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Buch

Christian Grey hat in seiner Welt alles perfekt unter Kontrolle. Sein Leben ist geordnet, diszipliniert und völlig leer – bis zu jenem Tag, als Anastasia Steele in sein Büro stürzt, um ihn zu interviewen. Er versucht, sie zu vergessen und wird stattdessen von einem Sturm der Gefühle erfasst, den er nicht begreift und dem er nicht widerstehen kann. Anders als all die Frauen, die er bisher kannte, scheint die schüchterne, weltfremde Ana direkt in sein Innerstes zu blicken – vorbei an dem erfolgreichen Geschäftsmann, vorbei an Christians luxuriösem Lebensstil und mitten in sein zutiefst verletztes Herz. Kann Christian mit Ana an seiner Seite die Schrecken seiner Kindheit überwinden, die ihn noch immer jede Nacht verfolgen? Oder werden seine dunklen Begierden, sein Zwang zur Kontrolle und der Selbsthass, der seine Seele erfüllt, diese junge Frau vertreiben und damit die zerbrechliche Hoffnung auf Erlösung zerstören, die sie ihm bietet?

Autorin

Nachdem sie 25 Jahre für das Fernsehen gearbeitet hat, beschloss E L James, Geschichten zu schreiben, in die sich die Leser verlieben sollten. Das Ergebnis war die mittlerweile weltberühmte »Fifty Shades of Grey«-Trilogie, die sich global mehr als 125 Millionen Mal verkaufte und in 52 Sprachen übersetzt wurde. Der erste Band, »Fifty Shades of Grey. Geheimes Verlangen«, stand 147 aufeinanderfolgende Wochen auf der Spiegel-Bestseller­liste. Und die Verfilmung von Band 1, die im Februar 2015 in die Kinos kam, brach weltweit alle Rekorde. E L James lebt in Westlondon mit ihrem Ehemann, dem Schriftsteller und Drehbuchautor Niall Leonard, und ihren beiden Söhnen.

E L James

GREY

Fifty Shades of Grey
von Christian selbst erzählt

Roman

Deutsch von
Andrea Brandl, Karin Dufner,
Sonja Hauser, Christine Heinzius
und Ulrike Laszlo

Die Originalausgabe erschien 2015 unter dem Titel
»Grey. Fifty Shades of Grey as told by Christian«
bei Arrow Books, The Random House Group Limited, London,
und Vintage Books, a division
of Penguin Random House LLC, New York.

Deutsche Erstausgabe August 2015

Copyright © der Originalausgabe 2011, 2015 by Fifty Shades Ltd.

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2015

by Wilhelm GoldmannVerlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Gestaltung des Umschlags und der Umschlaginnenseiten:
UNO Werbeagentur, München

Umschlagfoto: © ra2studio,

Spicedragon and Megan Wilson

Redaktion: Regina Carstensen

BH · Herstellung: Str.

ISBN: 978-3-641-18365-3

www.goldmann-verlag.de

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Dieses Buch widme ich
den vielen Leserinnen und Lesern,
die es sich ausdrücklich gewünscht haben.

Danke für eure Unterstützung.

Ihr rockt meine Welt jeden Tag aufs Neue.

Montag, 9. Mai 2011

Ich habe drei Autos. Sie flitzen über den Boden. So schnell. Eins ist rot. Eins ist grün. Eins ist gelb. Ich mag das grüne. Das ist das beste. Mommy mag die Autos auch. Ich hab’s gern, wenn Mommy mit ihnen und mir spielt. Das rote ist ihr Lieblingsauto. Heute sitzt sie auf dem Sofa und starrt die Wand an. Das grüne Auto braust in den Teppich. Das rote folgt. Dann das gelbe. Bumm! Aber Mommy merkt’s nicht. Ich mach’s noch mal. Bumm! Aber Mommy sieht’s nicht. Ich ziele mit dem grünen Auto auf ihre Füße. Es verschwindet unter dem Sofa. Ich komme nicht ran. Meine Hand ist zu groß für den Spalt darunter. Mommy merkt’s nicht. Ich will mein grünes Auto wiederhaben. Aber Mommy bleibt auf dem Sofa sitzen und starrt weiter die Wand an. Mommy. Mein Auto. Sie hört mich nicht. Mommy. Ich ziehe an ihrer Hand, und sie lehnt sich zurück und macht die Augen zu. Nicht jetzt, Würmchen. Nicht jetzt, sagt sie. Mein grünes Auto bleibt unter dem Sofa. Es ist immer unter dem Sofa. Ich kann’s sehen. Aber ich komme nicht ran. Mein grünes Auto ist voller Staub. Ich will’s wiederhaben. Aber ich komme nicht ran. Ich komme nie ran. Mein grünes Auto ist weg. Weg. Ich kann nie wieder damit spielen.

Als ich die Augen aufschlage, löst sich mein Traum im frühmorgendlichen Licht auf. Was zur Hölle war das? Ich versuche Teile des Traums festzuhalten, doch das gelingt mir nicht.

Wie fast jeden Morgen tue ich ihn mit einem Achselzucken ab, stehe auf und nehme einen frisch gewaschenen Jogginganzug aus meinem begehbaren Kleiderschrank. Draußen droht ein bleigrauer Himmel mit Regen, und ich habe keine Lust, beim Joggen nass zu werden. Also gehe ich nach oben in meinen Fitnessraum, schalte den Fernseher ein, um die Wirtschaftsnachrichten zu sehen, und steige aufs Laufband.

Meine Gedanken wandern zu meinem Tagesprogramm. Nichts als Besprechungen, allerdings wird mein Personal Trainer später noch für eine Trainingseinheit in mein Büro kommen – Bastille ist mir immer eine willkommene Herausforderung.

Vielleicht sollte ich Elena anrufen?

Ja. Vielleicht. Wir könnten uns später in der Woche zum Abendessen treffen.

Ich stoppe das Laufband schwer atmend und gehe unter die Dusche, um einen weiteren monotonen Tag zu beginnen.

»Morgen«, verabschiede ich Claude Bastille, der gerade mein Büro verlässt.

»Spielen wir diese Woche Golf, Grey?«, fragt Bastille lässig arrogant, weil er weiß, dass ihm der Sieg auf dem Golfplatz sicher ist.

Ich blicke ihm finster nach. Heute Morgen hat mich mein Personal Trainer trotz meiner heroischen Bemühungen haushoch geschlagen. Bastille ist der Einzige, der das kann, und jetzt will er auf dem Golfplatz nachlegen. Ich hasse Golf, aber weil auf den Fairways die Basis für so viele geschäftliche Abschlüsse gelegt wird, muss ich seinen Unterricht dort ertragen. Und so ungern ich das zugebe: Bastille ist es tatsächlich gelungen, mein Spiel zu verbessern.

Als ich auf die Skyline von Seattle hinausschaue, spüre ich wieder dieses Gefühl des Überdrusses. Meine Stimmung ist genauso grau wie das Wetter. Meine Tage reihen sich ohne großen Unterschied aneinander, ich sehne mich nach Abwechslung. Ich habe das ganze Wochenende durchgearbeitet und tigere unruhig in meinem Büro auf und ab, obwohl ich nach dem Sport mit Bastille eigentlich ausgepowert sein sollte.

Ich runzle die Stirn. Die ernüchternde Wahrheit sieht so aus: In letzter Zeit war das einzig Interessante in meinem Leben die Entscheidung, zwei Frachtschiffe in Richtung Sudan zu schicken. Apropos: Ros muss mir noch Daten und logistische Informationen durchgeben. Wo zum Teufel bleibt sie? Ich greife nach dem Telefonhörer.

Dabei fällt mein Blick auf meinen Terminkalender. O nein! Gleich muss ich der aufdringlichen Miss Kavanagh von der Studentenzeitung der WSU ein Interview geben. Verdammt, warum habe ich mich darauf eingelassen? Ich hasse Interviews – hirnverbrannte Fragen von hirnverbrannten, schlecht informierten Idioten, die in meinem Privatleben herumstochern wollen. Und sie ist eine Studentin. Das Telefon klingelt.

»Ja«, knurre ich Andrea an. Wenigstens kann ich dieses Interview kurzhalten.

»Miss Anastasia Steele wäre da, Mr. Grey.«

»Steele? Ich dachte, Katherine Kavanagh kommt.«

»Eine Miss Anastasia Steele ist hier, Sir.«

Ich hasse Überraschungen. »Führen Sie sie rein«, brumme ich.

Soso … Miss Kavanagh ist also indisponiert. Ich kenne ihren Vater, den Gründer von Kavanagh Media, und halte ihn für einen klugen Geschäftsmann und umsichtigen Menschen. Dieses Interview mache ich ihm zuliebe – im Bedarfsfall werde ich auf den Gefallen zurückkommen. Außerdem muss ich zugeben, dass ich neugierig auf seine Tochter bin. Ich möchte sehen, ob der Apfel weit vom Stamm fällt.

Ein Geräusch an der Tür lässt mich aufspringen. Ein Geschöpf mit langen kastanienbraunen Haaren, blassen Armen und Beinen und braunen Stiefeln stolpert mit dem Kopf voran in mein Büro. Ich verberge meinen Ärger über so viel Ungeschicklichkeit, eile zu der jungen Frau, die auf Händen und Knien auf dem Boden gelandet ist, und helfe ihr auf.

Als ihre klaren, strahlend blauen Augen mich verlegen anblicken, stutze ich. Sie haben eine höchst ungewöhnliche Farbe – Taubenblau –, und einen Moment habe ich das Gefühl, dass sie in mein Innerstes sehen kann. Ich fühle mich … nackt. Der Gedanke ist beklemmend, also schiebe ich ihn sofort beiseite.

Ihr kleines, hübsches Gesicht wird rot. Kurz überlege ich, ob ihre Haut überall so ist – makellos – und wie sie nach einem Stockschlag aussehen würde.

Himmel.

Ich klopfe mir innerlich auf die Finger. Was zum Teufel denkst du da, Grey? Die Kleine ist viel zu jung für dich. Sie sieht mich mit großen Augen an. Baby, es ist nur ein hübsches Gesicht, die Schönheit rein oberflächlich. Am liebsten würde ich ihr den offenen, bewundernden Blick aus diesen großen blauen Augen wischen. Showtime, Grey. Gönn dir ein bisschen Spaß.

»Miss Kavanagh? Ich bin Christian Grey. Alles in Ordnung? Möchten Sie sich setzen?«

Wieder wird sie rot. Ich mustere sie genauer. Sie ist auf unbeholfene Weise attraktiv – zierlicher Körper, blasse Haut, kastanienbraune Mähne, durch das Haarband kaum gebändigt.

Eine Brünette.

Ja, sie ist attraktiv. Ich strecke ihr die Hand hin, und sie stammelt verlegen eine Entschuldigung. Ihre Haut ist kühl und weich, ihr Händedruck erstaunlich fest.

»Miss Kavanagh ist indisponiert und hat mich geschickt. Ich hoffe, Sie haben nichts dagegen, Mr. Grey.« Ihre melodische Stimme klingt zögernd, sie blinzelt. Mir fallen ihre langen Wimpern auf.

Unfähig, meine Belustigung über ihren alles andere als eleganten Auftritt zu verbergen, frage ich sie, wer sie ist.

»Anastasia Steele. Ich studiere mit Kate … äh … Katherine … äh … Miss Kavanagh Englische Literatur an der Washington State University in Vancouver.«

Ein nervöser, schüchterner Bücherwurm? Ja, sie sieht ganz so aus mit dem unförmigen Pullover, unter dem sie ihren zierlichen Körper verbirgt, mit dem braunen Rock und den bequemen Schuhen. Mann, hat sie denn keinen Geschmack? Sie sieht sich nervös in meinem Büro um – und weicht meinem Blick aus, registriere ich belustigt.

Wie kann diese junge Frau Journalistin sein? Sie hat keinerlei Durchsetzungsvermögen, ist auf charmante Weise aufgeregt und sanft … unterwürfig. Kopfschüttelnd über meine ungehörigen Gedanken biete ich ihr einen Platz an. Dabei fällt mir auf, wie sie die Gemälde in meinem Büro betrachtet. Ehe ich mich stoppen kann, erkläre ich: »Ein örtlicher Künstler, Trouton.«

»Toll. Sie verwandeln das Gewöhnliche in etwas Außergewöhnliches«, stellt sie verträumt fest. Sie hat ein feines Profil – Himmelfahrtsnase und weiche, volle Lippen –, und ihre Worte könnten von mir stammen. Sie verwandeln das Gewöhnliche in etwas Außergewöhnliches. Eine kluge Bemerkung. Miss Steele scheint intelligent zu sein.

Als ich ihr beipflichte, steigt ihr wieder die Röte ins Gesicht. Ich setze mich ihr gegenüber hin und versuche, meine Fantasie zu zügeln. Sie fischt einen zerknitterten Zettel und einen Kassettenrekorder aus ihrem Rucksack. Gott, mit ihren zwei linken Händen lässt sie das verdammte Ding zweimal auf meinen Bauhaus-Tisch fallen. Sie scheint noch nie jemanden interviewt zu haben. Aus unerfindlichen Gründen amüsiert mich das. Normalerweise nervt mich Ungeschicklichkeit total, doch jetzt verberge ich mein Schmunzeln hinter meinem Zeigefinger und widerstehe dem Drang, das Ding für sie aufzustellen.

Als sie immer nervöser wird, kommt mir der Gedanke, ihr mit einer Reitgerte auf die Sprünge zu helfen. Geschickt eingesetzt lässt sich damit auch der hektischste Mensch beruhigen. Die Vorstellung lässt mich auf dem Stuhl hin und her rutschen. Sie sieht mich an und kaut auf ihrer vollen Unterlippe.

Verdammt! Wieso ist mir dieser Mund noch nicht aufgefallen?

»T…Tut mir leid. Ich mache das nicht so oft.«

Das sehe ich, Baby, aber im Moment ist mir das scheißegal, weil ich immerzu deinen Mund anstarren muss.

»Lassen Sie sich Zeit, Miss Steele.« Ich brauche selbst eine Weile, um meine Gedanken zu zügeln.

Grey … reiß dich am Riemen.

»Haben Sie etwas dagegen, wenn ich Ihre Antworten aufnehme?«, fragt sie.

Am liebsten würde ich laut lachen. »Das fragen Sie mich jetzt, nachdem es Sie so viel Mühe gekostet hat, den Rekorder aufzustellen?«

Sie blinzelt. Ich bekomme doch tatsächlich Gewissensbisse!

Hör auf, dich wie ein Arschloch zu benehmen, Grey. »Aber nein, ich habe nichts dagegen«, murmle ich.

»Hat Kate, ich meine Miss Kavanagh, Ihnen erklärt, wofür das Interview ist?«

»Ja, es soll in der letzten Ausgabe der Studentenzeitung erscheinen, weil ich dieses Jahr bei der Abschlussfeier die Zeugnisse überreiche.« Warum ich mich darauf eingelassen habe, weiß der Himmel allein. Sam von der PR meint, die Fakultät für Umwelttechnik der Uni in Vancouver brauche Publicity, um ähnlich hohe Spenden wie die meine an Land zu ziehen, und außerdem sei Medienpräsenz immer gut.

Miss Steele blinzelt mit ihren blauen Augen, als würden meine Worte sie überraschen. Hat sie sich denn nicht auf dieses Interview vorbereitet? Mein Interesse an ihr kühlt ein wenig ab. Ihre Un­informiertheit gefällt mir nicht. Von Leuten, denen ich meine Zeit opfere, erwarte ich mehr.

»Gut. Ich habe einige Fragen an Sie, Mr. Grey.« Als sie eine Haarsträhne hinters Ohr streicht, vergesse ich meine Verärgerung.

»Das habe ich mir schon gedacht«, entgegne ich trocken. Soll sie sich ruhig ein bisschen winden. Das tut sie auch, bevor sie sich zusammenreißt, sich aufsetzt und die schmalen Schultern strafft. Dann beugt sie sich vor, drückt auf den Startknopf des Rekorders und wirft mit gerunzelter Stirn einen Blick auf ihre zerknitterten Notizen.

»Für ein solches Imperium sind Sie sehr jung. Worauf gründet sich Ihr Erfolg Ihrer Ansicht nach?«

Herrgott, fällt ihr nichts Intelligenteres ein? Was für eine langweilige Frage! Kein bisschen originell. Ich gebe meine übliche Antwort, dass ich ein außergewöhnliches Team von Mitarbeitern habe, dem ich vertrauen kann und das ich großzügig entlohne und so weiter und so fort … Aber letztlich, Miss Steele, beruht alles auf einer simplen Tatsache: dass ich verdammt noch mal ein Genie auf meinem Gebiet bin. Mein Metier beherrsche ich aus dem Effeff. Ich kaufe kränkelnde Unternehmen auf und bringe sie wieder auf die Beine oder verkaufe sie, wenn überhaupt nichts mehr mit ihnen anzufangen ist, an den Höchstbietenden. Man muss nur wissen, ob es sich lohnt, sie aufzupäppeln, oder nicht, und am Ende hängt das immer von den Leuten ab, die das machen. Um im Geschäftsleben Erfolg zu haben, braucht man gute Leute, und die habe ich aufgrund meiner hervorragenden Menschenkenntnis.

»Vielleicht haben Sie einfach nur Glück«, sagt sie leise.

Glück?, denke ich verärgert. Glück? Das hat verdammt noch mal nichts mit Glück zu tun, Miss Steele. Eine solche Bemerkung von einem Mäuschen wie ihr? Niemand hat mir je Glück unterstellt. Harte Arbeit, gute Mitarbeiter, die ich genauestens beobachte und auch, wenn nötig, kritisiere oder erbarmungslos auf die Straße setze, wenn sie der Aufgabe nicht gewachsen sind. Das mache ich, und zwar gut. Das hat nichts mit Glück zu tun! Um ihr meine Bildung zu demonstrieren, zitiere ich meinen amerikanischen Lieblings­industriellen: »Die Entwicklung und das Über-sich-Hinauswachsen von Menschen sind das höchste Ziel fähiger Führung.«

»Hört sich an, als wären Sie ein Kontrollfreak«, erklärt sie todernst.

Wie bitte? Vielleicht durchschauen mich diese arglosen Augen ja doch.

Die personifizierte Kontrolle, genau das bin ich.

»Ich übe in der Tat in allen Bereichen des Lebens Kontrolle aus, Miss Steele.« Und das würde ich hier und jetzt gern bei dir tun.

Wieder errötet sie auf höchst attraktive Weise und kaut auf ihrer Lippe. Ich plappere weiter, um mich von ihrem Mund abzulenken.

»Außerdem erwirbt man sich große Macht, indem man seinen Traum von Kontrolle lebt.«

»Haben Sie denn das Gefühl, große Macht zu besitzen?«, fragt sie mit skeptisch gehobener Augenbraue. Will sie mich provozieren? Rührt meine Verärgerung von ihren Fragen, ihrem Verhalten oder der Tatsache her, dass ich sie attraktiv finde?

»Miss Steele, ich beschäftige mehr als vierzigtausend Menschen. Das verleiht mir ein gewisses Gefühl der Verantwortung – und der Macht, wenn Sie so wollen. Wenn ich zu dem Schluss käme, dass mich das Telekommunikationsgeschäft nicht mehr interessiert, und ich es abstoßen würde, hätten zwanzigtausend Menschen Probleme, ihre Hypothekenzahlungen zu leisten.«

Sie sieht mich mit großen Augen an. Schon besser. Stoff zum Nachdenken, Miss Steele. Ich erlange meine innere Balance wieder.

»Sind Sie denn nicht dem Vorstand und Aufsichtsrat Rechenschaft schuldig?«

»Das Unternehmen gehört mir. Ich bin niemandem Rechenschaft schuldig«, erwidere ich in scharfem Tonfall. Das sollte sie eigentlich wissen.

»Haben Sie außer Ihrer Arbeit noch andere Interessen?«, fährt sie hastig fort, als sie meine Reaktion bemerkt. Es freut mich, sie aus der Fassung gebracht zu haben.

»Eine ganze Menge, Miss Steele. Und sehr unterschiedliche.« Ich stelle sie mir in meinem Spielzimmer vor: ans Kreuz gefesselt, mit gespreizten Beinen auf dem Himmelbett oder auf der Bank. Wieder wird sie rot. Scheint ein Verteidigungsmechanismus zu sein.

»Was tun Sie zum Chillen nach der Arbeit?«

»Zum Chillen?« Ich grinse. Aus ihrem Mund klingt das ziemlich seltsam. Außerdem: Wann habe ich schon Zeit zum Chillen? Hat sie denn keine Ahnung, wie viele Unternehmen ich leite? Als sie mich mit aufrichtigem Blick ansieht, ertappe ich mich dabei, wie ich ernsthaft über ihre Frage nachdenke. Ja, was tue ich eigentlich zur Entspannung? Segeln, Fliegen, Ficken … die Grenzen von kleinen Brünetten wie ihr ausloten und sie an die Kandare nehmen … Innerlich aufgewühlt, äußerlich jedoch umso ruhiger beantworte ich ihre Frage, ohne ihr meine Lieblingshobbys zu nennen.

»Sie investieren in die Produktion. Warum?«

»Ich schaffe gern Dinge. Mich interessiert, wie sie funktionieren, wie man sie zusammensetzt und auseinanderbaut. Und ich liebe Boote.« Schiffe transportieren Nahrungsmittel um den Globus.

»Das klingt eher nach dem Herzen als nach Logik und Fakten.«

Herz? Ich? O nein, Baby.

Mein Herz ist vor langer Zeit unwiederbringlich zerfleischt worden. »Möglich. Obwohl es Menschen gibt, die behaupten, dass ich kein Herz besitze.«

»Warum behaupten sie das?«

»Weil sie mich gut kennen.« Ich lächle spöttisch. Eigentlich kennt mich niemand so gut, abgesehen vielleicht von Elena. Ich frage mich, was sie von der kleinen Miss Steele halten würde. Das Mädchen ist ein einziger großer Widerspruch: schüchtern, un­sicher, offensichtlich intelligent und mörderisch sexy.

Ja, okay, ich geb’s zu: Die Kleine macht mich total an.

Die nächste Frage liest sie vom Blatt ab. »Würden Ihre Freunde sagen, dass Sie ein offener Mensch sind?«

»Ich lege Wert auf eine gesicherte Privatsphäre, Miss Steele, und gebe nicht oft Interviews.« Bei meinem Lebensstil brauche ich diese Privatsphäre.

»Warum haben Sie sich auf dieses hier eingelassen?«

»Weil ich die Universität finanziell unterstütze und Miss Kavanagh nicht abwimmeln konnte. Sie hat meine PR-Leute ziemlich lange bearbeitet, und solche Hartnäckigkeit nötigt mir Bewunderung ab.« Aber ich bin froh, dass du hier aufgekreuzt bist und nicht sie.

»Sie investieren auch in landwirtschaftliche Technologie. Warum?«

»Geld kann man nicht essen, Miss Steele, und auf diesem Planeten gibt es zu viele Menschen, die hungern.«

»Sie scheinen ja ein wahrer Menschenfreund zu sein. Ist es Ihnen tatsächlich ein Anliegen, die Armen der Welt mit Nahrung zu versorgen?« Sie sieht mich erstaunt an. Ich möchte auf keinen Fall, dass diese großen blauen Augen in meine dunkle Seele blicken. Über dieses Thema spreche ich nicht. Niemals. Themenwechsel, Grey.

»Es ist ein einträgliches Geschäft.« Ich zucke gelangweilt mit den Achseln und stelle mir, um mich von Grübeleien über hungernde Menschen abzulenken, vor, wie sie vor mir kniet und ich ihren Mund ficke. Der Gedanke gefällt mir.

»Haben Sie eine bestimmte Geschäftsphilosophie? Und wenn ja, wie sieht sie aus?«, reißt sie mich aus meinen Tagträumen.

»Nein, nicht im engeren Sinne, eher einen Leitsatz, der sich an Carnegie orientiert: ›Wer die Fähigkeit erwirbt, seinen eigenen Geist voll und ganz zu beherrschen, wird auch alles andere beherrschen, auf das er ein Anrecht besitzt.‹ Ich bin sehr eigen, ein Getriebener. Ich liebe Kontrolle – über mich selbst und die Menschen, die mich umgeben.«

»Dann besitzen Sie gern Dinge?«

Ja, Baby. Dich würde ich zum Beispiel gern besitzen.

»Ich möchte ihrer würdig sein … Und ja, letztlich haben Sie recht.«

»Sie klingen wie der ideale Verbraucher.« In ihrer Stimme schwingt Missbilligung mit, was mich ärgert.

»Ja, der bin ich.«

Sie hört sich an wie ein reiches Gör, das immer alles hatte, doch ihre Kleidung – Walmart, vielleicht auch Old Navy – spricht da­gegen. Sie stammt nicht aus einem wohlhabenden Elternhaus.

Ich könnte für dich sorgen.

Scheiße, wo kommt dieser Gedanke plötzlich her?

Aber ich brauche tatsächlich eine neue Sub. Das mit Susannah ist wie lange her? Zwei Monate? Mir läuft das Wasser im Mund zusammen beim Anblick dieser kleinen Brünetten. Ich pflichte ihr mit einem Lächeln bei. Konsum ist nichts Schlechtes – schließlich treibt er das bisschen, was noch von der amerikanischen Wirtschaft übrig ist, an.

»Sie wurden adoptiert. Wie sehr, glauben Sie, hat das Ihre Persönlichkeit beeinflusst?«

Was zum Teufel hat das mit dem Ölpreis zu tun? Ich sehe sie finster an. Was für eine dumme Frage. Wenn ich bei der Crackhure geblieben wäre, würde ich jetzt vermutlich nicht mehr unter den Lebenden weilen. Ich versuche, sie mit einer ausweichenden Antwort abzuspeisen, aber sie hakt nach und will wissen, wie alt ich bei meiner Adoption war.

Bring sie zum Schweigen, Grey!

»Das können Sie auf Ämtern recherchieren, Miss Steele.« Meine Stimme ist eiskalt. Über solche Dinge sollte sie informiert sein. Sie wirkt zerknirscht. Gut.

»Sie mussten das Familienleben der Arbeit opfern.«

»Das ist keine Frage«, herrsche ich sie an.

Wieder wird sie rot und kaut auf dieser verdammten Lippe. Aber sie besitzt den Anstand, sich zu entschuldigen. »Mussten Sie das Familienleben der Arbeit opfern?«

Was soll ich mit einer Scheißfamilie?

»Ich habe eine Familie, einen Bruder und eine Schwester und Eltern, die mich lieben. Und ich habe keinerlei Interesse, meine Familie darüber hinaus zu vergrößern.«

»Sind Sie schwul, Mr. Grey?«

Wie bitte?

Hat sie das wirklich laut gesagt? Die unausgesprochene Frage, die sich meine Familie zu meiner Belustigung nicht zu stellen traut. Wie kann sie es wagen? Ich muss mich beherrschen, sie nicht aus dem Sessel zu zerren, übers Knie zu legen, ihr den Teufel aus dem Leib zu prügeln und sie anschließend mit gefesselten Händen auf meinem Schreibtisch zu ficken. Das würde ihre Frage beantworten. Ich hole tief Luft, um mich zu beruhigen. Zu meiner Freude scheint ihr die Frage peinlich zu sein.

»Nein, Anastasia, das bin ich nicht.« Ich hebe die Augenbrauen, bleibe aber ansonsten gelassen. Anastasia. Ein hübscher Name.

»Entschuldigung. Es … äh … steht hier.« Sie streicht sich nervös eine Haarsträhne hinters Ohr.

Sind das nicht ihre eigenen Fragen? Als ich sie darauf anspreche, wird sie blass. Mann, sie ist wirklich attraktiv, auf unauffällige ­Weise.

»Äh … nein. Kate – Miss Kavanagh – hat sie zusammengestellt.«

»Sind Sie beide in der Redaktion der Studentenzeitung?«

»Nein, ich lebe mit ihr in einer WG

Kein Wunder, dass sie so durcheinander ist. Ich reibe mir das Kinn und überlege, ob ich sie in die Bredouille bringen soll.

»Haben Sie sich freiwillig bereit erklärt, dieses Interview mit mir zu führen?«, erkundige ich mich und werde mit einem unterwürfigen Blick belohnt: große Augen und Nervosität. Mir gefällt meine Wirkung auf sie.

»Nein, sie hat mich abkommandiert. Sie ist krank«, antwortet sie leise.

»Das erklärt manches.«

Es klopft an der Tür, und Andrea tritt ein.

»Mr. Grey, entschuldigen Sie die Störung, aber Ihr nächster Termin beginnt in zwei Minuten.«

»Wir sind noch nicht fertig, Andrea. Bitte sagen Sie den nächs­ten Termin ab.«

Andrea sieht mich erstaunt an. Ich bedenke sie mit einem fins­teren Blick. Raus! Sofort! Ich bin mit der kleinen Miss Steele beschäftigt.

»Wie Sie meinen, Mr. Grey«, sagt sie und verschwindet.

Ich wende mich wieder dem faszinierenden, frustrierenden Wesen auf der Couch zu. »Wo waren wir stehen geblieben, Miss ­Steele?«

»Bitte lassen Sie sich von mir nicht aufhalten.«

Nein, Baby. Jetzt bin ich dran. Ich will wissen, ob es hinter deinen schönen Augen auch Geheimnisse zu entdecken gibt.

»Ich möchte mehr über Sie erfahren. Das ist, glaube ich, nur fair.« Als ich mich zurücklehne und die Finger auf meine Lippen lege, wandert ihr Blick zu meinem Mund, und sie schluckt. Ja, ja, die übliche Wirkung. Es befriedigt mich zu sehen, dass sie nicht völlig immun gegen meine Reize ist.

»Da gibt’s nicht viel zu erfahren«, sagt sie, wieder einmal er­rötend.

Ich schüchtere sie ein. »Was haben Sie nach dem Abschluss vor?«

»Ich habe noch keine genaueren Pläne, Mr. Grey. Zuerst muss ich die Abschlussprüfung bestehen.«

»Unser Unternehmen offeriert ein ausgezeichnetes Praktikantenprogramm.«

Scheiße. Welcher Teufel hat mich geritten, das zu sagen? Ich verstoße gegen Regel Nummer eins – fick nie das Personal. Aber Grey, du fickst die Kleine doch gar nicht.

Sie kaut überrascht an ihrer Lippe. Warum törnt mich das so an?

»Gut zu wissen«, murmelt sie und fügt dann hinzu: »Allerdings glaube ich nicht, dass ich hierherpassen würde.«

Warum zum Teufel nicht? Was gefällt ihr nicht an meinem Unternehmen?

»Warum sagen Sie das?«

»Das liegt doch auf der Hand, oder?«

»Für mich nicht.«

Sie greift nervös nach dem Rekorder.

Verdammt, sie will sich verabschieden! Ich gehe in Gedanken rasch meine Termine am Nachmittag durch – nichts, was sich nicht verschieben ließe.

»Soll ich Ihnen alles zeigen?«

»Sie haben sicher Wichtigeres zu tun, Mr. Grey, und ich habe noch eine lange Fahrt vor mir.«

»Sie wollen zurück nach Vancouver?« Ich blicke zum Fenster hinaus. Das ist eine verdammt lange Fahrt, und es regnet. Bei dem Wetter sollte sie nicht fahren, aber ich kann es ihr nicht verbieten. Das ärgert mich. »Seien Sie vorsichtig, fahren Sie nicht zu schnell.« Ich klinge strenger, als ich beabsichtige.

Sie fummelt an ihrem Rekorder herum, möchte aus meinem Büro weg, und aus unerfindlichen Gründen will ich sie daran hindern.

»Haben Sie alle Informationen, die Sie wollten?«, erkundige ich mich in einem ziemlich durchsichtigen Versuch, sie zum Bleiben zu bewegen.

»Ja, Sir«, antwortet sie mit leiser Stimme.

Wie das aus ihrem Mund klingt! Ich stelle mir vor, wie es wäre, über diesen Mund zu gebieten.

»Danke für das Interview, Mr. Grey.«

»Das Vergnügen war ganz meinerseits«, sage ich – der Wahrheit entsprechend, weil mich schon lange niemand mehr so fasziniert hat. Der Gedanke beunruhigt mich.

Sie steht auf, und ich strecke ihr die Hand hin, um ihre Haut noch einmal zu spüren.

»Bis bald, Miss Steele.« Ja, ich würde die Kleine gern in meinem Spielzimmer mit dem Flogger bearbeiten und ficken. Sie gefesselt sehen, wie sie mich begehrt und mir vertraut. Ich schlucke.

Mach dir keine falschen Hoffnungen, Grey.

»Mr. Grey.« Sie nickt und entzieht mir rasch ihre Hand … zu rasch.

Mist, so kann ich sie nicht gehen lassen. Ich begleite sie zur Tür.

»Nur um sicher zu sein, dass Sie es durch die Tür schaffen, Miss Steele.«

Sie wird wie aufs Stichwort rot.

»Danke, sehr zuvorkommend, Mr. Grey«, zischt sie mich an.

Sieh an, Miss Steele hat Biss! Ich folge ihr grinsend. Andrea und Olivia heben schockiert den Kopf. Ja, ich begleite die Kleine hinaus.

»Hatten Sie einen Mantel?«, frage ich.

»Eine Jacke.«

Olivia springt auf, um eine marineblaue Jacke zu holen. Als ich sie ihr abnehme, signalisiere ich ihr mit einem finsteren Blick, dass sie sich setzen soll. Herrgott, geht Olivia mir auf die Nerven mit ihrer Anschmachterei.

Die Jacke ist billig und abgetragen. Miss Anastasia Steele sollte sich wirklich besser kleiden. Ich helfe ihr hinein, und dabei streifen meine Finger die Haut an ihrem Nacken. Ihr stockt der Atem, und sie wird blass.

Ja! Sie reagiert auf mich. Das freut mich. Ich schlendere zum Aufzug und drücke auf den Rufknopf, während sie neben mir her­um­zappelt.

O Baby, ich könnte dafür sorgen, dass die Zappelei aufhört.

Als die Türen sich öffnen, huscht sie hinein und sieht mich noch einmal an. Sie ist mehr als attraktiv, schön, würde ich sagen.

»Anastasia«, murmle ich zum Abschied.

»Christian«, flüstert sie. Dann schließen sich die Aufzugtüren. Aus ihrem Mund klingt mein Name seltsam fremd und höllisch sexy.

Ich muss mehr über dieses Mädchen erfahren.

»Andrea«, knurre ich, als ich ins Büro zurückmarschiere. »Welch soll mich anrufen.«

Während ich an meinem Schreibtisch auf den Anruf warte, betrachte ich die Gemälde an der Wand meines Büros, und Miss Steeles Worte fallen mir ein. Sie verwandeln das Gewöhnliche in etwas Außergewöhnliches. Der Satz passt auch auf sie.

Das Telefon klingelt.

»Mr. Welch für Sie.«

»Stellen Sie ihn durch.«

»Ja, Sir.«

»Welch, ich brauche Hintergrundinformationen.«