
Der aphrodisiasche Ton


Der aphrodisiasche Ton
Erotisierte Kurzgeschichten

Luca Dovni, »Der aphrodisiasche Ton«
© 2015 der vorliegenden Ausgabe: Edition Octopus
Die Edition Octopus erscheint im
Verlagshaus Monsenstein und Vannerdat Münster
www.edition-octopus.de
© 2015 Luca Dovni
Alle Rechte vorbehalten
Satz: L. Dovni
Umschlagabbildung: L. Dovni
Umschlaggestaltung: MV-Verlag
ISBN 978-3-95645-482-0
eBook-Herstellung und Auslieferung:
readbox publishing, Dortmund
www.readbox.net
Inhalt
Der aphrodisiasche Ton
Empathie
Guter Sex
Anhörung
Das Patent
Hyperakusis
Finale
Amaurosis fugax
Der Busenfreund
Steuerberatung
Kleiderprobe
Ein Traum von einem Mann
Silberblick
Sie oder die andere
G.P.S.
Exzellenz
Kreditantrag
Wahre Liebe
Hyposensibilisierung
Plagiaterie
Nachtbus
Auf der Insel
Premiere
Der aphrodisiasche Ton
Jeder Mann schnarcht – mehr oder weniger. Aber natürlich auch Frauen.
Es gibt ja ein sehr vulgäres und bestialisches Schnarchen, aufdringlich und quälend, nervtötend und körperlich zermürbend, und so den eigenen Schlaf wie den der anderen störend. Das merkt man spätestens am nächsten Morgen, wenn man sich zerschlagen und verschwitzt aus den zerwühlten Betten schält. Es gibt aber auch ein allseits beruhigendes Schorcheln, ebenmäßig und ohne Aufregung, ohne beängstigende Aussetzer und spannungsaufladende Lautheiten. Nein, nein, das sind ja die ganz normalen Extreme der nächtlichen Mitteilungen, an leere Schlafzimmer wie mehr oder weniger lauschende Mitschläfer. Die es mit erleben und miterleiden, im guten wie im schlechten Sinne. Dass Ihr Mann da nur störend schnarchen soll, so dass sie nun aufgebracht und schlaflos in die Hotelbar geflüchtet sind, das will ich fast nicht glauben …
Was mich betrifft, schnarche ich natürlich auch. Darüber hinaus habe ich das Schnarchen nicht nur an mir selbst akribisch studiert, ich habe mich auch mit den biologischen Mechanismen der Psychologie des Schnarchens befasst. Und bin da auf bemerkenswerte Phänomene gestoßen; nicht nur auf den allbekannten Zusammenhang mit den traumintensiven REM-Phasen. Sondern auch auf eine Steuerungsmöglichkeit des Schnarchens, sowohl was die Lautstärke als auch die Qualität des Schnarchens betrifft. Sogar die Entwicklung ganz verschiedener Wirkungen und Botschaften des Schnarchens ist mir da gelungen. Das lässt sie nur spöttisch lächeln …?
Nun, darf ich Ihnen noch einen Drink bestellen?
Ein qualitatives Teil-Phänomen am Schnarchen, das ich entdeckt zu haben ich mich ganz unbescheiden rühmen möchte, und was Sie als Laien vielleicht doch interessiert, ist der „aphrodisiasche Ton“, so habe ich es getauft. Wie ich sehe, mögen Sie das mit Ihren Erfahrungen überhaupt nicht in Einklang bringen. Aber Achtung, nicht so voreilig. Ich habe mir das ja nicht interessehalber ausgedacht, durch Zufall bin ich einfach darauf gestoßen, es ist eine Tatsache. Es handelt sich um einen sehr tiefen Grundton, der für das Gehör fast nicht wahrnehmbar ist, höchstens die oberen Schwingungsanteile können vom menschlichen Gehör noch zur Kenntnis genommen werden. Im mp3-Format ist er natürlich deshalb komplett herausgemendelt. Weil aber der Gesamtton in diesem Grenzbereich schwingt und so mal wahrnehmbar ist und mal nicht, scheint das Gehirn, eigenmächtig wie es ist, diesen Ton für sich ganz zu löschen – zumindest was den Anteil des Bewusstseins angeht. Es ist quasi ein Grenzton zum nur tierischen Anteil des Menschen … Nun schauen Sie mich nicht so skeptisch an!
Ja wir möchten etwas zu knabbern.
Versuchen Sie sich mal in Ihren eigenen Hörerfahrungen jenseits des Schnarchens umzutun, es mag allerdings bzgl. dieses Phänomens schwierig sein, weil selbst Töne in seinem Randbereich selten rein und getrennt von anderen Geräuschen vorkommen.
Vertraut ist ihnen sicher das Schnurren der Katze, das eine Wohligkeit erzeugt, aber natürlich eher nur das Gemüt entspannt, aber immerhin ein Zulassen körperlicher Nähe und Wärme nach sich zieht.
Am gröbsten ist es erlebbar bei den Rockkonzerten, wo die jungen Leute sich sogar vor den Riesenboxen scharen und wohl fühlen, offensichtlich gerade weil die Töne den ganzen Körper erbeben und erleben lassen. Aber in der Musik findet sich dieser Tonbereich in Ansätzen sogar in absichtsvoller Annäherung, gerade in der klassischen Musik. Die Dunkelheit der unteren Cellotöne, die das Herz betören, bewegt sich schon in diese Richtung. Die Erdigkeit der Bassgeige, die nicht umsonst dann im Jazz die tiefer sitzenden Gefühle rühren kann und soll, geht da eindeutig noch einen Schritt weiter. Erinnern Sie sich doch mal an ein Stück mit Bassgeige, ich kenne da z.B. einen Tango, vielleicht nur an einzelne Passagen, … sehen Sie, das hebt den Atem, das ist Ihnen also schon geläufig.
Und natürlich die menschliche Stimme, gerade hier kommen diese Komponenten zur Geltung, sowohl für den weiblichen wie den männlichen Rezipienten, und auch ganz unabhängig von der sprachlichen Botschaft. Wer findet denn die Kreissäge einer Sopranistin erotisch anregend, oder das Gekiekse einer Sobrette, da können die noch so sehr Liebesschnulzen darbieten, es bleibt Kinderei. Auch der Tenor wirkt eher gequält impotent, zwanghaft erfolglos in seinen Liebesschwüren. Erst mit Mezzosopran und Bariton beginnen die Annäherungen an dunklere Gefühle. Eine Altstimme, gesprochen oder gesungen, ist zwar selten zu hören, kann aber durchaus einer beunruhigend feuchten Stimmung Raum geben. Und der – möglichst schwarze – Bass in der Oper lässt dann bekanntlich nicht nur die Herzen der Sopranistinnen flattern …
Sie brauchen mich nicht anzusehen, wie ich an Ihrer Gesichtsfarbe sehe, kennen Sie dieses Phänomen ebenfalls schon …
Und ein Schluck Alkohol, wie der, den Sie da jetzt zu sich genommen haben, macht ja auch nicht nur entspannt und lustig, sondern trägt ebenfalls zur Absenkung der Stimmlage bei, durch Störung der hemmenden Steuerung des Bewusstseins, die wachsam abwehrenden, hohen Stimmbereiche werden so zumindest etwas verlassen … Natürlich hat das noch nichts mit dem Schnarchen zu tun, außer dass da allemal auch tiefe Tonbereiche enthalten sind.
Übrigens, über einen Alkoholexzess habe ich diesen spezifischen Ton beim Schnarchen überhaupt gefunden. Ich war mit einer Freundin – meiner jetzigen Frau – unterwegs gewesen, wir hatten gefeiert, und kamen erschöpft und beschwippst nach Hause, legten uns kreuz und quer ins Bett – und ich schnarchte einfach drauflos. Da ich mit meinem Gesicht in der Nähe ihres Pos lagerte, beschnarchte ich auch ihr Genital. Da mein Schnarchen zunächst wohl nicht sehr melodiös war und ich sie hie und da damit doch weckte, versuchte sie mich mit der Verlagerung ihres Gesäßes zum Schweigen oder zumindest zur Lautminderung zu bringen. Entschuldigen Sie, wenn ich das so direkt erzähle, aber es geht ja um Wissenschaftsgeschichte, und die ist nun mal gerne auch etwas anekdotisch. Also dämpfte sie mit ihrem fleischigen Hintern mein Schnarchgetöse, ich bekam teilweise nicht richtig Luft, wachte halb auf und suchte eine Art des Schnaufens, das mir erlaubte weiterzuschlafen. Das Schlafen gelang nur beschränkt, aber die stetigen Variationsversuche des Ein- und Ausatmens resultierten schließlich in einem Schnarchton, der mir Luft verschaffte. Das war eben dieser aphrodisiasche Ton, den ich da gefunden hatte. Dieser Schnarchton beruhigte die Frau vor mir – zunächst, nur kurz darauf wurde sie davon ganz aufgedreht und wuschig. Den Rest können sie sich denken.
Aber: Der erste Schritt zur Identifizierung dieses aphrodisiaschen Tons war getan …
Ja, nun werden Sie neugierig. Das sollten Sie mit Ihrem Mann einfach auch einmal ausprobieren. Dazu gehört natürlich eine gewisse Ausbildung des Atemapparats. Ehm, zu meinen Werken der eher wissenschaftlichen Grundlagen würde ich da nicht raten. Ich habe aber auch ein populärwissenschaftliches Buch geschrieben: „Schnarchen – vom Fluch zum Segen“. Es ist leichter zu lernen, als man sich das vorstellt. Ich kann es Ihnen ja mal kurz vormachen, zunächst das Einatmen, wichtig ist die Weitung des Gaumens und der Rachenhinterwand, aber mit einer ganz bestimmten Entspannung des Gaumensegels, damit es ganz locker schwingen kann, das Gaumensegel soll die Töne hervorbringen, nicht die Stimmlippen. Sie können es ja mal mitmachen. Jaaa, und jetzt ausatmen, in derselben Schwingungsamplitude. Sie machen das sehr gut, sie sind ein Naturtalent.
Ja, ich biete auch Seminare an. Hier, meine Karte. Der Dr. ist einer der Neuropsychologie, der Professor ist zwar nur ein h.c., aber die – vornehmlich weiblichen – Kommissionsmitglieder der Hochschule habe ich voll und ganz überzeugt. Ich halte morgen hier einen Vortrag zu einem tierpsychologischen Thema: „Knurrvariationen – zwischen Drohung und Begrüßung“. Wenn Sie kommen wollen …?
Sie wollen jetzt gleich eine weitere Demonstration meiner Erkenntnisse, eine Privatstunde im aphrodisiaschen Ton? Damit Sie Ihrem Mann das baldmöglichst beibringen können? Na, ich weiß nicht, es ist doch schon recht spät, und die Bar macht auch gleich zu. Sie wollen mit in mein Zimmer kommen?
Daraus wird wohl nichts werden. Meine Frau hat mich zwar heruntergeschickt, damit ich meine Stimme noch etwas löse, aber sie ist in der Regel nicht begeistert, wenn ich Studentinnen mitbringe, und wenn sie fachlich noch so begabt sind …
Empathie
Dich wollte ich schon erobern, dessen war ich gewiss. Du bist ja doch wohl eine junge Frau, weich und duftend, und empfindsam zurückhaltend, und doch im Leben stehend … Vielleicht eroberst auch Du mich …
Nur – wie würde ich Dich erkennen. Ob Du schön bist? Ob Dein Leib diese Weiblichkeit verströmen wird, mit Busen, Hüftrund und allem, was dazugehört, mir Herzklopfen bereitend? Liebreiz hat man das früher genannt … Ob diese grünbraunen – oder sind sie anders? – ‚ ob also die Augen ebenso leuchten, und so sensibel blicken können … ?
Und darüber hinaus: Würdest Du mich erkennen, erkennen sowohl mit Entfachung einer sinnlichen Leidenschaft mir gegenüber, wie auch Dich erinnert fühlen an unsere andere, ferne Zeit. Vielleicht beides, vielleicht auch keins davon. Mir würde das erstere schon genügen …
Ich sehe mich schon als recht attraktiv an, wenn ich mich so betrachte. Nicht etwa muskulös, aber doch körperlich sehr männlich in Gestus und Auftritt – und mit schmalem knackigen Po, al dente eben. Das mögen sie doch, davon schwärmen die Mädchen insgeheim, aber auch untereinander – wie ich natürlich weiß. Wie auch von einem idealen Dreitagebart, im Moment gerade besonders sensible Stärke ausstrahlend, cool eben. Musik liebte ich wie zuvor, und spielte auch ganz leidlich Gitarre. Wieso überhaupt Gitarre, wie war ich denn darauf gekommen, vielleicht sollte ich mich doch lieber auf Cello verlegen, um mit tiefem Vibrato die Frauen zu betören. Aber ich weiß ja nicht, was Dir behagt, was Dich wird aufmerken, Dich für mich wird öffnen lassen. Ja vielleicht einfach nur meine ruhige, abgesenkte Stimme, voll tönend die Worte formend, um Dich zum Schwingen zu bringen …
Ob Du meinem Überschwang nicht ausweichen würdest, etwa gar eingeschüchtert wärst von mir? Oder kritisch und überheblich abweisend, so einem eingebildeten Macho gegenüber? Nun bin ich doch schon aufgeregt, Dir zu begegnen, Deinen Blick zu erhaschen, kühn Dich anzusprechen, Dir nahe zu treten, die körperliche Berührung aber absichtsvoll vermeiden, um die Spannung aufzuladen in einer distanzierten Intimität. Auf dass Du mich erkennst, und einfängst mit Deinem Herzen …
Das ist doch einmal ein schöner Traum, selbstverständlich in seinem Anspruch wie auch etwas schillernd, was ich mir in Dir erträume, und auch wie ich mich dabei gebe und erlebe … Und so fasse ich hinüber, an deinen entblößten Po, ebenso al dente, wie ich ihn für mich erträumt hatte, lasse meine Hand da liegen, drücke meine Brüste warm und weich an deinen Rücken, meine Scham an diesen zart behaarten Po, und dämmere dem nächsten Traum entgegen…