cover

 

 

 

 

© 2014 Verlag beruf& leben GbR

Alle Urheber- und Verlagsrechte vorbehalten

ISBN 978-3-9815405-0-5 (ePUB)

ISBN 978-3-9815405-1-2 (Kindleversion)

 

Zusammenfassung

Viele schwierige Situationen in der Lehre haben ihren Ursprung darin, dass unterschiedliche Lernpräferenzen von Studierenden auf gegenteilige Lehrpräferenzen von Lehrenden treffen. Wer die eigenen Lehrpräferenzen kennt, kann besser auf die Bedürfnisse Studierender eingehen und lernerzentriert lehren. Ihre Lehrpräferenz ist Ihre Stärke - die Sie so gut wie möglich einsetzen sollen.

Der folgende Text erläutert die Grundlagen der Anwendung der wissenschaftlichen Erkenntnisse aus der Forschung zum MBTI ® im Lehralltag und ermöglicht Ihnen, diese direkt anzuwenden.

Durch den MBTI ® werden die persönlichen Stärken und das Lehrverhalten mit Hilfe eines Instruments reflektiert, das den direkten Anschluss an das (Lern)verhalten der Studierenden erlaubt und eine bewusstere Gestaltung von Lehre ermöglicht. Was bislang vielleicht eher unbewusst "passierte", wird durch den MBTI  ® in bewusst verfügbare und einsetzbare Handlungsoptionen überführt.

In anderen Ländern, u.a. USA oder Canada, kennen bis zu 85 % der Lehrenden an Universitäten, Colleges oder Schulen ihren Typ und ihre Präferenzen.

Erkennen Sie sich als Lehrende/r selbst und überlegen Sie, wie Sie - ohne Ihre Präferenz, die ja Ihre Stärke darstellt, zu unterdrücken - dennoch möglichst gut Studierende mit einer gegenteiligen Präferenz unterstützen können; vor allem in Situationen, in denen Sie bemerken, dass Ihr präferierter Lehrstil gerade auf Inkompatibilität auf Seite einiger Lerner stößt.

Abstract

Many difficult situations in teaching have their origin in the fact that different learning preferences of students meet opposite teaching preferences of teachers. Teachers that know their own teaching preferencesare better in meeting the needs of students - their teaching will be focused on the learner. Your teaching preference is your strength - which you should use as perfect as possible.

The following text explains the basics of the application of scientific research findings to the MBTI ® in everyday teaching, and allows you to apply them directly.

Through the MBTI ® personal strengths and teaching behavior will be reflected with the help of an instrument, that allows a direct connection to the (learning) behavior of students - and so enables teachers to teach in a more conscious way. What may have been more random actions or teaching strategies in the past, is converted by the MBTI ® in consciously available and applicable options for action.

In other countries, for example the United States or Canada, up to 85% of the teaching staff at universities, colleges or schools know their type and their preferences.

Recognize yourself as a teacher and explore, how you can support students with a contrary preference as good as possible - without suppressing your preference that is your strength; especially in situations where you notice that your preferred way of teaching just comes across incompatibility on side of some learners.

Lehre: gestalten

Persönlichkeitstypologie und Hochschuldidaktik: Lehr- und Lernpräferenzen kennen und nutzen

Jede/r Lehrende kennt diese Situation: Sie haben eine Lerneinheit mit einem hohen Maß an Investition von Zeit und Sorgfalt vorbereitet - haben sich Gedanken gemacht, in welcher Form Sie den Inhalt am besten vermitteln, mit welchen Lernaktivitäten die Studierenden Gelerntes ausprobieren und verfestigen können und haben dafür auch informatives, und nach Ihrer Ansicht verständliches Material zusammengestellt; vielleicht gibt es sogar eine kleine Aufgabe, auf die Sie lernfördernde Rückmeldung geben wollen.

Im Seminar hören jedoch nur einige Studierende bei der Inputsequenz zu, wieder andere scheinen mit der Lernaktivität nichts anfangen zu können, viele lesen das Material nicht und stellen Fragen, die zwei Zeilen weiter ohnehin beantwortet werden würden, ein paar kommen zu spät, viele sagen gar nichts und am Ende kommen - wie immer - die gleichen mit persönlichen Fragen; Ihre lernfördernde Rückmeldung auf die Aufgabe wird nur von einigen wertschätzend angenommen.[1]

Viele der eben beschriebenen Verhaltensweisen von Studierenden gehen auf deren unterschiedlichen Präferenzen zurück: verschiedene Vorlieben in Bezug auf Arbeitsweisen, Bewertung von Inhalten, Austausch mit anderen oder Erfahren von Rückmeldung lösen Reaktionen der Studierenden auf didaktische Angebote (auf Ihr Lehrverhalten) aus. Wenn Ihr Lehrverhalten, also Ihre Lehrpräferenzen, identisch ist/sind mit den Lernpräferenzen der Studierenden, wird es wenig Missstimmung geben; treffen Ihre Lehrpräferenzen aber auf abweichende Lernpräferenzen, kommt es zu Situationen, in denen zum einen die Studierenden nicht wirklich lernen können - zum anderen Ihr Lehrkonzept eventuell auf Widerstand oder Nichtbeachtung stößt. Dann hilft auch der Griff in den hochschuldidaktischen Methodenkoffer nicht.

Hilfreich ist vielmehr, die eigenen Lehrpräferenzen zu kennen und beschreiben zu können - und zu wissen, mit welchen Lernpräferenzen von Studierenden diese kompatibel sind; im Weiteren gilt es, Handlungswissen zu erwerben, um Lehr-/Lernsituationen daraufhin analysieren zu können, ob Kompatibilitätsprobleme auftreten können - und um Verhalten von Studierenden Lernpräferenzen zuordnen zu können.

Mit Lernpräferenzen ist hier und im Weiteren nicht die Einteilung in Lerntypen oder Lernstile nach zum Beispiel Vester[2], Kolb[3] oder Keirsey[4] gemeint.

Präferenzen bezeichnen mentale Funktionen wie die Richtung der Aufmerksamkeit, den Prozess der Wahrnehmung oder das Fällen von Urteilen und Entscheidungen, bzw. das Bewerten von wahrgenommenen Informationen. Präferenzen beschreiben also bevorzugte Verhaltensweisen, die eher unbewusst eingesetzt werden und die man "gewohnt" ist.

Die Basis für die Arbeit mit Präferenzen bildet der Myers-Briggs Type Indicator (MBTI ®)[5], der seit den 40er Jahren von Isabel Briggs-Myers und anderen in den USA entwickelt wurde - aus dem Bedürfnis heraus, ein psychologisches Instrument zu schaffen, das gegenseitiges Verstehen fördert.

Im Weiteren

lernen Sie die Grundlagen des MBTI ® kennen

erfahren Sie, in welchen Lehr-/Lernsituationen Wissen über Präferenzen förderlich eingesetzt werden kann

erhalten Sie einen Überblick über die Besonderheiten der 16* so genannten "Archetypen" oder "psychologischen Typen"

finden Sie ein Instrument, mit dessen Hilfe Sie mehr über die Lernpräferenzen Ihrer Studierenden herausfinden können

bekommen Sie die Möglichkeit, die eigenen Präferenzen selbst einzuschätzen[6]

 

* Vielleicht denken Sie jetzt: "16 Typen - da wird meine Präferenz ja immer auf 15 abweichende Präferenzen treffen. Wie soll ich da Kompatibilität herstellen?"

Ziel der Arbeit mit Lern- und Lehrpräferenzen ist nicht, sich wie ein Chamäleon in einer Lehrsituation ständig wechselnden Bedürfnissen anzupassen. Vielmehr ist Ihre Lehrpräferenz Ihre Stärke - die Sie so gut wie möglich einsetzen sollen; zudem liegt dem Präferenzmodell der Gedanke zu Grunde, dass man als Lerner/in die gegenteiligen Präferenzen sehr wohl anwenden und einsetzen kann - nur eben nicht so geübt darin ist, der Weg anstrengender ist und man vielleicht mehr Energie und Zeit dafür benötigt.[7]

 

Ein großer Vorteil für jeden Lehrenden ist, dass durch den MBTI ® die persönlichen Stärken und das Lehrverhalten mit Hilfe eines Instruments reflektiert werden, das den direkten Anschluss an das (Lern)verhalten der Studierenden erlaubt und eine bewusstere Gestaltung von Lehre ermöglicht. Was bislang vielleicht eher unbewusst "passierte", wird durch den MBTI ® in bewusst verfügbare und einsetzbare Handlungsoptionen überführt.

[1]
Nun gibt es viele Gründe auf verschiedenen Ebenen dafür, warum Studierende engagiert durch ein Studium gehen - oder eher zweckorientiert oder distanziert. Aktiv und unmittelbar etwas zur Verbesserung der Situation beitragen können Sie als Lehrende jedoch nur auf der Ebene des direkten Kontakts mit Studierenden: in Lehr-/Lernsituationen oder Beratungskontexten. Mit welcher Motivation (Begründung und Ziel) ein Studium gewählt wird, liegt außerhalb des Einflussbereichs eines Lehrenden; ebenso wenig können curriculare Unstimmigkeiten (besonders häufig in den heute oft zahlreichen Mischstudiengängen, bei denen Inhalte aus verschiedenen Fachbereichen kombiniert wurden und Studierende meist mit einem Inhaltsschwerpunkt auf Kriegsfuß stehen) beeinflusst werden.
[2]
Frederik Vester definierte in "Denken, Lernen, Vergessen" 1975 verschiedene handlungsorientierte Lernstile, wie auditiv, visuell, kinästhetisch usw.
[3]
David Kolb unterscheidet 1985 Divergierer, Assimilierer, Konvergierer und Akkommodierer. Die Richtung wird als Kognitivismus bezeichnet und erfuhr zahlreiche Weiterentwicklungen.
[4]
David Keirsey entwickelte 1978 ein Temperament-Modell, das auf C.G. Jung zurückgeht, die Komplexität des Jungschen Ansatzes jedoch nur auf wenige Facetten reduziert.
[5]
Der MBTI ® ist gut beforscht. 1975 gründete Briggs-Myers mit anderen das Center for Applications of Psychological Type (CAPT) in Florida, www.capt.org. Es existieren zum jetzigen Zeitpunkt über 12.000 Forschungsarbeiten, die über CAPT verfügbar sind.
[6]
Für die exakte Ermittlung der Präferenzen ist ein Fragebogen notwendig, der ausschließlich von lizensierten MBTI ®-Praktikern zur Verfügung gestellt und ausgewertet werden darf. Im Internet hinterlegte Kurzvarianten, die behaupten, auf Basis des MBTI ® erstellt worden zu sein, sind wenig zuverlässig und oft ist nicht der MBTI ® die Basis.
[7]
Mehr dazu im folgenden Abschnitt.