cover

MICHAEL J. SULLIVAN

ZEIT
FUGE

Roman

WILHELM HEYNE VERLAG
MÜNCHEN

Das Buch

Eigentlich ist Ellis Rogers ein ganz normaler Typ – bis sein Leben durch eine schreckliche Diagnose von einem Tag auf den anderen völlig auf den Kopf gestellt wird: Er leidet unter einer extrem seltenen und extrem aggressiven Form der Lungenfibrose, seine Chancen auf Genesung sind gleich null und seine restliche Lebenserwartung liegt bei ein paar Wochen – wenn es gut läuft. Als Ellis dann auch noch herausfindet, dass seine Frau Peggy ihn mit seinem besten Freund betrügt, marschiert er in seine Garage und setzt die Zeitmaschine in Gang, die er dort heimlich gebaut hat. In der Zukunft, so hofft er, gibt es ein Heilmittel gegen seine Krankheit und seine Eheprobleme könnte er dann ebenfalls hinter sich lassen. Zu Ellis’ eigenem Erstaunen funktioniert die Zeitmaschine tatsächlich und katapultiert ihn zweitausend Jahre in die Zukunft – in eine Welt, die mit der unseren so gut wie nichts mehr zu tun zu haben scheint …

Der Autor

Michael J. Sullivan wurde 1961 in Detroit, Michigan, geboren. Mit acht Jahren begann er seine ersten Geschichten zu schreiben, heute lebt er als freier Autor mit seiner Familie in Fairfax.

Mehr über Michael J. Sullivan und seine Romane erfahren Sie auf: 45450.jpg

Titel der amerikanischen Originalausgabe:

HOLLOW WORLD

Deutsche Übersetzung von Oliver Plaschka

Deutsche Erstausgabe 10/2015

Redaktion: Werner Bauer

Copyright © 2014 by Michael J. Sullivan

Copyright © 2015 der deutschsprachigen Ausgabe by

Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Umschlaggestaltung: Nele Schütz Design, München,

unter Verwendung von shutterstock / Mika Heittola

Umsetzung eBook: Greiner & Reichel, Köln

ISBN 978-3-641-16815-5

www.diezukunft.de

Vorwort:

Über Zeitreisen

Zeitreisen, wie sie in diesem Buch beschrieben werden, sind nicht möglich. Es ist mir wichtig, das von vornherein klarzustellen. Nicht, weil ich Nachahmer abschrecken möchte – sondern der Feststellung halber, dass es sich bei diesem Buch ebenso um ein Werk der Fantasy wie der Science-Fiction handelt. Andererseits finden sich in der Science-Fiction fast immer auch Spuren von Fantasy, dieser spezielle Funke des Was wäre, wenn, der die Kettenreaktion entfacht, welche die Handlung vorantreibt.

In seinem Klassiker Die Zeitmaschine bot H.G. Wells folgende hochwissenschaftliche Erklärung dafür, wie sein Gerät durch die Jahrhunderte eilen konnte: »Ich sage Ihnen nun, dass dieser Hebel hier, wenn man ihn nach vorne drückt, die Maschine in die Zukunft entsendet, und dieser andere die Bewegung umkehrt.« Das ist auch so ziemlich das Maximum an harten Fakten, das der Leser bekommt. Natürlich handelte Wells’ Geschichte trotz ihres Titels nicht so sehr von der Maschine oder den zugrunde liegenden Prinzipien als von einer möglichen Zukunft der Menschheit.

Genauso verhält es sich mit Zeitfuge.

Die Zeitmaschine wurde erstmals 1895 in Großbritannien veröffentlicht. Offenbar reichte es damals noch, zu behaupten, der Druck eines Hebels bewirke etwas, das bekanntermaßen doch unmöglich war. Natürlich gab es damals auch noch kein Internet. Der durchschnittliche Leser von heute weiß genau, dass man nicht schneller als das Licht oder durch ein schwarzes Loch reisen kann. Dieser Bildungssprung mag vielleicht mehr dem Erfolg von Serien wie Star Trek als dem unserer Schulen geschuldet sein, doch wie auch immer: Der heutige Leser weiß einiges mehr und verlangt nach Glaubwürdigkeit.

Da ich in meinem Buch einen Mann unserer Zeit in die Zukunft schicke, habe ich eine Menge über die Theorie der Zeitreise recherchiert. Meine Inspiration verdanke ich mehreren Quellen, vor allem aber Zeitreisen in Einsteins Universum von J. Richard Gott. Darin liefert der angesehene Astrophysiker eine überzeugende Erklärung dafür, wie sich ein stationäres Objekt vorwärts durch die Zeit bewegen könnte, indem es die beschränkenden g-Kräfte einer linearen Reise durch eine interdimensionale Bewegung überwindet. Dies wäre theoretisch denkbar, wenn man sich annähernd in die Mitte eines Schwarzen Lochs setzen und dabei durch die elektrostatische Abstoßung gleichnamiger Ladungen schützen könnte. Soweit die Theorie, doch wie gesagt, Zeitreisen sind nicht möglich – schon gar nicht in einer normalen Werkstatt mit handelsüblichen Hilfsmitteln. Ich habe mir das für meine Handlung zurechtgebogen – eine schöne Fassade und etwas Überzeugungsarbeit sind die Zutaten eines jeden guten Zaubertricks. Und wenn man nicht zu genau hinschaut, könnte man fast daran glauben.

Wieso ich das alles erkläre? Weil ich betonen möchte, dass dieser Roman keine »harte« Science-Fiction ist. Ich kenne viele Freunde des Genres, denen die technische Seite einer Geschichte sehr wichtig ist, und die wollte ich vorwarnen, dass sie ihre Aufmerksamkeit besser auf andere Aspekte des Buchs lenken. Ich wollte mich in diesem Roman auf die Auswirkungen verschiedener Technologien auf die Menschen und ihre Kultur konzentrieren und nicht zu viele Worte über ihre genaue Funktionsweise verlieren. So wie schon H.G. Wells’ Geschichte ist auch Zeitfuge ebenso wenig eine Anleitung zur Zeitreise, wie Reality-TV ein Abbild der Wirklichkeit ist.

Worum geht es also dann in diesem Buch?

Die nächsten Seiten werden es verraten – eine ganze Welt harrt ihrer Entdeckung.

Michael J. Sullivan

Januar 2014

1

Kaum noch Zeit

Als er von der Ärztin hörte, dass er sterben würde – und wie wenig Zeit ihm bis dahin noch blieb –, musste Ellis Rogers lachen. Nicht die übliche Reaktion auf eine solche Eröffnung – das wusste er genauso gut wie sie. Er war nicht verrückt, zumindest glaubte er das, aber wie konnte man sich da schon je sicher sein? Vor seinem inneren Auge hätten Visionen vorbeiziehen sollen, Schlaglichter seines Lebens: wie er seinen Collegeabschluss machte, Peggy am Altar küsste, oder wie sie ihren gemeinsamen Sohn Isley verloren. All die unerledigten Dinge, die gesagten oder ungesagten Worte – das war es, was ihn hätte beschäftigen sollen. Stattdessen drehten sich seine Gedanken einzig um dieses Wort mit vier Buchstaben, das die Ärztin gebraucht hatte. Schon komisch, dass es ausgerechnet dieses Wort gewesen war – schließlich hatte er ihr nie erzählt, was er daheim in seiner Werkstatt hatte.

Die Lungenspezialistin war eine kleine Inderin mit hellen, wachen Augen und einem Klemmbrett, das ihr als Erinnerungsstütze diente. Sie trug den üblichen weißen Kittel, das Stethoskop nachlässig in die Tasche gestopft, und lehnte halb stehend, halb sitzend an ihrer Tischkante. Anfangs hatte die Ärztin das Gespräch noch gesteuert, einfühlsam, doch ebenso bestimmt, aber nun war es ihr durch seinen deplatzierten Ausbruch völlig entgleist, und keiner von beiden wusste mehr, was noch zu sagen blieb.

»Geht es Ihnen wieder … besser?«, fragte sie nach einer Weile.

»Ist der erste Test, bei dem ich je durchfiel«, entschuldigte er sich, in der Hoffnung, dass sie es schlucken und fortfahren würde. In Anbetracht der Neuigkeiten, die sie ihm gerade überbracht hatte, verdiente er wohl etwas Nachsicht.

Einen Moment lang musterte sie ihn besorgt, dann fand sie zu ihrem professionellen Tonfall zurück. »Sie sollten lieber noch eine zweite Meinung einholen, Ellis.« Sie gebrauchte seinen Vornamen, als ob sie alte Freunde wären. Dabei hatte er sie nur die paar Mal zu besagten Tests gesehen.

»Entwickelt gerade irgendwer ein Heilmittel?«, erkundigte er sich.

Die Ärztin seufzte und kniff die Lippen zusammen. Dann verschränkte sie die Arme, löste sie wieder und beugte sich etwas vor. »Schon, aber ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass ein Durchbruch bevorsteht.« Sie sah traurig drein. »So viel Zeit haben Sie einfach nicht, Ellis.«

Da war es wieder, dieses Wort.

Diesmal lachte er nicht laut, trotzdem stahl sich ein Lächeln auf seine Lippen. Er brauchte wirklich ein besseres Pokerface. Ellis wandte den Blick ab und versuchte, sich auf die drei Gläser auf dem Tisch neben der Tür zu konzentrieren. Sie wirkten, als gehörten sie in eine Küche, nur dass sie Holzspatel und Wattestäbchen statt Mehl oder Zucker enthielten. Den Inhalt des dritten Glases konnte er nicht richtig erkennen: etwas einzeln Verpacktes, Spritzen vielleicht. Das brachte ihn darauf, dass er noch einmal den Verbandskasten kontrollieren musste. Bei vielen war nämlich nicht genug Aspirin dabei.

Die Ärztin erwartete wahrscheinlich, dass er weinte oder einen Wutanfall erlitt und Gott, sein Pech, die Nahrungsmittelindustrie oder seinen eigenen Bewegungsmangel verfluchte. Ein Lächeln gehörte wohl nicht zum üblichen Programm. Doch er konnte einfach nicht anders – nicht, wenn sie ohne es zu merken solche Scherze trieb.

Eigentlich sind es ja keine Scherze, dachte er. Sondern Ratschläge. Und sie hat recht: Es gibt nichts mehr, das mich noch hält.

Sein Bindegewebe war extrem geschwächt; er litt an IPF, einer Lungenkrankheit namens idiopathische pulmonale Fibrose, und hatte noch sechs Monate zu leben – höchstens ein Jahr. Und dieses nachgereichte höchstens ein Jahr hatte schon betont optimistisch geklungen. Jeder andere in seiner Situation, den sicheren Tod vor Augen, hätte wahrscheinlich Reisen nach Europa, Safaris in Afrika oder Besuche bei der Familie und alten Freunden geplant. Ellis dagegen plante eine andersartige Reise und war in Gedanken schon beim Kofferpacken: Er sollte besser noch mehr Batterien für die Taschenlampe mitnehmen – man konnte gar nicht genug Batterien haben – und noch ein paar Packungen M&M’s. Schließlich brauchte er sich keine Sorgen mehr um sein Gewicht, den Blutzucker oder die Zähne zu machen. Ich kaufe einen ganzen Karton! Die gelben mit den Erdnüssen, das sind die besten.

»Ich gebe Ihnen einen Termin in zwei Wochen. Das sollte Ihnen reichen, um die Ergebnisse von einem anderen Arzt überprüfen zu lassen.« Sie hörte zu schreiben auf und schaute ihn mit ihren großen, braunen Augen an. »Geht es Ihnen auch wirklich gut?«

»Ich komme schon klar.«

»Gibt es jemanden, den ich anrufen soll?« Sie blätterte durch die Notizen auf ihrem Klemmbrett. »Ihre Frau vielleicht?«

»Glauben Sie mir, es geht schon.«

Zu seiner Überraschung stellte er fest, dass er die Wahrheit sagte. Das letzte Mal hatte er sich vor sechsunddreißig Jahren so gefühlt, als man ihm auf der Bank das Darlehen eingeräumt hatte, mit dem er von daheim hatte ausziehen können. Eine Mischung aus Vorfreude und Angst vor dem Unbekannten. Freiheit – wahre Freiheit – war berauschender als jede Droge.

Endlich kann ich den Knopf drücken.

Sie wartete noch zwei Herzschläge und nickte dann. »Vorausgesetzt, der zweite Befund deckt sich mit meinem, setze ich Sie auf die Warteliste für eine Transplantation. Die Details erkläre ich Ihnen in zwei Wochen. Davon abgesehen gibt es, fürchte ich, nichts, was wir tun können. Es tut mir sehr leid.« Sie griff nach seiner Hand. »Das meine ich ehrlich.«

Er erwiderte den Druck. Ihr Lächeln wirkte nun entspannter. Vielleicht glaubte sie ja, dass sie ihm geholfen, eine emotionale Beziehung zu ihm aufgebaut hatte. Das war schon in Ordnung so – er brauchte alles an gutem Karma, das er kriegen konnte.

»Was hat der Arzt gesagt?«, waren die erste Worte aus Peggys Mund, als Ellis durch die Tür trat. Er konnte sie nirgendwo sehen. Wahrscheinlich war sie in der Küche und versuchte, den Fernseher im Wohnzimmer zu übertönen. Das war typisch Peggy – sie sagte, sie fühle sich weniger allein, wenn der Fernseher lief, doch sie ließ ihn auch an, wenn Ellis daheim war.

»Sie hat gesagt, dass ich mir keine Sorgen machen soll.« Er warf die Schlüssel in die Süßigkeitenschale auf dem Wohnzimmertisch, die ihr Sohn vor vielen Jahren gemacht hatte.

»Sie? Ich dachte, du hattest einen Termin bei Dr. Hall?«

Mist! Ellis fuhr zusammen. »Ach so – Dr. Hall ist im Ruhestand. Deshalb war ich bei einer Ärztin.«

»Im Ruhestand? So plötzlich? Ist alles okay?«

»Ja sicher, es geht ihm gut.«

»Ein Glück. Wundern tut es mich trotzdem – er ist ja nicht viel älter als wir, und ich dachte immer, dass Ärzte sich später zur Ruhe setzen als andere Leute. Diese Ärztin macht sich also keine Sorgen wegen deines Hustens?«

Ellis fand die Fernbedienung und stellte den Ton leiser, bis das Geschnatter der streitenden Frauen im TV nur noch ein leises Flüstern war. Manchmal fragte er sich, ob es immer dieselbe Sendung war, die da lief, oder ob alle Sendungen, die Peggy nicht sah, sich bloß sehr stark ähnelten.

»Nein«, rief er zurück. »Sie meinte, es wäre nur ein Virus.«

Das Wohnzimmer dokumentierte ihre gemeinsame Lebensleistung. Zwei hochwertige Mohairsofas standen vor einem TV-Gerät, das eine größere Bilddiagonale als ihr erstes Badezimmer besaß. Im Regal am Kamin ruhten seine MIT-Bücher und Abschlussarbeiten, die er in echtes Leder hatte binden lassen. Darüber stapelten sich Krimis und Thriller von Michael Connelly, Tom Clancy und Jeffery Deaver, die er zur Entspannung las.

Und überall hingen oder standen Bilder: an den Wänden, auf dem steinern Tisch, sogar auf dem Fernseher. Aus jedem Rahmen lächelte ihm ein sommersprossiger Engel mit sandfarbenem Haar und einer wechselnden Zahl von Zähnen entgegen. Das Bild aus dem Freizeitpark beherrschte das Zentrum des schweren Wohnzimmertischs. Eigentlich waren sie zu dritt auf dem Foto gewesen, doch dank eines geschickten Knicks war von Ellis bloß noch die Hand zu sehen, die auf der Schulter seines Sohnes ruhte.

»Hat sie dir wenigstens was mitgegeben?« Peggy trat ins Wohnzimmer und warf einen flüchtigen Blick auf den Fernseher. Um sicherzugehen, dass sie auch nichts verpasste? Sie trug noch ihren Hosenanzug und das Perlengehänge von der Arbeit.

Einen Moment lang erwog Ellis, ihr die Wahrheit zu sagen, zumindest über den Befund der Ärztin. Es hätte ihn interessiert, wie sie darauf reagierte. Was sie sagen würde.

Wenn er jetzt log, würde sie die Medikamente sehen wollen. »Sie hat mir ein Rezept gegeben, aber ich habe es noch nicht in den Drugstore geschafft.«

»Dann beeilst du dich besser. Er hat nicht mehr lang offen.« Sie nahm sich eine frische Packung Mentholzigaretten und klopfte eine heraus, dann sah sie stirnrunzelnd auf. »Wolltest du denn nicht mehr in die Werkstatt?«, fragte sie mit einem Hauch von Enttäuschung.

»Eigentlich wollte ich mich noch mit Warren treffen und nur eben meinen Mantel holen. Es wird kalt.«

»Pass mit dem Trinken auf, wenn du Medikamente nimmst.«

Im Flur zog er seinen Mantel an und griff sich so leise wie möglich Peggys Schlüsselbund. Doch statt die Küchentür nach draußen zu nehmen, schlich er sich die Treppe zum Schlafzimmer hoch, schlüpfte hinein und schloss die Tür hinter sich. Sein Herz schlug so laut, dass er hoffte, Peggy hörte es nicht. Erst jetzt begann sich das alles real für ihn anzufühlen.

Mein Gott, ich mache das wirklich.

Vorsichtig öffnete er den begehbaren Kleiderschrank und begann seine Ausgrabung. Die linke Seite des Schranks war immer Peggys Territorium gewesen. Auf dem Boden stapelten sich alte Schuhe, die Hochzeitsbilder und weiß Gott was sie sonst noch alles in den Kartons und Plastikboxen verstaut hatte. Ellis wusste aber, was er suchte, und hinter einem Turm aus Schuhschachteln, den er vorsichtig abbaute, fand er zu guter Letzt die schatztruhenförmige Schmuckschatulle. Peggy hielt sie stets verschlossen. Der Schlüssel hing an ihrem Bund zusammen mit einem Flaschenöffner, einer ausklappbaren Nagelfeile, einem Münzbeutel, einer Trillerpfeife für Notfälle, einer Taschenlampe, einem laminierten Foto von Isley, einem silbernen Anhänger in Form eines Kamels oder Lamas, einem weiteren Anhänger in Form eines Fußballs sowie einem großen roten Schild, auf dem PEGGY stand. Der Witz daran war, dass man für den Nissan dank Transponder und Startknopf gar keinen Schlüssel brauchte.

Die Schatulle öffnete sich wie eine Kasse: Das Oberteil klappte auf und die Schubladen schoben sich nach vorn. Das Innere war voller Erinnerungsstücke. Er fand eine Muttertagskarte, die Isley mit sechs Jahren gemacht hatte, ein einfaches Stück gefaltete Bastelpappe, darauf mit Buntstiften das Wort MOM gekritzelt. Außerdem Briefe, Fotos von Isley, ein paar Karten zu einem Spiel namens Parkverbot, an das er sich nicht erinnern konnte, und die Gedichte, die Peggy vor ihrer Hochzeit geschrieben hatte, zu der Zeit, als sie noch Gitarre gelernt und die nächste Carole King hatte werden wollen.

Und natürlich gab es Schmuck.

Ohrringe, die alten noch mit Clip, die neueren fürs Ohrloch, manche mit einem Gehänge wie Christbaumschmuck, andere einfache Stecker. Zwei Perlenketten und ein Halsband mit einem Medaillon, das nach Elfenbein aussah, dazu eine Masse von Ringen. Das meiste war billiger Modeschmuck. Vier Stücke aber nicht.

Peggys Verlobungs- und Ehering rührte Ellis nicht an. Er war lediglich an einem Paar Diamantohrringe interessiert, die ihm seine Großmutter hinterlassen hatte. Er entdeckte sie am Boden der Schatulle, unter all den Erinnerungsstücken.

Da hörte er Peggys Schritte von unten. Sie durchquerten gerade das Wohnzimmer und näherten sich der Treppe. Ellis erstarrte.

Er stellte sich vor, wie seine Frau nach oben kam und nach der Tür griff.

Wieso ist hier abgeschlossen? Was machst du da drin, Ellis?

Was würde er sagen?

Was hast du mit meinen Schlüsseln vor?

Er hielt ganz still und lauschte. Peggy war stehen geblieben.

Was verdammt tut sie da? Einfach mitten im Flur stehen? Ach, verdammt …

Er griff sich einfach alles, was im Weg war, und stopfte es sich in die Taschen. Noch während er den Schmuck am Boden der Schatulle zusammenschaufelte, hörte er Peggy auf den Stufen. Er schloss den Schrank und gewann das Wettrennen zur Tür gerade noch rechtzeitig, ehe seine Frau nach dem Knauf griff.

»Immer noch hier?«, fragte sie.

Er lächelte verlegen. »Wollte gerade los.«

Mit klopfendem Herzen lief er die Treppe hinunter. Sorgsam legte er ihren Schlüsselbund zurück auf den kleinen Tisch neben der Garderobe und ging aus dem Haus. Auf der Veranda steckte er die Hände in die Taschen und tastete nach dem Schmuck darin. Ellis seufzte. Zusammen mit den Diamanten seiner Großmutter hatte er unabsichtlich auch Peggys Ringe eingesteckt. Auch wenn sie ihr offensichtlich nichts mehr bedeuteten, würde er sie heute Nacht auf dem Küchentisch lassen, wenn er aus der Bar zurückkam. Peggy hatte ihren Ehering achtzehn Jahre lang getragen, dann aber abgelegt, als sie ihre ersten Maklerseminare belegt hatte. Laut einem Artikel, den sie gelesen hatte, erzielten Maklerinnen ohne Ring regelmäßig bessere Abschlüsse, ob sie nun verheiratet waren oder nicht. Ellis hatte nie mit ihr deshalb gestritten oder sich auch nur beschwert, weil er den wahren Grund dafür kannte. Der Sommer, in dem sie mit den Seminaren begonnen und ihren Ring abgelegt hatte, war derselbe Sommer gewesen, in dem sich Isley in der Werkstatt mit einem Gürtel seines Vaters erhängt hatte.

Das Brady’s war eine unscheinbare Bar auf der Eight Mile Road. Eingequetscht zwischen einer Videothek und einem chinesischen Restaurant in einer Gegend voller Schnapsläden und Reparaturwerkstätten war es das einzige Gebäude ohne Gitter vor den Fenstern. Das Brady’s hatte nämlich keine Fenster – es war einfach nur eine Ziegelsteinfassade mit einer weiß lackierten, schwergängigen Stahltür.

Hustend stand Ellis vor der Bar. In der Kälte war es immer besonders schlimm, und dabei war es noch nicht mal richtig kalt. Der November in Detroit war dank der Feuchtigkeit der Großen Seen bloß das Vorspiel zu sechs Monaten klirrender Kälte und Elends. Trotzdem gefiel seinen Lungen die Luftveränderung nicht. Mittlerweile gefiel seinen Lungen freilich fast gar nichts mehr, und der Hustenanfall war so schmerzhaft, dass er meinte, es risse ihm die Brust entzwei. Er wartete, bis er wieder Luft bekam, dann trat er ein.

Das Innere des Brady’s hielt, was das Äußere versprach: eine schnörkellose Bar, die nach frittiertem Essen roch und selbst Jahre nach dem Inkrafttreten des staatsweiten Verbots noch nach Zigarettenrauch stank. Der Boden war klebrig, die Tische wackelten, und auf dem stummgeschalteten Fernseher in der Ecke lief Football zu alten Johnny-Cash-Songs aus den versteckten Lautsprechern. Aufgrund der fehlenden Fenster waren der Fernseher und ein paar altmodische Deckenlampen auch die einzigen Lichtquellen in der Bar, die sie in eine flackernde Höhle voller Schatten verwandelten.

Warren Eckard saß an der Theke, schaute fern und schwenkte die Überreste eines Budweisers in seiner Flasche. Er saß vornübergebeugt und auf die Ellbogen gestützt da und wippte mit dem Fuß im Takt von Cashs »Folsom Prison Blues«. Auf seinem T-Shirt stand: ICH LIEBE MEIN LAND. ICH HASSE NUR DIE REGIERUNG. Das XXL-Shirt war immer noch zu klein und ließ einen Wulst teigig blasser Haut aus seiner Jeans quellen. Ellis war dankbar dafür, dass Warrens Hosenbund nicht noch tiefer als ohnehin schon saß.

»Warren«, sagte Ellis, klopfte ihm auf den Rücken und setzte sich neben ihn.

»Hey! Hey!« Mit übertriebener Überraschung drehte sich Warren zu ihm um und grinste ihn an. »Na, wenn das nicht Mr. Rogers ist. Einen wunderschönen Tag wünsch ich, alter Mann. Wie läuft’s denn so?«

Seine Hand verschwand fast in Warrens Pranke, als sie sich begrüßten. Selbst Jahrzehnte nach dem Unfall kam er nicht umhin, Warrens fehlende Finger zu bemerken.

»Wer ist denn der Kleine hinter der Bar?«, fragte Ellis und versuchte, Blickkontakt mit dem jungen Kerl im schwarzen T-Shirt herzustellen.

»Freddy. Er ist Italiener, also lass die Spaghettiwitze. Sonst landen wir noch beide bei die Fische.«

»Wo steckt Marty?«

Warren zuckte die Schultern. »Vielleicht hat er frei. Oder man hat ihn gefeuert. Was weiß ich?«

»Freddy!«, rief Ellis dem Jungen zu, der sich zurückgelehnt hatte und mit einem Zahnstocher im Mund herumspielte. »Kann ich ein Bud haben?«

Der Junge nickte und köpfte eine braune, noch beschlagen Flasche frisch aus dem Kühlschrank. Dann klatschte er einen kleinen Papieruntersetzer vor ihn hin, setzte die Flasche darauf und ging sich weiter mit seinem Zahnstocher beschäftigen.

»Spielen die Lions heute?«, fragte Ellis mit Blick auf den Fernseher, während er sich aus seinem Mantel schälte.

»Gegen die Redskins. Die werden sie plattmachen.«

»Unterstützt man so etwa sein Team?«

»Es wäre halt hilfreich, wenn sie vernünftige Spieler hätten.« Warren leerte seine Flasche und setzte sie laut genug ab, dass Freddy es mitbekam und ihm eine neue brachte.

»Bewirb du dich doch, sobald das Baby da ist. Im wievielten Monat bist du mittlerweile, im achten oder neunten?«

»Sehr komisch, bist ’n echter Witzbold. Dabei solltest du’s verdammt noch mal besser wissen …« Er schlüpfte in seine Marlon-Brando-Rolle, klang aber mehr wie ein kränklicher Vito Corleone als der gescheiterte Boxer Terry Malloy. »Ich hätte was werden können!«

»Klar, träum ruhig weiter. Aber wo wir gerade davon reden …« Ellis zog ein paar zusammengeheftete Blätter aus der Innentasche seines Mantels. Das Papier war verschmiert, voller Kaffeeflecken und gekritzelter Notizen an den Rändern. Darunter aber war es zweispaltig mit engem Text bedruckt, vor allem Formeln.

»Was soll das denn sein?«, fragte Warren. »Musst du wieder den Geek auspacken? Bringst du deine Arbeit jetzt schon in die Bar mit?«

»Nein, das ist mein Privatvergnügen. Daran hab ich jahrelang herumgebastelt – ist so ein Hobby von mir. Hast du dich je mit der Relativitätstheorie befasst? Schwarze Löcher?«

»Seh ich aus wie Stephen Hawking?«

Ellis grinste. »Manchmal. Wenn du aufrechter dasitzt und deutlicher redest …«

Warren imitierte ein Lachen. »Mann, du bist ja’n echter Kracher heute. Hast du das gehört?«, rief er Freddy zu. »Der reinste Moe Howard.«

Freddy schenkte gerade ein paar Frauen am anderen Ende der Theke ihr Light-Bier ein. »Wer?«, fragte er verwirrt.

»Du weißt schon, The Three Stooges.«

Freddy zuckte die Schultern.

»Gott, willst du mich jetzt verarschen? Moe, Larry und Curly! Die größten Komiker unserer Zeit.«

»Und welche Zeit genau wäre das?«, konterte Freddy.

»Ach, vergiss es doch einfach.« Warren setzte seinen Die-Jugend-von-heute-Ausdruck auf, der Ellis immer wieder irritierte – denn schließlich kannte er Warren Eckard noch aus der Zeit, als sie besagte Jugend gewesen waren.

Warren überflog die Seiten und schüttelte den Kopf wie ein Kommissar angesichts eines besonders grausamen Verbrechens. »Ich fasse es nicht, dass du diesen Mist zum Spaß machst.«

»Du schaust Football«, konterte Ellis. »Ich spiele mit Quanten …«

»Football ist spannend.«

»Das hier auch.«

Warren deutete auf den Fernseher, wo man nun das monströse FedExField in Landover, Maryland aus der Vogelperspektive sah. »Da sitzen über fünfundachtzigtausend Leute auf den Rängen, und hundert Millionen schauen jedes Jahr den Super Bowl. Dämmert dir da was?«

»Na und? Als Neil Armstrong auf dem Mond herumspazierte, schauten fünfhundert Millionen zu.«

Warren nippte missmutig an seinem Bier. »Also, was ist jetzt mit der Schlaumeierei? Kommt noch ’ne Pointe, oder will du nur angeben?«

»Angeben?«

»Immerhin bist du hier Mister MIT, ich hingegen sitz auf meinem kleinen Highschool-Abschluss, oder nicht?«

Ellis runzelte die Stirn. »Jetzt wirst du eklig.«

»Achtundfünfzig Jahre Übung, mein Freund. Das wird man schwer wieder los.« Warren trank einen weiteren Schluck.

Ellis wartete.

Schließlich verdrehte Warren die Augen. »Okay, okay – lassen wir’s gut sein. Also, worum geht’s?«

Ellis legte den Stapel Papier auf die Theke. »In den Dreißigern gab es diesen Deutschen, Gustaf Hoffmann, der eine Theorie in den Annalen der Physik veröffentlichte. Das ist eine der ältesten Fachzeitschriften der Welt. Da hat auch Einstein publiziert, okay? Ich rede hier von ernsthafter Wissenschaft.«

Warren bemühte sich, ein geduldiges Gesicht zu machen.

»Allerdings fand Hoffmanns Theorie nicht viel Beachtung. Zum einen, weil seine Berechnungen fehlerhaft waren, vor allem aber, weil er beweisen wollte, dass Zeitreise nicht nur prinzipiell möglich, sondern auch praktisch umsetzbar ist. Ich habe mal was zu Hoffmann veröffentlicht und seinen Ansatz durch moderne Quantentheorie ergänzt. Auch danach ließ mich die Idee nicht los, also habe ich weiter mit seinen Formeln gespielt. Vor gut zwei Jahren habe ich dann rausgekriegt, was er falsch gemacht hat.«

»Das … das ist echt super, Ellis.« Warren nickte mechanisch. »Verrückt und irgendwie auch traurig, aber wenn es dich freut, freut’s mich auch.«

»Du verstehst es nur noch nicht. Diese Theorie … sie ist wirklich ganz simpel. Nicht der Weg dahin – der war richtig übel –, aber was zum Schluss übrig blieb, war wie alle gute Formeln: schlicht und perfekt. Und das Beste daran ist, dass die Formel auch praktischen Nutzen hat. Ich spreche von angewandter Wissenschaft, nicht bloß Spekulationen. Wie Einstein damals mit seiner Theorie, und dann bauten die Leute vom Manhattan-Projekt die Atombombe. Wobei das Jahre der Forschung und Entwicklung und tonnenweise Infrastruktur und Ressourcen brachte. Das hier« – Ellis tippte auf seine Papiere – »ist deutlich einfacher.«

»Aha, und das heißt also …« Warren verlor bereits das Interesse, allerdings hatte er wohl von vornherein nicht allzu viel gehabt.

»Kapierst du nicht? Das hier sind die Baupläne einer Zeitmaschine! Würdest du nicht gern die Zukunft sehen?«

»Um Gottes willen – ich kenne die Gegenwart gut genug, um zu wissen, was passiert. Das letzte Gute, was die Menschheit mit vereinten Kräften hingekriegt hat, war Hitler zu töten.« Er trank und wischte sich den Mund.

»Komm schon, willst du mir weismachen, dass dich nicht interessiert, was bei all dem noch rauskommt?«

»Das ist wie drauf zu warten, was beim Sprung von einer Klippe rauskommt.« Warren setzte ein Grinsen auf. »Die Welt geht in den Arsch. Amerika ist wie mein alter Buick – rostet langsam vor sich hin. China wird uns alle einsacken. Bald fressen wir nur noch Reis und rennen mit kleinen roten Büchern rum.«

Ellis verzog das Gesicht.

»Glaubst mir wohl nicht, hm?«, fragte Warren. »Das Problem ist, wir sind schwach geworden. Die Babyboomer und ihre Kinder hatten es viel zu leicht. Verzogene Gören, allesamt. Und die nächste Generation verderben sie noch mehr. Jeder will sein großes Haus und schickes Auto, bloß arbeiten will keiner dafür. Verdammt, die Einzigen, die heute noch arbeiten, sind doch Illegale wie die da hinten!«

Peinlich berührt schaute Ellis zu einem Tisch mit Latinos in der Nähe der Tür. Aber die hatten wohl nicht zugehört. Oder es war ihnen egal.

»Würdest du bitte etwas leiser reden? Und vielleicht magst du dem Rest von uns Gesellschaft im neuen Jahrtausend leisten und nicht automatisch davon ausgehen, dass jeder Einwanderer illegal hier ist.«

»Was denn?« Er folgte seinem Blick und fügte mit lauterer Stimme hinzu. »Ich habe ihnen gerade ein Kompliment gemacht. Sind gute Arbeiter! Hab nie was anderes behauptet.«

»Ist schon gut.« Ellis rieb sich das Gesicht. »Wir sprachen gerade von der Zukunft, weißt du noch?«

»Ach, scheiß doch auf die Zukunft. Wird entweder so ’ne Höllenapokalypse oder, schlimmer noch, ein Unterdrücker-Regime wie das von Big Brother in der Orson-Welles-Geschichte.«

»1984 wurde von George Orwell geschrieben. H.G. Wells schrieb Die Zeitmaschine, und Orson war ein Regisseur und Schauspieler.«

»Wie auch immer. Ich sag ja bloß, die Zukunft wird kein Zuckerschlecken.«

Ellis fragte sich, ob Warren sich eigentlich der Tatsache bewusst war, dass er derselben Generation angehörte, der er gerade die Schuld am Niedergang der Zivilisation gegeben hatte. Er glaubte nicht, dass Warren sich in einen Topf mit dem angeblich verzogenen Rest werfen würde, und vielleicht hätte er sogar recht damit. Sie stammten beide aus hart arbeitenden Familien, deren Väter sich ihren frühen Herzinfarkt redlich verdient hatten. Ellis hatte bloß Glück gehabt – Warren nicht.

Sein Traum von einer Footballkarriere war gestorben, als er sich Ringfinger und kleinen Finger in einer Presse abgetrennt hatte. Warren hatte die Schutzvorrichtung entfernt, weil sie im Weg gewesen war. Danach hatte er einen Prozess auf Grundlage der Argumentation gewonnen, dass die Schutzvorrichtung nicht abnehmbar hätte sein dürfen. Anscheinend hatte sein Freund ebenfalls seine Ansprüche – oder zumindest doch das Bedürfnis nach angemessener Entschädigung für seine Finger verspürt. Seine eigene Verantwortung dafür hatte sich angesichts der Aussicht auf einen saftigen Scheck schnell in Luft aufgelöst.

»Wenn du mich in die Vergangenheit schicken könntest, kämen wir vielleicht ins Geschäft«, sagte Warren. »Scheiße, die Fünfziger waren das reinste Paradies. Amerika beherrschte die Welt und war ein Leuchtfeuer der Hoffnung und Freiheit. Jeder, der wollte, konnte seine Träume verwirklichen. Die Leute wussten, was von ihnen erwartet wurde. Die Männer gingen arbeiten, die Frauen blieben daheim und kümmerten sich um die Kinder.«

»In die Vergangenheit geht leider nicht. Hoffmann sagt, man kann nur vorwärts reisen. Und das mit dem Reisen stimmt auch nicht ganz: Eigentlich bleibt man ziemlich genau, wo man ist, und lässt die Zeit nur an einem vorbei. Ein bisschen so, wie wenn man schlafen geht: Man legt sich hin, macht die Augen zu, und zack, der nächste Tag ist da. Die sieben, acht Stunden dazwischen hat man einfach übersprungen. Doch selbst wenn es möglich wäre, in beide Richtungen zu reisen – ich würde viel lieber die Zukunft sehen.«

»Wirst du ja auch. Zumindest in Auszügen. Schließlich sind wir ja noch längst nicht tot, oder?«

Ellis trank von seinem Bier. Wie eigenartig, dass Warren das sagte – fast schien es ihm wie ein göttliches Zeichen. Kurz erwog er, ihm vom Kündigungsbrief des Allmächtigen zu erzählen, der ihn heute erreicht hatte, entschied sich dann aber dagegen. Das Leben in Motown lud Männer nicht gerade dazu ein, ihr Herz auf den Lippen zu tragen. Eine Rezession jagte die nächste im sogenannten Rostgürtel der USA. Es konnte einem eine Heidenangst einjagen, doch die Leute hier rauchten, tranken und bissen sich durch, wie sie’s immer getan hatten. Man umarmte sich nicht; man gab sich die Hand. Und Ellis sah keinen Sinn darin, seinem besten Freund zu erzählen, dass er bald sterben würde. Schlimm genug, dass er selbst dieses deprimierend nutzlose Wissen mit sich herumschleppen musste.

»Wie auch immer.« Ellis drückte Warren den Stapel Papier in die Hand. »Ich möchte dir das hier geben.«

»Wieso?«

»Nur für den Fall.«

»Welchen Fall?«

»Dass es funktioniert.«

»Dass was funktioniert?« Warren kniff die Augen zusammen, dann weiteten sie sich verstehend. »Moment mal – wie war das bitte? Du denkst also ernsthaft darüber nach? Eine Zeitmaschine zu bauen?«

»Ich denke nicht bloß darüber nach. Ich habe mit dem Bau begonnen, kaum dass ich Hoffmanns Fehler gefunden hatte. Die Zeitmaschine steht in meiner Werkstatt.«

Streng genommen war sie eigentlich seine Werkstatt, doch er hielt es für das Beste, es nicht zu kompliziert zu machen. Warren runzelte auch so schon die Stirn, als versuchte er, das 3D-Objekt in einem Bild aus DAS MAGISCHE AUGE zu erkennen.

»Ist das – ist das nicht gefährlich?«

Als er nicht gleich antwortete, wurde Warrens Sorgenfalte noch tiefer. »Ellis, du bist ein schlauer Kerl, der schlaueste, den ich kenne. Du wirst doch keine Dummheit machen, oder?«

Ellis schüttelte den Kopf. »Mach dir keine Sorgen. Vermutlich funktioniert es gar nicht. Es ist nur … vielleicht ist es so ähnlich wie mit dir und dass du nie auf einem Platz wie dem da stehen konntest.« Er zeigte auf das Spiel im Fernsehen. »Ich für meinen Teil hatte nie die Chance, Astronaut zu werden, ins All zu fliegen oder auf dem Mars zu spazieren … Das hier ist vielleicht so was Ähnliches. Davon abgesehen werde ich nicht jünger und habe nicht mehr viel Zeit, etwas wirklich Wichtiges zu machen – ein Abenteuer zu erleben.«

»Was ist mit Peggy?«

Ellis griff nach seinem Bier, unter dem sich trotz des Untersetzers eine Pfütze gebildet hatte. Fast war er versucht zu fragen: Welche Peggy?

»Vielleicht ist es besser so. Ehrlich gesagt glaube ich, dass sie erleichtert sein wird. Vor ein paar Jahren schlug ich ihr vor, dass wir nach Texas ziehen könnten. Man hatte mir eine Beförderung in Aussicht gestellt, eine tolle Stelle mit besserer Bezahlung. Sie meinte, sie könne das Wenige, was ihr von Isley noch blieb, nicht zurücklassen, ich könne aber gehen, wenn ich will. Ich hatte den Eindruck, dass sie enttäuscht war, als ich blieb.«

»Sie gibt dir immer noch die Schuld?«

»Aus gutem Grund, findest du nicht?«

»Mach dir keine Vorwürfe. Ich hätte dasselbe getan, weißt du.« Warren schürzte die Lippen, als hätte er eben in eine Zitrone gebissen. »Jeder Mann hätte das.«

»Lass es gut sein, okay?«

»Klar. Tut mir leid. Ich wollte nich…«

»Vergiss es.« Er hob die Stimme, damit Freddy ihn hörte. »Hey, bring meinem Freund und mir ein paar Jackys! Wir wollen feiern.«

Freddy schenkte ihnen zwei Jack Daniel’s ein und stellte sie vor sie hin. Dann hob Warren sein Glas. »Auf ein langes Leben.«

Ellis griff nach seinem Whiskey. »Auf die Zukunft.«

Sie setzten die Gläser an die Lippen und tranken.