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Buch

Auf ihrer Abschlussfeier an der Oxford University trifft Clara Bishop auf einen attraktiven Fremden. Ohne Vorwarnung zieht er sie an sich, küsst sie leidenschaftlich und verschwindet. Clara hat keine Ahnung, wer der Unbekannte ist – bis ein Bild von ihnen beiden in der Zeitung auftaucht: Ihr heißer Flirt ist Prinz Alexander von Cambridge, Thronfolger von England, königlicher Bad Boy … Dieser Mann ist gefährlich, in ihm lauern Abgründe, die Clara ins Verderben stürzen können. Ist Clara stark genug, um der magischen Anziehungskraft zwischen ihnen zu widerstehen?

Autorin

Geneva Lee lebt gemeinsam mit ihrer Familie im Mittleren Westen von Amerika. Sie war schon immer eine hoffnungslose Romantikerin, die Fantasien der Realität vorzieht – vor allem Fantasien, in denen starke, gefährliche, sexy Männer vorkommen. Mit ihrer Royals-Saga, der Liebesgeschichte zwischen dem englischen Kronprinzen Alexander und der bürgerlichen Clara, begeisterte Geneva Lee die amerikanischen Leserinnen und eroberte die Bestsellerlisten der New York Times und USA Today.

Die Royals-Saga von Geneva Lee

Royal Passion

Royal Desire (erhältlich ab Februar 2016)

Royal Love (erhältlich ab April 2016)

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GENEVA LEE

Roman

Band 1

Deutsch von Andrea Brandl

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Die Originalausgabe erschien 2014 unter dem Titel »Command me«
bei Westminster Press, Louisville.

1. Auflage
Copyright der Originalausgabe © 2014 by Geneva Lee
Copyright der deutschsprachigen Ausgabe © 2016 by Blanvalet Verlag
in der Verlagsgruppe Random House GmbH, München
Umschlaggestaltung: © Johannes Wiebel | punchdesign
Umschlagmotive: Shutterstock.com
WR · Herstellung: sam
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
ISBN 978-3-641-18200-7
V002

www.blanvalet-verlag.de

Für alle Mädchen, die ein neues Märchen brauchen

1

Das Champagnerglas in der Hand, ließ ich den Blick durch den opulent ausgestatteten Rauchersalon schweifen. Über mir hing das Porträt eines Dukes oder irgendeines anderen wichtigen Typen mit Spitzenkrawatte, dessen Blick mich förmlich zu durchbohren und als Betrügerin zu entlarven schien. Frischgebackene Oxford-Absolventin zu sein, hieß noch lange nicht, dass ich hierhergehörte, in den exklusiven Oxford and Cambridge Club. Die meisten meiner Kommilitonen entstammten altem Geldadel; meine eigene Familie mochte zwar landläufig als vermögend gelten, konnte aber im Gegensatz zu ihnen weder einen berühmten Namen noch einen Titel vorweisen. Ich trank mein Glas aus und verfluchte insgeheim meine beste Freundin Annabelle, die mich zu der offiziellen Abschlussfeier überredet hatte.

»Clara, da bist du ja!« Annabelle stürzte sich auf mich, grub ihre langen, perfekt manikürten Fingernägel in meinen Arm und zerrte mich in Richtung eines Grüppchens junger Männer. Ihr aggressiver Auftritt stand in krassem Gegensatz zu ihrem Äußeren – ihr blondes Haar war zu einem eleganten Knoten im Nacken frisiert, nur wenige Zentimeter über dem symmetrisch sitzenden Verschluss ihrer Halskette. Alles an ihr strahlte Perfektion aus, von ihren hochhackigen Schuhen bis hin zu dem Dreikaräter an ihrem linken Ringfinger. »Du musst endlich meinen Bruder John kennenlernen.«

»Ich bin nicht auf der Suche nach einem Freund, Belle, das weißt du. Ich bin jetzt Karrierefrau, schon vergessen?« Auch wenn ich meinen Job bei Peters & Clarkwell noch nicht angetreten hatte, war in meinem Leben momentan kein Platz für einen Mann, der mich ablenkte. Belle wusste das ganz genau, trotzdem bestand sie darauf, ihn mir vorzustellen. Gute Ausbildung hin oder her, sie war in dem Glauben erzogen worden, dass eine Heirat immer noch die besten Zukunftsaussichten bot. Auch mir war diese Idee nicht fremd – meine eigene Mutter vertrat ganz ähnliche Ansichten.

Belle zwinkerte mir zu. »Aber ein bisschen Spaß schadet dir trotzdem nicht. John arbeitet ohnehin pausenlos, und er ist steinreich. Du könntest sogar Baronin werden.«

»Nicht für jeden sind Geld und Macht Kriterien für Attraktivität«, gab ich halblaut zurück, um all die Reichen und Mächtigen ringsum nicht vor den Kopf zu stoßen.

Belle blieb so abrupt stehen, dass ich sie fast über den Haufen rannte. »Hast du schon mal mit einem reichen, mächtigen Mann geknutscht? Oder warst mit einem im Bett?«, flüsterte sie mir ins Ohr.

Unsicher biss ich mir auf die Unterlippe und sah mich um. Belle wusste genau, dass es bislang nur einen einzigen Mann in meinem Leben gegeben hatte – Daniel, meinen Exfreund, der weder reich noch mächtig war und aus seiner Aversion gegen beides kein Geheimnis machte. Während ich mich inmitten all der Oxford-Aristokratie oft minderwertig fühlte, empfand er nur eines: Wut. Zumindest stammte ich aus einer wohlhabenden Familie. Allein bei der Erinnerung an das hässliche Ende unserer Beziehung lief es mir kalt den Rücken hinunter. Ich hatte im letzten Jahr mit ihm Schluss gemacht, aber selbst jetzt noch ließ mich der Gedanke an ihn erschaudern. Belle, der meine Reaktion nicht entgangen war, seufzte.

»Daniel zählt nicht.« Die makellose Porzellanhaut zwischen ihren sorgsam gezupften Brauen legte sich in Falten, und Belle schüttelte unwillig den Kopf, doch dann grinste sie verschmitzt. »Wärst du mit einem der Männer im Bett gewesen, von denen ich rede, könntest du dich mit Sicherheit daran erinnern.«

»Dass du deinen Bruder für geeignet hältst, gibt mir zu denken«, sagte ich und zog vielsagend eine Braue hoch. »Wie nahe steht ihr euch noch mal?«

»Ach, Quatsch.« Sie verpasste mir einen spielerischen Klaps, grinste aber immer noch. »Ich halte nur die Augen für dich offen, Clara. Es wird Zeit, dass du wieder in den Sattel steigst, wenn du weißt, was ich meine.«

Ich hatte schon vermutet, dass sie so dachte, auch wenn sie es bisher nie laut ausgesprochen hatte. Belle und ich waren Zimmergenossinnen, und sie hatte die schlimme Zeit mit Daniel hautnah mitbekommen. Unsere Trennung hatte sie mehr als gutgeheißen, und seither wachte sie wie eine Glucke über mich, schleppte mich zum Shoppen und stellte mich andauernd neuen Leuten vor. Und nach einer Weile hatte sie – logisch! – auch erste Versuche unternommen, mich zu verkuppeln. Schätzungsweise musste ich noch dankbar sein, dass sie bis nach dem Examen gewartet hatte, bevor sie richtig loslegte.

»Belle, ich brauche gerade keinen Mann an meiner Seite, ehrlich«, sagte ich so entschlossen, wie ich nur konnte, in der leisen Hoffnung, dass sie mich verschonen würde, obwohl mir im Grunde klar war, dass es sinnlos war.

Sie fegte meinen Einwand mit einer lässigen Handbewegung beiseite. »Brauchen und wollen sind zwei Paar Stiefel, Schätzchen. Man sollte sie nie verwechseln.«

Bevor ich noch etwas sagen konnte, winkte sie einen großen, etwas ungelenk wirkenden Mann herüber. John war eindeutig ihr Bruder – ihr älterer, wie der zurückweichende Haaransatz ahnen ließ –, und man sah ihm an, dass er aus einer reichen Familie stammte. Es war ihm gelungen, die edelsten und zugleich langweiligsten Markenklamotten zu einem zwar teuer aussehenden, aber trotzdem zusammengewürfelten Outfit zu vereinen: Harris-Tweet-Sakko im Stil der Achtziger, dazu eine Rolex am Handgelenk und Berluti-Loafers. Es sah aus, als hätte er sich nicht zwischen Jagdausflug und Geschäftstermin entscheiden können.

Und so tanzt er bei einer Party an.

»Du musst die berühmte Clara sein.« Er ergriff meine Hand und schien einen Moment zu überlegen, ob er sie küssen oder lieber schütteln sollte – das Resultat war ein schlaffer, schwitziger Händedruck. John mochte schwerreich sein und einen Titel haben, besonders tatkräftig wirkte er jedoch nicht auf mich. »Belle hat mir alles über dich erzählt. Du hast deinen Abschluss in Soziologie gemacht, ja?«

»Genau.« Am liebsten hätte ich ihm meine Hand entzogen, wusste aber nicht recht, wie ich es am elegantesten bewerkstelligen sollte.

»Du willst wohl die nächste Mutter Teresa werden, was?« Er legte seine andere Hand noch obendrauf, was das Ganze nicht angenehmer machte.

»Was wäre, wenn ich jetzt Ja sagen würde?«

Belle blinzelte überrascht bei dieser frechen Antwort. Normalerweise war ich nicht so selbstsicher, vor allem nicht Fremden gegenüber. Aber das sollte jetzt anders werden. Ich hatte jetzt den Abschluss einer der renommiertesten Universitäten in der Tasche und mir einen begehrten Job geangelt – ich war nicht mehr das schüchterne Mädchen von früher. Und würde es auch nie wieder sein. Punkt.

»Du bist viel zu hübsch, um Nonne zu werden«, bemerkte John und warf sich ein wenig in die Brust. »Ich habe kürzlich die Anwaltsprüfung abgelegt.«

»Faszinierend«, erwiderte ich geistesabwesend und spähte an ihm vorbei quer durch den Raum. »Wenn ihr mich bitte entschuldigen würdet, aber ich sehe gerade …«

Ich verschwand in der Menge, bevor Belle einen Pfarrer aus dem Hut zaubern konnte, der das Aufgebot entgegennahm. Ich musste ihr später dringend beibringen, dass ihre Verkuppelungsversuche nicht erwünscht waren. Belles Familie hatte dafür gesorgt, dass sie ungeachtet ihrer hervorragenden Ausbildung, mit der ihr im Berufsleben jede Tür offen gestanden hätte, schon bald unter die Haube kommen würde – offenbar war dieses archaische Vorgehen bei Aristokraten nach wie vor üblich. Und Belle schien nichts dagegen einzuwenden zu haben, vor allem da ihr Verlobter mit dem Palast auf Du und Du stand. Ich dagegen konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, Ehefrau zu sein, schon gar nicht nach dem Fiasko mit Daniel. Eine Karriere war eindeutig die bessere Wahl für mich – sicherer, erfüllender und weniger chaotisch.

Ich tauchte in der Menge unter und kämpfte mich auf die andere Seite des Saals, wo ich mich gegen die Wand sinken ließ und am Saum des schlichten schwarzen Etuikleids herumzupfte – eine Leihgabe von Belle, trotz ihrer Einwände, es sei viel zu trist für den Anlass. Meine eigene Garderobe bestand weitgehend aus Jeans, Pullis und einer Handvoll netter, gut geschnittener Hosenanzüge, wohingegen Belle meistens wie ein Filmstar aussah und ebenso viel Haut wie Reichtum zeigte. Der Rest ihres Kleiderschranks enthielt erzkonservative Kostüme, die aussahen, als stammten sie von Queen Mum höchstpersönlich. Ich konnte von Glück sagen, dass ich dieses Exemplar gefunden hatte, auch wenn ich den Verdacht hegte, dass sie es für eine Beerdigung gekauft hatte.

Ein exotischer, würziger Duft stieg mir in die Nase – völlig deplatziert in diesem stickigen alten Gemäuer, in dem das Rauchen verboten war, auch wenn dadurch der Name »Rauchersalon« ad absurdum geführt wurde. Ich hatte die Verbotsschilder an jeder Ecke gesehen, jemand anders offenbar nicht. Es dauerte eine Sekunde bis ich begriff, was der Rauch bedeutete, nämlich dass ich nicht allein war. Ich sah mich um, und als mein Blick auf ihn fiel, flog meine Hand wie von selbst an meine Brust – wo Rauch ist, ist auch Feuer, heißt es. Und, gütiger Himmel, hier passte der Spruch wie die Faust aufs Auge.

Der Mann stand in der Terrassentür, eine dünne Zigarette hing zwischen seinen Lippen, die zu einem lässigen Grinsen verzogen waren. Sein Gesicht war halb im Schatten verborgen, trotzdem konnte ich ein markantes Kinn und blaue Augen ausmachen. Ich wusste auf Anhieb, dass er einer jener reichen und mächtigen Männer war, von denen Belle vorhin gesprochen hatte. Eine Aura von Autorität und Männlichkeit umgab ihn, auf die mein Körper instinktiv zu reagieren schien. Unwillkürlich trat ich auf ihn zu, als hätten meine Füße plötzlich ein Eigenleben entwickelt. Nun, da ich ihn besser erkennen konnte, fiel mir auf, dass er noch ein weiteres Merkmal aufwies – er war attraktiv, auch wenn es unfair sein mochte.

Er hatte ein Gesicht, das Engel zum Weinen bringen und unter Göttern Kriege entfachen könnte – Gesichtszüge wie gemeißelt und eine goldene Bräune, wie man sie nur an exotischen Stränden bekam. Sein Haar war schwarz und leicht zerzaust. Für den Bruchteil einer Sekunde stellte ich mir vor, wie es wäre, meine Hände in dem schwarzen Schopf zu vergraben.

Reiß dich zusammen, befahl ich mir streng. Es mochte eine ganze Weile her sein, seit ich das letzte Mal Sex hatte, aber dass ich so heftig auf einen Wildfremden reagierte, war ziemlich peinlich, auch wenn er natürlich keine Ahnung hatte, was in meinem Kopf vorging – doch sein arrogantes, verführerisches Lächeln verriet mir, dass er meine Gedanken gelesen hatte. In seinen Augen hingegen sah ich kein Lächeln, sondern ein loderndes Feuer, das mich in Brand zu stecken schien, und ich spürte, wie sich mein Inneres zusammenzog. Von diesem Mann sollte ich mich fernhalten. Um jeden Preis.

Dass er hier ungeniert rauchte, verriet seinen mangelnden Respekt vor Vorschriften. Oder vor Menschen.

»Ich glaube, hier ist Rauchen verboten«, bemerkte ich. Mir war sehr wohl bewusst, dass ich wie die letzte Spießerin klang, aber ich war es leid, dass die Reichen und Schönen ständig ihre eigenen Regeln schufen, und etwas an seinem Blick ließ mich ahnen, dass ich für ihn nicht mehr war als ein Spielzeug, das ihm gerade recht kam, um sich ein bisschen zu amüsieren.

»Ich bitte vielmals um Entschuldigung«, sagte er und grinste dabei. Der kultivierte Tonfall der britischen Upperclass war unverkennbar. »Willst du mich wegen ungebührlichen Benehmens melden?« Er trat einen Schritt zurück, sodass er praktisch auf der Terrasse und damit außerhalb der Verbotszone stand. Aber ich hatte das dumpfe Gefühl, dass er es nicht tat, um mich milde zu stimmen; dieser Typ Mann schien er nicht zu sein.

Obwohl ich seine Augen nicht mehr erkennen konnte, spürte ich, dass mich sein Blick durchbohrte. Verärgerung keimte in mir auf, unter die sich ein Anflug mädchenhafter Erregung mischte. »Ich will bloß nicht, dass du Ärger kriegst.«

Er wandte sich mir zu, wobei sein atemberaubendes Gesicht ein weiteres Mal sichtbar wurde, und verzog den Mund zu einem hinterhältigen Grinsen, das zwei Reihen perfekter Zähne entblößte. »Nein, das wollen wir definitiv nicht.«

Eine verlegene Röte schoss mir in die Wangen. Am liebsten hätte ich dieses überhebliche Grinsen weggeküsst, zwang mich jedoch, den Gedanken ganz schnell zu verdrängen. Nun, da er im Licht stand, kam er mir vage bekannt vor. Vielleicht einer von Belles Bekannten von irgendwoher? Auf der Uni war er jedenfalls nicht gewesen, dort wäre er mir aufgefallen, so viel stand fest. Diese kristallblauen Augen und das dunkle Haar, das irgendwo zwischen adretter Gepflegtheit und Popstar-Wildheit rangierte, hätte ich nie im Leben übersehen können, von seinen breiten Schultern ganz abgesehen. Wie konnte ich ihn kennen und auch wieder nicht? Mein Blick heftete sich auf den offenen Hemdkragen unter seinem maßgeschneiderten Sakko und der halb gelösten Krawatte, während ich mir den Oberkörper ausmalte, der sich unter der Kleidung verbarg. Allein bei der Vorstellung musste ich mir auf die Lippe beißen.

Stand ich allen Ernstes hier herum und erging mich in Fantasien über einem Wildfremden – noch dazu vor seinen Augen? Vielleicht hatte Belle ja doch recht, und ich brauchte einen Mann.

Er zog eine Braue hoch, und ich wandte beschämt den Blick ab. Natürlich war ein Mann wie er daran gewöhnt, von Frauen angestarrt zu werden. Er brauchte nicht zu wissen, dass er mich komplett aus dem Konzept brachte – andererseits wusste er bestimmt ohnehin längst, dass sein cooles Lächeln waffenscheinpflichtig war.

»Rauchen ist übrigens gesundheitsschädlich.«

»Du bist nicht die Erste, die mir das sagt, Süße«, erwiderte er. Trotzdem drückte er die Zigarette an der Hauswand aus, trat zurück ins Zimmer und schnippte den Stummel mit einer selbstsicheren, flüssigen Handbewegung in den Abfalleimer, als gebe es nicht den geringsten Zweifel, dass er treffen würde – es war, als würde sich die Welt nur so drehen, dass sie ihm stets zu Diensten war.

Mittlerweile war ich fast sicher, dass ich ihn irgendwoher kannte; und wer auch immer er sein mochte, er machte sich einen Spaß auf meine Kosten. »Sind wir uns schon mal irgendwo begegnet?«

»Das hätte ich sicher nicht vergessen«, erwiderte er, während sein Blick über mich hinwegglitt, und ich spürte, wie mich ein Schauder überlief. »Ich gehe eher davon aus, dass mein Ruf mir vorausgeeilt ist.«

»Aha, ein Frauenheld also?«, fragte ich. Wundern würde es mich nicht.

»So etwas in der Art«, antwortete er, und sein Tonfall war bedeutungsschwanger. »Wie kommt eine Amerikanerin in diesen versnobten, verstaubten Schuppen?«

Ich spürte, wie der gewohnte Trotz in mir aufstieg, doch seine Bemerkung schien nicht herablassend gemeint zu sein, sondern verriet lediglich Neugier, also zwang ich mich zu einem Lächeln. »Ich bin zwar in den Staaten aufgewachsen, aber trotzdem britische Staatsbürgerin. Meine Mom ist Amerikanerin und hat meinen Dad beim Studium in Berkeley kennengelernt.«

Hör sofort auf, ihm deine Lebensgeschichte aufs Auge zu drücken, befahl mir die fiese kleine Stimme, die alles kritisierte, was ich von mir gab.

»Und noch dazu ein California Girl«, fügte der Fremde hinzu. »Wie jemand den Strand gegen das verregnete London eintauschen kann, ist mir ein echtes Rätsel.«

»Ich mag Nebel.« Das war die Wahrheit, trotzdem genierte ich mich für mein Eingeständnis. Zu meinem Erstaunen musterte er mich mit schief gelegtem Kopf, als wäre seine Neugier erwacht.

Ich trat einen Schritt näher und streckte ihm die Hand hin. Vielleicht dachte er ja, dass er nichts über sich preisgeben konnte, bevor er meinen Namen nicht kannte. »Ich bin übrigens Clara.«

»Freut mich, deine Bekanntschaft zu machen, Clara.« Er umschloss meine Hand und führte sie, ohne zu zögern, an seine Lippen. Die Luft vibrierte förmlich vor Spannung, und ich spürte, wie mir leicht schwindlig wurde und sich mein Magen zusammenzog.

Ich wollte mich losreißen. Nein, ich musste mich losreißen.

Belles Worte hallten in meinem Kopf wider. Aber in Wahrheit wollte ich nicht, dass er mich losließ, stattdessen hätte ich mich am liebsten an ihn geschmiegt – gerade als ich drauf und dran war, meinem Impuls zu folgen, erschien eine bildschöne Blondine auf dem Korridor und blieb abrupt stehen.

Ich musste ihm meine Hand entziehen, um den Zauber zu durchbrechen, doch als ich mich lösen wollte, packte er meinen Arm und zog mich mit einem Ruck an seine Brust. Seine Lippen pressten sich mit einer Eindringlichkeit auf meinen Mund, wie ich es nur aus Filmen kannte. Kräftige Arme umschlangen meine Taille, und eine Hand legte sich besitzergreifend um meinen Hinterkopf. Er schmeckte nach Nelken und Bourbon, nach wilden Nächten und verwegener Hingabe. Unwillkürlich öffneten sich meine Lippen, als er mit seiner Zunge darüberstrich. Sein Kuss war kraftvoll – dominant –, und ich spürte, wie ich mich seiner Kontrolle ergab, mein Körper in der Hitze unserer Umarmung dahinschmolz.

Langsam strich er mit der Zunge an meinen Zähnen entlang, lud mich ein, den Mund ein wenig weiter zu öffnen, um ihm Zugang zu gewähren. Tief ließ er seine Zunge in meine Mundhöhle gleiten, sog meine Lippen mit genüsslicher Langsamkeit zwischen die seinen und umschloss sie. Meine Knie wurden weich, sodass ich fürchtete, zu Boden zu sinken, doch er zog mich noch enger an sich, während seine Hand auf meinem Rücken abwärtswanderte und erst knapp über meinem Hinterteil zum Halten kam. Die Intimität der Berührung spornte mich an. Meine Finger vergruben sich in seinem seidigen Haar, während ich seinen Kuss erwiderte in der Gewissheit, hilflos zusammenzusinken, wenn er mich nicht festhalten würde.

Viel zu schnell ließ er mich los, nur seine Hand ruhte noch auf meinem Rücken. Taumelnd wich ich einen Schritt zurück, doch er fing mich auf, als hätte er bereits geahnt, dass ich ins Straucheln geraten würde. Natürlich – ein Mann, der so küssen konnte, wusste, was passieren würde. Eigentlich müsste man ihm ein Etikett ankleben:

Vorsicht! Inhalt kann zu extremer Erregung führen!

Ich suchte sein Gesicht nach einem Hinweis ab, weshalb er mich geküsst hatte, während sich mein Körper immer noch nach ihm sehnte, aber ich erkannte nur eins: eine wilde Leidenschaft in seinen Augen, die mir den Atem raubte. Es dauerte einen Moment, bis ich ein Wort herausbekam.

»Wieso?«, fragte ich mit vorwurfsvollem Unterton.

»Meine Motive sind nicht gerade edelmütig.« Er nahm seine Hand von meinem Rücken und trat einen Schritt zurück. Augenblicklich vermisste ich die Wärme seiner Berührung. »Diese Frau war ein schrecklicher Fehler von mir.«

»Du hast mich geküsst, um nicht mit deiner Exfreundin reden zu müssen?«

»Als Exfreundin würde ich sie nicht bezeichnen, trotzdem bitte ich vielmals um Entschuldigung«, erklärte er, obwohl kein Funke Reue in seinem Tonfall mitschwang. Stattdessen trat ein kalter Ausdruck in seine Augen. Es war, als verhärte sich das feurige Blau zu kristallharten Saphiren. Er kam einen Schritt auf mich zu, zögerte jedoch, wechselte die Richtung und ging zur Terrasse.

Ich spürte, wie ich in mir zusammensank. Erst jetzt wurde mir bewusst, wie sehr ich mir gewünscht hatte, er möge mich noch einmal küssen – ein Wunsch, der mir ins Gesicht geschrieben stand, daran bestand kein Zweifel. Wieder herrschte Schweigen zwischen uns, und obwohl er keine Anstalten machte, mich zu berühren, schlug mir das Herz immer noch bis zum Hals.

»Glückwunsch zum Abschluss«, sagte er.

Verwirrt über den plötzlichen Themenwechsel blickte ich ihn an, während ich allmählich ins Hier und Jetzt zurückkehrte. Unter seiner Berührung war die Welt ringsum bedeutungslos geworden, und erst jetzt wurde mir bewusst, dass ich rein gar nichts über diesen Typen wusste, der mich vor wenigen Minuten noch hier, an dieser Wand, hätte nehmen können. »Hast du auch gerade deinen Abschluss gemacht?«

Seine Hand schnellte zu seinem Mund, dennoch hatte ich das winzige Lächeln aufblitzen sehen. »Ich habe einen anderen Berufsweg eingeschlagen. Was wird das hier? Wer bin ich? Willst du mir zwanzig Fragen stellen?«

»Verrätst du mir, wer du bist?«, fragte ich.

Er zwinkerte mir zu. »Tja, Süße, das solltest du selbst herausfinden.«

Ich kniff die Augen zusammen. Meine Lippen brannten noch immer von seinem Kuss. Wenn er unbedingt Spielchen spielen wollte, bitte schön. »Du hast also einen anderen beruflichen Weg eingeschlagen, ja? Aber du bist hier«, ich deutete um mich, »in einem feudalen Club. Also bist du entweder ein gut angezogener Kellner oder jemand, der Geld hat.«

Ich wartete, doch er schüttelte nur den Kopf und drohte mit dem Finger. »Das war keine Frage, die sich mit Ja oder Nein beantworten lässt.«

»Wenn du nicht spielen willst …« Ich zuckte die Achseln und wandte mich zum Gehen.

»Ich will nur nach den Regeln spielen. Es sei denn, es ist dir lieber, wenn ich die Fragen stelle.«

Ich schluckte. »Na gut. Hat deine Familie Geld?«

»Könnte man so sagen, ja.« Er zuckte die Achseln.

»Ja oder nein.«

»Ja.« Er beugte sich vor, bekam eine Haarsträhne von mir zu fassen und zwirbelte sie zwischen den Fingern. »Bin ich jetzt wieder dran?«

»Ich habe noch nicht alle zwanzig Fragen durch«, flüsterte ich. Die Nähe seines Mundes war mir überdeutlich bewusst.

»Dann verpulvere sie nicht alle auf einmal«, raunte er und schob mir die Strähne hinters Ohr. »Man sollte immer ein Ass in der Hinterhand behalten.«

»Du weißt bereits, wer ich bin«, wandte ich ein.

»Aber es gibt noch eine Menge Dinge, die ich gern über dich erfahren würde.« Sein heißer Atem glitt an meinem Hals entlang. »Und ich kann es kaum erwarten, dein Ja zu hören.«

»Und wenn die Antwort Nein lautet?«

»Das wird sie nicht, glaub mir.« Seine Lippen strichen an meinem Kiefer entlang. Ich schloss die Augen, als sein dunkler Bartschatten meine zarte Haut berührte.

Er trat einen Schritt zurück. Ich unterdrückte ein sehnsüchtiges Stöhnen und strich so lässig mein Kleid glatt, wie ich nur konnte.

»Letzte Frage«, sagte er. »Dann werden wir sehen, wie gut du beim Raten bist.«

Dies war meine letzte Chance herauszubekommen, wer er war, und ich war keinen Schritt weiter als vorhin. Und nun vernebelte meine Erregung auch noch meinen Verstand. Mir blieb nur eine einzige Frage, die ich stellen konnte. Ich ließ es darauf ankommen.

»Wer bist du?«, fragte ich wohl wissend, wie die Reaktion ausfallen würde.

Er schüttelte den Kopf und formte lautlos »Ja oder Nein« mit den Lippen. Offensichtlich hatte er nicht vor, das Geheimnis um seine Identität zu lüften, obwohl ich ihm geholfen hatte, einer Konfrontation mit seiner Ex zu entgehen. Ich war nur ein praktisches Mittel zum Zweck gewesen – bei dem Gedanken schämte ich mich in Grund und Boden. Aber solange ich in seiner Nähe war, konnte ich keinen klaren Gedanken fassen.

Hatte ich mir bloß eingebildet, dass unser Kuss geradezu magisch gewesen war? Ich war ganz sicher, dass es keine Einbildung war. Und auch daran, dass er mich gewollt hatte, bestand kein Zweifel. Allein bei der Vorstellung wurde mein Mund ganz trocken. Ich musste wieder an Belles Worte denken – darüber, mit einem reichen, mächtigen Mann zu knutschen – und zwang mich, das Prickeln zu unterdrücken, das durch meinen Körper lief. Ich wollte mich nicht von einem Mann wie ihm zum Spielzeug degradieren lassen. Das würde ich auf keinen Fall zulassen.

»Ich sollte zurückgehen«, sagte ich. Mir war klar, dass ich schleunigst etwas unternehmen musste, um zu verhindern, dass ich mich ihm an den Hals warf.

Seine Augen schienen mich regelrecht zu durchbohren, doch diesmal waren es nicht bloß meine Wangen, die sich anfühlten, als stünden sie in Flammen. »Ich hoffe, ich sehe dich irgendwann wieder, Clara.«

Ohne zu warten, bis ich ging, machte er kehrt, trat auf die Terrasse hinaus und verschwand in der Dunkelheit. Erst als er fort war und mich damit von seiner berauschenden Anwesenheit befreit hatte, dämmerte mir, dass ich einen Mann geküsst hatte, dessen Namen ich noch nicht einmal kannte.

Und dass ich es jederzeit wieder tun würde.

2

Ich war so in Gedanken an den Fremden und unseren Kuss versunken, dass ich Belle erst bemerkte, als sie sich ein weiteres Mal auf mich stürzte. Strahlend packte sie mich am Handgelenk und zerrte mich in Richtung Bar. Die meisten umstehenden Gäste bemerkten vermutlich gar nicht, dass sie die Augen ein klein wenig zusammenkniff, aber ich wusste sehr wohl, was es zu bedeuten hatte: Ich steckte in Schwierigkeiten. Der Kuss – dieser unfassbare Kuss – hatte mich derart aus der Bahn geworfen, dass ich keinerlei Lust auf eine Auseinandersetzung verspürte.

»Was zum Teufel sollte das denn gerade?«, fragte sie und knallte mir ein Schälchen mit Nüssen hin.

»Ich habe keinen Hunger.« Essen war so ziemlich das Letzte, wonach mir der Sinn stand.

»Bist du jetzt schon blau? Zwing mich nicht, sie dir reinzuschieben.«

»Ich bin nicht betrunken«, wandte ich ein, obwohl ich mich ganz so fühlte. Seine Lippen. Sein Geschmack. Der Druck seines Körpers. Hitze stieg in mir auf; am liebsten hätte ich mir Luft zugefächelt.

»Clara.« Belle schnippte mit den Fingern vor meiner Nase. Ich schüttelte den Kopf und starrte sie stumm an. »Ich habe gerade gesagt, du hättest mit meinem Bruder zumindest etwas trinken können.«

»Tut mir leid.« Es tat mir wirklich leid, dass ich sie vor ihrem Bruder so in Verlegenheit gebracht hatte, aber anders würde sie nie begreifen, dass ihre Verkuppelungsversuche unerwünscht waren. Seit einer höchst unrühmlichen Episode in ihrer Familie vor einigen Jahren wusste Belle, was es hieß, in der Öffentlichkeit gedemütigt zu werden. Diese Karte spielte ich nur sehr ungern aus, aber eine andere Sprache verstand sie nicht. Trotzdem – wir waren hier bei unserer Abschlussfeier.

»Ich dachte, ich hätte meine Mutter gesehen«, schwindelte ich.

Belles Züge wurden weich. Sie nahm eine Handvoll Nüsse aus dem Schälchen und hielt sie mir hin. »Hier, Proteine. Die wirst du brauchen.«

Damit mochte sie recht haben, auch wenn meine Ausrede eine glatte Lüge gewesen war. Meine Mutter sollte heute hier sein, und sie würde zweifellos noch auftauchen. Ohne Einladung würde sie niemals einen Fuß in den Oxford and Cambridge Club setzen können, und es wurden einige der einflussreichsten Familien Englands erwartet – eine Gelegenheit, die sich Madeline Bishop keinesfalls entgehen lassen würde. Da es sich um eine private Feier handelte, war die Presse nicht erwünscht, aber mit ein bisschen Glück drückte sich der eine oder andere Paparazzo vor dem Eingang herum. Eigentlich interessierte sich kaum jemand für unsere Familie, aber seit meine Eltern vor vierzehn Jahren zu Reichtum gekommen waren, suchte meine Mutter die Öffentlichkeit, was mir immer ein wenig peinlich war. Ich war alles andere als scharf darauf, sie zu sehen, was Belle nur zu gut verstand.

»Danke.« Erst als ich die Nüsse kaute, merkte ich, dass ich völlig ausgehungert war. Ich sah auf die Uhr auf einem der Kaminsimse und stöhnte. Seit über sechs Stunden hatte ich keinen Bissen zu mir genommen.

»Ich will nicht dafür verantwortlich gemacht werden, dass du bei deiner Abschlussfeier auch noch ohnmächtig wirst«, sagte Belle zwinkernd. Sie kannte mich gut genug, um zu wissen, dass ich zwischen der stressigen Zeremonie und der Party vergessen haben würde, etwas zu essen. »Nicht hinsehen, aber die Bishops sind gerade eingetroffen«, sagte sie.

»Gott schütze die Königin«, murmelte ich, holte tief Luft und schob mir noch ein paar Nüsse in den Mund – auf die später ein anständiger Bourbon würde folgen müssen, das stand jetzt schon fest. Ich drehte mich um und sah meine Mutter in einem atemberaubenden, wenn auch viel zu kurzen pfauenblauen Kleid, das sich wie eine zweite Haut um ihren eindrucksvoll athletischen Körper schmiegte, aber trotzdem viel zu mädchenhaft für ihr Alter war. Es war absolut unfair, dass sie besser in Form war als ich, andererseits betrachtete sie es als ihre Hauptaufgabe im Leben, sich um ihr Äußeres zu kümmern.

Ich sah, wie sie, eine Hand kunstvoll auf die Perlenkette um ihren Hals gelegt, den Blick umherschweifen ließ. Sie mochte keine gebürtige Britin sein, hielt jedoch locker mit all den Aristokraten im Raum mit – sie stand hocherhobenen Hauptes da, die Nase gereckt, ein wohlwollendes Lächeln auf den Lippen, als beehre sie einen Raum voller Lakaien mit ihrer Anwesenheit.

Ich holte tief Luft und winkte ihr zu.

»Die letzte Gelegenheit, noch zu verschwinden«, raunte ich Belle zu.

»Und dich allein lassen? Vergiss es! Aber dafür schuldest du mir was. Mindestens eine gute Flasche Wein.« Sie drückte mir einen Whiskey in die Hand – sie wusste nur zu gut, was ich brauchte, um diese Begegnung unbeschadet zu überstehen.

»Deal.« Allerdings würde eine Flasche Wein vermutlich nicht reichen.

»Clara, liebstes Kind!« Mom kam angerauscht und hauchte mir rechts und links zarte Küsschen auf die Wangen. Zuneigungsbekundungen von ihr waren so zerbrechlich wie der Flügel eines Schmetterlings. Gefühle werden so leicht enttäuscht, hatte sie einmal zu mir gesagt, deshalb solle man besser sparsam mit ihnen umgehen. Schon von Kindesbeinen an hatte ich mitbekommen, dass sie dieses Prinzip auch in ihrer Ehe anwendete.

Dad streckte mir die Hand hin und zog mich an sich, als ich sie ergriff. »Clare-Bear, du hast es geschafft!«

Der Klang meines Spitznamens trieb mir die Röte ins Gesicht. Mein Dad behandelte meine Mutter zwar wie ein rohes Ei, teilte aber ihre Meinung nicht, die Liebe sei ein zerbrechliches Gut.

»Sie ist jetzt eine Uniabsolventin!« Voller Stolz warf Mom sich in die Brust, was ihr nicht gerade dezente Bewunderungsblicke der umstehenden Männer einbrachte. »Und dann auch noch Oxford.«

»Auf mein Mädchen!« Mit einem Anflug von Rührung sah ich zu, wie Dad sein Glas hob.

Es war von Anfang an ziemlich klar gewesen, dass ich studieren würde, auch wenn mein Vater seinen Abschluss damals nur mit Ach und Krach geschafft hatte. Meine Mom hatte weniger Glück gehabt – es war ein komisches Gefühl zu wissen, dass sie hergekommen war, um ausgerechnet den Menschen zu feiern, der ihre eigenen Karrierepläne vermasselt hatte.

»Eine künftige Nobelpreisträgerin. Die Hoffnung Englands«, fuhr Dad fort.

Ich verdrehte die Augen. »Wohl eher der Laufbursche des künftigen Nobelpreisträgers.«

»Jeder fängt mal klein an«, meinte er. »Gandhi hat auch nicht vom ersten Tag an Heldentaten vollbracht.«

Das bezweifelte ich nicht, aber allein beim Gedanken an den Job, den ich an Land gezogen hatte, wurde mir leicht übel. Zum Glück blieben mir noch gut zwei Wochen, bis ich ihn antreten musste, und bis dahin hatte ich noch jede Menge zu erledigen, um mich abzulenken. »In den Hungerstreik werde ich jedenfalls nicht treten«, versprach ich.

Meine Mutter erstarrte. »Das war geschmacklos.«

»Entschuldigung. War nur ein Scherz.«

»Hier drinnen ist es so stickig.« Sie fächelte sich Luft zu.

Dad lächelte zärtlich. »Dann lass uns ein anderes Plätzchen für dich suchen.«

Das war die passiv-aggressive Standardtaktik meiner Mutter – ständig in Bewegung zu sein. Die Aussicht mochte noch so schön, ihr Tischherr beim Dinner noch so faszinierend, die Party noch so exklusiv und hochkarätig sein, sie hatte pausenlos Angst, irgendetwas zu verpassen. Sie war überzeugt davon, dass hinter der nächsten Ecke eine noch bessere Gelegenheit oder jemand noch Wichtigeres darauf wartete, von ihr entdeckt zu werden. Aus diesem Grund war meine Familie in den ersten Jahren, nachdem meine Eltern ihre Internetfirma verkauft hatten, ununterbrochen umgezogen. Erst vor sechs Jahren, nach dem Umzug von Los Angeles nach Kensington, hatte mein Vater endlich ein Machtwort gesprochen und erklärt, dass jetzt endgültig Schluss damit sei. Das Haus, in dem sie wohnten, war das feudalste von allen, mit einer feudalen Adresse – direkt gegenüber dieser berühmten Expopsängerin, die mit diesem berühmten Fußballspieler verheiratet war. In den ersten Jahren hatte meine Mutter Ruhe gegeben, aber neuerdings machte sie immer wieder Andeutungen, dass sie bereit für einen weiteren Ortswechsel wäre. Genauer gesagt zog es sie ins Grüne. Ich musste meinem Dad zugutehalten, dass er bisher nicht recht mitzog, was sie jedoch nicht davon abhielt, einen Immobilienmakler zu engagieren. Alle paar Monate schleppte sie mich zu irgendwelchen Besichtigungsterminen – sie hatte angedeutet, ein Haus für mich kaufen zu wollen, aber das würde ich auf keinen Fall zulassen. Meine Eltern hatten mir das Studium finanziert, und ich hatte im Gegenzug die Ansprüche meiner Mutter und ihre neugierigen Fragen über mein Privatleben ertragen müssen, aber nun, da ich erwachsen war und einen bezahlten Job hatte, verspürte ich keinerlei Lust, noch weiter unter ihrer Fuchtel zu bleiben.

»Hast du dir schon Gedanken gemacht, wo du wohnen willst, jetzt, wo du wieder in die Stadt kommst, Clara?«, fragte sie und hakte sich bei mir unter – wieder mal stellte sie damit ihr untrügliches Gespür für das unter Beweis, was mir gerade im Kopf herumging.

Bei euch jedenfalls nicht, dachte ich. Meine Mutter wusste nur zu gut, dass mir London immer noch fremd und ein bisschen unheimlich war; schließlich waren mir nach unserem Umzug nach England nur ein paar Wochen geblieben, ehe ich an die Uni gegangen war. Trotzdem wollte ich auf keinen Fall wieder bei ihnen einziehen. »Ich habe dir doch gesagt, dass ich bei Belle unterkomme.«

»Aber Belle heiratet bald«, meinte sie, drehte sich um und strahlte Belle an. »Sie müssen mir unbedingt alles über die Hochzeit erzählen.«

Belle erwiderte das Lächeln und verdrehte die Augen, als meine Mutter ihr den Rücken zukehrte – damit war klar, dass meine Mutter sich soeben zu ihrer Hochzeit eingeladen hatte. Wenn sie es könnte, würde sie mir wahrscheinlich noch meinen Platz als Brautjungfer streitig machen.

»Aber erst nächstes Jahr«, erwiderte ich ruhig; zumindest klang meine Stimme so, denn in Wahrheit bereitete mir dieser Umstand gewaltige Sorgen. Allein zu wohnen war überhaupt nicht mein Ding, was sowohl Belle als auch meine Mutter sehr genau wussten. Noch war ich nicht sicher, was ich tun würde, wenn Belle nach der Hochzeit zu Philip ziehen würde … Darüber würde ich mir später Gedanken machen.

»Keine Angst, Mrs. Bishop«, sagte Belle mit leuchtenden Augen. »Ich habe eine lange Liste mit Männern, die alles für ein Date mit Clara tun würden. Allesamt sehr aussichtsreiche Kandidaten.«

Am liebsten wäre ich vor Scham im Erdboden versunken. Verkuppelt zu werden, war die reinste Pest für mich; als bräuchte ich jemanden, der mein Liebesleben in die Hand nahm. Es gab mir das Gefühl, nicht begehrenswert zu sein, dabei hatte die Episode vorhin bewiesen, dass dies nicht der Fall war. »Reden wir hier von Männern oder Investments?«

»Das ist doch dasselbe«, warf Mom ein und wandte sich wieder Belle zu. »Es ist so nett von Ihnen, sich um sie zu kümmern. Bitte nennen Sie mich doch Madeline, schließlich sehen wir uns ja jetzt häufiger.«

Visionen von gemeinsamen Mittagessen und Teeverabredungen flammten vor meinem geistigen Auge auf. Offenbar hatte meine Mutter immer noch nicht begriffen, dass ich schon bald einen stressigen Job haben würde. Sie selbst hatte seit einer Ewigkeit nicht mehr gearbeitet und offenbar keine Ahnung, was es heutzutage hieß, Karriere zu machen – nämlich zu arbeiten.

»Das hoffe ich«, gab Belle zurück. Sie fand meine Mutter köstlich, aber selbst mir war klar, dass Belles Antwort eine Lüge war. Madeline war ein Mensch, den man lediglich in homöopathischen Dosen ertragen konnte.

Wir suchten uns einen Platz in der Nähe der Terrassentür, von wo ich vorhin erst geflohen war. Meine Gedanken schweiften zu dem Kuss zurück. Am liebsten hätte ich mich davongestohlen und nach ihm gesucht, aber wäre ich dann nicht genauso erbärmlich wie das Mädchen, dem er zu entgehen versucht hatte? Vermutlich. Und was würde ich tun, wenn ich ihn mit der Nächsten knutschend in einer Ecke erwischen würde? Nein, die neue Clara Bishop, die in wenigen Tagen ihren ersten Job antreten würde, hat keine Zeit für Playboys, unnötigen Ballast oder Liebesdramen.

Trotzdem wollte mir der Kuss nicht aus dem Sinn gehen – wieder und wieder ließ ich ihn Revue passieren, jeden einzelnen Moment in Zeitlupe, bis ich die Berührung seiner Lippen beinahe spüren konnte. Ich ballte die Fäuste und kämpfte die Erregung nieder, die dabei in mir aufstieg.

Das hohe Kichern meiner Mutter riss mich aus meinen Tagträumen. Es war höchst unwahrscheinlich, dass jemand einen Wahnsinnswitz gerissen hatte, trotzdem lächelte ich, als würde ich mich großartig amüsieren.

»Dein Vater und ich haben uns Gedanken gemacht.« Mom sah Dad an, ignorierte jedoch den frustrierten Blick, den er ihr zuwarf. »Wieso ziehst du nicht wieder zu uns? Belle will doch bestimmt allein mit Philip sein, und wir haben mehr als genug Platz.«

Das stimmte zwar, trotzdem würde ich das Angebot unter keinen Umständen annehmen. »Aber wir haben schon einen Mietvertrag für eine tolle Wohnung unterschrieben«, log ich.

»Was? Ohne mich zu fragen?« Meine Mutter trug ihr Schmollen zur Schau wie andere Frauen ihre neuen Hüte – oft und demonstrativ. So auch jetzt. Sie sah mich an, als hätte ich sie aufs Übelste verraten.

»Tut mir leid. Wir mussten sofort zuschlagen«, kam Belle mir zu Hilfe.

»Aber ich bin doch Expertin für Immobilien.« Das Schmollen wurde intensiver, wobei ein paar Falten um Moms Mundwinkel zutage traten, für deren Verschwinden sie eigentlich eine hübsche Stange Geld ausgegeben hatte. Das war kein gutes Zeichen.

»Aber es ist nur ein Mietvertrag«, sagte ich.

»Trotzdem. Kürzlich habe ich in der Sun gelesen, dass immer mehr Vermieter ihre Mieter bespitzeln.«

Die zweite Standardtaktik meiner Mutter bestand darin, scheinbar Alltägliches wie ein Horrorszenario dastehen zu lassen. Die ersten achtzehn Jahre meines Lebens war es ihr gelungen, mir damit mächtig Angst zu machen, heute, mit dreiundzwanzig, fand ich diese Versuche nur noch ermüdend.

»Bestimmt wird das bei uns nicht passieren«, sagte ich.

»Unsere Vermieterin ist eine reizende alte Dame«, erklärte Belle.

Ich warf ihr einen warnenden Blick zu – wenn wir so weitermachten, flog uns die Lüge am Ende noch gnadenlos um die Ohren. Ich belog meine Mutter – wenn auch zu ihrem eigenen Besten – lange genug, um zu wissen, dass man ihr besser kleine überschaubare Lügen auftischen sollte, statt eine große so aufzuplustern, dass sie sie einem nicht abkaufte oder, was noch schlimmer war, sich merkte.

»Ist das Doris da drüben?« Mom packte Dads Arm. Bei einer Veranstaltung wie dieser jemandem über den Weg zu laufen, den sie kannte, war wie Weihnachten für sie, deshalb würde sie sich die Gelegenheit, zur Kenntnis genommen zu werden, nicht entgehen lassen. »Los, lass uns rübergehen und sie begrüßen.«

Dad nickte wenig begeistert und nahm behutsam ihren Ellbogen.

Kaum waren sie außer Sichtweite, verpasste ich Belle einen Klaps. »Wir haben keine Wohnung und auch keine nette alte Vermieterin.«

»Ehrlich gesagt«, erwiderte sie mit theatralischer Langsamkeit, »haben wir genau das.«

Ich hob die Brauen. »Was?«

»Meiner Großtante Jane gehört ein Haus in East London.«

Ich hätte nicht gedacht, dass sie mich noch überraschen könnte, aber offenbar hatte ich mich geirrt. »Deine Großtante? In East London?«

»Wart’s nur ab.« Belle trank einen Schluck von ihrem Cocktail und zuckte die Achseln, als wäre es das Normalste der Welt, eine ältere Verwandte zu haben, die in einem der angesagtesten Viertel von ganz London residierte. »Du wirst sie lieben.«

»Ich weiß nicht«, sagte ich zweifelnd. »Und die Wohnung habe ich ja noch nicht einmal gesehen.«

»Vertrau mir. Wir sind morgen mit Tante Jane verabredet. Außerdem, kannst du dir vorstellen, wieder bei deinen Eltern einzuziehen?« Belle machte eine Geste, als würde sie stranguliert werden.

»Ja und nein.«

»Ja?«, wiederholte sie ungläubig.

»Du weißt, dass ich nicht gern allein lebe.« Trotzdem war die Vorstellung, mich wieder bei meinen Eltern einzuquartieren, höchst unerfreulich. An der Uni war ich meine eigene Herrin gewesen, und abgesehen von ein paar ganz schlechten Entscheidungen – zumeist in Zusammenhang mit Daniel – hatte ich mich seit dem zweiten Studienjahr eigentlich ganz wacker geschlagen.

Bald würden die meisten meiner Freunde nach London ziehen. Dennoch, Belle war meine beste Freundin – und die Einzige, mit der ich mir vorstellen konnte, eine Wohnung zu teilen. Im ersten Studienjahr hatte ich mich frei und unabhängig gefühlt; ein Gefühl, das Daniel gnadenlos zunichtegemacht hatte. Vielleicht hatte ich mich in einem Jahr ja so weit erholt, dass ich mir vorstellen konnte, auch allein zu wohnen.

»Ich weiß, und das ist auch okay.« Belle legte ihren Kopf auf meine Schulter. »Aber das bedeutet, dass ich etwas einfädeln muss. Es wäre schrecklich, wenn ich dich zu deinen Eltern zurückschicken müsste.«

»Wer weiß, wie es in einem Jahr aussieht«, sagte ich.

Belle drückte meine Schulter. »Das ist die richtige Einstellung.«

»Du glaubst, das würde bedeuten, dass du mich verkuppeln darfst, richtig?«

»Nur ein Date«, bettelte sie. »Mit meinem Bruder.«

»Ich glaube nicht, dass er mein Typ ist.« Ich wollte ihre Gefühle nicht verletzen, schließlich konnte sie nichts dafür, dass er ein Waschlappen war.

»Ich weiß ja, dass er dich zu Tode langweilen würde«, meinte sie, »aber ich will nun mal, dass jemand für dich sorgt.«

»Ich kann für mich selbst sorgen.«

Das schien sie ernsthaft zu bezweifeln, und ich hatte ihr im vergangenen Jahr keinen Anlass gegeben, mir zu glauben. Aber trotz ihrer Sorge um mich würde ich mich nicht zu einem Date mit ihrem Bruder überreden lassen, bestandene Anwaltszulassung hin oder her. Zum Glück tauchte ihr Verlobter auf, bevor sie mich weiter bearbeiten konnte.

»Da ist ja Philip.« Sie sprang auf und strich ihr Kleid glatt, ehe sie sich mir fragend zuwandte.

»Du siehst super aus, wie immer.« Und das stimmte auch. Egal, wie viel sie am Vorabend getrunken hatte oder wie lange sie auf den Beinen gewesen war, Belle sah stets aus wie aus dem Ei gepellt. »Richte Pip schöne Grüße von mir aus.«