Verhaltenstipps von A bis Z

Aberglaube als überlieferter Volksglaube ist in Japan weit verbreitet und vielen Menschen kaum oder gar nicht bewusst. Mancher Aberglaube ist auch uns vertraut, etwa, dass eine den Weg kreuzende schwarze Katze Unglück bringe. Dies ist übrigens ein importierter Aberglaube, normalerweise gelten nämlich Katzen als Glücksbringer, denken wir nur an die winkende Katze (maneki-neko), die Kunden in den Laden locken soll. Andere Formen resultieren aus sprachlichem Gleichklang: Shi bedeutet „vier“ und kann auch „Tod“ bedeuten, also gibt es diese Zahl häufig nicht als Stockwerk in Gebäuden, als Zimmernummer im Krankenhaus oder Flugzeugsitznummer. Man soll auch keine Geschenke mit vier Dingen machen, z. B. vier Melonen. Apropos Melone, die soll man nicht in derselben Mahlzeit mit Aal essen, das bringe Unglück. Ku (neun) klingt ähnlich wie ku, was „Leiden“ bedeutet. Also vermeidet man diese Zahl ebenfalls häufig. Dass man nicht auf die Ränder von Tatamimatten tritt oder den Daumen in der Faust versteckt, wenn der Leichenwagen vorüberfährt, ist ebenfalls spezifisch japanisch. Denn „Daumen“ heißt oya-yubi (Elternfinger), und man möchte ja nicht, dass die Eltern vorzeitig sterben. Mehr zum Aberglauben im Kapitel „Geschichtlicher und kultureller Rahmen“ ab Seite 50.

Ahnenkult oder besser „Sorge für die Ahnen“ ist wesentlicher Bestandteil der beiden Hauptreligionen Shinto und Buddhismus. Fast jedes Haus hat einen Hausaltar oder -schrein, der dem Andenken der Ahnen und ihrer Fürsorge dient. Mehr dazu im Kapitel „Geschichtlicher und kultureller Rahmen“ ab Seite 45.

AIDS ist als Gesundheitsproblem zwar offiziell anerkannt, spielt aber im Bewusstsein der Bevölkerung und in der Öffentlichkeit fast keine Rolle. Die Zahl der mit HIV/AIDS lebenden Japaner beträgt im Vergleich zu Deutschland nur etwa ein Siebtel – bei 50% mehr Bevölkerung, sie gehört zu den geringsten in der Welt. Zur HIV-Infektion kommt es überwiegend durch Geschlechtsverkehr, wobei die Zahl unter Homosexuellen fast die Hälfte aller Neuinfektionen ausmacht. Es herrscht die Meinung vor, dass AIDS von gaijin (Ausländern) komme, weshalb diese in einschlägigen Etablissements meist nicht eingelassen werden. Zwei Drittel der HIV-Infizierten leben in der Kantoebene, Heimat eines Drittels der Gesamtbevölkerung.

Alkohol ist sehr beliebt als soziales Gleitmittel. Er gehört zum shintoistischen Ritual der Eheschließung (3 × 3 Schälchen Sake, s. a. den Abschnitt „Hochzeit“ ab Seite 121), zu jedem Hochzeitsempfang, zu den Jahresende- und Neujahrspartys, zur abendlichen Entspannung nach der Arbeit usw. Japanern steigt Alkohol schnell zu Kopf, Betrunkenen sieht man Fehltritte im Allgemeinen nach.

Amulette sind in allen Tempeln und Schreinen erhältlich. Sie heißen omamori. Es gibt sie als allgemeinen Schutz vor Unglück oder speziell für das Bestehen von Examen, zum Finden des idealen Ehepartners, zum Schutz vor Krankheit o. Ä. Schutzgeistern in Gestalt von Schutzund Glücksgöttern begegnet man in Japan auf Schritt und Tritt. Besonders häufig sieht man Standbilder der Kannon, Göttin der Barmherzigkeit, und des Jizō, Beschützer der Kinder, Reisenden und gebärenden Frauen. Häufig sind Schreine der Sieben Glücksgötter, die man in der ersten Woche des neuen Jahres aufsucht.

Anrede: Personen, denen man in der Gesellschaftshierarchie Respekt zollen soll, redet man bevorzugt mit Titel bzw. ihrer Verwandtschaftsbezeichnung an: onii-san = älterer Bruder, okā-san und otō-san = Mutter und Vater, sensei = verehrter Lehrer, shachō-san = Herr Firmenchef. Das direkte „Du/Sie“, z. B. anata, vermeiden Japaner nach Möglichkeit. Für das deutsche „Du/Sie“ gibt es keine einfache Entsprechung, es gibt ein halbes Dutzend Möglichkeiten. Außer dem Titel benutzt man statt „Du, Sie“ ansonsten lieber Namen, an die man -san, bei jüngeren Männern -kun und bei Kindern und jungen Frauen -chan anhängt. Für sich selbst benutzt man bei der Vorstellung jedoch nie -san, -chan oder -kun. Zur „Begrüßung und Vorstellung“ s. auch den Abschnitt ab Seite 128.

Ansehen: Das Gesicht zu wahren, ist wie in anderen asiatischen Kulturen von großer Wichtigkeit. Die Regeln der Höflichkeit erfordern Bewahrung der Harmonie und unbedingte Vermeidung von Gesichtsverlust. Man „hebt“ das Gegenüber mit Worten geradezu „empor“ und macht sich selbst kleiner, man kritisiert nie direkt vor anderen, siehe auch das Stichwort „Kritik“ in diesem Kapitel (Seite 22). Es soll in Firmen allerdings schon gelegentlich vorkommen.

Arbeitskollegen sind für Firmenangestellte die wichtigsten Bezugspersonen, mit denen sie mehr Zeit verbringen als mit der eigenen Familie. Nach der Arbeit ist es üblich, mit den Kollegen noch auf ein paar Snacks und Getränke ins Izakaya und hinterher vielleicht noch auf einige Lieder in eine Karaoke-Box zu gehen. Auf dem Land oder am Meer trifft man sich oft in den Genossenschaften.

Armut und Bettelei: Armut ist in einer Gesellschaft, in der sich die meisten zur Mittelschicht zählen wollen, zwar nicht weit verbreitet, aber die Camps der Obdachlosen in manchen öffentlichen Parks der Großstädte mit ihren blauen Zeltplanen sind unübersehbar. Es ist unter Obdachlosen nicht üblich zu betteln. Deswegen begegnet man Bettlern heute extrem selten. Nach dem Krieg sah man Kriegsversehrte, bisweilen auch Atombombenopfer, häufig um Spenden betteln. Auffällig, wenn auch selten, sind Bettelmönche. Japaner halten sie oft für unecht.

Generell ist Bettelei in Ostasien verpönt, deshalb erhalten die buddhistischen Klöster eher direkte Spenden. Dass Mönche frühmorgens mit ihren Bettelschalen auf die Straße gehen, wie es beispielsweise in den vom Theravada-Buddhismus geprägten Ländern wie Sri Lanka, Myanmar, Thailand, Laos und Kambodscha üblich ist, gibt es in Japan selten. Japanische Bettelmönche erwarten übrigens keine Speisen, sondern Geld.

Ausländer/Touristen: Als Ausländer ist man geschätzter Gast und wird entsprechend sehr wohlwollend empfangen. Ausländer, die in Japan jahrzehntelang leben, werden zu deren Missfallen immer noch als Gäste empfunden, wo sich viele von ihnen doch inzwischen sehr mit der Kultur identifizieren. Sie gehören nicht zur geschlossenen Gruppe der Einheimischen. Japaner nehmen generell an, dass sich Ausländer nicht korrekt zu benehmen wissen. Das gilt besonders im öffentlichen Bad, im ryokan – dem traditionell eingerichteten japanischen Hotel –, in speziellen Restaurants usw.

Baden/Nacktbaden: Wie anderswo in Asien ist Nacktbaden in Japan an Stränden nicht gestattet und war auch nie üblich. Anders in öffentlichen und Thermalbädern, dort gibt es meist unterschiedliche Bereiche für Frauen und Männer. Ausnahmen sind konyoku genannte Bäder, in denen nach alter Tradition beide Geschlechter gemeinsam in das Thermalbecken steigen, allerdings manchmal durch eine „unsichtbare Grenze“ in zwei Hälften des Beckens getrennt. Auf dem Land wurde das traditionelle gemeinsame Nacktbaden mancherorts, trotz gegenteiligen Einflusses puritanischer protestantischer Missionare nach dem Krieg, bis heute beibehalten. Innerhalb der traditionellen Bäder ist Nacktbaden sogar vorgeschrieben. Lediglich ein Minihandtuch wird oft zum Bedecken der Scham benutzt, bis man in das Becken steigt. Das Handtuch wird von manchen Männern gefaltet auf den Kopf gelegt oder bleibt am Beckenrand. Es kommt jedenfalls nicht ins Becken.

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Shika-no-yu (Rehbad) in Yumoto, Nasu – das heißeste Becken hat 46 Grad!

Begrüßung und Verabschiedung folgen in Japan genau festgelegten Regeln, wobei Verbeugung statt Händeschütteln üblich ist. Grundregel ist: Wer mehr Respekt erweist, verbeugt sich tiefer und länger, auch wer mehr Dank schuldet. Beim ersten Treffen verbeugt man sich, überreicht mit beiden Händen die Visitenkarte, nimmt die hingereichte auch mit beiden Händen an, liest sie sorgfältig und sagt dann „Hajimemashite; dōzō yoroshiku itashimasu.“ Einzelheiten dazu im Kapitel „Aus dem japanischen Alltag“ ab Seite 128.

Behörden haben auch in Japan manches obrigkeitsstaatliche Gebaren beibehalten. Der gewöhnliche Bürger fühlt sich von Beamten zwar nicht gut behandelt, akzeptiert dies aber als unvermeidlich. Ausländer kommen am ehesten mit der Einwanderungsbehörde (imin-kyo-ku) in Berührung. Was man dort erlebt, ist nicht immer positiv. Man spürt Arroganz und Ablehnung. Die Japaner haben Angst vor Überfremdung, deshalb erschweren sie Aufenthaltserlaubnisse so gut und wo immer es geht. Deutsche haben es aufgrund der traditionell guten politischen Beziehungen immer noch leichter als andere Ausländer. Außerdem gilt: Wer sich selbst erniedrigt und hilflos gibt, wird es in schwierigen Situationen einfacher haben. Hat man eine Vorschrift übertreten, die etwa die Aufenthaltserlaubnis betrifft (was man tunlichst vermeiden sollte!), lässt sich die Sache meist wieder bereinigen, indem man sich niedergeschlagen gibt und eine vorgedruckte Entschuldigungserklärung unterschreibt. Man sollte seinen Pass (notfalls eine Kopie der wichtigsten Seiten) immer mit sich herumtragen.

Bekleidung ist ein umfassendes Thema. Es gibt sie in den Varianten „japanisch“ und „international“. Generell legen Japaner großen Wert auf korrekte Kleidung. Der dunkle Anzug ist für männliche Firmenangestellte (salarymen) zwar vorgeschrieben, im Sommer sind darunter allerdings kurze Hemden zugelassen. Auch muss im Büro keine Krawatte getragen werden. In den Büroräumen gilt deshalb zur Einsparung von Energie „Marscherleichterung“.

Schüler tragen Uniform, die von Teenagern nach der Schule gern in Richtung „sexy“ angepasst wird. Die Röcke werden deutlich kürzer aufgerollt, auch schminken sich die Mädchen vor dem Bummel und selbst im Zug. Kimonos tragen junge Mädchen heute gern wieder zu bestimmten Anlässen, ältere Frauen auch im Alltag. Bäuerinnen tragen gern Pluderhosen (mompe) ähnlich wie z.B. in der Türkei, traditioneller Grund dafür ist der Schutz des Kimonos.

Das Klima bedingt nicht zwangsläufig die Kleidung. Als in Tokyo Miniröcke ohne Strümpfe angesagt waren, trugen Mädchen in Aomori im Norden diese auch bei minus 10 Grad und einem Meter Schnee am Straßenrand. In Tokyo werden globale Jugendmodetrends kreiert, doch auch globale Trends spiegeln sich in japanischer Mode wieder. Junge Frauen, die in die Berge gehen, folgen einer eigenen Mode und sind als yama-gyaru (Yama-Girl) bekannt.

Beleidigungen sind in Japan in direkter Form undenkbar, schließlich gilt in der Gesellschaft das Gesetz der Harmoniebewahrung. Diskret verpackt gibt es sie jedoch schon. Ärger und Streit sollten auf alle Fälle vermieden werden. Im Straßenverkehr kennt man kein lautes Geschimpfe und übt sich in Geduld. Das gilt allerdings nicht für Kinder und Schüler. Unter ihnen sind Mobbing und direkte Beleidigungen häufig, was bisweilen sogar zu Mord und Selbstmord führt.

Berührungen/Körperkontakt sind in Japan selbst zwischen Eltern und Kindern – Kleinkinder ausgenommen – nicht gerade häufig. Händchen haltende Liebespaare sah man früher nie auf der Straße, heute schon. Aber Zärtlichkeiten in der Öffentlichkeit auszutauschen, ist immer noch unüblich. Traditionelle Begrüßungen und Verabschiedungen erfolgen ohne Berührung. Unter Bekannten und Freunden sind freundschaftliche Klapse auf den Arm dagegen recht häufig.

Bestechung/Schmiergelder kommen auch in Japan vor, gerade im Bauwesen sind sie wie hierzulande häufig. Politik und Wirtschaft sind seit jeher eng verknüpft. Offiziell wird Bestechung streng geahndet. Wer als Politiker erwischt wird, ist seinen Posten los. Für die eigene Firma tut man aber fast alles, auch wenn es kriminell ist. Bestechungsversuche sind für uns gaijin („Ausländer“) allerdings zwecklos. Die Beamten verhalten sich in der Regel bis auf den Buchstaben der Vorschriften korrekt und haben wenig Ermessensspielraum. Unbürokratische Entscheidungen gelten nicht als menschlich, sondern verunsichern das mühsam konstruierte Gebäude der Gesetze und Vorschriften, die ja zum Wohl der Gesamtheit festgelegt wurden. Japaner vermeiden abschlägige Bescheide: Sie stellen Anträge in der Regel erst dann, wenn sie auf informellem Wege erfahren, dass ein solcher Chancen auf Genehmigung hat. Korruption auf der Ebene der Politik und Wirtschaft ist ein anderes Thema.

Blickkontakt wird weniger offen und direkt praktiziert. Für die Frau gilt es als schick und höflich, dass sie den Blick etwas gesenkt hält. Generell vermeidet man gegenüber Ranghöheren direkten, anhaltenden Blickkontakt.

Blumen: Blumen werden gern geschenkt, allerdings bringt man zum Besuch bei Kranken, etwa ins Krankenhaus, keine Topfblumen mit, denn die Krankheit soll ja keine Wurzeln schlagen. Auch schenkt man selbst im Herbst keine Chrysanthemen, da diese mit Trauer in Verbindung gebracht werden.

Bürokratie: Japanische Beamte kleben vielleicht noch sturer an den Vorschriften als deutsche. Die Ordnung darf nicht ins Wanken geraten. Selbstverständlich ist es taktisch sinnvoll, gegenüber Beamten ein gewisses Maß an Hilflosigkeit zu offenbaren. Aber macht es den Beamten hilfsbereiter? Nur da, wo es Ermessensspielraum gibt.

Drogen sind offiziell tabu. Im Pop- und Musikbusiness sind sie vermutlich gang und gäbe. Aber wehe, man wird erwischt und die Öffentlichkeit erfährt davon: Man ist sofort unten durch. Das Thema spielt ansonsten in öffentlichen Diskussionen keine große Rolle. Populär sind Aufputschmittel wie (Meth-)Amphetamine, shabu genannt. Cannabis gilt als genauso schlimm wie Heroin. Es gab nie eine öffentliche Diskussion rund um Drogen, es gilt zettai dame! Absolutes Nein! Ausländer kommen damit am ehesten in Vergnügungsvierteln wie Roppongi in Tokyo in Berührung, z. B. durch ausländische Kleindealer.

Einkaufen/Märkte: Japan ist ein Paradies für Konsumenten, für Ausländer aber nur, wenn der Wechselkurs stimmt. Nicht nur in kombini (24-Stunden-Läden) kann man rund um die Uhr einkaufen, auch andere Läden wie Don Quijote folgen diesem Angebot. Kombini bieten zusätzlich eine Reihe von Serviceleistungen (Stromrechnungen bezahlen, Kurierdienste, Fotolabor, Ticketreservierungen u. Ä.).

Märkte sind in Großstädten weniger häufig als sonst in Asien. Supermärkte bieten frisches Obst und Gemüse an deren Stelle. In manchen Städten gibt es die Morgenmärkte, asa-ichi genannt. Jedes Wohnviertel hat neben Supermärkten und kombini kleine Fischgeschäfte, Metzgereien, Obst- und Gemüseläden und dazwischen immer wieder Esslokale, von denen man sich telefonisch Mahlzeiten ins Haus schicken lassen kann. Man geht im Prinzip täglich zum Einkaufen und macht sich keinen festen Plan, was am Abend auf den Tisch kommen soll (das Abendessen ist die Hauptmahlzeit), sondern richtet sich einfach nach dem, was am preiswertesten und frischesten zu haben ist. Auf Drängen der Kunden bieten die 24h-Läden abends wie die Supermärkte verbilligte Fertiggerichte, obwohl sie ja nicht schließen.

Extrainfo 1 (s. S. 7): Video über das Einkaufen für das Abendessen

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Einkaufspassage im Tempelbezirk Kawasaki-Daishi

Einladungen nach Hause sind außerhalb der Verwandtschaft und des engen Freundeskreises selten. Angesichts des riesigen Angebots an Lokalen, Klubs, Karaokepalästen usw. lädt man lieber dorthin ein, zumal die Wohnungen häufig klein sind. Wer einlädt, bezahlt. Trifft man sich im Café oder zum Essen, ist getrennte Bezahlung üblich (wari-kan). Wird man oberflächlich eingeladen, ist es höflich, die Einladung zunächst dankend abzulehnen. Wird diese jedoch mehrfach und konkret wiederholt, gilt sie.

Ess- und Trinksitten: Die Höflichkeit verbietet es Japanern, Ausländer auf in ihren Augen unkorrektes Verhalten beim Essen oder Trinken aufmerksam zu machen. Also sollte man sich mit einigen Regeln vertraut machen. Im Zweifelsfall macht man es eben den Einheimischen nach. Rund um die Essstäbchen gibt es eine ganze Reihe von Regeln: Wo es Servierstäbchen gibt, benutzt man diese anstelle der eigenen. Nie steckt man Stäbchen in die Reisschale, das erinnert an Trauerfeiern, auch nimmt man niemals Bissen, die jemand mit seinen Stäbchen reicht, mit den eigenen ab. So werden Knochenreste nach der Leichenverbrennung weitergereicht. Man fuhrwerkt mit Stäbchen nicht in der Luft und im Essen herum, legt sie bei Pausen auf die Ablage zurück, z. B. wenn man eine Schale von der Tischmitte aufnimmt. Bei Suppen schlürft man erst die Flüssigkeit und schiebt die festen Bestandteile am Schluss mit den Stäbchen in den Mund.

Einsame Trinker sind verpönt. Man schenkt anderen ein – bekommt man selbst häufig nacheinander eingeschenkt, z. B. auf Partys, nippt man am besten nur symbolisch, dann wird auch nur symbolisch bzw. in kleinsten Mengen nachgeschenkt.

Gläser oder Sakeschalen werden wie beim Empfangen von Geschenken mit beiden Händen genommen. Prost heißt kampai! Weitere Regeln finden Sie im Abschnitt „Ess- und Trinksitten“ ab Seite 152.

Fahrer/Guides sind eher unüblich. Bei Geschäftsbesuchen wird jedoch häufig ein Mietwagen mit Chauffeur gebucht, vor allem, wenn mehrere Termine anliegen.

Feiern sind unterschieden nach Familienfeiern und jährlich wiederkehrenden Festen. Letztere werden in jeder Nachbarschaft begeistert gefeiert, siehe die Abschnitte „Feste und Feiertage“ ab Seite 74 sowie „Familienfeiern“ ab Seite 120.

Fotografieren: Japaner und Fotografieren, das ist eine sprichwörtliche Einheit. Tatsächlich ist es erstaunlich zu erleben, wie begeistert Japaner nicht nur Erinnerungsbilder knipsen, sondern auch auf der Suche nach interessanten Motiven durch die Stadt gehen oder sich an landschaftlich besonderen Orten gruppieren, um geduldig, mitunter Stunden, auf den erwarteten Moment zu warten. Wer mit der eigenen Kamera fotografiert werden möchte, kann sagen: „Sumimasen, shattā o oshite itadakemasu ka“. Möchte man andere Personen fotografieren: „Shashin o totte mō ii desu ka“. Da, wo fotografieren verboten ist, also in manchen Museen, Schreinen, Tempeln etc., wird deutlich darauf hingewiesen, etwa mit dem Piktogramm der durchgestrichenen Kamera, oder des durchgestrichenen Blitzes, wo Fotografieren ohne Blitz gestattet ist.

Frau und Mann haben unterschiedliche Lebensbereiche. Selbst wenn sie in derselben Firma arbeiten, bleiben Männer und Frauen unter sich. Die jungen Frauen sind heute allerdings weit entfernt von der anerzogenen Unterwürfigkeit ihrer Mütter und Großmütter. Viele Männer haben heute regelrecht Angst vor Frauen. Details zu Geschlechterrollen finden sich im Kapitel „Familie und Geschlechter“ ab Seite 113.

Fremdenfeindlichkeit ist angesichts der berühmten Höflichkeit der Japaner nie offen, sondern so versteckt, dass sie der ausländische Gast wohl nie spüren wird. Japaner halten sich für kulturell überlegen und hegen im Grunde Misstrauen gegen Ausländer, da stehen sie übrigens beispielsweise den Thailändern nicht nach. Lieber konstruieren sie Roboter für die Heimpflege, als sich im riesigen potenziellen Markt an Pflegekräften in Südostasien zu bedienen. So gibt es bisher in ganz Japan nur einige Dutzend Pfleger aus den Philippinen oder Indonesien. „Die verstehen uns einfach nicht richtig. Sie wissen nicht, was für uns Japaner wichtig ist.“ Eine offizielle Gastarbeiterpolitik gibt es nicht. Dennoch sind da mehrere Hunderttausend legale und illegale Gastarbeiter aus SO-Asien, Bangladesch, Iran, China und anderen Ländern. Nach einer Studie der Regierung aus dem Jahr 2012 könnte die japanische Bevölkerung in 40 Jahren um ein Drittel geschrumpft sein, eine Prognose, die einmalig in der Welt ist.

Freundschaften halten oftmals ein Leben lang, sie stammen nicht selten aus der Schulzeit, das kann durchaus die 6-jährige Grundschulzeit sein. Freundschaften sind meist nach Geschlechtern getrennt: Arbeitskollegen, Mütter von Kindern im selben Kindergarten, in derselben Klasse …

Friseur: Die Läden für Männer und Kinder heißen rihatsu-ten und tokoya, die für Frauen bi-you-in. Äußerlich sind sie – wie international üblich – an blau-rot-weißen, meist drehbaren Säulen erkennbar. Die Herrenfriseure sind berühmt für ihren Service, der möglicherweise unübertroffen in der Welt ist: Zum normalen Programm gehören Haarschnitt, Kopfwäsche, Rasur, Entfernen von Haaren in der Nase und in den Ohren, ein heißes Handtuch für das Gesicht, Kopf- und Schultermassage; meist ist alles im Preis inbegriffen. Bei den Damenfriseuren lassen sich Damen manchmal den Kimono anziehen und die dazugehörige Frisur machen, das können viele der Jüngeren nämlich schon nicht mehr. Die Herrenfriseure haben montags, die Damensalons in der Regel dienstags geschlossen. Discount-Friseure, oft in der Nähe von Bahnhöfen zu finden, bieten schnelle und günstige Haarschnitte an.

Gast (zu ~ sein): Zu Gast in Japan zu sein, ist ein wunderbarer Zustand. Allerdings kann es vorkommen, dass sich die Gastgeber allzu verpflichtet fühlen und dem Gast kaum Freiraum für eigene Entdeckungen lassen. Da muss man die eigenen Bedürfnisse dann höflich aber deutlich mitteilen.

Geld: Einzige akzeptierte Währung ist der Yen. Da wo US-Truppen stationiert sind, wird wohl auch der US-Dollar angenommen. Während bei uns Bezahlen mit Karte üblich ist, zahlen Japaner meist bar, mit Ausnahme in großen Hotels, bei Fluglinien, in großen Kaufhäusern u. Ä. Als Folge tragen Japaner mehr Bargeld mit sich herum, als wir das tun würden – sie fühlen sich sicher genug. Es gehört zum guten Ton, sich nicht zu viele Gedanken über Geld zu machen, ein Erbe der Samurai-Zeit. Das Haushaltsgeld verwalten übrigens die Ehefrauen, ihre Männer erhalten von ihnen ein Taschengeld zur freien Verfügung zugeteilt! Die Frau ist nämlich zuständig für alle Haushaltsfinanzen einschließlich Schulausgaben.

Geschenke: Für Japaner gibt es zweimal im Jahr offizielle Geschenksaison: im Sommer und im Dezember. Geschenke für Personen, denen man Dank schuldet, sind eher unpersönlich und symbolisch. Hauptsache ist, sie stellen einen gewissen Wert dar und sind perfekt verpackt, möglichst in einem prestigeträchtigen Kaufhaus oder Geschäft erstanden. Sie werden in der Regel nicht in Gegenwart der Schenkenden geöffnet. Souvenirs aus der eigenen Heimat sind eine gute Geschenkidee, das können auch Schokolade oder Lebkuchen sein. Blumen, Torten und Obst sind ansonsten beliebt. Geschenke zum Geburtstag sind heute persönlich und können deshalb gleich geöffnet werden. Einzelheiten dazu im Abschnitt „Geschenke und Mitbringsel“ ab Seite 216.

Gesprächsthemen (bevorzugte und problematische ~): Essen ist ein allzeit beliebtes Thema. Gern wird auch über TV-Persönlichkeiten geredet, Klatsch und Tratsch sind weltweit beliebt, auch in Japan, aber: Wer schlecht über andere redet, dem kann leicht dasselbe passieren. Tabuisierte Themen gibt es nicht, aber über kritische Themen (z. B. diskriminierte Minderheiten, Obdachlose u. Ä.) reden Japaner von sich aus nicht, überhaupt sind tiefschürfende Diskussionen und Meinungsäußerungen traditionell eher selten. Diese könnten die Harmonie aus dem Gleichgewicht bringen.

Gesten und Mimik: Es gibt eine Reihe unterschiedlicher Gesten und von uns abweichender Mimik, die wir verstehen sollten, zumal Japaner erwarten, dass andere ihre Empfindungen ohne Worte verstehen: haragei – „aus dem Bauch heraus verstehen“, nennen sie das. Eine Liste der wichtigsten Gesten finden Sie im Kapitel „Zu Gast in Japan“ ab Seite 196.

Gesundheit: Wer krank ist oder einen Unfall hat, darf in Japan auf einen hohen medizinischen Standard vertrauen. Für stationäre wie ambulante Behandlung gibt es alle Arten von Kliniken. Termine für ambulante Behandlungen werden im Allgemeinen nicht gegeben. Man sollte sich also vorher telefonisch erkundigen, ob nicht zu lange Wartezeit bevorsteht. Typischerweise ist bei den Augen- und Zahnärzten sowie den Gynäkologen stets das vollste Wartezimmer zu erwarten. Wer einen Krankenwagen braucht, ruft 119 an, dessen Einsatz ist übrigens kostenlos, das Krankenhaus allerdings nicht frei wählbar.

Natürlich braucht man sich nicht nur an die westlich ausgebildeten Ärzte zu halten, die sich übrigens bis vor dem Zweiten Weltkrieg an der deutschen Medizin orientierten. Es gibt schließlich gerade in Japan genug Vertreter der östlichen Medizin, die ursprünglich aus China stammt. Sie hat einen mehr präventiven Charakter, doch vor allem sollen die Selbstheilungskräfte des Organismus gestärkt werden. Am bekanntesten ist die Akupunktur. Gemeinsam mit der Akupunktur, die heute auch schon vielfach ohne Nadeln, nämlich durch elektrische Stimulation, durchgeführt wird, lässt sich auch die Moxibustion (okyu) anwenden. Hierbei werden trockene, pulverisierte Blätter auf der Haut über den tsubo verbrannt. Seit Langem auch bei uns bekannt ist Shiatsu, eine Art Massage, bei der die Punkte durch Fingerdruck stimuliert werden.

Natürlich gibt es auch Traditionelles zum Einnehmen; nämlich Kräuter, die als Tee zubereitet werden, z. B. gegen Magenprobleme, Erkältung, allgemeine Erschöpfungszustände usw. Übrigens wird Medizin in Japan häufig nicht in Pillen-, sondern in Pulverform verabreicht. Das Pulver wird in Tüten abgepackt und die Medizin bekommt man direkt beim Arzt.

Die Bereitschaft, vorbeugend etwas für die Gesundheit zu tun, ist bei den Japanern größer als bei uns. Das zeigt auch die tägliche gemeinsame Gymnastik in den Schulen und Firmen, die nach der vom Radio übertragenen Standardmusik betrieben wird: rajio-taisho = Radio-Gymnastik.

Götter/Geister (Schutz vor bösen ~, Opfer für ~) sind Teil der Volksreligion und der animistischen Tradition des Landes. Sie gehören nicht nur zum Shintō, sondern auch zum Buddhismus. Siehe auch das Stichwort „Amulette“ in diesem Kapitel (Seite 11).

Hammam: Öffentliche Bäder und Thermalquellen im ganzen Land spielen von alters her eine wichtige Rolle im Leben der Japaner. Noch vor einigen Jahrzehnten, als wenige Menschen ihr eigenes Bad zu Hause hatten, waren sentō (öffentliche Bäder der Nachbarschaft) der tägliche Ort, sich zu reinigen, zu entspannen und Nachbarn zu treffen. Heute muss man sie suchen. Die Regeln für öffentliche Bäder sind mehr oder weniger gleich geblieben: Man lässt die Schuhe am Eingang, legt die Kleidung in einen Korb, reinigt sich vor dem Betreten des Badebeckens mittels der Duschen oder Plastikschüsseln und achtet dabei peinlichst darauf, dass keine Seifen- oder Shampooreste am Körper bleiben. Manche Bäder haben Becken mit unterschiedlichen Temperaturen zwischen 43 und 48 Grad! Zu weiteren Einzelheiten siehe auch den Abschnitt „Eine Besonderheit – das Bad“ im Kapitel „Zu Gast in einem japanischen Haus“ ab Seite 207.

Handeln/Feilschen: Ist in Japan nicht üblich. Im Stadtteil Ueno in Tokyo gibt es eine Art Basarstraße, die Ameyoko, neben den Bahngleisen. Hier kann man handeln. In der „Electric Town“ von Akihabara, ebenfalls in Tokyo, kann man mit Erfolg um Discount bitten und auf Flohmärkten sollte man selbstverständlich handeln, muss es aber nicht, da der Preis von vornherein so angesetzt wird, wie der Verkäufer es sich vorstellt und nicht um 50 % höher oder mehr.

Hierarchien/Höhergestellte: Japan ist eine eindeutig hierarchisch strukturierte Gesellschaft. Den Ranghöheren und bei gleichem Rang den Älteren gebührt Respekt. Die Sprache ändert sich, je nachdem, ob jemand mit einer Respektsperson, Fremden oder gleichrangigen/ gleichaltrigen Verwandten spricht.

Hochzeit ist eine komplexe Angelegenheit. Zwei Familien bilden eine Verbindung miteinander. Früher waren arrangierte Ehen die Norm, heute sind sie die Ausnahme. Allerdings gilt nicht mehr die alte Regel, nach der eine unverheiratete Frau mit 25 so wenig wert war wie ein Weihnachtskuchen am 25. Dezember. Heute wollen viele junge Frauen nicht mehr um jeden Preis heiraten und manche auch erst mit Anfang dreißig. Die Hochzeit kostet mehr als 10.000€. Wer sparen will, fährt nach Hawaii oder anderswohin. Mehr zum Thema Hochzeit im Kapitel „Familie und Geschlechter“ ab Seite 121.

Homosexualität wird in Japan seit alters praktiziert, z. B. in Klöstern oder auch beim Militär. Sie war, anders als in anderen Ländern, nie verboten, dennoch wird sie auch heute noch gern verschwiegen. Viele Homosexuelle wahren daher nach außen einen „heterosexuellen Schein“, z. B. durch Ehen. Vor allem in Tokyo und Osaka gibt es Hotels und Bars, in denen Homosexuelle willkommen sind.

Hygiene: Reinheit und Sauberkeit haben in Japan einen extrem hohen Stellenwert. Öffentliche Toiletten sind grundsätzlich sauber und kostenlos. Das tägliche Bad abends vor dem Schlafengehen macht einen Tag erst komplett, selbst im heißen Sommer ist das heiße Bad selbstverständlich, weil es so wunderbar entspannt. Straßenschuhe bleiben im Eingangsbereich, auch in ryokan (Gästehäusern), in manchen Museen oder Instituten.

Kinder: Bis zum Eintritt in den Kindergarten werden die Kleinen verhätschelt und verwöhnt. Spätestens dann beginnt das liebevolle Eintrainieren der Regeln des gesellschaftlichen Zusammenlebens und der Gruppenorientierung. Eintrittsprüfungen für Kinder und deren Eltern gibt es für besonders begehrte Kindergartenplätze. Dieses Prozedere geht dann in den Grund-, Mittel- und Oberschulen entsprechend weiter, nur ohne die Eltern mitzuprüfen. Einige Mütter warten während der Eintrittsexamen für die Universität oder die Firma gerne vor der Tür auf ihren aufstrebenden Nachwuchs.

Kriminalität: Japan hat weltweit eine der geringsten Kriminalitätsraten, wenngleich sie seit dem Ende der bubble economy (Luftblasenwirtschaft) angestiegen ist. Die wirtschaftliche Stagnation hat in Verbindung mit Deflation viele Menschen wirtschaftlich ruiniert. Unter älteren Männern soll die Kriminalität drastisch angestiegen sein, sie bleibt aber immer noch auf einem vergleichsweise niedrigen Niveau! Ausländer haben wenig zu befürchten. Dennoch sollte man bei Gedränge mit Taschendieben und gelegentlichen Taschenräubern rechnen. Die strengen Normen der gruppenorientierten japanischen Gesellschaft bedingen auch heute noch eine geringe Kriminalitätsrate. Japaner halten Ausländer für potenziell krimineller als die eigenen Landsleute, was aber statistisch widerlegbar ist. Das offiziell verbotene, aber nach wie vor sehr potente organisierte Verbrechen (Yakuza) kontrolliert einen großen Teil des Immobilienmarktes, das Sexbusiness und das Glücksspiel, einschließlich pachinko. Die auch oft als „japanische Mafia“ bezeichneten Organisationen sollen für 40 % der „faulen Kredite“ der Banken verantwortlich sein, kontrollierten Wettsportarten wie Galopp-, Boots-, Keirin-Radrennen und erpressten Schutzgelder. Von alldem sind ausländische Touristen im Grunde nicht betroffen.

Extrainfo 2 (s. S. 7): Diese Website beschäftigt sich mit allen möglichen Alltagsangelegenheiten, die ausländische Einwohner in Japan interessieren könnten.

Kritik (im Gespräch) wird im nüchternen Zustand vermieden, beim Essen und Trinken mit Arbeitskollegen nach der Arbeit darf man angesichts gelockerter Zunge oberflächlich, aber nie bösartig kritisieren. Unter Verwandten ist man allerdings mit Kritik schneller zur Stelle.

Kulte/Bräuche: Außer der täglichen Pflege des Hausaltars/-schreins (Schale Reis, Tasse Tee, Entzünden von Weihrauchstäbchen, kurzes Gebet) sind im Alltag kaum Rituale üblich. Zu Neujahr gibt es eine Reihe von Bräuchen, die im Kapitel „Geschichtlicher und kultureller Rahmen“ beschrieben sind, ab Seite 77. Allerdings unterliegt das alltägliche Verhalten strengen Regeln, die man als Alltagsrituale bezeichnen kann, denn sie sind landesweit beinahe standardisiert.

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An den Schreinen würdigt man die Schutzgottheiten („kami“)

Kultstätten: Schreine und Tempelbesuche erfordern keinen Gottesdienst: Man reinigt ggf. Hände und Mund, wirft 10 Yen in den Opferkasten, verrichtet sein Gebet, verbeugt sich und geht wieder. Man kann sich Wahrsagezettel (o-mikuji) kaufen und diese dann an Baumäste oder besondere Gestelle knüpfen (bei guter Vorhersage zur Erfüllung, bei schlechter zur Annullierung). Man kann auch Votivtafeln kaufen und diese beschriften oder Amulette und andere Glück bringende oder schützende Gegenstände erstehen. Siehe auch das Stichwort „Aberglaube“ in diesem Kapitel (Seite 10) und den Abschnitt „Tempel“ im Kapitel „Geschichtlicher und kultureller Rahmen“ ab Seite 49.

Moralkodex: Korrektes Verhalten ist wichtiger als Moral. Man unterstützt die eigene Gruppe und handelt zu deren Nutzen und Vorteil. Der strenge Kodex für korrektes Verhalten führt zu gut ausgeprägtem Bürgersinn, sauberer Umgebung und im weltweiten Vergleich zu sehr geringer Kriminalität.

Müll: Mülltrennung ist in Japan weit differenzierter als bei uns. Dazu muss der getrennte Müll in durchsichtigen Beuteln (zur Kontrolle der korrekten Trennung) an jeweils bestimmten Wochentagen abgelegt werden. Plastikbehälter von Fertiggerichten werden vor der Entsorgung gewaschen! Nachbarn wissen häufig, welcher Müll von wem stammt. Ausländer gelten bei ihren japanischen Nachbarn als nachlässig und schlampig oder gar ignorant, weil sie die örtliche Mülltrennfibel womöglich nicht sorgfältig oder überhaupt nicht studiert haben. Bei alten, allein lebenden Menschen kommt die Müllabfuhr einmal wöchentlich zur Abholung an die Tür, um nachzusehen, wie es den Alten geht! Da sich die lokalen Bestimmungen der Müllentsorgung unterscheiden, sollte man sich vor Ort genau erkundigen.

Toilette/Notdurft: Zum Glück sind Toiletten überall kostenlos, auch die in Parks funktionieren. Bei öffentlichen Toiletten überwiegen die traditionellen Hocktoiletten, aber westliche Sitz-WCs sind meist ebenfalls vorhanden, z. B. hinter der letzten Tür links. Häufig sind in Bahnhöfen und Kaufhäusern bereits die modernen washlets (Dusch-WCs) mit Bidetdusche zu finden. Einzelheiten zum „Besuch des stillen Örtchens“ im Kapitel „Zu Gast in Japan“ ab Seite 207.

Patriotismus: Japaner sind sehr patriotisch, nichts geht über ihr Land. Angesichts des Inselreichs mit seiner langen Geschichte der selbst gewählten Isolation ist das kein Wunder. Es gibt neben der Liebe zum Land aber auch einen stark rechtslastigen Nationalismus: Lautstark werden Parolen vor Bahnhöfen und auf der Fahrt durch die Straßen von dunkelgrauen Fahrzeugen aus verkündet. Dahinter stecken die Yakuza sowie nationalistische Gruppierungen.

Politik wird in Japan erstaunlich wenig diskutiert. Nur eine Minderheit befürwortet die Politik der seit dem Kriegsende fast ununterbrochen an der Macht stehenden LDP. Dennoch bildet sie stets die Regierung oder kehrt nach kurzen Intervallen wieder dorthin zurück. „Keine Experimente, wählt LDP“, diesen Slogan mit anderem Parteinamen kennen wir aus dem Nachkriegsdeutschland. Das Land ist wenig veränderungswillig, außerparlamentarische Opposition und Demonstrationen sind verpönt. Zur politischen Situation in Japan siehe auch „Politik und Wirtschaft: eine nutzbringende Ehe“ ab Seite 89.

Polizei ist in Japan recht beliebt bei der Bevölkerung, zumal ihre kleinen Stationen (koban = Polizeihäuschen = police box) überall zu finden sind. O-Mawari-san – „geehrter Herr Nachbar“ – nennen die Menschen den örtlichen Polizisten, der sich nicht nur in seinem Viertel gut auskennt, sondern sich auch nach dem Wohlbefinden älterer Menschen erkundigen soll. Die Präsenz dient wohlwollender und allgemein akzeptierter Kontrolle.

Prostitution ist illegal und in kaum verdeckter Form in den Vergnügungszentren großer Städte allgegenwärtig. Ausländern bleibt diese Schattenwelt jedoch zumeist verschlossen. Interessant zu beobachten ist, was japanische Männerphantasien alles erträumen und wie prompt das mizu shobai („Wasserbusiness“ = Sexbusiness) darauf reagiert.

Pünktlichkeit gilt in Japan wie bei uns, aber noch strenger und konsequenter. Weltberühmt ist die sprichwörtliche Pünktlichkeit der japanischen Züge.

Rauchen: Besonders Männer rauchen häufig in Ostasien, Japan eingeschlossen. In Cafés und Lokalen gibt es meist getrennte Bereiche für Raucher und Nichtraucher. Es gibt auch bereits raucherfreie Lokale. Auf Bahnsteigen und in Zügen darf nicht mehr geraucht werden, auf vielen Straßen nur an den ausgewiesenen Raucherpunkten.

Reinigung: Wenn man Dinge zum Reinigen abgeben will, ist die Prozedur ähnlich wie bei uns. Man zahlt vorher, erhält eine Quittung und eine Liste der zu reinigenden Kleidungsstücke: Fragen Sie am besten gleich, wie lange es wohl dauern wird. Beim Abholen müssen Sie die Quittung natürlich wieder mitbringen. Sehr viele Reinigungen holen die Kleidung zu Hause ab und liefern sie auch wieder ab. Das ist typisch japanisch: Service ist eben (fast) alles.

Religion: Es gibt offiziell keine Religionszugehörigkeit und Kirchensteuer. Städtische Japaner empfinden sich häufig noch weniger religiös als Deutsche. Dennoch werden Schreine und Tempel als Kraftzentren und spirituelle Orte gern aufgesucht und Pilgerreisen sind seit Jahrhunderten beliebt. Es herrscht in religiöser Hinsicht große Toleranz. Die bedeutendste Religion Japans ist Shintō. Sie basiert auf Animismus, rituellen Reinigungszeremonien und wird bevorzugt für die schönen und wichtigen Dinge des Lebens wie Geburt, Prüfungen, Hochzeit. Der Buddhismus kam im 6. Jahrhundert aus China und Korea nach Japan und hat sich in zahlreiche Ausrichtungen und Schulen untergliedert. Am beliebtesten sind der Nichiren-Buddhismus und die Jōdo-(Shin-) Shū-Sekte. Die Zen-Linie hatte großen Einfluss auf die Kultur, aber nie großen Rückhalt in der Bevölkerung. Im religiösen Alltagsleben der Japaner ist der Buddhismus zuständig für Toten- und Gedenkzeremonien, shintōistische Riten für freudige Anlässe (Hochzeit, Neujahr etc.). Zu weiteren Einzelheiten siehe auch den Abschnitt „Religion – kein Grund zum Streiten“ ab Seite 42.

Respekt spielt in einer hierarchischen Gesellschaftsstruktur eine wichtige Rolle. Wie man mit Höhergestellten redet, wie man sich respektvoll verbeugt, wann man welche Geschenke macht usw. ist genau geregelt. Mehr dazu u.a. unter „Begrüßung und Vorstellung“ ab Seite 128 und „Japaner verstehen: Gesten, Verhalten, Mentalität“ ab Seite 193.

Rolltreppe: Die Etikette in Tokyo verlangt links stehen, rechts gehen, in Osaka ist es umgekehrt. Ein witziger, aber wohl ernst gemeinter Erklärungsversuch: Die Samurai in Tokyo trugen ihr Schwert links und mussten es mit der rechten Hand ziehen; die Kaufleute in Osaka trugen den Geldbeutel rechts und wollten die rechte Seite auf engen Wegen schützen.

Schlepper, die es auf Ausländer absehen, sieht man am ehesten abends und nachts in den Vergnügungszentren von Roppongi. Vorsicht vor überteuerten Bars ist geboten! Es gibt Frauen, die man in normalen Bars kennenlernt und die als Schlepperinnen für die überteuerten fungieren. Das kann richtig an den Geldbeutel gehen! Eine völlig andere Sache sind Volunteer Guides: Sie führen Touristen kostenlos durch die Stadt, nur die anfallenden Fahrt- und Eintrittskosten müssen übernommen werden. Im Rathaus bei der Tokyo Tourist Information kann man diesen Service buchen. Die Freiwilligen haben offenbar Spaß am Kontakt mit ausländischen Touristen und freuen sich, ihre Englischkenntnisse anwenden zu können.

Schuhe: Schuhgrößen werden in cm gemessen: 38 = 24 (cm); 43 = 27 (cm) usw. Umrechnungstabellen gibt es im Netz. „Große“ Schuhgrößen werden in den meisten Geschäften nicht angeboten. Bei Damenschuhen kann es spätestens ab 26 cm (41) und bei Herrenschuhen ab 28cm (44) schwierig werden, überhaupt etwas zu finden.

Sex: Japan sieht sich mit sinkenden Geburtenraten konfrontiert. Die Geschlechter driften bereits vor der Heirat auseinander. Es scheint, dass die jungen Männer mit den modernen, selbstbewussten Frauen und deren Ansprüchen nicht mehr mithalten können. Virtueller oder käuflicher Sex tritt an Stelle echter Beziehungen. Mehr als ein Drittel der Ehepaare haben kaum noch oder gar keinen Sex. Dem gegenüber steht die kommerzielle Sexindustrie. Mangas sind sehr offen in ihrer Darstellung, Pornofilme sind leicht erhältlich und laufen in den Fernsehern der Kapsel- und anderer Hotels (gegen Bezahlung).

Souvenirs: Ein großer Industriezweig lebt von o-miage (Mitbringseln, Souvenirs). Wer verreist, von dem wird ein Souvenir erwartet, meist örtliche, schön verpackte Spezialitäten. Für ausländische Touristen gibt es ein Riesenangebot an traditionellen und modernen Mitbringseln.

Sprache: Außer mit Japanisch kommt man nur mit Englisch weiter. Wegen der großen Zahl von Reisegruppen aus Taiwan, der VR China und Korea werden in den Touristeninformationsstellen zwar auch Informationen auf Chinesisch und Koreanisch angeboten, aber gesprochen werden diese Sprachen nur von den in Japan aufgewachsenen und ansässigen Angehörigen der entsprechenden Minderheiten.

Spucken ist anders als in China absolut unüblich. Die Gepflogenheiten der beiden Länder sollten nicht verwechselt werden!

Statussymbole waren für Frauen mal Handtaschen der Designermarke Louis Vuitton, für die sich Mädchen sogar prostituierten bzw. ältere Männer gegen solche Luxusgeschenke eskortierten (enjo kōsai). Als den extrem konsumorientierten Teenagern nach dem Platzen der Luftblasenwirtschaft (bubble economy) das Taschengeld gekürzt werden musste, war dieser bedarfsorientierte Nebenerwerb nicht selten. 10 bis 25 % der jungen Frauen sollen diese Erfahrung gelegentlich oder regelmäßig gemacht haben. Darüber hinaus protzen Japaner eher wenig mit Statussymbolen, es gilt das Gebot der Unauffälligkeit!

Tabus: Zu den Esssitten gehört, dass man Stäbchen nicht senkrecht in den Reis steckt, weil das nur bei Trauerfeiern gemacht wird. Das gilt übrigens generell in Ostasien, man kann es ein Tabu nennen. Ebenso, dass man nicht in Badekleidung ins Becken eines öffentlichen Bades steigt, es sei denn, es handelt sich um ein gemischtes Becken im Freien, bei dem Badekleidung ausdrücklich vorgeschrieben ist.

Die Nase vor anderen Leuten zu putzen, ist ebenfalls ein Tabu: Bitte möglichst diskret und wenn nötig, wenigstens wegdrehen!

Nie mit Schuhen Wohnhäuser und andere Räumlichkeiten betreten, in denen Schuhe nicht zugelassen sind!

Tätowierungen/Körperkunst: Tätowierungen sind in Japan in erster Linie ein Merkmal der Zugehörigkeit zu den Yakuza. Personen mit Tätowierungen werden in öffentlichen und Thermalbädern in der Regel nicht geduldet! Generell sind modische Tattoos in Japan bisher nicht populär, auch keine Piercings oder andere Formen moderner westlicher Körperkunst. Es bleibt abzuwarten, ob sich diese Haltung der Japaner vor den Olympischen Spielen 2020 in Tokyo ändert. Ein Aufschrei ging durch die neuseeländischen Medien, weil eine Maori-Frau, die in Hokkaidō an einer Konferenz über indigene Sprachen teilnahm, wegen ihres Moko (traditionelle Tattoos der Maori-Frauen am Kinn) am Zugang zu einem Thermalbad gehindert wurde.

Taxis sind recht teuer. Dies gilt insbesondere für Tokyo und ist im übrigen Land vergleichbar. Zwischen 23 und 5 Uhr kommt eine Nachtgebühr von 20 % hinzu. Bei hohem Bedarf und ungenügendem Angebot in abendlichen Vergnügungszentren bieten potenzielle Kunden den doppelten und dreifachen Fahrpreis an. Alle Taxis verfügen über Navigationsgeräte. Die häufig aus der Provinz stammenden Fahrer besitzen meist keine detaillierten Ortskenntnisse und müssen im Zielgebiet oft Passanten nach dem Weg fragen. Es hat sich bewährt, wenigstens die Zieladresse auf Japanisch aufgeschrieben oder gedruckt dabeizuhaben. Eigene Ortskenntnisse helfen, Geld zu sparen. Es ist zu empfehlen, auch bei weiteren Strecken vorher den Stadtplan oder die Karte zu studieren, um teure Umwege zu vermeiden. Rotes Licht heißt „Taxi frei“, grünes Licht bedeutet „besetzt“. Zum Heranwinken hebt man den Arm und lächeln Sie als Ausländer freundlich – denn einige Taxifahrer fürchten, dass Ausländer wegen schlechter Verständigung unnötig Probleme machen, da nimmt man lieber Einheimische. Auf dem Land kann man zu mehreren ein Sammeltaxi nehmen und den Preis vorher aushandeln.

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Hundewagen zum Ausleihen im Einkaufszentrum

Tiere (unreine) gibt es nicht, aber früher galten das Schlachten von Tieren und das Gerben von Häuten als unrein. Diese Berufsgruppen wurden als soziale Kaste der Eta in sämtlichen Bereichen des öffentlichen Lebens ausgegrenzt: Sie lebten in eigenen Siedlungen, die Kinder durften keine normalen Schulen besuchen, sie durften die Häuser anderer Ständegruppen nicht betreten, kein Essen annehmen etc. Noch bis in die jüngste Zeit wurden Nachkommen dieser Berufsgruppen diskriminiert – trotz gegenteiliger Gesetze, wie beispielsweise der Befreiungserlass von 1871.

Trinkgeld wird in Japan nie gegeben. Ausnahme: Das Zimmermädchen im ryokan (jap. Reisegasthaus) erhält zu Beginn des Aufenthalts einen Umschlag mit Servicegeld.

Unterkunft: Die für Japan typischen Hotels sind Businesshotels mit kleinen, aber komplett eingerichteten Zimmern mit Bad, für Schränke reicht der Platz nicht – Kleidung wird an dafür vorgesehenen Haken aufgehängt. Japaner reisen im Land ohnehin nur mit kleinem Gepäck. Für Übernachtungen in ryokan, den traditionellen Herbergen, gibt es Besonderheiten, die im Abschnitt „Übernachten“ erklärt werden, ab Seite 157. Es gibt eine Reihe ungewöhnlicher Übernachtungsoptionen, die im selben Kapitel vorgestellt werden.

Vegetarier/Ernährungsvorschriften:Essen ist die größte Lust der Menschen, es unterliegt keinen Vorschriften. Strenggläubige Buddhisten essen möglicherweise nur vegetarisch, was aber selbst für buddhistische Priester nicht zwingend gelten muss. So gibt es auch kein Wort für „Vegetarier/vegetarisch“ in unserem Sinne. Man benutzt am besten den englischen Begriff und spricht ihn „bejitarian“ aus. Der japanische Begriff saishokushugisha meint zwar Vegetarier, aber nicht im strengen Sinn: Fisch oder Meeresfrüchte werden nicht ausgeschlossen, ebensowenig die klassische Brühe, die aus Katsuobushi (Flocken von getrocknetem und geräuchertem Bonito – eine Thunfischart), Seetang und Pilzen gewonnen wird.

In der hochklassigen buddhistischen Tempelküche shōjin ryōri gibt es keine Zutaten, für die Lebewesen geopfert werden müssen. Diese Küche ist jedoch teuer und selten zu finden. Es gibt in großen Städten jedoch eine wachsende Zahl vegetarischer und sogar veganer Lokale. Ein guter Tipp sind die vielen indischen Restaurants, daneben gibt es auch buddhistisch orientierte chinesische Lokale mit vegetarischer Küche, oft haben diese raffinierte Fleischimitationen im Angebot. Nicht einmal ein Prozent der Japaner sind Vegetarier im strengen Sinne.

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Tōkaidō-Superexpress Shinkansen in Tokyo

Verkehrsmittel: In Japan kann man ohne eigenes Auto mit öffentlichen Verkehrsmitteln sehr gut zurechtkommen. Züge fahren bis in abgelegene Orte und von dort kommt man dann mit öffentlichen Bussen weiter. Im Gebirge gibt es aber Orte, die man außer mit dem Wagen nur per Taxi erreichen kann. Der Stadtverkehr ist in allen Städten gut organisiert. In vielen Städten gibt es eine Kombination aus Straßenbahnen und Bussen. In den großen Metropolen gibt es U-Bahnnetze. Der Linksverkehr und die ungewohnte Schrift machen das Autofahren für unsereins schwerer als in vielen anderen Ländern.