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Über den Autor
Salah Naoura, geboren 1964, studierte Germanistik und Skandinavistik in Berlin und Stockholm und lebt heute als freier Autor und Übersetzer in Berlin. Er veröffentlichte bereits viele Kinderbücher, darunter auch solche für jüngere Leser wie Dilip und der Urknall und was danach bei uns geschah oder Hilfe! Ich will hier raus!.
Bei Beltz & Gelberg erschienen von ihm bereits Matti und Sami und die drei größten Fehler des Universums, das mit dem Peter-Härtling-Preis ausgezeichnet und für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert wurde, und zuletzt der Roman Star.
Impressum
Dieses E-Book ist auch als Printausgabe erhältlich
(ISBN 978-3-407-81198-1)
www.beltz.de
© 2015 Beltz & Gelberg
in der Verlagsgruppe Beltz · Weinheim Basel
Werderstraße 10, 69469 Weinheim
Alle Rechte vorbehalten
Lektorat: Barbara Gelberg
Neue Rechtschreibung
Einband: formlabor, Hamburg
Einbandillustrationen: Regina Kehn
E-Book: Beltz Bad Langensalza GmbH, Bad Langensalza
ISBN 978-3-407-74609-2
Für Enno

1. Kapitel
Das liebevollste Kind

Es war mitten im sechsten Schuljahr, als der Vampir zu ihnen in die Klasse kam. Er trug schwarze Hosen und ein blutrotes T-Shirt, und Chris sah auf den ersten Blick, dass er dringend Hilfe brauchte, denn er war bleich und dürr und hatte tiefe, dunkle Schatten unter den Augen. Während Frau Vogler eine kleine Begrüßungsrede hielt und ihn vorstellte, stand er müde neben ihr, ließ seine langen Arme hängen und schwankte hin und her, als könnte er vor Schwäche jeden Moment umkippen. Alles an ihm hing: die Schultern, der Kopf und die Haare. Frau Vogler nannte seinen seltsamen Namen: Titus. Aber als sie erklären wollte, warum er mitten im Jahr die Schule wechselte, unterbrach er sie und verkündete:
»Ich bin ein Vampir.«
Als wäre es irgendeine logische Erklärung.
Die Klasse kicherte, und Frau Vogler wirkte etwas irritiert und schob zwinkernd ihre Brille, die dazu neigte, nach unten zu rutschen, wieder hoch. »Schön«, sagte sie. »Du kannst dich neben Christoph setzen.«
Der Vampir war zweifellos ein ganz normaler Mensch, denn er roch menschlich. Ausgesprochen menschlich, fand Chris.
»Hast du in den letzten hundert Jahren mal geduscht?«, fragte André vom Nachbartisch.
»Vampire brauchen nicht zu duschen«, informierte ihn der Neue. »Weil sie nicht schwitzen.«
»Dann bist du keiner«, erwiderte André.
Chris musterte den Neuen verstohlen und entdeckte auf dem roten T-Shirt in der Nähe des Kragens eine kleine, klebrige gekochte Nudel, die verriet, dass der Vampir normale Nahrung zu sich nahm. Außerdem hatte er am rechten Ellbogen eine rote Schürfwunde – also floss in seinen Adern Blut.
»Leo, würdest du bitte dein Picknick beenden, damit wir anfangen können?«, sagte Frau Vogler mit einem strengen Blick in die dritte Reihe.
Chris drehte den Kopf und sah, wie sich der coole Leo, der hinter ihm saß, grinsend eine dicke blaue Weintraube in den Mund steckte. Wie sich sein Gesichtsausdruck im nächsten Moment veränderte und ein heftiger Ruck durch seinen Körper ging. Und wie er die Augen aufriss und den Mund öffnete, um etwas zu sagen – doch es kam kein Ton heraus.
Frau Vogler runzelte die Stirn. »Leo?«
Leo liefen Tränen über beide Wangen. Sein Blick wurde panisch und sein Gesicht lief rot an. Offensichtlich war die Traube in seinem Hals stecken geblieben und versperrte nun die Luftröhre.
Frau Vogler rief »O Gott!«, ließ ihren Kuli fallen und rannte los, aber Chris war schneller. Mit einer einzigen geschmeidigen Bewegung sprang er erst auf Leos Tisch und dann auf der anderen Seite wieder herunter, packte Leo unter den Schultern und zerrte ihn von seinem Stuhl. Er umschlang ihn von hinten mit beiden Armen, verschränkte die Hände ineinander und zog mit aller Kraft dreimal in rascher Folge, wobei seine Fäuste sich in Leos Magengrube pressten. Beim dritten Mal kam die Traube wie eine kleine blaue Kanonenkugel aus Leos Mund geschossen und zerplatzte schmatzend an der Tafel.
Leo rang röchelnd nach Luft und Frau Vogler stieß einen Seufzer der Erleichterung aus und blickte Chris verdutzt an. »Woher wusstest du, was in einem solchen Fall zu tun ist?«
»Erste Hilfe für Helfer, Kapitel 3«, antwortete Chris. »Ertrinken und ersticken.«
In der großen Pause gab es einen Tumult. Fast die ganze Klasse umringte den Neuen und alberne Witzeleien über Untote prasselten auf ihn ein. Chris ging dazwischen und beendete das Durcheinander, indem er »Lasst ihn in Ruhe« sagte. Die Menge murrte und ein paar weitere Bemerkungen fielen. Dann aber zerstreute sie sich.
Der Neue starrte ihn eine ganze Weile an. »Wieso machst du das?«, fragte er schließlich.
»Was?«
»Mir helfen.«
Chris zuckte mit den Schultern und starrte zurück. Im hellen Sonnenlicht wirkte die Haut des Vampirs nicht nur blass, sondern fast schon grau. Seine Augen waren so rot, als hätte er die ganze Nacht am PC gesessen. Und er sah wirklich hungrig aus.
»Ich habe ein Käsebrot dabei«, sagte Chris. »Und ich hasse Käse«, log er. »Willst du’s haben?«
Der Neue stürzte sich auf das Käsebrot und schlang es so gierig hinunter, wie Omas Foxterrier Rocco beim Metzger immer seine Wurst fraß – beinahe ohne zu kauen.
»Danke. Du bist echt komisch.«
Chris runzelte die Stirn. »Wieso komisch?«
»Weiß nicht.« Er wischte sich ein paar Krümel vom Mund. »Ungewöhnlich halt.«
Das stimmte.
Chris war ungewöhnlich. Beim letzten Elternsprechtermin hatte Frau Vogler mit Tränen in den Augen zu seiner Mutter gesagt: »Ihr Sohn ist das liebevollste Kind, das ich kenne. Er hilft anderen, wo er nur kann. Er ist großzügig und teilt alles, was er hat. Er schlichtet Streit. Er ist sehr beliebt und einstimmig zum Klassensprecher gewählt worden. Ich bin wirklich froh, ihn in meiner Klasse zu haben.« Und da Frau Vogler außer Mathe und Englisch auch Religion unterrichtete, fügte sie mit bebender Stimme hinzu: »Wäre Christoph nicht vor elf, sondern vor zweitausendfünfzehn Jahren geboren worden, hätten die Menschen ihn womöglich mit Jesus verwechselt. Nein wirklich, Frau Gerner, das meine ich vollkommen ernst!«
Interessanterweise hatte es bei Chris tatsächlich eine Verwechslung mit Jesus gegeben, was an Papas und Mamas dummer Angewohnheit lag, seinen richtigen Namen Christoph zu halbieren. Die Folge davon war, dass Chris als Vierjähriger bei seinem ersten Weihnachtsgottesdienst leider alles missverstand. Mama, Papa und er hatten vorne in der ersten Reihe gesessen, direkt vor dem Altar, und der Pfarrer hatte ihn angelächelt, während ringsum alle in der Kirche »Chris, der Retter ist da!« sangen (das jedenfalls verstand Chris). Die alte Dame neben ihm nahm vor Rührung ihre Brille ab, um sich mit einem Taschentuch die Augen zu betupfen, und als sie bemerkte, dass Chris sie ansah, drückte sie seine Hand. Es war eine wirklich schöne Feier gewesen, und Chris hatte sich sehr gefreut, dass all diese netten Menschen in der Kirche sich so freuten, dass er da war. Und als der vielstimmige Gesang schließlich verhallte, war ihm außerdem auch völlig klar, aus welchem Grund er da war.
Um zu retten.
Seine Eltern waren davon nicht gerade begeistert, denn Chris rettete ausnahmslos alles und jeden. Er stülpte Gläser über Hausspinnen und trug sie in den Garten hinaus. Er pflegte aus dem Nest gefallene Vogelbabys und brachte ihnen in seinem Zimmer das Fliegen bei. Er hielt Kinder am Kragen und Omas am Ärmel fest, wenn sie eine Straße überqueren wollten – auch bei Grün. Er aß weder Fleisch noch Wurst, weil ihm die Schweine und Rinder leidtaten. Und er schimpfte sogar, wenn Papa eine Mücke totschlug. »Es ist gemein, jemanden umzubringen, nur weil er Hunger hat. Jeder hat doch Hunger«, sagte er und ließ sich lieber stechen.
Es war wirklich erstaunlich, fand Chris, wie viele Rettungen sich in einem Leben so ansammelten. Oft mehrere am Tag. Und die meisten Gefahrensituationen entstanden ärgerlicherweise, weil irgendjemand irgendetwas tat, ohne vorher nachzudenken.
Nachdem der Neue das Käsebrot gegessen hatte, wirkte er immerhin nicht mehr ganz so blass, stellte Chris zufrieden fest. Doch schon im nächsten Moment schien es ein weiteres Problem zu geben, denn ganz in der Nähe ertönte lautes Geschrei. Zwei gedankenlose Schülerinnen hatten im Sekretariat den Vogelkäfig geöffnet, während das Fenster offen stand, und Frau Rösners Wellensittich war torpedoschnell erst aus dem Käfig und dann durchs Fenster in die Freiheit hinausgeflattert. Nun hockte er auf einem Zweig der hohen Eiche, die in der Mitte des Schulhofs stand, legte den Kopf schief und betrachtete die Welt nachdenklich von oben.
»Lupo! Komm zurück, wir brauchen dich!«, rief Frau Rösner verzweifelt.
Lupo zeigte den Menschen, was er von ihnen hielt, und ließ einen Klecks Vogelkacke fallen.
»Mein Gott, die Katze wird ihn fressen! Oder er verhungert und verdurstet!«
Chris zog Schuhe und Socken aus und kletterte in beeindruckender Geschwindigkeit den Baum hinauf. Lupo, der ihn kommen sah, flatterte alle paar Sekunden ein paar Zweige höher.
Die Eiche war wirklich hoch. Von Zeit zu Zeit hielt Chris inne und blickte sich um. Ringsum erstreckten sich Felder und Wiesen. Ganz in der Nähe lag der Sportplatz mit der staubig roten Aschebahn. Von weit unten riefen ihm die Kinder und Frau Rösner irgendetwas zu, doch die einzelnen Worte waren nicht zu verstehen. Chris spürte die Baumrinde unter seinen Fußsohlen. Der Baum schwankte ein wenig im Wind und schaukelte ihn, wie ein Willkommensgruß. Er kletterte höher und rutschte auf dem schmalen Ast direkt unterhalb von Lupo ein Stück weiter nach vorne. Der Ast knackte. Chris umschlang ihn mit den Beinen, hielt sich mit der rechten Hand fest und reckte die linke in die Höhe.
»Komm, Lupo. Na, komm.«
Der Wellensittich neigte den Kopf zur anderen Seite und beäugte ihn eine ganze Weile. Schließlich bewegte er seine Krallenfüße einmal, zweimal, dreimal, viermal seitwärts, bis er sich direkt über der Handfläche befand ... und hüpfte hinein.
Langsam, ganz langsam ließ Chris seine Hand mit dem Vogel darin sinken. Er streichelte ihm über den Kopf, steckte ihn vorsichtig in seine rechte Jackentasche und zog den Reißverschluss so weit zu, dass Lupo nicht entwischen konnte. Dann machte er sich an den Abstieg.
Die Schüler klatschten und pfiffen, als Chris unten ankam, und Frau Rösner rief: »Bist du denn vollkommen verrückt geworden?« Aber als er ihr Lupo in die Hand drückte, war sie überglücklich.
Chris genoss den allgemeinen Jubel und drehte sich nach dem Neuen um. Doch der Vampir schien der Einzige zu sein, der nicht beeindruckt war. »Wie dämlich«, sagte er. »Du hättest tot sein können. Der Ast war viel zu dünn, der hätte jeden Moment brechen können.«
»Ach was, ich überlebe immer«, erwiderte Chris.
»Blödsinn«, sagte der Vampir. »Niemand überlebt immer.«

2. Kapitel
Eine Schnecke in Gefahr

Irgendetwas an dem Neuen interessierte Chris. Irgendetwas an ihm kam ihm bekannt vor, obwohl er nicht hätte sagen können, was es war. Er nahm sich vor, ihn nach dem Unterricht auf jeden Fall anzusprechen. Vielleicht musste der Vampir ja auch zur S-Bahn und der Bahnhof lag etwas entfernt, da blieb auf dem Weg genügend Zeit für eine Unterhaltung. Vorausgesetzt natürlich, dass Chris irgendetwas einfiel, denn Unterhaltungen waren nicht gerade seine Stärke. Doch zehn Minuten vor dem Klingeln sah der Vampir auf seine Armbanduhr, zuckte zusammen und packte in Windeseile seine Sachen. Dann sprang er auf und rannte zur Tür.
»Einen Moment bitte, junger Mann!«, rief Frau Vogler ganz empört. »Der Unterricht ist noch lange nicht ...«
Die Tür schlug zu.
Durch die Klasse ging ein Raunen, und Frau Vogler, die sonst jederzeit eine passende Bemerkung parat hatte, stand sprachlos da und wirkte wie versteinert – als hätte ein hochwirksamer Lähmungszauber des Vampirs dafür gesorgt, dass sie ihm nicht hinterherlief.
Nach dem Klingeln verließ Chris den Klassenraum als Letzter. Leo hatte ihm zum Abschied auf die Schulter geklopft und »Mann, Alter, das war echt knapp, danke noch mal!« gesagt. Die anderen nickten ihm wie immer kurz zu und drängten johlend zur Tür hinaus. André, Leo und Micha diskutierten lautstark über Bayern München. Inzwischen versuchten sie schon gar nicht mehr, ihn in ihre Gespräche mit einzubeziehen, weil sie wussten, dass er nicht so gerne redete.
Er nahm die S-Bahn Richtung Wannsee und fuhr die eine Station bis Mexikoplatz. Die Linden verloren bereits ihre Blätter und in den Vorgärten der Zehlendorfer Villen ragten Reihen sorgfältig zusammengerechter Laubhaufen auf wie kleine Gebirgszüge. Für die erste Oktoberwoche war es viel zu warm, nur ab und zu fegte von irgendwoher ein kalter Windstoß durch die Straßen, so überraschend, dass man unwillkürlich zusammenzuckte und erschauerte.
Chris schob mit jedem Schritt gelbes Laub vor sich her und schlurfte raschelnd den Bürgersteig entlang. Etwa auf der Mitte der kleinen Straße entdeckte er eine Schnecke, die mit unendlicher Langsamkeit über die Fahrbahn kroch. Wenn sie in diesem Tempo weitermachte, würde sie es mit Sicherheit nicht überleben. Er hockte sich neben sie und streichelte ihr übers Schneckenhaus, worauf sie ihre Fühler einzog. Als er die Schnecke mit Daumen und Zeigefinger packte, um sie vorsichtig vom Asphalt abzulösen, war plötzlich das Aufheulen eines Motors zu hören, und um die Ecke bog ein schwarzer Wagen und raste die schmale Straße entlang!
Chris hob den Kopf und blickte in zwei metallisch glänzende Scheinwerfer. In letzter Sekunde machte der Wagen einen Schlenker und schlitterte mit kreischenden Bremsen knapp an ihm vorbei auf einen Baum zu. Ein zweiter Schlenker, und das Auto drehte sich einmal um die eigene Achse, ehe es mit einem Ruck zum Stehen kam.
Es war ein schwarzer Jeep, so groß und breit, als litte er an Riesenwuchs – wie der lange Konrad aus Chris’ Klasse, der jetzt schon Schuhgröße 48 hatte und Hände wie Bratpfannen. Der Fahrer des Jeeps (der erstaunlicherweise ziemlich klein war) stieg wütend aus und begann zu brüllen: »Bist du verrückt, hier mitten auf der Straße zu hocken? Fast hätte ich dich nicht gesehen!«
»Sie fahren viel zu schnell«, sagte Chris ganz ruhig. »Sie hätten fast diese Schnecke hier getötet.« Er hielt sie hoch.
Der Mann starrte Chris fassungslos an. Dann die Schnecke. Dann wieder Chris. »Du tickst wohl nicht richtig«, sagte er schließlich.
»Es muss doch niemand sterben, nur weil er langsam ist«, erwiderte Chris. »Mein Opa ist auch langsam.«
Der Mann stieg fluchend in seinen Wagen und fuhr davon.
Kurz nachdem Chris die Schnecke auf der anderen Straßenseite sicher im Gebüsch abgesetzt hatte, klingelte sein Handy. Er überlegte, einfach nicht ranzugehen, aber dann tat er es doch, zog es mechanisch aus der Hosentasche und drückte es an sein Ohr, ohne zuvor nachzusehen, wer es war. Er wusste es ohnehin, denn aus seiner Klasse rief ihn niemand an. Seine Eltern hatten ihm das Handy gekauft, um ihn jederzeit erreichen zu können, und bis jetzt war jedes Mal, wenn es klingelte, sein Vater dran gewesen.
»Hallo, Papa.«
»Hallo, Großer! Na, wie steht’s?«
»Gut.«
»Wo bist du denn?«
»Kurz vor dem Bahnübergang.«
Ein Rauschen war zu hören – Papas typisches Schnaufen, wenn er sich ärgerte.
»Wollte Mama dich nicht von der Schule abholen?«
»Doch.« Seine Mutter versprach es ihm zwar regelmäßig, verschob es dann aber immer wieder, weil sie so ungern Auto fuhr. Inzwischen rechnete Chris schon gar nicht mehr damit. »Es ging ihr heute Morgen nicht so gut. Ich glaube, sie schläft.«
Wieder ein Rauschen. Dann ein Räuspern und Papas Stimme, die plötzlich verlegen klang. »Sohnemann, bei mir wird’s heut ein bisschen später, ich fahre von der Kanzlei noch zu einem Termin ... Sag Mama Bescheid, okay?«
»Okay.«
»Und Chris?«
»Ja?«
»Wenn die Schranken unten sind, dann wartest du, klar?«
»Klar.«
Chris erreichte den Bahnübergang genau in dem Moment, als die roten Warnlichter zu blinken und die Warnglocken zu bimmeln begannen. Aber die Schranken waren noch oben, also brauchte er auch nicht zu warten, fand er. Ohne Eile schlenderte er über die Gleise und zog auf der anderen Seite kurz den Kopf ein, während die Schranke sich langsam herabsenkte. Sekunden später raste hinter seinem Rücken die S1 Richtung Berliner Innenstadt.

3. Kapitel
Die Kommissarin mit den vierzehn Leichen

Die uralte Villa, in der Chris wohnte, stand unweit vom Bahnübergang in einer kleinen Kastanienallee und war vor mehr als hundert Jahren erbaut worden. Ein weißes, zweistöckiges Haus mit roten Giebeln und großen grünen Fensterläden, die Chris nicht leiden konnte, weil seine Mutter sie manchmal mitten am Tag schloss, wenn das Sonnenlicht so grell war, dass sie Migräne bekam. Glücklicherweise konnte er in diesen Fällen einfach die Treppe hinuntergehen, zu seinen Großeltern, die die Läden immer offen ließen. Außerdem befand sich bei Oma und Opa im Erdgeschoss ein kleiner Wintergarten mit großen Fensterscheiben, die bis zum Boden reichten, und einem schrägen Glasdach – der hellste Platz im ganzen Haus. Dort lag Chris dann, wenn Mama oben alles abgedunkelt hatte, auf Omas altem Sofa zwischen Palmen, Olivenbäumen und Kakteen und schaute zu, wie die Wolken, die am strahlend blauen Himmel dahinzogen, ununterbrochen ihre Form veränderten.
Chris stieß die Gartenpforte auf und schritt den gepflasterten Weg entlang zum seitlich gelegenen Haupteingang, und als er einen Blick über den Maschendrahtzaun zum Nachbargrundstück hinüberwarf, sah er das hagere Mädchen, das seit Beginn des neuen Schuljahrs dort wohnte, auf ihren dünnen Storchenbeinen über den gepflegten Rasen staksen, der Oma Kaminskis ganzer Stolz gewesen war.
Oma Kaminski, eine nette Achtzigjährige von so zarter und zierlicher Statur, dass jeder kräftige Wind sie fortgeweht hätte, hatte ihr Leben lang im Nachbarhaus gewohnt. Es leuchtete sonnengelb und hatte mehrere kleine Türmchen und einen Vorbau mit einer Dachterrasse darauf. Dort oben hatte Oma Kaminski jeden Morgen gesessen und ihren geliebten Filterkaffee getrunken, eine ganze Kanne voll. Bis zu dem Tag, an dem ihre beiden Söhne kamen, um ihr mitzuteilen, dass das Haus verkauft werden würde und sie ausziehen müsse. Oma Kaminski weigerte sich, doch es nützte nichts. Chris hatte mitangesehen, wie die beiden Riesensöhne ihre kleine Mutter unter den Armen packten, einer links, einer rechts, sie ein wenig anhoben, sodass ihre Füße ein paar Millimeter über dem Boden schwebten, und durch den Garten zum Auto trugen. Ihre kleine, knochige Hand winkte ihm zum Abschied zu, als der Wagen davonfuhr.
Chris hatte Oma Kaminski sehr gemocht, denn sie war eine seiner besten Rettungskundinnen gewesen. Unzählige Male hatte er ihr geholfen, und einmal war er, nachdem sie sich ausgesperrt hatte, sogar an der Regenrinne bis zur Dachterrasse hinaufgeklettert und dort über die Brüstung gestiegen, um die angelehnte Balkontür aufzudrücken und der alten Nachbarin von innen die Haustür zu öffnen.