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Titelseite

Für Cap, Charlie und Isabel

Teil 1

Die Asche

1Ich stehe da und schaue zu, wie sich eine dünne Ascheschicht auf meine abgetragenen Lederschuhe legt. Hier war das Bett, das ich früher einmal mit meiner Schwester Prim geteilt habe. Da drüben stand der Küchentisch. Die Ziegel des Kamins, der eingestürzt ist und nun als verkohlter Haufen daliegt, dienen mir als Orientierung im Haus. Wie sollte ich mich sonst in dieser grauen Wüste zurechtfinden?

Von Distrikt 12 ist praktisch nichts mehr übrig. Vor einem Monat haben die Brandbomben des Kapitols die armseligen Häuser der Minenarbeiter im Saum ausradiert, die Geschäfte in der Stadt, selbst das Gerichtsgebäude. Nur das Dorf der Sieger blieb von der Vernichtung verschont. Warum, weiß ich nicht. Vielleicht, damit es als Unterkunft für den einen oder anderen dient, der vom Kapitol hergeschickt wird. Ein einsamer TV-Reporter zum Beispiel. Oder eine Expertengruppe, die den Zustand der Kohleminen beurteilen soll. Ein Trupp Friedenswächter, der nach heimkehrenden Flüchtlingen sucht.

Doch niemand ist zurückgekommen, außer mir. Und das auch nur kurz. Die Regierenden von Distrikt 13 waren dagegen, dass ich noch mal herkomme. Sie sahen darin ein kostspieliges und sinnloses Wagnis, denn mindestens ein Dutzend unsichtbare Hovercrafts schwirren zu meinem Schutz über mir, und neue Erkenntnisse sind nicht zu erwarten. Aber ich musste es einfach sehen. So sehr, dass ich das zur Bedingung dafür gemacht habe, bei ihren Plänen mitzuwirken.

Schließlich gab Plutarch Heavensbee, der Oberste Spielmacher, der die Rebellenorganisation im Kapitol angeführt hat, sich geschlagen: »Lasst sie doch hinfahren. Lieber einen Tag verlieren als noch einen Monat. Vielleicht braucht sie die kleine Tour nach 12 einfach, um sich davon zu überzeugen, dass wir auf derselben Seite stehen.«

Dieselbe Seite. Ein stechender Schmerz durchzuckt meine linke Schläfe, ich presse die Hand dagegen. Es ist die Stelle, wo Johanna Mason mich mit der Drahtrolle getroffen hat. Die Erinnerungen verschwimmen, während ich versuche herauszufinden, was wahr ist und was falsch. Welche Abfolge von Ereignissen hat dazu geführt, dass ich hier in den Ruinen meiner Heimatstadt stehe? Keine leichte Frage, denn die Gehirnerschütterung klingt noch immer nach, und noch immer neigen meine Gedanken dazu, durcheinanderzugeraten. Und die Medikamente, die sie mir geben, um Schmerzen und Stimmung zu regulieren, führen manchmal dazu, dass ich Dinge sehe. Glaube ich wenigstens. So ganz bin ich immer noch nicht davon überzeugt, dass es eine Halluzination war, als sich der Boden der Krankenstation neulich nachts in einen Teppich aus sich windenden Schlangen verwandelte.

Ich wende die Technik an, die einer der Ärzte mir empfohlen hat. Ich fange mit den einfachen Dingen an, von denen ich weiß, dass sie wahr sind, und arbeite mich dann zu den komplizierten vor. In meinem Kopf gehe ich die Liste durch …

Ich heiße Katniss Everdeen. Ich bin siebzehn Jahre alt. Meine Heimat ist Distrikt 12. Ich war in den Hungerspielen. Ich bin geflohen. Das Kapitol hasst mich. Peeta wurde gefangen genommen. Man geht davon aus, dass er tot ist. Höchstwahrscheinlich ist er tot. Es wäre für alle das Beste, wenn er tot ist …

»Katniss. Soll ich zu dir runterkommen?« Durch das Headset, auf dem die Rebellen bestanden haben, dringt Gales Stimme zu mir. Gale ist mein bester Freund. Er sitzt oben in einem Hovercraft und wacht über mich, bereit zum Sturzflug, falls irgendwas nicht stimmen sollte. Erst jetzt merke ich, dass ich auf dem Boden kauere, Ellbogen auf den Oberschenkeln, Kopf zwischen den Händen. Vielleicht sehe ich so aus, als ob ich gleich zusammenbreche. Aber das darf ich nicht. Nicht jetzt, da sie endlich die Medikamente absetzen wollen.

Ich richte mich auf. »Nein. Mir geht’s gut«, sage ich. Zur Bekräftigung kehre ich meinem alten Haus den Rücken zu und gehe in Richtung Stadt. Gale wollte zusammen mit mir in Distrikt 12 abgesetzt werden, aber als ich seine Gesellschaft ablehnte, hat er nicht weiter darauf bestanden. Er versteht, dass ich heute niemanden in meiner Nähe haben möchte. Nicht mal ihn. Manche Wege muss man allein gehen.

Der Sommer war glühend heiß und knochentrocken. Die Aschehaufen, die der Angriff hinterlassen hat, blieben nahezu unberührt von Regentropfen. Meine Schritte lassen sie einstürzen und an anderer Stelle wiedererstehen. Kein Windstoß zerstreut sie. Ich hefte den Blick fest auf die Straße, die in meiner Erinnerung hier einmal verlaufen ist. Vorhin, als ich auf der Weide gelandet bin, habe ich nicht aufgepasst und bin gegen einen Stein gestoßen. Nur dass es kein Stein war, sondern ein Totenschädel. Er kullerte davon und blieb mit dem Gesicht nach oben liegen, und lange konnte ich den Blick nicht von den Zähnen wenden, die ganze Zeit fragte ich mich, wem sie wohl mal gehört haben. Meine würden unter solchen Umständen wohl ganz ähnlich aussehen.

Aus Gewohnheit bleibe ich auf der Straße, aber das ist keine gute Idee, denn überall liegen Überreste der Menschen, die versucht haben zu fliehen. Einige wurden vollständig eingeäschert. Andere, die wahrscheinlich im Qualm erstickt sind, entkamen der schlimmsten Feuersbrunst und liegen nun in unterschiedlichen Stadien der Verwesung da und stinken vor sich hin, bedeckt mit Fliegen, Beute für die Aasfresser. Ich habe dich getötet, denke ich, während ich an den Haufen vorbeigehe. Und dich. Und dich.

Denn das habe ich. Es war mein Pfeil, abgeschossen auf den wunden Punkt im Kraftfeld um die Arena, der diesen Feuersturm der Vergeltung verursacht, ganz Panem ins Chaos gestürzt hat.

In meinem Kopf hallen die Worte von Präsident Snow nach, die er an dem Morgen sprach, als die Tour der Sieger begann: »Katniss Everdeen, das Mädchen, das in Flammen stand – von dir ist ein Funke ausgegangen, der sich, wenn wir uns nicht darum kümmern, zu einem Inferno auswachsen könnte, das Panem zerstört.« Man sieht, er hat nicht übertrieben oder geblufft, um mich einzuschüchtern. Vielleicht wollte er mich wirklich nur einbinden, meine Hilfe gewinnen. Aber das, was ich in Gang gesetzt hatte, ließ sich nicht mehr kontrollieren.

Feuer, immer neues Feuer, denke ich benommen. In der Ferne stoßen die Brände in den Kohleminen schwarzen Rauch aus. Doch es ist niemand mehr da, der sich darum kümmern könnte. Neunzig Prozent der Bevölkerung im Distrikt sind tot. Die verbliebenen etwa achthundert Menschen leben als Flüchtlinge in Distrikt 13 – was, soweit es mich betrifft, im Grunde bedeutet, heimatlos zu sein.

So dürfte ich nicht denken, ich weiß. Ich müsste dankbar dafür sein, wie wir – krank, verletzt, hungernd und mit leeren Händen – dort aufgenommen wurden. Trotzdem kann ich einfach nicht verdrängen, dass Distrikt 13 an der Zerstörung von 12 maßgeblich beteiligt war. Das nimmt mir bestimmt nicht meine Schuld – ich habe viel Schuld auf mich geladen. Aber ohne die Rebellen wäre ich nicht Teil eines größeren Plans zum Sturz des Kapitols geworden, ich hätte gar nicht die Mittel dazu gehabt.

Die Bürger von Distrikt 12 besaßen keine eigene organisierte Widerstandsbewegung. Sie hatten mit alldem nichts zu tun. Sie hatten nur das Pech, dass sie mich hatten. Manche der Überlebenden sind glücklich, endlich weg zu sein aus Distrikt 12, in Freiheit. Den ewigen Hunger und die Unterdrückung hinter sich gelassen zu haben, die gefahrvollen Minen, die Peitsche von Romulus Thread, dem letzten Obersten Friedenswächter von Distrikt 12. Sie betrachten es als Wunder, dass sie überhaupt ein neues Zuhause haben, denn bis vor Kurzem wussten wir nicht mal, dass es Distrikt 13 überhaupt noch gibt.

Das Verdienst der Flucht gebührt nach einhelliger Meinung Gale, obwohl er sich sträubt, das zu akzeptieren. Sobald das Jubel-Jubiläum vorbei war – das heißt, sobald ich aus der Arena gezogen worden war –, wurde in Distrikt 12 der Strom abgestellt, die Bildschirme wurden schwarz, und im Saum wurde es so still, dass die Leute den Herzschlag ihres Nachbarn hören konnten. Niemand regte sich, um zu protestieren oder das Geschehen in der Arena zu bejubeln. Trotzdem tauchten binnen einer Viertelstunde am Himmel Hoverplanes auf und es hagelte Bomben.

Gale hatte die Idee mit der Weide, einem der wenigen Orte im Distrikt, die nicht mit alten, in Kohlenstaub eingebetteten Holzhäusern bebaut waren. Dorthin trieb er so viele Leute, wie er konnte, einschließlich meiner Mutter und Prim. Er stellte eine Gruppe zusammen, die den Zaun niederriss – der nun, da der Strom fehlte, nur noch aus harmlosem Maschendraht bestand –, und führte die Menschen in den Wald. Er brachte sie an den einzigen Ort, der ihm einfiel: den See, den mein Vater mir als Kind gezeigt hat. Von dort aus schauten sie zu, wie in der Ferne die Flammen alles, was sie von der Welt kannten, verschlangen.

Als der Morgen graute, waren die Bomber längst wieder verschwunden, die Feuer erstarben, die letzten Nachzügler waren eingesammelt. Meine Mutter und Prim hatten ein Krankenlager eingerichtet und versuchten, die Verletzten mit dem zu behandeln, was sie im Wald fanden. Gale besaß zwei Ausrüstungen mit Pfeil und Bogen, ein Jagdmesser sowie ein Fischernetz, und damit mussten er und diejenigen, die kräftig genug waren, mehr als achthundert verschreckte Menschen ernähren. Drei Tage hielten sie so durch. Dann tauchte plötzlich aus heiterem Himmel ein Hovercraft auf und brachte sie nach Distrikt 13, wo es zahllose saubere weiße Wohneinheiten, ausreichend Kleidung und drei Mahlzeiten am Tag gab. Die Wohneinheiten hatten den Schönheitsfehler, dass sie unterirdisch angelegt waren, die Kleidung war für alle gleich und das Essen schmeckte praktisch nach nichts, doch die Flüchtlinge aus Distrikt 12 kümmerte das alles nicht. Sie waren in Sicherheit. Jemand sorgte sich um sie. Sie waren am Leben und wurden überschwänglich willkommen geheißen.

Diese Begeisterung wurde allgemein als Freundlichkeit interpretiert. Doch ein Mann namens Dalton, ein Flüchtling aus Distrikt 10, der es ein paar Jahre zuvor zu Fuß nach 13 geschafft hatte, verriet mir das wahre Motiv. »Sie brauchen uns. Dich, mich, uns alle. Vor einer Weile hatten sie hier eine Pockenepidemie oder so, der viele zum Opfer gefallen sind, und die meisten der Überlebenden wurden unfruchtbar. Neues Zuchtvieh, das sind wir für sie.« Dalton hatte in seinem Heimatdistrikt auf einer Rinderfarm gearbeitet und die genetische Vielfalt der Herde gesichert, indem er den Kühen tiefgefrorene Embryonen einpflanzte. Ich vermute stark, er hat recht mit Distrikt 13, denn Kinder sieht man dort so gut wie keine. Aber was soll’s? Wir leben ja nicht eingepfercht, wir werden angelernt, um zu arbeiten, die Kinder gehen zur Schule. Die über Vierzehnjährigen wurden in die Armee aufgenommen und werden respektvoll mit »Soldat« angesprochen. Jeder Flüchtling hat automatisch die Staatsbürgerschaft von Distrikt 13 bekommen.

Trotzdem, ich hasse sie. Aber inzwischen hasse ich ja fast alle. Am meisten mich selbst.

Der Boden unter meinen Füßen wird auf einmal hart und unter dem Ascheteppich spüre ich die Pflastersteine des Platzes. Ringsum, wo einst die Geschäfte standen, sieht man eine flache Begrenzung aus Trümmern. Ein rußgeschwärzter Schutthaufen erhebt sich dort, wo einmal das Gerichtsgebäude war. Ich gehe weiter zu der Stelle, wo die Bäckerei von Peetas Familie gestanden haben muss. Es ist kaum mehr davon übrig als ein geschmolzener Klumpen, da, wo früher der Ofen stand. Peetas Eltern, seine beiden älteren Brüder – keiner von ihnen hat es nach 13 geschafft. Kaum ein Dutzend derjenigen, die in Distrikt 12 einmal als die Wohlhabenden galten, sind dem Feuer entkommen. Es wäre also sowieso nichts mehr da, wohin Peeta zurückkommen könnte. Außer mir …

Ich gehe weiter und stoße gegen etwas, verliere das Gleichgewicht und sitze plötzlich auf einem Metallbrocken, den die Sonne erwärmt hat. Ich grübele, was es gewesen sein könnte, dann fällt mir ein, dass Thread den Platz bei seinem Amtsantritt hat umgestalten lassen. Pfähle, Pranger und das hier, die Galgen – oder was davon übrig geblieben ist. Schlecht. Ganz schlecht. Das ruft wieder die Flut der Bilder hervor, die mich quälen, ob ich wach bin oder schlafe. Peeta, der gefoltert wird – ertränkt, verbrannt, zerfleischt, mit Stromstößen gequält, verstümmelt, geschlagen –, während das Kapitol versucht, Informationen über die Rebellion aus ihm herauszuholen, die er gar nicht hat. Ich mache die Augen ganz fest zu und versuche, ihn über die vielen Hundert Meilen hinweg zu erreichen, ihm meine Gedanken zu übertragen, um ihm zu sagen, dass er nicht allein ist. Aber er ist es. Und ich kann ihm nicht helfen.

Schnell weg. Fort von dem Platz, an den einzigen Ort, den das Feuer nicht zerstört hat. Ich gehe an der Ruine des Bürgermeisterhauses vorbei, wo meine Freundin Madge einst lebte. Keine Nachricht über ihren Verbleib oder den ihrer Familie. Wurden sie dank der Position ihres Vaters ins Kapitol evakuiert oder hat man sie den Flammen überlassen? Aschewolken wirbeln rings um mich auf und ich ziehe mir den Hemdkragen über den Mund. Es ist nicht die Frage, was ich einatme, die mir die Kehle zuschnürt, sondern wen.

Der Rasen ist versengt, der graue Schnee ist auch hier gefallen, doch die zwölf schönen Häuser im Dorf der Sieger sind unversehrt. Ich stürze in das Haus, in dem ich das ganze letzte Jahr über gelebt habe, schlage die Tür hinter mir zu und lehne mich dagegen. Alles scheint unberührt. Sauber. Gespenstisch still. Wieso bin ich nach Distrikt 12 zurückgekehrt? Wie sollte dieser Besuch mir dabei helfen, die Frage zu beantworten, der ich nicht ausweichen kann?

»Was soll ich tun?«, flüstere ich den Wänden zu. Ich weiß es wirklich nicht.

Die Leute reden auf mich ein, sie reden, reden, reden. Plutarch Heavensbee. Seine berechnende Assistentin, Fulvia Cardew. Eine bunte Truppe von Anführern aus den Distrikten. Militärs. Ausgenommen Alma Coin, die Präsidentin von Distrikt 13, die alles bloß beobachtet. Sie ist um die fünfzig, das graue Haar fällt ihr wie ein Tuch auf die Schultern. Ihre Haare faszinieren mich irgendwie, sie sind so gleichförmig, ohne Makel, ohne Strähnen, kein einziges ist gespalten. Auch Coins Augen sind grau, aber nicht so wie die Augen der Leute aus dem Saum. Sondern blass, fast als wäre alle Farbe aus ihnen gewichen. Die Farbe von Schneematsch, der nur dazu da ist wegzutauen.

Ich soll die Rolle spielen, die sie sich für mich ausgedacht haben. Das Symbol der Revolution. Der Spotttölpel. Was ich in der Vergangenheit getan habe – dem Kapitol bei den Spielen die Stirn zu bieten und damit alle vereint zu haben –, das ist nicht genug. Jetzt soll ich der tatsächliche Anführer werden, das Gesicht, die Stimme, die Verkörperung der Revolution. Die Figur, die den Distrikten – von denen sich die meisten inzwischen im offenen Krieg mit dem Kapitol befinden – den Weg zum Sieg weist. Aber nicht nur ich allein. Ein ganzes Team steht bereit, das mich umsorgen, einkleiden, meine Ansprachen verfassen, meine Auftritte planen soll – so schrecklich vertraut klingt das –, ich selbst muss nur meine Rolle spielen, so überzeugend wie möglich. Manchmal höre ich ihnen zu, manchmal betrachte ich auch nur die perfekte Linie von Coins Haar und grübele über der Frage, ob sie wohl eine Perücke trägt. Irgendwann verlasse ich den Raum, weil ich Kopfschmerzen bekomme oder weil es Essenszeit ist oder weil ich gleich anfange zu schreien, wenn ich nicht ans Tageslicht komme. Ich mache mir nicht die Mühe eines Kommentars. Ich stehe einfach auf und gehe hinaus.

Gestern Nachmittag, als sich die Tür hinter mir schloss, hörte ich Coin sagen: »Ich habe euch ja gesagt, wir hätten zuerst den Jungen retten sollen.« Sie meint Peeta. Da bin ich ganz ihrer Meinung. Er hätte ein vorzügliches Sprachrohr abgegeben.

Und wen haben sie sich stattdessen aus der Arena geangelt? Mich, aber ich kooperiere nicht. Dazu noch Beetee, einen älteren Erfinder aus Distrikt 3, den ich nur selten sehe, weil er in die Waffenabteilung verfrachtet wurde, kaum dass er wieder aufrecht sitzen konnte. Sie haben ihn buchstäblich im Krankenbett auf irgendein Topsecret-Gelände gekarrt und seitdem lässt er sich nur gelegentlich zu den Mahlzeiten blicken. Er ist sehr intelligent und sehr willig, sich in den Dienst der Sache zu stellen, aber ein Agitator ist er sicher nicht. Dann ist da noch Finnick Odair, das Sexsymbol aus dem Fischereidistrikt, der in der Arena dafür gesorgt hat, dass Peeta überlebte, als ich dazu nicht in der Lage war. Finnick wollen sie auch in einen Rebellenführer verwandeln, aber erst müssen sie es hinkriegen, dass er länger als fünf Minuten wach bleibt. Und selbst wenn er bei Bewusstsein ist, muss man ihm alles dreimal sagen, damit es zu ihm durchdringt. Die Ärzte meinen, das kommt von dem Stromschlag, den er in der Arena abbekommen hat, aber ich weiß, dass es so einfach nicht ist. Ich weiß, dass Finnick sich auf nichts in Distrikt 13 konzentrieren kann, weil er unbedingt wissen muss, was das Kapitol mit Annie anstellt, dem verrückt gewordenen Mädchen aus seinem Heimatdistrikt, dem einzigen Menschen auf Erden, den er liebt.

Meinen Vorbehalten zum Trotz habe ich Finnick schließlich verziehen, dass er in die Verschwörung, deretwegen ich hier gelandet bin, eingeweiht war. Er hat wenigstens eine Ahnung davon, was ich durchmache. Außerdem hält man es kaum durch, jemandem böse zu sein, der die ganze Zeit weint.

Wie ein Jäger, um ja kein Geräusch zu machen, schleiche ich mich durchs Erdgeschoss. Ich nehme ein paar Andenken mit: ein Foto meiner Eltern am Tag ihrer Hochzeit, ein blaues Haarband für Prim, das Familienbuch über Ess- und Arzneipflanzen. Das Buch öffnet sich auf einer Seite mit gelben Blumen, und ich schlage es sofort wieder zu, denn die Zeichnung stammt von Peetas Pinsel.

Was soll ich tun?

Hat es überhaupt einen Sinn, irgendwas zu tun? Meine Mutter, meine Schwester und Gales Familie sind endlich in Sicherheit. Was den Rest aus Distrikt 12 betrifft, so sind die Leute entweder tot, woran ich auch nichts mehr ändern kann, oder in Distrikt 13. Bleiben noch die Rebellen in den anderen Distrikten. Natürlich hasse ich das Kapitol, aber ich glaube nicht daran, dass es denen, die für seinen Sturz kämpfen, irgendetwas bringt, wenn ich der Spotttölpel bin. Wie kann ich den Distrikten helfen, wenn jeder meiner Schritte nur dazu führt, dass andere leiden oder ihr Leben verlieren? Der alte Mann in Distrikt 11, der erschossen wurde, weil er eine Melodie gepfiffen hat. Das brutale Vorgehen in Distrikt 12, nachdem ich gegen die Auspeitschung von Gale eingeschritten bin. Mein Stylist Cinna, den sie unmittelbar vor Beginn der Spiele blutig geschlagen und bewusstlos aus dem Startraum geschleift haben. Plutarchs Informanten vermuten, dass er bei einem Verhör getötet wurde. Der geniale, geheimnisvolle, liebenswerte Cinna ist tot, und das nur meinetwegen. Ich schiebe den Gedanken weg, er ist zu schmerzlich, und wenn ich länger bei ihm verweile, könnte mir die Kontrolle über die Situation ganz entgleiten.

Was soll ich tun?

Wenn ich der Spotttölpel werde – könnte der Schaden, den ich damit anrichte, durch irgendetwas aufgewogen werden? An wen könnte ich mich mit dieser Frage wenden? Bestimmt nicht an die Truppe aus Distrikt 13. Jetzt, da meine und Gales Familie in Sicherheit sind, könnte ich eigentlich auch einfach davonlaufen. Es gibt allerdings eine unbekannte Größe in der Rechnung. Peeta. Wenn ich ganz sicher wüsste, dass er tot ist, könnte ich einfach in den Wald verschwinden und nie mehr zurückkehren. Aber so sitze ich hier fürs Erste fest.

Ein Fauchen lässt mich herumfahren. In der Küchentür steht der hässlichste Kater der Welt, er macht einen Buckel und legt die Ohren an. »Butterblume!«, rufe ich. Tausende sind gestorben, doch er hat überlebt und sieht sogar wohlgenährt aus. Wie hat er das gemacht? Durch ein Fenster in der Speisekammer, das wir immer angelehnt gelassen haben, konnte er nach Belieben rein und raus. Bestimmt hat er sich von Feldmäusen ernährt. An anderes mag ich nicht denken.

Ich gehe in die Hocke und strecke die Hand aus. »Komm her, alter Junge.« Höchst unwahrscheinlich, dass er das tut. Er schmollt, weil er sich selbst überlassen wurde. Außerdem biete ich ihm nichts zu fressen an, und nur dass ich ab und zu einen Brocken für ihn hatte, ließ mich vor seinen Augen bestehen. Eine Zeit lang trafen wir uns im alten Haus, weil wir beide das neue nicht mochten, und da sah es fast so aus, als würden wir uns ein bisschen näherkommen. Aber diese Zeiten sind eindeutig vorbei. Er blinzelt mit seinen hässlichen gelben Augen.

»Möchtest du Prim sehen?« Beim Klang dieses Namens wird der Kater aufmerksam. Neben seinem eigenen Namen ist dies das einzige Wort, das für ihn eine Bedeutung hat. Er gibt ein eingerostetes »Miau« von sich und kommt näher. Ich hebe ihn hoch, streichle sein Fell, gehe hinüber zum Wandschrank, wo ich meinen Beutel für die Jagdbeute aufbewahre, und stopfe ihn kurzerhand hinein. Es gibt keinen anderen Weg, ihn ins Hovercraft zu befördern, und meiner Schwester bedeutet er alles. Ihre Ziege Lady, ein Tier von praktischerem Nutzen, hat sich leider noch nicht blicken lassen.

Gale meldet sich über das Headset und sagt, dass wir fortmüssen. Aber der Jagdbeutel hat mich noch an etwas anderes erinnert. Ich hänge den Gurt an eine Stuhllehne und springe die Treppe hinauf in mein Schlafzimmer. Im Schrank dort hängt die Jagdjacke meines Vaters. Ich habe sie vor den Jubiläumsspielen aus dem alten Haus mitgebracht, weil ich dachte, sie könnte meiner Mutter und meiner Schwester nach meinem Tod ein wenig Trost spenden. Gott sei Dank, sonst wäre sie jetzt Asche.

Das weiche Leder fühlt sich wohltuend an, und einen Augenblick lang beruhigen mich die Erinnerungen an die Stunden, in denen ich mich darin eingehüllt habe. Völlig grundlos werden meine Handflächen plötzlich schwitzig. Ein komisches Gefühl kriecht über meinen Rücken bis in den Nacken. Ich fahre herum, aber der Raum ist leer. Aufgeräumt. Alles an seinem Platz. Es war kein Geräusch, das mich in Alarm versetzt hat. Was dann?

Meine Nase zuckt. Es ist der Geruch. Süßlich, künstlich. Aus der Vase mit den vertrockneten Blumen auf meiner Kommode schaut ein weißer Farbklecks. Vorsichtig gehe ich näher heran. Dort, halb verdeckt von ihren konservierten Schwestern, prangt eine weiße Rose. Vollkommen, bis in den letzten Dorn und das letzte seidige Blatt.

Ich weiß sofort, wer sie mir geschickt hat.

Präsident Snow.

Von dem Gestank wird mir übel, ich weiche zurück und verlasse den Raum. Wie lange steht sie schon da? Einen Tag? Eine Stunde? Bevor ich hineindurfte, haben die Rebellen das Dorf der Sieger sicherheitshalber nach Sprengstoff, Wanzen und anderen verdächtigen Sachen abgesucht. Vielleicht haben sie der Rose keine Bedeutung geschenkt? Ich schon.

Unten schnappe ich mir den Jagdbeutel und schleife ihn achtlos über den Boden, bis mir siedend heiß einfällt, dass ja jemand darin ist. Vom Rasen vor dem Haus aus winke ich wild dem Hovercraft, während Butterblume heftig strampelt. Ich verpasse ihm einen Schlag mit dem Ellbogen, aber das macht ihn erst richtig wütend. Das Hovercraft kommt näher, eine Leiter wird herabgelassen. Ich steige auf, und der Strom bannt mich, bis ich an Bord gezogen bin.

Gale hilft mir von der Leiter herunter. »Alles in Ordnung bei dir?«

»Ja«, sage ich und wische mir mit dem Ärmel den Schweiß aus dem Gesicht.

Er hat mir eine Rose dagelassen!, würde ich am liebsten schreien, aber ich bin mir nicht sicher, ob ich diese Information wirklich loswerden will, solange jemand wie Plutarch dabei ist. Weil es sich anhören würde, als wäre ich übergeschnappt. Als hätte ich mir das entweder nur eingebildet, was ja durchaus möglich ist, oder als würde ich überreagieren, und dann würden sie mich wieder in das Traumland des Drogenrauschs schicken, dem ich unbedingt entkommen möchte. Niemand wird verstehen, wieso das nicht einfach nur irgendeine Blume und auch nicht nur irgendeine Blume von Präsident Snow ist, sondern ein Racheversprechen. Denn niemand außer mir hat mit ihm in dem Arbeitszimmer gesessen, damals, vor der Tour der Sieger, als er mir drohte.

Die schneeweiße Rose auf meiner Kommode ist eine persönliche Botschaft an mich. Sie weist auf eine offene Rechnung hin. Sie flüstert: Ich kann dich finden. Ich kann dich erreichen. Vielleicht beobachte ich dich genau in diesem Augenblick.