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CHARLOTTE LINK

Die Betrogene

Außerdem von Charlotte Link bei Blanvalet lieferbar:

Die Sünde der Engel

Die Täuschung

Sturmzeit

Wilde Lupinen

Die Stunde der Erben

Das Haus der Schwestern

Die Rosenzüchterin

Das andere Kind

Am Ende des Schweigens

Schattenspiel)

Der Verehrer

Der Beobachter

Der fremde Gast)

Im Tal des Fuchses

Das Echo der Schuld

Die letzte Spur

Sechs Jahre

Charlotte Link

Die Betrogene

Roman

1. Auflage

Originalausgabe Oktober 2015 bei Blanvalet, einem Unternehmen
der Verlagsgruppe Random House GmbH, München

Copyright © 2015 by Blanvalet Verlag, München,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Umschlaggestaltung: www.buerosued.de

Umschlagmotiv: © Trevillion Images/Vesna Armstrong

Lektorat: NB

Herstellung: sam

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-13247-7

www.blanvalet.de

FREITAG, 14. SEPTEMBER 2001

Es war noch heiß wie im Sommer. Am Mittag war er von der Schule heimgekommen. Und hatte sich sofort sein Fahrrad geschnappt. Dieses tolle, schnelle, metallicblaue Fahrrad, das er zu seinem Geburtstag im Juli bekommen hatte. Fünf Jahre alt war er geworden, und Anfang September hatte er mit der Schule begonnen. Es machte ihm Spaß, dorthin zu gehen. Die Lehrer waren nett, die Mitschüler auch. Er kam sich sehr erwachsen vor. Das Beste war, dass er das großartigste Fahrrad von allen hatte. Wenn auch Gavin, sein Banknachbar, ständig prahlte, ein noch besseres Fahrrad zu haben, aber das stimmte nicht. Er hatte es gesehen. Es war nicht halb so gut wie seines.

»Sei um sechs Uhr spätestens zurück!«, hatte ihm seine Mutter noch hinterhergerufen. »Und pass auf dich auf!«

Er hatte nur cool genickt. Sie machte sich ständig Sorgen. Wegen des Verkehrs, wegen böser Menschen, die Kinder entführten, wegen Gewittern, in die man geraten konnte.

»Das ist doch nur, weil wir dich so lieb haben«, sagte sie, wenn er sich deswegen beschwerte.

Er war vorsichtig gefahren, bis er aus der Stadt heraus war. Er war kein Baby, er wusste, worauf man achten musste. Aber jetzt lag seine Rennstrecke frei vor ihm. Er hatte sie vor ein paar Wochen entdeckt, und seitdem kam er fast jeden Tag hierher. Eine schmale Landstraße, auf der kaum Autos fuhren. Zwischen Wiesen und Feldern und ohne Anfang und Ende, wie es schien. An sonnigen Tagen wie diesem war sie ein weißes, staubiges Band zwischen den flachen Feldern, die bis zum Horizont reichten. Im Sommer stand hier sicher das Getreide hoch und nahm die Sicht, aber jetzt war alles abgeerntet. Das verstärkte den Eindruck von Endlosigkeit. Und von Freiheit.

Er war ein berühmter Rennfahrer. Er fuhr einen Ferrari. Er lag ganz vorne im Rennen. Aber die anderen waren ihm dicht auf den Fersen. Der pure Nervenkitzel. Er musste alles geben. Der Sieg war zum Greifen nahe, aber jetzt hieß es, mit aller Kraft zu kämpfen. Die anderen waren auch gut. Aber er war der Beste. Gleich würde er auf dem Siegerpodest stehen und den Champagner in die Menschenmenge versprühen, die ihm begeistert zujubelte. Alle Fernsehkameras richteten sich auf ihn. Die Stimme des Sportkommentators überschlug sich. Er trat in die Pedale. Er machte sich ganz flach. Er lag fast auf der Lenkstange. Der Fahrtwind griff ihm in die Haare.

Er hätte schreien mögen, so schön war das Leben.

Bis auf seine fiktiven Verfolger war nur er hier. Weit und breit sonst niemand. Nur er. Und die Endlosigkeit dieser Straße.

Er hatte keine Ahnung, dass er nicht mehr allein war.

Er hatte keine Ahnung, dass ihm nur noch zwei Minuten blieben, ehe alles vorbei war. Seine Karriere als berühmtester Rennfahrer aller Zeiten.

Und das Leben, wie er es kannte.

SAMSTAG, 22. FEBRUAR 2014

Es hätte eine gute Chance gegeben, mit heiler Haut davonzukommen.

Richard Linvilles Schlafzimmer befand sich unter dem Dach des Hauses, es verfügte über eine abschließbare Tür und über einen Telefonanschluss. Als er in den frühen Morgenstunden dieser kalten und nebligen Februarnacht aus dem Schlaf schreckte und sicher war, ein Geräusch gehört zu haben, das er nicht einordnen konnte, das aber verdächtig wie das Splittern einer Glasscheibe klang, hätte er mit einem Sprung aus dem Bett und bei der Tür sein, diese verschließen und sodann die Polizei anrufen können.

Aber er war nicht der Mann, der sofort um Hilfe rief, nur weil er etwas Seltsames in der Nacht wahrgenommen hatte, was genauso gut eine Täuschung sein konnte. Vor seiner Pensionierung war er Detective Chief Inspector bei der North Yorkshire Police gewesen, und er ließ sich nicht so leicht einschüchtern.

Befremdlichen Dingen ging er zunächst einmal selbst auf den Grund.

Lautlos und zudem für sein Alter erstaunlich leichtfüßig, schwang er sich aus dem Bett, tastete im Dunkeln nach der obersten Schublade seines Nachttisches, zog sie auf und nahm die Pistole heraus, die ganz hinten unter einem Stapel Stofftaschentücher lag. Im Dienst hatte er keine Waffe getragen, aber als ehemaliger Kriminalbeamter wusste er, dass er auch im Ruhestand eine gewisse Gefährdung seiner Person nicht ausschließen konnte. Er hatte zu viele Menschen gejagt, geschnappt und vor den Richter gebracht, und natürlich hatte er Feinde. Mancher hatte seinetwegen jahrelang hinter Gittern gesessen. Er hatte sich eine Pistole angeschafft, und es war eine reine Vorsichtsmaßnahme, dass er nachts nicht schlafen wollte, ohne sie in griffbereiter Nähe zu haben.

Er schlich aus dem Zimmer, blieb auf dem Treppenabsatz stehen und lauschte nach unten. Nichts war zu hören außer dem leisen Blubbern des Wassers in den Heizungsrohren. Kein ungewöhnliches Knarren oder Quietschen, nichts mehr, was auf gesplittertes Glas hindeutete. Wahrscheinlich hatte er sich geirrt, oder er hatte geträumt. Wie gut, dass er sich nicht lächerlich gemacht und nach den Kollegen von einst gerufen hatte.

Dennoch, bevor er ins Bett zurückkehrte, wollte er sich vergewissern.

Geschmeidig und ohne ein Geräusch zu verursachen, bewegte er sich die Treppe hinunter. Er würde im März einundsiebzig Jahre alt werden, und er war stolz darauf, dass sein Körper noch kaum Alterserscheinungen zeigte. Er führte das darauf zurück, dass er immer viel Sport getrieben hatte, auch heute noch jeden Tag bei Wind und Wetter große Strecken lief und seine nicht allzu gesunden Ernährungsvorlieben zumindest mit dem völligen Verzicht auf Zigaretten und dem weitgehenden Verzicht auf Alkohol kompensierte. Die meisten Menschen, die ihn trafen, hielten ihn für jünger, als er war, und bei vielen Frauen hätte er noch immer gute Chancen gehabt. Ihm lag bloß nichts daran. Brenda, die Frau, mit der er einundvierzig Jahre lang verheiratet gewesen war, war drei Jahre zuvor nach endlosen Kämpfen an Krebs gestorben.

Er war unten angekommen. Rechts von ihm befand sich die Haustür, die er wie jeden Abend sorgfältig verschlossen hatte. Vor ihm lag das Wohnzimmer, dessen Erkerfenster nach vorne zur Straße hinausging. Richard spähte hinein. Alles still, dunkel, leer. Die Vorhänge waren nicht zugezogen. Nächte sind nie ganz schwarz, und für gewöhnlich konnte man auch nachts die Kirche von Scalby sehen, die sich am Ende der Straße auf einem baumbestandenen Hügel erhob. Heute jedoch war der Nebel zu dicht. Er lag wie ein Berg aus dicker Watte über den Straßen und verhinderte sogar den Blick auf das gegenüberliegende Haus. Einen kurzen Moment lang hatte Richard den gespenstischen Eindruck, ganz alleine und von allem und jedem verlassen auf der Welt zu sein. Aber dann rief er sich zur Ordnung: Blödsinn. Alles war wie immer. Es lag nur am Nebel.

Gerade als er sich umwandte, vernahm er erneut ein Geräusch. Es klang wie ein leises Knirschen und war ganz und gar nicht in die üblichen Geräusche des nächtlichen Hauses einzuordnen. Es schien aus der Küche zu kommen und hörte sich an, als sei jemand auf Glassplitter getreten. Was zu dem Klirren von Glas passen würde, das irgendwie in Richards Schlaf gedrungen war.

Er entsicherte seine Waffe und bewegte sich den Flur entlang auf die Küchentür zu. Ihm war klar, dass er im Begriff stand, genau das zu tun, wovon die Polizei den Menschen dringend abriet, wovon auch er selbst immer wieder abgeraten hatte: Wenn Sie glauben, dass Einbrecher in Ihrem Haus sind, dann versuchen Sie bloß nicht, auf eigene Faust zu handeln. Bringen Sie sich in Sicherheit, indem Sie entweder das Haus verlassen oder sich irgendwo einschließen, und rufen Sie dann telefonisch Hilfe herbei. Verhalten Sie sich dabei so leise und unauffällig wie möglich. Den Tätern sollte nicht klar werden, dass sie bemerkt worden sind.

Aber das galt natürlich nicht für ihn. Er war die Polizei, auch wenn er nicht mehr im Berufsleben stand. Außerdem hatte er eine Waffe und konnte ausgezeichnet damit umgehen. Das unterschied ihn von den meisten anderen Bürgern.

Er hatte die Küchentür erreicht. Sie war geschlossen, das war sie in Winternächten immer. Die Tür, die von der Küche in den Garten führte, war alt und ließ viel zu viel Kälte hinein, die dann wenigstens nicht in den Rest des Hauses dringen sollte. Richard wusste, dass sie längst ausgetauscht gehörte. Schon Brenda hatte deswegen oft gejammert. Wegen der Kälte – aber auch wegen des Sicherheitsrisikos. Im Unterschied zu der sehr stabilen Haustür war diese Gartentür ziemlich leicht zu knacken.

Er lauschte. Er hielt die Pistole schussbereit. Er konnte seinen eigenen Atem hören.

Sonst nichts.

Aber da war etwas. Da war jemand. Er wusste es. Er wäre als Polizist nicht so erfolgreich gewesen, hätte er nicht im Laufe der Jahre dieses untrügliche Gespür für drohende Gefahren entwickelt.

Jemand war in der Küche.

Spätestens jetzt hätte er sich um Hilfe bemühen müssen. Denn er hatte keine Ahnung, um wie viele Personen es sich bei den Einbrechern handelte. Womöglich stand er einem einzigen Mann gegenüber. Vielleicht hatte er es aber mit zwei oder drei Leuten zu tun, und dann würde ihm selbst sein Vorteil, bewaffnet zu sein, sehr schnell nichts mehr nützen. Er hätte später nicht zu sagen gewusst, weshalb er alle Vorschriften in den Wind schlug und sich einem unkalkulierbaren Risiko aussetzte. Altersstarrsinn? Selbstüberschätzung? Oder wollte er sich irgendetwas beweisen?

Tatsächlich sollte ihm nicht mehr allzu viel Zeit bleiben, diese Frage zu klären.

Beides geschah nun absolut zeitgleich: Er wollte vorsichtig die Klinke der Küchentür hinunterdrücken. Und im selben Moment spürte er unmittelbar neben sich, aus dem in tiefer Dunkelheit liegenden Esszimmer heraus, eine Bewegung und dann einen so heftigen Schlag auf den Arm, dass er einen Schmerzenslaut ausstieß. Verzweifelt versuchte er noch, seine Pistole festzuhalten, aber der Schlag hatte einen Nerv getroffen, auf eine Art, dass sekundenlang alle Muskeln gelähmt waren. Die Waffe fiel zu Boden und rutschte scheppernd in das Esszimmer hinein. Richard machte eine Bewegung zur Seite, wollte hinterher, obwohl er wusste, wie zwecklos dieses Ansinnen war: Sein Feind befand sich ja genau dort, im Esszimmer, und ihm ging auf, dass sein allergrößter Fehler während der letzten Minuten darin bestanden hatte, es als gegeben anzunehmen, dass der oder die Einbrecher durch die Küche ins Haus eingedrungen waren – weil sich dort die unsicherste Stelle befand. Aber auch das Esszimmer hatte eine Tür, die zum Garten hinausführte, und offensichtlich hatte man dort die Scheibe eingeschlagen. Richard hatte während seiner Dienstjahre viele junge Polizisten ausgebildet, und das erste Credo, das er ihnen vermittelte, hatte stets gelautet: Nehmt nichts jemals als gegeben hin. Alles muss überprüft werden, jede nur denkbare Option. Euer Leben und das anderer Menschen können davon abhängen.

Er konnte es nicht fassen, dass er in dieser Nacht gegen nahezu jeden seiner Grundsätze verstoßen hatte.

Dann ließ ihn auch schon ein kräftiger Schlag in den Magen in den Knien einknicken, und gleich darauf krachte eine Faust gegen seine Schläfe. Ihm wurde schwarz vor Augen, nur einen Moment lang, aber das reichte, um ihn zu Boden kippen zu lassen. Er verlor nicht die Besinnung, obwohl sich die Welt plötzlich rasant drehte und ein Schwindelgefühl in auf- und abschwellenden Wellen über ihn hinweglief. Er versuchte, auf die Beine zu kommen, aber ein Tritt in seine Rippen ließ ihn auf den Boden fallen. Gleich darauf fühlte er sich von kräftigen Händen gepackt und nach oben gezogen.

Dieser Gegner war sehr stark. Und sehr entschlossen.

Die Küchentür wurde aufgestoßen, das Licht eingeschaltet und Richard in die Küche geschoben. Mit der einen Hand hielt ihn der Einbrecher fest, mit der anderen zog er einen Stuhl unter dem Tisch hervor, stellte ihn in die Mitte des Raums. Richard blinzelte geblendet. Im nächsten Moment schon saß er auf dem Stuhl, noch immer um Atem ringend, denn vor allem der letzte Tritt in seine Rippen hatte ihm vorübergehend die Luft genommen. Er spürte, dass sein linkes Auge zuschwoll und dass eine klebrige Flüssigkeit, vermutlich Blut, aus seiner Nase floss. Er konnte so schnell kaum denken, wie die Dinge mit ihm geschahen, geschweige denn, dass er irgendetwas zu seiner Verteidigung hätte unternehmen können.

Seine Arme wurden grob hinter die Stuhllehne gezerrt, seine Handgelenke gefesselt. So brutal und so eng, dass sie sich fast augenblicklich taub anfühlten. Gleich darauf schnitt ein dünner Draht in seine nackten Fußknöchel, die unter seiner Schlafanzughose hervorsahen. Kabelbinder, wie er etwas später feststellen konnte, und das hieß, dass es nicht die mindeste Chance gab, sich dieser Fesseln aus eigener Kraft zu entledigen. Der Steinboden unter seinen nackten Füßen fühlte sich eiskalt an.

Ich hätte Hausschuhe anziehen sollen, dachte er.

Ein seltsamer Gedanke in seiner Lage. Er hatte weit gewichtigere Probleme.

Er blickte auf und stellte fest, dass er es nur mit einer Person zu tun hatte, wobei die Anzahl der Gegner in seiner jetzigen Lage keine Rolle mehr spielte. Ein überdurchschnittlich großer Mann. Sein Körperbau verriet, dass er vergleichsweise jung sein musste – um die dreißig Jahre wahrscheinlich. Er sah so aus, als verbringe er viel Zeit beim Krafttraining oder vielleicht sogar beim Boxen. Er wirkte ausgesprochen aggressiv.

Noch etwas fiel Richard auf, aber er hätte noch nicht sicher zu sagen gewusst, ob er es zu seinen Gunsten oder eher dagegen interpretieren sollte: Der junge Mann trug Handschuhe und hatte eine Strickmütze über sein Gesicht gezogen. Er war also klug genug, sowohl das Hinterlassen von Fingerabdrücken als auch von möglichen DNA-Spuren zu vermeiden. Zudem gab er sich seinem Opfer gegenüber nicht zu erkennen. Der Typ verriet damit eine gewisse Professionalität, und im Allgemeinen war es so, dass die Chance auf einen guten Ausgang bei einem professionellen Täter höher war; ein solcher verlor nicht so schnell die Nerven und richtete aus reiner Panik ein Blutbad an. Zudem sprach die Tatsache, dass er seine Identität verbarg, dafür, dass er die Möglichkeit sah, Richard könnte diese Nacht überleben. Aus irgendeinem Grund, aus einem Instinkt heraus, hatte Richard jedoch den Eindruck, dass sein Überleben nicht geplant war. Der junge Mann agierte wohl einfach vorsichtig, um sich gegen jede Eventualität zu wappnen.

Richard war in einen Albtraum mit ungewissem Ausgang geraten.

Er glaubte nicht, dass der Mann es auf einen Raubzug durch das Haus abgesehen hatte. Einfache Diebe suchten nach seiner Erfahrung nicht offensiv die Konfrontation mit den Hausbewohnern. Der Mann wäre eher wieder leise und schnell durch die Esszimmertür hinaus in den Garten verschwunden, als er ihn die Treppe hinuntertappen hörte. Zeit genug hätte er gehabt. Er hätte ihm nicht auflauern, ihn niederschlagen und damit ein Risiko eingehen müssen.

Der Einbruch hatte etwas mit ihm zu tun. Wäre er nicht aufgewacht, wäre der Eindringling nach oben gekommen und hätte ihn in seinem Bett überfallen. Das Schicksal hatte ihm eine Chance eingeräumt; er hatte sie verspielt.

Was, verdammt, hatte der Typ mit ihm zu tun?

»Schau mich an, du Dreckskerl«, sagte der junge Mann. Hochaufragend stand er vor Richard. Jeans, kurzärmeliges T-Shirt, ungeachtet der winterlichen Temperaturen draußen. Seine Oberarmmuskeln spielten. Der Kerl war stark wie ein Bär.

Richard hob den Blick. Sein linkes Auge schwoll immer schneller zu, aber mit dem rechten konnte er noch gut sehen.

»Kennst du mich?«, fragte der Fremde.

Das genau war es, was Richard seit ein paar Minuten geradezu fieberhaft überlegte, wobei die Tatsache, dass er das Gesicht des anderen nicht sehen konnte, die Sache nicht leichter für ihn machte.

»Wie soll ich das wissen?«, fragte er daher. »Sie verbergen Ihr Gesicht!«

Als Antwort darauf schoss die Faust des anderen auf ihn zu und krachte gegen sein Kinn. Richard sah Sternchen und fühlte, dass er dicht davor stand, das Bewusstsein zu verlieren. Der Schmerz erreichte ihn mit einer kurzen Zeitverzögerung und war dann so heftig, dass er es nicht schaffte, ein lautes Stöhnen zu unterdrücken. Es fühlte sich an, als sei etwas gebrochen. Ein Kieferknochen vielleicht. Er versuchte zu schlucken, was ihm erst nach einigen Anläufen gelang. Er schluckte dicke Klumpen Blut.

»Was … wollen … Sie?«, stieß er hervor.

»Du erinnerst dich wirklich nicht?«, fragte der Mann. »Mein Gesicht spielt keine Rolle, verstehst du? Es reicht, wenn du dich an ein paar widerwärtige Hinterhältigkeiten deines perversen Lebens erinnerst. Dann müsste dir dämmern, wen du vor dir hast.«

Jemanden, den er irgendwann im Laufe seiner Dienstjahre ins Gefängnis gebracht hatte? Aber das waren so viele gewesen.

Richard wagte nicht zu antworten, er starrte sein Gegenüber nur verzweifelt an.

»Hast du wirklich geglaubt, du kommst einfach so davon?«

Richard formulierte mühsam seine Antwort. »Ich … weiß nicht … wer … Sie sind.«

Er wappnete sich innerlich gegen den nächsten Schlag, aber er blieb aus. Der Fremde wippte auf seinen Fußballen auf und ab.

»Keine Ahnung, das kleine Arschloch. Du hast echt keine Ahnung, stimmt’s?«

»Nein«, bestätigte Richard, und schon traf ihn die Faust erneut, diesmal in den Magen, und so, dass ihm sekundenlang die Luft wegblieb. Er rang um Atem, dann lehnte er sich, so weit er konnte, nach vorne und spuckte Blut auf den Fußboden.

Der wird mich umbringen. Das ist der einzige Grund, weshalb er hier ist.

Aber er war nicht zufällig in sein Haus eingedrungen, davon war er überzeugt. Er hatte sich nicht irgendein Haus ausgeguckt und überlegt, er würde dessen Bewohner gerne überfallen, ein wenig quälen und foltern und dann töten. In seinen Jahren als Polizist hatte Richard derartige Motivationen durchaus erlebt und war manchmal fassungslos gewesen, durch wie viel Willkür und Zufall manche Menschen zu Opfern schrecklicher Verbrechen wurden. Aber darum ging es hier nicht. Er spürte den persönlichen Hass, der ihm entgegenschlug. Auch wenn er den jungen Mann nicht kannte – dieser schien ihn sehr wohl bewusst ausgewählt zu haben. »Bitte«, stöhnte er, »sagen Sie mir doch …«

Ein Tritt gegen sein Schienbein ließ ihn aufheulen. Der Typ trug Stiefel mit Spikes. Richard spürte das Blut aus seiner Schlafanzughose rinnen.

Seine einzige Chance, das wusste er, bestand darin, herauszufinden, was ihn mit diesem Mann verband. Wenn er mit ihm reden könnte. Es half fast immer, mit Menschen zu sprechen. Aber natürlich musste man dazu wissen, worüber man sprechen konnte.

Er nahm all seinen Mut zusammen. Alles tat ihm weh, seine Rippen, sein Magen, sein Bein, sein Gesicht. Er hatte furchtbare Angst, dass er wieder geschlagen würde, wenn er es wagte, den Mund aufzumachen, aber er war verloren, wenn er es nicht tat.

»Ich … weiß wirklich nicht, was … Sie mir vorwerfen«, sagte er. Das Formulieren der Worte fiel ihm schwer. Auch seine Lippen schwollen inzwischen an, und er hatte noch immer das Gefühl, ständig Blut zu schlucken. »Bitte … ich möchte es wissen. Wir könnten … darüber reden …«

Die Faust schoss auf ihn zu, und reflexartig ließ er den Kopf zur Seite fallen. Der Schlag streifte ihn nur, aber gleich darauf griff sein Gegner mit einer Hand in seine Haare und hielt seinen Kopf fest. Er zerrte ihn mit einem so kräftigen Ruck nach hinten, dass Richard glaubte, sein Genick würde brechen. Gleich darauf traf die andere Faust seine ohnehin gebrochene Nase, sein zugeschwollenes Auge, seinen Mund. Wieder und wieder krachte sie in sein Gesicht.

Ich sterbe, dachte er, ich sterbe, ich sterbe.

Der andere hörte auf, als Richard kurz davor stand, die Besinnung zu verlieren. Er fühlte, dass ihn nur der Bruchteil einer Sekunde davon getrennt hatte, und bedauerte, dass es nicht passiert war. Eine Ohnmacht war sein einziger Wunsch in diesem Moment. Neben dem, dass sein Sterben schnell gehen möge.

Er glühte vor Schmerzen. Er bebte und zitterte vor Schmerzen. Er bestand aus nichts anderem mehr als aus Schmerzen. Er fieberte, und er bekam kaum Luft. Er fragte sich, wieso er überhaupt noch lebte.

Er sah sich vor seinem inneren Auge: ein alter Mann in einem karierten Flanell-Pyjama, der auf einem Küchenstuhl saß, gefesselt an Händen und Füßen, mit einem zu Brei geschlagenen Gesicht, blutend und stöhnend. Eine knappe Viertelstunde hatte ausgereicht, ihn in dieses zum Tode verurteilte Wrack zu verwandeln.

Er dachte auch kurz an Kate. Er wusste, was sein Tod für sie bedeuten würde. Er war der einzige Mensch, den sie hatte, und es erfüllte ihn mit abgrundtiefer Trauer, dass er sie nun verlassen würde. Sie war sein einziges Kind … diese einsame, unglückliche Frau, die es einfach nicht schaffte, Freunde zu finden, das Herz eines Mannes zu erobern, eine Familie zu gründen. Oder wenigstens in ihrem Beruf glücklich zu werden. Sie hatten nie darüber gesprochen, wie allein und traurig sie sich fühlte. Kate hatte ihm gegenüber immer so getan, als sei ihr Leben weitgehend in Ordnung, und er hatte ihren offensichtlichen Wunsch, diese Fassade aufrechtzuerhalten, respektiert. Er hatte nie gesagt, dass er wusste, wie schlecht es ihr ging. Jetzt, in diesen vermutlich letzten Minuten seines Lebens, ging ihm auf, dass das ein Fehler gewesen war. Ihre gemeinsame Zeit hatten sie im Wesentlichen damit zugebracht, einander etwas vorzumachen, und sie damit im Grunde vergeudet.

Wie es schien, würde er keine Gelegenheit mehr haben, diesen Fehler zu korrigieren.

Er hob mühsam den Kopf, der auf seine Brust gesunken war. Aus seinen zu schmalen Schlitzen verquollenen Augen sah er, dass der Mann begonnen hatte, ohne jede Hast eine Küchenschublade nach der anderen aufzuziehen und darin herumzukramen. Schließlich hatte er offenbar gefunden, was er suchte: eine Plastiktüte aus dem Supermarkt.

Richard verstand. Er öffnete den Mund, um zu schreien, aber es kam nur ein schwaches, verzweifeltes Krächzen heraus. Nein, sollte das heißen, nein, bitte nicht!

Im nächsten Moment wurde die Tüte über seinen Kopf gestülpt. Mit irgendetwas – Bindfaden oder Klebeband oder was auch immer – wurde sie um seinen Hals herum befestigt.

Richard wollte etwas sagen. Er wusste es jetzt. Er wusste, um wen es sich bei seinem Angreifer handeln musste. Er begriff, um welche Geschichte in seinem Leben es ging. Wie hatte er so lange im Dunkeln tappen können?

Es war zu spät. Er konnte nicht mehr sprechen. Er atmete nur noch. Wild, unvernünftig, panisch, hastig, immer schneller.

Er atmete den letzten wenigen Sauerstoff, der ihm blieb.