Willkommen im Club!

Ja, Sie und ich gehören jetzt in denselben Verein. Zwangsweise. Egal, was wir machen, wie wir ticken, wo wir leben, wen wir wählen, wen wir lieben eines eint uns: Ab 40 sind wir allesamt strammen Fußes auf dem Weg in die Wechseljahre. Kein besonders angesagter Club. Und nicht bloß, weil sie dort tatsächlich noch Abba spielen. Aber wir haben ja sowieso keine Wahl. Längst stehen wir auf der Gästeliste. Hat man nämlich erst einmal ein „gewisses“ Alter erreicht, leuchtet ein großes Schild über uns auf: „Hereinspaziert in das Mittel-Alter!“ Ein unglaublich sexy Ausdruck.

Ich weiß, wovon ich rede. Ich bin über 50. Das heißt: Eben gerade war ich noch total jung und nun bin ich Zielgruppe für Werbung gegen Blasenschwäche und für Hormonersatztherapie. Und muss mir blöde Bemerkungen anhören, bloß weil man im Restaurant das dringende Bedürfnis verspürt, sich nahezu nackig zu machen. Dabei fühlt sich dieser Lebensabschnitt gar nicht so viel älter an als die Pubertät: schlaflose Nächte, Herzrasen, Fragen wie „Liebt er mich (noch)?“ und „Werde ich jemals wieder Sex haben?“. Oder „Wie trägt man heute eigentlich sein Schamhaar?“. Selbstwertkrisen „Habe mich heute gewogen, bin schon wieder geschrumpft!“ gehören ebenso dazu wie die Überzeugung, dass uns ganz schön oft niemand versteht. Über allem schwebt das Gerücht, dass wir hormonell mal wieder total durch den Wind sein sollen.

Aber stimmt das auch? Die Wechseljahre sind ja vor allem eine sehr große Schublade, in der immer auch das Gegenteil von dem stimmt, was man an Etiketten und Behauptungen darin gerade so sicher untergebracht zu haben glaubte. Denn, ja, es gibt durchaus eine Menge körperliche Symptome. Und, nein, die hormonellen Veränderungen genügen bei Weitem nicht, um uns und all das, was jetzt in unserem Leben passiert, zu erklären. Dass wir so klug, so souverän und so erfahren sind wie nie zuvor und gleichzeitig manchmal so unsicher wie eine 14-Jährige vor dem ersten Date. Wir müssen uns mit Chefs auseinandersetzen, die halb so alt sind wie wir, und Ehemännern, die doppelt so begriffsstutzig sind wie bisher. Und wir müssen uns wichtige Fragen stellen: Wie viele schöne Sommer bleiben uns noch? Wie möchte ich den Rest meines Lebens verbringen? Ist es gut, wie es bislang gelaufen ist, oder sollte ich nicht dringend etwas ändern? Im Job? In der Beziehung? In der Familie? An mir?

Die Wechseljahre sind, wie der Name schon sagt, ziemlich wechselhaft. Eine Zeit des Umbruchs, der Abschiede und Neuanfänge, des Verzagens und der Heulattacken, der Schweißausbrüche, aber auch einer Coolness, für die man mit 17 getötet hätte. Nachts muss man auf einmal aufstehen, nicht etwa weil ein Baby schreit, sondern um das durchgeschwitzte Nachthemd zu wechseln, und ohne Lesebrille kann man das Haus keinesfalls mehr verlassen. Leider vergisst man allzu oft, wo man die verdammte Brille hingelegt hat. Dabei hätte man in den vielen schlaflosen Nächten durchaus Zeit, darüber nachzudenken. Die Haut wird so trocken, dass sich schon fast Kakteen ansiedeln wollen, und auch untenrum ist nichts mehr so, wie es mal war. Dafür lagert der Körper mehr Wasser ein als eine Treibhaustomate und es gibt Tage, da möchte man nicht mal aufstehen. Weil man nur noch vom Bett aus mit einer Decke über dem Kopf wenigstens für ein paar Stunden das bisweilen lausige Eventmanagement dieses Lebensabschnitts ausblenden kann: Man verlässt oder wird verlassen, im Umfeld gibt es die ersten Krebsdiagnosen, die Eltern werden zunehmend hilfsbedürftig und die Kinder ziehen aus oder bleiben daheim hocken ohne, dass man weiß, was man schlimmer finden soll. Hatte man vorher nur eine Ahnung, wie furchtbar hart das Schicksal bisweilen zuschlägt, stellt sich nun die Gewissheit ein, dass es ein ziemliches Arschloch sein kann.

Alles passiert jetzt gleichzeitig: Katastrophales, Langweiliges, Banales, Großartiges. Dass man mit einer Botoxbehandlung liebäugelt und sich über ein paar lächerliche Extrapfunde Gedanken macht. Den Job verliert, grau wird und dafür endlich raushat, „wie man die Bettdecke so drapiert, dass nur das Positive rausguckt“ (Ina Müller).

Wechseljahre für Fortgeschrittene

Alles ist noch möglich und gleichzeitig hat man oft große Angst, dass gar nichts mehr geht. Dauernd gibt es Abschiede, aber ebenso auch eine Menge Premieren.

Wie kommt man gut durch diese Zeit? Wie kann man Sackgassen von Überholspuren unterscheiden? Hilft Yoga? Oder soll ich besser doch Hormone nehmen? Warum nicht der Zeit ein Schnippchen schlagen und etwas „machen lassen“? Andererseits könnte man sich doch auch ein kleines Kittelschürzen-Sortiment anschaffen und endlich Abstand von diesem ganzen Optikwahn nehmen? Was tun, wenn der Gatte das Einfamilienhaus beleiht, um eine Harley zu finanzieren? Brauche ich einen neuen Mann oder lässt sich der Alte noch mal überarbeiten? Will ich überhaupt einen Mann? Was will ich eigentlich noch vom Leben? Endlich einen Marathon laufen? Bauchtanzen lernen? Die Welt bereisen, solange es ohne Rollator geht?

Für junge Pubertierende gab es früher kleine Einsteigersets mit dem ersten Tampon. Dieses Buch ist der Wechseljahre-Starterkit für Sie! (Ohne letzten Tampon.) Ich habe meinen und den reichen Erfahrungsschatz meiner Freundinnen geplündert und auch den Briefkasten von Dr. Herbst, der Nachfolgerin von Dr. Sommer. Ich habe Experten befragt, und weil nicht nur der Hautwiderstand, sondern auch das Gedächtnis langsam nachlässt, gibt es noch ein paar Post-its.

Es ist viel drin in diesen Jahren und deshalb auch in diesem Buch. Eines schon mal vorneweg: Auf keinen Fall werde ich Ihnen hier die Hucke volllügen. Es ist nicht eben ein Riesenspaß, alt oder älter zu werden. Man kann der Sache aber durchaus viel Schönes abgewinnen. Nur weil einem die Eier ausgehen, kann man sprichwörtlich doch noch sehr leckere Pfannkuchen machen. Und beflügelt von einer Extraportion Testosteron, die uns die Wechseljahre aus körpereigener Produktion liefern, kann man noch mal ganz neu durchstarten. Nach dem Motto: „Ich habe einen herrlichen biochemischen Kampfstoff und ich werde ihn auch benutzen!“

Deshalb ganz ehrlich: Auch im Vorgarten der Endlichkeit lassen sich noch ein paar hübsche Pflänzchen setzen. Ja, das Ganze ist manchmal schrecklich, aber es ist auch schön, eine Art von Abenteuerurlaub.

Darf ich mich vorstellen: Ich bin Ihre Reisebegleiterin und mache Sie jetzt mit den Sicherheitsvorkehrungen vertraut.

Tief durchatmen

Es ist nur ein schlechter Tag, nicht ein schlechtes Leben.

Und übrigens: Vermutlich haben Sie gerade mal eben aufs Cover geschaut. Ja, da stehen zwei Namen. Und nein, es handelt sich nicht um eine weitere menopausal bedingte Verwirrung. Wir sind zwar beste Freundinnen, aber nicht schon so symbiotisch, dass wir uns für ein und dieselbe Person halten. Wir haben uns entschieden, in der Ich-Form zu schreiben. Aus zwei Gründen. Zum einen haben wir große Teile dieses Buches tatsächlich gemeinsam verfasst: ein Tisch, zwei Laptops, viel Spaß und jede Menge Kaffee. Dabei hat jede von uns natürlich auch eigene Erfahrungen und Erlebnisse einfließen lassen. Wir hätten also alle paar Textmeter ein neues Straßenschild mit dem jeweiligen Namen aufstellen müssen. Vieles von dem, was wir schildern, haben wir aber auch gemeinsam erlebt. Kurz: Bevor Sie und wir da komplett den Überblick verlieren, dachten wir, machen wir es doch einfach – einfach Ich“.

1 Heul doch!

Corinna weint. Unaufhörlich laufen ihr die Tränen über die Wangen. Erst hat es niemand bemerkt. Jetzt stehen zehn bestürzte Frauen um sie herum. „Du kannst das Geschenk doch umtauschen!“, sagt Gerlinde. Und Marion: „Ich dachte, Blau gefällt dir?“ „Ist was mit Herbert? Also, wenn der eine Affäre hat, dann muss er sich verdammt warm anziehen“, versucht es Gaby. „Neiiiin“, schluchzt Corinna. „So schlimm ist es doch gar nicht, 48 zu werden“, beschwichtigt Regina, die es wissen muss. Sie hat letzte Woche ihren 63. Geburtstag gefeiert. Marion umarmt Corinna, die Untröstliche. Kann ja nicht schaden. Ersticktes Schluchzen aus der weißen Seidenbluse. „Ich weiß“, nuschelt Corinna. Ausgerechnet jetzt bringt der Kellner die Torte. Tolles Timing. Eigentlich wollte ich mal wieder nichts Süßes. Aber hier das schreit doch förmlich nach Trost durch Süßigkeiten. „Warum weinst du denn dann?“, fragt Rosi. „Ich hah … habe keine Ahnung!“

Ich sage: „Wechseljahre!“ Corinna starrt mich an, als hätte ich mich im Restaurant nackt auf den Tisch gelegt. Dabei sind die Indizien erdrückend: Gerade haben wir eine halbe Stunde über eine Schauspielerin geredet, über die wir praktisch alles wussten „Ja, diese rothaarige Schauspielerin, diese ältere Schwester von Warren Beatty, du weißt schon, die mit Engeln spricht“ –, nur ihren Namen nicht. Zwei, die ohnehin so leicht bekleidet sind, als wäre das hier eine Poolparty und kein Dezemberwochenende, fragen dauernd: „Ist euch auch so heiß?“ Am liebsten würde ich ihnen eine Kaltfront schenken. Und Marie erzählt, dass sie die 10 000 Schritte, die man täglich gehen soll, um steinalt zu werden, vermutlich allein bei ihren nächtlichen Gängen zur Toilette verbraucht. Dann die Sache mit den Komplimenten. Vor ein paar Jahren noch sammelten wir sie bei total hingerissenen Männern, die unsere Augen, unsere Figur, unseren Charme in den Himmel hoben. Heute kommen die letzten guten Nachrichten vom unteren Ende des Gynäkologenstuhls. Jedenfalls hat Carola gerade allen Ernstes damit geprotzt, wie ihr Frauenarzt kürzlich ihr Untenherum gelobt habe: „Wie bei einem jungen Mädchen!“

Das hier war nicht nur eine Geburtstagsfeier, es war auch die Live-Performance eines Menopausen-Lehrbuches. Sie waren alle da, die apokalyptischen Reiter der Frau ab Mitte 40: Hitzewallungen, Schlafstörungen, Herzrasen, Kopfschmerzen, Stimmungsschwankungen, Heul-Attacken, unerklärliche und also total unfaire Gewichtszunahme. Ach ja, und Gedächtnisverlust in so beunruhigenden Erscheinungsformen, dass man sich dauernd fragt: Ist das schon Alzheimer oder sind das bloß die Wechseljahre? Eine Freundin erzählt, wie sie letzten Samstag ganz dringend ihre Brille vom Optiker abholen wollte. „Ich habe mich so beeilt, noch vor Ladenschluss aufzukreuzen. Als ich endlich dort war, begrüßte mich die Verkäuferin schon so seltsam irritiert und irgendwie besorgt. Ich sagte: ‚Ich will meine Brille abholen.‘ Sie schaute mich an, als hätte ich den Verstand verloren. ‚Aber das haben Sie doch vorgestern schon getan.‘ “ „Das ist gar nichts!“, trumpft Regina auf. Sie wollte sich letzte Woche einen neuen Koffer im Internet bestellen. „So eine Größe, die perfekt ist für nur ein paar Tage.“ Beim Handtücher-Verräumen sah sie es praktisch schon vor sich, ihr Objekt der Begierde. Nein, keine Koffer-Fata-Morgana. Regina hatte ihr Wunschmodell ein paar Wochen zuvor im Kaufhaus erworben und ordentlich im oberen Schrankfach verstaut.

Mir geht es nicht besser. Ich verlege Lesebrillen und Geld und denke seit zwei Wochen darüber nach, weshalb ich mir „FB Test“ in meinen Kalender eingetragen habe. Meint FB Finanzbetrieb? Fachbereich? Wollte ich Flugbegleiter ausprobieren? Bin ich Lady Gaga oder mit Gregory Anton verheiratet? In dem Film „Das Haus der Lady Alquist“ bringt er seine Frau Paula langsam, aber sicher um den Verstand. Dauernd versteckt er Dinge und behauptet, sie habe sie verloren oder verlegt.

Sind die Wechseljahre vielleicht auch so ein perfides Verrücktmacher-Programm? Auch noch ein hausgemachtes? Schließlich ist es unser eigener Körper, der uns all diese Ausfallerscheinungen beschert. Ich lese, dass der Hippocampus und der präfrontale Cortex, zuständig für das Erlernen und Anwenden neuer Informationen, echte Östrogen-Junkies sind. Wechseljahre sind für sie wie kalter Entzug. Kein Wunder, wenn sie verstört reagieren. Beruhigend, dass sie sich irgendwann wieder einkriegen und man seine Tätigkeit als Familiensuchmaschine erneut aufnehmen kann: „Weitßduwomeinschwarzerpulloverliegt? Hastdumeineautoschlüsselgesehen?“

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Der Grindwal und ich

Studien belegen zwar, dass Frauen die Wechseljahre nicht mehr wie noch vor einigen Jahren als Drama empfinden. Trotzdem ist mir noch keine Frau begegnet mich eingeschlossen –, die meinte: „Ich kann’s kaum erwarten!“ Und hat man sich erst mal in die einschlägige Literatur eingelesen, die es auf bis zu 30 Symptome bringt, möchte man ohnehin am liebsten in einen Männerkörper auswandern. (Nein, nicht für immer höchstens so lange, bis die Prostatabeschwerden und Erektionsstörungen beginnen.) Menopause bedeutet ja, dass die Eierstöcke ihr Verfallsdatum erreicht haben und wir damit raus sind aus der Reproduktion. Bei europäischen Frauen ist das im Schnitt im Alter von 51 der Fall. Bis dahin bekommt man vom großen Hormontheater einiges geboten. Lange bevor das letzte Ei gesprungen ist, hören die Eierstöcke bereits auf, regelmäßig ein Ei reifen zu lassen. Der Hormonspiegel gerät aus dem Tritt. Und wie es mit Umbau-Arbeiten so ist: Irgendwas ist immer. In dieser Zeit kann PMS deshalb nicht mehr nur ein oder zwei Tage, sondern ganze Wochen oder gar Monate in Anspruch nehmen. Am liebsten würde man im Bett bleiben: nur ich, eine Box mit Taschentüchern, all das Wasser in meinen Beinen und mein Selbstmitleid. Sinkt nämlich der Östrogenspiegel, produziert der Körper auch weniger Glückshormone. Und nicht mal ein Clown zum Frühstück kann etwas daran ändern, dass man manchmal ganz schön reizbar, niedergeschlagen und weinerlich ist. Grund genug hat man ja.

Denn ein sinkender Östrogenspiegel ist neben vielem anderen auch noch ein lausiger Innendekorateur. Er lässt die Gebärmutter schrumpfen die Muskulatur des Enddarms, der Blase und all der anderen Organe untenherum sind bald nur noch so elastisch wie ein alter Schlüpfergummi. Der Kollagenanteil im Stützgewebe sinkt, die Bänder werden schwächer, die inneren und äußeren Schamlippen werden faltiger und die Wände der Vagina trockener und dünner. (Ja, das klingt schmerzhaft und ist es auch, weshalb „Keine Lust auf Sex“ auch noch mit auf die Liste der Heimsuchungen dieser Zeit gehört.) Dazu kommen außerdem Wassereinlagerungen, Hitzewallungen, Haarausfall, Herzrasen und die besagte Gedächtnisschwäche um die Highlights aus dem Wechseljahre-Eventprogramm aufzuzählen.

Gut, etwa die Hälfte der Frauen hat keine oder nur leichte Beschwerden. Trotzdem bleibt die Frage: Wozu soll es gut sein, Frauen so zu quälen? Wieso setzt die Natur nur bei uns, bei Killer- und bei Grindwalen einen solch frühen Fruchtbarkeits-Schlusspunkt? Haben wir in einem vergangenen Leben irgendwas Unanständiges zusammen gemacht, dass der Großsäuger und wir nun gemeinsam in einem Menopausen-Boot sitzen?

Biologischer Unsinn

In einem Spiegel-Online-Beitrag lese ich, was ein Forscherteam von der kanadischen McMaster University in Hamilton herausgefunden haben will: dass es die männliche Vorliebe für jüngere Frauen sei, die uns dieses frühe Ausscheiden aus der Fruchtbarkeit beschert. Demnach hat die Evolution den Fortpflanzungsladen der über 50-jährigen Frauen irgendwann einmal einfach wegen mangelnder Nachfrage geschlossen.

Eine andere Theorie besagt, dass die Frauen früher eben einfach nicht alt genug wurden, um als späte Mütter noch die Aufzucht der Brut gewährleisten zu können. Die Idee der ewigen Fruchtbarkeit sei deshalb als „nicht sinnvoll“ zu den Akten gelegt worden. Die Frau jenseits der Gebärfähigkeit sei einfach biologisch nicht vorgesehen gewesen und deshalb ähnlich überflüssig wie eine Tortillapresse.

Andererseits: Jetzt, wo wir steinalt werden sehr viel älter als Männer sogar –, könnte die Evolution doch einmal darüber nachdenken, diese Entscheidung zu revidieren. Wir werden allerdings nichts mehr davon haben, so langsam, wie da gearbeitet wird. Könnte sogar sein, dass die Männer bis dahin ausgestorben sind, weil sie ja niemals zu den Vorsorgeuntersuchungen gehen. Falls sie es doch einmal tun, werden ihnen bestimmt nicht sämtliche geschilderten Symptome von Rückenschmerzen bis Husten, von Zahnfleischbluten bis zum eingewachsenen Nagel als typisch für die Wechseljahre dargelegt. Und sie dürfen einfach so mal ihre Jacke ablegen, ohne dass sich alle im Raum gleich wissend angucken und ohne dass sie fortan mit einer Leuchtschrift „Wechseljahre“ auf der Stirn in den Firmentratsch eingehen.

Pimp your Beckenboden

Bewegung ist nachweislich die beste Waffe gegen Hitzewallungen wie gegen Schlafstörungen. Und man sollte sich dringend um die Beckenbodenmuskulatur kümmern. Überlässt man ihre Spannkraft kampflos dem Zahn der Zeit, können Rückenschmerzen, Inkontinenz und deutliche Lustverluste die Folge sein. Ganz zu schweigen von den beschämenden Folgen heftiger Nies- oder Hustenattacken. Fragen Sie die Krankengymnastin Ihres Vertrauens.

Schluck-Beschwerden

Gegen die körperlichen Symptome könnten wir uns natürlich mit einer sogenannten Hormonersatztherapie wehren. Einfach ausgleichen, was die Natur einem zunehmend verweigert. Ein offenbar heikler Notausgang, seit die amerikanische Women’s-Health-Initiative-Studie mit mehr als 16000 Frauen abgebrochen werden musste, weil – wie auch die ZEIT schrieb – die Fallzahlen für Venenthrombosen, Lungenembolien, Herzinfarkte und Schlaganfälle in die Höhe schnellten. „Besonders alarmierend war der drastische Anstieg bei den Neuerkrankungen an Brustkrebs.“ Logisch, dass das Interesse an der Hormonersatztherapie ins Bodenlose fiel. Dennoch gibt es einige gute Gründe, über eine zeitweilige und niedrig dosierte Hormongabe nachzudenken. Etwa per Pflaster, Spray oder Gel. Ich kann eine Freundin sehr gut verstehen, die sagte: „Ich war die ganze Zeit traurig. Wegen nichts, außer diesen blöden Hormonen. Überall um mich herum hatten andere 1-a-Gründe, sich schlecht zu fühlen: Arbeitslosigkeit oder dass ein Elternteil stirbt. Und ich ich hatte ‚nur‘ Wechseljahre. Das war mir fast ein bisschen peinlich. Dazu lag ich nachts stundenlang wach. Habe rumgegrübelt, was genau eigentlich an meinem Leben so mies ist, wie ich mich fühlte. Da hörte der Spaß dann für mich wirklich auf. Meine Frauenärztin verschrieb mir ein Hormon-Gel, das ich direkt auf die Haut aufgetragen habe. Eine sehr viel schonendere Vergabe als etwa eine Pille zu schlucken. Das hat super gewirkt. Als es mir besser ging, habe ich es abgesetzt und seitdem nicht mehr gebraucht.“

Ich würde es genauso machen. Wieso sich lange quälen? Ist doch irgendwie nicht ganz einzusehen, dass uns ein paar Hormonschwankungen das Leben unnötig schwer machen. Weshalb meiner Stimmung keinen Rettungsring zuwerfen, bevor ich vollends zum Trauerkloß mutiere? Corinna habe ich das auch erzählt, nachdem sie gebeichtet hatte, dass sie schon seit Wochen wegen jeder Kleinigkeit in Tränen ausbricht: Weil es regnet, weil sie Kaffee verschüttet, weil Lady Di auf so tragische Weise ums Leben kam. Aber sie glaubt an Baldrian, Melisse, Soja, Rotklee, Traubensilberkerze. Und an die homöopathischen Mittel der Wahl: Sepia, Lachesis, Pulsatilla und Cimicifuga.

Da wir es mit unserem Körper zu tun haben, würde ich sagen: Was hilft, soll und muss jede Frau für sich selbst entscheiden. Offenbar lässt sich die Hormonwippe aber auch durch einen Umzug in Balance bringen. Im Ausland, in anderen Kulturen, haben Frauen wesentlich seltener Wechseljahrbeschwerden. In China etwa, in Indien oder in Japan. Sogar in Ostdeutschland leiden die Frauen laut einer Studie weniger als die im Westen. Soja wäre deshalb als Erklärung schon mal raus aus der Argumentationskette. Es gehört nun gerade nicht zu den Grundnahrungsmitteln der Ostdeutschen. (Ist es vielleicht der Broiler? Einen Versuch wäre es wert …) Die Forscher glauben, dass die Unterschiede im Wechseljahrbeschwerden-Empfinden von einer anderen Einstellung zum Thema herrühren. In Kulturen, in denen das Alter als eine Bereicherung angesehen wird, hätten die Frauen eben auch weniger Probleme mit der Umstellung. Ebenso wie dort, wo man die Veränderung als ganz normal akzeptiert.

Füllige Frauen entdecken nun, wozu all der Speck eigentlich gut ist. Weil auch im Fettgewebe weibliche Hormone gebildet werden, trifft sie die Umstellung oft nicht so hart. Das ist übrigens meine Lieblingstheorie. Ich kann sie nur bestätigen und möchte zum ersten Mal in meinem Leben ein paar Dankschreiben an meine Speckrollen verfassen. Auch Sport kann beim Ausgleichen wahre Wunder wirken. Bevor Sie jetzt die Augen verdrehen: Einfach mal versuchen. Im Unterschied zu früher, als man praktisch noch naturfroh war, merkt man spätestens ab Mitte 40 ein deutliches Stimmungs-Lifting, wenn man sich mal ein paar Runden durch den Park geschleppt oder ein wenig Yoga gemacht hat. Nein, da ist kein Widerspruch zwischen der Freude über die Fettröllchen und Sport Treiben. Da der Stoffwechsel ein Schneckentempo annimmt, lässt sich beides locker miteinander vereinen. Vermeiden kann man trotzdem ein paar Dickmacher: Spiegel, Fotos, Waagen, Shoppingtouren durch Zara, länger neben der Teenagertochter stehen.

Und noch ein paar Hinweise

Mit Zuwachs ist zu rechnen

„Wieso sind Sie hier?“, fragt mich die Assistentin des bekannten Hautarztes. Fast hätte ich zurückgefragt: „Sind Sie blind?“ Vor ihr sitzt eine Frau mit einem deutlich sichtbaren Problem. Eine mit den Borsten eines Wildschweinrückens auf Kinn, Mundwinkeln, Oberlippe. Eine, die sich zwei harte Wochen lang total zusammengerissen hat, kein Einziges der Übel an der Wurzel zu packen. Sollte man nicht, um das Ergebnis nicht zu gefährden. Gut, man darf sich vorher rasieren. Aber was blieb, war der Bartschatten eines Südeuropäers am frühen Nachmittag. Meine Härchen an entsprechender Stelle will ich mir hier mit dem Lichtschwert der Dermatologie – der Photoepilation – entfernen lassen. Mehrere Wochen wird dieses Verfahren in Anspruch nehmen. Und es soll idealerweise in den Herbst- und Wintermonaten stattfinden. Sonne ist nämlich nicht gut für die gereizte Haut. Ebenso wie Sauna. Aber das ist hier gerade nicht das Problem. „Ich sehe nichts!“, sagt die Sprechstundenhilfe. Braucht sie eine Brille? Hätte ich mir vorher vielleicht Zöpfe aus meinen Kinnhaaren winden sollen? Aber sie meint nur lapidar: „Da haben wir hier ganz andere Kaliber!“ Ja, was denn? Yaks? Gorillas? Offenbar ist mein Fall nicht ernst genug. „Und was ist mit später, wenn ich im Altersheim nicht mal mehr selbst die Pinzette benutzen kann?“ Bis dahin sei noch ausreichend Zeit. Ich könne ja wiederkommen. Am besten mit noch mehr Haaren. Offenbar wird mit Zuwachs gerechnet.

Es liegt am Testosteron. Es ist wie die anderen Androgene (männliche Hormone) ein natürlicher Bestandteil auch des weiblichen Körpers, wie umgekehrt auch der männliche Körper Östrogen herstellt. Durch die Flaute in der Östrogenproduktion gewinnt nun das Männerhormon die Oberhand und wir könnten praktisch Blind Dates mit uns selbst verabreden.

Wechseljahr-Tourette

Manchmal erkennt man sich nicht nur wegen des Bartwuchses nicht wieder. Wo die Androgene das Ruder übernehmen, kommt es bisweilen auch zu weiteren, gravierenden Veränderungen. Eben war man noch als Friedensengel unterwegs, nun wird man plötzlich zum Tier, bloß weil der Weichmacher Östrogen fehlt. Männer sagen jetzt, Frauen fangen an, „zickig“ zu werden. Es fallen auf einmal Sätze, die sie vorher nicht mal gedacht hätten.

Wo das Östrogen, auch „domestizierendes Hormon“ genannt, geht, da verabschieden sich nämlich jetzt Bescheidenheit, Duldungsstarre, Zurückhaltung. Stattdessen erhält man ein paar waffenfähige Eigenschaften. Solche wie Ehrgeiz, Eigensinn, Entschiedenheit, Explosivität, Durchsetzungsfähigkeit, Wut. Grasten wir eben noch friedlich wie die Lämmer auf den saftigen Weiden unserer Liebe, räumten klaglos die getragenen Socken vom Sofa und das gebrauchte Geschirr vom Frühstückstisch – ein von Östrogen besänftigter Streichelzoo –, halten jetzt alle erst mal die Luft an, wenn wir im Raum sind, nur um die Irre nicht noch mehr zu reizen. So wie die Gäste in der Frankfurter Nobelhotelbar, in der Maria mit ihrem Mann Eberhard nach einer Abendeinladung noch einen Absacker nehmen wollte. Wie früher auch schon häufig, begann der 58-Jährige sofort einen Flirt mit der nächstbesten Frau – der höchstens halb so alten Barkeeperin. Nichts Neues für Maria und bei Weitem nicht die erste Gelegenheit, die er ihr in ihrer 27 Jahre währenden Ehe in Sachen Fremdschämen geboten hatte. Maria war bislang immer zurückhaltend und diplomatisch geblieben. Hatte Contenance bewahrt. Nur nicht an diesem Abend. „Kurz dachte ich darüber nach, ihn wie immer freundlich zum Aufbruch zu bewegen. Aber dann spürte ich etwas, das wie eine Dampfwalze über meine an sich ja ganz guten Manieren hinwegrollte, und hörte mich tatsächlich laut und deutlich sagen: ‚Du arme Wurst! Was glaubst du, wer du bist? Orlando Bloom? Du bist dick, alt und hast Erektionsstörungen. Wenn du nicht bald anfängst, dich altersgemäß zu betragen, kannst du deine Koffer packen!‘ “

Danach herrschte erst mal eisiges Schweigen. Bis die junge Barkeeperin ganz zart anfing zu applaudieren. Eberhard zischte seiner Frau zu „Du frustrierte Kuh!“ und verließ zügig den Ort seiner Demütigung. „Die Barkeeperin und ich haben dann noch ein, zwei oder auch vier Cocktails getrunken und einen puppenlustigen Abend gehabt. Sie erzählte mir, wie sie das nerve, immer, wie sie sich ausdrückte, ‚von diesen alten Säcken‘ angebaggert zu werden.“ Und Eberhard? Der war erst mal ein paar Tage „stinkebeleidigt“. Aber immerhin flirtet er in Marias Anwesenheit nicht mehr so offensiv mit anderen Frauen. „Er hat Angst, dass ich auch noch seine Prostataprobleme und seine grauen Schamhaare ausplaudere“, lacht Maria. „Er denkt, das sind die Hormone und dass ich derzeit unberechenbar bin. Gut für mich. Schlecht für den Service, den er bislang gewohnt war.“ Und meint dann noch ganz ernst: „Wenn ich gewusst hätte, wie einfach es ist, ihm mehr Respekt beizubringen, hätte ich schon sehr viel früher mal mit der Faust auf den Tisch gehauen.“

Ist es das, was die Wechseljahrliteratur meint, wenn sie sagt, dass Frauen sich jetzt noch einmal ganz neu erfinden? Möglicherweise war es ja ohnehin das Östrogen, das uns die ganzen Jahre unserem eigentlichen Wesen entfremdet hat. Das dafür sorgte, dass die Scheidungsquote nicht noch weiter hochgeschnellt ist. Jedenfalls solange die Kinder noch klein waren. Also vielleicht sind wir nun etwas spröder, kommen aber endlich zu uns. Ich bin da einer Meinung mit der amerikanischen Talkmasterin Oprah Winfrey: „Ich habe mit vielen Frauen gesprochen, die die Wechseljahre als ein Ende sehen. Ich habe jedoch festgestellt, dass es ein Moment ist, um sich selbst neu zu entdecken, nachdem man sich jahrelang nur um andere gekümmert hat. Es ist die Chance, herauszufinden, was für einen selbst wichtig ist, und dies mit deiner Energie, deiner Zeit und deinem Talent zu verfolgen.“

Man könnte auch sagen: Testosteron – endlich einmal ein biochemischer Kampfstoff in den richtigen Händen! Und gleich in so vielen. In Deutschland sind heute mehr als acht Millionen Frauen zwischen 45 und 55 Jahre alt. Weltweit befinden sich 500 Millionen Frauen im besten Menopausenalter und bis 2025 werden wir mehr als eine Milliarde sein. Das sind die schlechten Nachrichten für Udo Jürgens. Gute für uns: Wir haben jetzt einen Schnurrbart und wir werden ihn auch benutzen!

Time-Table

Wann geht’s los? Ehrlich: Schon ab etwa Mitte 30 können Vorboten den Wechsel ankündigen. Die Zyklen werden schon Jahre vor der letzten Periode (Menopause) unregelmäßiger – kürzer oder auch länger. Manchmal bleibt die Regel schon mal einige Monate aus und die Blutungen können schwach oder auch so stark sein, dass man praktisch tagelang kurz vor einer Ohnmacht steht. Die letzte Blutung haben wir dann etwa zwischen dem 50. und dem 52. Lebensjahr. Das ist der Durchschnitt. Dazwischen ist alles drin: Frauen, die ihre letzte Periode schon mit 45 haben, oder auch solche, die noch bis Ende 50 nicht vom Haken sind. Die hormonelle Umstellung bis dahin nennt man „Prämenopause“. Die Zeit, in der sich der Körper nun endgültig auf die neue Hormonlage einstellt, „Postmenopause“. Addiert man beide Phasen zusammen, hat man die „Wechseljahre“, wissenschaftlich „Klimakterium“.

2 Ballaststoffe

Beschäftigt man sich mit der Wechseljahrliteratur, dann müssten wir so lange „Hurra!“ oder „Juchhe!“ schreien, bis sich die Nachbarn beschweren. Überall werden wir aufgefordert, uns ein Loch in den Bauch zu freuen, bloß weil wir „endlich“ über 40 oder 50 oder 60 sind. Klar, an sich ist es schon mal schön, überhaupt älter werden zu dürfen. Ein unglaublich großes Glück, das wahrlich nicht allen vergönnt ist. Schaut man sich so um (und in den Spiegel) und hat gerade keines dieser fiesen Stimmungstiefs, die einem die Wechseljahre bisweilen auch bescheren, können vermutlich 99 Prozent von uns sagen: Ja, gar nicht so übel – mein Leben und ich. Meine Familie. Mein Job. Meine Kinder. Sogar ziemlich super. Wenn man es recht bedenkt. Sollte es hier und da etwas zu korrigieren geben, wäre man ja außerdem noch fit genug, das ein oder andere zu ändern. Auch darüber muss man sehr froh sein.

Einerseits. Andererseits ist das Leben in der Mitte nun auch wieder nicht so dufte, wie dauernd behauptet wird. Nicht so jedenfalls, als hätte man einen dicken Joint geraucht, noch ein paar Stimmungsaufheller eingeworfen und ein Date mit George Clooney im Kalender stehen. Das Älterwerden, das muss auch gesagt werden, hat ein paar echt üble Begleiter. Das hier soll wahrlich keine Anleitung zu „Depressionen leicht gemacht“ sein. Aber ich dachte, es wäre erstens nicht ehrlich und zweitens nicht fair, die dunklen Seiten dieser Lebensphase auszusparen. Das braucht man den meisten gar nicht erst zu sagen. Jede von uns steckt sowieso schon gerade mit einem oder mit beiden Beinen drin – in einem alterstypischen Schlamassel. Dann will man auch mal traurig sein dürfen und nicht dauernd gesagt bekommen, dass diese Heimsuchung, die man gerade erlebt und für die man Gott am liebsten eine knallen würde, in Wahrheit nur eine echt tolle „Herausforderung“ ist, die man mit Freude annehmen soll. Nein, man muss unbedingt auch mal aus Leibeskräften „ScheißeScheißeScheiße!“ brüllen dürfen, anstatt sich immer anhören zu müssen „Alles wird gut!“. Einfach, weil eben nicht alles gut wird.

Ein Unglück kommt selten allein