cover

Fred
VARGAS

Das barmherzige Fallbeil

Roman

Aus dem Französischen
von Waltraud Schwarze

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Sollte dieses E-Book Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung dieses E-Books verweisen.

Die Originalausgabe erschien 2015
unter dem Titel »Temps glaciaires« bei Flammarion.

Der Limes Verlag ist ein Unternehmen der Verlagsgruppe Random House.

Erste Auflage

© der Originalausgabe 2015 by Fred Vargas und Flammarion

© der deutschsprachigen Ausgabe 2015 by Limes Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-17500-9

www.limes-verlag.de

1

Nur noch zwanzig Meter, zwanzig kleine Meter bis zum Briefkasten, sie hatte es sich leichter vorgestellt. Blödsinn, sagte sie sich, es gibt keine kleinen oder großen Meter. Meter ist Meter, Punkt, aus. Seltsam, dass man an der Schwelle des Todes, an diesem unvergleichlichen Ort, noch immer über solche Belanglosigkeiten nachsinnt, während man doch eher annehmen würde, dass man irgendeinen bedeutenden Satz spricht, der sich mit glühendem Eisen in die Annalen der menschlichen Weisheit einbrennen wird. Einen Satz, der später einmal hier und da kolportiert werden wird: »Wissen Sie, was Alice Gauthiers letzte Worte waren?«

Wenn sie auch nichts Denkwürdiges zu erklären hatte, so trug sie doch eine schwerwiegende Botschaft in der Hand, die sich in die Annalen der menschlichen Schande einbrennen würde, welche ja sehr viel umfangreicher waren als die der Weisheit. Sie sah auf den Brief, der in ihrer Hand zitterte.

Also weiter, noch sechzehn kleine Meter. Noémie beobachtete sie von der Haustür aus, bereit, beim geringsten Schwanken hinter ihr herzustürzen. Noémie hatte alles versucht, ihre Patientin davon abzuhalten, dass sie sich allein auf die Straße wagte, aber Alice Gauthiers gebieterisches Wesen duldete keinen Widerspruch.

»Damit Sie mir über die Schulter schauen, um die Adresse zu lesen?«

Noémie war beleidigt, so etwas tat sie nicht.

»Das machen alle, Noémie. Einer meiner Freunde – ein alter Gauner im Übrigen – sagte immer zu mir: ›Wenn du ein Geheimnis wahren willst, dann wahre es.‹ Und so habe ich eins über lange Zeit gewahrt, nur in den Himmel komme ich damit nicht. Wobei mir der Himmel auch sonst nicht sicher wäre. Verkrümeln Sie sich, Noémie, und lassen Sie mich gehen.«

Lauf, Alice, verdammt noch mal, sonst hast du Noémie gleich wieder auf der Pelle. Sie stützte sich auf ihren Rollator, schob sich neun Meter weiter, nun ja, acht große Meter waren es auf jeden Fall. Jetzt nur noch an der Apotheke vorbei, danach am Waschsalon, an der Bank, und schon wäre sie dort, bei dem kleinen gelben Briefkasten. Während sie bei dem Gedanken an ihren nahen Sieg schon leise lächelte, wurde ihr schwarz vor Augen, sie ließ das Gefährt los und brach vor einer Frau in Rot zusammen, die sie mit einem Schrei in ihren Armen auffing. Der Inhalt ihrer Tasche verteilte sich über den Boden, der Brief glitt ihr aus der Hand.

Die Apothekerin kam angerannt, fragte, befühlte, legte große Geschäftigkeit an den Tag, während die Frau im roten Mantel die verstreut herumliegenden Dinge aufsammelte, in die Handtasche zurücklegte und diese neben die auf dem Boden liegende Frau stellte. Damit erschöpfte sich ihre flüchtige Rolle auch schon, der Rettungsdienst war unterwegs, sie hatte hier nichts mehr zu tun, zögernd richtete sie sich auf und trat zurück. Könnte sie sich nicht doch noch irgendwie nützlich machen, um noch ein wenig länger am Unfallort zu bleiben, könnte einer der Feuerwehrleute, die jetzt in großer Zahl eintrafen, nicht wenigstens ihren Namen notieren? Aber die Apothekerin hatte bereits alles in die Hand genommen, assistiert von einer furchtbar aufgeregten Frau, die erklärte, die Krankenpflegerin zu sein: Sie weinte ein wenig und rief, Madame habe es strikt abgelehnt, sich von ihr begleiten zu lassen, sie wohne nur einen Steinwurf entfernt, in der 33 a, nein, sie habe wirklich nicht fahrlässig gehandelt. Man legte die Frau auf eine Trage. Das war’s, Kindchen, die Sache geht dich nun nichts mehr an.

Doch, dachte sie im Weitergehen, doch, sie hatte wirklich etwas getan. Indem sie die stürzende Frau aufgefangen hatte, hatte sie verhindert, dass diese mit dem Kopf aufs Pflaster schlug. Vielleicht hatte sie ihr damit das Leben gerettet, wer konnte das Gegenteil behaupten?

Obwohl es erst Anfang April war, wurde es schon mild in Paris, wenn die Luft an sich auch noch frisch war. Die Luft an sich. Wie sollte die Luft denn sonst sein? Außer sich? Marie-France runzelte die Stirn, genervt von solchen blöden Fragen, die ihr durch den Kopf schwirrten wie müßige Mücken. Schon gar, wo sie gerade ein Leben gerettet hatte. Oder sagte man die Luft selbst? Sie zupfte ihren roten Mantel zurecht und schob die Hände in die Taschen. Rechts ihre Schlüssel, ihr Portemonnaie, aber links ein dickes Papier, das sie nie dort hineingesteckt hatte. Die linke Manteltasche war ihrer Fahrkarte und den achtundvierzig Cent für das Brot vorbehalten. An einem Baum blieb sie stehen und überlegte. In der Hand hielt sie den Brief, den die arme Frau hatte fallen lassen. Dreh deinen Gedanken sieben Mal im Kopf herum, bevor du handelst, hatte ihr Vater ihr fortwährend eingehämmert, der übrigens nie in seinem Leben wirklich gehandelt hatte. Wahrscheinlich war er über vier Drehungen nicht hinausgekommen. Die Schrift auf dem Umschlag war zitterig, und der Name der Absenderin, Alice Gauthier, prangte in großen, etwas unsicheren Buchstaben auf der Rückseite. Ja, das war eindeutig ihr Brief. In der Eile, mit der Marie-France die aus der Handtasche gefallenen Sachen, Papiere, Geldbörse, Tabletten und Brille zusammengerafft hatte, bevor der Wind sie verwehte, hatte sie auch den Umschlag in ihren Mantel gesteckt. Er hatte auf der anderen Seite der Handtasche gelegen, die Frau musste ihn in der linken Hand gehalten haben. Darum also, dachte Marie-France, war sie allein aus dem Haus gegangen: um einen Brief einzuwerfen.

Sollte sie ihn ihr zurückbringen? Doch wohin? Man hatte sie in die Notaufnahme irgendeiner Klinik gebracht. Sollte sie ihn der Pflegerin in der 33 a aushändigen? Vorsicht, Marie-France, Vorsicht. Dreh deinen Gedanken sieben Mal herum. Wenn die kleine Madame Gauthier das Risiko auf sich genommen hatte, allein zum Briefkasten zu gehen, dann doch sicherlich, weil sie um keinen Preis wollte, dass der Brief jemand anderem in die Hände fiel. Sieben Mal, aber nicht zehn, nicht zwanzig Mal, sonst nutzt der Gedanke sich ab, und es kommt gar nichts mehr dabei heraus. Man kennt solche Leute, die sich immer nur grübelnd im Kreis drehen, traurig so was, brauchst dir ja nur deinen Onkel anzuschauen.

Nein, nicht die Pflegerin. Madame Gauthier war nicht umsonst allein auf ihre Expedition gegangen. Marie-France sah sich auf der Suche nach einem Briefkasten um. Dort drüben, das kleine gelbe Rechteck auf der anderen Seite des Platzes. Sie strich den Umschlag auf ihrem Bein glatt. Sie, Marie-France hatte einen Auftrag: Sie hatte die Frau gerettet, und sie würde auch den Brief retten. Schließlich war er geschrieben worden, um abgeschickt zu werden, oder? Also tat sie nichts Böses, ganz im Gegenteil.

Sie ließ den Umschlag in den Schlitz »Banlieue« gleiten, nachdem sie sich mehrmals vergewissert hatte, dass er auch bestimmt ins Departement 78, Les Yvelines, gehen sollte. Sieben Mal, Marie-France, nicht zwanzig, sonst geht die Post nie ab. Dann schob sie ihre Finger unter der Klappe durch, um sicher zu sein, dass er auch wirklich hineingefallen war. So, das war getan. Letzte Leerung um 18 Uhr, es war Freitag, der Empfänger würde ihn am Montag in aller Frühe haben.

Einen schönen Tag noch, Kindchen, einen wunderschönen Tag.

2

Kommissar Bourlin vom 15. Pariser Arrondissement saß in einer Sitzung mit seinen Beamten und kaute unschlüssig auf seinen Wangen herum, die Hände über dem dicken Bauch gefaltet. Er war einmal ein schöner Mann gewesen, erinnerten sich einige Ältere, bevor binnen weniger Jahre das Fett von ihm Besitz ergriffen hatte. Aber eine stattliche Erscheinung war er noch immer, die respektvolle Aufmerksamkeit, mit der seine Stellvertreter ihm begegneten, bezeugte es. Selbst dann, wenn er sich geräuschvoll, ja geradezu demonstrativ schnäuzte wie gerade eben. Frühjahrsschnupfen, erklärte er. Der nicht anders war als ein Schnupfen im Herbst oder Winter, aber doch etwas Luftiges, weniger Gewöhnliches, irgendwie Heiteres hatte.

»Wir sollten den Fall zu den Akten legen, Kommissar«, fasste Feuillère, der hitzigste seiner Lieutenants, die Meinung aller zusammen. »Es ist jetzt sechs Tage her, dass Alice Gauthier gestorben ist. Es war Selbstmord, da beißt die Maus keinen Faden ab.«

»Ich mag Selbstmörder nicht, die keinen Brief hinterlassen.«

»Der Mann in der Rue de la Convention vor zwei Monaten hat auch nichts Schriftliches hinterlassen«, wandte ein Brigadier ein, der fast dieselbe Statur hatte wie der Kommissar.

»Aber der war besoffen wie ein Schwein, einsam und völlig pleite, das kann man nicht miteinander vergleichen. Hier haben wir eine Frau mit gutem Auskommen, Mathematiklehrerin im Ruhestand, ein geradliniges Leben, wir haben alles unter die Lupe genommen. Und ich mag auch Selbstmörder nicht, die sich am Morgen noch die Haare waschen und Parfum auflegen.«

»Eben drum«, sagte eine Stimme. »Wenn schon tot, dann wenigstens schön.«

»Und am Abend dann«, sagte der Kommissar, »lässt Alice Gauthier sich ein Bad ein, zieht ihre Schuhe aus und steigt, immer noch im Kostüm, ins Wasser, um sich die Pulsadern aufzuschneiden?«

Bourlin nahm sich eine Zigarette, das heißt zwei, denn mit seinen dicken Fingern bekam er eine einzelne gar nicht zu fassen. So blieben immer ein paar einsame Zigaretten neben seiner Schachtel liegen. Aus demselben Grund benutzte er auch kein Feuerzeug, dessen Zündrädchen er gar nicht richtig hätte greifen können, sondern eine Art Kaminhölzer, deren große Schachtel seine Tasche wölbte. Er hatte dekretiert, dass in diesem Raum des Kommissariats das Rauchen erlaubt sei. Denn das Rauchverbot brachte ihn auf die Palme. Da wurden pro Jahr sechsunddreißig Milliarden Tonnen CO², sechsunddreißig Milliarden!, wütete er, auf die Geschöpfe dieser Erde abgelassen – »Ich sage ›Geschöpfe‹, auf alle Geschöpfe!« –, und es war nicht erlaubt, auf einem Bahnsteig, im Freien, auch nur eine Zigarette zu rauchen?

»Sie war todkrank, Kommissar, und sie wusste es«, beharrte Feuillère. »Ihre Pflegerin hat’s uns erzählt: Stolz, wie sie war, und eine Person mit eisernem Willen, hat sie letzten Freitag noch versucht, allein einen Brief zum Kasten zu bringen, und ist dabei zusammengeklappt. Ergebnis: Fünf Tage später schneidet sie sich in der Badewanne die Pulsadern auf.«

»Einen Brief, der vielleicht ihre Abschiedsworte enthielt. Was erklären würde, dass sich bei ihr zu Hause keiner fand.«

»Ihr Letzter Wille sozusagen.«

»Und für wen bestimmt?«, fiel ihm der Kommissar ins Wort und nahm einen langen Zug von seiner Zigarette. »Erben hat sie nicht und auch keine großen Ersparnisse auf der Bank. Ein neues Testament hat ihr Notar nicht erhalten, ihre zwanzigtausend Euro gehen an eine Stiftung zum Schutz der Eisbären. Und obwohl dieser entscheidende Brief verlorengeht, bringt sie sich lieber um, als ihn neu zu schreiben?«

»Weil inzwischen dieser junge Mann bei ihr war, Kommissar. Am Montag und dann noch einmal am Dienstag, da ist sich der Nachbar ganz sicher. Er hat gehört, wie er klingelte und sagte, er käme wegen der Verabredung. Zu dem Zeitpunkt, zu dem sie jeden Tag allein in der Wohnung war, zwischen 19 und 20 Uhr. Demnach hat sie diese Verabredung selbst getroffen. Sie wird ihm ihren Letzten Willen mitgeteilt haben, womit der Brief überflüssig wurde.«

»Und dieser unbekannte junge Mann hat sich seitdem in der Landschaft verloren. Bei der Beerdigung waren nur betagte Herrschaften zu sehen. Kein junger Mann. Also? Wo ist er abgeblieben? Wenn er ihr so nahestand, dass sie ihn in großer Eile zu sich bestellen konnte, dann war er ein Verwandter oder ein Freund von ihr. In diesem Fall wäre er zur Beerdigung gekommen. Aber nein, er hat sich in Luft aufgelöst. In kohlendioxydgesättigter Luft, wohlgemerkt. Doch zur Sache, der Nachbar hat gehört, wie er sich vor der Tür mit seinem Namen meldete. Wie war der noch gleich?«

»Er hat ihn nicht so genau verstanden. André oder ›Dédé‹, ganz sicher ist er sich nicht.«

»André, so heißen ältere Leute. Wieso sagt er, es sei ein junger Mann gewesen?«

»Das hat er an seiner Stimme erkannt.«

»Kommissar«, warf ein Lieutenant ein, »der Richter verlangt, dass wir den Fall abschließen. Wir sind noch keinen Schritt weiter, weder mit der Messerstecherei am Gymnasium noch mit dem Überfall auf die Frau am Parkplatz Rue de Vaugirard.«

»Ich weiß«, sagte der Kommissar und griff sich die zweite Zigarette, die neben seiner Schachtel lag. »Ich habe mich gestern Abend mit dem Kerl unterhalten. Sofern man das Unterhaltung nennen kann. Suizid, Suizid, schließen Sie die Akte und weiter zum nächsten Fall – auf die Gefahr hin, dass man Tatsachen, und seien sie noch so geringfügig, in den Boden tritt wie Löwenzahn.«

Der Löwenzahn, dachte er, ist der arme Mann in der Gesellschaft der Blumen, er wird nicht geachtet, man tritt ihn mit Füßen oder gibt ihn den Kaninchen zu fressen. Während niemand auf den Gedanken käme, auf eine Rose zu treten. Und schon gar nicht, sie den Karnickeln zu geben. Alles schwieg, jedermann war im Zwiespalt zwischen der Ungeduld des neuen Richters und der schlechten Laune des Kommissars.

»Also, ich schließe ab«, gab Bourlin sich seufzend geschlagen. »Unter der Bedingung, dass wir vorher noch herauszufinden versuchen, was das Zeichen bedeutet, das die Frau neben ihre Badewanne geschrieben hat. Sehr klar, sehr entschieden, aber unverständlich. Dort steht sie, ihre letzte Botschaft.«

»Aber nicht zu entschlüsseln.«

»Ich rufe Danglard an. Der hat vielleicht eine Idee.«

Und dennoch, dachte Bourlin und folgte seiner Gedankenwindung, ist der Löwenzahn ein zähes Pflänzchen, während die Rose ständig leidet.

»Commandant Adrien Danglard?«, fragte ein Brigadier. »Von der Brigade criminelle im 13. Arrondissement?«

»Genau der. Er weiß Dinge, die ihr in dreißig Leben nicht lernen werdet.«

»Aber hinter ihm«, murmelte der Brigadier, »steht Kommissar Adamsberg.«

»Und?«, sagte Bourlin und erhob sich beinahe majestätisch, die Fäuste auf den Tisch gestemmt.

»Nichts, Kommissar.«

3

Adamsberg griff nach seinem Telefon, schob einen Stapel Aktenordner beiseite, legte die Beine auf den Schreibtisch und beugte sich in seinem Arbeitssessel vor. Er hatte letzte Nacht kaum ein Auge zugetan, eine seiner Schwestern hatte sich, weiß Gott wie, eine Lungenentzündung eingefangen.

»Die Frau aus der 33 a?«, fragte er. »Pulsadern aufgeschnitten in der Badewanne? Warum nervst du mich mit so was um 9 Uhr früh, Bourlin? Laut internen Berichten handelt es sich um Selbstmord. Zweifelst du daran?«

Adamsberg mochte Kommissar Bourlin. Ein großer Esser vor dem Herrn, großer Raucher, großer Trinker, ein Vulkan in fortwährender Eruption, ständig auf Hochtouren und immer dicht am Abgrund, hart wie ein Stein und eigensinnig wie ein junges Lamm, war er ein ernstzunehmender Gegner, der noch in hundert Jahren auf seinem Posten sein würde.

»Der neue Richter Vermillon sitzt mir im Nacken wie eine Zecke«, sagte Bourlin. »Du kennst doch Zecken?«

»Aber ja. Wenn du einen Leberfleck an dir entdeckst, dem Beine wachsen, dann hast du eine Zecke.«

»Und was mache ich dann?«

»Du ziehst sie durch eine Drehbewegung mit einer winzigen Zange heraus. Du rufst mich aber hoffentlich nicht deswegen an?«

»Nein, wegen dieses Richters, der nichts anderes ist als eine riesige Zecke.«

»Willst du, dass wir die zu zweit und mit einer riesigen Zeckenzange rausziehen?«

»Er verlangt, dass ich den Fall ad acta lege, aber das will ich nicht.«

»Und warum nicht?«

»Die Selbstmörderin, nach Parfum duftend und frisch frisiert wie am frühen Morgen, hat keinen Brief hinterlassen.«

Adamsberg hörte sich mit geschlossenen Augen an, wie Bourlin die Geschichte abspulte.

»Ein unverständliches Zeichen, sagst du? Neben der Badewanne? Und womit, denkst du, soll ich dir helfen?«

»Du selbst gar nicht. Ich will nur, dass du mir den Kopf von Danglard schickst, damit er sich das mal ansieht. Ihm sagt es vielleicht was, jemand anderes fällt mir nicht ein. Und zumindest hätte ich dann ein ruhiges Gewissen.«

»Nur seinen Kopf? Und was mache ich mit dem Körper?«

»Den lässt du nachkommen, soweit möglich.«

»Danglard ist noch nicht im Büro. Du weißt, er hat seinen eigenen Stundenplan, je nach den Tagen. Beziehungsweise den Abenden davor.«

»Hol ihn aus dem Bett, ich erwarte euch beide dort. Noch was, Adamsberg: Der Brigadier, der mich begleiten wird, ist ein junger Schnösel. Der muss noch Patina ansetzen.«

Adamsberg saß auf Danglards alter Couch und trank einen starken Kaffee, während er darauf wartete, dass der Commandant sich fertig anzog. Er war zu dem Schluss gekommen, dass es die schnellste Lösung wäre, ihn an Ort und Stelle wachzurütteln und direkt in sein Auto zu verladen.

»Ich habe nicht mal Zeit, mich zu rasieren«, schimpfte Danglard und beugte seinen großen, schlaffen Körper vor, um sich im Spiegel zu betrachten.

»Ins Büro kommen Sie auch nicht immer rasiert.«

»Das ist was anderes. Hier werde ich als Experte erwartet, und ein Experte rasiert sich.«

Adamsberg verzeichnete beiläufig die beiden Weißweinflaschen auf dem Couchtisch, das auf den Boden gefallene Glas, den noch feuchten Teppich. Weißwein hinterlässt keine Flecken. Danglard schien gleich auf dem Sofa eingeschlafen zu sein, ohne sich diesmal um die argwöhnischen Blicke seiner fünf Kinder sorgen zu müssen, die er wie Zuchtperlen aufzog. Die Zwillinge waren inzwischen in Richtung Universitätscampus ausgeflogen, und die Leere im Haus machte die Sache nicht viel besser. Immerhin blieb ihm noch der Jüngste, der mit den blauen Augen, der nicht von Danglard war und den seine Frau ihm als ganz kleines Kind zurückgelassen hatte, als sie fortgegangen war, ohne sich im Flur noch ein einziges Mal umzudrehen, wie er hundertmal erzählt hatte. Im vergangenen Jahr hatte Adamsberg auf die Gefahr hin, dass es zum Bruch zwischen ihnen beiden kommen würde, die Rolle des Folterers auf sich genommen und Danglard zum Arzt geschleppt, und der Commandant hatte als weinseliger Zombie auf seine Untersuchungsergebnisse gewartet. Die sich als ganz und gar untadelig erwiesen. Es gibt Leute, die können durch den Regen laufen, ohne nass zu werden, und das war nicht die geringste von den Gaben des Commandant Danglard.

»Als Experte wofür eigentlich?«, fragte Danglard, während er seine Manschettenknöpfe richtete. »Worum handelt es sich? Sagten Sie ›Hieroglyphen‹?«

»Die letzte Zeichnung einer Selbstmörderin. Ein nicht zu entschlüsselndes Symbol. Kommissar Bourlin ist sehr unglücklich, er will verstehen, was dieses Zeichen bedeutet, bevor er die Akte schließt. Der Richter sitzt ihm im Nacken wie eine Zecke. Eine ziemlich große Zecke. Wir haben nur ein paar Stunden.«

»Ah, um Bourlin geht es«, sagte Danglard und entspannte sich, während er gleichzeitig sein Jackett glatt strich. »Fürchtet er, der neue Richter kriegt eine Krise?«

»Zeckenmäßig betrachtet, fürchtet er wohl eher, dass er sein Gift auf ihn spuckt.«

»Zeckenmäßig betrachtet, fürchtet er, dass er ihm den Inhalt seiner Speicheldrüsen injiziert«, korrigierte Danglard, während er sich die Krawatte band. »Die Zecke hat nichts mit einer Schlange oder einem Floh zu tun. Und sie ist auch kein Insekt, sondern ein Spinnentier.«

»Genau. Und was halten Sie vom Inhalt der Speicheldrüsen des Richters Vermillon?«

»Offen gesagt, nichts Gutes. Aber abgesehen davon, bin ich kein Experte für kryptische Zeichen. Ich bin der Sohn eines nordfranzösischen Bergmanns«, sagte der Commandant voller Stolz. »Ich weiß nur hie und da ein paar Bruchstücke.«

»Dennoch hofft er auf Sie. Wegen seines Gewissens.«

»Also, die Gelegenheit, als gutes Gewissen zu dienen, kann ich mir nicht entgehen lassen.«

4

Danglard hatte sich auf den Rand der blauen Badewanne gesetzt, in der Alice Gauthier sich die Pulsadern aufgeschnitten hatte. Er betrachtete den Rand des Waschtischs, auf den sie das Zeichen mit einem Kajalstift geschrieben hatte. Adamsberg, Bourlin und sein Brigadier warteten schweigend hinter ihm in dem kleinen Bad.

»Sagt doch was, bewegt euch, verdammt noch mal, ich bin nicht das Orakel von Delphi«, rief Danglard gereizt, weil er das Zeichen nicht auf Anhieb entschlüsselt hatte. »Brigadier, könnten Sie so freundlich sein und mir einen Kaffee machen, man hat mich aus dem Bett geholt.«

»Aus dem Bett oder aus einer Bar am frühen Morgen?«, murmelte der Brigadier halblaut, zu Bourlin gewandt.

»Ich habe ein feines Ohr«, sagte Danglard, wie er da in eleganter Pose auf dem Rand der Wanne saß, ohne den Blick von dem gezeichneten Motiv zu wenden. »Ich habe nicht um einen Kommentar gebeten, sondern um einen Kaffee, in aller Freundlichkeit.«

»Einen Kaffee«, bekräftigte Bourlin, indem er den Brigadier am Arm fasste, den seine große Hand mühelos umschloss.

Danglard zog ein krummgesessenes Notizbuch aus seiner Gesäßtasche und zeichnete das Symbol ab: ein großes H, dessen Querbalken jedoch schräg verlief. Und unter dem Balken verlief außerdem eine konkave Linie:

»Könnte es einen Zusammenhang mit ihren Initialen geben?«

»Sie hieß Alice Gauthier, mit Mädchennamen Vermond. Ihre beiden Vornamen allerdings sind Clarisse und Henriette. H wie Henriette.«

»Nein«, sagte Danglard und schüttelte seine weichen, vom Grau seiner Bartstoppeln verschatteten Wangen. Das ist kein H. Der Querstrich verläuft eindeutig schräg, er weist entschieden nach oben. Und es ist auch keine Unterschrift. Eine Unterschrift verändert sich mit der Zeit immer, sie absorbiert die Persönlichkeit des Schreibenden, sie neigt sich, verformt sich, schrumpft. Nichts, was mit der Geradlinigkeit dieses Buchstabens vereinbar wäre. Das ist die getreue, fast schülerhafte Reproduktion eines Zeichens, eines Siegels und wurde noch nicht sehr oft ausgeführt. Sie hat es vorher vielleicht ein, zwei, wenn’s hoch kommt, fünf Mal gezeichnet. Es ist die Arbeit eines eifrigen, gewissenhaften Schulkinds.«

Der Brigadier kam mit dem Kaffee zurück und drückte Danglard mit herausfordernder Miene den brühend heißen Plastikbecher in die Hand.

»Danke«, murmelte der Commandant, ohne sich etwas anmerken zu lassen. »Wenn sie sich umgebracht hat, dann weist sie damit auf diejenigen hin, die sie in den Selbstmord getrieben haben. Warum sollte sie in diesem Fall das Zeichen verschlüsseln? Aus Angst? Und für wen? Für ihr nahestehende Menschen? Sie fordert zur Nachforschung auf und verrät doch niemanden. Und wenn man sie umgebracht hat – und das ist Ihre Vermutung, nicht wahr, Bourlin? –, dann bezeichnet sie damit zweifellos ihre Angreifer. Aber noch einmal, warum tut sie das nicht in aller Offenheit?«

»Dann war es wohl doch Selbstmord«, brummte Bourlin resigniert.

»Darf ich?«, fragte Adamsberg, der an der Wand lehnte, und zog eine zerknautschte Zigarette aus seiner Jackentasche.

Das Signal für Kommissar Bourlin, der als Antwort ein gewaltiges Streichholz hervorholte und sich seinerseits eine anzündete. Beleidigt verließ der Brigadier das augenblicklich verqualmte, winzige Bad und wich zum Eingang zurück.

»Ihr Beruf?«, fragte Danglard.

»Mathematiklehrerin.«

»Was auch nichts hergibt. Es ist kein mathematisches und auch kein physikalisches Symbol. Weder ein Sternzeichen noch etwas Hieroglyphenähnliches. Weder von den Freimaurern noch von einer satanischen Sekte. Nichts von alledem.«

Verdrossen und in sich gekehrt grummelte er einen Augenblick vor sich hin.

»Es sei denn«, fuhr er fort, »es handelt sich um einen altnordischen Buchstaben, eine Rune, vielleicht sogar ein japanisches oder auch chinesisches Schriftzeichen. Da gibt es schon ähnliche H mit schräg verlaufendem Querstrich. Aber sie haben alle nicht diesen konkaven Bogen darunter. Da liegt der Hase im Pfeffer. So bleibt uns nur die Hypothese eines kyrillischen Buchstabens, wenn auch eines etwas missglückten.«

»Kyrillisch? Sie meinen das russische Alphabet?«, fragte Bourlin.

»Das russische, aber auch das bulgarische, serbische, mazedonische, ukrainische … ein weites Feld.«

Mit einem Blick beendete Adamsberg den gelehrten Diskurs über die kyrillische Schrift, zu dem der Commandant, wie er spürte, gerade ausholte. Und tatsächlich verzichtete Danglard mit Bedauern darauf, die Geschichte der Schüler des heiligen Kyrill zu erzählen, die das Alphabet geschaffen hatten.

»Es gibt im Kyrillischen einen Buchstaben Й, nicht zu verwechseln mit dem И«, erklärte er, indem er beide auf ein Blatt seines Notizbuchs schrieb. »Sie sehen, dieser Buchstabe hat ein konkaves Zeichen obendrauf, eine Art kleine Schale. Er spricht sich ungefähr oi oder ai aus, je nach dem vorausgehenden Buchstaben.«

Danglard bemerkte einen neuerlichen Blick von Adamsberg und brach seine Darlegung ab.

»Angenommen«, fuhr er fort, »in Anbetracht der Entfernung zwischen Badewanne und Waschtisch, den sie nur mit ausgestrecktem Arm erreichen konnte, wäre es der Frau schwergefallen, den Buchstaben korrekt zu schreiben, dann könnte ihr der Kringel möglicherweise von oben in die Mitte gerutscht sein. Doch wenn ich mich nicht irre, steht dieses Й nie am Wortanfang, sondern immer am Ende. Und ich habe noch nie von einer Abkürzung gehört, die ein Wortende benutzt. Prüfen Sie dennoch, ob sich auf ihrer Anruferliste oder in ihrem Adressbuch jemand findet, der das kyrillische Alphabet verwendet haben könnte.«

»Das wäre verlorene Zeit«, wandte Adamsberg sanft ein.

Wenn Adamsberg sanft sprach, dann nicht, um Danglard nicht zu kränken. Von seltenen Gelegenheiten abgesehen, pflegte der Kommissar nie laut zu werden, und er nahm sich auch alle Zeit beim Reden, selbst auf die Gefahr hin, sein Gegenüber einzuschläfern mit seiner Moll-Stimme, die für manche Leute etwas Hypnotisierendes hatte, auf andere dagegen anziehend wirkte. Es war ein Unterschied, ob eine Vernehmung vom Kommissar selbst oder von einem seiner Beamten durchgeführt wurde. Adamsberg erreichte, dass die Leute entweder schläfrig wurden oder ihre Geständnisse plötzlich nur so aus ihnen heraussprudelten, so wie man widerspenstige Nägel mit einem Magneten herauszieht. Der Kommissar schenkte dem keine Beachtung, er gab sogar zu, dass er manchmal selbst dabei einschlief, ohne es zu bemerken.

»Wieso verlorene Zeit?«

»Doch, Danglard. Wir sollten vielmehr herauszufinden versuchen, ob die konkave Linie vor oder nach dem Schrägstrich gezeichnet wurde. Ebenso die beiden senkrechten Striche des H: Wurden sie vorher oder hinterher gezeichnet?«

»Was ändert das?«, fragte Bourlin.

»Und«, setzte Adamsberg seinen Gedanken fort, »ob der Schrägstrich von unten nach oben oder von oben nach unten gezogen wurde.«

»Stimmt«, räumte Danglard ein.

»Der Schrägstrich lässt an ein Durchkreuzen denken«, sagte Adamsberg weiter. »Wie wenn man etwas Geschriebenes streicht. Vorausgesetzt, man zieht den Strich eindeutig von unten nach oben. Wenn das Lächeln zuerst da war, heißt das, dass es anschließend gestrichen wurde.«

»Was für ein Lächeln?«

»Ich meine die konvexe Linie. Die die Form eines Lächelns hat.«

»Konkave Linie«, berichtigte Danglard.

»Wenn Sie wollen. Diese Linie erinnert, für sich betrachtet, an ein Lächeln.«

»Ein Lächeln, das einer hätte auslöschen wollen«, meinte Bourlin.

»So ähnlich. Und die beiden vertikalen Balken des H könnten das Lächeln einrahmen wie ein vereinfachtes Gesicht.«

»Sehr vereinfacht«, sagte Bourlin. »An den Haaren herbeigezogen.«

»Ziemlich an den Haaren herbeigezogen«, bestätigte Adamsberg. »Aber überprüfe es trotzdem. In welcher Reihenfolge, Danglard, schreibt man diesen Buchstaben im Kyrillischen?«

»Zuerst die beiden Senkrechten, dann den Schrägstrich, dann den Kringel obendrauf. So wie auch wir einen Akzent als Letztes draufsetzen.«

»Wenn also der Kringel vorher gemacht wurde, handelt es sich nicht um einen missglückten kyrillischen Buchstaben«, bemerkte Bourlin, »und wir brauchen unsere Zeit nicht damit zu verplempern, in ihrem Adressbuch nach einem Russen zu suchen.«

»Oder einem Mazedonier. Oder einem Serben«, ergänzte Danglard.

Bekümmert darüber, dass es ihm nicht gelungen war, das Zeichen zu entschlüsseln, folgte Danglard mit schlurfenden Schritten seinen Kollegen auf die Straße, während Bourlin per Telefon seine Befehle erteilte. Allerdings zog Danglard beim Gehen immer die Füße nach, wodurch sich seine Schuhsohlen in kürzester Zeit abnutzten. Und da der Commandant mangels irgendwelcher Attraktivität ganz und gar auf englische Eleganz setzte, hatte er ein Problem mit dem Nachschub für seine Londoner Schuhe. Darum wurde jeder, der über den Ärmelkanal reiste, gebeten, ihm von dort ein neues Paar mitzubringen.

Der Brigadier war beeindruckt von den Proben seines Wissens, die Danglard gegeben hatte, und lief jetzt folgsam an seiner Seite. Er hatte »ein wenig Patina angesetzt«, wie Bourlin gesagt hätte.

Auf der Place de la Convention trennten sich die vier Männer.

»Ich melde mich, sobald die Ergebnisse vorliegen«, sagte Bourlin. »Es wird nicht lange dauern. Vielen Dank für die Unterstützung, aber ich glaube, ich werde den Fall heute Abend abschließen müssen.«

»Wenn wir schon im Dunkeln tappen«, meinte Adamsberg im Fortgehen mit einer laxen Handbewegung, »kann man ja auch mal sagen, was einem so einfällt. Mich erinnert das Ding an eine Guillotine.«

Bourlin sah seinen Kollegen eine Weile nach.

»Wundere dich nicht«, sagte er zu seinem Brigadier. »Das ist Adamsberg.«

Als wäre damit alles erklärt.

»Aber dieser Commandant Danglard«, meinte der junge Mann, »was hat der in seinem Schädel, dass er das alles weiß?«

»Weißwein.«

Kaum zwei Stunden später rief Bourlin Adamsberg an: Die beiden senkrechten Linien waren als Erstes gezogen worden, zunächst die linke, danach die rechte.

»Wie man ein H anfängt«, fuhr er fort. »Aber dann hat sie die konkave Linie gezeichnet.«

»Also nicht wie ein H.«

»Und auch nicht wie was Kyrillisches. Schade, das hatte mir irgendwie gefallen. Als Letztes hat sie den Schrägstrich hinzugefügt, und zwar von unten nach oben.«

»Und damit das Lächeln gestrichen.«

»Genau. So bleibt uns nichts mehr, Adamsberg. Weder eine Initiale noch ein Russe. Lediglich ein unbekanntes Kürzel, das sich an eine Gruppe von unbekannten Personen wendet.«

»An eine Gruppe von Unbekannten, die sie für ihren Selbstmord anklagt oder die sie auf eine Gefahr hinweisen möchte.«

»Oder aber«, schlug Bourlin vor, »sie bringt sich schlicht und einfach um, weil sie krank ist. Doch vorher will sie auf etwas oder jemanden hinweisen, auf ein Ereignis in ihrem Leben. Ein letztes Geständnis, bevor sie diese Welt verlässt.«

»Und was könnte das für ein Geständnis sein, das man erst im letzten Moment preisgibt?«

»Ein schändliches Geheimnis.«

»Zum Beispiel?«

»Ein Kind, das man verleugnet hat?«

»Oder eine Sünde, Bourlin. Oder ein Mord. Was hätte deine brave Alice Gauthier denn für eine Untat begehen können?«

»›Brav‹ würde ich nicht sagen. Autoritäre Person, rigoroses, um nicht zu sagen tyrannisches Temperament. Nicht sehr sympathisch.«

»Hat sie Ärger mit ehemaligen Schülern gehabt? Mit dem Ministerium?«

»Sie genoss höchste Anerkennung, ist nie woandershin versetzt worden. Vierzig Jahre an derselben Schule, und das in einem Problembezirk. Aber laut ihren Kollegen wagten nicht mal die ausgekochtesten unter den Kids, in ihren Unterrichtsstunden eine Lippe zu riskieren. Bei ihr spurten sie. Da kannst du dir ja vorstellen, dass die Schulleiter an ihr hingen wie an einer heiligen Ikone. Sie brauchte sich bloß in einer Klassentür zu zeigen, und schon war Ruhe im Karton. Ihre Strafen waren gefürchtet.«

»Körperliche Züchtigungen etwa?«

»Offenbar nichts dergleichen.«

»Was sonst? Einen Satz dreihundert Mal abschreiben?«

»Auch nicht«, sagte Bourlin. »Die Strafe war, dass sie ihnen ihre Liebe entzog. Denn sie liebte ihre Schüler. Das war die Drohung: dass sie ihre Liebe verlieren könnten. Viele Kinder kamen nach dem Unterricht unter dem einen oder anderen Vorwand zu ihr. Und damit du begreifst, was diese Frau für eine Kraft hatte: Einmal hatte sie einen von diesen kleinen Rowdys, die andere Schüler ausrauben, zu sich bestellt, und binnen einer Stunde hatte er ihr die Namen aller seiner Gangmitglieder verraten. Keiner weiß, wie sie das gemacht hat. So eine Frau war das.«

»Sie hatte offenbar Schneid.«

»Denkst du schon wieder an deine Guillotine?«

»Nein, eigentlich denke ich an diesen verlorengegangenen Brief. An diesen unbekannten jungen Mann. Vielleicht war er einer ihrer ehemaligen Schüler.«

»In welchem Fall das Zeichen für den Schüler bestimmt gewesen wäre? Das Zeichen eines Clans? Einer Bande? Mach mich nicht wahnsinnig, Adamsberg, ich muss den Fall heute Abend noch abschließen.«

»Dann zögere es halt ein bisschen hinaus. Und sei es nur um einen Tag. Sag, dass du gerade an was Kyrillischem arbeitest. Und sag vor allem nicht, dass das von mir kommt.«

»Warum hinauszögern? Denkst du an etwas Bestimmtes?«

»Nein. Ich möchte nur ein bisschen nachdenken.«

Bourlin stieß einen resignierten Seufzer aus. Er kannte Adamsberg lange genug, um zu wissen, dass »nachdenken« in seinem Fall überhaupt nichts zu bedeuten hatte. Adamsberg dachte nicht nach, er setzte sich nicht mit einem Bleistift in der Hand an einen Tisch, schaute nicht konzentriert aus dem Fenster, rekapitulierte die Fakten nicht mit Pfeilen und Ziffern an einer Tafel, stützte nicht das Kinn in die Faust. Er pausierte, lief lautlos herum, schlingerte zwischen den Büros hin und her, kommentierte, durchmaß sein Terrain mit langsamen Schritten, aber noch nie hatte jemand ihn nachdenken sehen. Er schien im Wasser zu treiben wie ein Fisch. Nein, ein Fisch treibt nicht, ein Fisch verfolgt sein Ziel. Adamsberg glich eher einem Schwamm, der von der Strömung getragen wird. Aber was war das für eine Strömung? Manche Leute sagten übrigens von ihm, dass, wenn sein ohnehin schon verschwommener brauner Blick sich noch weiter im Unbestimmten verlor, es aussah, als hätte er Algen in den Augen. Er gehörte eher zum Meer als zum Land.