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stephen baxter

steinfrühling

NORDLAND-TRILOGIE
BAND 1

Übersetzung: Claudia Kern

 

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Die deutsche Ausgabe von STEINFRÜHLING (NORDLAND-TRILOGIE Band 1) wird herausgegeben von Amigo Grafik, Teinacher Straße 72, 71634 Ludwigsburg. Herausgeber: Andreas Mergenthaler und Hardy Hellstern,

Titel der Originalausgabe: STONE SPRING (NORTHLAND TRILOGY Book 1)

© 2010 by Stephen Baxter. All rights reserved.

German translation copyright © 2015, by Amigo Grafik GbR.

First published by Gollancz, an imprint of The Orion Publishing Group, London.

Print ISBN: 978-3-86425-446-8 (März 2015)

WWW.CROSS-CULT.DE

Für Robert Holdstock

Inhalt

EINS

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

ZWEI

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

DREI

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

VIER

Kapitel 58

Kapitel 59

Kapitel 60

Kapitel 61

Kapitel 62

Kapitel 63

Kapitel 64

Kapitel 65

Kapitel 66

Kapitel 67

Kapitel 68

Kapitel 69

Kapitel 70

Kapitel 71

Kapitel 72

Kapitel 73

Kapitel 74

Kapitel 75

Kapitel 76

Kapitel 77

Kapitel 78

Kapitel 79

Kapitel 80

Kapitel 81

Kapitel 82

Kapitel 83

Kapitel 84

Kapitel 85

FÜNF

Kapitel 86

Kapitel 87

Kapitel 88

Kapitel 89

NACHWORT

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EINS

1

Der Komet schwamm aus der Dunkelheit. Sein Licht erhellte den Planeten, der vor ihm lag, und spiegelte sich in einer Hemisphäre wider, die knochenweiß und leblos leuchtete. Gewaltige Eisschichten bedeckten einen Großteil Nordamerikas und Zentralasiens. In Europa erstreckte sich eine monströse Kuppel von Schottland bis nach Skandinavien. An manchen Stellen türmte sie sich kilometerhoch auf. Im Süden lag eine von Stürmen gepeitschte Polarwüste, die in einer Tundra endete. Auf dem Höhepunkt der Vergletscherung waren Britannien und Europa aufgegeben worden. Kein Mensch hatte nördlich der Alpen gelebt.

Schließlich hatten leichte zyklische Veränderungen in der Umlaufbahn der Erde dafür gesorgt, dass sich das Klima wandelte – und das mit dramatischer Plötzlichkeit. Innerhalb weniger Jahrzehnte zog sich das jahrtausendealte Eis nach Norden zurück. Die Landschaft, die darunter zum Vorschein kam, war bis auf den Fels abgeschliffen worden, doch nun wurde sie vorsichtig von graugrünem Leben erfüllt. Tierherden und die Menschen, die von ihnen abhingen, folgten langsam und eroberten eine Landschaft zurück, in der es kaum noch Spuren ihrer vergessenen Vorfahren gab.

Da so viel Wasser noch im Eis eingeschlossen und der Meeresspiegel niedrig war, kamen überall auf der Welt breite Streifen von Festlandsockeln zum Vorschein. In Nordeuropa wurde Britannien durch eine Landbrücke, die glücklicherweise vom Eis nicht abgeschliffen worden war, mit dem Kontinent verbunden. Als dieses Nordland, das so groß wie Britannien war, weiter auftauchte, bot es den Menschen, die seine Wasserwege erkundeten und in den dichter werdenden Wäldern Wild jagten, einen reichhaltigen Lebensraum.

Doch nun, in den kalten Nächten, richteten sich die Augen der Tiere und der Menschen auf das flackernde Licht am Himmel.

Der Komet tauchte in die Atmosphäre ein. Er löste sich über Nordamerika auf. Einige Explosionen erfolgten in der Luft, doch viele Trümmer schlugen in einem zufälligen Akt kosmischer Gewalt am Boden ein. Ganze Herden wurden vernichtet, und die überlebenden Menschen, die gen Süden flohen, glaubten, der Himmelswolf würde das Land vernichten, das sie nach ihm benannt hatten. Ein Fragment des Kometen schoss durch die Atmosphäre und explodierte über Skandinavien.

Nach einer Weile klarte der Himmel auf, doch die verbliebenen, nordamerikanischen Eiskappen waren nun instabil. Eine gewaltige Platte löste sich und taute auf dem Weg nach Süden im Flusssystem des Mississippi auf. Gewaltige, eiskalte Wassermassen flossen durch einen See, der den Golf von St. Lawrence bedeckte, und schließlich in den Nordatlantik, der deutlich abkühlte. Überall auf der Welt breitete sich das Eis erneut von Norden aus, und das Leben suchte Schutz im Süden. Dieser neue Winter dauerte tausend Jahre.

Doch selbst als sich das Eis wieder zurückzog, selbst als das Leben erneut das Land eroberte, kam die Welt nicht zur Ruhe. Schmelzwasser sorgte für steigende Meeresspiegel. Das Grundgestein schnellte dort, wo es vom Gewicht des Eises befreit worden war, hoch, während es an den ehemaligen Rändern der gewaltigen Eismassen, die es nach oben gedrückt hatten, sank. Küsten zogen sich zurück oder dehnten sich aus, so wie es der geologische Zufall wollte. Die Grundform der Welt, von der die Menschen umgeben waren, änderte sich unablässig.

Und nördlich und südlich der reichen Jagdgründe von Europas Nordland bissen die kalten Ozeane über Generationen hinweg in die Küsten und versuchten die Landbrücke zu durchtrennen.

2

DAS JAHR DES GROßEN MEERS:
WINTERSONNENWENDE

Anas Vater war verschollen, ihre Mutter tot. Also hatte sie gewusst, dass der Tag ihres Blutflusses schwierig werden würde. Und am frühen Morgen, als die beiden Pretani-Jungen ihr Haus betraten, wurde er noch schlimmer.

Sunta, Anas Großmutter, saß mit Ana gegenüber der Tür. Ana hatte ihre Kleidung auseinandergezogen. Die kalte Luft, die durch die Türklappe drang, sorgte für eine Gänsehaut auf ihrem nackten Bauch. Sunta tauchte die Fingerspitzen in eine zähflüssige Paste aus Wasser, Menstruationsblut und Ocker und malte sorgfältig Kreise rund um Anas Nabel. Wenn das Zeichen fertig war, würde es aus drei konzentrischen Kreisen bestehen, von denen der größte sich von Anas Rippen bis zum Schambein erstreckte, und aus einem Strich, der von der Mitte nach unten zu ihrer Leiste führte. Dies war das älteste Mal von Etxelur, das Zeichen der Tür zum Haus der Mütter – dem Land der Vorfahren. Später sollte es als Vorlage für eine Tätowierung dienen, die Ana den Rest ihres Lebens begleiten würde.

So saßen sie allein im Haus, als die beiden Pretani-Jungen sich durch die Türklappe drängten.

Sie sahen sich um. Sie ignorierten die Frauen einfach. Auf ihren Schultern und ihren Stiefeln lag Schnee. Unter ihren Pelzumhängen trugen sie Röcke aus schwerem, steifen Leder, nicht Stoff, so wie die Frauen aus Etxelur. Die Jungen warfen ihre Bündel auf die Steinplatten am Boden, traten gegen die Lager, die mit getrocknetem Farn gefüllt waren, gingen um das Torffeuer in der großen Feuerstelle herum, überprüften die Festigkeit der schrägen Holzbalken, indem sie mit den Schultern dagegen drückten, und quasselten in ihrer gutturalen Sprache miteinander. Ana kam es so vor, als seien zwei Bärenjungen in das Haus eingedrungen.

Sunta sah nicht einmal auf. »Pretani«, murmelte sie.

Mit ihren vierzehn Jahren konnte sich Ana nur verschwommen an das letzte Mal erinnern, als Pretani nach Etxelur gekommen waren. Die Erinnerung bestand aus großen Männern, die nach Leder und Harz und Blut rochen. »Was tun sie in unserem Haus? Ich dachte, die Schneckenköpfe würden zur Mittwinterversammlung kommen.«

Sunta, die mit gekreuzten Beinen dasaß, war unter den Pelzen, die sie trug, klapperdürr. Sie war siebenundvierzig Jahre alt, eine der ältesten Bewohnerinnen von Etxelur, und sie würde nicht mehr lange leben. Aber ihr Blick war scharf wie Feuerstein. »Sie sind Ärsche, wie schon beim letzten Mal, als sie hier waren, so wie alle Pretani, so wie alle Männer. Aber es ist Tradition, dass die Anführer der Pretani in meinem Haus wohnen, dem Haus der Mütter des Gebers, und hier sind sie. Beachte sie nicht.« Sie arbeitete weiter an dem Zeichen auf Anas Bauch. Ihre klauenartigen Finger zitterten nicht, sondern malten saubere, glatte Kreise.

Doch Ana konnte den Blick nicht von den Pretani abwenden. Sie versuchte sich daran zu erinnern, was ihre Mutter vor ihrem Tod über sie gesagt hatte. Sie waren jünger, als sie auf den ersten Blick gewirkt hatten. Jungmänner aus den Wäldern von Albia.

Beide hatten das dichte schwarze Haar zusammengebunden und trugen Bärte. Auf der Stirn des Älteren war ein breiter, holzkohlenschwarzer Strich eintätowiert. Das Gesicht des Jüngeren war feiner geschnitten. Er war nicht viel älter als Ana und hatte ein breites Kinn, eine schmale Nase, eine hohe Stirn und vorstehende Wangenknochen. Keine Stirnnarben. Er blickte in das von Steinen eingerahmte Loch im Boden, in dem sie Napfschnecken aufbewahrten, die sie beim Angeln als Köder verwendeten. Der Aufbau des Hauses, das über einer knietiefen, in den Sand gegrabenen Grube errichtet worden war, um mehr Platz zu schaffen, schien ihn zu interessieren. Ana nahm an, dass die Häuser in den Wäldern Albias, wo niemand fischte und Wasserablauf ein Problem darstellte, auf andere Weise errichtet wurden. Der Jüngere sah dem Älteren so ähnlich, dass es sich bei ihnen um Brüder handeln musste, aber er war neugieriger.

Er warf Ana einen kurzen Blick aus dunklen Augen zu, als er bemerkte, dass sie ihn beobachtete. Sie sah weg.

Sein Bruder hob währenddessen seinen in einen Fellstiefel gehüllten Fuß und trat nicht ganz gegenüber den Frauen gegen die Wand. Zweige brachen und Schichten aus getrocknetem Seetang fielen zu Boden. Sogar etwas Schnee rieselte ins Innere.

Nun stand Sunta doch auf. Sie trug ihren schweren, alten Winterumhang. Er war mit Robbenhaut und Möwendaunen gefüttert. Als sie sich erhob, lösten sich einige Federn daraus und wirbelten durch die Luft. Sie war ein Drittel kleiner als die Pretani, wirkte jedoch würdevoll. »Hör auf«, sagte sie in der Sprache der Händler. »Ich sagte, hör auf, gegen meine Wand zu treten, du großer Arsch.«

Der Mann sah sie zum ersten Mal offen an. »Wie hast du mich genannt?«

»Ach, du kannst mich also doch sehen. Arsch. Arsch.« Sie bückte sich steif und schlug sich durch den dicken Winterumhang auf den knochigen Hintern.

Ana suchte in der ihr unvertrauten Sprache nach den richtigen Worten. »Großmutter«, sagte sie, »nennt alle Männer Ärsche.«

Der Pretani wandte sich ihr zu und betrachtete ihren Körper so wie ein Geier ein Stück Fleisch betrachten würde. Sie erkannte, dass sie immer noch ihre Kleidung offen hielt und er ihre Kehle, die Brüste und den Bauch sehen konnte. Rasch versuchte sie, die Schichten zusammenzuziehen.

Ihre Großmutter fuhr sie an: »Lass das. Du verschmierst die Farbe.« In der Sprache der Händler fügte sie hinzu: »Du. Großer Kerl. Wie heißt du?«

Der Mann lächelte höhnisch. »Geh mir aus dem Weg.«

»Geh du mir aus dem Weg.«

»In meinem Land gehen die Frauen den Männern, denen die Häuser gehören, aus dem Weg.«

»Dies ist nicht dein Land und dafür danke ich den Müttern.«

Er sah sich um. »Wo ist der Geber? Wo ist der Mann, dem dieses Haus gehört?«

»In Etxelur gehören den Frauen die Häuser. Dies ist mein Haus. Ich bin die älteste Frau hier.«

»So verschrumpelt, wie du aussiehst, würde es mich nicht wundern, wenn du die älteste Frau der Welt wärst. Ich heiße Gallapfel. Das ist mein Bruder Schatten. In meinem Land ist mein Vater die Wurzel. Der mächtigste Mann. Verstehst du? Wir sind an diese armselige Küste gekommen, um zu jagen, zu handeln und euch unsere Lieder über das Töten vorzutragen. Das tun wir alle sieben Jahre. Das ist ein alter Brauch.«

»Ihr seid so weit gereist, um ein Loch in meine Wand zu treten?«

»Ich wollte eine neue Tür machen.« Er zeigte nach vorn. »Diese Tür ist in der falschen Wand.«

»Ist sie nicht«, sagte Ana. »In all unseren Häusern zeigen die Türen nach Norden.«

Schatten, der Jüngere der beiden, fragte: »Wieso? Was ist am Norden so besonders? Im Norden gibt es doch nur das Meer.«

»Dort befindet sich die Tür zum Haus der Mütter. Der Ort, an dem unsere Vorfahren einst lebten und der nun unter dem Meer verborgen …«

Gallapfel schnaubte. »Unsere Türen zeigen nach Südosten.«

»Warum?«, fuhr Sunta ihn an.

»Weil das Licht sich im Kreis bewegt – hat irgendwas mit der Sonne zu tun. Das ist Sache der Priester. Ich weiß nur, dass ich nicht in einem Haus bleiben werde, in dem die Tür in der falschen Seite ist.«

Sunta lächelte. »Aber dies ist das Haus des Gebers. Es ist das größte in Etxelur. Wenn ihr hier nicht bleiben wollt, dann müsst ihr in einem kleineren Haus bleiben, nicht dem des Gebers. Was würde euer Vater davon halten?«

Gallapfel sah sie finster an. »Ich frage dich noch mal: Wenn dies das Haus des Gebers ist, wo ist dann der Geber?«

»Im Herbst ist mein Vater aufs Meer gezogen, um Wale zu jagen.«

Schatten sah sie an. »Er ist nicht zurückgekehrt?«

»Nein.«

Gallapfel lächelte höhnisch. »Dann ist er tot.«

»Nein!«

»Er ist tot und ihr habt keinen Geber.«

»Kirike ist nicht tot«, sagte Sunta ruhig. »Nicht, bis der Priester es sagt oder seine Leiche angespült wird oder sein Anderer, der Baummarder, dies in menschlicher Sprache sagt. Außerdem brauchen wir eh keinen Geber bis zum Sommer. Und selbst wenn er zurückgekehrt wäre und nun hier stehen würde …«

»Was dann?«

»Hättet ihr trotzdem in meinem Haus zu tun, was ich sage, Pretani-Ärsche.«

Wütend fuhr er mit seinem schmutzigen Daumennagel über den Strich auf seiner Stirn. »Siehst du das? Diese Narbe bekam ich, als ich zum ersten Mal einen Mann tötete. Ich war vierzehn Jahre alt.«

Sunta lächelte. »Wenn du magst, zeige ich dir die Narben, die ich bekam, als ich einer Frau ihr Leben gab. Ich war dreizehn Jahre alt.«

Komplizierte und verwirrte Gefühle zeichneten sich nacheinander auf Gallapfels Gesicht ab. Er versuchte offensichtlich, einen Ausweg aus der Situation zu finden, ohne seine Würde zu verlieren. »Zwischen all den armseligen Behausungen scheint dieses für die Söhne Albias am wenigsten ungeeignet zu sein. Wir werden hier bleiben. Über die Angelegenheit mit der Tür reden wir später.«

»Wie du wünschst«, sagte Sunta spöttisch. »Und wir reden später auch darüber, wie du meine Wand reparieren wirst.«

Er wollte widersprechen, doch da preschte Blitz herein. Der Hund wedelte mit dem Schwanz, seine Augen leuchteten, die Zunge hing ihm aus dem Maul und sein Fell war schneebedeckt. Als er die Fremden sah, sprang er aufgeregt an ihnen hoch und bellte.

Gallapfel wich zurück. »Wolf! Wolf!« Er zog ein Messer aus Feuerstein aus seinem Gürtel.

Ana stellte sich zwischen Gallapfel und den Hund. »Wenn du ihm was tust, tue ich dir was, Pretani.«

Sunta lachte. »Blitz ist Kirikes Hund … ach, komm her, Blitz. Er hat ihn ausgesucht, weil er der Schwächste im Wurf war. Zum Scherz gab er ihm diesen Namen, denn er war der langsamste Welpe, den man je gesehen hat. Und ihr großen Männer habt Angst vor ihm.«

Schatten wirkte nervös, lächelte jedoch. »Pretani halten keine Hunde.«

»Vielleicht solltet ihr das aber«, sagte Ana und streichelte Blitz.

Gallapfel versuchte seine Würde wiederzuerlangen. Er steckte das Messer weg und stolzierte durch das Haus. »Ich bin nach der Reise hungrig.«

»Wirklich?«, fragte Sunta. Sie erweckte nicht den Anschein, als wolle sie ihm etwas zu essen anbieten.

Er blieb an der Feuerstelle stehen. »Was ist das für ein Feuer? Wo ist das Holz?«

»Du bist nicht in deiner Waldwelt. Hier ist Holz wertvoll. Wir verbrennen Torf.«

»Das ist ein blödes Feuer. Es gibt Rauch ab, aber keine Wärme.« Er zog den Rotz hoch und spuckte auf das unzureichende Feuer. »Komm, Schatten. Suchen wir nach einer weniger hässlichen alten Frau, die uns vielleicht was zu essen macht.«

Er verließ das Haus durch die nach Norden gerichtete Tür. Sein Bruder eilte ihm nach, warf Ana jedoch noch einen Blick über die Schulter zu.

Als sie weg waren, wirkte das Haus auf einmal groß und leer.

Sunta schien zusammenzubrechen, so als hätten sich ihre Knochen in Wasser verwandelt. »Was für ein Aufheben. Gib mir deine Hand, Liebes.« Ana führte sie zu dem Platz, an dem sie gesessen hatte. Dabei öffnete sich Suntas Robbenfellumhang, verlor einige Federn und enthüllte ihren Körper. Es wurde das Fleisch sichtbar, das aus ihrem Bauch wuchs und auf schreckliche Weise an eine Schwangerschaft erinnerte. »Alle Männer sind Ärsche. Unternimm etwas gegen dieses Loch in der Wand. Der Wind sticht in meine Haut.«

Ana nahm eine Handvoll getrockneten Farn von einem Lager und drückte ihn in das Loch. »Das meinst du nicht ernst, oder?«

»Was?«

»Dass sie hierbleiben können.«

»Alle sieben Jahre kommen die Jäger der Pretani zur Winterversammlung. Und sie bleiben immer im Haus des Gebers. Ich bin deine Großmutter und ich weiß noch, dass meine Großmutter erzählte, ihre Großmutter habe das gesagt, als sie ein kleines Mädchen war. Was davor geschah, wissen nur Sonne und Mond. Das ist ein Brauch, ob er dir gefällt oder nicht.«

»Mich interessiert der Brauch nicht. Ich lebe hier. Meine Sachen sind hier …«

»Du weißt, dass sie dich nicht anrühren werden, oder?«

»Darum geht es nicht. Und warum ausgerechnet heute?« Sie fühlte, wie ihr Tränen in die Augen stiegen, und wischte sie mit dem Handrücken weg. Ihre Großmutter hielt nichts vom Weinen. »Das ist mein Blutfluss. Und jetzt sie. Wenn nur mein Vater hier wäre.«

»Aber das ist er nicht«, sagte Sunta. Sie brach ab und hustete trocken und schmerzerfüllt. Dann lehnte sie sich zurück und tauchte die Finger wieder in die Farbe. »Sehen wir uns mal an, wie viel du verschmiert hast.«

Ana wandte sich schwer atmend ab. Sie war kein Kind mehr. Ihr Blutfluss markierte den Beginn des Erwachsenseins. Sie musste sich benehmen. Mühsam beruhigte sie sich und öffnete ihre Kleidung.

Doch als sie sich umdrehte, war Sunta eingeschlafen. Ein dünner Speichelfaden tropfte aus ihrem geöffneten Mund und von den Stummeln ihrer abgenutzten Zähne.

3

Als der Tag sich dem Mittag näherte, zog Ana, obwohl ihr Blutflusszeichen noch längst nicht vollendet war, ihren eigenen Robbenhautumhang über und verließ das Haus, um Fische für das Mahl ihrer Großmutter zu sammeln. Die Fischerboote sollten mittags zurückkehren, und vielleicht würde sie etwas frischen Kabeljau bekommen, Suntas Lieblingsfisch. Wenn nicht, würde sie hoffentlich welche auf den Trockengestellen finden. Wenn ihr Vater hier gewesen wäre, dachte sie, hätten sie sich den Bauch mit Walfleisch vollschlagen können.

Als Ana nach draußen trat, hörte sie die Rufe der Robben. Es klang, als würden Kinder singen.

Das Haus war eines von sieben, die sich auf einer Ebene aus hartem Gras zusammendrängten. Sie lag südlich einiger Dünen, die ein wenig Schutz vor dem Nordwind gewährten. An diesem Morgen bedeckte der frisch gefallene Schnee eine Hand hoch die Dächer der sieben, mit getrockneten Farnen gedeckten Häuser. Die Häuser waren zapfenförmig und sahen aus wie vom Wind aufgetürmte Schneeverwehungen. Die Erwachsenen kratzten den Schnee von den Häusern und türmten ihn zu Wällen auf. Sie benutzten Schaufeln, die sie aus den Schulterblättern von Hirschen hergestellt hatten. Es waren große, alte Werkzeuge. Kinder liefen aufgeregt umher und bewarfen einander mit Schnee.

Ana ging nach Norden, zu den Dünen und der Küste dahinter. Der Schnee knirschte und quietschte unter ihren Füßen. Der Boden zwischen den Häusern bestand aus Schlamm, der gefroren war und von Schnee bedeckt wurde, sodass man die steinharten Furchen und die vereisten Pfützen, die nur auf einen unvorsichtigen Schritt warteten, nicht sehen konnte. Ana kam schneller voran, als sie die Dünen erklomm. Hier hatten sich Frost, Schnee und Sand vermischt, und das abgestorbene Gras strich über ihre Beine. Auf dem frischen Schnee sah sie Spuren von Kaninchen und Rehen, die pfeilspitzenförmigen Spuren von Vögeln und die winzigen Pfotenabdrücke von Hermelinen und Wieseln. Ana bewegte sich schnell. Sie genoss es, ihre Lungen und ihr Herz zu spüren.

Als sie sich von den Häusern entfernte, wurde es still. Sogar das Kindergeschrei klang dumpf. Sunta hatte ihr einmal erzählt, der Schnee bestünde aus Geräuschen, die fest geworden und zu Boden gefallen waren. Dem Singen der Vögel, dem Heulen der Wölfe und den Rufen der Menschen. Sie alle waren in das glitzernde Weiß gepresst worden.

Als sie die Spitze der Düne erreichte, drückte der Wind in ihr Gesicht. Sie blieb stehen, um zu Atem zu kommen, und betrachtete die Landschaft, die sich im Norden ausbreitete. Sie stand oberhalb einer tiefen Bucht, die sich rechts von ihr zum Meer öffnete. Auf der anderen Seite der Bucht lag die Feuersteininsel, ein gelbbrauner Steinhaufen, der von einem schmalen, mit Seegras übersäten Strand eingerahmt wurde. Es herrschte Flut. Die Landbrücke, die die Insel mit dem Festland im Westen verband, war vom grauen Wasser der Bucht bedeckt. Darüber flogen einige Singschwäne, die mit den Schnäbeln klapperten. Auf dem Schlamm weiter westlich tummelten sich Schwärme von Wattvögeln und Wachteln, deren Gefieder im Licht der kalten Wintersonne glänzte. Ana erkannte Reiher und Gänse. Robben sonnten sich auf den Felsen an der Ostspitze der Feuersteininsel. Ihre Körper schimmerten feucht. Ihre entfernten Rufe hatte Ana schon vor dem Haus ihrer Großmutter gehört.

Überall in der Bucht arbeiteten Menschen. Unterhalb der Dünen hatte man die Fischerboote auf den Strand gezogen. Ihren silbrig glänzenden Fang hatte man in den Sand geworfen. Weiter hinten baute man die Trockengestelle auf. Eine schlanke Gestalt bewegte sich langsam zwischen ihnen hindurch. Das musste Jurgi, der Priester, sein, der sich bei den winzigen Geistern der Fische entschuldigte. Menschen sammelten Seetang und Binsen im Watt und im Schlamm. Einige Männer jagten Schwäne mit Speeren und Steinschleudern. Auf der Insel sah sie Pretani, breite, dunkle Gestalten, die sich über einen Haufen abgebauten Feuersteins beugten. Es gab noch andere Fremde dort, Händler und Leute aus dem Osten und Süden. Trotz der kurzen Tage war diese Jahreszeit die günstigste für solche Versammlungen, denn dank der gefrorenen Seen und des schneebedeckten Bodens kam man schnell voran und konnte Schlitten leicht hinter sich herziehen.

Überall waren Kinder. Sie wühlten im Schlamm und rannten zum Wasser, lieferten sich Wettrennen, um den gischtschäumenden Wellen zu entgehen. Hunde liefen aufgeregt bellend neben ihnen her. In Etxelur gab es immer mehr Kinder als Erwachsene. Sie genossen ein Leben, das für viele kurz sein würde.

Hinter der Feuersteininsel gab es nur das endlose, flache Meer. Seine graue Farbe passte zu dem Deckel aus Wolken, der sich über es legte. Die Sonne hing tief und milchig verschwommen am Himmel. Wolkenfetzen stiegen wie Rauch empor. Es wird mehr Schnee fallen, dachte Ana. Sie sah nach Norden und versuchte den Fels zu erkennen, den man Nordinsel nannte. Zu diesem heiligen Ort würde man sie an diesem Abend wegen ihres Blutflusses bringen. Doch im Mittwinterlicht wirkte alles trüb und ungewiss.

Diesen Ort, diese Bucht mit der Insel voller Feuersteinschätze und dem Marschland und den Dünen, nannte man Etxelur. Er bildete die nördlichste Küste von Nordland, einer ausgedehnten, hügeligen Landschaft, die sich im Süden so weit erstreckte, wie man gehen konnte. Ana war hier aufgewachsen und sie kannte jeden Flecken, jeden kleinen Felsvorsprung, jedes Sandkorn. Sie liebte diesen reichhaltigen, großzügigen Ort und seine Menschen. Trotz der Pretani konnte sie nicht lange unglücklich bleiben, nicht an diesem Tag. Das war ihr Tag, der Tag ihres Blutflusses, der erste wirklich bedeutsame Tag im Leben einer jeden Frau.

Als sie den Weg durch die Dünen nach unten ging, lächelten und nickten die arbeitenden Menschen ihr zu. »Möge die Wärme der Sonne dich heute Abend auf dem Ozean begleiten, Ana.«

Die kleine Arga, die sieben Jahre alt und Anas Cousine war, lief herbei. »Ana! Ana! Wo warst du denn? Ich will dein Zeichen sehen. Hat Sunta es schon gemalt?«

Ana nahm ihre Hand. »Lass mich erst mal aus dem Wind gehen. Wo ist Zesi?«

»Beim Feuerstein.« Arga streckte den Finger aus. Feuersteinproben, die aus den Adern auf der Insel geschlagen worden waren, lagen in ordentlichen Reihen auf einer Plattform aus erodiertem Fels oberhalb der Flutmarkierung. Sie waren nach Größe, Farbe und Art sortiert. Ana sah ihre Schwester Zesi, die mit überkreuzten Beinen im Sand saß – und dann sah sie zu ihrer Bestürzung die beiden Pretani-Jungen, die sich über sie beugten. Anscheinend sprachen sie über den Feuerstein.

»Zeigen wir Zesi deine Blutmarkierungen«, sagte Arga. Sie war schlank und groß für ihr Alter. Wie alle in ihrer Familie hatte sie blasse Haut und rotes Haar.

Ana blieb stehen. »Sie ist mit den Pretani beschäftigt. Stören wir sie nicht …«

Doch nun berührte Gallapfel, der ältere Pretani, Zesis Haar. Es leuchtete wie eine rote Flamme an diesem trüben Tag. Zesi fuhr ihn an und nahm den Kopf weg. Gallapfel lachte und machte sich auf den Weg zum geräucherten Fisch. Schatten folgte ihm, warf aber einen leicht bedauernden Blick zurück.

Arga sagte: »Sie sind weg. Komm.«

Die beiden Mädchen liefen Hand in Hand hinunter zum Strand, auf die flachen Felsen zu. Aus der Nähe sah Ana, wie kunstvoll die Feuersteine auf den großen, aus drei Ringen bestehenden Einkerbungen im Fels angeordnet worden waren. Niemand wusste, wie alt diese Einkerbungen waren.

Zesi begrüßte sie grinsend, als sie sich neben sie in den Sand setzten. »Wie ist dein Blutflusstag bis jetzt?«

»Ein Albtraum.«

»Ach, so geht es jeder. Am Ende wird schon alles gut gehen. Lass mich mal deine Kreise sehen.«

Zögernd schob Ana ihren Umhang zurück und öffnete ihre Kleidung. Arga beugte sich vor. Ihr kleines Gesicht wirkte fasziniert.

Zesi berührte die Kreise auf dem Bauch ihrer Schwester. »Nicht schlecht.«

»Sunta ist sehr schwach.«

»Sie wird das Zeichen für dich beenden. Sie wird dich nicht im Stich lassen.«

»Außer diese Pretani-Idioten versauen alles.«

Zesi schüttelte ihr Haar aus. Es fiel auf ihre Schultern. Im trüben Tageslicht ließ die Farbe ihre blasse Haut leuchten wie den Mond. Zesi war siebzehn, drei Jahre älter als Ana, und Ana wusste, dass sie immer schöner sein würde als sie selbst. »Ach, die Pretani! Der Ältere – Gallapfel? – beschwerte sich über einen Streit, den er mit Mama Sunta hatte.«

»Ich weiß. Ich war dabei.«

»Ich glaube, sie suchen hier nach Frauen. Sie sind nicht nur wegen des Sieben-Jahres-Besuchs und des Handels mit Feuerstein hier. Ihr Wald soll voll mit ihren Cousinen sein, sagen sie. Sie sind enttäuscht, weil Vater nicht hier ist. Sie wollten das mit ihm besprechen.«

Ana runzelte die Stirn. »Wenn es eine Heirat geben sollte, dann zwischen dir und diesem Dummkopf Gallapfel. Und Mama Sunta müsste ihr zustimmen.«

»Ja, aber so funktioniert das dort, wo sie leben, nicht. Da herrschen die Männer über alles. Und hör dir das an – ich habe das Gallapfels Worten entnommen – würde ich ihn heiraten, dann müsste ich von hier weggehen und bei seiner Familie leben.«

»Das ist doch Unsinn«, sagte Arga. »Wenn man heiratet, dann lebt der Mann bei dir und deiner Mutter. So machen das alle.«

»Anscheinend nicht in Albia.« Sie seufzte. »Sie sind auch enttäuscht, dass wir keine Brüder haben. Der älteste Bruder sollte sie im Sommer besuchen, um mit ihnen im Wald zu kämpfen.«

»Weshalb?«

»Die Wildwald-Herausforderung. Auch so eine Sieben-Jahres-Geschichte. Sie jagen Auerochsen im Wald von Albia und vergleichen die Länge ihrer Schwänze. Du weißt ja, wie Männer sind.«

»Sie sind Ärsche«, sagte die siebenjährige Arga ernst.

»Nicht alle.« Das sagte Schatten, der jüngere Pretani. Er kam beinahe schüchtern auf sie zu. »Tut mir leid, wenn mein Sprechen nicht gut ist. Die Händlersprache ist schwer.«

Ana zog ihren Umgang zusammen. »Und du bist zurückgekommen, um noch einen Blick auf meine Brust zu werfen, richtig?«

Die Worte hatte er vielleicht nicht verstanden, ihre Bedeutung schon. Er errötete unter seinem spärlichen Bart und sah auf einmal jünger aus. »Ich war neugierig.«

»Wo ist dein Bruder? Ist er nicht neugierig?«

Schatten zeigte auf ihn. Gallapfel stand bei den Fischern, die mit ihren Haken aus Geweihsprossen und den Netzen aus geflochtenen Sehnen angaben und Geschichten vom Meer erzählten. »Seine heroischen Geschichten handeln von seinen Kämpfen gegen Bären und Wölfe. Eine gute Geschichte sollte erzählt werden. Und Gallapfel ist laut und bringt meinen Vater dazu, ihm zuzuhören.«

»Deine Kleidung sieht aus, als würde sie jucken«, sagte Arga und starrte ihn an.

»Das ist Leder. So etwas tragen wir in Albia.«

»Keinen Stoff wie vernünftige Leute?«

»Stoff?«

»Wir machen ihn aus Seetang und Rinde und so einem Zeug. Und du zitterst«, sagte Arga offen.

»Nein, das tue ich nicht.«

»Doch, das tust du«, sagte Ana. »Das liegt an deinem albernen Hirschfellumhang. Die tragen wir im Sommer.«

»So etwas tragen wir eben«, sagte er bedrückt. »In Albia reicht das.«

Zesi lachte, als er erneut errötete. »Ach, komm her. Setz dich zwischen Ana und Arga. Sie werden dich wärmen.«

Der Pretani zögerte. Vielleicht dachte er, dass Zesi ihn aufziehen wollte. Doch dann setzte er sich und glättete seinen Umhang.

»Wieso bist du nicht da drüben«, fragte Ana, »und erzählst ein paar Lügen wie dein Bruder?«

»Ich weiß nichts über Kabeljau und das Fischen. Aber ich weiß viel über andere Dinge wie Feuerstein und den Handel.« Er nahm ein Stück aus der Reihe, die vor ihm lag. Der Stein war unter seinem Panzer aus brüchiger Kreide cremig braun. »Das ist gute Qualität.«

»Er stammt von der Insel.« Zesi streckte den Finger aus. »Wir nennen sie die Feuersteininsel. Die besten Stücke, die wir haben, sind viel älter. Mit denen handeln wir normalerweise nicht. Manchmal werden sie als Symbole bei den Gebefesten im Sommer verwendet.«

»Wieso älter – ich meine, wieso die besten …« Er gab den Versuch, die Frage in einer anderen Sprache auszudrücken, auf.

Ana zeigte nach Westen, auf die Mitte der Bucht. »Die beste Ader von allen ist da draußen. Von dort stammten die besten Stücke. Das Meer hat sie bedeckt.«

Er runzelte die Stirn. »So wie die Flut?«

»Das war keine Flut«, sagte Ana.

»Ich weiß nichts über das Meer.«

»Stimmt«, fuhr Ana ihn an. Seine Fragen störten sie aus irgendeinem Grund.

Zesi wirkte jedoch amüsiert. »Frag noch etwas.«

»Was bedeutet das?« Er zeigte auf das Zeichen im Fels, die drei eingekerbten Kreise und die gerade Linie, die die Mitte durchschnitt.

»Die findet man überall in Etxelur. Manche sagen, dass sie eine Art Erinnerung an die Tür zum Haus der Mütter darstellen. Das ist das alte Land, aus dem wir stammen.«

Arga sagte ernst: »Wir lebten dort, ohne zu sterben. Aber dann gab der Mond der Welt den Tod und wir mussten gehen.«

Schatten betrachtete das Zeichen. Dann wandte er sich schüchtern an Ana. »Wieso wurden die gleichen Kreise mit Blut auf deinen Bauch gemalt?«

»Das ist nicht nur Blut«, sagte Ana, »sondern auch Wasser und Ocker und Honig und andere Dinge.«

»Das ist der Blutfluss«, sagte Zesi rasch. »Wenn ein Mädchen zur Frau wird, dann bringt man sie bei Ebbe im nächsten Mittwinter zur Nordinsel, die nördlich der Feuersteininsel liegt. Der Mond ist Tod und Eis. Anas neuer Körper ist ein Geschenk, das Wärme und Leben bringt. Wir müssen zeigen, dass wir uns dem Mond und den Gezeiten, die er bringt, widersetzen …«

»Sitzt du immer noch bei den Frauen, Bruder?« Gallapfel näherte sich. Er hielt einen großen Kabeljau in der linken Hand. Gräten und Schuppen hingen in seinem Bart und Ana roch den Holzrauch, der an ihm hing. Er sprach die Händlersprache guttural und hart aus.

»Du wirst noch selbst zum Mädchen. Komm, gehen wir in die Hütte des Gebers. Vielleicht können wir das alte Weib dazu bringen, den für uns zu kochen.«

Ana sprang auf. »Lasst sie in Ruhe. Sie ist krank.«

»Aber nicht zu krank, um mich mit ihrer scharfen Zunge anzugreifen. Na ja, wenn sie den nicht kochen kann, musst du das tun.« Er warf den Kabeljau in den Sand, rülpste und betrachtete die Kreise im Fels. »Ich habe euch über dieses Gekrakel reden hören. Bla bla bla. Diese Robben haben mehr Verstand als ihr. Aber ich sage euch, was mir daran gefällt.« Mit der Stiefelspitze folgte er der Linie, die die Kreise durchbrach. Lüstern sah er Ana an. »Gerade und hart und stößt rein in den Bauch.«

Mit eisigem Gesichtsausdruck stand Zesi auf und nahm den Fisch aus dem Sand. »Ich koche euer Essen. Lasst Mama Sunta in Ruhe.«

»Hah! Komm, kleiner Bruder. Du kannst etwas Fleisch auf den Knochen vertragen.«

Schatten erhob sich ausdruckslos und folgte seinem Bruder und Zesi zu den Dünen.

Arga blieb mit Ana sitzen und sah ihnen nach. »Ärsche«, sagte sie.

4

Später an diesem Tag sagte Sunta zu Ana, dass die Boote am Nordufer der Feuersteininsel auf sie warteten.

Es war dunkel, als Ana das Haus verließ. Sie war bereit für den langen Weg rund um die Bucht und bis zur Insel. Wenigstens war der befürchtete Neuschnee ausgeblieben. Durch die dünne Wolkendecke konnte man den hell leuchtenden Mond sehen. Der Schnee, den die Menschen achtlos mit den Hirschschulterschaufeln aufgetürmt hatten, war wieder gefroren. Er war so hart, dass es schmerzte, wenn man gegen ihn trat.

Der Mond war von einem farbigen Ring umgeben. Man sagte, das seien die Geister von Verstorbenen, die ihrem Ziel, der eisigen Umarmung des Mondes, entgegenstürzten.

Doch an diesem Abend machte sich Ana größere Gedanken um die Lebenden als um die Toten. Die meisten Menschen, die aus den sieben Häusern traten, stammten aus Etxelur. Es waren Freunde und Verwandte, die mit ihr gehen wollten. Doch unter ihnen befanden sich auch Fremde, die sich nur die Vorstellung ansehen wollten. Die beiden Pretani-Jungs; sie sah Gallapfel, der auf Walfleisch kaute und die Frauen lüstern anstarrte. Händler, die miteinander in der kruden Sprache redeten, die sie als einzige alle verstanden. Sogar einige Schneckenköpfe waren bereits weit aus dem Süden eingetroffen. Ana stand im Mittelpunkt und fühlte sich dort mehr als unwohl.

In der Kälte verschwendeten sie keine Zeit. Jurgi, der Priester, führte die Gruppe an, so wie immer bei solchen Anlässen. Im Mondlicht konnte man die Reißzähne eines Wolfs sehen, die zwischen seinen menschlichen Lippen hervorragten. Arga ging ernst und großäugig neben ihm her. Sie fühlte sich geehrt, dass sie den Ledersack tragen durfte, in dem sich die Eisen des Priesters befanden.

Ana, Mama Sunta und Zesi folgten ihnen. Das passte natürlich nicht zusammen. Ana hätte von ihren Eltern begleitet werden müssen, nicht von Sunta und Zesi. Doch nur ein Jahr zuvor war ihre Mutter bei einer Geburt gestorben, und ihr Vater – manche sagten, er sei halb verrückt vor Trauer gewesen – war hinausgesegelt und nie zurückgekehrt. Und Sunta war so schwach, dass Zesi und Ana rechts und links neben ihr gehen und sie in ihrem großen Robbenhautmantel aufrecht halten mussten.

»Ich fühle mich albern«, murmelte Ana Zesi über Mama Suntas nickenden Kopf hinweg zu.

Zesi antwortete: »Jede fühlt sich so. Heute geht es nur um dich und den Mond. Wenn du den richtigen Anderen finden willst, musst du dich konzentrieren.«

»Für dich war das einfach. Ein guter Anderer, ein Kreuzschnabel, hat dich erwählt. Vater war hier. Und Mutter.«

»Einfach?«, fuhr Zesi sie an. »Nun, ich bin nicht deine Mutter und ich muss mir dein Genörgel nicht anhören.«

Sie und Ana schwiegen beleidigt und gingen weiter.

Sie überquerten den Damm, der zur Insel führte. Bei Ebbe trennte er das Wasser der Bucht vom offenen Meer. Ana sah zurück zur Bucht, über das Wasser hinweg, zum Strand im Süden. Feuer brannten am Strand. Die Gerber und Steinmetze und Fischer arbeiteten. In der grauen, nächtlichen Dunkelheit wirkten sie wie leuchtende, menschliche Funken. Das kalte weiße Licht des Mondes spiegelte sich im Wasser der Bucht, im Ozean und in den gefrorenen Sümpfen. Manchmal, so dachte Ana, schien Etxelur mehr dem Wasser als dem Land zu gehören.

Sie verließen den Damm und wandten sich den Inseln im Norden zu. Sie folgten dem Pfad durch flache, halbrunde Hügel, die unter einer spärlichen Schneedecke mit braunem, abgeknicktem Farn bedeckt war, der wie nasses Haar schwer am Boden lag. Trotzig mischte sich ein wenig grünes Gras in das Braun und Weiß. Als sie den Strand erreichten, traf sie der Wind, der von der See heranwehte, hart. Wellen mit weißen Schaumkronen knurrten. Sie stiegen die letzten Dünen zum Strand hinab. Kiesel, die sich aus den Dünen lösten, knirschten unter ihren Stiefeln und rahmten den Sandstrand ein. Das Wasser hatte sich zurückgezogen. Felsformationen glänzten feucht. Dunkler Seetang und Seepocken, die bei Ebbe der Luft ausgesetzt waren, klammerten sich an den Stein. Seegras lag am Strand zwischen Knäueln aus Tang und ein wenig Treibholz, den Überresten eines Wintersturms. Anas Stiefelspitze berührte die ausgebleichten Überreste eines Krebses.

Sie kamen zu den Muschelhaufen. Dort lagen Berge von Weichtierschalen und lange, schmale Fischgräten, die sich krümmten wie der Halbmond. Es sah aus, als wollten sie das Meer umarmen. Schneeverwehungen bedeckten die windgeschützte Seite des Muschelhaufens. Die Boote, die Ana zur Nordinsel bringen würden, warteten dort bereits.

Doch zuerst trug der Priester seine Amuletttasche zu einem der Haufen. Er legte seine Brandeisen darauf, kleine Teile, die aus einem harten, rostigen Material bestanden und angeblich vom Himmel gefallen waren. Sie waren unglaublich selten und noch wertvoller als die Goldstückchen des Priesters. Diese Teile wurden nur benutzt, um Menschen mit den Symbolen ihres Anderen zu versehen – ob es sich dabei um einen Otter, Schneehasen, Hermelin, die besonders gern gesehene Robbe oder die besonders ungern gesehene Eule handelte. Mit einem von diesen würde man Ana an diesem Abend in einem Augenblick des Feuers und des Schmerzes zeichnen, sobald deutlich wurde, wer ihr Anderer war.

Jurgi schien zu zögern. Dann winkte er Ana heran. Sie folgte ihm zu dem Muschelhaufen. Schalen rutschten und knackten unter ihren Füßen. Es roch stark nach Salz und Verwesung.

Der Priester hatte seine Ausrüstung für das Feuer vor sich ausgebreitet: ein wenig Katzengold und Feuerstein, um einen Funken zu erzeugen, etwas getrocknetes Moos, um das Feuer zu schüren, und Torf als Brennstoff. Er nahm den Wolfskiefer aus dem Mund. »Das Feuer muss aufgeschichtet werden«, sagte er schwer. Er hatte keine Zähne und sprach undeutlich. Aber sie verstand ihn. Das Eisen musste über einem frischen Feuer erhitzt werden, das nicht aus der Asche eines alten entstanden war. »Dies ist eine Aufgabe für einen Mann aus deinem Haus. Deinen Vater, deinen Bruder …«

»Ich habe keinen Bruder. Mein Vater ist …«

»Ich weiß. Aber das Feuer muss entzündet werden.«

»Ich werde es tun!« Schatten, der Pretani-Junge stieß den Ruf aus. Ohne auf eine Erlaubnis zu warten, kletterte er auf den Muschelhaufen. Er rutschte auf dem ihm unvertrauten Untergrund aus. Sein Bruder grölte und lachte und rief Beleidigungen in seiner eigenen Sprache. »Ich werde es tun«, wiederholte Schatten atemlos, als er die Kuppe des Haufens erreichte.

Ana sah ihn finster an. »Wieso mischst du dich ein? Du bist weder mein Bruder noch mein Vater. Du stammst nicht einmal aus Etxelur.«

»Aber ich lebe in deinem Haus. Und ich beherrsche das Feuermachen gut.«

Ana runzelte die Stirn. »Es muss eine andere Möglichkeit geben. Der Brauch sieht vor …«

Der Priester versuchte, ernst zu wirken, lachte dann jedoch. »Der Brauch sieht ein wenig Fantasie vor. Vertrau mir. Aber kann ich dir vertrauen, Pretani?«

»Oh ja.« Schatten war abgelenkt. »Dieser Ort ist so seltsam, dieser Hügel. Ich kenne kein Wort dafür.«

»Muschelhaufen«, sagte Ana schwer. »Das ist ein Muschelhaufen.«

»Ein Hügel aus Schalen … So hoch und so lang – hundert Schritte? Ich werde das messen. Viele, viele Schalen.«

Der Priester nickte. „Viele Generationen haben an diesen Muschelhaufen gearbeitet. Für uns sind sie heilige Orte. Wir begraben die Knochen unserer Toten hier. Aber wie du siehst, holt sich das Meer das Land zurück …«

Die Enden des Muschelhaufenbogens waren dort, wo sie an die Küste grenzten, vom Wasser abgetragen worden.

Schatten bildete mit den Armen die Linie des Muschelhaufens nach. »Aber es gibt zwei Kreisstücke. So wie die auf deinem Bauch, auf den flachen Steinen am Strand und jetzt hier im Ozean. So erkennst du dich selbst. Kreise innerhalb von Kreisen.«

»Vielleicht solltest du Priester werden«, sagte Jurgi trocken.

»Ach, sei ruhig.« Ana reichte es. Dies war ihre Nacht. Sie machte sich auf den Weg nach unten. »Lass ihn sein blödes Feuer entzünden. Komm, Priester, gehen wir zu den Booten, bevor die Flut kommt.«

Eine kleine Flotte verließ den Sandstrand der Insel. Paddel tauchten in das kalte, schwarze Wasser. Die Boote bestanden aus Holzrahmen, über die man getrocknete, mit Talg abgedichtete Tierhäute gespannt hatte.

Ana fuhr in dem Boot, das anstelle ihres Vaters von Jurgi und Zesi gerudert wurde. Mama Sunta saß mit ihrer Tochter Rute, Anas Tante, und Rutes Ehemann Jaku in einem anderen. Anas Augen hatten sich an die Dunkelheit gewöhnt, und sie konnte sie alle im trüben Mondlicht gut erkennen. Die Ruderer trugen dicke Fellfäustlinge, die ihre Hände vor der Kälte schützten. Ana fühlte sich klein und verletzlich auf dem dunklen Wasser, obwohl sie das Land kaum hinter sich gelassen hatten. Doch ihr Vater, falls er noch lebte, hielt sich auf dem weiten Ozean in einem Boot auf, das kaum stabiler als das ihre war.

Niemand sagte etwas, als sich die Boote vom Strand entfernten. Tatsächlich hatte Sunta schon seit geraumer Zeit kein Wort mehr gesagt. Sie saß zusammengesunken in ihren Robbenhäuten da. Ihr eingefallenes, weißes Gesicht war unter dem Hut aus Bärenfell kaum zu erkennen. Ana war froh, dass nach den Aufregungen und Albernheiten, die den Tag seit der Ankunft der Pretani-Jungen bestimmt hatten, endlich Ruhe herrschte.

Sie war so tief in ihre eigenen Gedanken versunken, dass das Geräusch, das sie in der Dunkelheit hinter dem Klatschen der Wellen hörte, sie erschreckte. Es handelte sich um eine Art Schnaufen. Der Priester hörte auf zu rudern und legte einen Finger auf die Lippen. Dann zeigte er nach vorn.

Auf einmal erkannte Ana einen schwarzen Umriss, der aussah, als habe man in den vom Mondlicht erhellten Himmel sorgfältig ein Loch geschnitten. Das war die Nordinsel, eine Ansammlung von Felsen, die man nur bei Ebbe sah. Sie hatten sie bereits erreicht.

An ihrem schmalen Strand bewegte sich etwas Unförmiges. Es war eine riesige Robbe, ein Bulle.

Der Priester tauchte sein Ruder ins Wasser und schwang das Boot beinahe lautlos herum, sodass Ana neben der Robbe saß. Nur wenige Schritte trennten sie voneinander. Die Robbe, die im Mondlicht nun gut zu erkennen war, sah Ana ruhig an. Ihre Augen waren wie tiefe, schwarze Seen. Sie sah keine Farben in ihrem Pelz.

Der Priester lächelte sie an.

Ana verstand den Grund. Die Robbe war die beste Andere von allen. Die Robbe stammte aus der Zeit, bevor der Tod in die Welt gekommen war, eine Zeit, in der Menschen mit den Tieren gelebt und mit der gleichen Leichtigkeit, mit der Eis zu Wasser wird, ihre Gestalt gewechselt hatten. Das hatte aufgehört, als die kleinen Mütter ihren tödlichen Handel mit dem Mond geschlossen hatten, um die ganze Welt vor dem Verhungern zu retten, da die unsterblichen Tiere alles aufaßen. Nun mussten Menschen wie Tiere sterben, und sie konnten auch nicht mehr ihre Gestalt wechseln. Ein Mensch war für immer ein Mensch, ein Hund ein Hund. Die Robben jedoch waren so mit Spielen beschäftigt gewesen, dass sie den Handel der kleinen Mütter nicht mitbekommen hatten. Sie blieben in einer Mischgestalt stecken, gehörten weder zum Land noch zur See. Sie hatten Gesichter wie Hunde und Körper wie Fische, und so waren sie geblieben – Relikte aus besseren Zeiten.

Ana konnte sich von dem tiefen, schweren Blick der Robbe nicht abwenden.

Doch dann glitt sie plötzlich von ihrem Fels ins Wasser und verschwand. Der Priester runzelte die Stirn und Ana kniff enttäuscht die Lippen zusammen. War die Robbe etwa doch nicht ihre Andere?

Die Boote fuhren langsam auf die Insel zu.

Jurgi wandte sich an Ana. »Es ist so weit.«

Sie legte ihren Umhang ab und öffnete ihre Kleidung. Zesi half ihr, die Stiefel auszuziehen. Dann stand Ana unsicher auf und drehte ihren nackten Bauch, der mit dem Ringsymbol von Nordland bemalt war, der Insel entgegen. Die eiskalte Luft biss in ihr Fleisch.

Der Priester sah zum zweiten Boot. »Mama Sunta …« Sunta sollte anstelle von Anas Mutter aufstehen und einen Lumpen, der mit Anas erstem, nun getrocknetem und rostbraunem Frauenblut beschmiert war, in den Ozean werfen. All das musste im Licht des Monds geschehen, um der Göttin des Todes zu zeigen, dass man sich ihrem schrecklichen Erbe widersetzte.

Doch Sunta bewegte sich nicht. Ihre Tochter Rute beugte sich zur Seite und berührte ihre Schulter. Die alte Frau schien aufzuwachen, aber ihre Augen starrten ins Nichts. Sie krallte die Hände in ihren Bauch, in dieses Ding, das in ihr wuchs. Ana, die in der kalten Luft stand, roch den beißenden Gestank nach Pisse und Scheiße: Suntas Därme hatten sich entleert. Dann sank Sunta auch schon in sich zusammen und seufzte wie die Flut, wenn sie sich zurückzog. Rute schüttelte sie. »Mama Sunta!« Aber Sunta bewegte sich nicht mehr.

Flügelschlag, der von der Insel kam, erschreckte Ana. Sie wäre gestürzt, wenn Zesi ihr nicht geholfen hätte. Sie sah eine Eule, die sich von den Felsen erhob und sich auf dem Weg zum Festland machte. Sie schlug mit den großen Flügeln. Ihr seltsam flaches Gesicht war gut zu erkennen.

Ana saß zitternd da. Zesi legte die Arme um sie. »Die Eule«, sagte Ana. »Die Eule, die es nur wagt, bei Nacht zu jagen, im Reich des Mondes, der Göttin des Todes. Die Eule, die aufstieg, als Sunta starb und diesem einzigartigen Moment im Leben den Tod gebracht hat. Die Eule. Meine Andere! Keine Mutter, kein Vater und jetzt das … Jurgi, kannst du mir helfen?«

Der Priester beugte sich vor. »Es tut mir leid. Die Andere hat dich gewählt … Komm, Zesi, leg ihr einen Umhang um.«

Auf dem anderen Boot schluchzte Rute in der Dunkelheit.

5

Weit entfernt auf der Krümmung der Welt – westlich von Etxelur, jenseits der waldbedeckten Täler von Albia, jenseits eines Ozeans, auf dem Eisschollen und einige leichte Boote aus Tierhaut trieben – lag ein Land, in dem die Sonne noch nicht untergegangen war. Und in dem ein Junge weinte.

»Träumerin, was stimmt nicht mit ihm?« Mondgreiferin zog an Eisträumerins Ärmel. »Steinhauer. Wieso weint er?«

Eisträumerin blieb stehen und sah hinab zu Mondgreiferin. Sie betrachtete ihr vom Wind gerötetes Gesicht, ihr zusammengebundenes, nussbraunes Haar, ihre unförmige, abgewetzte Kleidung aus Tierhäuten, die sie den Toten abgenommen hatte. Mondgreiferins Worte schienen aus einer anderen Wirklichkeit zu stammen – vielleicht aus dem Großen Haus, in das dein Totem deinen Geist brachte, wenn du starbst. Worte waren menschliche Dinge. Eisträumerin war in keiner menschlichen Welt, nicht mehr.

Diese Welt, das Land des Himmelswolfs, war ein Ort, an dem der gefrorene Boden unter ihren Tierhautstiefeln so hart wie Stein und die Luft so kalt war, dass sie wie eine Klinge in und aus ihrer Lunge glitt. Im Norden gab es nichts außer Eis. Eis, das blass und mit grausamer, sinnloser Schönheit funkelte, so weit sie sehen konnte. Die einzige Wärme in der ganzen Welt ging von ihrem Bauch aus, ihrem Kern, in dem ihr neues Baby lag und von dem Großen Haus träumte, das es vor so kurzer Zeit verlassen hatte. Eisträumerin wollte nicht darüber nachdenken, denn wer würde ihr bei der Geburt helfen, wenn ihr Baby kam? Alle Frauen und Mädchen waren tot, abgesehen von Mondgreiferin, und sie war erst acht Jahre alt. Vielleicht wäre es besser, wenn das Kind nie geboren würde, wenn es einfach nur in der warmen, unbekümmerten Sicherheit ihres Schoßes blieb und dort alt wurde.

Aber Mondgreiferin zog immer noch an ihrem Ärmel. »Träumerin! Wieso weint Steinhauer?«