Cover

VERONIKA SCHMIDT – LIEBESLUST | UNVERSCHÄMT UND ECHT GENIESSEN – SCM

SCM | Stiftung Christlicher Medien

Der SCM Verlag ist eine Gesellschaft der Stiftung Christliche Medien, einer gemeinnützigen Stiftung, die sich für die Förderung und Verbreitung christlicher Bücher, Zeitschriften, Filme und Musik einsetzt.

ISBN 978-3-7751-7301-8 (E-Book)
ISBN 978-3-7751-5665-3 (Lieferbare Buchausgabe)

Datenkonvertierung E-Book:
Beate Simson, Pfaffenhofen a. d. Roth

© der deutschen Ausgabe 2015
SCM-Verlag GmbH & Co. KG · Max-Eyth-Straße 41 · 71088 Holzgerlingen
Internet: www.scmedien.de · E-Mail: info@scm-verlag.de

Längere Passagen aus dem Hohelied Salomos wurden nach der Übertragung von Jörg Zink aus seinem Buch Was bleibt, stiften die Liebenden zitiert.

Gesamtgestaltung: Kathrin Spiegelberg, Weil im Schönbuch
Bibel- und Bildnachweise: im Anhang
Illustrationen: www.illustration-schmitt.de

INHALT

Dieses Buch

Sex kann so schön sein!

Kann man Liebeslust lernen? Kann man Leidenschaft lernen?

Was will dieses Buch?

Für wen ist dieses Buch?

Was ist anders an diesem Buch?

Wer schreibt dieses Buch?

Was dieses Buch nicht hat

Meine eigene Geschichte

Sich das Begehren erschließen –
Wie wir Sex erleben

Menschliche Sexualität

Sex ist wichtig in der Beziehung

Eros ist lernbar

Schön genug

Der Schlüssel ist die Frau

Positives Bild der begehrenden Frau

Der Lustgarten Frau

Männliche Lustwandler

Selbstliebe

Den Körper kennenlernen

Genitale Erregung fühlt sich gut an

Sich selbst berühren und sich selbst sexuell begehrenswert und erotisch erleben

Welche Berührungen uns guttun

Den Körper kennen –
Wie Sex funktioniert

Körper und erotisches Empfinden

Erotik der Frau – Myrrhenberg und Weihrauchhügel

Vulva und Vagina entdecken

Sich selbst zurückgewinnen

Feuchtwerden der Frau

Erotik des Mannes – Stattlich wie mächtige Zedern

Penis und Penisregion stimulieren

Wenn er nicht (drauf) steht

Orgasmuskunde

Orgasmus der Frau

Orgasmus des Mannes

Loslassen lernen – Von Anspannung und Entspannung

Der Beckenboden

Beckenboden erspüren und trainieren

Muskeln unterscheiden lernen

Beckenschaukel

Atemschule

Lust lernen –
Wie wir mit allen Sinnen unsere Leidenschaft entdecken

Sexuelles Begehren wiederfinden

Wenn Sex Krampf wird

Hautnah

Schlechte Erfahrungen

Nicht länger kontaktlos

Wie man richtig gut berührt

Augen auf

Mundakrobatik und Handerotik

Gitarrenspieler sind gute Liebhaber

Sinnlich bewegter Genuss

Schaukeln

Intensität gewinnen

Sexluft schnuppern

Erotisches Feuerwerk der Fantasie

Bei mir selbst bleiben

Sexuelle Identität

Verführung

Strategien sind gefragt

Rarmachen

Lockruf

Das macht mich an

Sprechen Sie »Sexisch«?

Paar vor Kind

»Es« öfter tun

Seelensex

Wohl dem Paar …

Im Glauben wurzeln –
Wie die Bibel Ehe und Sex sieht

Ein Leben lang leidenschaftlich lieben

Sich gegenseitig erkennen im Sex

Dreamteam Mann und Männin

Die Bestimmung von Mann und Frau

Streit im Paradies

Nicht gleichartig, aber gleichwertig

Gleichwertig, aber nicht gleichartig: Achten und lieben

Sexuelle Selbstsicherheit – biblisch betrachtet

Liebe leben –
Wie wir Beziehung und Partnerschaft entwickeln

Guter Sex beginnt vor der Ehe

Die Liebe zwischen Mann und Frau

Geben und Nehmen

Die Portion Katastrophe

Wenn die Sexualität verletzt ist

Männer- und Frauenpornos

Sucht und Drang

Wandervögeln

»Vernetzt«

Streiten und Lieben nach allen Regeln

Konstruktiv streiten

Kommunikation besteht aus Zuhören und Reden

Kommunikation bringt Gewinn

Sexuelle Reife

Nach Hause kommen und Halt finden

Stilleres Lieben

Das Gute weitergeben –
Wie wir über Sex reden

Wir können es besser

Wissen macht stark

Worte dafür finden

Bilder dafür haben

Innere Bilder

Reale Bilder

Sexuelles Lustempfinden mit in die Ehe geben

Identität: Freiheit und Verantwortung

Partnerwahl und sexuelle Verantwortung

Wie sollen wir denn Sex und Ehe leben?

Wenn der Wandel auf die Gemeinde trifft

Die Botschaft der Gemeinde

Zum Vertiefen

Jean-Yves Desjardins und der Sexocorporel

Weiterführende Literatur

Sexuelle Aspekte

Geistliche Aspekte

Dankeschön!

Heimliche Helden

Nachweise

Anmerkungen

[ Zum Inhaltsverzeichnis ]

DIESES BUCH

SEX KANN SO SCHÖN SEIN!

Sex könnte so schön sein! Sex könnte Spaß machen! Die meisten von uns hegen diesen Traum von einer leidenschaftlichen, erfüllten Sexualität. Doch die Realität? In vielen Ehebetten passiert erstaunlich wenig. Oder es passiert, aber mit verschwindend geringer Leidenschaft. Sex kann eine Ressource für ein kraftvolles Leben sein, aber für manche von uns ist er regelrecht Stress: »Das auch noch!« Wo ist die Lust zu lieben geblieben? Ist sie im Laufe der Jahre abhandengekommen? Haben wir sie gar noch nie richtig in uns entdeckt? Echte Liebeslust, am liebsten ein Leben lang – das wäre es. Und doch sind – für Männer wie Frauen – Wunsch und Wirklichkeit, Vorstellung und Realität manchmal ganz schön weit voneinander entfernt. Warum ist das so? Und vor allem: Wie können wir das ändern? Wie kommen wir als Paar zu dem Sex, den wir uns so sehnlich erträumen?

KANN MAN LIEBESLUST LERNEN?
KANN MAN LEIDENSCHAFT LERNEN?

Ja, man kann. Sie können – ganz gleich, wie es in Ihrem Liebesleben gerade aussieht. Möglicherweise war die Leidenschaft in Ihrer Ehe einmal feurig und spannend, aber über die Jahre ist sie eingeschlafen. Möglicherweise haben Sie regelmäßigen Sex mit Ihrem Ehepartner, aber insgeheim mangelt es Ihnen an Lust. Vielleicht leiden Sie sogar darunter, tief im Innern verschämt zu sein. Haben noch nie das Gefühl gehabt, eine sexuell begehrenswerte Person zu sein oder selbst zu begehren. Ganz gleich, woher Sie kommen: Veränderung ist möglich!

Dieses Buch geht davon aus, dass unsere Art und Weise, wie wir beim Sex empfinden, ob und wie wir Lust fühlen, nicht angeboren ist, sondern angelernt. Unsere »sexuelle Identität« wird von klein auf geprägt durch die Art und Weise, ob und wie in unseren Elternhäusern über Sexualität gesprochen und damit umgegangen wurde. Sie wird dadurch geprägt, was wir auf unserem weiteren Weg zu diesem Thema aufgenommen haben und aufnehmen. Dieses Lernen hält ein Leben lang an. Es ist daher möglich, mit ein wenig Wissen und der richtigen Anleitung auch ein neues Empfinden für Lust und Liebe zu erlernen und einzuüben.

WAS WILL DIESES BUCH?

Dieses Buch ermutigt zu einem aktiven Sexleben und hilft Paaren, sich gemeinsam die Welt der Erotik zu erschließen. Ganz egal, wie viele Sexjahre ein Paar schon auf dem Buckel hat, es gibt immer noch Neues zu entdecken und zu gestalten. Dabei hat das Buch den »ganzen Menschen« im Blick und zeigt Wege auf, sich selbst als sexuelles Wesen wahrzunehmen und so ein Gespür für die eigene Leidenschaft zu entwickeln.

Dieses Buch verwendet eine ermutigende Sprache und Haltung für die Sexualität, damit es eine Veränderung im Denken, neue Erkenntnisse und einen freisetzenden Umgang mit dem Körper geben kann. Doch um frei von falscher Scham zu werden, genügt es nicht, nur darüber zu lesen. Deshalb gibt dieses Buch auch praktische Anleitung. Weil man Sex und Lieben lernen kann, wie man das Musizieren mit einem Instrument oder eine Sportart erlernt.

Das Buch zeigt auf, dass guter, stattfindender Sex eine der Grundlagen für eine lebenslange Ehe ist. Die meisten Menschen heutzutage wünschen sich nach wie vor Treue, Verbindlichkeit und eine Liebe, die ewig hält. Deshalb spricht dieses Buch auch darüber, wie wir Beziehung und Partnerschaft so entwickeln können, dass sie tragfähig sind.

FÜR WEN IST DIESES BUCH?

Dieses Buch ist für alle Paare, die sagen: »Es muss doch noch mehr geben!« Es ist für diejenigen Paare, die lernen wollen, sexuell aktiv und ausgelassen zu sein. Die eine Anregung suchen, um frisch und frei draufloszuexperimentieren. Es ist für all jene, welche über die ganze Palette der Sinne, über die Sprache, den Körper, Bilder und Fantasien, einen Zugang zum Sex finden möchten. Dazu gehören ganz besonders viele Frauen.

Ein hoher Anteil ratsuchender Frauen in der Sexualberatung sind Frauen mit religiösem Hintergrund. Frauen, die in einer Atmosphäre der Sprachlosigkeit aufgewachsen sind, was ihre sexuelle Entwicklung betrifft. Ihnen kann oft recht einfach geholfen werden, weil es ihnen schlicht an der richtigen Information fehlt und an der Erfahrung mit dem eigenen Körper. Stellvertretend für ganz viele schreibt mir eine Frau: »Wir lieben uns und haben wundervolle Kinder. Nur im Bett läuft nichts mehr. Was Sie da sagen, trifft alles auf mich zu: schlechte Aufklärung, null Vorbereitung auf die Ehe, Sexualität als notwendiges Übel, … irgendwann Resignation. Was wird aus uns als Paar, wenn die Kinder ausgeflogen sind? Wir möchten ja zusammen alt werden!!« Diesen Frauen vermittelt das Buch einen Weg zu ihrem Körper, zu Leidenschaft, Erotik und Sinnlichkeit.

Dieses Buch richtet sich an Paare, die jahrzehntelang zusammenbleiben wollen und zu einer sexuellen Zufriedenheit finden möchten, die nicht auf extreme Kicks von außen angewiesen ist. Das Sex-Wissen in diesem Buch vermittelt ein Grund-Bewegungs-Muster, welches die Wahrnehmung jeder sexuellen Betätigung, jeder Sex-Stellung, jeder Technik und jedes Gefühlsempfinden verändern wird und zu sexuellem Genießen und Wohlbefinden führt.

WAS IST ANDERS AN DIESEM BUCH?

Dieses Buch ist ein Buch mit christlichem Hintergrund. Es will auch und besonders gläubige Ehepaare ansprechen. Die Bibel zeigt uns, dass Sexualität ein wesentlicher Bestandteil dessen ist, wie Gott uns geschaffen hat. Die Bibel beschreibt Sex zwischen Mann und Frau als etwas Wunderschönes und Beglückendes, sogar als etwas Ungestümes und Erotisches. Auch darüber spricht dieses Buch.

Im Hohelied von Salomo in der Bibel lesen wir die Gedanken eines jungen Liebespaares. Diese Gedanken und Zitate erschaffen wunderbare Bilder eines sinnlichen und erotischen Umgangs mit der Sexualität, die uns durch dieses Buch begleiten.

Das »Lied der Lieder« hat uns dazu inspiriert, echte Ehe- und Glaubenspaare in diesem Buch abzubilden. Bilder von Nacktheit, welche würdevoll, respektvoll, gewaltlos, schön, erotisch und animierend sind. Bilder, die eine Sexualität abbilden und beschreiben, wie sie uns das Hohelied im Geiste ausmalt. Diese Paare haben sich freiwillig und allein nur für dieses Buch fotografieren lassen. Sie und die mit ihnen befreundeten Fotografinnen wollen damit das Anliegen dieses Buches mitunterstützen, Sexualität liebevoll, zärtlich, leidenschaftlich, in aller Unbefangenheit und Freiheit widerzuspiegeln. So, wie Gott Sexualität für uns erdacht hat. Sie zeigen Nacktheit in aller Natürlichkeit, als Gegenpol zu einer unrealistischen, überzogenen, verzerrten sexuellen Bilderflut, wie sie uns in den Medien begegnet.

WER SCHREIBT DIESES BUCH?

Ich, Veronika Schmidt, wurde in eine gläubige Familie hineingeboren, wie schon meine beiden Eltern. Das Umfeld christlicher Gemeinden kenne ich daher von klein auf. Ich erlebte darin oftmals stark einengende Strukturen und hohe moralische Normen, die in mir oft Widerspruch auslösten und mir über die lange Zeit hinweg mal mehr, mal weniger Bauchweh bereiteten. Doch da waren auch viele schöne Erlebnisse und das Zugehörigkeitsgefühl zu etwas übergeordnetem Großem, das viel weiter reichte als die lokale christliche Gemeinde. Dank einiger mir im Glauben weit vorauseilender und mich prägender Vorbilder und Freunde erlebte ich einen mich liebenden, freiheitlichen Gott, der wirklich mein Herz ergriff und mich zur Liebe motivierte. Darum ist es mir zum Herzensanliegen geworden, Menschen in die von Gott verheißene Freiheit hinein zu ermutigen. Aus diesem Wunsch und meiner beruflichen Erfahrung heraus hat sich auch dieses Buch ergeben.

Das Interesse am Leben der Menschen war für mich die Motivation, erst Sozialpädagogik zu studieren und mit meinem Mann zusammen über Jahre eine sozialpädagogische Familie zu führen. Das bedeutete, in unserer eigenen Familie im professionellen Rahmen einer christlichen Stiftung Pflegekinder mit aufzuziehen. Danach ließ ich mich zur Systemischen Paar- und Familienberaterin ausbilden und noch mal etwas später zur Sexualberaterin. Ich führe meine eigene Praxis www.familienwerkstatt.ch, schreibe unter anderem in meinem eigenen Blog www.liebesbegehren.ch und spreche öffentlich über Sexualität, Paar- und Erziehungsthemen.

Schon als junge Sozialpädagogin und Mutter registrierte ich ganz schnell die Hilflosigkeit vieler Paare und Familien im Umgang mit Sexualität. Das ganze Ausmaß der sexuellen Not tat sich mir im Laufe der Jahre in der Seelsorge und in meiner Beratungstätigkeit immer mehr auf. Nicht nur Lieblosigkeiten, Affären und Missbräuche, sondern auch die grassierende sexuelle Unlust vieler auch junger Paare.

Genauso wie die Not der Menschen beschäftigte mich aber auch zunehmend die unbeholfene Starrheit in christlichen Gemeinden, sich all diesen Herausforderungen rund um Sexualität und veränderter Gesellschaft so zu stellen, dass echte Lebenshilfe möglich wäre. So machte ich es mir zur Aufgabe, mich zum Thema Sex zu engagieren, mit großem Glauben, dass sich im Leben von einzelnen Menschen etwas verändern wird. Ich erlebe, dass dies geschieht. Und das ist auch mein Wunsch für Sie. Dieses Buch soll dazu beitragen, dass sich auch bei Ihnen etwas verändert. Dass mehr Liebeslust in Ihr Leben kommt.

WAS DIESES BUCH NICHT HAT

Dieses Buch gibt keine umfassenden und detaillierten Informationen zur sexuellen Anatomie von Mann und Frau und deren Funktionen. Es enthält auch keine Informationen zur sexuellen Gesundheit, zu Verhütung und Risikofaktoren der Ausübung von Sexualität. Tipps zu weiterführender Literatur finden Sie im Anhang dieses Buches.

[ Zum Inhaltsverzeichnis ]

MEINE EIGENE GESCHICHTE

Mein Mann und ich, wir waren jung, als wir heirateten. 22 und 24 Jahre alt. Das war ein Jahr vor Abschluss des Studiums als Sozialpädagogen. Damals waren Hochzeiten weniger pompös als heute, und wir waren mit unserer Studentenhochzeit ganz zufrieden. Die Institution Ehevorbereitung gab es ebenso wenig wie Fragen oder Antworten zum Thema Sex.

Es gab kein Internet und nur wenige hilfreiche Bücher, zumindest auf dem christlichen Buchmarkt. Aber auch die Keuschheitsbewegung, die Anfang der 90er-Jahre aus den USA zu uns herüberschwappte, war noch nicht in Sicht. Sex war einfach kein großes Thema. Das altmodische Ehebuch, welches uns meine Tante, eine Pfarrfrau, zur Hochzeit schenkte, sorgte bei uns immerhin für einige Heiterkeit.

Rückblickend bin ich einfach von Herzen dankbar für unser beider neugieriges und experimentierfreudiges Wesen. Mein allergrößter Dank gilt aber unserem verstorbenen freudianischen Psychotherapeuten und Supervisor in unserer ersten Aufgabe als Pflegeeltern. Die vielen »sexologischen« Gespräche, die wir mit ihm geführt haben, und seine Literaturtipps haben uns sehr geprägt.

Wenn es eine Beobachtung gibt, die wir im Laufe der Jahre über die Menschen gemacht haben und die sich nie verändert hat, dann ist es diese:

Wir alle wünschen uns tollen Sex, ein ausgefülltes Liebesleben und eine aufregende Partnerschaft.

Darin sind wir Christen nicht anders als alle Menschen auf der Welt. Doch tun sich Christen viel schwerer damit, diesen Wunsch zu leben. Das haben wir auch beobachtet. Warum ist das so? Warum werten wir gerade in christlichen Kreisen Leben und Lieben der Geschlechter so tief ab und stellen alles unter den Verdacht der Unkeuschheit? Was läuft falsch, dass so viele christliche Ehen in der Sexualität und manchmal überhaupt unglücklich sind?

Jörg Zink, ein deutscher evangelischer Theologe, sagt in seinem Buch Was bleibt, stiften die Liebenden: »Das Liebesspiel ist uns gegeben, damit wir in der Liebe glücklich seien.«1

Dieses Buch hat mir mein Mann vor über 30 Jahren in unserer Kennenlernzeit geschenkt, und wir haben es uns gegenseitig vorgelesen. Es zeigt zwei Wege für ein Liebespaar: Als Paar in die Welt hinauszugehen und zu suchen, was Gott für uns hat. Und einen Weg nach innen zu gehen, wo wir entdecken, wer Gott in uns ist, wer wir selbst sind, wer wir als Paar sein können. In diesem Buch wird das Hohelied Salomos aus der Bibel in dichterischer Weise aufgenommen und für Liebende gedeutet. Die Auslegung dieser poetischen Texte war damals für uns eine Offenbarung darüber, wie Gott Sexualität und Paarbeziehung gemeint haben könnte.

»Die Welt ist groß. Geh deinen Weg mit kräftigen Schritten. Weite dich. Dehne dich aus. Sei nicht zufrieden mit dem, was du bist und was du kannst. Aber dein Heil ist nicht außen allein. Nimm auch den anderen Weg unter die Füße: den nach innen. Suche mit aller Klarheit deines Geistes nach Wahrheit. Es geht um deine Seele und Gott. Um Gott und deine Seele. Und wenn du ein Liebender bist an der Seite eines Geliebten, dann geh beide Wege gemeinsam mit ihm.«2

Jörg Zink

Wir waren und sind ein Paar, das nicht mit dem zufrieden ist, was uns gesagt wurde. Wir wollten die Wahrheit wissen. Unsere Wahrheit, die wir glaubten, von Gott für uns offenbart zu bekommen. So machten wir uns auf den Weg, gemeinsam unsere eigene Welt zu erobern, um ein gemeinsames Leben zu finden, inklusive der Sexualität und des Liebeslebens.

»Du traust dir zu, die Welt zu erobern. Du hast den Mut, dich zu zeigen. Du nimmst dein Recht wahr. Du findest deine Gestalt und dein Werk. Die Welt hat Raum, und du nimmst Raum in Anspruch. Du willst wachsen und wirken. Du bewährst dich in verantwortlichem Tun. Du wagst die Auseinandersetzung, die fruchtbare Begegnung, aber auch den Konflikt.«3

Jörg Zink

Dieses Vermächtnis will ich der Generation meiner Kinder mitgeben. Sie ermutigen, es uns gleichzutun, sich ihr eigenes Heim zu bauen, zu ihrer eigenen Familie zu werden, ihre eigenen Freundschaften zu schließen, die äußere und ihre innere Welt zu durchwandern und sich aus dem Bann ihres Elternhauses zu lösen und als Liebespaar ihre eigene Gemeinschaft und ihre eigene kleine Welt zu gestalten.4 Sich aus dem Bann des Elternhauses lösen – was kann das heißen? Aus was für einem Bann sollen wir uns lösen? Zum Beispiel aus dem Bann einer großen Sprachlosigkeit zu heiklen Themen, die aber das ganz praktische Zusammenleben von Paaren und Familien existenziell bedrohen, wenn wir keine Worte dafür finden. Manche von uns sind in einer Atmosphäre groß geworden, in der zum Thema Sex eine große Sprachlosigkeit herrschte. Gerade im Umfeld christlicher Gemeinden begegnet mir dies immer wieder. Da wollten Eltern, Familien und Gemeindemitarbeiter das Beste für uns und haben uns sehr wohlmeinend gute Grenzen für das Ausleben von Sexualität aufzeigen wollen. Doch allzu oft haben ihnen die Worte dafür gefehlt, uns dabei trotzdem zu vermitteln, dass Sexualität etwas sehr Schönes und von Gott Gewolltes ist. Diese Sprachlosigkeit zum Thema Sex hat geprägt und setzt sich oft bis in die Ehen hinein fort. Paare, denen die Freiheit und die Offenheit fehlt, über Sex zu reden, oder die im Innern von einer falschen Scham geprägt sind, sind oft nicht frei, echte Leidenschaft in ihrem Sexleben zu empfinden.

Doch es geht nicht nur um Sex. Es geht auch um Liebe. Im Sex erleben wir nicht nur Lust, sondern suchen darin vor allem Zugehörigkeit zu einem uns liebenden Menschen, der uns annimmt, uns will, uns gut findet und bei dem wir uns wohlfühlen. Sex hat das Potenzial, diese Liebe lebendig zu erhalten. Ohne Sex steigt die Gefahr, dass die Liebe sich verabschiedet und die Nähe verloren geht.

Im Hohelied der Bibel finden wir eine wunderbare Sex-Sprache. »Ich staune über diese Lieder. Tausend Jahre vor Christus schon wurden sie gesungen. Ich staune über die bezaubernde Freiheit dieser Liebe. Da sind junge Menschen, die einander lieben, die einander liebkosen, die nach Plätzen suchen, in den Weinbergen, unter den Zypressen oder im Garten, wo sie ungestört sind mit ihrer Seligkeit«5 (Jörg Zink).

Was ich der Generation meiner Kinder auch mitgebe, ist, dass Liebe noch etwas mehr braucht: eine gemeinsame Geschichte. Wir sollen nicht nur eine eigene Welt gestalten, sondern auch eine gemeinsame Geschichte als Paar entwickeln. Eine Geschichte, die wir uns ein Leben lang erzählen können und die zu uns gehört, wie es Eva Illouz ausdrückt: »die Geschichte der Liebe, die sich ein Paar erzählt, vom Anfang, seinen gemeinsamen Erfahrungen, seiner Moral. Die gute Geschichte zwischen zwei Menschen. Daran muss man glauben.«6 Eva Illouz ist Professorin für Soziologie und Anthropologie in Jerusalem. Sie vergleicht Liebe mit Glauben und sagt: »Liebe ist religiösem Glauben ähnlich: Jemanden zu lieben heißt, an etwas zu glauben, was er repräsentiert. Ich liebe, solange ich daran glaube, dass diese Person etwas darstellt, was mir wichtig ist: ihre Güte, ihre Integrität oder ihre Liebe. Irgendwann hören die Menschen auf, an diese spezifische Liebesgeschichte zu glauben, und denken: Ich glaub nicht mehr daran, dass du dieser großartige Mensch bist, besser als all die anderen; ich glaub nicht mehr, dass unsere Geschichte einzigartig ist; ich seh überall Leute mit besseren Geschichten. Sich zu entlieben heißt, aufzuhören, an den zu glauben, der Geliebter sein wollte.«7 Daran wollten mein Mann und ich unbedingt glauben, dass der andere Geliebter sein und bleiben wollte. Auch Sex-Geliebter. Und wir wollten entdecken, wie Gott es gemeint hat, dass es möglich ist, dass ein Paar gleichberechtigt zusammen und auf gleicher Augenhöhe leben kann. Und das ein ganzes Leben lang.

Lass mich deinem Herzen nahe sein, so wie der Siegelring auf deiner Brust. Ich möchte einzigartig für dich bleiben, so wie der Siegelreif um deinen Arm. Unüberwindlich wie der Tod, so ist die Liebe, und ihre Leidenschaft so unentrinnbar wie das Totenreich! Wen die Liebe erfasst hat, der kennt ihr Feuer: Sie ist eine Flamme Gottes!

Hoheslied 8,6; HFA

Ich habe selbst erfahren, dass es nichts an mir gibt, das Gott mehr oder weniger lieben würde. Geist, Seele und Körper sind eine Einheit. Gott liebt meinen Geist nicht mehr als meinen Körper. Und ich habe für mich gelernt, dass diese Einheit üben kann, Sex genussvoll zu gestalten und Liebende oder Liebender sein zu wollen. Theodor Fontane fordert uns sogar heraus, zu überdenken, ob nicht sogar Glücklichsein eingeübt werden kann, und die Erfahrung in der Paarberatung lässt mich ihm Recht geben: »Vielleicht kann man glücklich sein, wenn man glücklich sein will, und ich hab’ einmal gelesen, man könnte das Glück auch lernen.«8

Darum ist dieses Buch ein Wissensbuch, wie Sex und Lieben geht. Sex und Lieben aus Sicht der Bibel, aus meiner Sicht als Sexualberaterin, unter Einbezug des Glaubens, Wissens, Denkens, Fühlens, Handelns und aller Sinne.

Komm, mein Geliebter, wir wollen aufs Feld hinausgehen und die Nacht zwischen wilden Blumen verbringen. Lass uns früh am Morgen hinaus in die Weinberge gehen. Lass uns nachsehen, ob die Weinstöcke bereits treiben, die Knospen sich öffnen und die Granatapfelbäume blühen. Dort will ich dir meine Liebe schenken!

Hoheslied 7,12f; NLB

[ Zum Inhaltsverzeichnis ]

1 | SICH DAS BEGEHREN ERSCHLIESSEN – WIE WIR SEX ERLEBEN

1 | SICH DAS BEGEHREN ERSCHLIESSEN – WIE WIR SEX ERLEBEN