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Zum Buch

Mikael Blomkvist steht vor einer Entscheidung. Böse Zungen behaupten, er sei nicht länger der Journalist, der er einst war. Lisbeth Salander hingegen ist aktiv wie eh und je. Die Wege kreuzen sich, als Frans Balder, einer der weltweit führenden Experten für künstliche Intelligenz, ermordet wird. Kurz vor seinem Tod hatte er Mikael Blomkvist brisante Informationen versprochen. Als Blomkvist erfährt, dass Balder auch in Kontakt zu Lisbeth Salander stand, nimmt er die Recherche auf. Die Spur führt zu einem US-amerikanischen Softwarekonzern, der mit der NSA verknüpft ist. Michael Blomkvist wittert seine Chance, die Enthüllungsstory zu schreiben, die er so dringend braucht. Doch wie immer verfolgt Lisbeth Salander ihre ganz eigene Agenda.





Zum Autor

David Lagercrantz, 1962 geboren, debütierte als Autor mit dem internationalen Bestseller »Allein auf dem Everest«. Seitdem hat er zahlreiche Romane und Sachbücher veröffentlicht, zuletzt die virtuos geschriebene Lebensgeschichte Zlatan Ibrahimovićs. Im Dezember 2013 wurde er vom schwedischen Originalverlag und Stieg Larssons Familie ausgewählt, den 4. Band der Millennium-Romane zu schreiben. Lagercrantz ist verheiratet und lebt in Stockholm.

David Lagercrantz

Verschwörung

Roman

Aus dem Schwedischen von Ursel Allenstein

HEYNE-Logo.eps

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel

Det som inte dödar oss

bei Norstedts, Stockholm



Copyright © 2015 by David Lagercrantz & Moggliden AB,
first published by Norstedts, Sweden in 2015.

Published by agreement with Norstedts Agency.

Copyright © 2015 der deutschen Ausgabe
by Wilhelm Heyne Verlag, München

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Redaktion: Leena Flegler

Satz: Vornehm Mediengestaltung GmbH, München

Umschlaggestaltung: Eisele Grafik-Design München,
Artwork nach einer Illustration von Jared Fulkerson,
Woodstock/Ontario

ISBN 978-3-641-15356-4
V003

www.heyne.de/millennium

Prolog

Ein Jahr zuvor im Morgengrauen

Diese Geschichte beginnt mit einem Traum, der für sich genommen nicht weiter bemerkenswert ist. Er handelt lediglich von einer Faust, die im alten Zimmer in der Lundagatan rhythmisch und ausdauernd auf eine Matratze schlägt.

Dennoch treibt dieser Traum Lisbeth Salander im Morgengrauen aus dem Bett. Sie setzt sich an ihren Computer und begibt sich auf die Jagd.

Teil I

Das wachende Auge

1. – 21. November

Die National Security Agency, kurz NSA, ist eine nationale Sicherheitsbehörde der USA, die dem Verteidigungsministerium untersteht. Das Hauptquartier liegt am Patuxent Freeway in Fort Meade in Maryland.

Seit ihrer Gründung im Jahr 1952 ist die NSA im Bereich der sogenannten Signals Intelligence aktiv – mittlerweile vor allem durch die Auswertung von Internet- und Telekommunikationsdaten. Die Befugnisse der Behörde wurden im Laufe der Zeit kontinuierlich erweitert. Heute überwacht sie täglich zwanzig Milliarden Gespräche und Korrespondenzen.

1. Kapitel

Anfang November

Frans Balder hatte sich immer für einen erbärmlichen Vater gehalten.

Obwohl August schon acht Jahre alt war, hatte Frans bisher kaum je versucht, die Vaterrolle zu übernehmen, und auch jetzt fühlte er sich dieser Aufgabe nicht unbedingt gewachsen. Aber er betrachtete sie als seine Pflicht, denn bei seiner Exfrau und ihrem schrecklichen Mann, dem Schauspieler Lasse Westman, musste der Junge leiden.

Deshalb hatte Frans Balder seine Stelle im Silicon Valley gekündigt und war nach Hause geflogen, und jetzt stand er fast schon in Schockstarre vor dem Terminal in Arlanda und wartete auf ein Taxi. Es war ein Teufelswetter: Regen und Sturm peitschten ihm ins Gesicht, und er fragte sich zum hundertsten Mal, ob er das Richtige tat.

War es nicht völlig absurd, dass ausgerechnet ein egozentrischer Idiot wie er ganz urplötzlich Vollzeitvater werden wollte? Im Grunde hätte er genauso gut einen Job im Zoo annehmen können. Er wusste nichts über Kinder, ja nicht einmal über das Leben im Allgemeinen, und was am allermerkwürdigsten war: Niemand hatte ihn darum gebeten. Keine Mutter, keine Großmutter hatte ihn angerufen und angefleht, er möge endlich seinen Teil der Verantwortung übernehmen.

Es war seine eigene Entscheidung gewesen, und jetzt wollte er trotz einer anderslautenden Sorgerechtsverfügung und ohne Vorwarnung bei seiner Exfrau auftauchen und den Jungen abholen. Bestimmt würde das einen Mordszirkus geben. Und sicher würde dieser verdammte Lasse Westman auf ihn losgehen. Aber daran ließ sich nun mal nichts ändern. Er sprang in ein Taxi, dessen Fahrerin manisch Kaugummi kaute und mit ihm Small Talk betreiben wollte. Das wäre ihr nicht einmal an einem seiner besseren Tage gelungen. Für Plaudereien hatte Frans Balder nämlich nicht viel übrig.

Er saß auf der Rückbank und dachte an seinen Sohn und alles, was in letzter Zeit passiert war. August war nicht der einzige und nicht einmal der wichtigste Grund für seine Kündigung bei Solifon gewesen. Sein ganzes Leben befand sich derzeit im Umbruch, und für einen Moment fragte er sich, ob er all das wirklich würde bewältigen können. Auf dem Weg nach Vasastan fühlte er sich plötzlich komplett blutleer, und er unterdrückte den Impuls, spontan einen Rückzieher zu machen. Nein, das durfte er jetzt nicht.

In der Torsgatan angekommen, zahlte er das Taxi, nahm sein Gepäck und stellte es direkt hinter dem Hauseingang ab. Lediglich den leeren Koffer mit der aufgedruckten bunten Weltkarte, den er am San Francisco International Airport gekauft hatte, nahm er mit, als er die Treppe hinaufstieg. Dann stand er atemlos vor ihrer Wohnungstür, schloss die Augen und malte sich Schreckensszenarien mit Wutausbrüchen und Wahnsinn aus. Im Grunde, dachte er, kann man es ihnen nicht einmal verübeln. Niemand taucht einfach unangemeldet auf und reißt ein Kind aus seiner vertrauten Umgebung, schon gar nicht ein Vater, dessen einziges Engagement bislang in regelmäßigen Überweisungen bestanden hat. Aber dies war eine Notsituation, so schätzte er es jedenfalls ein, und deshalb richtete er sich gerade auf und klingelte, so gern er auch auf dem Absatz kehrtgemacht hätte.

Zunächst reagierte niemand. Dann flog plötzlich die Tür auf, und vor ihm stand Lasse Westman mit seinen eindringlichen blauen Augen, seinem bulligen Oberkörper und seinen riesigen Pranken, die wie dafür geschaffen schienen, anderen Menschen Schmerzen zuzufügen, und derentwegen er in Filmen oft den Bösewicht mimen durfte, wenngleich er in keiner seiner Rollen auch nur annähernd so böse war wie im echten Leben. Davon war Frans Balder überzeugt.

»Du lieber Himmel«, rief Lasse Westman. »Wenn das mal keine Überraschung ist. Das Genie höchstpersönlich gibt sich die Ehre.«

»Ich bin hier, um August abzuholen«, sagte Frans Balder.

»Wie bitte?«

»Ich habe vor, ihn mitzunehmen, Lars.«

»Du machst Witze.«

»Ich habe es noch nie so ernst gemeint wie jetzt«, konterte er, und im selben Moment trat seine Exfrau Hanna im Hintergrund aus einem Zimmer. Sie war zwar nicht mehr ganz so schön wie früher – dazu hatte sie zu viel Tragisches erlebt und vermutlich auch zu viel geraucht und getrunken. Dennoch brandeten bei ihrem Anblick unversehens Gefühle in ihm auf, besonders als er ein blaues Mal an ihrem Hals entdeckte und sie ihn offenbar – trotz allem – willkommen heißen wollte. Aber sie kam nicht mal dazu, den Mund aufzumachen.

»Und warum solltest du dich plötzlich um ihn scheren?«, fragte Lasse Westman.

»Weil es jetzt reicht. August braucht Geborgenheit.«

»Und die willst ausgerechnet du ihm geben, Daniel Düsentrieb? Wann hast du denn zuletzt was anderes gemacht, als in einen Computerbildschirm zu glotzen?«

»Ich habe mich verändert«, sagte er und kam sich lächerlich vor, und zwar nicht nur, weil er selbst kein bisschen daran glaubte.

Dann zuckte er zusammen, als Lasse Westman mit seinem massiven Körper und seinem unterdrückten Zorn einen Schritt auf ihn zumachte. In diesem Augenblick wurde ihm auf niederschmetternde Weise klar, dass er nichts würde ausrichten können, wenn dieser Irre auf ihn losginge, und dass die ganze Idee von Anfang bis Ende absurd gewesen war. Merkwürdigerweise kam jedoch kein Wutausbruch und keine Szene, sondern lediglich ein bitteres Lachen, gefolgt von den Worten: »Na, das ist doch wunderbar!«

»Wie meinst du das?«

»Ganz einfach. Dass es längst Zeit wurde, oder, Hanna? Endlich zeigt der Herr Geschäftig mal ein bisschen Verantwortungsgefühl. Bravo, bravo!«, rief Lasse Westman und applaudierte theatralisch, was Frans Balder im Nachhinein am meisten Angst machte – wie leicht sie August freigegeben hatten.

Ohne zu protestieren – oder jedenfalls höchstens der Form halber –, überließen sie ihm den Jungen. Vielleicht hatten sie August ja nur als Last angesehen. Ihre Beweggründe waren schwer nachvollziehbar. Hanna warf Frans ein paar unergründliche Blicke zu, ihre Hände zitterten, und ihr Kiefer war angespannt. Trotzdem stellte sie zu wenige Fragen. Eigentlich hätte sie ihn ins Kreuzverhör nehmen, tausend Forderungen und Ermahnungen an ihn richten und besorgt sein müssen, die regelmäßigen Abläufe des Jungen könnten durcheinandergeraten. Stattdessen fragte sie nur: »Bist du dir sicher? Schaffst du das?«

»Ich bin mir sicher«, antwortete er, woraufhin sie in Augusts Zimmer gingen, und da sah Frans seinen Sohn zum ersten Mal seit mehr als einem Jahr wieder und war beschämt.

Wie hatte er einen solchen Jungen nur im Stich lassen können? Er war so wunderbar, so schön, mit seinen dichten Locken, seinem zarten Körper und diesen ernsten blauen Augen, die gerade konzentriert auf ein riesiges Puzzle von einem Segelschiff gerichtet waren. Seine ganze Haltung signalisierte ein stummes »Stört mich nicht!«, und Frans trat nur langsam auf ihn zu, als näherte er sich einem fremden, unberechenbaren Wesen.

Schließlich gelang es ihm, die Aufmerksamkeit des Jungen auf sich zu ziehen und ihn dazu zu bewegen, seine Hand zu nehmen und ihm auf den Flur hinaus zu folgen. Diesen Moment würde Frans nie vergessen. Was dachte August? Was glaubte er? Er sah weder zu Frans auf noch zu seiner Mutter und ignorierte ihre Abschiedsworte und ihr Winken. Er verschwand ganz einfach mit seinem Vater in den Aufzug. Schwieriger war es nicht.

August war Autist. Vermutlich war er auch in seiner körperlichen Entwicklung gestört, auch wenn dazu bisher keine eindeutige Diagnose vorlag und man genauso gut das Gegenteil hätte vermuten können, wenn man ihn mit ein wenig Abstand betrachtete. Mit seinen feinen, konzentrierten Gesichtszügen strahlte er eine fast majestätische Erhabenheit aus oder vermittelte zumindest den Eindruck, er hätte es nicht nötig, seiner Umgebung Beachtung zu schenken. Bei näherem Hinsehen war sein Blick jedoch wie von einem Schleier überzogen, und bisher hatte er noch kein einziges Wort gesprochen.

Damit hatte sich keine der Prognosen, die für den damals Zweijährigen gestellt worden waren, als zutreffend erwiesen. Die Ärzte hatten gemutmaßt, dass August vermutlich zu jener Minderheit autistischer Kinder gehörte, deren geistiges Leistungsvermögen nicht eingeschränkt war. Wenn er sich nur einer intensiven Verhaltenstherapie unterzöge, hätte er trotz allem recht gute Entwicklungschancen. Doch nichts war so gekommen wie erhofft, und wenn er ehrlich mit sich war, hatte Frans Balder keine Ahnung, was aus all den unterstützenden Maßnahmen geworden war – von der Schulbildung des Jungen ganz zu schweigen. Frans hatte in seiner eigenen Welt gelebt, war schließlich in die USA gegangen und dort mit allem und jedem in Konflikt geraten.

Er hatte sich wie ein Idiot verhalten. Aber jetzt würde er es wiedergutmachen und sich um seinen Sohn bemühen, und dafür legte er sich anfangs auch mächtig ins Zeug. Er bat um Einsicht in Augusts Krankenakten und rief Spezialisten und Pädagogen an. Schnell war ihm klar, dass sein Geld nicht August zugutegekommen, sondern anderweitig versickert war, vermutlich in Lasse Westmans ausschweifendem Leben und seinen Spielschulden. Offenbar hatte man den Jungen weitgehend sich selbst und seinen Zwängen überlassen, und vermutlich hatte er noch Schlimmeres über sich ergehen lassen müssen – denn auch aus diesem Grund war Frans nach Hause zurückgekehrt.

Eine Psychologin hatte ihn angerufen und besorgniserregende blaue Flecken am Körper des Jungen erwähnt, die Frans inzwischen mit eigenen Augen gesehen hatte. Sie waren überall auf Augusts Armen und Beinen, dem Brustkorb und den Schultern verteilt. Hanna behauptete, der Junge hätte sie sich bei seinen Anfällen selbst zugefügt, indem er sich wie wild hin- und hergeworfen hatte, und tatsächlich erlebte Frans Balder einen solchen Anfall schon am zweiten Tag mit August und war schockiert. Trotzdem ließen sich die blauen Flecken nicht allein damit erklären, glaubte er.

Er hatte den Verdacht, dass August misshandelt worden war, und zog einen Allgemeinmediziner und einen ehemaligen Polizisten aus seinem Bekanntenkreis zurate, und obwohl sie seine Vermutung nicht mit Sicherheit bestätigen konnten, wurde er immer aufgebrachter und verfasste eine Reihe von Eingaben und Anzeigen. Über all dem hätte er den Jungen beinahe vergessen. Es war tatsächlich leicht, ihn zu vergessen. Meistens saß August auf dem Boden seines Zimmers mit Meerblick, das Frans in seiner Villa in Saltsjöbaden für ihn eingerichtet hatte, und legte Puzzles – seine hoffnungslos komplizierten Puzzles mit zighundert Teilen, die er virtuos zusammenfügte, nur um sie im nächsten Moment wieder durcheinanderzuwirbeln und von vorn anzufangen.

Anfangs hatte Frans ihn dabei fasziniert beobachtet. Es war, als sähe man einem großen Künstler bei der Arbeit zu, und mitunter gab er sich der Illusion hin, der Junge könnte jeden Augenblick zu ihm aufsehen und etwas vollkommen Erwachsenes sagen. Doch August sagte kein Wort, und wenn er mal den Kopf hob, blickte er bloß schräg an Frans vorbei zum Fenster, ins Sonnenlicht, das vom Wasser reflektiert wurde. Frans ließ August dort in seiner Einsamkeit allein und ging auch nur selten mit ihm raus, nicht einmal in den Garten.

Offiziell hätte der Junge sich gar nicht in seiner Obhut befinden dürfen, und er wollte nichts riskieren, ehe die juristischen Voraussetzungen geschaffen waren. Deshalb überließ er seiner Haushälterin Lottie Rask sämtliche Einkäufe sowie das Kochen und Saubermachen. In diesen Lebensbereichen war Frans Balder ohnehin nicht kompetent. Er kannte sich mit seinen Computern und seinen Algorithmen aus, mit viel mehr aber auch nicht, und je mehr Zeit verstrich, umso häufiger widmete er sich ihnen wieder, verwendete die restliche Zeit auf die Korrespondenz mit Anwälten, und nachts schlief er genauso schlecht wie in den USA.

Draußen braute sich ein Unwetter zusammen. Abend für Abend trank er eine Flasche Rotwein, üblicherweise Amarone, was natürlich nichts half, jedenfalls nicht langfristig. Ihm ging es zunehmend schlechter, und er träumte davon, sich einfach in Luft aufzulösen oder an irgendeinem ungastlichen Ort fernab der Zivilisation unterzutauchen. Doch eines Samstags geschah etwas. Es war ein stürmischer, kalter Abend, und August und er gingen frierend den Ringvägen in Södermalm entlang.

Sie waren bei Farah Sharif im Zinkens väg eingeladen gewesen, und August hätte eigentlich längst im Bett sein müssen. Doch das Abendessen hatte sich in die Länge gezogen, Frans Balder hatte zu viel erzählt. Farah Sharif besaß dieses Talent – sie brachte Menschen dazu, ihr Herz zu öffnen. Frans und sie kannten sich seit dem Informatikstudium am Imperial College. Mittlerweile gehörte Farah zu den wenigen in diesem Land, die das gleiche Format hatten wie er oder zumindest problemlos seinen Gedankengängen folgen konnten, und es war unerhört befreiend für ihn, jemanden zu treffen, der ihn verstand.

Zugleich fand er sie attraktiv, aber obwohl er mehrere Anläufe unternommen hatte, war es ihm nie gelungen, sie zu verführen. Frans Balder war kein großer Verführer. Doch diesmal hatte sie sich mit einer Umarmung von ihm verabschiedet, aus der beinahe ein Kuss geworden wäre, und das betrachtete er als großen Fortschritt und musste immer noch daran denken, als August und er kurze Zeit später den Sportplatz am Zinkensdamm überquerten.

Frans beschloss, beim nächsten Mal einen Babysitter zu engagieren, denn wer wusste schon … Vielleicht. Ein Stück entfernt bellte ein Hund. Hinter ihm schrie eine Frau, ob wütend oder ausgelassen, konnte er nicht heraushören. Er blickte hinüber zur Hornsgatan und zu der Kreuzung, von wo aus er ein Taxi nehmen wollte oder die U-Bahn zum Slussen. Regen lag in der Luft, die Ampel sprang auf Rot, und auf der gegenüberliegenden Straßenseite stand ein verlebter Mann Mitte vierzig, der ihm entfernt bekannt vorkam. In diesem Moment griff er nach Augusts Hand. Er wollte sichergehen, dass der Sohn stehen blieb, und da spürte er es: Die Hand des Jungen war verkrampft, als reagierte er heftig auf irgendwas. Außerdem war sein Blick mit einem Mal intensiv und klar, als wäre der darüberliegende Schleier wie von Zauberhand beiseitegezogen worden und als hätte August, anstatt den Blick wie sonst nach innen zu richten, in diesem Fußgängerüberweg und in der Kreuzung etwas Tieferes, etwas Bedeutsameres erkannt als alle anderen Menschen. Deshalb ignorierte Frans die Ampel, als sie auf Grün umsprang.

Er ließ den Sohn einfach nur dastehen und in Ruhe die Szene betrachten, und ohne genau zu wissen, warum, war Frans in diesem Moment stark bewegt, auch wenn ihn die Gefühlsregung verwunderte, denn schließlich war es nur ein Blick, nichts weiter, und dieser Blick wirkte nicht einmal besonders strahlend oder glücklich. Dennoch erinnerte er Frans an etwas Fernes, Vergessenes, das tief in seinem Gedächtnis geschlummert hatte, und zum ersten Mal seit Langem konnte er aus seinen Gedanken wieder Hoffnung schöpfen.