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DER AUTOR

John Flanagan arbeitete als Werbetexter und John Flanagan arbeitete als Werbetexter und Drehbuchautor, bevor er das Bücherschreiben zu seinem Hauptberuf machte. Den ersten Band von »Die Chroniken von Araluen« schrieb er, um seinen 12-jährigen Sohn zum Lesen zu animieren. Die Reihe eroberte in Australien in kürzester Zeit die Bestsellerlisten. Danach konzentrierte er sich auf die Reihe »Brotherband« und hat inzwischen eine weitere Spin-off-Reihe begonnen.

Von John Flanagan ist bei cbj erschienen:

Die Chroniken von Araluen

Die Ruinen von Gorlan

Die brennende Brücke

Der eiserne Ritter

Der Angriff der Temujai-Reiter

Der Krieger der Nacht

Die Belagerung

Der Gefangene des Wüstenvolks

Die Befreiung von Hibernia

Der große Heiler

Die Schwertkämpfer von Nihon-Ja

Die Legenden des Königsreichs

Brotherband

Die Bruderschaft von Skandia

Der Kampf um die Smaragdmine

Die Schlacht um das Wolfsschiff

»Die Sklaven von Socorro«

Weitere Bände in Vorbereitung.

John Flanagan

DIE CHRONIKEN
VON ARALUEN

Das Vermächtnis
des Waldläufers

Aus dem Englischen von
Angelika Eisold-Viebig

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cbj
ist der Kinder- und Jugendbuchverlag
in der Verlagsgruppe Random House

1. Auflage

Erstmals als cbj Taschenbuch August 2015

© der deutschsprachigen Ausgabe cbj Kinder- und Jugendbuchverlag

in der Verlagsgruppe Random House, München 2015

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

© John Flanagan 2013

Zuerst erschienen 2013 unter dem Titel »Ranger’s Apprentice – The Royal Ranger« bei Penguin Random House Australia, Sydney, Australia

Übersetzung: Angelika Eisold Viebig

Lektorat: Andreas Rode

Umschlagillustration: © Cliff Nielsen

Verwendung mit freundlicher Genehmigung von Philomel Books, einem Imprint von Penguin Young Readers Group

Umschlaggestaltung: init Kommunikationsdesign, Bad Oeynhausen

CK · Herstellung: cb

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-16034-0

www.cbj-verlag.de

Für meine Familie

Eins

Die Ernte in der Grafschaft Scanlon war schlecht. Die Weizenernte war bestenfalls mager zu nennen und in den Obstgärten hatte Mehltau große Schäden verursacht. Drei Viertel der Apfelbäume waren von der Krankheit befallen, ihre Früchte nicht zu gebrauchen.

Junker Dennis von Gut Scanlon war ein gutherziger Mann und zudem praktisch veranlagt. Dass er seinen bedürftigen Pächtern half, war vor allem seiner Gutherzigkeit zu verdanken. Aber er hatte auch erkannt, dass seine Hilfsbereitschaft einen praktischen Nutzen hatte. Wenn seine Bauern und Arbeiter hungrig blieben, war es nicht unwahrscheinlich, dass sie auf der Suche nach Arbeit auswanderten, in eine Region, die besser dran war. Und wenn sich die Lage in Scanlon irgendwann wieder verbesserte, würde es nicht genügend Arbeiter geben, um die Ernte einzubringen. Also musste man versuchen, die Leute zu halten.

Junker Dennis hatte über die Jahre einen beträchtlichen Wohlstand angesammelt und konnte dadurch auch schwierige Zeiten aussitzen. Doch ihm war klar, dass seine Arbeiter diese Möglichkeit nicht hatten. Darum hatte er beschlossen, etwas von seinem Wohlstand in sie zu investieren. Er ließ eine Garküche für die Arbeiter errichten, für die er selbst bezahlte, und öffnete sie für die Bedürftigen, die auf seinem Grund arbeiteten. Auf diese Weise stellte er sicher, dass seine Leute zumindest einmal am Tag eine warme Mahlzeit erhielten. Es war nichts Besonderes – normalerweise eine Suppe oder ein Haferbrei. Aber das Essen war warm und nahrhaft und er war überzeugt, dass die Loyalität seiner Pächter und Arbeiter die Kosten mehr als wettmachen würde.

Die Armenküche befand sich im Park vor dem Haupthaus. Gerüstböcke, auf denen Bretter lagen, dienten als Tische und Bänke. Außerdem gab es einen großen Ausgabetisch. Ein über Holzpfosten befestigtes Segeltuch bot Schutz bei schlechtem Wetter. Allerdings waren die Seiten dieser Konstruktion offen, sodass manchmal der Wind um die Tische blies oder gar Regenschwaden hereintrieb. Doch das Landvolk war aus hartem Holz geschnitzt und diese behelfsmäßige Vorrichtung war immer noch besser, als völlig im Freien zu essen.

Genau genommen war »Küche« nicht ganz die richtige Bezeichnung für diese Einrichtung. Das eigentliche Kochen wurde in der großen Küche im Herrenhaus erledigt. Dann brachte man das fertige Essen zu den hungrigen Pächtern und ihren Familien hinaus. Auch wenn die Armenspeisung an sich umsonst war, war es eine ungeschriebene Regel, dass jeder, der konnte, einen kleinen Beitrag leistete. Die Küche war vor Einbruch der Dämmerung zwei Stunden lang geöffnet, sodass niemand mit hungrigem Magen zu Bett gehen musste.

Es dämmerte schon fast, als ein Fremder sich zum Ausgabetisch schob, ein großer Mann mit schulterlangem, dunkelblondem Haar und der Lederweste eines Fuhrmanns. In seinem Gürtel, an dem sich auch eine Scheide mit einem schweren Dolch befand, steckte ein Paar dicker Stulpenhandschuhe. Der Mann ließ seinen Blick ständig umherwandern, was ihm einen gehetzten Eindruck verlieh.

Junker Dennis’ Mundschenk, der das Kommando über die Suppenküche hatte, musterte ihn misstrauisch. Die Garküche war für Einheimische, nicht für Reisende, und er hatte diesen Mann noch nie vorher gesehen.

»Was willst du?«, fragte er in nicht gerade freundlichem Ton.

Der Fuhrmann richtete seinen unsteten Blick für einen Moment auf den Mann vor sich. Er wollte sich schon aufspielen und drohen, doch der Mundschenk war ein breit gebauter Mann und hinter ihm warteten zwei kräftig aussehende Dienstboten, die offensichtlich auch für Ordnung sorgen konnten. Der Fremde deutete mit dem Kopf auf den Suppenkessel über dem Feuer.

»Was essen«, sagte er grob. »Hatte den ganzen Tag noch nix.«

Der Mundschenk runzelte die Stirn. »Du kannst eine Suppe bekommen, aber du musst bezahlen«, sagte er. »Umsonst gibt es hier nur etwas für die hiesigen Pächter und Arbeiter.«

Der Fuhrmann sah ihn aufgebracht an, griff jedoch in die schäbige Börse an seinem Gürtel und wühlte darin herum. Man hörte dabei das Klimpern von Münzen, die zurück in die Börse fielen. Schließlich legte der Mann drei Pfennige auf den Tisch.

»Reicht das?«, fragte er ungeduldig. »Mehr hab ich nicht.«

Der Mundschenk hob ungläubig die Augenbrauen. Schließlich hatte er das Klimpern der zurückfallenden Münzen gehört. Doch es war ein langer Tag gewesen und er hatte keine Lust auf einen Streit. Sollte der Mann eben etwas zu essen bekommen, dann konnte man ihn so schnell wie möglich wieder loswerden. Er nickte der Küchenmagd hinter dem Suppenkessel zu.

»Gib ihm eine Schüssel.«

Die Magd löffelte eine gute Portion in eine Holzschüssel und reichte diese dem Fremden zusammen mit einem breiten Kanten Brot.

Der Fuhrmann sah sich an den umliegenden Tischen um. Viele tranken Bier aus kleinen Holzkrügen. Das war nicht ungewöhnlich. Bier war nicht teuer und der Junker war der Meinung, dass seine Leute zum Essen auch etwas zu trinken brauchten. Hinter dem Ausgabetisch stand auch ein Bierfass, aus dessen Zapfhahn noch etwas Bier tropfte.

»Was ist mit Bier?«, fragte er.

Der Mundschenk drückte den Rücken durch. Ihm passte das Gehabe des Mannes nicht. Für den dürftigen Betrag, den er für sein Mahl bezahlt hatte, hatte der Unbekannte mehr als genug bekommen.

»Das kostet extra«, sagte er. »Zwei Pfennig mehr.«

Murrend wühlte der Fuhrmann erneut in seiner Börse. Obwohl er vorhin behauptet hatte, er hätte nichts mehr, zog er jetzt ungeniert zwei Münzen heraus und warf sie auf den Tisch. Der Mundschenk nickte einem seiner Leute zu.

»Gib ihm einen Krug«, sagte er.

Der Fuhrmann nahm seine Suppe, das Brot und das Bier und drehte sich ohne ein weiteres Wort um.

»Und vielen Dank auch«, sagte der Mundschenk sarkastisch, doch der Mann achtete nicht auf ihn. Er schob sich zwischen den Tischen hindurch und musterte dabei die Gesichter der bereits Sitzenden. Die Bediensteten schauten ihm nach. Der Fuhrmann hielt offensichtlich nach jemandem Ausschau. Ob er jemanden treffen wollte oder ob es ihm eher darum ging, einer bestimmten Person nicht zu begegnen, ließ sich nicht ohne Weiteres sagen.

Der Schankbursche, der das Bier gezapft hatte, trat zu seinem Chef und sagte leise: »Der Kerl sieht nach Ärger aus.«

Der Mundschenk nickte. »Er soll essen und sich dann wieder auf den Weg machen. Gebt ihm keinen Nachschlag, selbst wenn er dafür bezahlen will.«

Der Schankbursche nickte und drehte sich um, da ein Bauer mit seiner Familie erschien und hoffnungsvoll auf den Suppenkessel blickte.

»Tretet ruhig näher, Jem. Dann geben wir dir und deiner Familie mal eine ordentliche Portion, damit ihr was auf die Rippen bekommt, was?«

Der Fuhrmann schob sich ganz nach hinten durch und hielt seine Suppenschüssel und das Bier hoch, um nirgendwo anzustoßen. Als er fast an den Sandsteinmauern des großen Herrenhauses angelangt war, setzte er sich allein an den letzten Tisch. So, wie er nun saß, konnte er alle Neuankömmlinge sehen. Während er aß, beobachtete er stets den Eingang, sodass einige Suppenspritzer in seinem Bart und auf seiner Kleidung landeten.

Mit wachsamem Blick nahm er noch einmal einen großen Schluck aus dem Krug. Als er ihn absetzte, war gerade noch der Boden bedeckt. Eine Dienstmagd ging zwischen den Tischen hindurch und sammelte leere Teller ein. Sie blieb stehen, um in den Krug zu blicken. Da er fast leer war, streckte sie die Hand danach aus. Doch der Fuhrmann packte ihr Handgelenk mit solcher Kraft, dass ihr ein kleiner Seufzer entfuhr.

»Lass das«, befahl er. »Hab noch nicht ausgetrunken.«

Sie wand ihr Handgelenk aus seinem Griff und verzog abschätzig den Mund.

»Starker Mann, was?«, höhnte sie. »Dann sieh zu, dass du die letzten Tropfen noch rausschüttelst.«

Ärgerlich marschierte sie davon und drehte sich nur noch einmal kurz zu ihm um. Unwillkürlich runzelte sie die Stirn. Direkt hinter dem Stuhl des Fuhrmanns stand jemand in einem Umhang mit Kapuze, den sie überhaupt nicht kommen gesehen hatte. Es war, als sei er wie aus dem Erdboden aufgetaucht. Sie schüttelte den Kopf. So ein Quatsch! Auf den zweiten Blick bemerkte sie, dass die Gestalt den graugrün gesprenkelten Umhang eines Waldläufers trug. Angeblich konnten Waldläufer alle möglichen unnatürlichen Dinge vollbringen – wie zum Beispiel auch unvermittelt aufzutauchen und zu verschwinden.

Der Waldläufer stand direkt hinter dem Stuhl des Fuhrmanns. Der Mann hatte dessen Anwesenheit anscheinend noch nicht bemerkt.

Die Kapuze verbarg die Gesichtszüge des Waldläufers. Alles, was zu sehen war, war ein stahlgrauer Bart. Jetzt schob er die Kapuze zurück und enthüllte ein grimmiges Gesicht mit dunklen Augen und graumeliertes Haar, das, genau wie der Bart, nur nachlässig geschnitten war.

Mit der anderen Hand zog der Waldläufer unter seinem Umhang ein schweres Sachsmesser hervor, tippte mit dessen flacher Seite leicht auf die Schulter des Fuhrmanns und ließ es dort liegen, sodass der Mann es aus seinen Augenwinkeln sehen konnte.

»Dreh dich nicht um.«

Der Fuhrmann versteifte sich und saß aufrecht auf seiner Bank. Instinktiv wollte er sich zu dem Mann hinter sich umdrehen. Das Messer klopfte diesmal entschiedener auf seine Schulter.

»Ich sagte: ›Nicht umdrehen!‹«

Der Befehl kam nun nachdrücklicher und einige Leute in der Nähe bemerkten den Zwischenfall. Das leise Stimmengemurmel verstummte, je mehr Leute aufmerksam wurden. Alle Blicke richteten sich auf den hinteren Tisch, wo der Fuhrmann wie versteinert dasaß.

Ein Gast erkannte die Bedeutung des gesprenkelten Umhangs und des schweren Sachsmessers.

»Es ist ein Waldläufer.«

Der Fuhrmann sackte zusammen, als er die Worte hörte, und verzog das Gesicht.

»Du bist Henry Wheeler«, stellte der Waldläufer fest.

Jetzt verwandelte sich der Gesichtsausdruck des Mannes in jämmerliche Angst. Der Fremde schüttelte heftig den Kopf und Spucke tropfte von seinen Lippen, als er seinen Namen verleugnete.

»Nein! Ich bin Henry Sealer! Ihr habt den falschen Mann! Das schwöre ich.«

Der Mund des Waldläufers verzog sich, doch es war kein Lächeln. »Wheeler … Sealer. Klingt ziemlich ähnlich. Nicht besonders einfallsreich. Und du hättest dir einen anderen Vornamen ausdenken sollen.«

»Ich weiß nicht, wovon Ihr redet!«, stieß der Mann hervor und wollte sich umdrehen. Wieder klopfte das Sachsmesser scharf auf seine Schulter.

»Ich sagte doch: Dreh dich nicht um.«

»Was wollt Ihr von mir?« Die Stimme des Mannes überschlug sich. Diejenigen, die ihn beobachteten, waren überzeugt, dass er wusste, was der grimmige Waldläufer von ihm wollte.

»Vielleicht erzählst du mir das selbst?«

»Ich hab nix getan! Wer immer dieser Wheeler sein soll, ich bin’s nicht! Ich sag Euch, Ihr habt den Falschen! Lasst mich in Ruhe, sag ich.«

Er versuchte eine gewisse Überheblichkeit in die letzten Worte zu legen, was ihm jedoch nicht gelang. Sie klangen eher nach der schuldbewussten Bitte um Gnade als nach der Empörung eines Unschuldigen. Der Waldläufer erwiderte einige Sekunden lang gar nichts. Dann sagte er: »Denk an den Gasthof Zum geflügelten Drachen

Jetzt waren Schuldbewusstsein und Furcht allzu offensichtlich auf dem Gesicht des Fuhrmanns.

»Weißt du noch, Henry? Der Gasthof Zum geflügelten Drachen im Lehen Anselm. Vor achtzehn Monaten. Du warst dort.«

»Nein!«

»Was ist mit Jory Ruhl, Henry? Erinnerst du dich dann vielleicht an ihn? Er war der Anführer eurer Bande, nicht wahr?«

»Den Namen hab ich nie gehört.«

»Oh, ich denke doch.«

»Niemals! Ich war nie im Geflügelten Drachen und ich hatte damit auch nix zu tun, absolut nix hatte ich mit dem … dem …«

Der Mann hielt inne, als ihm klar wurde, dass er sich beinahe selbst verraten hätte.

»Also, du warst nicht dort, und du hattest auch nichts zu tun mit … womit genau, Henry?«

»Nichts! Ich hab nix getan. Ihr dreht mir das Wort im Mund rum! Ich war nicht dort. Ich weiß nicht, was dort passiert ist!«

»Meinst du damit vielleicht das Feuer, das du und Ruhl in diesem Gasthof gelegt habt? Eine Frau starb in diesem Feuer, weißt du noch? Eine Kurierin des Königs. Ursprünglich konnte sie zwar aus dem Haus entkommen, doch ein Kind war darin gefangen. Niemand Wichtiges, nur ein Bauernmädchen. Die Art von Mensch, die dir völlig egal ist.«

»Nein! Das stimmt alles nicht!«, rief Wheeler.

Der Waldläufer gab nicht nach. »Doch die Kurierin hielt das Mädchen nicht für unwichtig. Sie kehrte in das brennende Gebäude zurück, um das Kind zu retten. Sie schob das Mädchen aus einem Fenster im ersten Stock, dann brach das Dach ein und die Frau starb. Daran erinnerst du dich doch jetzt, oder?«

»Ich kenne kein Zum geflügelten Drachen und ich war niemals im Lehen Anselm. Ihr habt den falschen …«

Unvermittelt, mit einer Geschwindigkeit, die man ihm gar nicht zugetraut hätte, war der Fuhrmann aufgestanden und wirbelte zu dem Waldläufer herum. Dabei zog er seinen Dolch und holte in einer Rückhandbewegung damit nach seinem Gegner aus.

Doch so schnell er auch war, der Waldläufer war schneller. Er hatte einen solchen Überraschungsangriff erwartet – die Verzweiflung in Wheelers Stimme hatte es ihm verraten. Er machte einen raschen Halbschritt zurück und wehrte mit dem Sachsmesser den Dolch des Fuhrmannes ab. Die Klingen schlugen klirrend gegeneinander, dann griff der Waldläufer seinerseits an. Er drehte sich auf dem rechten Absatz, drängte den Dolch mit seinem Sachs noch weiter zurück und ließ der Bewegung einen Schlag seiner linken Handkante gegen Wheelers Kinn folgen.

Der Fuhrmann schrie auf und wich zurück. Mit den Füßen blieb er an den schrägen Beinen der Bank hängen, auf der er gesessen hatte. Er stolperte und stürzte mit einem dumpfen Schlag zu Boden.

Bewegungslos lag er da und das Gras um ihn färbte sich langsam dunkel.

»Was ist hier los?« Der Mundschenk trat mit zwei Männern hinter dem Ausgabetisch hervor. Er sah den Waldläufer fragend an.

Dieser erwiderte seinen Blick, ohne zu blinzeln. Dann zuckte er mit den Schultern und deutete auf die still daliegende Gestalt. Der Mundschenk kniete sich neben den Mann und drehte ihn um.

Die Augen des Fuhrmanns waren weit aufgerissen. Der Schock zeichnete sich immer noch wie eingefroren in seinem Gesicht ab. Sein eigener Dolch hatte sich tief in seine Brust gebohrt.

»Anscheinend ist er in sein eigenes Messer gefallen«, stellte der Mundschenk fest. »Er ist tot.« Er blickte hoch zu dem Waldläufer, in dessen dunklen Augen keinerlei Bedauern zu erkennen war.

»Was für ein Jammer«, erwiderte Will Hallas, zog seinen Umhang enger um sich, drehte sich um und verließ das Zelt.

Zwei

Die ersten Streifen der Dämmerung zeigten sich am Himmel im Osten. Im Parkgelände von Schloss Araluen verkündeten die Vögel mit ihrem Zwitschern den anbrechenden Tag – zuerst war eine, dann eine zweite und schließlich ein ganzer Chor fröhlicher Vogelstimmen zu vernehmen. Gelegentlich konnte man einen Vogel sehen, der zwischen den weiträumig gepflanzten Bäumen auf der Suche nach Nahrung war.

Die große Zugbrücke des Schlosses war hochgezogen. Das war völlig normal. Sie wurde jeden Abend um neun Uhr hochgezogen, auch wenn in Araluen jetzt schon seit einigen Jahren Frieden herrschte. Doch jeder wusste, dass ein Frieden jederzeit ohne Vorwarnung dahin sein konnte. Wie König Duncan vor einigen Jahren so treffend festgestellt hatte: »Niemand ist je daran gestorben, zu vorsichtig zu sein.«

Für nächtliche Besucher gab es statt der großen Zugbrücke lediglich einen kleinen hölzernen Steg, der für Reiter oder größere Gruppen viel zu schmal war. Er bestand aus kaum mehr als ein paar Planken und einem Seil als Handlauf und konnte bei einem Angriff sehr schnell hochgezogen werden. An der Außenseite standen zwei Wachen. Natürlich gab es auf den Schlossmauern weitere Wachposten, die das gepflegte Parkgelände, das sich über viele hundert Schritt nach allen Seiten des Schlosses erstreckte, im Blick hatten.

Die beiden Posten an der kleinen Brücke hielten wachsam Ausschau. Plötzlich stieß der eine den anderen an.

»Da kommt sie«, sagte er.

Eine schmale Gestalt war aus dem Wald herausgetreten und kam über die Wiese den Hang zum Schloss herauf. Die Person war in einen ledernen Jagdrock gekleidet, der bis zum Oberschenkel reichte. Er war in der Taille gegürtet und wurde über einem dicken Wollhemd und eng anliegenden Beinkleidern getragen. Die Beine steckten in kniehohen Stiefeln aus weichem Naturleder.

Es gab nichts, woraus man hätte schließen können, dass es sich um ein Mädchen handelte. Der Wachposten sprach schlicht und einfach aus Erfahrung. Die Fünfzehnjährige schlich sich oft aus dem Schloss, um im Wald zu jagen – sehr zum Unmut ihrer Eltern. Die Schlosswachen fanden das amüsant. Die junge Frau war bei ihnen beliebt, denn sie war fröhlich und aufgeweckt und stets bereit, die Beute einer erfolgreichen Jagd zu teilen. Und so ließen die Wachen sie kommen und gehen, auch wenn sie das nie erwähnten. Ihre Mutter war schließlich die regierende Kronprinzessin Cassandra, und kein Wachmann würde es riskieren, bei ihr – oder ihrem Prinzgemahl, Sir Horace – in Ungnade zu fallen.

Als Lynnie – oder wie sie offiziell hieß, Prinzessin Madelyn von Araluen – näher kam, erkannte sie die Wachposten. Die beiden gehörten zu jenen, die sie am liebsten mochte, und ihr Gesicht hellte sich mit einem Lächeln auf.

»Morgen, Len. Morgen, Gordon. Wie ich sehe, hattet ihr eine ruhige Nacht.

Der Wachmann Gordon erwiderte ihr Lächeln. »Jedenfalls bis eine mutige Kriegerin aus dem Wald stürmte und das Schloss bedrohte, Euer Hoheit«, antwortete er.

Sie runzelte die Stirn. »Was hatten wir denn wegen diesem Euer Hoheit ausgemacht? Es ist ein wenig zu formell für fünf Uhr morgens.«

Der Wachmann nickte und korrigierte sich. »Entschuldigung, Prinzessin.«

Dabei blickte er hoch zu den Zinnen des Schlosses. Eine der dortigen Wachen winkte, um zu zeigen, dass auch sie da oben die Prinzessin erkannt hatten. »Ich nehme an, Eure Eltern wissen nicht, dass Ihr zur Jagd draußen wart?«

Lynnie rümpfte die Nase. »Ich wollte sie nicht damit belästigen«, sagte sie unschuldig. Gordon grinste konspirativ. »Und wie ihr seht, bin ich völlig sicher«, fügte sie hinzu.

Len, der andere Wachmann, wiegte den Kopf. »Der Wald kann gefährlich sein, Prinzessin. Man weiß nie.«

Ihr Grinsen wurde breiter. »Aber doch nicht zu gefährlich für eine mutige Kriegerin, oder? Wie ihr wisst, bin ich auch gewiss nicht hilflos. Ich habe mein Sachsmesser und meine Schleuder.«

Sie berührte die lange doppelte Lederschnur, die lose um ihren Hals hing. Durch die Erwähnung der Schleuder wurde sie an etwas erinnert und so griff sie in die gefüllte Wildtasche über ihrer Schulter.

»Übrigens habe ich einen Hasen und zwei Waldtauben. Könntet ihr sie vielleicht gebrauchen?«

Die Wachen tauschten einen schnellen Blick aus. Sie wussten, dass Fragen gestellt würden, wenn Lynnie plötzlich frisch erlegtes Wild im Schloss abgab. Andererseits wäre etwas frisches Fleisch eine willkommene Abwechslung auf dem Tisch der Wachposten.

Gordon zögerte. »Die Tauben sind kein Problem, Prinzessin. Aber der Hase? Wenn jemand mitbekommt, wie meine Frau das kocht, könnten die Leute denken, ich hätte gewildert.«

Nur der König, seine Familie oder hohe Verwaltungsbeamte und altgediente Krieger hatten das Recht, in der Umgebung des Schlosses Wild wie Hasen zu jagen. Waldläufer durften natürlich überall jagen, wo sie wollten. Normales Volk durfte kleinere Wildtiere wie Kaninchen, Tauben und Wildenten jagen. Doch ein Hase war bereits zu groß. Dafür konnte ein Bauer oder ein Soldat bestraft werden.

Lynnie winkte ab. »Wenn irgendjemand fragt, sagt ihr einfach, dass ich ihn euch gegeben habe.«

»Ich möchte Euch nicht in Schwierigkeiten bringen.« Gordon zögerte, seine Hand immer noch nach dem Hasen ausgestreckt.

Lynnie lachte sorglos. »Wäre nicht das erste Mal und ist wahrscheinlich auch nicht das letzte Mal. Nimm ihn. Und du nimmst die Tauben, Len.«

Die Wachposten gaben schließlich nach, nahmen das Wild und bedankten sich. Lynnie winkte ab.

»Keine große Sache. Ich möchte sie ja nicht einfach wegwerfen und gutes Fleisch verkommen lassen. Und ihr spart mir eine Menge Erklärungen.«

Die Wachen verstauten das Wild in dem kleinen Unterstand, der ihnen Schutz vor schlechtem Wetter bot. Lynnie winkte ihnen noch einmal zu und überquerte dann die Fußbrücke, um anschließend durch das kleine Türchen neben dem Haupttor des Schlosses zu schlüpfen. Die beiden Wachen grinsten sich an. Das geschenkte Wild gehörte zu den angenehmen Seiten des Dienstes als Außenwache.

»Ein nettes Mädchen«, sagte Len.

Gordon, der viele Jahre älter war, stimmte zu. »Ihre Mutter war als Mädchen genauso«, sagte er. Dann fügte er nachdenklich hinzu: »Dabei fällt mir ein, wie Prinzessin Cassandra damals immer uns aufgelauert hat, wenn sie sich aus dem Schloss schlich.«

Len sah ihn fragend an. »Wirklich? Das hab ich noch gar nicht gehört.«

»O ja.« Gordon nickte. »Sie hat ihre Fähigkeiten direkt an den Wachen ausprobiert, schlich sich an uns heran und schoss uns dann die Speere aus der Hand. Damit hat sie uns ganz schön auf Trab gehalten, bis ihr Vater es ihr verbot.«

Len versuchte, den Eindruck, den die gegenwärtige Regentin, Prinzessin Cassandra, vermittelte, mit dem Bild zusammenzubringen, das sein Kollege gezeichnet hatte, dem eines wilden, abenteuerlustigen und burschikosen Mädchens, das die Schlosswachen in Aufruhr versetzte.

»Das kann man sich heutzutage gar nicht mehr vorstellen. Sie ist immer so ruhig und würdevoll, nicht wahr?«

Drei

Wo zum vermaledeiten neunschwänzigen Kuckuck warst du?«, schrie die ruhige und würdevolle Prinzessin Cassandra.

Lynnie erstarrte, als die Worte ihrer Mutter durch die königlichen Gemächer hallten.

Auf Zehenspitzen war sie im Turm die Treppe hinaufgelaufen und hatte sich ganz leise in die königlichen Gemächer hineingeschlichen, erst die Klinke langsam hinuntergedrückt, um anschließend ganz schnell die Tür aufzumachen, damit jegliches Quietschen der Angeln vermieden wurde. Der Wohnraum, in dem sie jetzt stand, lag in Dunkelheit, die Vorhänge waren zugezogen und im Kamin glomm nur noch ein wenig Glut.

Nachdem sie die Tür geschlossen hatte, hatte Lynnie kurz innegehalten und gelauscht, ob noch irgendjemand da war. Zufrieden, dass ihre Eltern anscheinend schliefen, hatte sie ihre Stiefel ausgezogen, war vorsichtig über den dicken Teppich geschlichen und dann leise die nächste Treppe nach oben gelaufen, um zu ihrem eigenen Schlafgemach zu gelangen.

Und dabei hatte ihre Mutter – im Hinterhalt so geübt wie die meisten Mütter – sie mit ihrem wütenden Donnerwetter überrascht.

Lynnie erstarrte mitten im Schritt, einen Fuß noch über dem Teppich erhoben, sah sie sich erschrocken im Zimmer um. Anscheinend war es doch nicht unbenutzt. Jetzt konnte sie die schwachen Umrisse ihrer Mutter ausmachen, die in einem hohen Lehnstuhl saß.

»Mama!«, sagte sie und erholte sich schnell. »Du hast mich aber erschreckt!«

»Ich hab dich erschreckt?« Cassandra erhob sich, durchquerte den Raum und blieb ihrer Tochter gegenüber stehen. Sie war im Nachthemd, trug darüber jedoch einen schweren Morgenmantel, um sich vor der Kälte zu schützen. Ein Beobachter hätte die Ähnlichkeit zwischen den beiden Frauen wohl sofort bemerkt. Beide waren klein und zierlich, mit anmutigen Bewegungen. Beide hatten grüne Augen und ansprechende Gesichtszüge. Und beide hatten den gleichen entschlossenen Ausdruck und das energische Kinn. Es war schon öfter passiert, dass man sie fälschlicherweise für Schwestern gehalten hatte. Das war nicht verwunderlich, denn sowohl die Mutter als auch die Tochter hatten volles blondes Haar, auch wenn bei Cassandra inzwischen gelegentlich graue Strähnen zu finden waren – ein Zeugnis der Anspannung, unter der sie während der vergangenen drei Jahre gestanden hatte, in denen sie das Königreich für ihren invaliden Vater regieren musste.

»Ich habe dich erschreckt?«, wiederholte sie und ihre Stimme stieg ein paar Töne vor Ungläubigkeit.

»Ich dachte, du schläfst«, sagte Lynnie und versuchte ein unschuldiges Lächeln. Eigentlich war sie sicher gewesen, dass ihre Mutter schlief, als sie vor einigen Stunden die königlichen Gemächer verlassen hatte. Sie hatte nämlich ins königliche Schlafgemach gespäht.

»Ich dachte, du schläfst« erwiderte ihre Mutter. »Ich meine mich zu erinnern, dass du um die neunte Stunde nachdrücklich erklärt hast, wie müde du seist.«

Sie gähnte ausgiebig – eine ausgezeichnete Nachahmung ihrer eigenen Darbietung vom Vorabend, wie sich Lynnie unangenehm bewusst war

»Oh, ich bin ja sooo müde!«, sagte Cassandra und ahmte sie in einer übertriebenen Mädchenstimme nach. »Ich glaube, ich gehe am besten sofort zu Bett.«

»Ähm … ja«, sagte Lynnie. »Tja, später bin ich dann aufgewacht und hatte plötzlich ganz unglaublichen Hunger. Also ging ich mal eben in die Küche hinunter, um mir etwas zu essen zu holen.«

»Mit deinen Stiefeln in der Hand«, stellte Cassandra fest. Lynnie blickte auf ihre Stiefel hinab, als sähe sie diese zum ersten Mal.

»Ähm … ich wollte keinen Schmutz auf die Teppiche tragen«, sagte sie schnell. Zu schnell. Denn voreilige Antworten bergen gern Fehler in sich.

»Das wäre dann Schmutz aus der Küche«, stellte Cassandra fest.

Lynnie öffnete den Mund zu einer Antwort, doch ihr fiel nichts ein. Also schloss sie ihn wieder.

»Madelyn, bist du von allen guten Geistern verlassen?«, sagte Cassandra und ihre Wut brach aus ihr heraus wie Wasser durch einen aufgerissenen Damm. »Du bist eine Prinzessin, die Thronerbin nach mir. Du kannst nicht einfach mitten in der Nacht losziehen und dich im Wald herumtreiben. Das ist zu gefährlich!«

»Mama, es ist nur ein Wald. Das ist nicht gefährlich. Ich weiß, was ich tue. Ich habe einen Dachs gesehen«, fügte sie hinzu, als wäre das eine ausreichende Entschuldigung.

»Oh, natürlich, wenn du einen Dachs gesehen hast, dann ist selbstverständlich alles in Ordnung!« Cassandras Sarkasmus glich einem Peitschenschlag. »Warum hast du den Dachs nur nicht gleich erwähnt? Jetzt kann ich beruhigt wieder zu Bett gehen und friedlich schlafen, denn ich weiß, dass du in keinerlei Gefahr warst. Wie auch, wenn du doch einen verdammten Dachs gesehen hast?«

»Mutter …«, begann Lynnie in einem Ton, der andeutete, dass ihre Mutter unvernünftig war. Lynnie nannte Cassandra nur dann »Mutter«, wenn sie genervt war, weil diese sich ihrer Meinung nach übertrieben bemutternd verhielt.

Cassandra war sich dieser Tatsache nur allzu bewusst und ihre Augen blitzten wütend auf.

»Hör mit dem Mutter-Getue auf, Madelyn!«, fuhr sie ihre Tochter an.

Madelyns Schultern strafften sich und sie richtete sich zu ihrer vollen Größe auf. Sie war einen Fingerbreit kleiner als ihre Mutter und hatte das Gefühl, als sei das ein ungerechter Nachteil.

»Dann hör du mit dem Madelyn-Getue auf!«, erwiderte sie kühl. Cassandra sprach sie nur dann mit ihrem vollen Namen an, wenn diese sich ihrer Meinung nach unreif und unvernünftig verhielt.

»Ich nenne dich Madelyn wann es mir passt, junge Dame!«

Lynnie verdrehte die Augen. »Oh, sind wir jetzt mal wieder bei der ›jungen Dame‹ angekommen, ja?«, sagte sie müde. Sie machte eine einladende Geste. »Lass nur alles heraus. Lass mich die ganze Litanei meiner Sünden hören. Ich bin ein furchtbares Mädchen, unvernünftig und eine Schande für das Königshaus von Araluen.«

Sie stand ihrer Mutter gegenüber, eine Hand in die Seite gestemmt, in Trotzhaltung und so provozierend, wie nur ein junges Mädchen auf der Schwelle zum Erwachsenwerden sein kann. Eine Fünfzehnjährige, die weiß, dass sie im Unrecht ist, aber sich weigert, das zuzugeben.

Cassandra kribbelte es in den Händen und sie verspürte einen überwältigenden Drang, ihrer Tochter eine Ohrfeige zu verpassen. Sie schob die Hände in die Taschen ihres Morgenmantels, um nicht weiter in Versuchung zu geraten. Dann holte sie tief Luft und sprach mit gesenkter Stimme weiter.

»Es gibt Bären in diesem Wald, Madelyn. Was würdest du tun, wenn dir einer begegnet?«

»Dondy sagt, wenn man einem Bär begegnet, muss man sich zusammenkauern, ruhig bleiben und Augenkontakt meiden.«

Dondy war der königliche Förster und Jagdvorsteher.

»Er pflegt außerdem zu sagen, dass dies ein letzter Ausweg und auch nicht immer erfolgreich ist«, ergänzte ihre Mutter.

»Dann würde ich einfach in eine andere Richtung laufen. Oder auf einen Baum klettern. Einen kleinen, dünnen Baum, damit er mir nicht nachklettern könnte.« Das fügte sie schnell hinzu, bevor Cassandra sie darauf aufmerksam machen konnte, dass Bären auch auf Bäume klettern konnten.

Es war offensichtlich, dass sie nicht vorhatte nachzugeben. Cassandra änderte ihre Taktik. »Es gibt auch Verbrecher. Banditen und Räuber. Sie verstecken sich ebenfalls im Wald.«

»Das sind nicht mehr viele und auf jeden Fall sind sie weiter weg. Darum hat sich Paps schon gekümmert«, antwortete Lynnie. Horace hatte erst kürzlich eine Reihe von bewaffneten Patrouillen angeführt, um die Räuber aus ihren Verstecken im Wald zu vertreiben.

»Es ist auch nur ein Einziger nötig. Du bist weithin bekannt. Du könntest entführt werden, um Lösegeld zu erpressen.«

»Da müssten die mich erst mal kriegen«, sagte Lynnie stur.

Cassandra drehte sich weg und hob resigniert die Hände. »Wobei wir erst einmal bereit sein müssten, für deine Rückgabe etwas zu bezahlen«, murrte sie. Ihr Ton deutete an, dass dies gar nicht so sicher war.

Die Tür zum Schlafzimmer wurde geöffnet und ein Lichtkegel fiel heraus. Horace trat ein. Sein Haar war zerzaust und sein Nachthemd flüchtig in die Hose gesteckt. Seine Füße waren bloß. In der rechten Hand hielt er sein Schwert, das im Licht der Laterne, die er in seiner Linken hielt, aufblitzte und funkelnde Lichtflecken an die Wände schickte.

»Was ist denn hier los?«, fragte er. Als er nur seine Frau und seine Tochter sah, lehnte er das Schwert gegen die Wand. Er hielt die Laterne höher und musterte seine Tochter.

»Du warst wieder auf der Jagd«, stellte er fest. Sein Ton war eine Mischung aus Ärger und Resignation.

»Paps, ich war nur vielleicht eine Stunde …«, begann Lynnie, die hoffte, ihr Vater sei vielleicht verständnisvoller als Cassandra. Normalerweise konnte sie ihn eher überzeugen.

»Ich warte seit über zwei Stunden«, fuhr Cassandra sie an. »Seit ich festgestellt habe, dass dein Bett leer ist, sitze ich hier.«

Horace schüttelte den Kopf. Jede Hoffnung, dass er verständnisvoller wäre als ihre Mutter, wurde von seinen nächsten Worten zerstört.

»Bist du nicht recht bei Trost, Lynnie? Oder willst du einfach nur deiner Mutter und mir die Stirn bieten? Es muss das eine oder das andere sein, also sag es mir. Was davon trifft zu?«

Das ist nicht gerecht, dachte Lynnie, wie Erwachsene dir zwei gleichermaßen blöde Alternativen zur Wahl stellen und dann darauf bestehen, dass du eine aussuchst. Sie verschränkte die Arme und sah zu Boden.

»Ich warte«, sagte Horace.

Lynnie schob ihr Kinn vor. Sie sah ihre Eltern aus zusammengekniffenen Augen an. Ihre Eltern blickten aus zusammengekniffenen Augen zurück. Schließlich konnte Cassandra das Schweigen nicht mehr ertragen.

»Lynnie, du bist die Thronerbin. Du wirst eines Tages über Araluen herrschen …«, begann sie.

Lynnie ergriff die Gelegenheit, die sich ihr bot. »Und wie soll ich das tun, wenn ihr mich dauernd beschützt und einsperrt? Wenn ich nicht weiß, wie man Gefahren abwehrt oder schnelle Entscheidungen trifft?«

»Was?«, fragte ihre Mutter stirnrunzelnd nach. Doch Lynnie sprach weiter.

»Wenn ich ein Junge wäre, hätte Paps mir schon längst beigebracht, wie man kämpft und reitet und Männer in die Schlacht führt …«

»Ich habe dir das Reiten beigebracht«, sagte Horace, aber seine Tochter schüttelte ungeduldig den Kopf.

»Wenn ich Königin werden soll, wie kann ich den Männern befehlen, loszuziehen und für mich zu kämpfen, wenn ich selbst überhaupt nichts darüber weiß?«

»Du wirst Berater haben«, sagte Cassandra. »Menschen, die darüber Bescheid wissen.«

»Das ist nicht das Gleiche! Man wird von mir erwarten, Entscheidungen zu treffen.« Sie deutete mit dem Zeigefinger auf ihre Mutter. »Du müsstest das eigentlich von allen am besten verstehen! Als du in meinem Alter warst, hast du gegen Wargals gekämpft, du wurdest von Nordländern entführt und hast die Bogenschützen gegen die Temujai befehligt. Du hast an der Seite von Paps gekämpft!«

»Das war ein Zufall. Ich habe mich nicht bewusst zu diesen Dingen entschlossen!«

»Aber du hast dich entschlossen, nach Arrida zu reisen und gegen die Tualaghi zu kämpfen. Und du hast dich entschlossen nach Nihon-Ja zu reisen und Paps zu retten. Du hast den Schneetiger getötet …«

»Alyss hat ihn getötet«, warf Cassandra ein, doch Lynnie ignorierte diesen Einwurf.

»Und du hast dich früher auch immer nach draußen geschlichen und mit deiner Schleuder geübt …«

Cassandras Kopf fuhr hoch. »Wer hat dir denn das erzählt?«

»Großvater. Er sagte, er war immer halb krank vor Sorge.«

»Dein Großvater plaudert zu viel«, sagte Cassandra schmallippig. »Jedenfalls, selbst wenn ich diese Dinge getan habe, heißt das nicht, dass du sie auch tun sollst.«

»Aber die Leute respektieren dich! Sie wissen, dass du der Gefahr ins Gesicht gesehen hast! Das ist alles, was ich will: Einen solchen Respekt! Und ich langweile mich! Ich will etwas Aufregung in meinem Leben!«

»Tja, das ist nicht die richtige Art, sie zu bekommen!«, sagte Cassandra.

»Wie dann? Sagst du mir das? Ich will nämlich nicht meine Tage damit verbringen, Sticken, Geografie und Grammatik oder unregelmäßige Verben zu lernen! Ich will lebenswichtige Dinge lernen.«

»Vielleicht können wir uns etwas überlegen …«, sagte Horace nachdenklich. Er spürte, dass seine Tochter nicht so ganz unrecht hatte.

Lynnie ergriff die Gelegenheit sofort beim Schopf. »Was denn? Was können wir überlegen?«

Er machte eine hilflose Geste. »Ich weiß auch nicht … irgendetwas … wir werden sehen.«

Daraufhin explodierte Lynnie voller Wut. »Toll! Wir werden sehen. Die übliche Ausrede von Eltern, wenn sie gar nichts machen! Das ist ja wunderbar, Paps! Wir werden sehen

»Sprich nicht so mit mir«, entgegnete Horace, auch wenn er sich bewusst war, dass dies die übliche Taktik vieler Eltern war, um schwierige Entscheidungen aufzuschieben.

»Und warum nicht? Werden wir sehen, was passiert, wenn ich es doch tue? Was werden wir denn dann sehen?« Lynnie beugte sich vor, forderte ihn heraus, die Hände in die Seiten gestemmt. Ihr ganzer Körper schien vor Empörung und Frustration zu vibrieren.

»Also gut. Das war’s«, fuhr Horace sie an. »Du hast eine Woche Zimmerarrest! Und du wirst auf dem Zimmer bleiben, denn ich werde eine Wache vor deine Tür stellen!«

Lynnies Wangen brannten jetzt vor Wut. »Das ist so gemein und armselig! Ich nehme an, wir werden sehen, was dabei herauskommt!«, schrie sie.

»Mach zwei Wochen daraus«, sagte Horace, inzwischen genauso wütend wie sie. Sie holte Luft für eine Antwort und er legte den Kopf zur Seite. »Hast du vor, das auf drei Wochen auszudehnen?«

Sie zögerte, denn sie sah den entschlossenen Ausdruck in seinen Augen. Daraufhin drehte sie sich um und stapfte wütend zu ihren eigenen Gemächern.

»Das ist so gemein!«, schrie sie und schlug die Tür hinter sich zu.

Horace und Cassandra tauschten einen langen Blick aus. Horace schüttelte seufzend den Kopf und legte den Arm um die Schultern seiner Frau.

»Tja, das lief ja wirklich hervorragend«, sagte er.