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WALTER MISCHEL

DER
Marshmallow-
TEST

Willensstärke, Belohnungsaufschub und die
Entwicklung der Persönlichkeit

Aus dem Englischen von Thorsten Schmidt

Siedler

Die amerikanische Originalausgabe erschien 2014 unter dem Titel
»The Marshmallow Test. Mastering Self-Control« bei Little Brown, New York.

Erste Auflage

März 2015

Copyright © 2014 by Walter Mischel

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2015 by Siedler Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Umschlaggestaltung: Rothfos + Gabler, Hamburg

Lektorat: Nico Schröder, Hamburg, und

Fritz Jensch, München

Satz: Ditta Ahmadi, Berlin

Grafik: Peter Palm, Berlin

ISBN 978-3-641-11927-0

www.siedler-verlag.de

Für Judy, Rebecca und Linda

Inhalt

Vorwort zur deutschen Ausgabe

Einleitung

TEIL I
Belohnungsaufschub und
Selbstkontrolle

1 – Im »Überraschungszimmer« der Stanford University

2 – Wie sie es schaffen

3 – Heißes Denken, kühles Denken

4 – Wie die Fähigkeit zur Selbstkontrolle entsteht

5 – Die besten Pläne

6 – Träge Heuschrecken und fleißige Ameisen

7 – Ist es »vorprogrammiert«? Die neue Genetik

TEIL II
Von Marshmallows im Kindergarten
zur Altersvorsorge

8 – Der Erfolgsmotor: »Ich denk’, ich kann’s!«

9 – Ihr zukünftiges Selbst

10 – Jenseits des Hier und Jetzt

11 – Das verletzte Selbst schützen:
Selbstdistanzierung

12 – Schmerzliche Emotionen abkühlen

13 – psychische Immunsystem

14 – Wenn sich kluge Leute dumm verhalten

15 – Wenn-dann-Verhaltenssignaturen der Persönlichkeit

16 – Der gelähmte Wille

17 – Der erschöpfte Wille

TEIL III
Vom Labor ins Leben

18 – Marshmallows und Politik

19 – Strategien der Selbstkontrolle

20 – Die Natur des Menschen

ANHANG

Dank

Personenregister

Sachregister

Vorwort zur deutschen Ausgabe

DIE DEUTSCHSPRACHIGE AUSGABE meines Buches hat für mich eine besondere Bedeutung. Ich wurde in Wien geboren, und bis heute ist es immer wieder ein spezielles Erlebnis, mich in meiner Muttersprache zu verständigen. Doch ich lese und schreibe Deutsch wie ein Achtjähriger.

So alt war ich, als meine Familie 1938 vor den Nazis nach Amerika fliehen musste. Als Neuankömmling in Brooklyn schickte man mich in den Kindergarten, damit ich Englisch lernte. Manchmal kroch ich auf meinen Knien, um unter den Fünfjährigen nicht aufzufallen. Bald darauf musste ich einen Intelligenztest absolvieren – auf Englisch. Meine Lehrerin erklärte mir, wie enttäuscht sie war über das schlechte Ergebnis.

Irgendwie habe ich es trotzdem geschafft, mich in der neuen Welt zu behaupten. Aber eine gesunde Skepsis über die Aussagekraft von psychologischen Tests habe ich mir ein Leben lang bewahrt. Diese Zweifel schwangen auch mit, als ich als junger Wissenschaftler zum ersten Mal jene Methode entwickelte, die später Marshmallow-Test genannt wurde. Zunächst wollte ich nur herausfinden, wie Kinder mit Versuchungen umgehen und wie sie ihnen widerstehen. Bald aber wurde mir klar: Die Fähigkeit zum selbsterlegten Aufschub einer Belohnung ist ein wichtiger Teil der Reifung unserer Persönlichkeit.

Es gibt keinen Automatismus, das Ergebnis beim Marshmallow-Test lässt nicht zwangsläufig darauf schließen, ob ein Kind später ein gutes Leben, Glück oder Erfolg haben wird. Oder ob es gute Schulleistungen zeigt, viele Freunde hat, keine Drogen nimmt, eine harmonische Partnerschaft führt. Aber die Chance, überhaupt eine stabile, zufriedene Persönlichkeit zu entwickeln, haben wir nur dann, wenn wir die Fähigkeit zur Selbstkontrolle lernen.

Selbstdisziplin ist kein Selbstzweck, sie ist zunächst einmal wertneutral. Sie kann für negative Ziele eingesetzt werden, auch der Mafiaboss profitiert davon. Und Selbstdisziplin führt im Extremfall zur Selbstkasteiung, zu einem freudlosen Dasein von Zwang und Entbehrung.

Aber nur wenn wir lernen, mit Versuchungen und unseren negativen Gefühlen umzugehen, werden wir die Freiheit haben, ein erfülltes Leben zu führen. Und dies wiederum hängt davon ab, wie wir unsere Umwelt wahrnehmen, ob wir unsere Erfolge oder Misserfolge eher den Umständen oder unserem eigenen Handeln zuschreiben, und wie wir die Zukunft betrachten. Darum geht es in diesem Buch.

Wir alle kennen diese Marshmallow-Momente. Ich möchte zeigen, wie wir mit ihnen umgehen und wie wir unseren Kindern helfen können, sie zu meistern. Es geht um die Entscheidungen, die wir treffen, um das Beste aus unserem Leben zu machen.

Walter Mischel, Januar 2015

Einleitung

WIE MEINE STUDENTEN, aber auch meine Kinder nur allzu gut wissen, fällt mir Selbstkontrolle nicht gerade leicht. Ich bin bekannt dafür, dass ich meine Studenten schon mal mitten in der Nacht anrief, um mich über den letzten Stand der neuesten Datenauswertung zu informieren – obwohl diese erst am Vorabend begonnen hatte. Beim Abendessen mit Freunden ist mein Teller – zu meiner Verlegenheit – oft als erster leer gegessen, während die anderen noch längst nicht fertig sind. Eben diese Ungeduld, aber auch die Erkenntnis, dass wir Strategien der Selbstkontrolle tatsächlich lernen können, führten dazu, dass mich diese Strategien ein Leben lang beschäftigt haben.

Die Fähigkeit, sofortige Belohnungen zugunsten künftiger Resultate aufzuschieben, ist eine kognitive Kompetenz, die man erwerben kann – das ist die Grundidee, die meine Forschungen antrieb und mich dazu brachte, dieses Buch zu schreiben. Unsere Studien, die vor fünfzig Jahren begannen und bis heute fortgeführt werden, haben gezeigt, dass diese Fähigkeit bereits in früher Kindheit sicht- und messbar ist und dass sie große Auswirkungen auf unser späteres Leben hat, auf unser Wohlergehen und unsere psychische, aber auch körperliche Gesundheit. Und was wegen der weitreichenden Folgen für die Erziehung von Kindern besonders wichtig ist: Wir können diese Fähigkeit beeinflussen; vor allem können wir sie durch bestimmte kognitive Strategien, die wir inzwischen identifiziert haben, verbessern.

Der Marshmallow-Test und die sich daran anschließenden Experimente haben in den letzten knapp fünfzig Jahren eine erstaunliche Welle an Forschungsarbeiten über Selbstkontrolle angestoßen – allein innerhalb der ersten Dekade dieses Jahrhunderts hat sich die Zahl der einschlägigen wissenschaftlichen Publikationen verfünffacht.1 In diesem Buch möchte ich von den Ergebnissen dieser Forschung berichten; sie hat die Mechanismen zutage gefördert, die Selbstkontrolle möglich machen, und sie hat uns gelehrt, wie wir sie im Alltag anwenden können.

ES BEGANN in den Sechzigerjahren mit einem einfachen Experiment, bei dem Kinder im Vorschulalter an der Bing Nursery School, einer Kindertagesstätte der Stanford University, in einem echten Dilemma steckten. Meine Studenten und ich stellten die Kinder vor die Wahl zwischen einer Belohnung (etwa einem Marshmallow), die sie sofort bekommen konnten, und einer größeren Belohnung (zwei Marshmallows), für die sie jedoch – bis zu zwanzig Minuten – warten mussten. Den Kindern standen viele Belohnungen zur Wahl, sie konnten sich aussuchen, was sie sich am meisten wünschten – Marshmallows, Kekse, Brezeln, Pfefferminzbonbons und manches mehr.

Amy2 zum Beispiel entschied sich für Marshmallows. Sie saß allein an einem Tisch und betrachtete sowohl den einen Marshmallow vor sich, den sie sofort haben konnte, als auch die beiden Marshmallows, die sie bekäme, wenn sie wartete. Neben den Süßigkeiten stand eine Tischglocke, die sie jederzeit läuten konnte, um den Versuchsleiter zu rufen und den einen Marshmallow zu essen. Oder sie konnte auf die Rückkehr des Versuchsleiters warten – und wenn Amy dann immer noch auf ihrem Stuhl saß und nicht schon begonnen hatte, den einen Marshmallow zu essen, konnte sie beide haben. Es trieb uns fast die Tränen in die Augen zu beobachten, wie sich diese Kinder regelrecht selbst quälten, um die Glocke nicht zu läuten; zugleich aber mussten wir ihre Kreativität bewundern und hätten sie am liebsten angefeuert. Es war aber auch ermutigend zu sehen, dass selbst kleine Kinder offenbar in der Lage sind, Verlockungen beharrlich zu trotzen, um sich später zu belohnen.

Eines jedoch überraschte uns völlig: Es stellte sich heraus, dass das, was die Vorschulkinder alles taten, um sich nicht verlocken zu lassen, und die Tatsache, ob es ihnen gelang, die Belohnung aufzuschieben, viel über ihr zukünftiges Leben verrieten. Je länger sie als Vier- oder Fünfjährige warteten, umso besser schnitten sie später bei Studierfähigkeitstests ab und umso höher wurden ihre soziale Kompetenz und ihr kognitives Leistungsvermögen im Jugendalter eingestuft.3 Als sie zwischen 27 und 32 Jahren alt waren, verfolgten diejenigen, die im Vorschulalter beim Marshmallow-Test länger gewartet hatten, ihre Ziele konsequenter und kamen besser mit Frustration und Stress zurecht, sie hatten ein höheres Selbstwertgefühl und überdies einen niedrigeren Body-Mass-Index. Im mittleren Alter konnte man in den Hirnarealen, die mit Suchtverhalten und Fettleibigkeit verknüpft sind, deutliche Aktivitätsunterschiede feststellen zwischen denjenigen, die konsequent warten konnten (»hoher Belohnungsaufschub«), und denjenigen, die dazu nicht in der Lage waren.

Aber was beweist der Marshmallow-Test wirklich? Ist die Fähigkeit, Belohnungen aufzuschieben, tatsächlich angeboren? Wie kann man Menschen diese Fähigkeit beibringen? Was ist ihre Kehrseite? In diesem Buch spreche ich all diese Fragen an, und die Antworten sind oft überraschend. Ich beschreibe, was »Willenskraft« ist und was sie nicht ist; ich zeige, welche Umstände die Willenskraft schwächen, auf welchen kognitiven Fähigkeiten und Motivationen sie basiert und welche Folgen es hat, wenn man Willenskraft ausübt. Außerdem gehe ich der Frage nach, was diese Erkenntnisse bedeuten: Müssen wir unsere bisherigen Annahmen über die menschliche Natur und unsere psychischen Funktionsmechanismen überdenken? Was sagt das alles darüber aus, wie sehr wir unsere Impulse, unsere Gefühle und Veranlagungen im Griff haben, wie und in welchem Ausmaß wir uns verändern können und schließlich: wie wir unsere Kinder erziehen sollten?

Jeder möchte wissen, wie Willenskraft funktioniert, wir alle hätten gern mehr davon – vor allem mit weniger Anstrengung –, für uns selbst, für unsere Kinder oder auch für unsere Verwandten, die sich eine Zigarette nach der anderen anstecken. Belohnungen aufschieben und Verlockungen widerstehen zu können, das war für uns Menschen schon immer eine große Herausforderung. Bei Adam und Eva, die im Garten Eden in Versuchung geführt werden, spielt Willenskraft eine zentrale Rolle. Oder für die Philosophen im alten Griechenland: Sie nannten Willensschwäche akrasia.

Über Jahrtausende hinweg galt Willensstärke als ein unveränderlicher Teil der Persönlichkeit – man besaß sie oder eben nicht; die vermeintlich Willensschwachen wurden dadurch zu Opfern ihres biologischen Erbes, ihres sozialen Milieus und all der Kräfte, die in einer bestimmten Situation auf sie einwirken. Selbstkontrolle ist von entscheidender Bedeutung, wenn wir langfristige Ziele erreichen wollen. Genauso wichtig ist sie, um Selbstbeherrschung zu lernen und enge Bindungen zu unseren Mitmenschen aufbauen zu können. Sie kann uns dabei helfen, dass wir nicht schon früh im Leben in eine Sackgasse geraten: dass wir nicht die Schule abbrechen, nicht gegenüber den Konsequenzen des eigenen Verhaltens abstumpfen oder nicht in verhassten Jobs stecken bleiben. Sie ist die »Leitkompetenz«, die der emotionalen Intelligenz zugrunde liegt – und ohne die wiederum ist ein erfülltes Leben schwer möglich.4

Doch trotz ihrer offensichtlichen Bedeutung wurde sie nie ernsthaft wissenschaftlich erforscht, bis meine Studenten und ich das Konzept gleichsam entmystifizierten. Wir entwickelten eine Methode zur empirischen Untersuchung, indem wir die zentrale Bedeutung der Selbstkontrolle für sozial angepasstes Verhalten nachwiesen und die psychischen Prozesse analysierten, die sie möglich machen.

Zu Beginn dieses Jahrhunderts nahm die öffentliche Aufmerksamkeit für den Marshmallow-Test zu – und sie wächst weiter. David Brooks widmete dem Thema 2006 einen Leitartikel in einer Sonntagsausgabe der New York Times;5 Jahre später führte er mit Barack Obama ein Interview, und der Präsident fragte ihn, ob er über Marshmallows reden wolle.6 Das Magazin New Yorker brachte 2009 einen großen Artikel über den Test, und im Fernsehen sowie in Magazinen und Zeitungen weltweit wird ausführlich über die einschlägigen Forschungen berichtet.7 Sogar das Krümelmonster aus der Sesamstraße versucht mithilfe des Tests seinen Keksdrang zu zügeln – um endlich in den »Klub der Kekskenner« aufgenommen zu werden. Die Marshmallow-Forschung beeinflusst die Lehrpläne vieler Schulen, in denen Kinder aus unterschiedlichsten sozialen Milieus unterrichtet werden – solche, die in Armut leben, und solche, die Eliteinternate besuchen. Internationale Investmentfonds nutzen die Forschungsergebnisse, um für Altersvorsorge zu werben.8 Und die Abbildung eines Marshmallows hilft bei jedem Einstieg in Diskussionen über das Thema Belohnungsaufschub, egal vor welchem Publikum. In New York sehe ich Kinder mit T-Shirts, auf denen Iss keine Marshmallows steht, und Kinder, die große Buttons mit dem stolzen Hinweis tragen: Ich hab den Marshmallow-Test bestanden. Zum Glück wächst mit dem öffentlichen Interesse am Thema Willenskraft auch die Menge und Qualität wissenschaftlicher Erkenntnisse über die psychischen und biologischen Voraussetzungen von Belohnungsaufschub und Selbstkontrolle. Wenn wir begreifen wollen, was genau mehr Selbstkontrolle und damit die Fähigkeit zum Belohnungsaufschub möglich macht, müssen wir nicht nur herausfinden, wie beides zustande kommt, sondern auch, wodurch es verhindert wird. Wie in der Geschichte von Adam und Eva verraten uns fast täglich neue Schlagzeilen, dass wieder mal eine prominente Persönlichkeit – ein Präsident; der ein oder andere Gouverneur; ein ehrenwerter Richter (eine vermeintlich moralische Stütze der Gesellschaft); ein Finanzgenie; ein hoffnungsvoller Jungpolitiker; ein Sportass oder ein Filmstar – ihre Zukunft vergeigt, weil sie einer jungen Praktikantin, einer Haushälterin oder einer illegalen Droge allzu nahe gekommen ist. Diese Personen sind schlau – nicht nur im Sinne jener Intelligenz, die der IQ abbildet, sie besitzen auch eine hohe emotionale und soziale Intelligenz –, andernfalls wären sie nie so weit gekommen. Warum verhalten sie sich dann so dumm? Und warum befinden sie sich in Gesellschaft so vieler anderer, die es allerdings nie in die Schlagzeilen schaffen?

Um diese Fragen zu beantworten, nutze ich die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse. Im Zentrum stehen zwei eng miteinander verwobene Systeme im menschlichen Gehirn, das eine »heiß« – emotional, reflexgesteuert, unbewusst – und das andere »kühl« – kognitiv, reflektierend, langsamer und mehr Anstrengung erfordernd.9 Die spezifischen Wechselwirkungen zwischen diesen beiden Systemen, die sich in Anbetracht starker Verlockungen ergeben, bestimmen, wie Vorschulkinder mit Marshmallows umgehen und ob ihre Willenskraft der Verlockung gewachsen ist oder nicht. Was ich bei meinen Studien herausgefunden habe, hat meine lang gehegte Vorstellung vom Wesen und den Ausdrucksformen der Persönlichkeit komplett infrage gestellt – aber auch vom Spielraum für Veränderungen des Charakters aus eigenem Antrieb.

Der erste Teil, »Belohnungsaufschub und Selbstkontrolle«, erzählt die Geschichte des Marshmallow-Tests und der Experimente, in denen Vorschulkinder das taten, was Adam und Eva im Garten Eden nicht tun konnten. Dank dieser Forschungsarbeiten konnten wir herausfinden, wie die mentalen Prozesse und Strategien beschaffen sind, mit denen wir heiße Verlockungen abkühlen, Belohnungen aufschieben und Selbstkontrolle entwickeln. Sie deuteten auch auf potenzielle neuronale Mechanismen im Gehirn hin, die diesen Fähigkeiten zugrunde liegen. Jahrzehnte später wenden Hirnforscher bei ihren Studien modernste bildgebende Verfahren an, um die Verknüpfungen zwischen Geist und Gehirn zu entschlüsseln und uns dabei zu helfen, die Leistungen dieser Vorschulkinder zu verstehen.

Die Ergebnisse der Marshmallow-Studien führen zwangsläufig zu der Frage, ob die Selbstkontrolle fest angelegt, also genetisch vorgegeben ist. Jüngste Erkenntnisse auf dem Gebiet der Genetik haben diese Frage neu beantwortet. Sie offenbaren die erstaunliche Formbarkeit unseres Gehirns und revolutionieren unsere Ansichten über die Rolle von Erziehung und DNA, Umwelt und Anlage und über die Formbarkeit der menschlichen Natur. Diese Erkenntnisse wirken weit über das Forschungslabor hinaus und widersprechen gängigen Vorstellungen über das Wesen des Menschen.

Der erste Teil lässt eine offene Frage im Raum stehen: Wenn Vorschulkinder auf mehr Süßigkeiten warten, statt die Glocke zu läuten und sich mit weniger zu begnügen, lassen sich daraus Prognosen über ihren Erfolg und ihr Wohlergehen im späteren Leben ableiten – aber warum ist das so? Diese Frage beantworte ich im zweiten Teil: »Von Marshmallows im Kindergarten zur Altersvorsorge«. Ich untersuche, wie die Fähigkeit zur Selbstkontrolle den Lebensweg vom Kindergarten bis zur Altersvorsorge beeinflusst, wie sie den Weg zu Erfolgserlebnissen und positiven Erwartungen ebnet – eine innere Einstellung nach dem Motto »Ich weiß, ich kann es (schaffen)!« – und ein starkes Selbstwertgefühl erzeugt. Auch wenn die Fähigkeit zur Selbstkontrolle ein erfolgreiches und erfülltes Leben natürlich nicht garantiert, so steigert sie doch die Chancen dazu enorm; sie hilft uns, schwierige Entscheidungen zu treffen und uns genügend anzustrengen, um unsere Ziele zu verwirklichen. Wie gut dies funktioniert, hängt nicht nur von unseren Fähigkeiten ab, sondern auch davon, wie wir Ziele und Werte verinnerlicht haben, die die zukünftige Lebensgestaltung maßgeblich anleiten – und von der Motivation, die groß genug sein muss, um unvermeidliche Rückschläge wegzustecken.

Wie lässt sich die Fähigkeit zur Selbstkontrolle für ein erfülltes Leben nutzen? Wie können wir unsere Willenskraft mit immer weniger Aufwand immer besser automatisch mobilisieren, und dies sogar als befriedigend empfinden? Dies sind Fragen, denen ich im zweiten Teil nachgehe, und wie das Leben selbst nimmt er zuweilen einen überraschenden Verlauf. Es geht dabei nicht nur darum, Verlockungen zu widerstehen, sondern auch um diverse andere Herausforderungen für unsere Selbstkontrolle, etwa schmerzliche Gefühle abzukühlen, Liebeskummer zu überwinden, Depressionen zu vermeiden oder auch wichtige Entscheidungen zu fällen, die zukünftige Konsequenzen mit berücksichtigen.

Aber der zweite Teil zeigt nicht nur die Vorteile, sondern auch die Grenzen der Selbstkontrolle klar auf: Zu viel Selbstkontrolle lässt unser Leben ebenso unerfüllt erscheinen wie zu wenig.

Im dritten Teil, »Vom Labor ins Leben«, zeige ich, welche Konsequenzen die Forschungsergebnisse für die Politik haben. Ich konzentriere mich dabei auf gezielte pädagogische Maßnahmen, die bereits im Kindergarten ansetzen und wissenschaftliche Erkenntnisse über Selbstkontrolle berücksichtigen, um den Kindern, deren Lebensumstände von »toxischem« – unkontrollierbarem – Stress geprägt sind, eine Chance auf ein besseres Leben zu geben. Anschließend fasse ich die in diesem Buch vorgestellten Konzepte und Strategien, die uns in unserem alltäglichen Ringen um Selbstkontrolle helfen können, noch einmal zusammen. Im Schlusskapitel zeige ich, wie die Forschungsergebnisse über Selbstkontrolle, Genetik und Plastizität des Gehirns unsere Vorstellung von der menschlichen Natur und unsere Sicht auf die Möglichkeiten und Grenzen der Persönlichkeitsentwicklung verändert haben.

Während ich dieses Buch schrieb, habe ich mir vorgestellt, ich würde mit Ihnen ein lockeres Gespräch führen – so wie ich es mit Freunden und Kollegen tat, als wir uns die Frage stellten: Was sind eigentlich die neuesten Erkenntnisse der Marshmallow-Forschung? Schon bald schweifen wir ab und fragen uns, ob sich diese Erkenntnisse vielleicht auch auf gewisse Aspekte unseres eigenen Lebens anwenden lassen: Wie wir unsere Kinder erziehen oder neue Mitarbeiter einstellen; wie wir unkluge persönliche und berufliche Entscheidungen vermeiden; wie wir großen Kummer überwinden; aber auch, wie wir mit dem Rauchen aufhören, unser Gewicht halten, unser Bildungswesen reformieren – oder schlicht unsere eigenen Schwächen und Stärken erkennen. Ich habe dieses Buch für all diejenigen geschrieben, die sich – genau wie ich – mit Selbstkontrolle immer schon schwergetan haben. Aber auch für alle, die genauer wissen möchten, wie unsere Psyche funktioniert. Ich hoffe, Der Marshmallow-Test wird auch Sie zu vielen anregenden Gesprächen inspirieren.

1 S. M. Carlson, P. D. Zelazo und S. Faja: »Executive Function«, in: Oxford Handbook of Developmental Psychology, hg. v. P. D. Zelazo, New York 2013: S. 706–743.

2 Um die Anonymität und Privatsphäre der Personen zu schützen, habe ich ihre Vornamen geändert.

3 W. Mischel, Y. Shoda und M. L. Rodriguez: »Delay of Gratification in Children«, Science 244, Nr. 4907, 1989: S. 933–938.

4 D. Goleman: Emotionale Intelligenz (Emotional Intelligence: Why It Can Matter More Than IQ), München 2001: S. 106–126.

5 D. Brooks: »Marshmallows and Public Policy«, New York Times, 7. Mai 2006.

6 W. Mischel und D. Brooks: »The News from Psychological Science: A Conversation between David Brooks and Walter Mischel«, Perspectives on Psychological Science 6, Nr. 6, 2011: S. 515–520.

7 J. Lehrer: »Don’t: The Secret of Self-Control«, The New Yorker, 18. Mai 2009.

8 S. Benartzi und R. Lewin: Save More Tomorrow: Practical Behavioral Finance Solutions to Improve 401(k) Plans, New York 2012.

9 J. Metcalfe und W. Mischel: »A Hot/Cool System Analysis of Delay of Gratification: Dynamics of Willpower«, Psychological Review 106, Nr. 1, 1999: S. 3–19.

TEIL I
Belohnungsaufschub und
Selbstkontrolle

DER ERSTE TEIL BEGINNT in den Sechzigerjahren, wir befinden uns in der Bing Nursery School, einer Kindertagesstätte der Stanford University, genauer: im »Überraschungszimmer«, wie meine Studenten und ich es nannten. Dort entwickelten wir die Methode, die zum Marshmallow-Test wurde. Wir begannen mit Experimenten, die zeigen sollten, wann und wie Vorschulkinder dazu in der Lage sind, sich selbst zu beherrschen: auf zwei heiß begehrte Marshmallows zu warten, statt sich mit nur einem sofort zu begnügen. Je länger wir unbemerkt durch unser Beobachtungsfenster spähten, desto mehr staunten wir darüber, wie die Kinder versuchten, sich selbst zu disziplinieren und zu warten. Einfache Anregungen, sich die Leckereien ganz unterschiedlich vorzustellen, machten es ihnen entweder unmöglich oder aber besonders leicht, der Verlockung zu widerstehen. Unter manchen Bedingungen konnten sie mühelos warten, unter anderen läuteten sie die Glocke nur wenige Sekunden, nachdem der Versuchsleiter den Raum verlassen hatte. Wir forschten weiter, um mehr darüber herauszufinden, um zu verstehen, was die Kinder dachten und taten, damit sie sich beherrschen konnten, wie sie es sich einfacher machten, um ihre Selbstkontrolle nicht zu verlieren – oder es sich so viel schwerer machten, dass sie scheitern mussten.

Nach einigen Jahren entstand allmählich ein Modell der neuralen und psychischen Prozesse, die ablaufen, wenn sich Vorschulkinder und Erwachsene erfolgreich bemühen, Verlockungen zu widerstehen. Wie wir uns selbst beherrschen können – nicht dadurch, dass wir einfach nur durchhalten oder Nein sagen, sondern durch eine andere Art zu denken –, das ist Gegenstand des ersten Teils. Einige Menschen können sich schon in jungen Jahren besser beherrschen als andere, aber fast alle können sich mit gewissen Strategien die Selbstkontrolle erleichtern. Hier wird gezeigt, wie das möglich ist.

Wie wir herausfanden, sind die ersten Anflüge von Selbstkontrolle bereits im Verhalten von Kleinkindern unter drei Jahren sichtbar. Ist Selbstkontrolle also von vornherein festgelegt? Der erste Teil geht dieser Frage nach und nutzt dafür die jüngsten Erkenntnisse der Genetik, die ältere Sichtweisen des Anlage-Umwelt-Problems gründlich hinterfragen. Diese neue Sicht betrifft auch das Verhältnis zu unseren Kindern und zeigt ganz neue Ansätze und Anregungen, wie wir sie erziehen können.