Rosa Schmidt

MEIN MANN,
DER RENTNER

Das geheime Tagebuch einer Ehefrau

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BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe
des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Originalausgabe

Copyright © 2014 by Bastei Lübbe AG, Köln

Textredaktion: Viola Krauß, Köln

Umschlaggestaltung: Tanja Østlyngen

unter Verwendung einer Illustration von © Fabian Erlinghauser

Datenkonvertierung E-Book:

hanseatenSatz-bremen, Bremen

ISBN 978-3-8387-2549-9

Sie finden uns im Internet unter
www.luebbe.de
Bitte beachten Sie auch: www.lesejury.de

JANUAR

Die Nachricht

Dienstag 1. Januar

13 Uhr

Wusste, dass dieser Tag irgendwann kommen würde. Aber jetzt und heute – musste das sein? Günther ist gerade wieder raus, zur Arbeit. Himmel, ich bin fix und fertig. Beim Spülen wär mir fast ein Teller runtergefallen.

Also, was ist passiert?

Günther kam – wie jeden Tag – zum Mittag nach Hause. Seine Firma ist nur zehn Minuten mit dem Fahrrad entfernt, deswegen verbringt er seine Mittagspause immer zu Hause. Heute hatte ich Geschnetzeltes auf Reis und als Nachtisch Schokoladenpudding vorbereitet. Alles war wie immer. Bis Günther plötzlich den entscheidenden Satz sagte: »Ab Februar bin ich übrigens in Rente.«

»Wie bitte?«, nuschelte ich mit vollem Mund und glaubte noch hoffnungsvoll, ich hätte mich verhört.

»Ich habe schon alles geklärt. Muss nur einen kleinen Abschlag hinnehmen, wenn ich jetzt schon und nicht erst in einem Jahr aufhöre.«

Günther aß zufrieden weiter.

»Und warum gerade jetzt?«, stieß ich hervor. (Ich befürchte, meine Stimme hatte einen leicht panischen Klang.)

»Na ja, Ende des Monats sind wir mit der Schule am ZOB durch. Ist doch gut, wenn ich das noch zu Ende bringe und das neue Projekt dann dem Nächsten überlasse.«

Beherzt nahm Günther sich noch einen Nachschlag vom Pudding.

Zehn Minuten später schwang er sich wieder aufs Fahrrad, und ich stand paralysiert in der Küche. Es ist ja nicht so, dass ich nicht gerne Zeit mit Günther verbringe. Aber in den letzten 35 Jahren – großer Gott, waren es wirklich schon so viele? – war Günthers Hoheitsgebiet nun einmal tagsüber das Büro und meins das Haus. Nicht, dass ich jedes Mal komplett durchgedreht bin, sobald er das Haus verlassen hat. Nein, ich hatte einfach nur mein eigenes Leben. Mein eigenes, selbstbestimmtes Leben.

17 Uhr

Ist Günther jetzt bald immer zu Hause? Den ganzen Tag???

24 Uhr

Kann nicht schlafen. Muss an Günther denken. Und die Zeit, die vor uns liegt. Weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Herrje, ich fühle mich schlecht. Eine gute Ehefrau, die freut sich doch, wenn ihr Mann in Rente geht, oder etwa nicht? Aber mal im Ernst: Wie stellt er sich das Ganze denn bloß vor?

Donnerstag, 3. Januar

Habe versucht, alles wie immer zu machen. Morgens war ich bei Tante Lotti im Heim, mittags hatte ich Schicht bei der Tafel, wo ich zweimal die Woche bei der Essensausgabe helfe. Nachmittags habe ich eingekauft, die Wohnung geputzt und die Wäsche gemacht. Abends brachte ich meiner Nachbarin Marlies einen Blumenstrauß zum Geburtstag vorbei. Danach noch kurz ferngesehen, und um 23 Uhr lag ich schließlich erschöpft im Bett. Es hätte ein ganz normaler Dienstag werden können, wenn mir nicht zwischendurch immer wieder die Worte »Günther« und »Rente« in den Kopf geschossen wären. Habe neulich bei Markus Lanz einen Lottogewinner gesehen, der von seinen ersten Wochen im Millionenrausch erzählte. Er habe sein ganz normales Leben weitergelebt, aber irgendwie musste er schlagartig immer wieder an die Millionen denken. »Das war kaum zu realisieren«, sagte er und guckte dabei selig-verklärt in die Kamera. Mir dagegen schießt regelmäßig mein Ehemann ins Hirn, der bald hauptberuflich auf dem Sofa sitzen wird. Wenn ich daran denke, gucke ich leider nicht selig-verklärt, sondern eher angstvoll-hysterisch.

Freitag, 4. Januar

Ich gebe zu: Es ist nicht so, dass Günther aus heiterem Himmel in Rente geht. Wir hatten schon öfter über das Thema gesprochen, und natürlich ist mir durchaus bewusst, dass ein arbeitender Mensch irgendwann in Rente geht. Auch hatten wir schon einmal überlegt (rein theoretisch!), ob er vielleicht früher als mit 65 in Rente gehen könnte. (Das Thema kam auf, als unser Nachbar Jürgen, der Mann von Marlies, bereits mit 62 seinen Job beim Ordnungsamt an den Nagel gehängt hat und seitdem wesentlich ausgeglichener wirkt. Er pflanzt nun oft im Garten irgendwelche Bäume und so.)

Günther wird im Oktober 64 Jahre alt. Eigentlich bin ich davon ausgegangen, dass Ursula von der Leyen ihn höchstpersönlich mit Ende sechzig von seinem Schreibtisch wegziehen werden muss. Ach was, mit Ende siebzig.

Denn: Günther lebt für seine Arbeit. Er arbeitet als Ingenieur für eine Baufirma, die sich auf die Sanierung von Gebäuden spezialisiert hat. Natürlich machen das Tausende andere Menschen in Deutschland auch, aber ich würde die mutige Behauptung aufstellen wollen, dass niemand sich in den Beruf so reinsteigert wie Günther. Morgens ist er der Erste im Büro, abends der Letzte, der geht. Selbst in den heiligen Urlaub nimmt sich Günther Arbeit mit (»Sonst komme ich ja völlig raus«), und manchmal müssen wir Ausflüge am Wochenende so legen, dass wir auf dem Weg dorthin an irgendeiner Baustelle vorbeikommen. Als unsere Tochter Julia ungefähr 13 war, rief sie eines Tages: »Das ist so ungerecht! Andere fahren mit ihren Eltern in den Freizeitpark, und ich muss mir so dämliche Bagger ansehen!« Damit war klar, dass Günthers großer Traum – Julia studiert Bauingenieurwesen und tritt in seine Fußstapfen – nicht in Erfüllung gehen würde.

Inzwischen ist Julia 29 und Buchhändlerin in Köln. Studiert hat sie (sogar fast bis zum Ende) Germanistik. Wenn sie uns am Wochenende mal besucht, müssen wir zwar ab und zu auch heute noch zu einer Baustelle fahren, doch inzwischen lachen wir darüber. Julia schüttelt dann meistens den Kopf und sagt lachend: »Ach, Papa.« Günther schüttelt den Kopf und sagt lachend: »Typisch Frauen, keinen Sinn für die wichtigen Dinge im Leben.« Und ich schüttele meinen Kopf und sage lachend: »Männer lassen sich eben leider nicht ändern.«

Kurz: Wir sind eine ganz normale Familie.

Oder waren es bis jetzt zumindest.

Sonntag, 6. Januar

Gott sei Dank: Ich habe ganz umsonst die Pferde scheu gemacht. Alles wird gut. Mir fällt ein Stein vom Herzen. Himmel, was bin ich beruhigt. Alles wird gut. Zwar sitzt mir der Schock der drohenden Rente noch immer in den Knochen, aber zum Glück war es nur ein Fehlalarm. Alles wird gut. Sagte ich das bereits?

Folgendes ist passiert: Ich habe mit Ute telefoniert, meiner besten Freundin. Seit sich Julia und Utes Sohn Florian im Kindergarten kennenlernten, sind wir beide unzertrennlich. (Unsere wunderbare Idee, später einmal zu heiraten, haben die beiden komischerweise abgelehnt.) Ich rief also heute Vormittag Ute an und erzählte ihr hektisch, dass Günther in genau 26 Tagen, 624 Stunden und 37440 Minuten in Rente gehen würde. Grundgütiger, allein beim Erzählen davon überschlug sich meine Stimme, und mein Herz raste. In meinem Alter darf man sich doch nicht mehr so aufregen, ermahnte ich mich und versuchte, mich an das autogene Training zu erinnern, das ich vor Jahren einmal an der Volkshochschule mitgemacht hatte. Ausatmen … einatmen … ausatmen … einatmen. Tief und ruhig. Ich legte meine Hand auf den Bauch und spürte, wie mein ganzer Körper zitterte. »Nun beruhig dich erst mal«, sagte Ute. »So einfach geht das alles doch gar nicht. Wann hast du gesagt, will Günther in Rente gehen?«

»Am 1. Februar«, brachte ich stöhnend hervor.

»Und wann hat er dir davon erzählt?«

»Am Dienstag.«

Ute fing an zu lachen und sagte, dass das ja wohl mal wieder typisch Mann sei. Dann erzählte sie von den ganzen Formalitäten, die man erfüllen muss, wenn man in Rente geht. (Wenn das jemand weiß, dann Ute, die bis vor zwei Jahren bei der Stadt tätig gewesen war.) Der Rentner in spe muss auflisten, was er wann und wo genau gearbeitet hat, muss einreichen, ob er irgendwelche Krankheiten hatte und sich das vom Arzt bescheinigen lassen, und spätestens vier Monate vor Rentenbeginn – besser schon vorher – muss er mit dem Arbeitgeber sprechen.

»All das nimmt wahnsinnig viel Zeit in Anspruch«, beschwichtigte mich Ute. »Da hat Günther sich bestimmt noch nicht drum gekümmert. So etwas wissen Männer doch gar nicht. Aber sei doch froh. Am 1. Februar wird er wie gehabt in seinem Büro sitzen, und dir bleibt eine Schonfrist.«

Ute und ich rechneten hoch, dass Günther mindestens ein halbes Jahr brauchen würde, um den Antrag zu stellen und alles vorzubereiten. Will heißen: Frühestens im August könnte Günther tatsächlich Rentner sein. Das hört sich doch schon ganz anders an. Das sind noch satte sieben Monate. Bis dahin hat Günther ein Hobby gefunden, das ihn im Ruhestand ausfüllen wird. Bis dahin habe ich mich an den Gedanken gewöhnt. Bis dahin haben wir eine Idee, wie wir gemeinsam die Zeit verbringen können. Alles wird gut.

Montag, 7. Januar

Habe Günther beim Mittagessen mit dem Ach-so-furchtbaren-Fakt konfrontiert, dass so ein Rentenantrag ganz, ganz, ganz viel Zeit in Anspruch nimmt.

»Ich weiß, dass du dich schon auf den 1. Februar eingestellt hast«, flötete ich unschuldig. »Es wäre ja auch zu schön gewesen, wenn alles so reibungslos geklappt hätte. Aber Ute hat erzählt, dass es mindestens ein halbes Jahr dauert, bis man alle Unterlagen zusammen hat.« Ich versuchte, ein trauriges Gesicht zu machen und legte fürsorglich meine Hand auf seine. »Wenn du magst, können wir uns nächste Woche gerne gemeinsam einen Überblick verschaffen, was man so braucht.«

Günther strahlte mich während meines Monologs unbeirrt an, was mich stutzig machte.

»Ist alles schon eingetütet«, gab er stolz bekannt. »Habe ich alles nach Feierabend geregelt. Der 1. Februar steht. Sollte eine Überraschung für dich werden. Freust du dich?«

Mittwoch, 9. Januar

Günther hat einen Kalender gebastelt, von dem er bis zum 1. Februar die letzten Tage abreißt. Hinter dem letzten Kalenderblatt am 31. Januar steht in großen Buchstaben: »FREIHEIT

12 Uhr

Günther kommt kurz zum Mittag nach Hause, zeigt auf den Kalender, den er neben den Kühlschrank gehängt hat, und singt: »Der Countdown läuft«, wie aus dem Song Major Tom von Peter Schilling. Dabei macht er eine Handbewegung wie Dieter Thomas Heck.

15 Uhr

Julia ruft an, will wissen, ob ich Papa schon eine Staffelei gekauft habe. Er hätte ihr am Wochenende erzählt, dass er malen will, wenn er in Rente ist.

23 Uhr 30

Es ist schön, immer noch neue Sachen über seinen Partner zu erfahren, selbst wenn man schon 35 Jahre zusammen ist. Doch das hier, das geht mir jetzt alles ein Stückchen zu weit. Wusste weder, dass Günther a) das Lied Major Tom kennt, b) singt, c) seine Arbeit schrecklich findet, noch dass er d) den Wunsch verspürt, zu malen.

Er hat noch nie in seinem Leben gesungen.

Er war ein Workaholic, der am Wochenende in die Firma gefahren ist und spätabends zufrieden nach Hause kam.

Er wollte noch nie malen.

Ich schiele zu Günther rüber, der aussieht wie immer und schnarcht. Wer ist der fremde Mann in meinem Bett???

Donnerstag, 10. Januar

Ute sagte, dass ich nicht so laut aussprechen soll, was die drohende Rente von Günther in mir auslöst. »Normalerweise freut sich die Ehefrau, wenn der Mann endlich zu Hause ist, und zwar für immer.«

Ute warf mir einen strengen Blick zu, und ich bekam prompt ein schlechtes Gewissen.

Vielleicht sollte ich mal etwas klarstellen: Es ist nicht so, dass ich mich überhaupt nicht über Günthers baldigen Ruhestand freue. Nein, ich freue mich vor allem für Günther. Nach fast vierzig Jahren harter Arbeit hat er es sich redlich verdient, nach Belieben auszuschlafen, Stunden auf dem Sofa zu sitzen oder tagelang ohne Sinn und Verstand im Garten auf und ab zu gehen. Wirklich, all das gönne ich ihm von Herzen. Wenn ich angesichts seiner Rente eine Schnappatmung bekomme, liegt es allein daran, dass ich nicht weiß, wie es mit uns werden soll, wenn er ständig zu Hause ist.

Ich muss wohl kurz ausholen, damit man das versteht. Ich bin ausgebildete Bürokauffrau und habe in Günthers Firma als Sekretärin gearbeitet, als wir uns kennenlernten. Sechs Jahre später kam Julia auf die Welt, und ich war Hausfrau und Mutter. Als Julia elf wurde, nahm ich eine Halbtagsstelle in einer Speditionsfirma an. 2004 aber bekam Tante Lotti, die Schwester meines Vaters, einen Schlaganfall. Da ich immer ein sehr enges Verhältnis zu ihr hatte und die einzige Verwandte bin, die ihr noch bleibt, habe ich meinen Job an den Nagel gehängt und mich um sie gekümmert. Zwei Jahre später wurde sie leider zu einem richtigen Pflegefall und wohnt seitdem im Altenheim. Ich fahre immer noch jeden Tag bei ihr vorbei, auch wenn es manchmal nur ein kurzer Besuch ist.

Seit acht Jahren arbeite ich nun also nicht mehr. Und was soll ich sagen? Ich hatte noch nie so viel zu tun. Ich schmeiße unseren Haushalt (bei 110 qm Doppelhaushälfte kommt da einiges zusammen), helfe zweimal die Woche bei der Tafel (plus eine Teamsitzung im Monat) und besuche wie bereits erwähnt jeden Tag unsere Tante Lotti. Julia scherzt immer, dass ich Angela Merkels Job übernehmen könnte, wenn sie mal krankheitsbedingt ausfallen würde. »Dich stresst wirklich nichts, Mama«, sagt sie dann immer. »Man denkt echt nicht, dass du schon 61 bist.« (An alle Töchter: Man freut sich zwar über so ein Kompliment, aber noch schöner ist es, wenn es positiv formuliert ist. Also nicht: »Man denkt nicht, dass du schon 61 bist«, sondern lieber »Du siehst aus wie fünfzig«. Nur als kleine Randnotiz.)

Zurück zu Günther. Strenggenommen spielt er bei all den Dingen, die ich so den ganzen Tag lang mache, keine Rolle. Fünf Tage in der Woche führen praktisch wir zwei parallele Leben. Die Wochenenden verbringen wir zwar gemeinsam (sofern er nicht in seinem Arbeitszimmer sitzt), doch seit 35 Jahren habe ich verlässlich jeden Montagmorgen Haus und Leben wieder für mich allein. Um Klaus Wowereit zu zitieren: Und das ist auch gut so!

Da sich Günther immer derart in seine Arbeit verbissen hat, ist er quasi hobbylos. Wenn er von der Arbeit nach Hause kommt, essen wir zu Abend und sehen danach noch kurz fern. Meistens geht Günther dann noch vor zehn ins Bett, weil er ja um fünf wieder aufstehen muss. Zeit für Sport, Lesekreise oder Stammtische bleibt da einfach nicht.

»Wolfgang (Anmerk.: Utes Mann) hat doch auch keine Hobbys«, sagte Ute neulich, als ich mit ihr den hobbylosen Günther diskutierte. »Viele Männer haben das nicht, Rosa.«

»Aber Wolfgang spielt doch jeden Donnerstag Tennis«, entgegnete ich.

»Ja, Tennis. Mehr hat er aber auch nicht.«

Wenn ich sage, Günther ist hobbylos, dann ist er wirklich hobbylos. Man kann ihm da keinen Vorwurf machen – denn wie will man in eine Sechzig-Stunden-Woche noch regelmäßige Skatrunden oder Mitgliedschaften im Tennisverein quetschen? Genau: Das ist schlichtweg unmöglich. Und das ist auch gar nicht das Problem.

Was mir wirklich Sorgen bereitet: Günther interessiert sich für nichts. Ich wiederhole: nichts. Kann mich nicht erinnern, dass er jemals gesagt hat: »Wenn ich im Ruhestand bin, will ich endlich …« Ich würde ja gar nicht in eine solche Panik verfallen, wenn seit Jahren an unserem Kühlschrank eine Liste hinge à la: »To do im Rentendasein: Modellflugzeuge bauen, Kochkurs machen …«

Mittwoch, 16. Januar

Kann mir nicht helfen. Wenn ich an Günthers Rente und Günther und mich denke, fällt mir automatisch meine Schulfreundin Barbara ein. Sie hat noch mit Ende vierzig ein Kind aus Uganda adoptiert, und obwohl dieses Kind ihr Ein und Alles ist, war sie zunächst ziemlich fertig mit den Nerven. »Mit Anfang zwanzig war das alles kein Problem«, stöhnte sie damals. »Aber jetzt ist es total anstrengend, sich rund um die Uhr um ein hilfloses Geschöpf zu kümmern, das voll und ganz auf mich angewiesen ist.«

Nun gut, Günther ist kein Kind aus Uganda, sondern ein 63-jähriger Deutscher – aber der Kümmere-dich-rund-um-die-Uhr-um-mich-Aspekt wird wohl trotzdem auf ihn zutreffen, befürchte ich. Ebenso der Ich-bin-auf-dich-angewiesen-Gesichtspunkt. (Bin mir nicht sicher, ob er zum Beispiel weiß, wo sich in unserer Küche die Besteckschublade befindet.)

Julia jobbte nach dem Abi drei Monate als Animateurin im Robinson-Club auf Fuerteventura. Vielleicht kann sie mir ein paar Kniffe zeigen, wie man die Massen – na ja, in dem Fall nur Günther – bei Laune hält. Ich sehe schon, wie Günther und ich zu zweit eine Polonaise durch unseren Garten machen. Gott bewahre.

Sonntag, 29. Januar

Das letzte Wochenende in Freiheit – äh, ich meine natürlich mit einem arbeitenden Ehemann – liegt hinter mir. Günther und ich haben für unsere Verhältnisse lange geschlafen (bis halb zehn!). Während Günther noch ein paar Unterlagen für die Firma sortierte, machte ich das Mittagessen (Gulasch mit Rotkohl und Kartoffeln), später holten wir uns bei Bäcker Gottschalk zwei Schwarzwälder Kirschschnitten (für die könnte ich töten!) und guckten dann Kleider machen Leute mit Heinz Rühmann. »Herrlich«, sagte Günther und tippte auf das Sofa. »Das hier wird bald mein neuer Arbeitsplatz.« Er strahlte.

Günther freut sich anscheinend wirklich. Oder spielt er das nur?

FEBRUAR

Gute Zeiten, schlechte Zeiten