Titelseite

Erste Auflage 2013
© Osburg Verlag Hamburg 2013
www.osburgverlag.de
Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung, des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen,
auch einzelner Teile.
Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Lektorat: Bernd Henninger, Heidelberg
Umschlaggestaltung: Toreros, Lüneburg
Satz und E-Book-Umsetzung: Dörlemann Satz, Lemförde
ISBN 978-3-95510-014-8

Weitere E-Books vom Osburg Verlag

Einleitung

»Carl Laemmle ist das personifizierte Hollywood. Niemand hat die Filmindustrie mehr beeinflusst als er. (…) Er ist der eine, der den damals verachteten Film im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts in die Hand nahm und ihn mit Adjektiven wie kolossal, erstaunlich und gewaltig versah. (…) Carl Laemmles Geschichte ist die Geschichte der Filmindustrie.«1 So beschrieb die New York Times im Februar 1936 die erfolgreiche Karriere von Hollywoods erstem Filmmogul, dem deutschen Einwanderer und Gründer von Universal Pictures – Carl Laemmle. In ihren Superlativen über Laemmle waren sich die amerikanische und internationale Presse mit der Filmindustrie einig. Sie erklärten Laemmle zum Symbol der Branche schlechthin. Insbesondere galt er als entscheidende Figur bei der Entstehung der Traumfabrik in den Bergen Hollywoods und wurde zum Befreier im Kampf für die Unabhängigkeit des Filmgeschäfts hochstilisiert.

Die Los Angeles Times schrieb in einem Nachruf zu seinem Tode im September 1939: »Carl Laemmle war mehr als ein Pionier, er hat etwas erschaffen. Ein netter, höflicher Mann, der für die Filmindustrie zu einer Zeit kämpfte, als sie schwach war und auf wackeligen Beinen stand. Durch seinen Mut konnte er den landesweiten Kampf für die Unabhängigkeit der Filmindustrie gewinnen, der damals von nationaler Bedeutung war.«2

Der Zeitpunkt, an dem sich Laemmle ins Filmgeschäft einmischte, im Frühjahr 1906, markierte die Geburt des Films als Massenmedium. Dabei war er der Erste, der dieses Potential erkannte. Seine Taten waren es, die entscheidend dazu beitrugen, dass sich Hollywood zu jener amerikanischen Traumfabrik entwickelte, die wir heute alle kennen. Er baute das erste große Filmstudio in Hollywood, Universal City, erfand das Star-System, indem er aus unbekannten Stummfilmschauspielern Filmstars machte, schaltete transkontinentale und transatlantische Werbekampagnen für seine Filme und kämpfte gegen die Monopolbildungen in der jungen Filmindustrie.

Doch obwohl in den 1920er und 1930er Jahren Carl Laemmles Leben und die Geschichte der Filmindustrie untrennbar miteinander verbunden schienen, ist davon über 80 Jahre später sehr wenig geblieben. Niemand im Filmpublikum kennt seinen Namen, und auch in der Filmindustrie erinnert man sich kaum an ihn. In Universal City, der von ihm geschaffenen Filmstadt, die heute noch wie damals ein Themenpark für Filmfans ist, weist lediglich eine kleine Vitrine im wenig besuchten Raum zur Entstehung des Studios auf Laemmle hin. Zwar hat er einen Stern auf dem Hollywood Walk of Fame, doch da dieser Ehrenweg erst Ende der 1950er Jahre errichtet wurde, gab es keine feierliche Verleihung an Lammle selbst. Sein Name und die Erinnerung an ihn sind aus dem Gedächtnis der Öffentlichkeit verschwunden, wurden teilweise gar gelöscht.

Während die anderen frühen Filmmogule wie Samuel Goldwyn, Louis B. Mayer, die Warner-Brüder oder David O. Selznick noch heute allgemein bekannt sind, und die Namen ihrer Studios an sie erinnern, gibt es keinen Hinweis auf Carl Laemmle. Er hat seinen Namen nicht in seinem Studio Universal verewigt – und bislang gibt es keine Biografie, die diesen Namen verdient, während seit Jahrzehnten fleißig über die anderen frühen Filmmogule geschrieben wird. Dass Laemmle vergessen ist, verwundert um so mehr, wenn man bedenkt, welche Filmklassiker er schuf und wie bekannt er zu Lebzeiten war.

Zwischen 1906 und 1939 war Carl Laemmle permanent in der amerikanischen und internationalen Presse zu finden. Seine Jubiläumsfeier wie der 50. Jahrestag seiner Ankunft in Amerika, der 20. Jahrestag der Gründung von Universal und sein Ausstieg aus dem Filmgeschäft am Ende seiner Karriere waren Ereignisse, die im ganzen Land gefeiert oder zumindest wahrgenommen wurden. Zu seinem Geburtstag gratulierten ihm internationale Politiker und Künstler, und zur Eröffnung von Universal City im Jahre 1915 reisten nationale Größen nach Kalifornien, unter ihnen Berühmtheiten wie Buffalo Bill und Thomas Alva Edison.

Im schwäbischen Laupheim, Laemmles deutscher Geburtsstadt, war die Situation nicht viel anders. Auch hier fand er die meiste Zeit seines Lebens ringsum Anerkennung. Die regionalen Zeitungen berichteten über ihn, feierten seine Jubiläen, seinen Geburtstag und sein Mäzenatentum. Doch trotz dieser unübersehbaren Beweise seiner Bedeutung für die damalige Zeit ist die Erinnerung an ihn verblasst. Die TV-Doku des deutschen Filmemachers Hans Beller führte immerhin in den frühen 1980er Jahren dazu, dass sich ein paar Filmfreunde sowie ein kleiner Kreis aus seinem Geburtsort Laupheim seiner seitdem wieder erinnern. Dennoch kennt fast niemand den Mann, der das Filmgeschäft nachhaltig prägte und das neue Medium zu einem Massenphänomen werden ließ. Laemmle war der erste Filmmogul, der ein großes Studio in Hollywood baute, doch eine Reihe von politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Gründen machte ihn zu einer vergessenen Größe Hollywoods.

Seine Geschichte spielt sich zwischen Chicago, Los Angeles, New York und Laupheim und in der Zeit des Ersten Weltkriegs, den Roaring Twenties und dem Aufkommen des Nationalsozialismus ab. Stets saß er aufgrund seiner Herkunft zwischen den Stühlen. Vor und während des Ersten Weltkriegs wurden die Deutsch-Amerikaner in den USA öffentlich verfolgt. Viele ignorierten ihre Muttersprache und ihre deutsche Herkunft, um nicht anzuecken. Nach dem Weltkrieg geriet die Filmindustrie in die Weltwirtschaftskrise, und Laemmle wurde in seinem geliebten Heimatort Laupheim durch die Nationalsozialisten zur persona non grata.

Er gründete mit Universal Pictures das erste große Hollywoodstudio, erstritt in unzähligen Gerichtsfällen gegen den sogenannten Filmtrust von Thomas A. Edison das Recht, dass auch unabhängige Filmemacher in den Vereinigten Staaten Filme produzieren durften, er produzierte über 9000 Filme, darunter Klassiker wie Dracula, Frankenstein, Das Phantom der Oper, Im Westen nichts Neues und 20000 Meilen unter dem Meer. Nicht zuletzt erhielt er zusammen mit seinem Sohn für Im Westen nichts Neues den Oscar für den besten Film bei der 3. Oscarverleihung im Jahre 1930.

Während seiner Zeit als Leiter von Universal holte Laemmle viele deutsche Filmschaffende nach Hollywood. Unter ihnen waren sein Neffe William Wyler, Conrad Veidt, Paul Leni, Erich von Stroheim und viele weitere Filmschaffende. Mehr als die Hälfte der Belegschaft von Universal sprach deutsch. Dabei war Laemmle eine Größe unter den Deutsch-Amerikanern im »Weimar am Pazifik«, wie sich die deutsche Künstlergemeinde in den 1920er Jahren in Los Angeles nannte, sowie unter den geflüchteten Exildeutschen in den dreißiger Jahren. Während zwei Weltkriege die Erinnerung an die Deutsch-Amerikaner und besonders an die deutschen Ursprünge Hollywoods ausgelöscht haben, stellt sich trotzdem die Frage, warum Carl Laemmle heute vergessen ist.

Die vorliegende Biografie beruht auf den Forschungsergebnissen meiner an der Universität Heidelberg verfassten Dissertation über Carl Laemmles Leben. Sie stützt sich auf ein Korpus aus veröffentlichten und unveröffentlichten Quellen aus Archiven auf beiden Seiten des Atlantiks. Hinzu kommen zahlreiche deutsche und amerikanische Tageszeitungen, die über Laemmle berichteten oder ihn interviewten, Briefwechsel von Laemmle mit Angestellten, Freunden und Filmschaffenden seiner Zeit und eigene Publikationen Laemmles wie beispielsweise das Filmmagazin Universal Weekly.

1. KAPITEL

In Laupheim
1867–1883

Der »Laupheimer Verkündiger« fragte in einem Artikel aus dem Jahre 1923 seine Leser voller Stolz: »Und warum kommt Carl Laemmle jedes Jahr zur Sommerzeit nach Laupheim? Weil er es liebt! Er liebt seine Bewohner, jede Straße, jede Gasse, jedes Winkelchen. Das Band, das ihn mit dem Leben verknüpft, kann nicht stärker sein als das, welches ihn mit der Heimat verbindet.«

Dieser kleine Auszug beschreibt vielleicht am treffendsten die Verbindung, die Carl Laemmle zu seiner Heimatstadt hatte. Er wurde nicht nur in Laupheim geboren und lebte dort gern, er war von ganzem Herzen ein »Laupheimer«. Obwohl er sich entschlossen hatte auszuwandern und er die meiste Zeit seines Lebens auf der anderen Seite des Ozeans weit entfernt von Laupheim verbrachte und später auch die amerikanische Staatsbürgerschaft annahm, änderte sich seine Verbundenheit zu seiner Heimatstadt nie. Carl Laemmles Lebensgeschichte kann man daher nur erklären, wenn man die Bedeutung von Laupheim für sein Leben versteht: Laupheim verkörperte für Laemmle nicht nur seine Vergangenheit, Kindheit und Jugend, sondern bildete auch die Grundlage für seine Identifikation mit der deutsch-jüdischen Gemeinschaft.

Die Tatsache, dass er so häufig wie nur möglich nach Laupheim zurückkehrte, zeigt auch, dass die Verbindung zwischen ihm und seinem Geburtsort mit den Jahren sogar noch stärker wurde. Beinahe jedes Jahr besuchte er Laupheim, denn die Stadt war für ihn emotional genauso bedeutsam wie Universal City, die Studiostadt, die er selbst in den Hollywoodhügeln Kaliforniens erbauen ließ.

Seine jährlichen Besuche in Deutschland waren ein besonderes Ereignis sowohl für seine Familie als auch für die Bewohner Laupheims. Immer wieder wurde er als alter Freund wie auch als internationaler Geschäftsmann willkommen geheißen. Während seiner Besuche weilte er zumeist im Gasthaus »Zum Roten Ochsen«, das in der Nähe seines Elternhauses stand. Dort traf er sich mit alten Bekannten und Fremden, die ihn zu begrüßen eilten, und nicht selten Gesuche an den berühmten Sohn Laupheims richteten. Carl Laemmle spielte dabei gern den »reichen Onkel aus Amerika«, dem es im Lande der unbegrenzten Möglichkeiten gelang, seinen American Dream Wirklichkeit werden zu lassen. Sein Reichtum, sein Einfluss und seine Position in der amerikanischen Gesellschaft erregten die Bewunderung der Bewohner seines Geburtsortes.

Laemmles Unterstützung für die Menschen in Laupheim verschaffte ihm hohes Ansehen unter seinen ehemaligen Nachbarn. Mit seinem Geld konnten Schulen, Parks, öffentliche Bäder und sogar Häuser für die Armen der Stadt gebaut oder wieder errichtet werden. Sein größter Beitrag war jedoch seine Unterstützung der Laupheimer Gemeinde nach dem Ende des Ersten Weltkriegs. Er stellte Essen, Kleidung und Geld für die Einwohner der Stadt zur Verfügung und half ihnen, die Stadt, die zwar nicht vom Krieg zerstört wurde, dennoch aber in den Kriegsjahren gelitten hatte, wieder aufzubauen. Der »Laupheimer Verkündiger« schrieb: »Wir vergessen nicht, wie es war nach dem Krieg: Nur Not, kein Brot, Krankheit und Elend. Carl Laemmle aber hatte immer ein offenes Herz für seine Vaterstadt. Wir vergessen es nicht!« Angesichts seiner Philanthropie wurde er von der Stadt Laupheim im Jahr 1919 zum Ehrenbürger ernannt. Schließlich wurde eine der großen Straßen zu seinen Ehren »Carl-Laemmle-Straße« genannt.

Aber auch er geriet mit den Nationalsozialisten in Konflikt und war in seinen letzten Lebensjahren nicht imstande, nach Laupheim zurückzukehren, da er ab 1933 nicht mehr nach Deutschland einreisen durfte. Doch Laemmle kannte den Schuldigen. Für das Einreiseverbot machte er niemals Laupheim, sondern lediglich die NSDAP verantwortlich. Das zeigt sich auch darin, dass er in seinen letzten Lebensjahren eine Stiftung in Höhe von 100000 Dollar für Laupheim ins Leben rief. In seinem Testament forderte Laemmle zudem seine Kinder auf, seine Tätigkeit fortzuführen und die deutschen, besonders die Laupheimer Juden, die ihre Hilfe benötigten, zu unterstützen und ihnen zu helfen.

Auch auf seinem Sterbebett richtete Carl Laemmle seine letzten Gedanken an Laupheim. Laemmles Sohn, Carl Laemmle Jr., erinnerte sich: »Er hat Laupheim geliebt und sich an so viele Leute, an so viele Plätze erinnert …« Seine Verbundenheit mit der Heimat wurde weder durch die Zeit noch durch die politischen Umstände jemals geschwächt. Er war mit ganzem Herzen bis zum Ende seines Lebens ein wahrer »Laupheimer«.

Die deutsch-jüdische Gemeinde in Laupheim

Carl Laemmles Geburtsstadt Laupheim war um 1860 ein kleines Städtchen, wie es viele in Württemberg gab. Die Bevölkerung der Stadt bestand wie in dieser Zeit üblich aus Katholiken, Protestanten und Juden. Das einzig Beachtenswerte an Laupheim war die hohe Anzahl an jüdischen Einwohnern. Darin unterschied sich die Stadt deutlich von ihren Nachbargemeinden. Aufgrund des hohen Anteils jüdischer Bürger war Laupheim eine der wichtigsten und größten jüdischen Gemeinden im Süden Deutschlands.

Die jüdischen Einwohner waren in vielerlei Geschäfte involviert. Sie handelten mit Gewürzen, Pferden und Rindern. Einige von ihnen waren Pelzhändler. Am 25. April 1828 erließ das Königreich Württemberg das »Gesetz in Betreff der öffentlichen Verhältnisse der israelitischen Glaubensgenossen«, auch Gleichstellungsgesetz genannt. Damit wurden alte Verbote, die den Juden bezüglich ihrer Arbeit auferlegt worden waren, zurückgenommen. Bis zu diesem Gesetz war den Juden in Württemberg die Ausübung von akademischen und handwerklichen Berufen verboten. Danach wurde zwar ein Berufsfindungsprogramm aufgelegt, das Juden vorzugsweise in handwerkliche Berufe bringen sollte, doch lebten die Laupheimer Juden noch bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts vorwiegend vom Handel. Teilweise blieb ihnen auch nichts weiter übrig, weil sie auch weiterhin nicht in die Handelsgilden und Zünfte aufgenommen werden durften.

Trotz dieser Restriktionen war Laupheim zu jener Zeit ein Paradebeispiel an jüdischer Integration. Durch das Gleichstellungsgesetz war es den Juden in Laupheim erlaubt, eigenes Land zu besitzen, in der Landwirtschaft zu arbeiten und zum Militärdienst eingezogen zu werden. Bis 1824 hatte die jüdische Gemeinschaft in Laupheim eine Schule gebaut und mehrfach die alte Synagoge erweitert, die 1771 ursprünglich am Marktplatz auf dem »Judenberg« errichtet worden war. Im Jahr 1864 erhielten die Juden das Wahlrecht, und sie durften ihre eigenen Repräsentanten in den Gemeinderat wählen. Dies führte sowohl zu einigen Spannungen zwischen den Juden und den anderen Einwohnern Laupheims, als auch zu Berührungspunkten. Beides waren zwei geschlossene und separierte Gesellschaften, die bis zum Ende des 18. Jahrhunderts zwar nebeneinander existierten, allerdings wenig Austausch hatten. Seit Jahrhunderten waren die jüdischen Gemeinden aufgrund ihres Äußeren als solche zu erkennen. Ihr Erscheinungsbild bestimmte die Art und Weise, wie sie behandelt wurden, beziehungsweise ob sie akzeptiert oder ausgeschlossen wurden. Ihre Kleidung, Tradition, Häuser, Sprache, Gebete und Erscheinung machten sie – rein äußerlich – zu einer eigenständigen Gruppe innerhalb einer Dorfgemeinschaft. Nun, zu Beginn des 19. Jahrhunderts, änderte sich das. Beide Seiten machten einen Schritt aufeinander zu. Dies hatte eine positive Auswirkung auf die Gesellschaft, Politik und nicht zuletzt auch auf die Wirtschaft beider Seiten. Die neue Politik führte zu einer höheren Integration und Toleranz in Laupheim:

»Darum konstatieren wir … mit allem Nachdruck, dass in unserem Laupheim die ächte, wahre und wirkliche Toleranz im besten Sinne des Wortes allseitig zur Geltung gekommen ist. Eine jede Konfession übt unbehindert und unangefochten ihre Rechte und Pflichten, so dass niemals ein Zwiespalt zu Tage getreten ist. Daher kommt es auch, dass der Verkehr zwischen allen Konfessionen ein reger und ungetrübter ist, ohne dass je an dem Konfessionellen gerührt würde. Selbst bei der äußerlichen Feier der konfessionellen Festtage und Festgebräuche wird immer die gegenseitige Achtung und Harmonie gewahrt, so dass andere Städte hier das schönste Beispiel wirklicher Toleranz nachzuahmen finden könnten.«

Die soziale und wirtschaftliche Emanzipation führte zu einem Prozess der Säkularisierung. In Laupheim gingen die Spannungen und antisemitischen Reaktionen mit der Zeit zurück, verschwanden letztlich aber nicht. Trotz der Toleranz und Offenheit gegenüber den Laupheimer Juden waren die Ereignisse um die Reichspogromnacht im November 1938 von zerstörerischem Ausmaß wie andernorts auch.

Carl Laemmles Kindheit

Mitten im Ersten Weltkrieg und unmittelbar vor dem Kriegseintritt der Vereinigten Staaten im Jahr 1917 feierte ganz Laupheim Carl Laemmles 50. Geburtstag. Der 17. Januar, der Tag, an dem Laemmle geboren worden war, wurde in seiner Heimat zum Carl-Laemmle-Tag. Beinahe jeder, der ihn auch nur entfernt kannte, wurde zum feierlichen Festessen eingeladen, denn Carl Laemmle liebte große Festgesellschaften. Wenn er an seine Nachbarn und Bekannte aus Laupheim dachte, so bezeichnete er sie vielmehr als seine erweiterte Familie.

Fünfzig Jahre zuvor, am 17. Januar 1867, konnte sich jedoch niemand vorstellen, dass das Kind armer jüdischer Eltern, das an diesem Tag geboren worden war, einmal einen derartigen Bekanntheitsgrad erlangen würde. Carl war das zehnte Kind des jüdischen Kaufmannes Julius Baruch Laemmle und seiner Frau Rebekka. Ihm war es beschieden, berühmter zu werden als die ganze Stadt und als die jüdische Synagoge. Obwohl Carl in einer Zeit geboren wurde, in der die jüdische Wirtschaft aufblühte und die Integration der Juden in Laupheim weit vorangeschritten war, verbrachte er seine Kindheit in Armut. Sein Vater Julius Laemmle handelte zwar mit Vieh und war auch an einigen Grundstücksgeschäften beteiligt, doch reich waren die Laemmles nicht. Als Carl zur Welt kam, war sein Vater bereits 47 Jahre alt und kämpfte stetig mit dem harten Alltag, um seine Familie über die Runden bringen zu können. Carls Mutter Rebekka Laemmle wurde 1831 geboren und war elf Jahre jünger als ihr Gatte. Alle nannten sie nur bei ihrem Spitznamen »Babette«. Ihr Lebensinhalt konzentrierte sich auf die Erziehung ihrer zahlreichen Kinder.

Abb. 1: Gedenktafel am Geburtshaus von Carl Laemmle in Laupheim

Carl wurde wie seine Geschwister zu Hause geboren. Er kam am 17. Januar 1867 gegen neun Uhr am Morgen auf die Welt. Eine Woche später, am 25. Januar, wurde er nach jüdischer Tradition von Aron Wolf Straus in Gegenwart der Familie beschnitten.

Der junge Laemmle wuchs in einer Großfamilie aus vielen Geschwistern, Onkeln und Tanten auf. Doch unglücklicherweise überlebten nur vier der zwölf Laemmle-Geschwister die Kindheit. Die Geschwister, mit denen Carl aufwuchs, waren sein ältester Bruder Joseph, der 1854 geboren worden war, der vier Jahre ältere Siegfried, die 1864 geborene Karoline und sein jüngerer Bruder Louis, der im Jahr 1870 das Licht der Welt erblickte. Während sechs seiner Geschwister vor seiner Geburt bereits verstorben waren, verschieden zwei weitere Geschwister zu Laemmles Lebzeiten.

Die Familie besaß ein Haus in der Radstraße 9 auf dem sogenannten Laupheimer »Judenberg« nahe dem Gasthaus »Zum Ochsen«, dem traditionellen jüdischen Gasthaus. Das Haus der Laemmles war nicht sonderlich beeindruckend, doch erfüllte es seinen Zweck und gab der Familie ein Dach über dem Kopf. Später, als Carl Laemmle bereits zu einer Berühmtheit aufgestiegen war, wurde das Haus mit seinem kleinen Garten auch als »Villa Laemmle« bezeichnet. Hier verbrachte Carl die meiste Zeit, wenn er Laupheim besuchte.

Als er sieben Jahre alt war, wurde Carl in die jüdische Schule geschickt, die er vier Jahre lang, von 1874 bis 1878, besuchte. Danach ging er auf die Lateinschule, die in Laupheim die weiterführende Schule darstellte. Um an dieser Schule angenommen zu werden, musste Carl zwei Voraussetzungen erfüllen. Zunächst musste er das Zulassungsexamen bestehen, das aus einem Leseverständnistest auf Deutsch und Latein, einem Diktat auf Deutsch und Latein sowie aus einer Prüfung in Arithmetik bestand. Die zweite Voraussetzung bestand darin, dass seine Eltern Schulgebühren entrichten mussten, die nicht unbeträchtlich waren.

Das Lehrprogramm der Lateinschule beinhaltete vor allem eine Erziehung im Sinne der klassischen Bildung. Neben dem Erlernen von Latein, das 14 Wochenstunden einnahm, wurde Carl Laemmle drei Wochenstunden in Deutsch und vier in Arithmetik unterrichtet. Zu diesen drei Hauptfächern kamen jeweils ein oder zwei Stunden Geschichte, Erdkunde, Rechtschreibung und Religion hinzu. Der Unterricht in Religion wurde dabei bald von den christlichen Kirchengemeinden oder von der Synagoge übernommen, so dass Laemmle weitere Wochenstunden in Deutsch und Arithmetik besuchen konnte.

Obwohl Laemmle immerhin 32 Wochenstunden Unterricht absolvieren und sich darauf auch noch vorbereiten musste, erinnerte er sich immer gern an seine Schulzeit. In einem Film, den er Jahre später über seine Heimatstadt produzieren sollte, baute er ein kleines Gedicht voller Melancholie und schöner Erinnerungen ein: »Als ich ein kleiner Junge war / Mit kurzen Hosen und langem Haar / Ging ich in’s Schulgebäude hin / Mit frohem Mut und heiterm Sinn / Ach, lang ist’s her – der Weg war weit, / Den ich gegangen in der Zwischenzeit / Ich arbeitete schwer, rastete nie / Jungens von Laupheim / Ich sag’s Euch wie!«

Laemmle war kein außergewöhnliches Kind. Wie alle anderen auch spielte er auf der Straße oder ging mit Freunden im nahen Bach schwimmen oder fischen. Als man sie später befragte, konnten seine Schulkameraden sich mit dem besten Willen nicht daran erinnern, dass Carl Laemmle in irgendeiner Weise aufgefallen wäre. Wie es bei ärmeren Familien dieser Zeit üblich war, musste Carl die Schule schon früher verlassen. Eine Ausbildung seines Sohnes von der Grundschule bis zum Gymnasium konnte sich Julius Laemmle schlicht und ergreifend nicht leisten. Statt der üblichen drei oder vier Jahre durfte er nur zwei Jahre die Lateinschule besuchen. Danach sollte er sich etwas Praktischerem zuwenden. Für Carl Laemmle begann somit 1880 der Ernst des Lebens.

Die finanzielle Situation der Familie zwang den 13 Jahre alten Carl, sich nach einer Anstellung umzuschauen. Dabei spielte seine Mutter Rebekka eine entscheidende Rolle. Sie widmete sich zwar fast ausschließlich den häuslichen Pflichten sowie der Kindererziehung, dennoch hatte sie einen ausgeprägten Sinn für die Realität und galt als kluge und verantwortungsbewusste Frau. Über einen Cousin gelang es ihr, eine dreijährige Ausbildung für Carl zu arrangieren. Hierzu musste der Junge nach Ichenhausen, das etwa 50 Kilometer entfernt in Bayern lag. Für Rebekka war es normal, dass sie solche Entscheidungen für ihre Kinder traf. Sie war es auch, die am 26. April 1880 gemeinsam mit dem jungen Carl in Richtung Ichenhausen aufbrach, um seinen künftigen Arbeitgeber, die Familie Heller, zu treffen. Die Hellers besaßen dort einen Gemischt- und Handelswarenladen. Dort sollte Carl eine Kaufmannslehre absolvieren. Es fiel dem jungen Laemmle schwer, Abschied von der Mutter, seiner Familie, den Freunden und der Laupheimer Gemeinschaft zu nehmen. War er doch 1880 noch ein halbes Kind, wenngleich er der jüdischen Tradition zufolge nun dem Erwachsenenalter angehörte. Doch Rebekka Laemmle war sehr bestimmend, und Carl fügte sich in sein Schicksal.

Laemmle blieb keine andere Wahl. Er musste sich mit seinem neuen Leben anfreunden und an den Alltag in der fremden Familie gewöhnen, die ihn als Lehrling aufgenommen hatte. Dabei waren die Hellers sehr freundlich zu Carl und beobachteten mit großem Wohlwollen seine Fortschritte. Sie brachten ihm einen großen Vertrauensvorschuss entgegen, bis Carl schließlich vom Laufburschen zu einem ausgezeichneten Buchhalter herangewachsen war. Die Hellers vertrauten ihm so sehr, dass sie ihn schließlich auch auf Geschäftsreisen mitnahmen. Betrachtet man Laemmles Leben insgesamt, so war seine Ausbildung in Ichenhausen in dem kleinen Handelsgeschäft der Hellers von großer Bedeutung für alles, was er später als Filmproduzent und Leiter eines großen Studios tat. An eine solche Karriere war jedoch damals noch nicht zu denken. Für den Moment sah es so aus, als würde sich der Wunschtraum seiner Mutter erfüllen. Nach dem Ende seiner Ausbildung im Jahr 1883 hatte Carl Laemmle ein gutes und inniges Verhältnis zur Heller-Familie und dachte darüber nach, auch weiterhin dort – dann aber als fester Angestellter – zu arbeiten. Auch seine Mutter riet ihm dazu, seiner Karriere bei den Hellers nachzukommen. Sie wünschte sich, dass er einmal bis zum Geschäftspartner aufsteigen und sich fest in Ichenhausen niederlassen würde.

Im Alter von 16 Jahren sah Laemmles Welt gar nicht so schlecht aus. Er hatte bereits einige Berufserfahrung – und vor allem einen großen Ehrgeiz. Ihm gefiel es, als Buchhalter bei den Hellers zu arbeiten und in seiner Freizeit besuchte er die nahe gelegene Stadt Ulm – die größte Stadt im ganzen Umkreis. Vor allem aber nutzte er jede Möglichkeit, um nach Laupheim zurückzukehren.

Doch Ende des Jahres 1883 nahm Carls Leben, das bereits vorbestimmt und durchgeplant erschien, eine scharfe Wendung. Im September wurde seine Mutter sehr krank. Sie starb nach einer misslungenen Operation am 3. Oktober 1883 im Alter von 52 Jahren. Rebekka Laemmle wurde auf dem jüdischen Friedhof in Laupheim begraben. Ihr plötzlicher Tod war für die Familie ein schwerer Schlag. War sie doch sowohl das Herz als auch der planende Verstand der Familie, der sie bislang zusammengehalten und durch alle Krisen geführt hatte. Für Carl, der seiner Mutter sehr nahe stand, war ihr Tod eine Tragödie. Er hatte zwar immer auch ein gutes Verhältnis zu seinem Vater gehabt, aber aufgrund des großen Altersunterschiedes war ihm die Mutter immer näher gewesen. Dass sie so plötzlich aus dem Leben gerissen wurde, traf den jungen Laemmle hart. In Laupheim erinnerte ihn alles an seine Mutter, hier wollte und konnte er nicht mehr bleiben.