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Paula Hawkins

Girl on the Train

Du kennst sie nicht,
aber sie kennt dich.

Roman

Deutsch von Christoph Göhler

Die Originalausgabe erschien 2015 unter dem Titel »The Girl on the Train« bei Doubleday, an imprint of Transworld Publishers, London.


Das Zitat von Henry Miller stammt aus:
Anaïs Nin/Henry Miller: Briefe der Leidenschaft. 1932–1953.
Scherz, Bern/München/Wien 1989.

1. Auflage

© der Originalausgabe 2015 by Paula Hawkins

© der deutschsprachigen Ausgabe 2015 by Blanvalet
in der Verlagsgruppe Random House GmbH, München

Redaktion: Leena Flegler

Umschlaggestaltung: buerosued.de
nach einem Entwurf von Claire Ward
Umschlagmotiv: Plainpicture/Bildhuset

WR · Herstellung: sam

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-15812-5

www.blanvalet-verlag.de

Für Kate

Sie liegt unter einer Silberbirke bei den alten Gleisen unter einem Steinhügel. Eigentlich ist es nur ein kleines Steinhäufchen. Ich wollte nicht, dass jemand auf ihr Grab aufmerksam würde, aber sie sollte wenigstens eine kleine Gedenkstätte bekommen. Dort wird sie in Frieden ruhen, ungestört und in aller Stille bis auf den Gesang der Vögel und das Rumpeln der vorbeifahrenden Züge.

Eine bringt Kummer, zwei bringen Jubel, bei dreien kommt ein Mädel. Bei dreien kommt ein Mädel. Bei drei bleibe ich regelmäßig hängen, weiter komme ich einfach nicht. Mein Kopf ist voll von Geräuschen, mein Mund blutverkleistert. Bei dreien kommt ein Mädchen. Ich kann die Elstern regelrecht lachen hören – sie lachen mich aus mit ihrem gehässigen Keckern. Götterboten. Todesboten. Jetzt kann ich sie sehen. Sie zeichnen sich schwarz vor der Sonne ab. Nein, nicht die Vögel, sondern etwas anderes. Da kommt jemand. Jemand spricht mit mir. Sieh nur. Sieh nur, wozu du mich gezwungen hast.

RACHEL

Freitag, 5. Juli 2013

Morgens

Da liegt ein Kleiderhaufen an den Gleisen. Hellblauer Stoff – vielleicht ein Hemd –, verknäuelt mit etwas schmutzig Weißem. Wahrscheinlich ist es nur Abfall, irgendwas aus einem Müllsack, der heimlich in das zugewucherte Waldstück oben am Bahndamm geschleudert wurde. Oder die Sachen wurden von einem der Arbeiter dort liegen gelassen, die an dem Streckenabschnitt beschäftigt sind. Schließlich sind sie oft genug hier. Vielleicht war es aber auch ganz anders. Meine Mutter meinte immer, ich hätte eine zu lebhafte Fantasie; Tom meinte das auch. Aber ich kann einfach nicht anders, ich sehe ein paar liegen gebliebene Fetzen, ein schmutziges T-Shirt oder einen Schuh und muss sofort an den zweiten Schuh denken und an die Füße, die daringesteckt haben.

Der Zug ruckelt und knarzt und quietscht sich wieder in Bewegung, der kleine Kleiderhaufen verschwindet aus meinem Blickfeld, und wir rumpeln weiter auf London zu, ungefähr so schnell wie ein guter Jogger. Aus der Reihe hinter mir höre ich ein resigniertes, verärgertes Seufzen. Der Acht-Uhr-vier-Zug von Ashbury nach Euston stellt die Geduld des abgeklärtesten Pendlers auf die Probe. Theoretisch dauert die Fahrt vierundfünfzig Minuten, aber das tut sie so gut wie nie: Der Streckenabschnitt ist uralt, zerfahren, von Signalstörungen und nie endenden Reparaturarbeiten geplagt.

Der Zug kriecht dahin; er zittert an Lagerhäusern und Wassertürmen, Brücken und Schuppen vorbei, an bescheidenen viktorianischen Häusern, die den Gleisen empört den Rücken zukehren.

Ich lehne den Kopf ans Zugfenster und lasse die Häuser an mir vorbeiziehen wie bei einer Kamerafahrt. Ich sehe sie so, wie andere sie nicht sehen; wahrscheinlich sehen nicht einmal ihre Bewohner sie aus dieser Perspektive. Zweimal am Tag bieten sich mir für einen Moment Einblicke in fremde Leben. Irgendwie hat der Anblick von Fremden, die daheim in Sicherheit sind, etwas Tröstliches.

Irgendwo klingelt ein Handy mit einer unpassend fröhlichen, munteren Melodie. Der Angerufene lässt sich Zeit; es dudelt und dudelt immer weiter. Ich spüre, wie die anderen Fahrgäste auf ihren Sitzen hin und her rutschen, mit Zeitungen rascheln, auf ihre Computer eintippen. Der Zug ruckt und schwankt um eine Biegung und verlangsamt die Fahrt vor einem roten Signal. Ich versuche, nicht aufzusehen; ich versuche, die Gratiszeitung zu lesen, die mir am Eingang zum Bahnhof in die Hand gedrückt wurde, doch die Worte verschwimmen vor meinen Augen; nichts kann mein Interesse wecken. Im Geist sehe ich immer noch den kleinen Kleiderhaufen verlassen neben der Strecke liegen.

Abends

Der Fertig-Gin-Tonic sprudelt über die Öffnung, als ich die Dose an die Lippen setze und den ersten Schluck nehme. Herb und kalt, der Geschmack meines allerersten Urlaubs mit Tom im Jahr 2005 in einem Fischerdorf an der baskischen Küste. Morgens schwammen wir die halbe Meile zu der kleinen Insel in der Bucht und liebten uns dort auf geheimen, versteckten Stränden; nachmittags saßen wir in einer Bar, tranken starken, bitteren Gin Tonic und sahen den Beachfußballern zu, die bei Ebbe auf dem Sand chaotische Spiele mit Mannschaften von je fünfundzwanzig Spielern austrugen.

Ich nehme noch einen Schluck, dann noch einen; die Dose ist schon halb leer, aber das ist schon in Ordnung. In der Plastiktüte zu meinen Füßen liegen noch drei. Und weil Freitag ist, brauche ich auch kein schlechtes Gewissen zu haben, wenn ich im Zug trinke. Thank God It’s Friday. Endlich Zeit für die Freuden des Lebens.

Das Wochenende soll herrlich werden, jedenfalls haben sie das angekündigt. Strahlender Sonnenschein, wolkenloser Himmel. Früher wären wir vielleicht mit einem Picknickkorb und der Zeitung in den Corly Wood gefahren, hätten den ganzen Nachmittag im getüpfelten Sonnenlicht auf einer Decke gelegen und Wein getrunken. Vielleicht hätten wir auch mit ein paar Freunden im Garten gegrillt oder uns im The Rose in den Biergarten gesetzt, bis unsere Gesichter vom Alkohol und von der Sonne geglüht hätten, und wären dann Arm in Arm nach Hause geschwankt, um auf dem Sofa einzuschlafen.

Strahlender Sonnenschein, wolkenloser Himmel und niemanden zum Spielen, nichts zu tun. So zu leben, wie ich es zurzeit tue, ist im Sommer noch schlimmer, wenn es so lang hell bleibt und die Dunkelheit so wenig Schutz bietet, wenn alle ständig unterwegs und dabei so aufdringlich, aggressiv glücklich sind. Es ist ermüdend, und man bekommt ein schlechtes Gewissen, weil man sich absondert.

Das Wochenende erstreckt sich endlos vor mir, achtundvierzig leere Stunden, die ich ausfüllen muss. Ich setze die Dose wieder an, aber es ist kein Tropfen mehr übrig.

Montag, 8. Juli 2013

Morgens

Wieder im Acht-Uhr-Vierer zu sitzen ist eine Erleichterung. Nicht dass ich es besonders eilig hätte, nach London zu kommen und die Woche in Angriff zu nehmen – eigentlich zieht mich überhaupt nichts nach London. Ich will mich nur in den weichen, durchgesessenen Velourssitz lehnen, will spüren, wie die Sonne warm durchs Fenster scheint, wie der Wagen hin und her und hin und her schaukelt, wie die Räder ihren beruhigenden Rhythmus auf die Schienen klopfen. Hier, wo ich die Häuser neben den Gleisen betrachten kann, bin ich lieber als irgendwo sonst.

Ungefähr auf der Hälfte der Fahrt ist wieder irgendein Signal defekt. Zumindest nehme ich an, dass es defekt ist, weil es praktisch immer auf Rot steht. Fast jeden Tag halten wir dort an, manchmal nur für ein paar Sekunden, manchmal für endlose Minuten. Wenn ich in Wagen D sitze, so wie meistens, und der Zug vor dem Signal anhält, so wie fast immer, habe ich den perfekten Ausblick auf mein Lieblingshaus an den Gleisen: Nummer fünfzehn.

Nummer fünfzehn sieht aus wie auch die meisten anderen Häuser an diesem Streckenabschnitt: eine viktorianische Doppelhaushälfte, zwei Stockwerke hoch, mit einem schmalen, gepflegten Garten, der nach etwa sieben Metern an einem Zaun endet. Dann folgen ein paar Meter Niemandsland, dahinter verlaufen die Gleise. Ich kenne dieses Haus mittlerweile in- und auswendig. Ich kenne jeden einzelnen Ziegelstein, ich kenne die Farben der Vorhänge im Schlafzimmer im ersten Stock (beige mit dunkelblauem Aufdruck), ich weiß, dass sich der Lack vom Fensterrahmen des Badezimmers schält und dass auf der rechten Dachseite vier Ziegel fehlen.

Ich weiß, dass die Bewohner dieses Hauses, Jason und Jess, an warmen Sommerabenden manchmal aus dem großen Schiebefenster klettern und sich auf ihre improvisierte Dachterrasse über der ausgebauten Küche im Erdgeschoss setzen. Sie sind das perfekte Paar. Er ist dunkelhaarig und gut gebaut, stark wie ein Bollwerk und dabei sanft und hat ein betörendes Lachen. Sie ist eines dieser zerbrechlichen Vögelchen, eine hellhäutige Schönheit mit einem kurz geschnittenen Blondschopf. Sie hat das richtige Gesicht für so eine Frisur: scharfe Wangenknochen, getüpfelt mit ein paar Sommersprossen, dazu ein elegantes Kinn.

Solange wir vor dem roten Signal feststecken, halte ich nach den beiden Ausschau. Jess sitzt morgens oft auf der Terrasse im Erdgeschoss, vor allem im Sommer, und trinkt Kaffee. Manchmal, wenn ich sie sehe, habe ich das Gefühl, dass sie mich ebenfalls sieht – dass sie meinen Blick erwidert –, und dann würde ich ihr am liebsten zuwinken. Jason sehe ich nicht ganz so häufig; er ist oft beruflich unterwegs. Aber selbst wenn sie nicht da sind, male ich mir aus, was sie vorhaben könnten. Vielleicht haben sie sich beide freigenommen, und sie liegt im Bett, während er ihr Frühstück macht, oder sie sind zusammen joggen, denn so was sähe ihnen ähnlich. (Tom und ich sind sonntags oft gemeinsam joggen gegangen – ich ein bisschen schneller als sonst, er ungefähr halb so schnell wie üblich, damit wir nebeneinander herlaufen konnten.) Vielleicht ist Jess aber auch oben im kleinen Zimmer und malt, oder sie stehen gemeinsam unter der Dusche, wo sie sich gegen die Kacheln stemmt und er seine Hände um ihre Taille legt.

Abends

Halb dem Fenster zugewandt und mit dem Rücken zum restlichen Wagen öffne ich eins der Chenin-Blanc-Fläschchen, die ich im Whistlestop in Euston gekauft habe. Der Wein ist zwar nicht kalt, aber das ist schon okay. Ich gieße ein bisschen was in einen Plastikbecher, schraube den Verschluss wieder zu und lasse die Flasche in meine Handtasche gleiten. Montags im Zug zu trinken ist wenig gesellschaftsfähig – es sei denn, man trinkt in Gesellschaft, aber das tue ich nicht.

Vertraute Gesichter sitzen in diesen Zügen, Menschen, die ich Woche für Woche sehe, entweder auf dem Hin- oder auf dem Rückweg. Ich erkenne sie wieder, und wahrscheinlich erkennen sie mich ebenfalls wieder. Ich weiß allerdings nicht, ob sie mich als das sehen, was ich wirklich bin.

Es ist ein strahlend schöner Abend, warm, aber nicht zu schwül, die Sonne steht erst am Beginn ihres gemächlichen Abstiegs, die Schatten werden langsam länger, und das Licht beginnt eben erst, die Bäume zu vergolden. Der Zug rattert vor sich hin, wir fliegen an Jasons und Jess’ Haus vorbei, und die beiden verschwinden in einem abendlichen Sonnenfleck. Manchmal, allerdings nicht allzu oft, sehe ich sie auch von dieser Seite der Gleise. Wenn gerade kein Zug in die entgegengesetzte Richtung fährt und wir langsam genug sind, kann ich einen Blick auf die beiden erhaschen, wie sie auf ihrer Terrasse sitzen. Wenn nicht – so wie heute –, dann stelle ich es mir einfach vor. Jess hat die Füße auf den Terrassentisch gelegt und ein Glas Wein in der Hand, während Jason hinter ihr steht und die Hände auf ihre Schultern legt. Ich meine fast zu spüren, wie sich seine Hände anfühlen, wie das Gewicht schützend und zuversichtlich auf ihrer Haut ruht. Manchmal ertappe ich mich dabei, dass ich mich zu erinnern versuche, wann mich zuletzt ein anderer Mensch berührt hat, und sei es nur bei einer Umarmung oder einem von Herzen kommenden Händedruck, und dann krampft sich mein Herz zusammen.

Dienstag, 9. Juli 2013

Morgens

Der Kleiderhaufen von letzter Woche liegt immer noch da. Er sieht staubiger und verlorener aus als noch vor ein paar Tagen. Irgendwo habe ich gelesen, dass ein Zug dir bei einem Aufprall die Kleider vom Leib reißen kann. Von einem Zug überfahren zu werden ist gar nicht so ungewöhnlich. Zwei-, dreihundertmal kommt das angeblich pro Jahr vor, das heißt spätestens alle zwei Tage. Ich weiß nicht, wie oft es sich dabei wirklich um Unfälle handelt. Während der Zug langsam weiterrollt, halte ich Ausschau nach Blut auf den Kleidern, kann aber nichts entdecken.

Wie üblich hält der Zug vor dem defekten Signal. Ich sehe Jess im Erdgeschoss vor der Terrassentür stehen. Sie trägt ein knallrosa Kleid, ihre Füße sind nackt. Sie wirft einen Blick über die Schulter; wahrscheinlich redet sie gerade mit Jason, der drinnen Frühstück macht. Mein Blick bleibt an Jess und an ihrem Heim hängen, während sich der Zug bedächtig vorwärtsschiebt. Die anderen Häuser will ich gar nicht sehen; erst recht nicht das vierte von hier aus, das Haus, in dem ich früher gewohnt habe.

Blenheim Road 23. Dort habe ich fünf Jahre lang gelebt – glücklich und am Boden zerstört. Inzwischen kann ich dieses Haus nicht mal mehr ansehen. Meine ersten eigenen vier Wände. Nicht die Wohnung meiner Eltern, keine Studenten-WG, sondern mein erstes eigenes Heim. Ich ertrage es nicht, das Haus zu sehen. Na schön, ich kann sehr wohl hinsehen, ich tue es auch, ich will es auch, ich will es nicht, ich gebe mir Mühe, es nicht zu tun. Jeden Tag ermahne ich mich, nicht hinzusehen, und dann tue ich es doch wieder. Ich kann einfach nicht anders, obwohl es dort nichts gibt, was ich sehen will, obwohl mich alles, was ich dort sehe, verletzen wird; obwohl mir noch ganz genau in Erinnerung ist, was für ein Gefühl es war, als ich an der Fassade emporsah und feststellte, dass die cremefarbene Leinenjalousie im Schlafzimmer im ersten Stock durch irgendwas in Babyrosa ersetzt worden war; obwohl ich noch genau weiß, wie ich mir vor Schmerz die Lippe blutig biss, als ich sah, wie Anna die Rosenbüsche am Zaun wässerte und das T-Shirt sich um ihren runden Bauch spannte.

Ich kneife die Augen zu und zähle bis zehn, fünfzehn, zwanzig. Geschafft, vorbei, es gibt nichts mehr zu sehen. Wir fahren in den Bahnhof von Witney ein und wieder hinaus, und der Zug nimmt Geschwindigkeit auf, während die Vororte mit den schmuddeligen Außenbezirken Nordlondons verschmelzen und die Reihenhäuser von Brücken voller Graffiti und leer stehenden Gebäuden mit eingeschlagenen Fenstern abgelöst werden. Je näher wir Euston Station kommen, umso nervöser werde ich. Der Druck baut sich langsam auf. Wie wird es heute laufen? Ungefähr fünfhundert Meter vor dem Bahnhof steht rechter Hand der Gleise ein heruntergekommener flacher Betonbau. Auf die Seite hat jemand einen Pfeil gesprayt, der in Richtung Bahnhof weist, daneben die Worte: DIE REISE ENDET. Ich muss an das Kleiderbündel neben den Schienen denken, und es schnürt mir die Kehle zu.

Abends

Der Zug, den ich abends nehme, der um vier vor sechs, ist eine Spur langsamer als der am Morgen – er braucht eine Stunde und eine Minute, volle sieben Minuten länger als der Morgenzug, obwohl er nicht öfter hält. Mich stört das nicht, denn so wenig es mich morgens nach London zieht, so wenig zieht es mich abends zurück nach Ashbury. Nicht nur, weil es ausgerechnet Ashbury ist – obwohl das Kaff wirklich schlimm ist, eine Satellitenstadt aus den Sechzigerjahren, die sich wie ein Krebsgeschwür in das Herz von Buckinghamshire gefressen hat. Nicht besser oder schlimmer als ein Dutzend anderer, ähnlicher Städtchen, mit Cafés und Handyläden und Sportgeschäften im Zentrum, umgeben von einem Ring aus Wohnvierteln, hinter denen das Reich der Multiplexkinos und Discountermärkte beginnt. Ich lebe in einem (einigermaßen) schicken, (einigermaßen) neuen Wohnhaus im Grenzbereich zwischen dem Geschäftszentrum und den Wohnbezirken am Stadtrand, aber zu Hause bin ich dort nicht. Mein Zuhause ist die viktorianische Doppelhaushälfte an den Gleisen, die mir einmal zum Teil gehört hat. In Ashbury gehört mir gar nichts, ich bin dort nicht mal Mieterin – ich bin nur Untermieterin in dem kleinen Gästezimmer in Cathys schmuckloser, unaufdringlicher Eigentumswohnung und damit ihrer Gunst und Gnade ausgeliefert.

Cathy und ich waren Studienfreundinnen. Eigentlich eher Bekannte; wir standen uns nie besonders nahe. Sie wohnte in meinem ersten Collegejahr im Zimmer gegenüber, und wir studierten das Gleiche, darum waren wir in jenen ersten einschüchternden Wochen natürliche Verbündete, bis wir beide andere Leute kennenlernten, mit denen wir mehr gemeinsam hatten. Nachdem das erste Jahr vorbei war, sahen wir uns nicht mehr allzu oft und nach dem College so gut wie gar nicht mehr, außer gelegentlich auf irgendwelchen Hochzeiten. Doch in der Stunde der Not hatte Cathy zufällig ein Zimmer frei, und so fiel meine Wahl auf sie. Ich war mir ganz sicher, dass ich nur ein paar Monate bleiben würde, sechs allerhöchstens. Ich hatte keine Ahnung, wohin ich sonst hätte gehen sollen. Ich hatte noch nie allein gelebt, ich war von meinen Eltern erst in die WG und dann zu Tom gezogen und fand die Vorstellung beängstigend, darum ließ ich mich darauf ein. Das war vor fast zwei Jahren.

Es ist nicht furchtbar. Cathy ist nett, allerdings auf eine ziemlich dominante Art. Sie legt Wert darauf, dass man ihre Nettigkeit bemerkt. Nett zu sein ist ihr wichtig, sie definiert sich darüber, und darum will sie auch, dass man es würdigt, und zwar oft, am besten täglich, was ziemlich ermüdend sein kann. Aber es ist nicht wirklich schlimm, ich könnte mir unangenehmere Charakterzüge bei einer Mitbewohnerin vorstellen. Nein, an meiner neuen Lage (für mich ist sie auch nach zwei Jahren noch neu) stört mich weniger Cathy, nicht einmal Ashbury. Mich stört, dass ich keine Kontrolle mehr über mein Leben habe. In Cathys Wohnung fühle ich mich immer wie ein gerade noch geduldeter Gast. Ich spüre es in der Küche, wo wir um den besten Platz rangeln, wenn wir uns etwas zum Abendessen zubereiten. Ich spüre es, wenn ich neben ihr auf dem Sofa sitze und sie die Fernbedienung in der Hand hält. Der einzige Raum, der mir – wenn überhaupt – zusteht, ist das winzige Zimmer, in das ein Doppelbett und ein Schreibtisch gestopft wurden, zwischen denen man gerade noch hindurchgehen kann. Das Zimmer ist einigermaßen gemütlich, aber kein Raum, in dem man sich gern aufhält, und so hänge ich lieber verschämt und machtlos im Wohnzimmer oder am Küchentisch herum. Ich habe nichts mehr unter Kontrolle, nicht einmal die Orte in meinem Kopf.

Mittwoch, 10. Juli 2013

Morgens

Die Hitze wird heftiger. Es ist gerade erst halb neun, aber es ist jetzt schon schwül, die Luft mit Feuchtigkeit gesättigt. Ein Gewitter wäre nicht schlecht, aber der Himmel ist unverschämt monoton und wässrig Blassblau. Ich wische mir den Schweiß von der Oberlippe. Ich wünschte mir, ich hätte daran gedacht, mir eine Flasche Wasser zu kaufen.

Ausgerechnet heute Morgen sehe ich nichts von Jason und Jess und bin schmerzlich enttäuscht. Albern, ich weiß. Ich suche das Haus Fenster für Fenster ab, aber es gibt nichts zu sehen. Unten sind die Vorhänge zurückgezogen, aber die Terrassentüren sind verschlossen, die Sonne spiegelt sich in den Scheiben. Auch das Fenster oben ist zugeschoben. Vielleicht ist Jason schon unterwegs und arbeitet. Er ist Arzt, glaube ich, wahrscheinlich bei einer dieser Organisationen im Ausland, ständig auf Abruf, immer liegt eine gepackte Reisetasche auf dem Kleiderschrank, und sobald ein Erdbeben im Iran oder ein Tsunami in Asien gemeldet wird, lässt er alles stehen und liegen, schnappt sich die Tasche und ist wenige Stunden später in Heathrow, um loszufliegen und Menschenleben zu retten.

Jess mit ihren kühn bedruckten Klamotten und ihren Converse und ihrer Schönheit, ihrer Haltung, arbeitet in der Modebranche. Vielleicht auch im Musikbusiness oder in der Werbung – sie könnte Stylistin oder Fotografin sein. Außerdem ist sie eine gute Malerin, sie hat definitiv eine künstlerische Ader. Ich sehe genau vor mir, wie sie oben im Gästezimmer bei offenem Fenster und brüllend lauter Musik mit dem Pinsel in der Hand vor einer an der Wand lehnenden Leinwand steht. Dort wird sie bis Mitternacht bleiben; Jason weiß, dass er sie nicht beim Malen stören darf.

Natürlich sehe ich sie nicht wirklich. Ich weiß nicht, ob sie malt oder ob Jasons Lachen tatsächlich so toll klingt oder ob Jess schöne Wangenknochen hat. Ihren Knochenbau kann ich von hier aus unmöglich erkennen, und ich habe auch noch nie Jasons Stimme gehört. Ich habe die beiden noch nie aus der Nähe gesehen; damals, als ich ein paar Häuser weiter wohnte, lebten die beiden noch nicht dort. Sie zogen erst nach meinem Auszug vor zwei Jahren dort ein, wann genau, weiß ich nicht. Sie sind mir vor vielleicht einem Jahr zum ersten Mal aufgefallen, und im Lauf der Monate wurden sie mir immer wichtiger.

Ich weiß auch nicht, wie sie in Wahrheit heißen, darum musste ich ihnen selbst Namen geben. Jason, weil sein gutes Aussehen etwas von einem britischen Filmstar hat, kein Depp und auch kein Pitt, aber ein Firth oder ein Jason Isaacs. Und Jess passt einfach gut zu Jason – und es passt zu ihr. Der Name ist genauso hübsch und sorglos wie sie. Die beiden sind wirklich füreinander geschaffen, sie sind ein gutes Gespann. Sie sind glücklich, das sehe ich ihnen an. Sie sind das, was ich früher war. Sie sind Tom und ich vor fünf Jahren. Sie sind, was ich verloren habe; alles, was ich gern wäre.

Abends

Die Knöpfe meiner unangenehm engen Bluse spannen über dem Busen, und unter meinen Achseln zeichnen sich Flecken ab, die Feuchtigkeit liegt klamm auf meinen Armen. Meine Augen und meine Kehle jucken. Heute Abend will ich die Reise so schnell wie möglich hinter mich bringen; ich verzehre mich danach heimzukommen, mich auszuziehen und unter die Dusche zu stellen, wo mich niemand sehen kann.

Ich studiere den Mann auf dem Sitz gegenüber. Er ist ungefähr so alt wie ich, Anfang, Mitte dreißig vielleicht, und hat dunkles, an den Schläfen ergrauendes Haar. Fahle Haut. Er trägt einen Anzug, aber er hat das Sakko ausgezogen und auf den Nebensitz gelegt. Vor ihm liegt aufgeschlagen ein papierdünnes MacBook. Er tippt nur langsam. Am rechten Handgelenk trägt er eine silberne Uhr mit großem Ziffernblatt – sie sieht teuer aus, womöglich eine Breitling. Und er kaut auf seiner Wange. Vielleicht ist er nervös. Oder einfach nur gedankenversunken. Weil er eine wichtige E-Mail an einen Kollegen im New Yorker Büro schreiben muss oder einen sorgsam komponierten Abschiedsbrief an seine Freundin. Auf einmal sieht er auf und schaut mich an; sein Blick wandert über mich hinweg und landet auf der kleinen Weinflasche auf dem Tischchen vor mir. Dann sieht er wieder weg. Um seinen Mund spielt ein Zucken, das auf Ekel hindeutet. Er findet mich eklig.

Ich bin nicht mehr das Mädchen, das ich früher war. Ich bin nicht mehr begehrenswert, ich bin irgendwie abstoßend. Nicht nur, weil ich zugenommen habe und mein Gesicht vom Trinken und von zu wenig Schlaf aufgedunsen ist; es ist, als könnten die Menschen mir meine Defizite ansehen, sie lesen sie an meiner Miene, meiner Körperhaltung, meinen Bewegungen ab.

Als ich irgendwann letzte Woche nachts aus meinem Zimmer kam, um mir ein Glas Wasser zu holen, hörte ich Cathy im Wohnzimmer mit ihrem Freund Damien reden. Ich blieb im Flur stehen und lauschte. »Sie ist einsam«, sagte Cathy. »Ich mache mir wirklich Sorgen um sie. Es ist nicht gut, dass sie immer allein ist.« Dann fragte sie: »Wüsstest du nicht jemanden, vielleicht von der Arbeit oder aus dem Rugbyverein?«, und Damien antwortete: »Für Rachel? Ohne Scheiß, Cath, ich weiß nicht, ob ich jemanden kenne, der so verzweifelt ist.«

Donnerstag, 11. Juli 2013

Morgens

Ich zupfe an dem Pflaster an meinem Zeigefinger. Es ist immer noch feucht; es wurde nass, als ich vorhin meine Kaffeetasse ausspülte. Es fühlt sich klamm und schmutzig an, dabei war es heute Morgen noch ganz frisch. Ich will es noch nicht ablösen; der Schnitt war immerhin ziemlich tief. Als ich gestern heimkam, war Cathy ausgegangen, darum zog ich noch einmal los in den Laden an der Ecke und kaufte dort zwei Flaschen Wein. Nachdem ich die erste geleert hatte, dachte ich, wenn Cathy schon mal weg ist, könnte ich ja die Gelegenheit nutzen und mir ein Steak braten, vielleicht mit einem Relish aus roten Zwiebeln, und grünen Salat dazu essen. Ein gutes, gesundes Abendessen. Nur dass ich mir beim Zwiebelschneiden in die Fingerkuppe geschnitten habe. Offenbar war ich im Bad, um die Wunde zu säubern, und dann muss ich mich kurz hingelegt und dabei die Küche komplett vergessen haben, denn als ich um zehn wieder aufwachte, konnte ich hören, wie Cathy und Damien sich unterhielten und er sagte, wie eklig es sei, dass ich alles immer in einem derartigen Zustand hinterlasse. Cathy kam nach oben, um nach mir zu sehen, sie klopfte leise an und drückte die Tür einen Spaltbreit auf. Dann legte sie den Kopf schief und fragte, ob alles in Ordnung sei. Ich entschuldigte mich, ohne genau zu wissen, wofür. Sie sagte, es sei schon okay, aber ob ich wohl nach unten kommen und ein bisschen aufräumen könnte. Das Schneidebrett war blutbesudelt, die ganze Küche roch nach rohem Fleisch, das Steak lag, mittlerweile schon leicht angegraut, immer noch auf der Theke. Damien begrüßte mich nicht mal, er schüttelte bei meinem Anblick nur wortlos den Kopf und verschwand nach oben in Cathys Schlafzimmer.

Nachdem beide ins Bett gegangen waren, fiel mir die zweite Flasche wieder ein, und ich machte sie auf. Ich setzte mich aufs Sofa und sah fern, den Ton ganz leise gedreht, damit sie mich nicht hörten. Was ich mir ansah, weiß ich nicht mehr, aber irgendwann muss ich mich einsam gefühlt haben oder euphorisch oder was weiß ich, weil ich plötzlich unbedingt mit jemandem reden wollte. Offenbar war das Kontaktbedürfnis schier übermächtig, und außer Tom hatte ich niemanden, den ich anrufen konnte.

Ich will mit niemandem reden außer mit Tom. Der Anrufliste in meinem Handy zufolge habe ich ihn viermal angerufen: um 23:02 Uhr, 23:12 Uhr, 23:54 Uhr und um 00:09 Uhr. Nach der Länge der Anrufe zu schließen habe ich zwei Nachrichten hinterlassen. Vielleicht hat er sogar einen der Anrufe entgegengenommen, aber ich kann mich nicht mehr erinnern, dass ich mit ihm gesprochen hätte. Ich weiß nur noch, wie ich die erste Nachricht aufgesprochen habe; ich glaube, ich habe ihn gebeten, mich zurückzurufen. Vielleicht habe ich auch beide Male das Gleiche gesagt, was nicht allzu schlimm wäre.

Der Zug kommt bebend vor dem roten Signal zum Stehen, und ich blicke auf. Jess sitzt auf der Terrasse und trinkt Kaffee. Sie hat die Füße auf die Tischkante gestützt und den Kopf in den Nacken gelegt und sonnt sich. Hinter ihr meine ich einen Schatten wahrzunehmen, eine Bewegung: Jason. Ich würde ihn so gern sehen, einen Blick auf sein ebenmäßiges Gesicht werfen. Ich will, dass er herauskommt, dass er sich hinter sie stellt, wie so oft, sie auf den Scheitel küsst.

Doch er kommt nicht heraus, und ihr Kopf fällt nach vorn. Irgendwie habe ich den Eindruck, dass sie sich heute anders bewegt als sonst; schwerfälliger, fast schon niedergedrückt. Ich beschwöre ihn, zu ihr auf die Terrasse zu treten, aber der Zug ruckt und macht einen Satz nach vorn, ohne dass er sich gezeigt hätte. Im nächsten Moment ertappe ich mich dabei, wie ich gedankenverloren auf mein Haus starre und den Blick nicht mehr abwenden kann. Die Terrassentüren stehen weit offen, Licht strömt in die Küche. Ich weiß nicht, ob ich es wirklich sehe oder ob ich es mir bloß einbilde, ich weiß es beim besten Willen nicht – steht sie dort drinnen an der Spüle und wäscht ab? Liegt dort, mitten auf dem Küchentisch, ein kleines Mädchen in einer dieser kleinen Babywippen?

Ich schließe die Augen, lasse die Dunkelheit anwachsen und sich ausbreiten, bis sie von tiefer Trauer zu etwas noch Schlimmerem transformiert: zu einer Erinnerung, einem Flashback. Ich habe ihn nicht nur gebeten, mich zurückzurufen. Jetzt weiß ich es wieder: Ich habe geweint. Ich habe ihm erklärt, dass ich ihn immer noch liebe. Dass ich ihn immer lieben werde. Bitte, Tom, bitte, ich muss mit dir reden. Du fehlst mir. Nein nein nein nein nein nein nein.

Ich muss mich damit abfinden; es hat keinen Sinn, die Augen davor zu verschließen. Den ganzen Tag werde ich mich elend fühlen, in wiederkehrenden Wellen wird es mich quälen – erst stärker, dann schwächer, dann wieder stärker –, der Knoten in meiner Magengrube, die peinigende Scham, das glühende Gesicht, die fest zusammengekniffenen Augen, als könnte ich damit alles auslöschen. Und den ganzen Tag über werde ich mir einreden: Es ist doch gar nicht so schlimm, oder? Es ist nicht das Schlimmste, was mir je passiert ist, es ist nicht so schlimm, wie in aller Öffentlichkeit zu Boden zu gehen oder mitten auf der Straße einen Fremden anzuschreien. Es ist nicht so schlimm, wie bei einem Grillfest meinen Mann zu blamieren, indem ich die Frau eines seiner Freunde beschimpfe. Es ist nicht so schlimm, wie nachts zu Hause mit ihm zu streiten, bis ich mit dem Golfschläger auf ihn losgehe und damit im Flur vor unserem Schlafzimmer eine tiefe Kerbe in den Putz schlage. Es ist nicht so schlimm, wie nach einer dreistündigen Mittagspause durchs Büro zu taumeln, bis alle glotzen und Martin Miles mich beiseitenimmt. Du solltest vielleicht lieber heimgehen, Rachel. In einem Buch einer trockenen Alkoholikerin hab ich einmal gelesen, wie sie zwei Männern einen Blowjob verpasste – zwei Männern, die sie gerade erst in einem Lokal an einer belebten Londoner Straße kennengelernt hatte. Ich las das und weiß noch, wie ich dachte: So schlimm bin ich nicht. Das ist inzwischen die Messlatte.

Abends

Ich musste den ganzen Tag an Jess denken und konnte mich auf nichts anderes konzentrieren als auf die Szene von heute Morgen. Wie kam ich überhaupt auf den Gedanken, dass dort irgendwas nicht gestimmt hätte? Auf die Entfernung konnte ich unmöglich ihr Gesicht erkennen, doch als ich sie ansah, spürte ich, dass sie allein war. Nicht nur allein – einsam. Vielleicht war sie das ja auch; vielleicht ist er verreist, in irgendeines jener heißen Länder, in die er immer fliegen muss, um Leben zu retten. Und sie vermisst ihn und macht sich Sorgen, obwohl sie genau weiß, dass er wegmusste.

Natürlich vermisst sie ihn – genauso wie ich. Er ist freundlich, stark, er besitzt all die Eigenschaften, die ein Ehemann haben sollte. Und die beiden sind Partner. Ich sehe es ihnen an, ich weiß schließlich, wie sie miteinander umgehen. Dass er diese Stärke, diesen Beschützerinstinkt ausstrahlt, bedeutet allerdings nicht, dass sie schwach wäre. Sie hat andere Stärken; sie vollführt intellektuelle Gedankensprünge, bei denen es ihm vor Bewunderung die Sprache verschlägt. Sie stößt sofort zum Kern eines Problems vor, seziert und analysiert es schneller, als andere Leute »Guten Morgen« sagen können. Bei Partys hält er gern ihre Hand, obwohl sie seit Jahren zusammen sind. Sie respektieren einander, sie machen sich nicht gegenseitig klein.

Heute Abend bin ich völlig erledigt. Ich bin nüchtern, stocknüchtern. An manchen Tagen fühle ich mich so elend, dass ich unbedingt trinken muss; an anderen Tagen so elend, dass ich nichts trinken kann. Heute dreht sich mir bei dem bloßen Gedanken an Alkohol der Magen um. Aber abends nüchtern im Zug zu sitzen ist eine Herausforderung, vor allem jetzt, bei dieser Hitze. Ein Schweißfilm überzieht meine Haut, in meinem Mund prickelt es, meine Augen brennen, die Wimperntusche hat sich in den Augenwinkeln abgesetzt.

Ich schrecke auf, weil in meiner Handtasche das Handy summt. Am anderen Fenster sitzen zwei Mädchen, die erst mich und dann einander ansehen und verstohlen lächeln. Ich habe keine Ahnung, was sie denken, aber ich weiß, dass es nichts Gutes ist. Mein Herz hämmert, während ich nach dem Handy krame. Mir ist klar, dass auch der Anruf nichts Gutes bedeuten kann. Womöglich ist es Cathy, die mich ganz freundlich fragt, ob ich heute Abend nicht vielleicht eine Trinkpause einlegen möchte? Oder meine Mutter, die mir eröffnet, dass sie nächste Woche nach London kommen, dass sie mich im Büro besuchen will und wir dann zusammen mittagessen gehen könnten? Ich werfe einen Blick aufs Display. Es ist Tom. Ich zögere nur eine Sekunde, dann nehme ich das Gespräch entgegen.

»Rachel?«

In den ersten fünf Jahren, die ich ihn kannte, nannte er mich nie Rachel, immer nur Rach. Manchmal auch Shelley, weil er genau wusste, dass ich den Namen nicht ausstehen konnte, und es ihn zum Lachen brachte, wenn er sah, wie ich erst zusammenzuckte und dann kichern musste, weil ich nicht anders konnte, als mit ihm zu lachen.

»Rachel? Ich bin’s.« Seine Stimme ist bleiern, er klingt abgekämpft. »Hör zu, du musst damit aufhören, okay?«

Ich sage nichts. Der Zug wird langsamer, wir sind fast auf einer Höhe mit seinem Haus, mit meinem alten Haus. Ich möchte zu ihm sagen: Komm raus, schnell, stell dich auf den Rasen. Ich will dich sehen.

»Bitte, Rachel, du darfst mich nicht ständig anrufen. Du musst dein Leben endlich in den Griff bekommen.«

In meiner Kehle sitzt ein Kloß, hart wie ein Kieselstein und genauso glatt und sperrig. Ich kann nicht schlucken. Ich bringe kein Wort heraus.

»Rachel? Bist du noch dran? Ich weiß, es geht dir nicht gut, und das tut mir auch leid, ehrlich, aber … Ich kann dir nicht helfen, und diese ständigen Anrufe machen Anna echt fertig. Okay? Ich kann dir nicht mehr helfen. Geh zu den Anonymen Alkoholikern oder so. Bitte, Rachel, geh heute nach der Arbeit zu irgendeinem AA-Treffen.«

Ich ziehe das verdreckte Pflaster von meiner Fingerkuppe und betrachte das blasse, verschrumpelte Fleisch darunter, das eingetrocknete Blut am Rand des Fingernagels. Ich presse den Daumennagel meiner rechten Hand auf den Schnitt und spüre, wie er sich mit einem scharfen, heißen Schmerz wieder öffnet. Blut fließt aus der Wunde. Die Mädchen auf der anderen Seite des Wagens beobachten mich mit unbewegten Mienen.