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Andrea Pabel

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Ein Wildpferd für Johanna

Ich danke Harvey Beartrack jr. für seine Bereitschaft, mir von seinem Wissen, den Erfahrungen und Traditionen seines Volkes zu berichten, und für sein Einverständnis, einiges davon zu veröffentlichen.

Andrea Pabel

… mein Pferd unter mir ist friedvoll,

friedvoll der Klang seines Wieherns.

Ich bin immerwährend und friedvoll,

so gleiche ich meinem Pferd.

Altes Lied der Navahos

Der Kampf mit dem Kojoten

Prolog

Auf der kargen und wilden Hochebene New Mexicos, der Mesa, gibt es auch heute noch einige Herden wild lebender Pferde. Die Menschen in den indianischen Reservaten sind oft so arm, dass sie manche ihrer Zucht- und Arbeitspferde im Winter sich selbst überlassen müssen. Die Herden streifen frei umher und suchen sich ihr Futter selbst. Einige dieser halbwilden Pferde kehren aber im Frühjahr nicht mehr in die Pueblos zurück, sie lassen sich nicht mehr einfangen.

So wurden sie im Laufe der Jahre und Generationen zu Wildpferden der Mesa in den Bergen.

Die edle Zuchtstute Nesha aus dem indianischen Pueblo war in einem sehr kalten Winter zu der Herde des legendären pechschwarzen Wildhengstes El Moro gestoßen. Nur wenige Menschen hatten diesen ungezähmten Hengst jemals gesehen, aber die Indianer erzählten Wunderdinge von ihm und dass er magische Kräfte besitze. Als Nesha nach zwei Jahren ihren Weg zurück zu den Menschen fand, brachte sie ein wildes, kleines Fohlen mit, das zu einer Stute heranwuchs – der schwarzen Stute Biba.

Auf der Suche

»Schau, dort unten sind sie!«, rief Michael Gelber Vogel.

Johanna blickte in die Richtung, in die er deutete, und entdeckte im Cañon unter sich eine kleine Gruppe von Pferden, die sich um ein Wasserloch drängten.

Vorsichtig begannen die beiden, in den Cañon zu klettern, ohne einen Stein zu lösen, der die Pferde erschrecken könnte. Sie waren lange über die Mesa gegangen, jenes wüstenartige Hochplateau New Mexicos, auf dem die Pferde aus dem nahe gelegenen Pueblo den Winter über halbwild umherstreifen. Obwohl Johanna mit ihrer Familie nun bereits ein halbes Jahr in der kleinen Stadt Paseo lebte, verwirrte die Landschaft sie noch immer.

So weit sie sehen konnte, erstreckte sich die baumlose Ebene vor ihr. Jetzt, am Ende des Winters, waren die Büsche und Gräser braun, die Steine und der rötliche Lehm noch teilweise von einer dünnen Schneekruste bedeckt. Michael ging trittsicher auf dem schmalen Pfad vor ihr. Er hatte sein langes, schwarzes Haar zu einem Zopf geflochten, trug eine dicke Daunenweste, Jeans und Cowboystiefel. Von seiner Mutter, einer Cheyenne-Indianerin aus Oklahoma, hatte er die hohen Wangenknochen geerbt, von seinem Vater aus dem Pueblo die runde Gesichtsform, eine breite Nase und volle Lippen.

Seine dunklen Augen leuchteten, als er sich zu Johanna umwandte und den Zeigefinger an die Lippen legte. Als sie um den nächsten Felsblock spähten, waren sie den Pferden näher, als Johanna vermutet hatte. Alle Tiere der kleinen Herde waren erschreckend mager. Durch das struppige Winterfell sah man die Rippen, die Hufe waren rissig und ungepflegt. Ihre verfilzten Mähnen und Schweife wehten im kalten Wind.

»Warum kümmert sich denn niemand um sie?«, flüsterte Johanna.

»Es gibt zu viele Pferde im Pueblo, und das Leben im Reservat ist hart!« Michael schwieg einen Augenblick. »Warte nur, bis wir die Stute gefunden haben, die ich dir zeigen will … Winston Gomez sagte, dass er es sich nicht leisten kann, sie zu behalten, weil seine Mutter ins Krankenhaus musste.«

Prüfend musterte er die Pferde und sagte endlich: »Bei dieser Herde ist sie nicht. Lass uns ein Stück weitergehen!«

Johanna schaute auf die Uhr. »Ich muss nach Hause, Michael. Ich habe Florian versprochen, ihm bei den Hausaufgaben zu helfen!«

Schweigend machten sie sich auf den Rückweg. Bald tauchten die viereckigen Häuser aus Adobe, den roten Lehmziegeln, vor ihnen auf. Die meisten Häuser des Pueblos, in dem Michael wohnte, waren aus Lehm gebaut. Die Straßen waren ungepflastert und voller Fahrrinnen und Schlaglöcher. Auf den flachen Dächern mancher Gebäude lagen Hirschgeweihe, an die viele kleine Adlerfedern gebunden waren.

»Was bedeutet das?«, hatte Johanna einmal gefragt, aber Michael hatte sie nur abweisend angeblickt und undeutlich gemurmelt: »Es sind Gebetsfedern!«

Die Indianer sprechen nicht gern über diese Dinge, das wusste Johanna. Seitdem hatte sie ihn vieles nicht mehr gefragt, was sie gern gewusst hätte.

»Morgen Nachmittag versuchen wir es noch einmal«, schlug Michael vor, als sie an der Bushaltestelle angekommen waren.

»Klar!« Johanna nickte. »Ich möchte die Stute unbedingt vor der Versteigerung sehen.«

Michael strich ihr das kupferfarbene Haar aus dem Gesicht und küsste sie auf die Wange. Dann drehte er sich schnell um und ging zum Pueblo zurück.

»Wo warst du denn so lange?«, begrüßte ihr jüngerer Bruder Florian Johanna, als sie nach Hause kam. Für seine acht Jahre war er erstaunlich groß und kräftig. Er hatte rotblonde Locken und blaue Augen, viele Sommersprossen auf der Nase und eine riesige Zahnlücke, durch die er mit großer Treffsicherheit Kirschkerne spucken konnte.

»Ich war mit Michael auf der Mesa, um das Wildpferd zu suchen, das er mir zeigen will. Aber wir haben es heute wieder nicht gesehen«, erwiderte Johanna.

Florian verzog das Gesicht. »Immer bist du mit diesem Typ zusammen«, sagte er altklug. »Papa mag das nicht, das weißt du.«

Johanna zuckte die Schultern. »Zeig mir deine Hausaufgaben!« Sie wechselte schnell das Thema und setzte sich an den Tisch.

Florian ging auf die deutsche Schule und hatte noch Eingewöhnungsschwierigkeiten. Das lag aber auch daran, dass er lieber mit seinen neuen Freunden draußen spielte und die Nachbarschaft erforschte, als zu lernen.

Vor sechs Monaten waren die Küffners von Deutschland nach New Mexico gezogen, weil Johannas Vater für zwei Jahre als Dozent für Kunstgeschichte am College in Paseo unterrichtete. Johanna fühlte sich hier wohl. Neben den Hauptfächern wie Mathematik, Englisch und Sozialkunde wurde den musischen und künstlerischen Fächern große Bedeutung zugemessen. Es gab Unterricht in verschiedenen Maltechniken, auch die Kunstgeschichte ferner Länder wie Japan oder China wurde unterrichtet, und die Schüler konnten in den Werkstätten Kurse in Töpfern, Weben, Silberschmieden und anderem Handwerk belegen.

Auf dem College hatte Johanna Michael kennengelernt. Zuerst waren ihr seine Bilder aufgefallen, einfache Malereien in transparenten, leuchtenden Farben, die sie faszinierten. Michael war anfangs sehr wortkarg gewesen, aber mit der Zeit war eine enge Freundschaft zwischen ihnen entstanden. Als Johanna ihm erzählte, dass ihr Vater versprochen hatte, ihr zu ihrem fünfzehnten Geburtstag ein Pferd zu schenken, hatte Michael spontan gesagt: »Du, ich weiß das richtige Pferd für dich!« So versuchten sie nun seit Tagen, diese Stute auf der Mesa zu finden, denn nächste Woche sollten die Pferde versteigert werden.

Johannas erster Gedanke am Morgen des nächsten Tages galt der Suche nach ihrem Wildpferd. Im Badezimmer blickte sie prüfend in den Spiegel. Ihre kupferroten, lockigen Haare standen widerspenstig ab. Seit sie in New Mexico lebte, hatte sie sich verändert. Sie war noch immer kräftig, ohne dabei pummelig zu wirken wie als Kind, aber ihr Gesicht war schmaler geworden und ihre graugrünen Augen ernster. Entschlossen bürstete sie ihre Haare. Heute mussten sie das Pferd finden.

Michael wartete bereits auf sie, als sie mit dem Fahrrad um die Ecke bog. Er stand an einen Zaunpfahl gelehnt am Ende des Pueblos und blickte nachdenklich über die Mesa. Johanna stellte ihr Fahrrad ab. Ohne sich umzuwenden, nahm Michael ihre Hand und sagte: »Ich glaube, sie muss dort drüben sein!« Er deutete in die Richtung der gewaltigen Berge, die auf der östlichen Seite die Mesa begrenzten und sich in der Weite verloren.

»Woher willst du wissen, dass sie dort ist?«, fragte Johanna skeptisch.

Michael sah sie an. »Ich fühle es«, sagte er einfach.

»Dann lass uns losgehen, ich möchte sie endlich sehen«, rief Johanna. Ungeduldig zog sie den Reißverschluss ihres Anoraks zu.

»In Deutschland gibt es auch Berge wie hier, stimmt’s?«, fragte Michael, nachdem sie eine Weile gegangen waren.

Johanna nickte. »Ja, in Bayern, wo wir früher wohnten, gibt es herrliche Berge. Aber die Landschaft ist trotzdem ganz anders als hier. Zu Hause sind die Farben blasser, vor den Bergen sind kleine grüne Hügel, Dörfer und Gärten, und die Erde ist dunkelbraun, nicht rötlich wie hier. Die Gegensätze sind in New Mexico so scharf. Da ist die Mesa, flach wie ein Brett, und auf einmal ragen die Berge steil in den Himmel.« Nachdenklich verstummte sie.

Allmählich kamen sie den Bergen näher. Michael suchte den Boden nach Hufspuren ab. »Wir müssen uns weiter nördlich halten. Es kann sein, dass sie in der Nähe des Flusses Futter suchen!«

Aber nach einer weiteren Stunde hatten sie die Wildpferde noch immer nicht gefunden. Endlich blieb Johanna erschöpft stehen.

»Michael, ich kann nicht mehr. Die Mesa ist so groß, wir laufen hier sinnlos herum und finden die Pferde doch nicht. Vielleicht hat die Stute den Winter gar nicht überlebt? Du hast selbst gesagt, dass manche Pferde krank werden und an Entkräftung sterben, weil sie zu schwach sind, um bis zum Frühjahr durchzuhalten!«

»Johanna, gib jetzt nicht auf. Ich weiß, dass die Stute am Leben ist. Sie stammt aus der ausdauerndsten und zähesten Blutlinie unserer Wildpferde. Ihre Mutter hieß Nesha, sie ist eine der besten Zuchtstuten, die es je gab. Es war ein schwerer Schlag, als sie in einem besonders kalten Winter mit einer kleinen Herde bei einem Schneesturm auf der Mesa verloren ging. Als sie nach zwei Jahren wiedergefunden wurde, war das Einjährige an ihrer Seite das schönste und kräftigste Fohlen weit und breit. Es wurde als Wildpferd in diesen Bergen geboren und hat schon als Fohlen gelernt, sich in der Natur zu behaupten. So eine Stute geht nicht einfach zugrunde. Diese Pferde sind stark, sie haben zu kämpfen gelernt. Glaub mir, wir finden sie heute!«

Johanna sah die Entschlossenheit in Michaels Gesicht, aber sie wollte trotzdem nicht weitergehen.

»Du gibst viel zu schnell auf«, sagte Michael und strich ihr mit dem Zeigefinger über die Stirn. »Und immer, wenn du dir Sorgen machst, ziehen sich deine Augenbrauen zusammen wie Gewitterwolken, und deine schönen, grünen Augen verschwinden unter dieser Wolke.«

»Du hast wahrscheinlich recht«, gab Johanna zu. Sie nahm seine Hand.

Der Pfad wurde immer steiler und steiniger. Sie kamen nur langsam voran.

»Hast du das Wiehern gehört?«, flüsterte Michael.

Johanna schüttelte den Kopf.

»Es kam von dort drüben, da ist ein Talkessel«, sagte Michael leise.

Der Weg wurde nun so schmal, dass Johanna hinter Michael gehen musste.

Auf einmal blieb er stehen. Vor ihm fiel die Böschung steil ab und gab den Blick in ein kleines Tal frei.

»Dort sind sie!«, flüsterte er aufgeregt.

Etwa fünfzehn Pferde suchten am Grunde des Tales zwischen Steinen und Geröll ein paar spärliche Grashalme. Braune, Schecken und Schimmel grasten dicht aneinandergedrängt.

»Wo ist sie?«, fragte Johanna ungeduldig.

»Dort, links am Rand, die schwarze Stute«, erklärte Michael und deutete nach unten. »Sie ist dein Pferd!«

»Wie?«, rief Johanna enttäuscht. »Das kann doch nicht dein Ernst sein! Sag nur, wir sind tagelang durch die Mesa gelaufen, damit du mir dieses arme Tier dort zeigst?« Sie warf Michael einen empörten Blick zu und schaute ungläubig zu der Herde hinunter.

Die Stute, auf die Michael gezeigt hatte, war mittelgroß, ihre Knochen stachen spitz aus dem glanzlosen Winterhaar hervor. Die Flanken waren eingefallen, ein dichter, verfilzter Haarschopf bedeckte den Kopf, im Schweif steckten zahllose Kletten.

»He«, sagte Michael leise, »ich dachte, dass du was von Pferden verstehst. Lass uns näher rangehen. Vielleicht kannst du sie von hier oben nicht so gut erkennen.«

Kritisch musterte Johanna die Stute, als sie sich der Herde bis auf ein paar Meter genähert hatten.

Michael pfiff leise durch die Zähne, und da flog der Kopf der schwarzen Stute hoch. Ein Windstoß wehte ihr die Stirnlocke aus dem Gesicht, feurige, glänzende Augen sahen zu ihnen herüber. Der Blick der Stute drückte so viel wilden Stolz und eine seltsame Entschlossenheit aus, dass Johanna erschauerte. Verwirrt sah sie Michael an.

»Verstehst du nun, was ich meine?«, fragte er.

Johanna runzelte die Stirn. »Ja«, sagte sie zögernd. »Aber glaubst du wirklich, dass sie belastbar ist? Dass sie sich für Distanzrennen eignet? Ich möchte ein Pferd, das ich für Fünfzig- oder gar Hundert-Meilen-Rennen trainieren kann. Diese Stute macht nicht den Eindruck, als ob sie das aushalten könnte. Sieh nur, wie dünn ihre Beine sind! Die Arme!«

Michael legte Johanna den Arm um die Schultern und sah ihr in die Augen. »Johanna Küffner«, sagte er und rollte das R wie ein Spanier, »soll ich dir eine Geschichte erzählen?«

Johanna nickte, und sie gingen ein paar Schritte zurück und setzten sich auf einen Felsblock.

»Auf einer Ausstellung im letzten Sommer traf ich einen Maler aus Frankreich. Er erzählte mir eine Geschichte. Es lebte einmal ein Bildhauer in Paris, der den Auftrag erhielt, die Skulptur eines Pferdes zu meißeln. Also bestellte er einen großen Steinblock. Die Männer, die den Stein lieferten, legten ihn in den Garten des Bildhauers. Gleich kamen die Kinder aus der Nachbarschaft herbeigelaufen, um sich den Stein anzusehen. Das war kurz vor den Sommerferien. Noch bevor der Bildhauer zu arbeiten begann, fuhren die Kinder in die Ferien. Als sie am Ende des Sommers wiederkamen und neugierig in den Garten des Bildhauers sahen, war der Steinblock verschwunden. Stattdessen stand dort ein schönes, steinernes Pferd. Ein kleiner Junge lief zu dem Bildhauer und zupfte ihn am Ärmel. Er fragte, woher der Bildhauer gewusst hatte, dass in diesem Steinblock ein so schönes Pferd verborgen war?«

Michael schwieg eine Weile. Dann wandte er sich Johanna wieder zu. »Verstehst du, was ich damit sagen will? Man muss sehen können, wie jemand, ein Mensch, ein Tier, eine Pflanze wirklich ist, seine Fähigkeiten wahrnehmen und die Kräfte, die in jemandem stecken, erkennen, auch wenn sie noch nicht sichtbar sind.« Er machte eine Kopfbewegung in Richtung der Stute. »Du magst recht haben, im Moment sieht sie aus, als könnte sie einen Reiter keine zwei Meilen tragen – aber ich sage dir, sie ist das beste Pferd weit und breit.«

Der schrille Schrei eines Habichts drang aus der Ferne zu ihnen, und ein kalter Windstoß fegte durch die dürren Gräser.

Johanna blickte nachdenklich auf die Stute. Plötzlich krachte ein Donnerschlag. Die Stute warf den Kopf hoch und stieg leicht. Ihre Mähne schlug wie eine dunkle Flamme empor, als sie sich herumwarf und in gestrecktem Galopp davonstürmte. Mit der Leichtigkeit einer Schwalbe flog sie über Steine und Felsbrocken, ihre Hufe schienen kaum den Boden zu berühren. Ihr Hals wölbte sich stolz, und ihr Schweif wehte wie eine Flagge hinter ihr her, als sie an der Spitze der Herde aus dem Tal stürmte.

Wie ein Spuk war plötzlich alles vorüber, das Tal lag wieder still da, in der Ferne ballten sich Gewitterwolken zusammen. Am Horizont wetterleuchtete es.

Johannas Augen funkelten. »Du hast recht, Michael! Es steckt viel mehr in ihr, als ich auf den ersten Blick vermutet habe. Ich hätte es nie für möglich gehalten, dass sie so laufen kann!«

Michael nahm ihre Hand. »Es ist gut, dass du sie gesehen hast. Aber laufen müssen wir nun selbst, wenn wir nicht nass werden wollen«, sagte er und deutete zum Himmel.

Kurz bevor sie die Straße erreichten, fing es an, in Strömen zu regnen. Johanna wollte ihr Fahrrad nehmen, doch Michael hielt sie zurück. »Warte, du kannst bei diesem Wetter nicht fahren. Der Regen dauert sicher nicht allzu lange. Komm mit mir nach Hause, bis es vorbei ist.«

»Meinst du, das ist deinen Eltern recht?«, fragte Johanna. Noch nie hatte Michael sie mit nach Hause genommen.

»Es ist nur Großmutter da, mach dir keine Sorgen«, sagte er kurz.

Als Johanna wenig später mit Michael das Haus betrat, blickte die alte Frau am Herd sie prüfend an. Ihr Gesicht war von vielen Runzeln durchzogen, und an den Händen sah Johanna, dass die alte Frau in ihrem Leben schwer gearbeitet hatte.

Obwohl sie ein wenig gebückt ging, wirkte sie stolz. Sie trug einen einfachen Rock und eine Wolljacke über der Bluse. Ihre grauen Haare hatte sie im Nacken zu einem festen Knoten gebunden.

Johanna blickte sich beklommen um. Der Boden war mit altem Linoleum bedeckt, die Wände aus rötlichem Ziegelstein. Schwere, runde Holzbalken stützten die Decke. In einer Ecke des Raumes hingen Familienbilder und eine Marienfigur in grellen Rosa- und Blautönen. Michael wechselte ein paar Worte in seiner Sprache mit der alten Frau, und sie erhob sich, holte aus dem Küchenschrank zwei Blechtassen und stellte sie auf den Tisch. In einem Emaillekessel auf dem Herd brodelte Kaffee. Sie schenkte ihnen ein und stellte Milch und Zucker auf das verblichene Wachstuch, das den Tisch bedeckte.

Alte Truhen standen an einer Wand des Raumes, getrocknete Maiskolben hingen von der Decke, die Couch in der Ecke war mit einem Wirrwarr bunter Decken und Kissen vollgestopft. Auf einer hellgrünen Kommode stand ein Fernseher, daneben auf einer Spitzendecke ein Radio und eine vergoldete Uhr. Eine magere Katze schlief zusammengerollt in einem Pappkarton voller Holzspäne.

»Setz dich doch«, riss Michaels Stimme Johanna aus ihren Gedanken. »Großmutter spricht kein Englisch, aber sie heißt dich willkommen.«

Die Türe knarrte und wurde vorsichtig geöffnet. Zwei dunkle Haarschöpfe tauchten auf und darunter zwei Kindergesichter, die scheu hereinschauten. Die beiden kleinen Mädchen mochten etwa vier und fünf Jahre alt sein. Sie blickten Johanna an, hielten die Hand vor den Mund und kicherten. Michael sagte etwas in seiner Sprache, und sofort verstummte das Kichern. Die beiden Kleinen kamen auf ihn zugelaufen und setzten sich auf seinen Schoß. Michael wirkte auf einmal sehr erwachsen und reif für seine achtzehn Jahre.

»Das sind meine Nichten Maria und Wenona«, stellte er die beiden Johanna vor. »Großmutter gibt auf sie acht, weil ihre Mutter in Santa Fe arbeitet und nicht immer hier ist.«

»Lebt ihr Vater auch in Santa Fe?«, fragte Johanna.

»Ihr Vater lebt nicht mehr«, antwortete Michael in einem Ton, der alle weiteren Fragen verbot.

Johanna blickte betreten in ihre Kaffeetasse. Sie begann, sich überflüssig zu fühlen.

»Es tut mir leid«, sagte Michael sanft. »Wir haben andere Sitten als ihr. Bei uns ist es unhöflich, als Gast nach persönlichen Dingen zu fragen. Manchmal vergesse ich, dass du das ja nicht wissen kannst.«

Langsam hörte der Regen auf. »Ich gehe nun nach Hause«, sagte Johanna und stand auf. »Bitte sag deiner Großmutter Danke für den Kaffee.«

Michael übersetzte, und die alte Frau nickte Johanna zu. Michael begleitete sie zur Tür. Die Abendsonne warf schräge Strahlen auf die Straße, die feuchte Erde dampfte. »Ich wollte dich vorhin nicht kränken«, sagte Michael. »Mein Bruder fuhr vor zwei Jahren betrunken von Albuquerque nach Hause und raste eine Böschung hinunter. Er starb nach einer Woche im Krankenhaus, mein jüngster Neffe starb noch an der Unfallstelle.«

»Das tut mir leid«, murmelte Johanna betroffen. Michael hatte seinen Bruder noch nie erwähnt.

»Mach dir keine Gedanken darüber«, sagte Michael und nahm sie in die Arme. »Freu dich auf dein Pferd. Und komm gut heim!«

Johannas Entscheidung

Es war dämmerig, als Johanna nach Hause kam. Ihr Vater saß über einen Zeitungsbericht gebeugt am Wohnzimmertisch. Er war ein großer Mann Mitte vierzig, dessen lockige, braune Haare an den Schläfen grau wurden. Er trug Jeans und einen blauen Wollpullover. Er lächelte, als Johanna ins Zimmer trat.

»Papa, ich habe heute endlich mein Pferd gefunden!«, rief Johanna und begrüßte ihn stürmisch.

»Das freut mich«, sagte ihr Vater. »Wie sieht es aus?«

Johanna zögerte einen Augenblick. »Sie ist schwarz und etwa einen Meter fünfundfünfzig groß. Im Moment ist sie nicht gerade in guter Verfassung. Sie wurde kaum gefüttert und ist vernachlässigt.« Johanna räusperte sich. »Um ehrlich zu sein, Papa, sie machte einen jämmerlichen Eindruck. Aber dann habe ich sie laufen sehen! Du glaubst gar nicht, wie schnell und leichtfüßig sie sich selbst in steinigem Gelände bewegt. Michael sagt, sie ist eines der besten Pferde weit und breit.«

»Hoffentlich hat Michael damit recht, und du wirst nicht übers Ohr gehauen, Johanna. Ich weiß nicht, ob man den Jungs aus dem Pueblo trauen kann. Ich habe schon zu viele Geschichten gehört, bei denen Leute übervorteilt wurden.«

»Papa! Wie kannst du so was sagen!« Johanna war empört. »Das sind doch Vorurteile! Michael würde so was nie tun!«

»Ich warne dich nur«, lenkte ihr Vater ein. »Vielleicht solltest du zu einem Pferdezüchter gehen und dich dort einmal umsehen. Wir könnten morgen Abend zu Gregory Millers Ställen fahren und uns seine Pferde anschauen.«

»Gut. Aber ich glaube nicht, dass ich ein Pferd von dort haben möchte«, meinte Johanna skeptisch.

»Es kann nicht schaden, sich verschiedene Pferde zur Auswahl anzusehen. Ich möchte ja nur, dass du wirklich ein Pferd bekommst, mit dem du zufrieden bist.«

Später erzählte Johanna ihrer Mutter in der Küche, wie sie die schwarze Stute in den Bergen gefunden hatten.

»Weißt du, Mama, zuerst war ich enttäuscht, weil sie auf den ersten Blick nicht so kräftig wirkte, wie ich sie mir vorgestellt hatte. Aber als sie sich bewegte, wusste ich, dass ich dieses Pferd und kein anderes haben möchte. Sie hat mich so durchdringend angesehen! Ich wusste gar nicht, dass Pferde einen so anschauen können. Es ging mir durch und durch!«

Ihre Mutter hörte aufmerksam zu. Sie sah, wie Johannas Augen strahlten, als sie von der Stute sprach.

»Papa wird dir sicher das Pferd kaufen, das du gern haben möchtest«, sagte sie schließlich. »Aber tu ihm den Gefallen, und sieh dir noch ein paar andere Pferde an. Dann hat er das Gefühl, dass du nicht blindlings das erstbeste Pferd genommen hast, das Michael dir empfohlen hat. Du weißt doch, dass er sich selbst so für Pferde interessiert!«

Johanna nickte. »Warum ist Papa Michael gegenüber immer so misstrauisch?«, fragte sie ihre Mutter.

»Michael ist Indianer, und ihr kommt aus zwei verschiedenen Welten. Ihr seid verschieden aufgewachsen und erzogen worden. Papa befürchtet, dass ihr euch deshalb auf die Dauer nicht verstehen werdet!«, sagte ihre Mutter ausweichend.

»Michael ist mein Freund!«, rief Johanna aufgebracht. »Es ist mir egal, ob er Indianer ist oder vom Nordpol kommt. Du hast mir selbst oft genug gesagt, dass man keine Vorurteile haben und einem anderen seine Hautfarbe nicht vorwerfen darf. Wichtig ist doch nur, was für ein Mensch er ist! Michael versteht mich besser als Papa mit seinen ewigen Ratschlägen!«

»Reg dich nicht auf, Johanna. Ich persönlich habe gar nichts gegen Michael. Sei ein bisschen diplomatisch, und sieh dir morgen mit Papa die Pferde an, damit er zufrieden ist.«

Die Straße zu Gregory Millers Ställen führte am Rio Grande entlang. Der mächtige Fluss wand sich tief in einem Cañon, dessen Seitenwände aus rotem Sandstein steil und zerklüftet aufragten. Große, weiße Wolkenschiffe standen reglos am Himmel, weit in der Ferne am Horizont erhob sich eine Bergkette. Dazwischen erstreckte sich, so weit das Auge reichte, die baumlose Mesa.

Bald tauchten die weißen Koppelzäune der Ranch auf. Gregory Miller kam ihnen lächelnd entgegen, als sie aus dem Auto stiegen. Er war ein hochgewachsener Mann Ende dreißig, dem man ansah, dass er viel Zeit an der frischen Luft und in der Sonne verbrachte.

»Ich glaube, ich habe genau das richtige Pferd für ein junges Mädchen. Man möchte ja ein Pferd, das sich sehen lassen kann, stimmt’s? Kommen Sie, ich zeige Ihnen gleich zwei Pferde, an denen Ihre Tochter viel Freude haben würde.«

Johanna folgte den beiden Männern an den Koppelzaun. »Sehen Sie dort drüben den Fuchswallach?« Miller wies auf ein großes, gut gebautes Pferd mit schneeweißer Mähne. »Er ist gerade sechsjährig, ein vielversprechendes Tier. Der Wallach hat beste Papiere, er ist Western und Englisch geritten. Ein vielseitiges Pferd, er eignet sich sowohl zur Dressur als auch zum Springen oder zum Distanzreiten.«

Johanna betrachtete den Fuchs genau. »Die Schimmelstute dort drüben steht auch zum Verkauf«, fuhr Gregory Miller fort. »Möchten Sie eins der beiden Pferde reiten?«, fragte er Johanna.

Sie zögerte. »Ich habe mich eigentlich schon für ein Pferd aus dem Pueblo entschieden«, sagte sie ausweichend. »Ich möchte Ihnen keine Mühe machen.«

Ihr Vater runzelte die Stirn. »Sie sind doch Pferdefachmann«, sagte er. »Was halten Sie von diesen Pueblopferden?«

»Meistens taugen die Pferde von dort nicht viel. Sie sind schlecht gehalten, verwildert und meistens nicht reinrassig. Man kann einmal Glück haben und dort billig ein gutes Pferd finden, aber das ist selten. Mit meinen Pferden gehen Sie kein Risiko ein. Sie wissen, was Sie haben, und müssen nicht erst abwarten, wie sich ein Pferd entwickelt.« Er sah Johanna aufmunternd an. »Kommen Sie«, schlug er freundlich vor. »Ich sattle Ihnen den Fuchs einmal. Dann sehen Sie, wie gut er zu reiten ist.«

Wenig später saß Johanna in einem bequemen Westernsattel. Der große Wallach folgte gehorsam allen Hilfen und reagierte sensibel auf jede Gewichtsverlagerung. Johanna ritt ihn in allen Gangarten durch die große Arena.

»Sie sieht wirklich gut aus«, sagte ihr Vater stolz. »Wissen Sie, ich möchte, dass sie ein Pferd bekommt, das zu ihr passt und keine Schwierigkeiten macht. Nicht irgendein verwildertes Indianerpony.«

Gregory Miller nickte zustimmend. »Ja, das verstehe ich gut. Ich sattle schnell die Schimmelstute, damit Ihre Tochter sie zum Vergleich auch reiten kann.«

Auch die Stute ließ sich willig lenken, nur wollte sie nicht so recht vorwärtsgehen. Als Johanna, das Pferd am Zügel, zum Ausgang der Bahn zurückkam, sah ihr Vater sie erwartungsvoll an. »Welches der beiden Pferde gefällt dir besser?«, fragte er.

»Der Fuchs«, antwortete Johanna und sah zu dem Wallach hinüber. Ob Michael wirklich recht hatte? Ob die Rappstute aus den Bergen das richtige Pferd für sie war? Für einen Augenblick kamen ihr Zweifel. Der Wallach war in guter Verfassung, er war groß und kräftig und sicher ein Pferd, auf das sie sich verlassen konnte. Ob die schwarze kleine Stute tatsächlich so ausdauernd war, wie Michael gesagt hatte? Sie würde sie vor der Auktion nicht einmal reiten können.

Johanna musterte den Wallach sorgsam von oben bis unten. »Er heißt Tonio«, sagte Miller. »Sein Vater war ein bekannter Western-Champion.«

Da zerriss der schrille Schrei eines Habichts die abendliche Stille. Johanna schauderte, plötzlich fühlte sie sich zurückversetzt in das Tal in den Bergen, spürte wieder den durchdringenden Blick der schwarzen Stute. Es war ihr, als hörte sie Michael sagen: »Sie ist dein Pferd, Johanna.«

Alle Zweifel waren auf einmal verflogen. Der Fuchs war ein gutes Pferd, aber nicht ihres.

Ihr Vater sah sie fragend an. »Nun, hast du dich entschieden, Johanna?«

»Ja, Papa. Ich möchte die Stute aus den Bergen«, sagte Johanna entschlossen. »Aber ich kann es mir ja noch einmal überlegen«, fügte sie schnell hinzu, als sie den enttäuschten Gesichtsausdruck ihres Vaters sah.