Cover

Über dieses Buch:

Sanft gleiten die Hände des Bösen um unseren Hals, bevor sie uns ersticken … Eine dunkle Macht ist zu neuem Leben erwacht. Schleichend und fast unbemerkt beginnt sie, die Herzen der Menschen zu vergiften. Überall kommt es zu Unruhen, Zwietracht und Verrat. Die junge Eirion, die am königlichen Hof von Caernadon aufwuchs, muss sich auf eine gefahrvolle Reise begeben – denn was niemand ahnt: Sie stammt aus dem magischen Volk der Schwäne und ist die Einzige, die das Grauen verhindern kann. In dem Einsiedler Tork und dem geheimnisvollen Arild findet sie zwei mächtige Verbündete. Doch beide Männer lieben sie. Kann dies Eirion retten – oder wird es ihren Untergang bedeuten?

Über die Autorin:

Catherine O’Donell ist das Pseudonym, unter dem eine bekannte Übersetzerin und Autorin von historischen Romanen ihre Fantasyromane veröffentlicht. Sie lebt und arbeitet in Nordrhein-Westfalen.

Catherine O’Donells TRILOGIE DER STREITENDEN REICHE umfasst die folgenden Romane:

Der verbotene See

Das Land der zwei Könige

Der Stein der Gnade

***

Neuausgabe Januar 2015

Copyright © der Originalausgabe 2002 Knaur Taschenbuch Ein Unternehmen der Droemerschen Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf. GmbH & Co. KG, München

Copyright © der Neuausgabe 2015 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design, München, unter Verwendung eines Bildmotivs von Shutterstock/Gteam

ISBN 978-3-95520-668-0

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Catherine O‘Donell

Die Trilogie der Streitenden Reiche

Zweiter Roman: Das Land der zwei Könige

dotbooks.

Jede Zeit hat die Götter, die sie verdient.

WAS BISHER GESCHAH

In Anguli, dem vor der Welt verborgenen Reich der unsterblichen Schwäne, wird ein Kind geboren – die lang erwartete Tochter von König Olfros und dessen Gemahlin, Nuria. Kurz nach ihrer Geburt offenbaren die Götter Olfros jedoch, dass seine Tochter das »Kind der drei Welten« ist und vom Schicksal dazu auserwählt wurde, die Menschheit in ihrer dunkelsten Stunde zu retten. Olfros muss seine neugeborene Tochter in die Welt der Dinge, zu den Sterblichen, schicken, was Nuria ihm niemals verzeiht.

Kurz vor dem Abschied belegt Nuria ihre Tochter mit einem Zauber, gewoben aus ihren Tränen, die eine ungeheure Macht besitzen, da die Gabe der Tränen den unsterblichen Wesen normalerweise vorenthalten bleibt. Mit diesem Zauber bewahrt sie ihrer Tochter ihre Unsterblichkeit, die sie andernfalls mit ihrem Abschied aus Anguli verloren hätte. Der Säugling wird in einem Körbchen dem Fluss überlassen, der aus dem Verbotenen See und Anguli in die Welt der Dinge fließt.

In Caernadon, einem der Streitenden Reiche in der Welt des Ork Nuado, in dem jede Anwendung von Magie unter Todesstrafe verboten ist, lebt die kinderlose Königin Gwenlian. Gwenlian ist die Tochter der Königin des Alten Reichs, Fiann, und eine ausgebildete Magierin. Sie hat vor sechs Jahren den damaligen Prinzen und jetzigen König von Caernadon, Uisnach, geheiratet, der mit ihrer Schwester Brenna verlobt war, jedoch dann sein Herz an die jüngere Gwenlian verlor.

Nun, sechs Jahre später, ist ihre Liebe erloschen. Gwenlian leidet sehr unter ihrer Kinderlosigkeit, zumal eine ihrer Kammerfrauen Uisnach soeben einen unehelichen Sohn geboren hat.

In dieser Situation findet der alte Fischer Bauka auf dem Fluss, der durch ganz Caernadon fließt, das Körbchen mit dem Säugling. Seine Tochter Marte, die heimlich noch dem alten Glauben an die Göttin anhängt und gerade selbst ein vaterloses Kind geboren hat, erkennt sofort, dass das kleine Mädchen etwas Besonderes ist, und bringt es zur Königin.

Gwenlian gelingt es, Uisnach die Erlaubnis abzuringen, das Kind zu adoptieren, wobei sie höchst unerwartet Hilfe von Marban bekommt, dem Obersten Priester von Caernadon. Marban verfolgt jedoch eigennützige Pläne; als Gegenleistung für seine Unterstützung muss Gwenlian dafür sorgen, dass Marban Uisnachs Zustimmung zum Bau einer gewaltigen Kathedrale erhält. Was Gwenlian nicht weiß, ist, dass diese Kathedrale auf dem Falkenberg errichtet werden soll, einem der drei großen Zentren der Macht. Und es ist kein Zufall, dass Marban ausgerechnet diesen Standort für seine Kathedrale ausgewählt hat: Der Oberste Priester steht im Bund mit einem sehr alten, mächtigen Wesen, zu dem er mittels einer magischen Öllampe, dem Purpurnen Feuer, Kontakt aufnehmen kann. Dieses Wesen aber benötigt die Magie des Falkenbergs, um sich aus jahrtausendelanger Gefangenschaft zu befreien.

Gwenlian gibt dem Findelkind den Namen Eirion, die Mondgeborene, und zieht es als ihre Tochter groß. Marte, die Eirion zu ihr gebracht hat, bleibt mit ihrem Sohn, Tarannis, zunächst als Vertraute Gwenlians auf der Burg.

Zwei Jahre später überziehen seltsame Stürme das Land, Stürme, die einen starken, Übelkeit erregenden Geruch nach Bitterklee mitbringen. Gwenlian kann sich die Ursache dafür nicht erklären, hält es aber für möglich, dass eine finstere Art von Magie im Spiel sein könnte, einer der »Verbotenen Flüche« etwa, die vor vielen tausend Jahren von einer Konvention der Magier geächtet wurden. Zusammen mit Marte beschließt sie, alles in ihren Kräften Stehende zu tun, um im Verborgenen Magierinnen auszubilden, damit Caernadon dem Bösen nicht vollkommen wehrlos ausgeliefert sein wird.

Marte wird Mutter eines weiteren Kindes und gibt ihm den Namen Diann, die Sonnengeborene, in der Hoffnung, ihre Tochter möge Eirion eine Gefährtin sein. Diann ist jedoch von klein auf eifersüchtig auf Eirion. Als sie älter werden, verwandelt sich Dianns kindliche Eifersucht langsam in tiefen Hass.

In der Zwischenzeit hat Königin Nuria, Eirions leibliche Mutter, den Schwan Lado erneut in die Welt der Dinge gesandt, um über ihre Tochter zu wachen. Nuria hatte bereits vor Jahren gespürt, dass die Jahrtausende währende Harmonie in Anguli unter der Oberfläche brüchig geworden war. Die Ursache dafür konnte ihrer Meinung nach nur in der Welt außerhalb von Anguli liegen. Deshalb hatte sie Lado wiederholt nach Caernadon geschickt und damit gegen die Gesetze ihres Reichs verstoßen.

Zwei Jahre nach Eirions Geburt deckt die intrigante Schwanenfrau Bibiana Lados Vergehen auf, und er wird aus Anguli verbannt, ohne jedoch Nurias Rolle bei dem Ganzen aufzuklären. Denn für ihn ist diese Strafe kein gar zu großes Unglück, da in Tarlin die Frau lebt, die er liebt, eine gewöhnliche Sterbliche und die Mutter seines Sohnes, Arild.

Eirion lebt bis zu ihrem neunten Jahr glücklich auf Burg Tarlin. Dann jedoch geschieht etwas, das das Leben aller Menschen auf dem Ork Nuado erschüttern wird. Gwenlians Mutter Oda, die Königin des Alten Reichs, stirbt, und Gwenlians ältere Schwester Brenna übernimmt die Herrschaft in Fiann. Sie erklärt Caernadon den Krieg. Dieser Krieg hat grausame Folgen für die caernadonische Bevölkerung, zumal immer neue Soldaten für das Heer benötigt werden, denn in den Schlachten, die im Niemandsland der Großen Wüste ausgetragen werden, verschwinden auf unerklärliche Weise ganze Truppenkontingente spurlos.

Trotz verzweifelter Gegenwehr muss das caernadonische Heer schließlich seine Unterlegenheit gegenüber den Fiann anerkennen, und Uisnach flieht mit dem Rest seiner Soldaten zurück nach Tarlin, dicht gefolgt von Brenna, die ihre Streitmacht persönlich in die Schlacht geführt hat.

Um ein furchtbares Blutvergießen zu verhindern und ihre Tochter zu retten, fordert Gwenlian ihre Schwester zu einem rituellen Vierkampf, in dem die zwei Magierinnen mit jeweils einer Helferin an Stelle ihrer Armeen gegeneinander antreten. Die Seite, die als erste eine Kämpferin verliert, akzeptiert dies als Niederlage und unterwirft sich der Siegerin.

Brenna nimmt die Herausforderung, ohne zu zögern, an. Ihre Kampfgefährtin ist eine unangenehme Überraschung: Gwenlians jüngst in Dienst genommene Zofe, Rikka, ist eine Spionin Brennas, eine in Fiann ausgebildete Magierin, und verfügt noch dazu über eine sehr eigene Art der Magie, da sie ein Kind der Heiligen Schlange ist.

Es kommt zu einem erbitterten Kampf zwischen den beiden Schwestern, den Gwenlian mit Eirion an ihrer Seite für sich entscheiden kann, trotz eines Regelbruchs durch Rikka, die in einer Kampfpause ihren Dolch nach Eirion wirft und diese getötet hätte, hätte Tarannis nicht sein Leben geopfert, um Eirion zu retten. Auch Gwenlian erliegt wenig später ihren eigenen schweren Verletzungen.

Kurz vor ihrem Tod offenbart ihr die Göttin jedoch noch die wahre Herkunft Eirions, und Gwenlian nimmt Marte das Versprechen ab, Eirion nach Anguli zu schicken. Am nächsten Morgen verlässt Eirion Tarlin, nur in Begleitung ihres Falken Barko, den sie zu ihrem siebzehnten Geburtstag geschenkt bekommen und selbst gezähmt hat. Ihr Weg führt sie quer durch Caernadon, nach Orra, der nördlichsten Provinz des Reiches, die an die Sümpfe der Verlorenen grenzt.

PROLOG

Im Jahr 2089 nach Fál, dem Jahr 816 nach der Neugründung des Alten Reiches unter Eirion, Einerin der Reiche und Bewahrerin des Friedens, Hohepriesterin und Königin in der Nachfolge des Kasseidengeschlechts, Statthalterin der Neuen Göttin, deren Kommen dem Ork Nuado verheißen ist.

***

Eirion spricht:

Es ist Nacht, und draußen bringt der ersehnte Regen dem Land nach langer Dürre endlich Linderung. Das Prasseln der Tropfen auf den Pflastersteinen des Königspalastes ist die schönste Musik für mich; der kühle Wind, den ich tief im Gemäuer dieser uralten Burg nur ahnen kann, tut meiner müden Seele wohl.

Und so ist nun für mich die Stunde gekommen, da ich einen Schritt zurücktreten will von den Dingen der Welt und meine Chronik beginnen, auf dass die Heutigen erfahren, wie der Ork Nuado wurde, was er ist. Groß ist die Gefahr, die im Vergessen liegt, und darum muss diese Geschichte erzählt werden, so sehr es mich schmerzt, alte Wunden aufzureißen. Die Gefährten meines Gestern sind alle lange tot, und ich selbst trage von Jahr zu Jahr schwerer an meiner Bürde, dem Fluch der Unsterblichkeit. Generation um Generation habe ich kommen und gehen sehen, und mein Herz kann die Sehnsucht nach all jenen, die mir einen Teil meines Weges das Geleit gaben, kaum mehr fassen.

Durch das geöffnete Fenster höre ich den Ruf eines Nachtvogels, der über die Wüste nach Norden fliegt, und meine Gedanken lassen sich auf seinen Schwingen nieder und fliegen mit ihm. Nach Norden – bis ganz hinauf nach Orra, wo einst das Caernadonische Reich, das heute kaum noch jemand kennt, an die Sümpfe der Verlorenen grenzte. Dort hatte ich vor unendlich langer Zeit meine Suche nach dem Land meiner Väter begonnen. Anguli fand ich dort nicht, aber dafür etwas anderes, das mindestens genauso kostbar war: Ich fand die Liebe.

Aber das gehört nicht hierher, nicht an den Beginn der Geschichte, wie ich sie erzählen will – und muss.

Man schrieb das Jahr 1001 nach Fál. In Caernadon herrschte das Chaos, denn König Uisnach war tot, und auch seinen Bruder hatte man in den Wirren nach jenem letzten Kampf auf Burg Tarlin ermordet. Der Sohn des Königs, Prinz Bleidwan, war verschollen und galt als tot – der caernadonische Thron war also verwaist. Das Heer wählte einen Feldherrn zum König, Braan, einen guten, ehrlichen Mann, der das Reich unter anderen Bedingungen vielleicht in den Frieden hätte führen können. Aber es gab dunkle Unterströmungen im Land, deren Strudel alles zu verschlingen drohten. Braans Wahl wurde angefochten – von einem Mann, der mir nur allzu gut bekannt war. Marban, der Oberste Priester von Caernadon, hatte lange darauf hingearbeitet, sich im Verborgenen eine eigene Streitmacht aufzubauen. Außerdem verfügte er über eine Waffe, von der Braan nicht einmal geträumt hätte: Er gebot über Magie, wenn auch nur in begrenztem Maße.

Schon wenige Tage nach dem Tod König Uisnachs spaltete sich das Land in zwei Lager, das eine geführt von Braan, dem König des Heeres, das andere geführt von Marban, der sich selbst zum König ernannt hatte. Wo Braan für maßvolle Toleranz gegen den Feind – Fiann – stand, forderte Marban in flammenden Reden eine Erneuerung des Fálianismus und den unerbittlichen Kampf um die Herrschaft über den gesamten Ork Nuado. Noch heute weint mein Herz, wenn ich nun niederschreiben muss, dass dieser Mann, der sich Fanatismus und Hass auf die Fahnen geschrieben hatte, überall im Land Anhänger fand. Gerade die, die am schlimmsten unter der Geißel des Krieges gelitten hatten, stellten sich oft auf Marbans Seite. Er versprach ihnen nicht nur Brot, sondern auch Ruhm und Ehre – und sie glaubten ihm. Brot gab es keines, und Ehre und Ruhm waren nur etwas für die, die ohnehin groß und mächtig waren. Aber die Menschen glaubten Marban dennoch, und ich denke, es war ein Teil seiner Magie, dass er sie in seinen Bann zu schlagen vermochte. Die Hexer, die ihn hätten zu Fall bringen können, waren durch die hohen Verluste in ihren Reihen zu sehr geschwächt, um die Geschicke ihres Landes wahrhaft beeinflussen zu können, und der Adel vertrat wieder einmal nur seine eigenen Interessen.

... Der Regen ist verklungen – ich hoffe, er hält nur ein wenig Rast, um bald mit neuer Kraft zurückzukehren –, und nur der Atem des Wüstenwindes leistet mir noch Gesellschaft. Und der wunderbare Geruch des Torfs, der so viel Sehnsucht in mir weckt.

Ich brauche heute Nacht keine andere Gesellschaft als die der toten Freunde, die in jener Zeit meine Gefährten waren. Doch nein – ich darf an dieser Stelle auch die Feinde nicht vergessen, denn auch sie sind Teil meiner Geschichte. Sie sollen ihre eigene Stimme haben in meiner Chronik, die, so gut ich es vermag, der Wahrheit ein Antlitz geben soll.

Dass ich in meinem Bericht über jene Tage häufig mit ihrer Stimme sprechen, mit ihren Augen sehen werde, mag manch einen von euch verwundern, aber die Gabe des Gesichts ist sehr stark bei solchen wie mir, den Wanderern zwischen den Welten. Die tiefen Seen und stillen Teiche der Vergangenheit liegen oft so klar und rein vor mir, wie es sonst nur die heiligen Quellen der Großen Göttin sind. Viele Gestalten bevölkern diese Gewässer meines Gestern, von denen ich selbst nur eine bin.

Und so will ich nun Zeugnis geben, ich, die ich Eirion und Anu bin, Königin einer fremden Heimat und Priesterin von Göttern, die meine Zeit längst überlebt hat. Hört meine Geschichte, damit ihr nie vergesst ...

***

November 1001 nach Fál, in den Katakomben von Gekor, der neuen Königsstadt von Fiann

Es war nur eine einzige Kerze, aber ihr Licht erfüllte nach und nach das ganze hohe Gewölbe, das in einer unendlich fernen Zeit in den Stein unter der Stadt Gekor gehauen worden war. Die Kerze blühte auf, und die Schatten zogen sich langsam zurück, krochen wie verängstigte Hunde in die Ecken des Raumes und richteten sich auf ein langes Warten ein. In den Adern des Felsens pulsierte ein Schweigen, das Leben und Tod gleichermaßen umarmte. Das Ungeheuerliche war vollbracht.

Rikka lehnte sich auf ihrem Schemel zurück und atmete erleichtert aus – vorsichtig, um nicht die Ströme der Macht zu stören, die heraufzubeschwören sie mehr Zeit und Mühe gekostet hatte, als sie sich eingestehen mochte. Sie war erst einige Wochen zuvor aus Caernadon zurückgekehrt, wo sie sich als Zofe Königin Gwenlians auf Burg Tarlin eingeschlichen hatte. Aber sie hatte die kurze Zeit in Fiann bereits gut genutzt.

Das bläuliche Herz der Flamme vor ihr zögerte einen Augenblick lang, als wolle es sich dem Zugriff der Magierin ein weiteres Mal entziehen, und Rikka musste noch tiefer in sich hineingreifen, um das Brennen am Leben zu erhalten. Der Groll, der sich wieder einmal einer aufsteigenden Flut gleich in ihr breit machen wollte, hätte sie geschwächt, und sie kämpfte ihn mit der Disziplin langer Übung nieder. Wer wahrhaft sehen wollte, durfte den Bildern des Gestern nicht die Macht geben, das Heute zu trüben.

Sie hatte lange Stunden mit den Essenzen der Priesterinnen experimentiert, um diesen besonderen Farbton für die Kerze zu gewinnen – ein Hauch von Orange, das die Aura der Leidenschaft in sich barg, dazu etwas Braun, das der Krume des fruchttragenden Ackers glich, und zu guter Letzt etwas vom Gold der Götter selbst: Der dunkle Kupferton der Kerze entsprach jetzt genau dem Haar der jungen Frau, die sie suchte.

Eirion! Rikka wusste nicht, ob sie den Namen laut ausgesprochen oder ihn nur in ihren Gedanken bewegt hatte, aber für die Kerze machte es keinen Unterschied. Der bläuliche Flammenkern beugte sich weit nach hinten, brannte eine tiefe Kerbe in die Kerze und ließ das Wachs wie frisches, helles Blut auf den Tisch rinnen. Rikka, die auf einem hohen, harten Schemel davor saß, begann zu schwitzen und verfluchte einmal mehr das Land, aus dem sie hervorgegangen war. Selbst tief unter der Erde, im Labyrinth der Katakomben, war die Macht der Sonne noch zu spüren. Zwar wurde man zuerst von einer angenehmen Kühle umfangen, wenn man hier herunterkam, aber nach einigen Stunden verflog die lindernde Wirkung der Steinmassen, entpuppte sich als Illusion wie so viele Dinge in Fiann. Dann kroch die Wüste mit ihrem Staub und ihrer Hitze in das Bewusstsein zurück wie die Sandflöhe, die in diesem Jahr ihre Plage über das Alte Reich gebracht hatten.

Nein, wenn sie ihr Ziel erreicht hatte, würde sie nichts mehr in diesem längst von den Göttern verlassenen Land halten. Ein Lächeln umspielte Rikkas vollen Mund. Die Götter ... Die Götter von gestern waren tot, der steinerne Gott Caernadons, Fál, existierte nur noch als zuckender Kadaver; die Welt war bereit für eine neue Macht, die sie in ein verändertes Morgen führen konnte.

Die Flamme auf dem Tisch vor ihr zuckte jetzt immer heftiger, und Rikka riss sich zusammen. Es war noch ein weiter Weg bis zum Ziel, und sie konnte sich keine Fehler leisten.

»Feuer und Wasser«, begann sie mit vor Erregung brüchiger Stimme zu sprechen, »Wind und Erde, ihr Elemente und Gewalten, die den Kosmos regieren, ich rufe euch in meinen Dienst. Zeigt euer Gesicht!«

Ein Lufthauch fuhr durch den Raum, aber die Kerzenflamme blieb davon seltsam unberührt. Rikka rückte auf ihrem Schemel näher an den Tisch, und augenblicklich war die lastende Hitze der Wüste vergessen.

Eine schlanke, hoch gewachsene Gestalt bewegte sich in der Flamme. Die Landschaft, die sie umgab, war Rikka fremd, aber der hohe Himmel war mit grauen Schneewolken verhangen, und in der Ferne erstreckte sich eine raureifüberzogene Fläche, die nur ein Moor sein konnte Rikka ging tiefer in das Bild hinein, das die Kerze ihr zeigte, so tief, dass sie selbst die Geräusche dort wahrnehmen konnte. Sie runzelte die Stirn. Ein beinahe ohrenbetäubendes Tosen, durchmischt mit schrillen Schreien, wie keine menschliche Kehle sie auszustoßen vermochte, ließ sie zurückweichen. Die Schatten um sie herum zuckten und bäumten sich auf – ein Spiegel der Furcht, die Rikka einen kurzen Augenblick lang erfüllt hatte. Wütend über sich selbst, hob sie die Hand und gebot den Schatten Einhalt. Sofort herrschte wieder reglose Erstarrung um sie herum.

Das Meer! Eirion war also nach Norden gegangen und musste bereits Orra erreicht haben, wo nur noch ein schmaler Streifen unbewohnten Niemandslandes sie von den Sümpfen trennte. Unbehagen beschlich Rikka. Was konnte Eirion in Orra wollen? Was, wenn sie nur dort war, um in die Sümpfe weiterzuziehen?

Was, wenn Eirion wirklich die war, die sie fürchten musste ...?

Entschlossen vollendete Rikka den alten Zauber, den sie in lange vergessenen Büchern im hintersten Winkel der Bibliothek entdeckt hatte. Die Konvention von Táin Buláll aus dem Jahre 54 alter Zeitrechnung hatte diesen Zauber zusammen mit einigen anderen verboten, weil er sich von der Lebenskraft fühlender Wesen nährte, aber Rikka vergeudete keinen Gedanken an die pausbäckige kleine Milchmagd, die dafür sterben würde. Normalerweise hätte sie für diese Art der Magie ein männliches Blutopfer gewählt, denn ein Mann war noch bedeutungsloser als eine Milchmagd. Aber sie wollte gerade in diesem Fall kein Risiko eingehen, und weibliche Lebenskraft war nun einmal stärker als männliche.

»Licht und Dunkelheit«, begann sie die verbotene alte Anrufung. »Gebt eure Geheimnisse preis, bei den Göttern der Ewigkeit, erhebt eure Stimme' Zeigt mir das Bild der Frau, die meine Feindin ist!«

Die Zeit schien sich plötzlich schwerfälliger zu bewegen, und Rikka spürte, wie ihr Atem immer langsamer und flacher ging. Gleichzeitig wurde das Bild in der Kerze schärfer. Rikka konnte Eirion jetzt so deutlich sehen, als stünde sie ihr auf dem Burghof in Tarlin gegenüber. Das Haar der jungen Frau, eine kupferfarbene Woge im nördlichen Wind der Provinz Orra, verwob sich mit der Flamme, bis diese zu existieren aufhörte. Rikka beugte sich vor und schlang die Finger beider Hände auf dem Schoß ineinander, bis die Knöchel weiß hervortraten. Dies war der Augenblick, auf den sie so lange gewartet hatte, dass es ihr wie eine Ewigkeit erschien, obwohl es kaum sechs Wochen gewesen waren. Jetzt würde Eirion endlich ihr Geheimnis preisgeben, und sie selbst würde wieder ruhiger schlafen können.

Plötzlich war sie voller Zuversicht. Der Zauber der Kerze zeigte ihr nichts als ein dummes junges Mädchen, das einem eigensinnigen Weg ohne Ziel folgte. Wie hatte sie nur glauben können, ausgerechnet Eirion sei das Kind, von dem die alten Prophezeiungen sprachen? Das Kind, das allein die Macht besaß, ihre ehrgeizigen Pläne zu durchkreuzen?

Rikkas Lippen verzogen sich zu einem triumphierenden Lächeln – das eine Sekunde später zur Maske erstarrte.

Denn hinter dem hoch gewachsenen, kupferhaarigen Mädchen, das nichts zu sein schien als ein unbedeutender Spross des Menschengeschlechts, zeichneten sich plötzlich weiße Schemen ab. Rikka hatte sie zuerst kaum wahrgenommen; Wolken, hatte sie gedacht. Tief hängende Schneewolken über dem Moor.

Aber es waren keine Wolken. Es waren Federn, und sie gehörten einem Wesen, das nichts Sterbliches, nichts Menschliches mehr an sich hatte. Die Gestalt eines Schwans umwehte das junge Mädchen in der Flamme, das nichts ahnte von der fernen Beobachterin und entschlossen seinen Weg fortsetzte.

Rikka hatte die sechs Wochen in Fiann nicht ungenutzt gelassen. Die wenigen Gespräche mit Damona, der neuen Königin, waren zwar unerfreulich und fruchtlos gewesen, aber die langen Nächte in den halb vergessenen, finsteren Archiven der Bibliothek hatten sie dafür mehr als reichlich entschädigt. So kam es, dass sie jetzt genau wusste, was dieses seltsame Gebilde aus Federn zu bedeuten hatte, das hinter Eirion aufragte. Ohne große Hoffnung streckte sie ihre Macht nach der jungen Frau aus, aber sie konnte ihr nichts anhaben. Sie hatte keinen Zugriff auf die Magie, die sich ihr in den Weg stellte.

Aber noch jemand hatte diesen Zugriff nicht. Rikka entspannte sich und stieß langsam den Atem aus, den sie unwillkürlich angehalten hatte. Wie gewaltig die Macht auch sein mochte, über die Eirion gebot, sie beherrschte diese Macht nicht.

Die Kerze hatte die Luft in den Katakomben ausgezehrt wie ein verborgenes Siechtum den Körper eines Kranken, und Rikka sehnte sich beinahe danach, wieder hinaus in die Wüste zu kommen, wo sie gerade jetzt einen Windhauch von den Gebirgen im Westen erspüren konnte. Trotzdem harrte sie aus. Ohne einen Wimpernschlag zu wagen, beobachtete sie Eirion, die mit sicherem Schritt über das gefrorene Moor wanderte. Das Land um sie her lag so still wie unter einem Leichentuch. Selbst die Tiere, falls es in dieser unwirtlichen Gegend überhaupt welche gab, hatten sich zurückgezogen. Rikka opferte ein wenig von ihrer Kraft, um das Bild auszudehnen und die fernere Umgebung des Moores nach Leben, insbesondere menschlichem, abzusuchen.

Nichts. Selbst die Möwen, deren Kreischen Rikka zuvor erschreckt hatte, waren fort. Nur ein einsamer Vogel kreiste hoch über Eirion vergeblich nach Beute.

Eine angenehme Wärme durchströmte Rikkas Adern, wie immer vor einem sicheren Sieg. Eirion selbst mochte geschützt sein durch ihre seltsame Magie, die alle Begriffe einer Fianna überstieg, aber die Elemente besaßen einen solchen Schutz nicht. Seit Jahrtausenden hatte kein Magier es mehr gewagt, über eine solche Entfernung hinweg Wind und Wolken seinen Willen aufzuzwingen. In ferner Vergangenheit waren solche Dinge geschehen, heute jedoch konnte niemand mehr sagen, welche Folgen ein solcher Zauber haben mochte. Aber daran dachte Rikka nicht. Sie hob die Arme, breitete sie aus und öffnete ihre Hände wie Blütenkelche, die den Nektar des Himmels empfangen wollten – einen bitteren, kalten Nektar diesmal, denn die himmlische Gabe, die sie den fremden Elementen des Nordens abverlangte, waren Schneeflocken. Sie fielen zuerst einzeln und unschuldig auf das hart gefrorene Land. Anmutige Eisfiligrane wehten wie tanzende Kinder über das graue Moor, hockten sich auf Sträucher, die schon lange jede Hoffnung auf ein neues Leben aufgegeben hatten, und setzten sich sogar keck in das weiche, warme Flammenhaar ihrer einzigen Besucherin.

Aber aus dem arglosen Spiel wurde schnell zorniger Ernst. Immer mehr Flocken fielen aus den aus ihrem Frieden aufgestörten Wolken, stürzten bald ohne wirbelnde Umwege herab und türmten sich auf dem Moor schließlich zu bösartigen Ungeheuern, die jede Orientierung unmöglich machten.

Rikka verfolgte das Schauspiel der Naturgewalten, bis ihre Kräfte endgültig aufgezehrt waren. Dann ließ sie erschöpft, aber befriedigt, die Arme sinken, und die Flamme der Kerze vor ihr erlosch. Das Letzte, was sie sah, bevor die Dunkelheit das hohe Gewölbe verschlang, war die Kerze, die sie aus gestohlenen Essenzen der Priesterinnen selbst gezogen hatte.

Orange für Leidenschaft, Braun wie die Krume des Ackers für Beständigkeit und Kraft und Gold für das Blut der Götter selbst ..., hörte sie im Geiste die alte Litanei der Magierinnen, in der die Mysterien der Farben von einer Generation zur nächsten überliefert wurden.

Die Kerze, mit der sie das Ritual begonnen hatte, war von einem leuchtenden Kupferton gewesen. Die Kerze, die nun auf dem Tisch stand, war weiß wie Schnee. Wie Schnee – oder wie das Gefieder jener uralten Geschöpfe, die über eine unbekannte Magie geboten und deren Kraft sie, Rikka, zu fürchten guten Grund hatte.

Mit zitternden Lippen murmelte Rikka die Beschwörung, um eine der anderen Kerzen anzuzünden, die sie mitgebracht hatte, eine ganz gewöhnliche Kerze, deren einzige Aufgabe es war, Helligkeit zu spenden. In ihrem Licht sah sie, was sie zuvor nicht hatte wahrhaben wollen. Aber ihre Augen hatten sie nicht getäuscht. Die Kerze vor ihr auf dem Tisch war tatsächlich weiß geworden, weiß bis auf einen kupferfarbenen Keil, der sich vom Docht bis ganz nach unten zog.

Fröstelnd trotz der erbarmungslosen Hitze in den Katakomben rückte Rikka vom Tisch ab. Die Nähe der weißen Kerze war ihr plötzlich unerträglich.

KAPITEL 1

Der Boden unter ihren Füßen war hart wie Stein und plötzlich so entsetzlich kalt, dass Eirion glaubte, keinen Schritt mehr weitergehen zu können. Die Kälte schmerzte sie bis in ihre Seele hinein und raubte selbst ihren Augen die Kraft des Sehens. Oder waren es gar nicht ihre Augen, die ihr den Dienst versagten? War es ihr Verstand, der ihr Trugbilder vorgaukelte? Weiße, erbarmungslose Riesen hatten sie eingekesselt, und wann immer sie ihnen in der einen Richtung zu entfliehen suchte, tauchten aus einer anderen Richtung zehn neue auf. Sie öffnete die Lippen, um ein wenig Luft in ihre von zu langem Umherirren gequälten Lungen einzulassen, aber sofort legte sich eins dieser widerwärtigen weißen Gebilde auf ihre Zunge und verbrannte ihr den Mund.

Eirion konnte sich kaum noch daran erinnern, dass die ersten Schneeflocken sie mit ihrer schwerelosen Grazie entzückt hatten und sie ihnen mit kindlicher Selbstvergessenheit entgegengerannt war. Die letzten Stunden – oder waren es bereits Tage? – hatten jede Erinnerung an ihr früheres Leben zerfließen lassen. Zwar wehten ab und an noch vage Bilder durch ihren Geist, aber sie waren wie die Fieberfantasien eines Sterbenden und schienen nicht mehr in das Reich des Diesseits zu gehören.

Eine Baumwurzel, die ihren knochigen Arm aus der gefrorenen Erde streckte, brachte Eirion zu Fall, und sie schürfte sich beide Hände auf, als sie sich wieder gegen den Schneesturm erhob. Etwas Warmes sickerte über ihren Mund, brannte auf ihren aufgerissenen Lippen. Aber sie war längst jenseits aller klaren Wahrnehmungen und wusste nicht, dass sie sich bei ihrem letzten Sturz – einem von inzwischen unzählig vielen – die Nase blutig geschlagen hatte. Irgendwann versiegte der warme Strom, doch auch das bemerkte Eirion nicht. Blind stolperte sie weiter über das unendliche Moor, eine gequälte, vernunftlose Kreatur in der Umklammerung eines feindlichen Labyrinths.

Endlich, und es kam ihr in der Tat wie eine Erlösung vor, fiel sie erneut, und diesmal wusste sie, dass sie nicht wieder aufstehen würde. Dankbar überließ sie sich dem kalten Bett der Erde, das mit einem Mal seinen Schrecken für sie verloren hatte. Sie war am Ende ihres Weges angelangt, und es war gut. Alles war gut ...

Den dünnen, erschrockenen Aufschrei irgendwo zwischen den jagenden Wolken hörte sie nicht mehr, als sie in eine tiefe, unauslotbare Bewusstlosigkeit versank.

***

Eine zierliche, dunkelhaarige Frau kam mit ausgebreiteten Armen auf sie zu. Die Frau trug ihr von silbernen Strähnen durchzogenes schwarzes Haar zu einem dicken Zopf geflochten, und sie war so klein ... viel kleiner als Eirion selbst. Jetzt war sie so nah, dass Eirion ihre dunklen Augen mit dem sanften, violetten Schimmer sehen konnte, und Eirions ganzes Wesen entspannte sich. Ihre Mutter war bei ihr, und alles andere war ein Albtraum gewesen. Es hatte nie einen neuen Krieg mit Fiann gegeben, nie diesen Kampf zweier Königinnen, bei dem beide ihr Leben gelassen hatten, ihre Ziehmutter Gwenlian und deren Schwester Brenna. Gwenlian lebte, und sie war so glücklich und gelöst, wie Eirion sie noch nie gesehen hatte. »Jedes Leben, jede Existenz, die uns die Götter schenken«, sagte ihre Ziehmutter jetzt, »ist in Wirklichkeit eine Aufgabe, die wir zu lösen haben.« Ein seltsames Leuchten umgab die Erscheinung der Frau, die Eirion in jenem Sommer vor siebzehn Jahren als ihre Tochter angenommen hatte. Eirion streckte die Hand nach ihr aus, doch sie musste die Entfernung falsch eingeschätzt haben, denn sie konnte Gwenlian nicht berühren. Gwenlian schüttelte sanft den Kopf, eine Geste, wie um einem Kind zu bedeuten, von einem fruchtlosen Unterfangen abzulassen. Dann fuhr sie zu sprechen fort: »Der schlimmste Fluch, den die Götter uns auferlegen können, ist Blindheit – Blindheit bis zum Ende oder sogar darüber hinaus.« Ein wehmütiger, schmerzlicher Ausdruck verdrängte die Freude in Gwenlians Augen, und sie machte noch einen Schritt auf Eirion zu, ohne jedoch wirklich näher zu kommen. »Meine Tochter, du darfst nicht den gleichen Fehler machen wie ich. Du trägst beide Wege in dir, genau wie ich, du bist das eine wie das andere, und ...«

Ihre Stimme verstummte plötzlich, obwohl ihre Lippen sich immer noch bewegten. Eirion hatte das Gefühl, als würde ihr das Herz entzweigerissen, als das Bild ihrer Mutter immer ferner, immer farbloser wurde und schließlich nur noch ein Schatten von Gwenlian übrig war. Bevor jedoch die Leere um sie herum sie verschlang, drangen noch einmal, wie ein fernes Echo, Gwenlians Worte zu ihr hinüber. »Suche, was die Götter dir als Aufgabe für dieses Leben aufgegeben haben. Suche nicht im Großen, in den Dingen der Welt und des Kosmos, suche in deinem eigenen Herzen. Mach nicht den gleichen Fehler wie ich ... vergiss nie ... zwei Wege ... beide richtig. Finde die Brücke ... die Brücke, Eirion ...«

***

Als Gwenlians vertraute Stimme in ihrem Innern endgültig verklang, hatte Eirion das Gefühl, sie verlöre ihre Mutter zum zweiten Mal. Aber es war niemand da, dem sie ihren Kummer hätte entgegenschreien können, und der Schmerz riss sie in eine bodenlose Leere. Später, viel später, wie es ihr schien, erlangte sie für kurze Augenblicke das Bewusstsein wieder, doch nahm sie die Kälte, die sich durch ihr Fleisch fraß, nicht mehr wahr. Sie war längst zu einem Bestandteil ihres Seins geworden. Um sie herum ragten immer noch die fremden weißen Ungeheuer auf, die nur darauf warteten, ihr das Leben aus den Adern zu saugen. Selbst der Himmel schien sich mit diesen Geschöpfen verbündet zu haben, denn er war jetzt genauso kalt und leblos wie diese. Der Himmel ... Eirion runzelte die Stirn und versuchte, sich auf etwas zu besinnen, etwas, das dort oben hätte sein müssen und nicht da war. Aber schon diese kleine Anstrengung kostete mehr Kraft, als sie besaß, und sie gab den Versuch rasch auf. Sie blickte starr weiter nach oben, bis die harten, scharfen Schneekristalle sie zwangen, die Lider zu schließen. Aber selbst dann noch glaubte sie, den Himmel sehen zu können, den Himmel, der plötzlich gar nicht mehr weiß war, sondern blau, so blau ...

Sie stand an dem Teich auf der Lichtung, auf der sie Rast gemacht hatte, und das kleine Gewässer warf das Blau des Himmels zurück. Überhaupt war es, als spiegelte der Teich einen verzauberten Augenblick lang ihre ganze vertraute Welt wider: Ihr gegenüber ragte, majestätisch und erhaben, Burg Tarlin auf, mit ihren im Sonnenlicht strahlenden Zinnen und den vergoldeten Kuppeln und Türmchen, die ihr den Namen »die Strahlende« eingetragen hatten. Auf den zahlreichen Innenhöfen, in den Küchen und Korridoren tummelten sich Sklavinnen, Mägde und Hofdamen, um der Königsfamilie selbst in Kriegszeiten ein behagliches Dasein zu ermöglichen. Eirion ließ den Blick ein wenig weiterwandern, und plötzlich erschien es ihr fast, als würde das Bild zusätzliches Leben gewinnen, als könne sie das fröhliche Durcheinander in den Ställen und Falkenhäusern hören, wo sich die Rufe von Pferden, Vögeln und Menschen mischten.

Burg Tarlin. Die Heimat ihrer Kindheit. Ein Schatten legte sich über Eirions Gemüt, wie es ihr so oft geschah, wenn sie es wagte, über diese Kinderjahre hinauszudenken, wenn sie es wagte, sich ein Morgen auszumalen.

Mit einem Stirnrunzeln verscheuchte sie den Gedanken wie eine lästige Staubfliege. Heute wollte sie sich von nichts den Spaß verderben lassen – heute war ein besonderer Tag: ihr siebzehnter Geburtstag. Ihr helles Lachen schien das Wasser des kleinen Teichs, über den sie sich beugte, zu kräuseln. Mit einem Mal waren all die bunten Bilder, waren die Burg mit ihren goldblitzenden Türmchen und die Ställe mit ihrem quirligen Leben verschwunden, als seien sie in einen riesigen schwarzen Abgrund katapultiert worden. Stattdessen war der Teich plötzlich eine Scheibe aus grellem Licht, das von einer Sekunde zur anderen in tausend scharfe Splitter zerbrach, Splitter, die schneller, als das Auge sehen konnte, Form und Farbe änderten. Die sich fremdes Leben einverleibten und sich wie eine Schar Dämonen erhoben, um auf Eirion zuzustürzen. Scharf wie geschnittene Diamanten jagten diese lebendigen Splitter auf Eirions Körper zu, stachen ihr unerbittlich in die Augen, in die Lippen, in die weiche, empfindliche Mulde am Halsansatz.

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Ein Schrei drang aus weiter Ferne zu Eirion hinüber und erreichte sie bis in ihren tiefen Fieberschlaf. Benommen hob sie die Hände, um sich die kalten, scharfen Splitter aus den Augen zu wischen, aber ihre Finger gehorchten ihr kaum noch. Sie brannten, als hätten sie stundenlang in einem Feuer gelegen, das nur peinigte, nicht zerstörte. In einem Moment der Klarheit wurde Eirion bewusst, dass es nicht die mittlerweile vertrauten Lichtsplitter waren, die sie quälten, sondern kleine, nadelspitze Eiskristalle, die wie aus dem Nichts kamen. Dann umfing sie erneut die Ohnmacht des Fiebers.

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An ihrem siebzehnten Geburtstag war ihr zur Gewissheit geworden, was sie bis dahin nur hatte ahnen können: Sie war anders als alle anderen, sie würde nie ein Teil der gewöhnlichen Welt um sich herum sein können, sie würde niemals Ruhe und Frieden finden, bevor sie ihr wahres Wesen und ihre Wurzeln gefunden hatte. Dieses Wissen war in ihr gewachsen seit jenem Tag, an dem ihr Körper sich zum ersten Mal dem Zyklus des Mondes unterworfen hatte und sie zur Frau geworden war. Seitdem konnte sie in keinen Spiegel, in keine spiegelnde Oberfläche mehr blicken, ohne dass ihr Bild vor ihren Augen in ungezählte scharfe, vielfarbige Splitter zerbrach. Dann quälten sie grausame Kopfschmerzen, die Welt drehte sich vor ihren Augen, und anfangs verlor sie sogar das Bewusstsein. Und nun war sie auf dem Weg zu ihrer Vergangenheit, zu dem seltsamen, sagenumwobenen Volk, dem sie entstammte, dem Volk der Schwäne. Sie war auf der Suche nach dem unbekannten Land Anguli, zu dem kein Sterblicher Zutritt hatte.

Anguli! Sie musste Anguli erreichen, sie musste die Menschen finden, die zu ihr gehörten. Eine schmerzhafte Sehnsucht durchzuckte sie; sie musste es schaffen. Auch wenn die Elemente sich gegen sie verschworen hatten, auch wenn der Himmel selbst feuerheißen Schnee schickte, um sie von ihrem Ziel fern zu halten, sie durfte nicht aufgeben. Eirion drückte beide Hände auf den Boden, um sich hochzustemmen, aber in ihren tauben Fingern war keine Kraft mehr. Und als hätte der Schneesturm ihr Aufbegehren gespürt, schöpfte er von neuem Atem und heulte Eirion seine ganze kalte Wut entgegen. Die blendend weiße Welt um sie herum raubte ihr das Augenlicht, dann gab es in ihren Ohren nur noch das leise Raunen des Schnees, der auf ihrem Körper nicht länger schmolz.

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Weiß. Die ganze Welt war weiß. Es gab keine Farben mehr, weder das Pastellblau früher Narzissen noch das sanfte, satte Grün der Viehweiden im Frühling und auch nicht das Gelb der Sonne, die sich am Morgen über den Horizont schob. In Eirions Träumen hatte nichts anderes mehr Platz als dieses Weiß, und so sehr war sie bereits ein Teil dieses kalten, eintönigen Landes geworden, dass sie die plötzliche Veränderung, die darin vorgegangen war, mit Unwillen zur Kenntnis nahm. Es hatte durchaus sein Gutes, dieses Land ohne Farben und Klänge, und jetzt, wo sie so weit vorgedrungen war, wollte sie nicht mehr zurück.

Aufdringliche Hände zerrten an ihren Gliedern, zogen an ihren Haaren, drückten ihr auf Mund und Nase. Mit der winzigen Flamme der Kraft, die ihr noch verblieben war, kämpfte Eirion dagegen an, doch es war zwecklos. Welcher Feind auch immer in ihre neue weiße Welt eingedrungen sein mochte, für den Augenblick war er stärker als sie.

***

»Es ist ein Wunder, dass sie noch lebt.«

Eine weiche, mütterliche Stimme über ihr war das Erste, was sie hörte, als sie unendlich langsam an die Oberfläche des Bewusstseins emportrieb. Ihre Lider lagen wie Bleidecken auf ihren Augen, und sie wusste, dass sie nicht einmal zu versuchen brauchte, sie zu öffnen. Also gab sie den Kampf auf, bevor sie ihn begonnen hatte, und überließ sich dem, was ihre übrigen Sinne ihr sagten.

»Aber bei der Göttin«, fuhr dieselbe sanfte Frauenstimme fort, »was kann das arme Ding nur so mutterseelenallein im Stevensmoor getan haben?«

Das Stevensmoor! Sie war in Orra! Mit einem Schlag kehrte alles wieder zurück, was in den Stunden gnädigen Vergessens von ihr abgefallen war. Eirion versuchte zu sprechen, aber es kam nur ein Stöhnen über ihre Lippen.

»Sch ...« Die freundliche Frauenstimme kam näher und mit ihr ein würziger Geruch nach Holzfeuer und verbrannten Kräutern. Der Geruch wirkte gleichzeitig beruhigend und belebend, und Eirion entspannte sich ein wenig.

Die Frau an ihrer Seite schien es bemerkt zu haben: »So ist es gut. Versuch ein wenig zu schlafen, Kind. Du hast Schlimmes durchgemacht.«

Ein jähes Geräusch aus einem anderen Teil des Raums ließ Eirion zusammenzucken, und die Frau an ihrem Bett schnalzte ärgerlich mit der Zunge. Jemand kam durch den Raum geschlurft, und Eirion spürte, dass eine zweite Person auf sie hinabsah. Ihr Instinkt sagte ihr, dass es ein Mann sein musste, noch bevor er zu sprechen begann.

»Es ist nicht geheuer, Frau.« Seine Stimme klang rau und stockend, wie es bei Menschen der Fall ist, die nur selten sprechen. »Was du auch reden magst, das Ganze geht nicht mit rechten Dingen zu.«

Im Kamin brach ein Holzscheit zusammen, und Eirion konnte mit ihrem feinen Gehör die trockenen Äste ächzen hören.

Der Mann fuhr fort: »Erst dieser Schneesturm aus dem Nichts und dann dieser Falke, der wie ein verirrter Wanderer an unsere Tür klopft. Ich sage dir, Frau, es ist nicht geheuer. Und dieses Mädchen da ...«

Eirion spürte, dass er mit dem Kopf in ihre Richtung wies.

»... dieses Mädchen ist auch nicht geheuer. Niemand kann so lange im Schnee liegen und weiterleben. Da haben die Götter oder die Dämonen ihre Hand im Spiel.«

Die Antwort der Frau hörte Eirion nicht mehr, denn etwas, das der Mann gesagt hatte, beanspruchte ihre ganze Aufmerksamkeit. Der Falke! Wären ihre Züge nicht noch so starr und wund von den langen Stunden draußen im Schnee gewesen, hätte sie gelächelt. Barko also hatte sie gerettet. Barko, der Falke, den sie zu ihrem siebzehnten Geburtstag geschenkt bekommen hatte. Quälende Erinnerungen stiegen in ihr auf. Die beiden Männer, die ihr den Vogel geschenkt hatte, waren tot, gestorben wie so viele andere am Tag des großen Kampfes.

Mit aller Macht drängte Eirion die Gedanken an ihre Toten beiseite. Das eine hatte sie in den vergangenen Wochen gelernt: Wenn sie das Leben bewältigen wollte, musste sie den Tod als seinen Zwilling annehmen. Hader und Verzweiflung waren auf die Dauer nur etwas für Narren und Schwächlinge, und sie wollte weder das eine sein noch das andere.

»... oder hast du schon einmal von einem Vogel gehört, der an eine Tür klopft und nicht eher Ruhe gibt, bis ihm jemand folgt?« Bei diesen Worten zuckte ein Muskel in Eirions Gesicht. Barko! Wo war ihr Falke jetzt?

Die Frau, von der der angenehme Duft nach Kräutern ausging, fiel ihrem Mann ins Wort. »Hör auf von Dingen zu reden, von denen du ja doch nichts verstehst.« Und als hätte sie Eirions Sorge gespürt, fügte sie hinzu: »Geh lieber hinaus in den Stall und gib dem Falken einen Schenkel von dem Hasen, den du gestern geschossen hast.«

Die Antwort des Mannes kam für Eirion nicht unerwartet.

»Wir haben selbst kaum genug zu essen«, ereiferte er sich. »Und jetzt willst du einen Vogel füttern?«

Eine Woge stiller Autorität verschlang den Ärger des Kätners wie die Nacht in diesen Breiten den Abend.

»Ich weiß nicht, was es mit diesen beiden auf sich hat, mit dem Falken und dem Mädchen«, erwiderte die Frau leise. »Aber keiner von beiden wird unter meinem Dach hungern, solange noch ein Stück Brot auf meinem Tisch ist.«

Mehr wurde nicht gesagt, aber Eirion wusste, dass die beiden Menschen, die sich mit ihr im Raum befanden, sich mit Blicken maßen. Ein stummes Duell wurde über ihr Lager hinweg ausgefochten, dann hörte sie einen Laut wie von einem schweren Riegel, der über eine Eichentür kratzte, und im nächsten Augenblick strich ein kühler Luftzug über ihre Wangen.

Der Mann war hinausgegangen, um den Willen seiner Frau zu tun. Eirion öffnete die aufgesprungenen Lippen, um einen kaum hörbaren Seufzer der Erleichterung auszustoßen, dann umfing sie Dunkelheit, aber diesmal war es nicht die Dunkelheit des nahen Todes, sondern die eines tiefen, erholsamen Schlafs.

KAPITEL 2

Es war der Geruch, der sie weckte, der Geruch nach frischem Brot, das amtend und feucht in einem gemauerten Ofen heranwuchs, über glühenden Kohlen, die ihm später zu einer goldgelben Kruste verhelfen würden. Eirion öffnete die Augen.

Verwirrende Fremdheit umgab sie. Das Erste, was sie sah, war die Decke über ihr, die sie zu erdrücken schien. Wuchtige Balken aus einem schwarzen Holz trugen das Geviert eines spitz zulaufenden Strohdachs. Das innige Gefühl der Vertrautheit, mit dem der Duft des Brotes sie geweckt hatte, zerstob.

»Guten Morgen.«

Eirion drehte erschrocken den Kopf in die Richtung, aus der die Stimme kam. Dann hörte sie schwere Schritte, die sich langsam näherten, und eine ältere, rundliche Frau trat an ihr Bett.

»Guten Morgen«, erwiderte Eirion unsicher. Während sie die alte Frau betrachtete, kehrte die Erinnerung zurück. Die Frau, die sie in ihrem Heim aufgenommen hatte, schien es zu spüren.

»Sorge dich nicht«, sagte sie leise. Sie sprach mit dem harten, kehligen Akzent der einfachen Leute aus dem Norden, aber aus ihrem Mund klang der schroffe Dialekt so warm und freundlich, dass er seine Schärfe verlor. »Du bist hier in Sicherheit vor dem Sturm«, fuhr sie fort, »und dein Falke – ich nehme doch an, dass der Vogel dir gehört – hat es im Stall bei den Ziegen warm und gemütlich.« Die Frau griff nach Eirions Hand, eine selbstverständliche kleine Geste, die tröstlich und ermutigend war.

»Ich danke dir für all deine Güte.« Eirion hatte Mühe, die Augen offen zu halten, und ihre Glieder waren so schwer, als seien sie aus Blei. Aber das alles war jetzt nicht wichtig. Die Frage, die ihr am meisten auf der Seele brannte, hatte die alte Frau ihr bereits beantwortet – Barko ging es gut. Es blieb für den Augenblick also nur noch eines.

»Wo bin ich hier?«, fragte sie.

»Du bist in Lemmas«, erwiderte die fremde Frau. »Wenn auch etwas am Rande der eigentlichen Ortschaft.«

Lemmas! Den Namen dieses Orts kannte sie wie jedes Kind Caernadons sehr gut, obwohl sie selbst noch nie dort gewesen war. Sie runzelte die Stirn. Lemmas ... Das hieß, dass sie weit von ihrem Weg abgekommen sein musste, denn Lemmas lag an der äußersten Spitze der Bucht von Orra.

»Aber wenn du zum Markt hergekommen bist, bist du reichlich früh dran. Es sind noch fast sechs Wochen bis dahin.« Die freundliche alte Kätnerin sah sie fragend an.

»Nein«, antwortete Eirion langsam. »Nein, ich bin nicht wegen des Markts gekommen.«

Alljährlich strömten Tausende und Abertausende frommer Pilger an den Ort, an dem ihr Gott, Fál, vor über tausend Jahren in die Welt der Dinge gekommen war. Lemmas ... Wieder drohten Eirion die Augen zuzufallen.

»Du hast viel durchgemacht«, sagte die alte Frau und drückte ermutigend ihre Hand. »Am besten, du schläfst jetzt noch ein wenig, dann sehen wir weiter.«

Eirion schüttelte den Kopf. »Ich bin dir so dankbar für alles, was du für mich – für uns – getan hast«, sagte sie rau. »Dir und deinem Mann.« Sie stützte sich auf einen Ellbogen und sah sich suchend in dem niedrigen Raum um, konnte aber von ihrem Platz aus nicht feststellen, ob der Kätner anwesend war.

»Cynnik ist draußen und hackt Holz für das Herdfeuer.« Die Frau zögerte kurz, dann fügte sie beinahe entschuldigend hinzu: »Er ist im Grunde ein guter Mann, nur manchmal etwas ... barsch. Er hatte ein schweres Leben.«

Ein dumpfes Krachen zerriss die Luft, und einen Augenblick lang glaubte Eirion, es sei die Axt des Kätners, die den Lärm verursacht hatte.

»Der Sturm hat über Nacht nur Atem geschöpft«, erklärte die Kätnerin, die Eirions Verwirrung sah. »Jetzt ist er mit neuer Gewalt zurückgekehrt und bringt Blitz und Donner übers Land. Die Elemente sind völlig aus den Fugen geraten.« Von einem Moment zum nächsten verdunkelte sich die kleine Hütte, und die Frau stand auf, um ein Binsenlicht zu entzünden und es neben Eirions Lager zu stellen.

»Mein Name ist übrigens Salba«, sagte sie mit einem leisen Lachen, als sie sich auf einen grob geschnitzten Holzschemel ans Bett setzte. »Nur damit du weißt, zu wem die Göttin dich geführt hat.«

Eirion sah die alte Frau, die sich Salba nannte, aufmerksam an. Die Augen in dem reizlosen Gesicht waren seltsam fahl und hätten trostlos gewirkt, wären sie nicht von einem inneren Licht erfüllt gewesen, dem Licht einer reinen, bescheidenen Menschlichkeit. Aber noch etwas war Eirion aufgefallen.

»Du hast bereits zwei Mal, seit ich hier bin, die Göttin erwähnt ...«

Ein Ausdruck schuldbewussten Unbehagens trat in Salbas Züge, und nun war Eirion sich endgültig sicher, dass das Schicksal sie zu Freunden gebracht hatte. Hastig griff sie nach Salbas Hand und drückte sie kurz. »Die Wege der Göttin mögen für ihre Kinder oft weit und unverständlich sein, aber sie führen immer ans Ziel.«

Schweigend musterten sie einander, und Eirion wartete auf Anzeichen von Bestürzung im Gesicht der anderen Frau, Zeichen, die sie immer beobachten konnte, wenn jemand sie zum ersten Mal sah: Irgendetwas in ihren Augen, die so grün waren wie geschliffene Smaragde, machte den meisten Menschen Angst.