cover

HENRY MARSH

UM LEBEN UND TOD

Ein Hirnchirurg erzählt
vom Heilen, Hoffen und Scheitern

Aus dem Englischen von
Katrin Behringer

Deutsche Verlags-Anstalt

Die Originalausgabe erschien 2014
unter dem Titel Do No Harm. Stories of Life, Death and Brain Surgery
bei Weidenfeld & Nicolson, London.

Alle in diesem Buch geschilderten Ereignisse und klinischen Szenarien haben sich tatsächlich zugetragen; allerdings wurden in einigen Fällen Namen und andere Erkennungsmerkmale geändert, um die Privatsphäre der betreffenden Kolleginnen und Kollegen sowie Patientinnen und Patienten zu schützen.

1. Auflage

Copyright © Henry Marsh 2014

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe
2015 Deutsche Verlags-Anstalt, München,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Alle Rechte vorbehalten

In Kooperation mit dem SPIEGEL-Verlag, Hamburg

Fachlektorat: Dr. Christian Schroers, Bristol

Layout und Satz: DVA/Brigitte Müller

Gesetzt aus der Fabiol

ISBN 978-3-641-15370-0

www.dva.de

Für Kate, ohne die dieses Buch
nie geschrieben worden wäre

»Vor allem nicht schaden …«

Gemeinhin HIPPOKRATES VON KOS (circa 460 v. Chr.) zugeschrieben

»Jeder Chirurg trägt einen kleinen Friedhof in sich, den er von Zeit zu Zeit zu einem Selbstgespräch aufsucht, ein kleiner Friedhof voll Bitterkeit und Ysop, den er nach dem Grund gewisser Misserfolge befragt.«

RENÉ LERICHE, Philosophie der Chirurgie, 1954

Inhalt

Vorwort

1 – PINEOZYTOM

2 – ANEURYSMA

3 – HÄMANGIOBLASTOM

4 – MELODRAMA

5 – TIC DOULOUREUX

6 – ANGOR ANIMI

7 – MENINGEOM

8 – PLEXUSPAPILLOM

9 – LEUKOTOMIE

10 – TRAUMA

11 – EPENDYMOM

12 – GLIOBLASTOM

13 – INFARKT

14 – NEUROTMESIS

15 – MEDULLOBLASTOM

16 – HYPOPHYSENADENOM

17 – EMPYEM

18 – KARZINOM

19 – AKINETISCHER MUTISMUS

20 – HYBRIS

21 – PHOTOPSIE

22 – ASTROZYTOM

23 – TYROSINKINASE

24 – OLIGODENDROGLIOM

25 – ANAESTHESIA DOLOROSA

Dank

Eine Anmerkung zum Buchcover

Vorwort

29294.jpg

Wenn wir als Patient im Krankenhaus liegen, um unser Leben bangen und uns ein furchteinflößender chirurgischer Eingriff bevorsteht, müssen wir den Ärztinnen und Ärzten, die uns behandeln, vertrauen – zumindest machen wir uns das Leben ziemlich schwer, falls wir das nicht tun. Kein Wunder also, dass wir, um unseren Ängsten Herr zu werden, Ärzten übermenschliche Fähigkeiten zuschreiben. Wenn die Operation gelingt, ist der Chirurg ein Held, scheitert er, wird er unweigerlich zum Bösewicht.

Die Realität sieht natürlich vollkommen anders aus. Auch Ärzte sind nur Menschen, und vieles von dem, was in Krankenhäusern geschieht, hängt vom Zufall ab. Häufig liegen Erfolg und Scheitern nicht im Einflussbereich des Arztes. Zu wissen, wann man nicht operieren sollte, ist genauso wichtig wie zu wissen, wie man operiert, eine Fähigkeit, die allerdings sehr viel schwerer zu erwerben ist.

Das Leben eines Hirnchirurgen ist alles andere als langweilig und kann zutiefst bereichernd sein, doch es hat seinen Preis. Man macht zwangsläufig Fehler, und man muss lernen, mit den bisweilen entsetzlichen Konsequenzen zu leben. Man muss lernen, angesichts des Erlebten objektiv zu bleiben und sich nicht von seinen Gefühlen leiten zu lassen, ohne dabei jedoch seine Menschlichkeit zu verlieren. Die Geschichten in diesem Buch handeln von meinen Versuchen, und gelegentlichen Fehlschlägen, das richtige Maß zwischen Abgeklärtheit und Mitgefühl, zwischen Hoffnung und Realitätssinn, zu finden – Eigenschaften, die für eine Laufbahn als Chirurg unerlässlich sind. Ich habe nicht die Absicht, das Vertrauen, das die Öffentlichkeit Gehirnchirurgen oder dem Berufsstand der Ärzte insgesamt entgegenbringt, zu untergraben. Ich hoffe aber, dass mein Buch dazu beitragen kann, die – in so vielen Fällen eher menschlichen als fachlichen – Probleme begreiflich zu machen, denen sich Ärzte bei der Ausübung ihres Berufs gegenübersehen.

1

15272.jpg

PINEOZYTOM

das, -s: ein seltener, langsam wachsender
Tumor der Zirbeldrüse

Häufig muss ich in das Gehirn hineinschneiden – etwas, was ich überhaupt nicht gern tue. Dazu veröde ich zunächst mithilfe einer elektrischen Koagulationspinzette die wunderschönen, fein verästelten roten Blutgefäße, die die glänzende Oberfläche des Gehirns überziehen. In diese Oberfläche schneide ich dann mit einem kleinen Skalpell ein Loch, durch das ich einen feinen Sauger hindurchschiebe: Da das Gehirn die Konsistenz von Wackelpudding hat, stellt der Sauger das wichtigste Werkzeug eines Hirnchirurgen dar. Ich blicke durch mein Operationsmikroskop, taste mich langsam durch die weiche weiße Substanz des Gehirns nach unten vor und halte dabei Ausschau nach dem Tumor. Die Vorstellung, dass mein Sauger sich in diesem Moment durch das Denken selbst, durch Gefühl und Vernunft, bewegt, die Vorstellung, dass Erinnerungen, Träume und Gedanken aus Wackelpudding sein sollen, ist schlicht zu merkwürdig, um nachvollziehbar zu sein. Alles, was ich vor mir sehe, ist Materie. Und dennoch weiß ich: Falls ich mich in die falschen Regionen verirre, die sogenannten eloquenten Hirnareale, wie Neurochirurgen sie nennen, werde ich, wenn ich nach der Operation den Aufwachraum betrete, um zu sehen, was ich vollbracht habe, einem schwer geschädigten und behinderten Patienten gegenüberstehen.

Gehirnchirurgie ist hochriskant, auch wenn die moderne Technik das Risiko bis zu einem gewissen Grad verringert hat. So kann ich inzwischen, wenn ich am Gehirn operiere, eine Art von Navigationssystem nutzen, die sogenannte Neuronavigation, bei der Infrarotkameras auf den Kopf des Patienten gerichtet sind wie Satelliten, die die Erde umkreisen. Mithilfe der kleinen reflektierenden Kugeln, die an ihnen befestigt sind, sind die Kameras imstande, die Instrumente, die ich in der Hand halte, zu »sehen«. Dank eines Computers, der an die Kameras angeschlossen ist, wird mir auf einem kurz vor der Operation angefertigten Hirnscan die Position meiner Instrumente im Gehirn des Patienten angezeigt. Zudem habe ich die Möglichkeit, den Patienten im wachen Zustand unter örtlicher Betäubung zu operieren und dabei das Gehirn mit einer Elektrode zu stimulieren, um auf diese Weise die eloquenten Hirnareale zu erkennen. Meine Anästhesistin stellt dem Patienten währenddessen leichte Aufgaben, sodass wir gleich merken, ob ich im Verlauf der Operation irgendwelche Schädigungen verursache. Wenn ich am Rückenmark operiere – das noch empfindlicher ist als das Gehirn –, kann ich eine Untersuchungsmethode namens »evozierte Potenziale« einsetzen, die ebenfalls auf elektrischer Simulation basiert und mich warnt, bevor ich eine Lähmung verursache.

Doch trotz dieser ganzen Technik ist die Gehirnchirurgie nach wie vor ein gefährliches Unterfangen, und Geschicklichkeit und Erfahrung sind noch immer unerlässlich, wenn ich meine Instrumente in das Gehirn oder das Rückenmark gleiten lasse. Vor allem muss ich wissen, wann ich aufhören muss. Oft ist es ohnehin besser, der Krankheit ihren natürlichen Lauf zu lassen und überhaupt nicht zu operieren. Und natürlich spielt auch der Zufall eine große Rolle. Man kann Glück oder Pech haben, und mit zunehmender Erfahrung scheint mir das Glück immer wichtiger zu werden.

An diesem Tag musste ich einen Eingriff an einem Patienten vornehmen, der an einem Tumor der Zirbeldrüse litt. Im siebzehnten Jahrhundert verortete der dualistische Philosoph Descartes, der die Auffassung vertrat, Verstand und Gehirn seien voneinander getrennte Entitäten, die menschliche Seele in der Zirbeldrüse. Ihm zufolge war dies der Ort, an dem das materielle Gehirn auf magische und mysteriöse Weise mit dem Verstand und der unsterblichen Seele kommuniziert. Ich weiß nicht, was er gesagt hätte, wenn er hätte sehen können, wie meine Patienten auf einem Videomonitor ihr eigenes Gehirn betrachten, was manche von ihnen tun, wenn sie unter Lokalanästhesie operiert werden.

Tumoren der Zirbeldrüse, sogenannte Pinealome, sind sehr selten. Sie können sowohl gutartig als auch bösartig sein: Die gutartigen müssen nicht unbedingt behandelt werden, die bösartigen können zwar mittels Strahlen- und Chemotherapie behandelt werden, sind aber dennoch potenziell tödlich. In der Vergangenheit wurden sie als inoperabel eingestuft, was inzwischen dank der modernen mikroskopischen Neurochirurgie nicht mehr der Fall ist. Inzwischen gilt eine Operation als angezeigt, zumindest um eine Biopsie durchzuführen und die Art des Tumors festzustellen, sodass man im Anschluss festlegen kann, wie der Patient am besten therapiert werden soll. Die Zirbeldrüse sitzt tief im Zentrum des Gehirns, weshalb der Eingriff, wie Chirurgen es ausdrücken würden, eine Herausforderung ist. Wenn Neurochirurgen Schnittbilder von Zirbeldrüsentumoren betrachten, tun sie dies mit einer Mischung aus Furcht und Erregung, ähnlich wie Bergsteiger, wenn sie den Blick auf einen hohen Berggipfel richten, den sie erklimmen wollen.

Dieser spezielle Patient konnte sich nur schwer damit abfinden, dass er an einer lebensbedrohlichen Krankheit litt und sein Leben nun außerhalb seiner Kontrolle lag. Er arbeitete als hochrangige Führungskraft in einem Unternehmen. Die Kopfschmerzen, von denen er nachts aufgewacht war, hatte er zunächst auf den Stress geschoben, denn es hatte ihn stark belastet, dass er infolge der Finanzkrise von 2008 gezwungen war, zahlreiche Angestellte zu entlassen. Wie sich herausstellte, litt er jedoch an einem Zirbeldrüsentumor sowie an akutem Hydrozephalus. Da die Geschwulst die normale Zirkulation der Gehirn-Rückenmarks-Flüssigkeit um das Gehirn behinderte, hatte die Flüssigkeitsansammlung zu einem Druckanstieg in seinem Kopf geführt. Ohne Behandlung würde er innerhalb von wenigen Wochen erblinden und sterben.

In den Tagen vor der Operation hatte ich zahlreiche Gespräche mit ihm geführt, bei denen er sich sehr besorgt gezeigt hatte. Ich erklärte ihm, dass die Operation zwar Risiken berge, unter anderem, einen schweren Schlaganfall zu erleiden oder zu sterben, dass diese jedoch letztlich geringer seien als die Risiken, falls man nicht operieren würde. Alles, was ich sagte, tippte er mühsam in sein Smartphone, als könnte er durch das Eintippen der langen Wörter – obstruktiver Hydrozephalus, endoskopische Ventrikulostomie, Pineozytom, Pineoblastom – auf irgendeine Weise die Kontrolle über sein Leben zurückerlangen und womöglich gerettet werden. Doch nicht nur er war nervös, auch ich sah dem Eingriff an ihm mit einem unguten Gefühl entgegen. Der Grund dafür war eine Operation, die ich in der Woche zuvor durchgeführt hatte und die vollkommen missglückt war.

Am Abend vor der Operation war ich noch einmal bei ihm gewesen. Wenn ich am Abend vor einem chirurgischen Eingriff mit meinen Patienten spreche, versuche ich immer, mich nicht allzu lange bei den Risiken der bevorstehenden Operation aufzuhalten, über die ich sie bereits zu einem früheren Zeitpunkt aufgeklärt habe. Stattdessen versuche ich, ihnen Mut zu machen und ihnen die Angst zu nehmen, auch wenn dies bedeutet, dass ich mich selbst stärker unter Druck setze. Es ist leichter, anspruchsvolle Operationen durchzuführen, wenn man dem Patienten zuvor erklärt hat, dass der Eingriff furchtbar gefährlich ist und mit hoher Wahrscheinlichkeit schiefgehen wird – denn dann ist das quälende Schuldgefühl, das man empfindet, wenn er tatsächlich misslingt, womöglich nicht ganz so stark.

Seine Frau saß neben ihm und wirkte äußerst verängstigt.

»Die Operation an sich ist unkompliziert«, erklärte ich mit vorgetäuschtem Optimismus, um die beiden zu beruhigen.

»Aber es könnte sein, dass der Tumor sich als bösartig herausstellt, oder?«, wollte sie wissen.

Etwas widerstrebend gab ich zu, dass das der Fall sein könne. Ich erläuterte, dass während der Operation ein Gefrierschnitt angefertigt werde – also eine Gewebeprobe, die sofort im Anschluss von einem Pathologen untersucht werde. Würde dieser feststellen, dass es sich nicht um eine Krebsgeschwulst handelt, würde ich nicht versuchen müssen, auch noch den letzten Rest des Tumors zu entfernen. Und wenn es ein sogenanntes Germinom wäre, müsste ich die Geschwulst überhaupt nicht entfernen und ihr Mann könnte stattdessen mit einer Strahlentherapie behandelt – und höchstwahrscheinlich geheilt – werden.

»Also ist die Operation sicher, wenn es kein Krebs ist oder wenn es sich um ein Germinom handelt«, sagte sie mit unsicherer, am Ende leiser werdender Stimme.

Ich antwortete nicht gleich, da ich sie nicht ängstigen wollte. Meine Worte mit Bedacht wählend, erwiderte ich: »Ja – wenn ich nicht versuchen muss, alles herauszubekommen, ist die Operation deutlich weniger riskant.«

Wir unterhielten uns noch kurz weiter, bevor ich ihnen Gute Nacht wünschte und nach Hause fuhr.

Früh am nächsten Morgen lag ich im Bett und dachte an die junge Frau, die ich in der Woche zuvor operiert hatte. Sie hatte einen Tumor im Rückenmark, zwischen dem sechsten und dem siebten Halswirbel, und war – auch wenn ich nicht weiß warum, da der Eingriff scheinbar komplikationslos verlaufen war – mit einer rechtsseitigen Lähmung aufgewacht. Wahrscheinlich hatte ich versucht, zu viel von der Tumormasse zu entfernen. Ich war wohl zu selbstsicher und zu sorglos gewesen. Diese nächste Operation, die Operation an dem Zirbeldrüsentumor, musste daher unbedingt gut verlaufen – ich sehnte mich nach einem Happy End, danach, dass alle glücklich weiterleben würden bis ans Ende ihrer Tage, damit ich selbst wieder mit mir ins Reine kommen konnte.

Gleichzeitig wusste ich, dass ich – so sehr ich das Geschehene auch bedauerte und so gut die Operation an der Zirbeldrüse auch verlaufen mochte – den Schaden, den ich der jungen Frau zugefügt hatte, durch nichts auf der Welt wiedergutmachen konnte. Die Betrübnis, die ich empfand, war nichts im Vergleich dazu, was sie und ihre Familie nun durchmachen mussten. Und die nächste Operation würde auch nicht einfach deshalb erfolgreich verlaufen, weil ich so verzweifelt darauf hoffte oder weil die vorige OP derart missglückt war. Der Ausgang der Zirbeldrüsenoperation – ob der Tumor nun bösartig war oder nicht, ob es mir gelingen würde, ihn zu entfernen, oder ob er hoffnungslos mit dem Gehirn verwachsen war und alles furchtbar schiefgehen würde –, all das entzog sich weitgehend meiner Kontrolle. Und noch etwas war mir bewusst: Der Kummer darüber, was ich der jungen Frau angetan hatte, würde im Laufe der Zeit nachlassen. Von der Erinnerung daran, wie sie mit einem gelähmten Arm und Bein im Krankenhausbett gelegen hatte, würde allenfalls eine Narbe zurückbleiben, keine schmerzhafte Wunde. Sie würde sich in die Liste meiner Fehlschläge einreihen – ein weiterer Grabstein auf jenem Friedhof, den alle Chirurgen mit sich herumtragen, wie der französische Wundarzt Leriche einmal bemerkt hat.

Sobald eine Operation beginnt, verschwinden solche makabren Ängste normalerweise. Ich nehme das Skalpell – nicht mehr aus der Hand der Operationsschwester, sondern gemäß irgendwelcher Gesundheits- und Sicherheitsvorschriften von einer Metallschale – und schneide damit präzise und voller Chirurgen-Selbstbewusstsein durch die Kopfhaut des Patienten. In dem Moment, in dem das Blut aus der Wunde quillt, packt mich das Jagdfieber und ich fühle mich Herr der Lage. Normalerweise zumindest. An diesem Tag jedoch betrat ich den Operationssaal aufgrund des katastrophal verlaufenen Eingriffs in der vorangegangenen Woche mit heftigem Lampenfieber. Statt wie sonst mit der Operationsschwester und mit Mike, einem meiner Assistenten in der Facharztausbildung, zu plaudern, reinigte ich die Haut des Patienten und legte die OP-Abdecktücher auf, ohne ein Wort zu sagen.

Mike arbeitete bereits seit mehreren Monaten mit mir zusammen, und wir kannten uns inzwischen recht gut. In meiner dreißigjährigen Laufbahn habe ich zahlreiche Assistenzärzte betreut, und ich bilde mir ein, mit den meisten gut ausgekommen zu sein. Meine Aufgabe ist es, sie auszubilden, und ich muss für das, was sie tun, geradestehen; sie wiederum sind dazu da, mir zu assistieren, mich zu unterstützen und mir, falls nötig, Mut zu machen. Zwar sagen sie einem normalerweise nur das, was man ihrer Meinung nach hören will, aber dennoch kann die Beziehung sehr eng sein – vielleicht ein bisschen wie die zwischen Soldaten in der Schlacht –, und genau das werde ich auch am meisten vermissen, wenn ich einmal im Ruhestand bin.

»Was ist los, Chef?«, fragte Mike.

»Ich wundere mich nur, wie manche Leute glauben können, bei der Neurochirurgie gehe es darum, ruhig und rational wissenschaftliche Erkenntnisse anzuwenden«, brummte ich hinter meinem Mundschutz. »So ein Blödsinn. Wegen dieser verdammten Operation von letzter Woche fühle ich mich genauso nervös wie vor dreißig Jahren und nicht, als würde ich demnächst in Ruhestand gehen.«

»Ich kann’s kaum erwarten«, erwiderte Mike – ein Standardspruch, den sich die mutigeren meiner Assistenzärzte inzwischen, kurz vor Ende meiner beruflichen Laufbahn, trauen zu sagen. Zurzeit befinden sich mehr Ärzte in der Facharztausbildung, als es Facharztstellen gibt, und alle meine Assistenzärzte machen sich Sorgen um ihre Zukunft. »Und wer weiß, wie sich die Situation entwickelt?«, fügte er hinzu. »Sie wird sich bestimmt wieder erholen.«

»Das bezweifle ich.«

»Aber sicher wissen Sie es nicht …«

»Ja, das stimmt wohl.«

Wir standen inzwischen hinter dem bewusstlosen, narkotisierten Patienten, der in sitzender Position gelagert worden war. Mike hatte bereits einen schmalen Streifen Haare an seinem Nacken wegrasiert.

»Messer«, sagte ich zu Agnes, der Operationsschwester. Ich nahm es von der Schale, die sie mir hinhielt, und schnitt damit rasch durch den Hinterkopf des Mannes. Mike saugte das Blut ab, und ich schob die Nackenmuskeln auseinander, sodass wir anfangen konnten, durch den Schädelknochen zu bohren.

»Echt cool«, bemerkte Mike.

Nachdem ich die Kopfhaut des Mannes inzidiert, die Muskeln mit Wundhaken retrahiert, eine Kraniektomie des Schädels vorgenommen sowie die Hirnhäute eröffnet und eine Hochnaht angelegt hatte – die Chirurgie hat ihre ganz eigene, klassische Sprache –, ließ ich das Operationsmikroskop hereinbringen und nahm auf dem Operationsstuhl Platz. Anders als bei anderen Hirntumoren muss man bei einer Operation der Zirbeldrüse nicht durch das Gehirn hindurchschneiden, um an den Tumor heranzukommen. Hat man die Hirnhäute – die unter dem Schädel liegenden Gewebsschichten, die das Gehirn und das Rückenmark umschließen – erst einmal eröffnet, blickt man einen schmalen Spalt entlang, der den oberen Teil des Gehirns (die beiden Gehirnhälften) vom unteren Teil (dem Hirnstamm und dem Kleinhirn) trennt. Es fühlt sich an, als würde man einen langen Tunnel entlangkriechen. In einer Tiefe von etwa siebeneinhalb Zentimeter – was sich aufgrund der Vergrößerung des Mikroskops hundertmal länger anfühlt – wird man den Tumor schließlich finden.

Ich blicke nun direkt in das Zentrum des Gehirns: ein verborgener und geheimnisvoller Bereich, in dem sämtliche wichtige Vitalfunktionen, die uns am Leben und bei Bewusstsein halten, zu finden sind. Über mir liegen, wie die großen Bögen eines Kathedralendachs, die tiefen Hirnvenen: die beiden inneren Hirnvenen, darüber die Rosenthal-Vene und schließlich auf der Mittellinie die tiefblaue, im Licht des Mikroskops schimmernde Galen-Vene – anatomische Strukturen, die Neurochirurgen in Ehrfurcht versetzen. All diese Venen leiten große Mengen an venösem Blut aus dem Gehirn ab. Werden sie verletzt, führt dies zum Tod des Patienten. Vor mir sehe ich den körnig-roten Tumor und darunter das Dach des Mittelhirns. Schädige ich diesen Bereich, kann dies zu einem permanenten Koma führen. Zu beiden Seiten liegen die hinteren Hirnarterien, die die für das Sehen zuständigen Hirnregionen versorgen. Weiter vorn, oberhalb des Tumors, befindet sich der dritte Hirnventrikel. Hat man den Tumor entfernt, erscheint er wie eine Tür, die sich zu einem weit entfernten Flur mit weißen Wänden hin öffnet.

Das subtil Poetische, das diesen chirurgischen Bezeichnungen anhaftet, in Kombination mit der herrlichen Optik eines modernen ausbalancierten Mikroskops, machen diesen Eingriff zu einer der wunderbarsten neurochirurgischen Operationen überhaupt – zumindest, wenn alles gut geht. In diesem Fall waren, als ich mich dem Tumor näherte, mehrere Blutgefäße im Weg, die durchtrennt werden mussten. Man muss sehr genau wissen, welche man opfern kann und welche nicht. Ich fühlte mich, als wären mir mein ganzes Wissen und meine gesamte Erfahrung abhandengekommen. Jedes Mal, wenn ich durch ein Blutgefäß schnitt, zitterte ich leicht vor Angst. Allerdings lernt man als Chirurg schon früh in seiner Laufbahn, ein intensives Angstgefühl als normalen Bestandteil der täglichen Arbeit zu begreifen und trotzdem weiterzumachen.

Bis ich an den Tumor herankam, waren bereits anderthalb Stunden verstrichen. Ich entfernte ein winziges Stück, das in das Pathologielabor geschickt wurde, und lehnte mich in meinem OP-Stuhl zurück.

»Tja, jetzt heißt es warten«, sagte ich seufzend zu Mike. Es ist schwer, mitten in einer Operation plötzlich aufhören zu müssen, und so saß ich nervös und angespannt auf meinem Stuhl, wünschte mir sehnlich, mit dem Eingriff fortfahren zu können, und hoffte, der Kollege aus der Pathologie würde den Tumor als gutartig und operabel einstufen, der Patient würde überleben und ich könnte seiner Frau nach der Operation sagen, dass alles gut werden würde.

Nach einer Dreiviertelstunde hielt ich die Zwangspause nicht länger aus, schob meinen Stuhl vom Operationstisch weg und sprang auf, um noch im sterilen OP-Mantel und mit OP-Handschuhen zum nächsten Telefon zu eilen. Ich rief das Pathologielabor an und bat darum, mit dem Pathologen sprechen zu dürfen. Nach kurzem Warten kam er ans Telefon.

»Der Gefrierschnitt!«, rief ich. »Was ist denn jetzt damit?«

»Ah, richtig«, erwiderte der Pathologe, ohne sich aus der Ruhe bringen zu lassen. »Tut mir leid, dass es etwas länger gedauert hat. Ich war in einem anderen Teil des Gebäudes unterwegs.«

»Und was ist es jetzt?«

»Moment, ich sehe es mir gerade an. Ah ja, sieht aus wie ein unkompliziertes gutartiges Pineozytom …«

»Wunderbar! Vielen Dank!«

Ich verzieh ihm sofort und eilte zurück an den Operationstisch, wo schon alle auf mich warteten.

»Dann wollen wir mal wieder!«

Nachdem ich mir nochmals Arme und Hände gewaschen und desinfiziert hatte, nahm ich wieder auf meinem OP-Stuhl Platz, stützte die Ellbogen auf die Armlehnen und machte mich erneut daran, den Tumor zu entfernen. Jeder Hirntumor ist anders. Manche sind hart wie Stein, manche weich wie Wackelpudding. Manche sind ganz trocken, aus anderen hingegen quillt das Blut nur so heraus – gelegentlich so stark, dass Patienten während der Operation verbluten. Manche lassen sich herauslösen wie Erbsen aus der Schote, andere haben das Gehirn und die Blutgefäße des Gehirns bereits fest umwachsen. Die Bildgebung ist in diesem Fall wenig aufschlussreich; wie ein Tumor sich verhalten wird, weiß man erst, wenn man anfängt, ihn zu entfernen. Der Tumor dieses Mannes war, wie Chirurgen es ausdrücken würden, kooperativ und bot eine gute chirurgische Angriffsfläche – mit anderen Worten, er hatte sich nicht am Gehirn festgesetzt. Langsam löste ich ihn heraus und ließ ihn weg vom angrenzenden Gehirn in sich zusammenfallen. Nach drei Stunden sah es so aus, als hätte ich das meiste herausoperiert.

Da Pinealome so selten sind, kam irgendwann einer meiner Kollegen hinzu, um zu sehen, wie die Operation verlief. Vermutlich war er ein wenig neidisch.

Er blickte mir über die Schulter.

»Sieht doch ganz ordentlich aus.«

»Bis jetzt«, erwiderte ich.

»Es geht immer nur dann etwas schief, wenn man nicht damit rechnet«, gab er zurück, während er sich umdrehte, um in seinen eigenen OP-Saal zurückzukehren.

Ich operierte so lange weiter, bis ich den Tumor vollständig entfernt hatte, ohne dabei lebenswichtige angrenzende Gehirnstrukturen zu verletzen. Ich überließ es Mike, den Kopf wieder zu verschließen, und machte mich auf den Weg zur Station. Dort befanden sich zurzeit nur einige wenige Patienten, darunter die junge Mutter, die ich vor einer Woche operiert hatte und die nun gelähmt war. Ich sah sie allein in einem Nebenzimmer liegen. Wenn man sich einem Patienten nähert, dem man einen schweren Schaden zugefügt hat, fühlt es sich an, als würde ein Kraftfeld gegen einen drücken. Es hindert einen daran, die Tür zu öffnen, hinter der der Patient liegt und deren Türklinke sich anfühlt, als wäre sie aus Blei. Es schiebt einen weg vom Bett des Patienten und verhindert jegliches noch so zaghafte Lächeln. Man weiß nicht genau, wie man sich verhalten soll. Der Chirurg ist nun ein Bösewicht und Missetäter oder im besten Fall inkompetent, jedenfalls nicht mehr der allmächtige Held. Es ist wesentlich leichter, eilig an dem Patienten vorbeizugehen, ohne etwas zu sagen.

Ich betrat das Zimmer der Patientin und setzte mich neben sie auf einen Stuhl.

»Wie geht es Ihnen?«, fragte ich kleinlaut.

Sie sah mich an, verzog das Gesicht zu einer Grimasse, zeigte dann wortlos mit ihrem guten linken Arm auf den gelähmten rechten Arm, hob ihn an und ließ ihn leblos auf das Bett fallen.

»Ich habe es schon erlebt, dass so etwas nach einer Operation vorkommt, und die Patienten haben sich trotzdem wieder erholt, auch wenn es Monate gedauert hat. Ich bin fest davon überzeugt, dass Sie größtenteils wieder gesund werden«, sagte ich.

»Vor der Operation habe ich Ihnen vertraut«, erwiderte sie. »Warum sollte ich Ihnen jetzt vertrauen?«

Darauf wusste ich keine Antwort und starrte unbehaglich auf meine Füße.

»Aber ich glaube Ihnen«, sagte sie nach einer Weile, wenn auch vielleicht nur aus Mitleid.

Ich ging zurück zu den Operationssälen. Der Patient mit dem Zirbeldrüsentumor war vom OP-Tisch in ein Bett umgelagert worden und bereits aus der Narkose aufgewacht. Er lag mit dem Kopf auf einem Kissen und sah ganz verschlafen aus, während eine der Krankenschwestern ihm das Blut und den Knochenstaub von der Operation aus den Haaren wusch. Die Anästhesisten und OP-Kräfte lachten und unterhielten sich, während sie damit beschäftigt waren, die vielen Schläuche und Kabel umzuhängen, die an ihm befestigt waren, bevor er auf die Intensivstation verlegt werden konnte. Wäre er nicht so gut aufgewacht, hätten sie ihre Arbeit schweigend verrichtet. Die OP-Schwestern säuberten die Instrumente auf den Instrumententischen und stopften die benutzten Abdecktücher, Kabel und Schläuche in Abfallsäcke aus Plastik. Eine der Stationshilfskräfte wischte bereits das Blut vom Boden, um den Raum für den nächsten Eingriff vorzubereiten.

»Es geht ihm gut«, rief mir Mike quer durch den OP fröhlich zu.

Ich machte mich auf die Suche nach der Frau des Patienten. Sie wartete im Gang außerhalb der Intensivstation. Ihr Gesicht war starr vor Angst und Hoffnung, während sie verfolgte, wie ich auf sie zuging.

»Die Operation ist genau so verlaufen, wie wir es uns erhofft haben«, erklärte ich mit förmlicher, sachlicher Stimme, den abgeklärten, genialen Hirnchirurgen mimend. Doch dann konnte ich nicht anders: Ich ging auf sie zu, legte ihr die Hände auf die Schulter – und als sie ihre Hände auf meine legte, wir uns in die Augen blickten, ich ihre Tränen sah und einen Moment lang gegen meine eigenen Tränen ankämpfen musste, erlaubte ich mir einen kurzen, stillen Moment des Jubels.

»Ich glaube, es wird alles gut werden«, sagte ich.