“
erschienen bei: Harlequin Enterprises Ltd., Toronto
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.
Übersetzung: Doris Wildt
Abbildungen: Harlequin Books S.A., alle Rechte vorbehalten
Veröffentlicht im ePub Format in 07/2014 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.
E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck
ISBN 9783733762537
Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.
CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.
Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:
BACCARA, BIANCA, JULIA, ROMANA, MYSTERY, TIFFANY
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Um ihren Vater wiederzufinden, geht die temperamentvolle Sarah ein riskantes Abenteuer ein: Verkleidet als Lotse schleicht sie sich auf das Schiff des berühmten Schmugglers und Kapitäns James Kerrick. Als er sie enttarnt, macht er ihr verlockende Avancen. Doch bevor die streng erzogene Missionarstochter schwach werden kann, überschlagen sich die Ereignisse …
Ein waghalsiger Plan! Hausmädchen Marissa tauscht mit ihrer wohlhabenden Freundin Mary die Rollen und heiratet den begehrenswerten Ian Tremayne. Sie sieht die Verbindung als reine Zweckehe an – aber schon in der Hochzeitsnacht sprühen die Funken zwischen ihr und Ian. Marissa schwebt im siebten Himmel. Doch was geschieht, wenn er hinter ihr Geheimnis kommt?
Keane O’Mara glaubt zu träumen: Der verwundete Soldat, den er auf seinen Landsitz bringt, entpuppt sich als hübsche junge Frau! Briana ist schwer verletzt. Liebevoll pflegt Keane sie und fühlt sich immer mehr zu der faszinierenden Schönheit mit dem kupferroten Haar hingezogen. Doch seine dunkle Vergangenheit hindert ihn daran, ihr seine Gefühle zu gestehen.

Sarah Abernathy war noch niemals zuvor in einem Bordell gewesen.
Und wenn die Lage ihrer Familie weniger hoffnungslos gewesen wäre, hätte sie niemals daran gedacht, auch nur einen Fuß in das „Haus der tanzenden Blüten“ zu setzen. Aber ihr Vater wurde jetzt seit beinahe drei Wochen vermisst, und alle ihre Hoffnungen, ihn zu finden, ruhten auf dem Mann, der – wollte man den Klatschbasen Glauben schenken – allnächtlich die berüchtigtste Vergnügungsstätte in ganz Macao zu besuchen pflegte.
Lord James Straithe, Kapitän des Schoners Phoenix, hatte Sarahs eindringliche und mehrmals wiederholte Bitte, bei ihr in der presbyterianischen Mission vorzusprechen, bislang hartnäckig ignoriert; daher blieb ihr einfach keine andere Wahl, als ihn ihrerseits in dem von ihm bevorzugten Etablissement aufzusuchen. Sie bückte sich, um den harten Holzschuh an ihrem bestrumpften Fuß zu befestigen. Hätte ihr Vater gesehen, mit welchem Gesichtsausdruck seine älteste Tochter dies tat, wäre er gewiss außerordentlich beunruhigt gewesen.
„Meinst du wirklich, dass du in diesem Aufzug ausgehen solltest, Sarah?“, fragte Abigail besorgt. „Ich kann mich des Gefühls nicht erwehren, dass es Papa missfallen würde, wenn er wüsste, was genau du da vorhast.“
Aus Sarahs Gesicht verschwand der Ausdruck finsterer Entschlossenheit, als sie den Kopf hob und ihre jüngere Schwester liebevoll anlächelte. „Wenn Papa hier wäre, um sein Missfallen auszudrücken, müsste ich ja überhaupt nicht ausgehen, oder?“
Abigail Abernathy schob die Unterlippe vor. „Nein, du hast Recht, das müsstest du wohl nicht.“
Es lag ganz und gar nicht in Abigails Natur, mit ihrer älteren Schwester, die sie so sehr bewunderte, zu streiten. Doch ihr Gefühl für Sitte und Anstand veranlasste sie trotzdem noch zu einem weiteren Einwand.
„Vielleicht solltest du noch ein wenig warten. Ich bin sicher, wir werden bald von Papa hören. Er ist schon früher ähnlich plötzlich und unerwartet verschwunden. Erinnerst du dich noch, wie es damals war, im Punjab, als er in die Berge zog, um nach diesem Eremiten zu suchen?“
„Ich erinnere mich sehr gut daran“, erwiderte Sarah trocken und griff nach dem anderen hohen Holzschuh. „Und ich erinnere mich auch noch sehr gut an die Katastrophen, die die Folge davon waren.“
„Aber Sarah“, meldete sich der kleine Junge, der neben Abigail stand, zu Wort. „Es war nicht Papas Schuld, dass das Wasser im Brunnen des Dorfes ausgerechnet an dem Tag verdarb, als er den Eremiten aus den Bergen holte.“
„Das stimmt, Charlie. Und es war auch nicht seine Schuld, dass wegen eines Gewitters eine Herde heiliger Kühe durch das Dorf stürmte. Dennoch sahen die Dorfbewohner in ihm den Schuldigen, der all dieses Unglück verursacht hatte.“
Der Sechsjährige lächelte die Schwester an. „Weil er den alten Mann aus seiner Höhle geholt hat, damit er das Dorf mit seinen Gebeten beschützte.“
Charlie liebte diese oft und immer wieder gern erzählte Geschichte. Obwohl er zur Zeit dieses Ereignisses noch ein Baby gewesen war, konnte er aus dem Gedächtnis die Bibelzitate wiederholen, die sein Vater den Dorfbewohnern von dem Schweinestall aus, in dem er sich verbarrikadiert hatte, entgegengeschleudert hatte. Wunderbarerweise war es Papa gelungen, die aufgebrachte Menge in Schach zu halten, bis die Leibgarde des Radschas zu seiner Rettung herbeigeeilt war.
„Damals verließ er Indien und ging nach China, nicht wahr?“, fragte der Junge.
„Damals sind wir nach Macao gekommen“, bestätigte Sarah und verschwieg dabei den Umstand, dass der Radscha diesem unbequemen und uneinsichtigen Missionar ernsthaft geraten hatte, niemals wieder einen Fuß nach Indien zu setzen. Weder Charlie noch seine beiden älteren Brüder kannten diesen Teil der Geschichte, und von Sarah würden sie ihn ganz gewiss nicht erfahren.
Sie wusste genau, dass Charlie seinen Vater oft mit heldenhaften Taten und vollkommen unrealistischen Vorstellungen in Verbindung brachte. Der Junge selbst liebte das Abenteuer, und seine kindliche Seele war erfüllt von heroischem Ehrgeiz. Seit seine beiden älteren Brüder in England zur Schule gingen und er auf sich allein gestellt war, war er noch ruheloser und tollkühner geworden, und sein Übermut brachte ihn oftmals in erhebliche Schwierigkeiten. Sein Vater, der Reverend Josiah Abernathy, hatte unglücklicherweise nicht mehr die Geduld, den lebhaften Jungen zu maßregeln und zu vernünftigem Handeln anzuleiten; sofern er sich überhaupt noch die Zeit nahm, auf seinen jüngsten Sohn zu achten und dessen Entwicklung zur Kenntnis zu nehmen. Sarah wusste, dass Charlie eigentlich auf eine Schule gehen sollte, zusammen mit anderen Jungen seines Alters, wo seine Energie und sein Wagemut auf Gleichgesinnte treffen würden.
Sie seufzte und fragte sich wie schon so oft, woher sie das Geld nehmen sollte, um Charlie nach Hause, zurück nach England, zu schicken, damit er dort zusammen mit seinen Brüdern die „Barrowgate School for Young Gentlemen“ besuchen könnte. Er hätte letztes Jahr schon dorthin gehen sollen, doch das Erbe ihrer Mutter hatte kaum für die anderen beiden Jungen ausgereicht. Sie verfügten nicht einmal über genügend finanzielle Mittel, um Abigail mit einer angemessenen Aussteuer zu versehen. Die süße, reizende Abigail würde kaum eine passende Mitgift bekommen.
Sarah warf ihrer Schwester einen Seitenblick zu und sagte sich, auch dies nicht zum ersten Mal, dass allein das außergewöhnlich schöne Gesicht und das freundliche Wesen ihrer Schwester als Mitgift für jeden Ehemann angemessen sein sollten. Doch sie wusste genug von der Welt und kannte auch die Menschen ausreichend gut, um zu wissen, dass Reichtum sich immer zu Reichtum gesellte und junge Missionarstöchter ohne Mitgift zumeist bettelarme Geistliche heirateten. Bisher hatte Abigail nicht das geringste Interesse für irgendeinen der enthusiastischen jungen Männer gezeigt, die sich ihr hingerissen zu Füßen warfen, wann immer sie einen Raum betrat. Sarah hegte daher noch immer die Hoffnung, dass sich ein etwas reiferer Bewerber finden würde – einer, der über ausreichend Mittel verfügte, für die zarte Abigail zu sorgen – und darüber hinaus vielleicht sogar noch für Charlies Ausbildung.
Seufzend zwang sich Sarah, nicht mehr an die familiären Sorgen um ihre Geschwister zu denken, für die sie vor langer Zeit die Verantwortung übernommen hatte. Gott, der Herr, würde es schon richten und für sie sorgen, das hatte jedenfalls der Vater ihnen immer versprochen. Im Augenblick jedoch zählte hauptsächlich, dass Gott zumindest für ihren Vater sorgte!
Sie nahm einen hohen spitzen Strohhut mit breitem Rand auf und versuchte, ihr widerspenstiges Haar darunter zu stopfen. Abigail eilte rasch an ihre Seite.
„Lass mich dir helfen.“
Die Jüngere umfasste mit sanften Händen die rötlich schimmernde Mähne und hielt sie hoch, während Sarah den Hut befestigte. Charlies heiteres Lachen erfüllte den Raum.
„Du siehst wirklich sehr chin-chin aus, Sarah.“
Sie brachte es nicht über sich, ihn für seine Ausdrucksweise zu schelten. Irgendein früherer Kaiser hatte entschieden, dass unter Androhung der Todesstrafe kein Chinese, mit Ausnahme zugelassener Dolmetscher, eine barbarische Sprache erlernen dürfte. Der Kaiser hatte dieses Dekret erlassen, um die Kontakte zwischen Chinesen und Ausländern zu kontrollieren – und er war damit kläglich gescheitert. Die Folge dieses Erlasses war jedoch, dass jeder Ausländer, der sich in diesem Land ohne Dolmetscher verständigen wollte, nun gezwungen war, dieses in Pidgin zu tun, einer nahezu unerträglichen Mischung aus Englisch und Chinesisch, und jeder, der dieses Kauderwelsch sprach, klang in höchstem Maße lächerlich. In ihrer Situation jedoch fand Sarah Pidgin ausgesprochen passend. Sie sah tatsächlich sehr „chin-chin“ aus.
Sie blickte an sich hinab und war sehr zufrieden mit ihrer Verkleidung. Das blaue Baumwollkleid mit dem Stehkragen verhüllte sie vom Hals bis zu den Knien. Unter dem weiten Überkleid trug sie die weiten Hosen, die bei den Chinesen sowohl Männern als auch Frauen als Kleidungsstück dienten. Mit dem breitrandigen Hut, der ihr rotes Haar und ihr Gesicht verbarg, hoffte sie, sich unbemerkt in den Straßen von Macao bewegen zu können.
„Ich wage zu behaupten, dass mich in diesem Aufzug nicht einmal Lady Blair erkennen würde“, erklärte Sarah sehr zufrieden.
„Lady Blair!“ Abigail erbleichte und legte erschrocken die Hände an die Wangen. „O Sarah, glaubst du wirklich, es besteht die Gefahr, dass du ihr begegnest? Wenn das der Fall ist, dann darfst du nicht so ausgehen, unter keinen Umständen darfst du dann so ausgehen. Wenn sie dich sieht oder erfährt, wohin du unterwegs bist, dann wird sie die Einladungen zu ihrem venezianischen Frühstück zurückziehen und die schlimmsten Gerüchte über dich verbreiten.“
Das wäre nicht das erste Mal, dachte Sarah bei sich. Die Frau des obersten Agenten der British East India Company hatte nichts übrig für die ältere Miss Abernathy und missbilligte deren Verhalten generell. Mehr als einmal hatte Lady Blair unmissverständliche Andeutungen fallen lassen, dass Sarah bei ihren Bemühungen, ihrem Vater bei seiner Arbeit zu helfen, zu weit ging, vor allem dann, wenn ihre Unterstützung darin bestand, den Leprakranken und Aussätzigen das Essen zu bringen, oder wenn sie sich gar dazu hinreißen ließ, die grausame Tradition, kleinen Mädchen die Füße zu bandagieren und dadurch schmerzhaft zu deformieren, öffentlich anzuprangern. Dennoch war die gönnerhafte Lady Blair stets freundlich zu Abigail gewesen und hatte sie zusammen mit ihrer Schwester, die als ihre Anstandsdame fungierte, zu allen wichtigen gesellschaftlichen Ereignissen eingeladen. Um Abigails willen vermied Sarah es im Allgemeinen, mit der älteren Frau zu streiten.
„Schwesterherz, ich habe doch nur einen Scherz gemacht. Lady Blair wird um diese Zeit gewiss nicht mehr unterwegs sein, schon gar nicht in jenem Teil der Stadt, den ich aufzusuchen gedenke.“
„Aber was geschieht, wenn jemand anders dich sieht? Oder erfährt, wohin du unterwegs bist?“ Das schöne junge Mädchen rang verzweifelt die Hände. „Du wirst auf diese Weise deine Chancen bei diesem jungen Geistlichen ruinieren, der gerade aus der Heimat gekommen ist, der, den wir auf dem Praya Grande kennen gelernt haben.“
Als sie an den jungen Mann dachte, der den beiden Schwestern während des größten Teils des Nachmittags wie ein verlorener kleiner Hund über Macaos breiten Küstenboulevard nachgelaufen war, lachte Sarah hellauf.
„Mr Silverstone war nicht im Geringsten an mir interessiert, du Gänschen. Er konnte den Blick nicht von dir abwenden, während du neben ihm hergingst.“
„Ach, so etwas darfst du nicht sagen!“ Tränen traten in Abigails aquamarinfarbene Augen. „Wirklich, ich ging nur mit ihm, weil er unbedingt über dich reden wollte.“
Charlie schüttelte missbilligend den Kopf. „Du wirst doch nicht wieder losheulen, oder?“
Sarah warf dem Bruder einen strengen Blick zu, während sie die erregte Abigail zu beruhigen versuchte. Trotz Sarahs Bemühungen, ihr diese dummen Träumereien auszutreiben, hegte Abigail noch immer insgeheim Hoffnungen für die ältere Schwester. Auf ihre reizende und selbstlose Art sang sie den Männern, die sich um sie scharten, Sarahs Loblied, und weigerte sich anzuerkennen, dass die geliebte Schwester im fortgeschrittenen Alter von vierundzwanzig Jahren längst eine alte Jungfer war, abgelegt und dem Interesse heiratswilliger Männer unwiderruflich entzogen.
Sarah selbst hatte sich schon seit langem damit abgefunden, dass sie ohne Mitgift und mit ihrem reizlosen Gesicht keinen Ehemann finden würde. Sie schätzte sich glücklich, dass man ihr die Verantwortung übertragen hatte, drei lebhafte Brüder und eine Schwester aufzuziehen, eine Aufgabe, die ihre mütterlichen Instinkte voll und ganz befriedigte. Wenn sie sich gelegentlich nachts schlaflos hin und her warf, geplagt von anderen als mütterlichen Gefühlen, dann nahm sie dies als Teil des Lebens und damit als unvermeidlich hin. Sie war schließlich eine Frau – allerdings eine sehr praktisch veranlagte. Mit der Zeit würden diese seltsamen, vagen Sehnsüchte schon vergehen. Inzwischen hatte sie die Familie, für die sie sorgen, und ihren Vater, um den sie sich kümmern musste.
Vorausgesetzt, sie fand ihn bald!
Bei dem Gedanken an den vermissten Vater streichelte sie ein letztes Mal Abigails Schulter. „Ich muss jetzt gehen. Der Koch meinte, sein fünfter Neffe würde auf mich warten.“
„Ich wünschte, du würdest nicht gehen“, flüsterte Abigail und kämpfte mit den Tränen, während sie und Charlie die Schwester aus dem kleinen Schlafgemach geleiteten.
„Mach dir nur keine Sorgen. Ich werde lediglich mit Lord Straithe sprechen.“
„Aber Sarah, musst du das ausgerechnet in einem …“ Abigail unterbrach sich gerade noch rechtzeitig und warf einen Blick auf Charlies fragendes Gesicht. „Musst du das ausgerechnet an einem solchen Ort tun?“
„Ja, das muss ich. Da er sich weigert, zur Mission zu kommen, habe ich keine andere Wahl, als ihn in der Höhle aufzusuchen, in der er sich am liebsten versteckt.“
„Sarah!“ Charlie hüpfte vor Aufregung hin und her. „Du hast nie erwähnt, dass du eine Opiumhöhle besuchen willst! Darf ich dich begleiten?“
Sie streichelte seine widerspenstigen braunen Locken. „Aber ich gehe doch überhaupt nicht zu einem solch abstoßenden Ort. Und du wirst ganz gewiss auch nicht mitkommen. Du musst hier bleiben und Abigail von ihren Sorgen ablenken, bis ich wiederkomme.“
Charlie seufzte tief, aber auch in seinen jungen Jahren hatte er sich schon daran gewöhnt, wie alle anderen in der Familie, die überaus zartfühlende Abigail, mochte sie auch älter sein als er selbst, zu beschützen und zu umhegen. Großzügig bot er an, seiner Schwester mit Spielen die Zeit zu vertreiben und sie dadurch auf andere Gedanken zu bringen, während Sarah unterwegs sein würde.
„Ich danke dir, Charlie“, meinte Sarah.
In diesem Augenblick glitt lautlos eine schmale, bezopfte Gestalt ins Zimmer. Mit einer Verbeugung wandte der Mann sich an Sarah mit dem Ehrentitel, den er ihr vor Jahren schon zugebilligt hatte.
„Sie müssen sich beeilen, Große Schwester. Fünfter Neffe kann nicht sehr lange warten.“
Über Charlies Kopf hinweg begegnete Sarah dem ausdruckslosen Blick des Mannes, der den Abernathys nur als „der Koch“ bekannt war. Wie üblich konnte sie den Ausdruck in seinen Augen nicht deuten, die von tief hängenden Lidern überschattet wurden. Sarah war nie ganz sicher, was er über die Familie „fremder Teufel“ wirklich dachte, für die er kochte. Sie wusste nur, dass sie sich, was die Haushaltsführung und die geregelte Versorgung der Familie betraf, auf diesen hageren, ergrauenden Diener weit mehr verlassen konnte als auf ihren eigenen Vater.
„Ich werde sofort aufbrechen“, erwiderte sie.
„Jüngste Enkelin, die Kleine mit dem Hinken, wird Sie dorthin führen.“
Sarah nickte dem Kind zu, das respektvoll hinter dem Großvater gewartet hatte. Das Mädchen senkte den Kopf, zu verlegen, um mit den fremden Barbaren zu sprechen. Nachdem sie Abigail und Charlie noch allerletzte Anweisungen erteilt hatte, zog Sarah sich den Hut tiefer ins Gesicht, steckte die Hände in die Ärmel und folgte dem kleinen Mädchen durch die Hintertür der presbyterianischen Mission hinaus.
Das Gebäude lag auf einem steilen Hügel im Schatten der alten portugiesischen Festung, und man konnte tagsüber einen herrlichen Ausblick über den geschäftigen Hafen von Macao genießen. Selbst jetzt, da die Dämmerung ihren weichen Schleier über die schmale Halbinsel breitete, stockte Sarah bei dem Anblick zu ihren Füßen beinahe der Atem.
Im späten Juli brachte der Monsunwind Händler aus aller Welt zu der großen Bucht östlich von Macao. Hunderte von Schiffen lagen hier jetzt vor Anker, warteten auf Pässe oder chinesische Lotsen, die sie weiter den Perlenfluss hinauf nach Kanton bringen sollten, dem offiziellen Umschlagplatz sämtlicher Güter. Die Laternen der stattlichen, dickbauchigen Ostindienschiffe, bestückt mit zahlreichen Kanonen, blinkten von weit draußen in der Bucht herüber, in den flacheren Gewässern schaukelten Fregatten und zweimastige Schoner auf den Wellen. Dschunken und Sampans in allen Größen fuhren zielstrebig zwischen den Schiffen aus aller Herren Länder hin und her, gerudert von Bootsmädchen, die sich ihren Lebensunterhalt damit verdienten, die Wünsche und Bedürfnisse der Seeleute zu befriedigen.
Beim Gedanken an die Bootsmädchen, von denen einige zur weitläufigen Verwandtschaft des Kochs zählten, runzelte Sarah die Stirn. Der Reverend Josiah Abernathy hatte während der Handelssaison des vergangenen Jahres eine erbitterte und durchaus wohl gemeinte Kampagne geführt, um die Unglücklichen vor den hemmungslosen Gelüsten der Seeleute zu schützen. Seine Bemühungen waren bemerkenswert erfolglos geblieben. Nicht nur, dass sich die Bootsmädchen seiner Einmischung in ihre Geschäfte entschieden widersetzt hatten, sondern auch die Seeleute hatten ihrem Protest lautstark Ausdruck verliehen. Lord Blair, der ranghöchste Vertreter Britanniens in Macao, hatte mehrmals einschreiten müssen, um zu verhindern, dass sich die Zusammenstöße und Streitereien zu handfesten Prügeleien und Aufständen entwickelten. Zu Hause hatte der Koch wochenlang ungenießbare und höchst verdächtig aussehende Gerichte serviert, um dem Reverend dadurch sein persönliches Missfallen an der Angelegenheit auszudrücken.
Sarah schüttelte den Kopf, als sie ihrer Führerin durch die gewundenen Straßen folgte, und fragte sich, ob das Leben für die Familien anderer Geistlicher ähnlich kompliziert verlief wie für sie. Sie konnte sich das kaum vorstellen. Nur vage erinnerte sie sich noch an die ruhige Vikariatszeit ihres Vaters, die die Familie in Kent verbracht hatte. Die Abernathys hatten die Grafschaft verlassen, als Sarah noch jung genug gewesen war, um kurze Röcke zu tragen. Seitdem hatte Papas Streben, das Wort Gottes in der Welt zu verbreiten, sie zu einer ganzen Reihe exotischer Außenposten in Übersee geführt. Sarah wusste, dass der von seiner Aufgabe überzeugte Missionar zu Beginn seiner Arbeit durchaus einige Erfolge zu verzeichnen hatte und in den ersten Jahren stolz auf eine große Anzahl zum Christentum Konvertierter blicken konnte.
Nach Mamas Tod jedoch, nur wenige Wochen nach Charlies Geburt, war Papa so exzentrisch geworden, was seine Hingabe an den missionarischen Dienst für den Herrn betraf, wie er jetzt war. Es gab in der Tat kein anderes Wort dafür, wie Sarah bedauernd feststellte. Heutzutage entschwand die Familie vollkommen seinem Gedächtnis, sobald der Ruf ihn ereilte. Und dasselbe geschah mit seinem gesunden Menschenverstand.
Der presbyterianische Ältestenrat hatte ihn nun schon zweimal angeschrieben und ihm dringend ans Herz gelegt, seinen Eifer künftig zu zügeln. Ein weiterer Zwischenfall könnte Papas Rückruf aus China bedeuten und für die Familie den Verlust des ohnehin schon mageren Einkommens. Doch er hatte alle diese Warnungen in den Wind geschlagen, als er von einem Mandarin in der Provinz Fukien hörte, der mehr über den Gott der Barbaren zu erfahren wünschte. Ohne Rücksicht auf seine eigene Sicherheit, die Sorgen seiner Familie und sogar den Erlass des chinesischen Kaisers, das Ausländern das Reisen ins Innere des Landes untersagte, war der Reverend aufgebrochen.
Sarah musste ihn unbedingt finden und nach Hause zurückbringen, ehe Lord Blair von dieser unerlaubten Exkursion etwas erfuhr. Und um ihren Vater möglichst bald zu finden, brauchte sie die Hilfe des berüchtigtsten Kapitäns, der das südchinesische Meer befuhr – denn er war der beste.
Mit entschlossener Miene passte Sarah ihren Schritt dem unsicheren Gang ihrer kleinen Lotsin an. Innerhalb weniger Minuten hatten sie die Tore der Christlichen Stadt, wie die von Mauern umgebene europäische Enklave Macaos auch genannt wurde, hinter sich gelassen und waren nach Mong Ha gelangt, dem ausgedehnten, unüberschaubaren chinesischen Stadtteil. Die Atmosphäre der von Menschen wimmelnden Straßen, das bunte Treiben und die zahlreichen Düfte und Gerüche nahmen sie augenblicklich gefangen.
Bezopfte Händler trugen schwer an dampfenden Eimern mit Reis und Gemüse und boten unüberhörbar ihre Waren feil. In kleinen Läden mit schmutzigen Böden wurden Streifen von Enten- und Schweinefleisch auf Kohleöfen gebraten. Geldwechsler mit Rollen von Kupfermünzen und tragbaren Waagen, auf denen sie Silber abmaßen, priesen lautstark ihre Dienste an, während Kräuterhändler, Hausierer und Wasserträger sich mit den Ellbogen ihren Weg durch die Menge bahnten. Kinder schrien, Hunde bellten, und große, übel riechende Schweine schnüffelten in der Gosse herum.
Sarah war darauf bedacht, ihren Kopf stets gesenkt zu halten, und spähte nur unter der breiten Hutkrempe mit großem Interesse hervor. In all den Jahren, die sie in Macao verbracht hatte, war sie nur zweimal in Mong Ha gewesen – einmal, um Not leidenden Familien Essen zu bringen, deren Hütten von einem Taifun zerstört und ins Meer gefegt worden waren, und das andere Mal, um sich zu vergewissern, dass ihr Koch, der zu jener Zeit erkrankt war, von seiner Familie gut versorgt wurde. Jedes Mal hatte ein aufgebrachter chinesischer Beamter sie zurückgeleitet bis zum Tor der Christlichen Stadt. Durch ein Dekret des Kaisers, erlassen in der Hauptstadt, Tausende Meilen von hier entfernt, war es europäischen Frauen untersagt, ihren Fuß auf chinesische Erde zu setzen. Von diesem Verbot ausgenommen war nur die drei Meilen lange Halbinsel, auf der sich die portugiesische Handelsniederlassung befand.
Der Reverend Josiah Abernathy glaubte fest daran, dass dieser empörende Erlass das Werk der im Zölibat lebenden Jesuiten war, die seit etwa einem Jahrhundert großen Einfluss auf die chinesischen Kaiser ausübten. Sarah selbst vermutete, dass das Verbot wesentlich naheliegendere und einfachere Gründe hatte. Es war eine Tatsache, dass die Mode der Europäerinnen die sittsamen Chinesen erschreckte. Die Chemisenkleider mit ihren hohen Taillen und den tiefen Ausschnitten, die die französische Kaiserin Josephine vor einigen Jahren populär gemacht hatte, stellten die weibliche Figur auf schamlos unverhüllte Weise zur Schau. Selbst die konservativeren Kleider der Schwestern Abernathy mit ihren langen, eng anliegenden Ärmeln und den spitzenverzierten Miedern veranlassten den Koch immer wieder, bei ihrem Anblick die Brauen hochzuziehen. Daher hatte Sarah sich in chinesische Kleidung gehüllt, um möglichst wenig Aufsehen zu erregen, wenn sie den Mann aufsuchte, dessen Hilfe sie so verzweifelt benötigte.
Endlich blieb ihre kleine Lotsin stehen und deutete scheu nach vorn. „Das ‚Haus der tanzenden Blüten‘, Große Schwester.“
Überrascht blickte Sarah zu dem Haus, auf das das Kind zeigte. Aus irgendeinem Grund hatte sie erwartet, dass ein Bordell anders aussehen würde als dieses elegante Stadthaus. Von der Straße aus betrachtet, wo lediglich die Spitzen des Daches hinter den hohen Mauern zu erkennen waren, hätte man das Gebäude auch für die Residenz eines Mandarins halten können. Ein reich mit Schnitzereien verziertes Tor aus Ebenholz stand weit offen – um nächtliche Besucher einzuladen, wie Sarah vermutete. Das Torhaus trug ein spitzes Dach, und sie konnte einen Blick erhaschen auf die üppigen Gärten dahinter, die durchzogen waren von gepflasterten Wegen und von Laternen erhellt wurden.
„Kommen Sie schon, kommen Sie“, drängte das kleine Mädchen und zupfte an Sarahs Ärmel.
Sarah folgte dem Kind in die dunkle Gasse, die an der einen Wand des Hauses entlangführte. Abfälle und andere Dinge, die sie jedoch lieber nicht näher betrachten wollte, knirschten unter ihren hölzernen Pantoffeln. Als sie die Gasse zur Hälfte durchschritten hatten, löste sich eine dunkle Gestalt aus dem Schatten des Gebäudes.
„Fünfter Neffe?“
Die Gestalt neigte den Kopf. „Ja, Große Schwester. Kommen Sie, schnell-schnell.“
Sarah fühlte, wie ihr Herz schneller schlug, als sie durch ein Seitentor schlüpfte. Trotz der tapferen Worte, die sie vorhin selbst zu Abigail gesagt hatte, fühlte sie sich nicht sehr wohl bei dem, was sie tat. Der Gedanke, heimlich in eines der berüchtigtsten Häuser von ganz Macao einzudringen, beunruhigte sie mehr, als sie zu Hause vorgegeben hatte.
Fünfter Neffe befahl der Kleinen mit dem Hinken in strengem Tonfall zu warten und schob das Kind hinter eine üppig wuchernde Jasminhecke. Dann bedeutete er Sarah, ihm zu folgen. Mit gesenktem Kopf, die Hände in die Ärmel geschoben, eilten sie einen ordentlich gefegten, gepflasterten Weg entlang.
Als sie um die Ecke des Hauptgebäudes bogen, konnte Sarah nicht widerstehen und sah sich rasch um. Der Anblick, der sich ihr im Innenhof darbot, veranlasste sie, große Augen zu machen. Genauso gut hätte sie in den Garten von Lady Blair blicken können, vielleicht während des Mittsommerballs, mit dem alljährlich in Macao die Saison eröffnet wurde.
Elegant gekleidete Frauen schlenderten Arm in Arm mit ihren erwählten Begleitern auf den schmalen Wegen einher. Ein Streichorchester erfüllte die Nacht mit silberhellen Klängen. Auf Tischen waren alle erdenklichen Delikatessen angerichtet. Der einzige Unterschied zwischen dieser Soiree und einer Abendgesellschaft bei Lady Blair war, wie Sarah leicht belustigt feststellte, dass die Damen hier bestickte Kleider trugen, die bis hin zu den kleinen, den Hals eng umschließenden Kragen, züchtig geschlossen waren. Bei Lady Blair hätten die Ballkleider die üppigen Brüste und runden Arme der Damen den Augen der Betrachter dargeboten.
Ganz plötzlich verschwand Sarahs Heiterkeit. Im Schein eines Lampions erkannte sie einen stattlichen Mann, der sich über die zierliche dunkelhaarige Frau an seinem Arm beugte. Wenn Sarah sich nicht irrte, dann war das der ehrenwerte Mr Forsythe, Oberbuchhalter der East India Company und Diakon in der kleinen Gemeinde ihres Vaters. Sie presste die Lippen zusammen. Wie sollte sie diesem Mann – oder seiner Frau – jemals wieder in einer Kirchenbank ins Gesicht sehen können?
Sarah senkte rasch den Kopf, um weitere kompromittierende Begegnungen zu vermeiden, und folgte dem jungen Chinesen einen dunklen Korridor entlang. Hier war die eigentliche Funktion des „Hauses der tanzenden Blüten“ beim besten Willen nicht mehr zu verkennen. Durch die dünnen Bambuswände hörte sie zuerst das Kichern einer Frau, dann das gelegentliche Seufzen eines Mannes und schließlich, ganz plötzlich, ein gequältes Stöhnen.
Bei diesem Geräusch blieb Sarah abrupt stehen. Ihr erster Gedanke war, dem armen Opfer stehenden Fußes zu Hilfe zu eilen, doch ehe sie das tun konnte, ging das Stöhnen in einen langen, zitternden Seufzer über, gefolgt von einem englischen Satz, der sie bis über beide Ohren erröten ließ.
„Kommen Sie!“, flüsterte Fünfter Neffe und winkte aufgeregt mit beiden Armen.
Sarah eilte ihm nach und versuchte indes ohne besonderen Erfolg, nicht auf die Geräusche zu hören, die aus den Zimmern drangen, an denen sie vorüberkamen. Als der Junge die Tür zu einem kleinen, schwach beleuchteten Raum öffnete, wusste sie, dass ihr Gesicht so rot sein musste wie das Seidentuch, das hinter der Tür hing. Zu ihrer Erleichterung war der Raum leer. Sich zur Ruhe mahnend, wandte sie sich an ihren Begleiter.
„Kommt der Kapitän hierher?“
Fünfter Neffe neigte den Kopf. „Ja, Große Schwester. Jede Nacht dasselbe.“ Er scheuchte sie hinein. „Sie warten, er kommt. Dann gehen wir, schnell-schnell.“
Als sich die Tür hinter ihrer aufgeregten Eskorte geschlossen hatte, holte Sarah tief Atem. Sie musste unbedingt ihre Wangen kühlen und ihre Gedanken sammeln für das wichtige Treffen mit dem skandalumwitterten Lord Straithe.
Wenn man den Gerüchten Glauben schenken durfte, dann hatte James Kerrick die Straße, die zu seinem Ruin führen sollte, vor acht Jahren betreten. Er war damals Lieutenant bei der Königlichen Marine gewesen und in einer höchst kompromittierenden Situation mit der Gemahlin seines Admirals ertappt worden. Die Tatsache, dass er gerade in einer der letzten Seeschlachten der napoleonischen Kriege für außerordentliche Tapferkeit ausgezeichnet worden war, konnte nicht verhindern, dass er in Ungnade fiel. Unehrenhaft aus der Marine entlassen, geschnitten von der Gesellschaft, wurde er sogar gemieden von seinem unduldsamen älteren Bruder, der sein Verhalten aufs höchste missbilligte. Unbeeindruckt hatte James sich ein eigenes Schiff gekauft und befuhr seither einen Weg der Vergnügungen und des Lasters.
Sarah hatte gehört, dass der Bruder vor einigen Jahren kinderlos gestorben war, und so hatte der ehemalige Marineoffizier den Titel Viscount Straithe geerbt. Dennoch war es dem Bruder gelungen, sich an dem schwarzen Schaf, das Unehre über die Familie gebracht hatte, zu rächen, indem er noch kurz vor seinem Tod den Familiensitz an einen landgierigen Squire verkauft hatte. Die Folge war, dass Straithe jetzt zwar den Titel innehatte, sonst aber keinerlei Vermögen besaß.
Es fiel Sarah sehr schwer, sich an einen solchen Mann um Hilfe zu wenden, doch er war ihre einzige Hoffnung. Unglücklicherweise hatte er bisher nicht im Geringsten den Eindruck erweckt, ihr helfen zu wollen. Mehrere Male hatte sie ihm Briefe geschickt, in denen sie ihn bat, in einer dringlichen Angelegenheit in der Mission vorzusprechen, doch er hatte es nicht einmal für nötig befunden, ihr zu antworten. Als sie versuchte, durch seinen Handelsvertreter mit ihm Kontakt aufzunehmen, hatte er den Angestellten angewiesen, sie mit einer Spende für die Mission abzufertigen und ihn zu entschuldigen, mit der Erklärung, dass der Kapitän zu beschäftigt sei, um sich mit Angelegenheiten der Kolonien aufzuhalten.
Offensichtlich ist er nicht zu beschäftigt für regelmäßige Besuche im „Haus der tanzenden Blüten“, dachte Sarah etwas pikiert. Nun, zumindest hatten Straithes Gewohnheiten, so abstoßend sie auch sein mochten, ihr eine Gelegenheit gegeben, ihn persönlich aufzusuchen.
Sie schob ihren Hut aus dem Gesicht und sah sich in dem kleinen Raum um. Er war für die ernsthafte Unterredung, die sie mit Straithe zu führen gedachte, nicht eben ideal ausgestattet. Abgesehen von einem niedrigen Tisch aus lackiertem Holz in der Ecke, auf dem eine Teekanne aus Porzellan, einige henkellose Tassen und eine Schale mit Obst standen, war das einzige Möbelstück ein Bett. An drei Seiten wurde es umschlossen von einem Vorhang, auf dem Szenen dargestellt waren, die Sarah das Blut in die Wangen trieben. Es stand auf einem Podest und beherrschte ganz entschieden den Raum.
Sie wandte den Blick von diesen erotischen Malereien ab und zwang sich, daran zu denken, dass sie kein Schulmädchen mehr war, das sich von solchen vulgären Zurschaustellungen einschüchtern lassen durfte. Schließlich hatte sie ihre Mutter gepflegt während des Kindbettfiebers, das sie am Ende dahinraffte, hatte ihre Brüder und Schwestern versorgt, wenn sie krank gewesen waren, genau wie viele der Schäfchen aus der Herde ihres Vaters. Sie war Krankheit und Tod öfter begegnet als die meisten anderen Frauen ihres Alters und ihrer Herkunft. Dennoch musste sie sich einen Augenblick lang mit dem Ärmel Kühlung zufächeln, ehe sie sich gefasst genug fühlte, dem Mann gegenüberzutreten, dessentwegen sie gekommen war.
Einige Zeit später, als die Tür endlich geöffnet wurde und er eintrat, war Sarahs erster Gedanke der, dass die Redensart „schwarz wie die Sünde“ eigens geprägt worden war, um sein Haar zu beschreiben. Die unordentlichen Locken schimmerten im Licht der Laterne, so dass es sie in den Fingern juckte, sie ihm aus der Stirn zu streichen, wie sie es bei Charlie tat, wenn er mit gerötetem Gesicht und erhitzt von einem Kricketspiel nach Hause kam.
Ihr zweiter Gedanke war, dass das Bett, das doch so groß war, kaum für ihn ausreichend sein konnte. Sie hatte Straithe ein- oder zweimal aus der Ferne gesehen und wusste, dass er die meisten anderen Menschen überragte. Dennoch war ihr bisher nicht bewusst gewesen, wie hoch gewachsen dieser Mann tatsächlich war.
Für einen Augenblick vergaß sie alle Regeln der Schicklichkeit und dachte darüber nach, wie in aller Welt er seine langen Beine, die in einer engen blassgelben Hose und schwarzen Stiefeln steckten, wohl in dem Bett unterbringen konnte, das für die Körpermaße eines Chinesen angefertigt worden war. Allerdings, so erinnerte sie sich, würde er natürlich keine Stiefel tragen, wenn er die verhüllte Plattform betrat. Dann errötete sie wieder wegen der Richtung, in die ihre Gedanken ungehörigerweise gewandert waren, und gab schließlich jede Hoffnung auf, ihre Verlegenheit in angemessener Zeit überwinden zu können. So reckte sie entschlossen das Kinn, blickte ihm entgegen und wartete darauf, dass er ihre Anwesenheit zur Kenntnis nahm.
Und damit ließ er sich reichlich Zeit.
Er reichte dem bleichen und aufgeregten Neffen des Kochs eine Münze und warf die Tür zu. Sarah merkte, wie er zusammenzuckte, als sie gegen den Rahmen fiel. Er runzelte die Stirn, als schmerzte ihn das Geräusch von Bambus, der gegen Bambus schlug. Als er sich umdrehte und sah, wer da am Fuße des Bettes stand, verfinsterte sich seine Miene noch mehr.
Sarah wagte kaum zu atmen, als er sie mit einem Blick aus seinen erstaunlich blauen Augen vom Scheitel bis zur Sohle musterte. Doch als er dann auffallend lange ihre Brust anstarrte, die sich sogar unter dem weiten blauen Gewand abzeichnete, ballte sie die Hände in den Ärmeln zu Fäusten.
Endlich ließ er den Blick wieder zu ihrem Gesicht wandern, und ihre Nackenhaare sträubten sich unter seiner bedrohlichen Miene. Es war ihr unmöglich, die Stille zu durchbrechen, die sich zwischen ihnen ausbreitete. Nach einem langen Moment voller Spannung schüttelte Straithe seinen grünen Gehrock ab und warf ihn zu Boden.
„Ich vermute, Mei Lin ist unwohl“, meinte er. „Du beherrschst ihr Repertoire, wie ich hoffe. Ich habe nämlich eine ausgesprochene Vorliebe für ihre Version des flatternden Schmetterlings entwickelt.“
Sarah befeuchtete ihre Lippen. Offensichtlich war Straithe nicht begeistert, jemand anderes als seine bevorzugte Gespielin in diesem dekadenten Gemach vorzufinden. Ehe sie etwas erwidern konnte, hob er spöttisch fragend eine Braue.
„Oder hast du vielleicht deine eigene, ganz persönliche Spezialität?“
Energisch schüttelte Sarah die für sie ganz uncharakteristische Schüchternheit ab. Schließlich war er nur ein Mann. Es gab keinen Grund, allein vom Klang seiner Stimme eine Gänsehaut zu bekommen. Sie entschied, nun Taten für sich sprechen zu lassen, erhob sich zu ihrer vollen, wenn auch nicht gerade beeindruckenden Größe, und nahm den Strohhut ab.
Wie sie es vorausgesehen hatte, wurde sein Blick von ihrem Haar angezogen wie Eisenspäne von einem Magneten. Sarah wusste, dass die schwere Haarfülle sich wie üblich in alle Richtungen um ihren Kopf lockte. Die Feuchtigkeit der Sommer in Macao machte jeden ihrer Versuche, ihr eigenwilliges Haar zu frisieren, zunichte. Es war von einer unbestimmbaren Farbe, irgendwo zwischen Ziegelrot und Ingwer, und es war heiß, schwer, die Last ihres Daseins. Eine der Lasten, dachte sie dann und erinnerte sich an ihren Vater. Bei dem Gedanken an den Reverend hob sie den Kopf.
„Ich bin gekommen, um mit Ihnen zu sprechen, Lord Straithe.“
„Sind Sie das, Miss Abernathy?“
Der Umstand, dass er ihren Namen kannte, raubte ihr einen Teil ihrer Fassung. Es war eine Sache, den Mann zu kennen, der stets für einen Sturm von Gerüchten sorgte, wann immer sein Schiff in der Bucht von Macao vor Anker ging. Es war eine andere Sache, dass der liederliche Lord wusste, wer sie war.
„Woher kennen Sie meinen Namen?“ Ihre Neugier siegte über die Nervosität, die sich angesichts seiner unheilverkündenden Miene ihrer bemächtigt hatte.
„Warum sollte ich nicht? Sie scheinen mich schließlich auch zu kennen?“
„Ich glaube nicht, dass das eine unbedingt etwas mit dem anderen zu tun haben muss.“
„Das glauben Sie nicht, Miss Abernathy?“
Sarah erstarrte beim spöttischen Klang seiner Stimme. Um eine würdevolle Haltung bemüht, begegnete sie seinem boshaften Blick offen und direkt. „Macao ist eine kleine Gemeinde. Es wäre eher ungewöhnlich, wenn ich einen Mann von Ihrem Ruf nicht kennen würde.“
Er zog die schwarzen Brauen noch ein wenig höher hinauf.
„Und es wäre noch ungewöhnlicher“, fuhr sie fort, „jemanden von Ihrem – nun, sagen wir – großzügigen Körperbau nicht zu bemerken. Das erklärt, warum ich Sie kenne, Mylord. Würden Sie mir jetzt bitte erklären, woher Sie mich kennen?“
Der boshafte Ausdruck auf seinem Gesicht vertiefte sich. Er verzog den Mund und kreuzte die Arme vor der Brust, wobei sich die Schulternähte seines Hemdes bedrohlich spannten.
„Wie Sie selbst sagten, ist Macao eine kleine Gemeinde. Es gibt kaum mehr als eine Hand voll Engländerinnen hier. Es würde jedem Mann schwer fallen, eine Frau von Ihrem – nun, sagen wir – großzügigen Körperbau nicht zu bemerken.“
Es machte Sarah nichts aus, dass er ihre eigenen Worte gegen sie verwandte. Sie war nie auch nur annähernd so zierlich und ätherisch gewesen wie Abigail, aber bisher hatte sie sich höchstens für schwerknochig gehalten. Plötzlich erkannte sie, dass Lord Straithe vor allem einen Teil ihres Körpers als „großzügig“ bezeichnet hatte, denn er ließ seinen Blick wieder über ihren Hals hinweg bis zu ihrer Brust wandern, um ihn dort eine beunruhigend lange Zeit ruhen zu lassen.
Wieder errötete Sarah heftig. Das Bedürfnis, die Arme vor der Brust zu verschränken und sich so vor Straithes durchdringenden Blicken zu schützen, kämpfte in ihrem Innern mit dem gleichermaßen starken Wunsch, ihm eine Ohrfeige zu versetzen.
Diese überaus passende und angemessene Reaktion machte jedoch beinahe sofort einer völlig anderen Platz, die Sarah meist zu den ungünstigsten Gelegenheiten überkam. Nach einem kurzen inneren Kampf gewann ihr Sinn für Komik die Oberhand. Sie hob den Kopf und sah in die blauen Augen ihres Gegenübers. Lord Straithe beobachtete sie noch immer, träge und dennoch bedrohlich. Dann lachte sie leise.
„Touché, Lord Straithe. Oder, wie mein Bruder Henry es ausdrücken würde, ganz ordentlich pariert.“
Als er ihr melodisches Lachen hörte, presste James Kerrick, Viscount Straithe, die Lippen zusammen. Er war nicht in der Stimmung für Heiterkeitsausbrüche.
„Sie haben einen verdammt merkwürdigen Sinn für Humor, Miss Abernathy“, stieß er hervor.
Sarah nickte. „Ich fürchte, da haben Sie Recht. Man hat mir bei mehr als einer Gelegenheit gesagt, dass das meine größte Schwäche ist. Oder eine der größten“, gab sie mit einem Lächeln zu.
James sah sie an. Er konnte ihren Gleichmut nicht verstehen. Um die Wahrheit zu sagen, fiel es ihm im Augenblick schwer, überhaupt etwas zu verstehen. In seinen Schläfen hämmerte es von zu vielen Bechern des süßen, schweren Pflaumenweins, und seine Geduld war bereits sehr strapaziert worden von vielen Stunden, die er mit sinnlosen Verhandlungen mit dem kaiserlichen Beamten, der den Hafen kontrollierte, vergeudet hatte. Außerdem schmerzten seine Lenden in der Erwartung dessen, was gewöhnlich in dieser Kammer vonstatten ging.
Von dem Moment an, da er sich umgedreht und festgestellt hatte, dass die Frau, die auf ihn wartete, nicht seine übliche Gespielin war, fiel es ihm zusehends schwerer, nicht die Beherrschung zu verlieren.
Natürlich hatte er sofort gewusst, wer die Frau war, die da vor ihm stand. Es gab in Macao nicht viele junge Engländerinnen mit ihren üppigen körperlichen Vorzügen und verdammt wenige, die die Kühnheit besaßen, ihm bis ins „Haus der tanzenden Blüten“ zu folgen. Ohne Zweifel ist sie ganz die Tochter ihres Vaters, dachte James verstimmt.
Er hatte den Reverend kurz kennen gelernt bei seinem letzten Aufenthalt in diesem Hafen, kurz bevor sein erster Maat den Missionar von Bord geworfen hatte. Die Besatzung der Phoenix hatte den Eiferer mit den glühenden Augen, der an Bord gestürmt war und ihnen das Sündhafte ihrer lockeren Lebensweise vorhalten wollte, nicht eben freundlich aufgenommen. Vor allem, da sie gerade eine schwere, dreimonatige Reise hinter sich hatten und weit mehr an Mädchen interessiert waren als am richtigen Weg ins Himmelreich.
James hatte die Tochter dieses Mannes gerade vor ein paar Tagen zum ersten Mal gesehen, als sie mit einem jungen Mann auf der Praya Grande promenierte. Zuerst hatte er sie irrtümlicherweise für eine Gouvernante gehalten, mit ihrem einfachen Kleid und dem soliden Schuhwerk. Doch selbst der schlichte grüne Stoff konnte ihre üppigen weiblichen Rundungen nicht verbergen. Ein Mann musste blind oder tot sein, um ihre wohlgeformten Brüste nicht zu bemerken, und James war keines von beiden. Die Information, dass sie die altjüngferliche Tochter des Missionars war, hatte sein gerade erst aufgeflammtes Interesse allerdings im Keim erstickt. Er zog willige, erfahrene Frauen oder die entzückenden Bewohnerinnen des „Hauses der tanzenden Blüten“ vertrockneten Blaustrümpfen vor.
Als er ihr hier nun wieder begegnete und sie aus der Nähe sah, fragte James sich, ob er seinem anfänglichen Interesse nicht doch hätte nachgeben sollen. Miss Abernathy besaß einen Mund, der so üppig war, wie ein Mann sich ihn nur erträumen konnte, eine schmale Nase und einen Blick von entwaffnender Offenheit. Die braunen Augen waren umgeben von dichten schwarzen Wimpern, und die goldenen Flecke darin erinnerten James an edlen Sherry in einer Kristallkaraffe. In diesem Augenblick gerade blitzten sie auf bei ihrem überraschenden, verwirrenden und vollkommen unerwarteten Lachen.
„Ich kann mir schlimmere Charakterfehler als Humor vorstellen, Miss Abernathy“, sagte er langsam, gegen seinen Willen von ihrer Lebhaftigkeit angezogen.
„Nicht für die Tochter eines Missionars“, erwiderte sie.
„Aber Sie sind doch eine sehr ungewöhnliche Missionarstochter.“
Sie verzog den Mund. „Und Sie kennen gewiss genügend von uns, um einen solchen Vergleich ziehen zu können, Lord Straithe?“
Ihre kecke Antwort überraschte James. „Eine verdammt ungewöhnliche Missionarstochter sogar“, murmelte er dann, mehr zu sich selbst als zu ihr sprechend.
„Nun ja“, erwiderte sie, und ihr Lächeln verschwand bei seinem unhöflichen Tonfall. „Ich vermute, Sie haben Recht, sonst wäre ich wohl nicht hier, oder?“
„Nein, das wären Sie vermutlich nicht.“
James war der Wortgefechte überdrüssig, und er entschied, dass es Zeit war, dieses dreiste Frauenzimmer loszuwerden und stattdessen die entzückende Mei Lin zu rufen, damit sie den Schmerz in seinen Schläfen vertrieb. Unter anderem.
„Ich vermute, Ihre Anwesenheit hier hat etwas zu tun mit den Nachrichten, die Sie mir zukommen ließen, und nicht mit dem Wunsch, das Geheimnis des flatternden Schmetterlings zu lüften?“
„Des Flatternden …“
Mit spöttischem Lächeln deutete er auf eine der Wandtafeln, die das Bett verzierten.
Röte färbte ihr Gesicht. Sie hob den Kopf und sah ihn an. „Natürlich hat meine Anwesenheit hier damit nichts zu tun.“
Herausgefordert von dem Schwindel in seinem Kopf und der Art, wie sie die Nase weiterhin hoch trug, konnte James der Versuchung nicht widerstehen, sie noch ein bisschen zu necken.
„Wer weiß, vielleicht würde es Ihnen sogar gefallen“, meinte er herausfordernd.
Sie verzog den Mund und sah nun genauso aus wie die Gouvernante, für die er sie vorher gehalten hatte. „Es hat keinen Sinn, mich in Verlegenheit bringen zu wollen, Lord Straithe. Ich bin längst aus dem Alter heraus, in dem man über so etwas außer Fassung gerät. Aber es wäre mir lieb, wenn Sie auf weitere schlüpfrige Andeutungen dieser Art verzichten würden.“
James ergötzte sich an ihrer prüden, missbilligenden Haltung. Das Lachen, das ihn so verwirrt hatte, war vollkommen aus ihren Augen verschwunden. Er wollte sich nicht eingestehen, dass er es vermisste.
„Wenn Sie sich mit Männern in Bordellen treffen, dann müssen Sie sich noch an weit Schlimmeres als an schlüpfrige Andeutungen gewöhnen.“
Er trat ein paar Schritte vor, in der Absicht, sie zu erschrecken und dann fortzuschicken. Daher hob er die Hand und strich ihr über die glühend heiße Wange. Dass sich ihre Haut zart und weich anfühlte, überraschte ihn beinahe so sehr, wie die unerwartete Berührung sie erschreckte.
Hastig trat sie einen Schritt zurück. Als sie feststellte, dass das Bett sie an jedem weiteren Rückzug hinderte, sah sie ihn konsterniert an.