Buchcover

Anna E. Weirauch

Der Skorpion

Band 2

Saga

Qui vivens laedit Morte Medetur

„Vous, que dans votre enfer mon áme
a poursuivies,
Pauvres sæurs, je vous aime autant
que je vous plains,
Pour vos mornes douleurs, vos soifs
inassouvies,
Et les urnes dámour dont vos grands
coeurs sont pleins!“
Baudelaire

Mette Rudloff verschloß und verriegelte die Tür. Sie hörte die Schritte des Mädchens sich entfernen, hörte das An- und Abknipsen der elektrischen Schalter, irgendwo in ziemlicher Entfernung eine Klinke gehen, eine Angel kreischen – wieder Schritte ... ein leises, immer wiederkehrendes ungleichmäßiges Geräusch, als ob ein offenstehendes Fenster im Winde klappte. Und Stille. Eine weit sich wölbende, leere, kühle, dunkle, reglos harrende Stille.

Mette mußte sich entschließen, endlich die Hand vom Riegel zu nehmen und nach dem Lichtschalter zu gehen, obgleich sie sich ein wenig fürchtete vor dem Schall ihrer Tritte und dem Rauschen ihrer Röcke. Sie drehte alle Flammen an, auch die kleinen Lampen neben dem Bett und auf dem Schreibtisch. Die blendende Lichtfülle tat ihr wohl. In dem überhellen Raum ging sie an den Wänden entlang, schloß die leeren Schränke auf und wieder zu, hob die Gardinen und ließ sie wieder fallen.

Sie hatte nicht den Gedanken, daß sich irgendwo ein Mensch, ein Verbrecher verborgen haben könnte, aber sie versuchte, sich auf jede Weise mit der fremden Umgebung vertraut zu machen. Sie hatte Angst davor, daß irgendetwas sie überraschen und dadurch erschrecken könnte. Die nie gesehenen Möbel konnten im dunklen Zimmer so leicht eine spukhafte Gestalt annehmen, ein Luftzug konnte der Gardine die Form eines Menschen geben. Sie betrachtete auch die Bilder mit Aufmerksamkeit. Sie erinnerte sich aus fiebrigen Abenden der Kinderzeit, daß selbst wohlbekannte Bilder, wenn man sie in der Dämmerung oder beim Schein des Nachtlichts vom Bett aus sah, sich zu grauenvollen Fratzen verwandeln konnten.

Sie versuchte, sich die Linien der blühenden Landschaften, der friedlichen Bauernhäuschen, der drolligen Kinderköpfchen einzuprägen, um sie nachher wiederzufinden in den verschwommenen Flecken, die sich so gern zu hohngrinsenden Ungeheuern, zu ekelerregenden oder furchteinflößenden Fabelwesen ballten und zerrten.

Als sie das Zimmer auf diese Art untersucht hatte, drehte sie das Licht wieder aus, bis auf eine Birne, die den übermäßig großen Raum nur dämmrig erhellte. Aber nun war in dieser Dunkelheit nichts Erschreckendes mehr – Mette wußte ja: dieser vorspringende Schatten war die geschweifte Kommode, und der befremdende Lichtschein kam von der Kante des Waschtischspiegels, die ihn von dem Bild der Lampe im Schrankspiegel auffing.

Sie schloß den Handkoffer auf und nahm das Notwendigste heraus: das Nachthemd, das sie übers Bett warf, ein paar Flaschen und Bürsten, die sie nach dem Waschtisch trug. Dann zog sie den Nachttischkasten auf und legte ihn mit einem weichen seidenen Tuch aus, – so sorgfältig, als glätte sie einem Geliebten das Lager oder bereite eine priesterliche Handlung vor. Mit behutsamen Bewegungen, als trüge sie etwas Lebendiges, bettete sie den Revolver und das Zigarettenetui mit dem Skorpion hinein. Sie schob den Kasten zu, mit einer angestrengten Entschlußkraft, denn wie immer, weckte der Anblick des Revolvers den fast leidenschaftlichen Wunsch in ihr, den kühlen, glatten, metallenen Mund an die Schläfe zu setzen. Sie fürchtete sich davor, diesem Wunsch nachzugeben, denn sie wußte nicht, ob nicht eine plötzliche Regung sie verleiten würde, die Sicherung zu lösen, den Hahn zu berühren und also mehr durch einen Zufall als aus Notwendigkeit sich selbst zu zerstören, und damit Denken, Fühlen, Erinnerung und Erwartung auszulöschen.

Sie wollte nicht sterben. Oder vielmehr, sie wäre gern gestorben, wenn sie dann nicht hätte tot sein müssen. Sie wäre gern desselben Todes gestorben, den Olga Radó starb, nur um sich mit dem letzten Gedanken sagen zu können, daß sie nun ertrug, was Olga ertragen hatte, und daß es also nicht so unerträglich sein konnte, nicht so entsetzlich, wie die unerfahrene Phantasie es sich ausmalte.

Aber andererseits hatte sie eine brennende Begier nach dem Leben, von dem sie so wenig wußte. Nicht, daß sie sich große Freuden, hohe Entzückungen davon versprochen hätte. Aber sie fühlte sich dem schönen und grauenvollen Untier gegenüber so gut gewappnet, daß es schade gewesen wäre, den Kampf aufzugeben. Ihr war, als hätte Olgas Blut ihrer Seele das unverletzliche Kleid gegeben, das der hölzerne Siegfried im Blute des Drachen gewann. Sie war überzeugt, das Schönste, das Schwerste, das Wichtigste ihres Lebens überstanden zu haben. In der Tragödie oder Komödie, in der mitzuwirken sie durch ihre Geburt gezwungen war, hatte sie nur im ersten Akt eine Rolle zu spielen gehabt. Alle Kräfte und Gefühle hatte sie verausgabt – nun mischte sie sich unter die Statisten, noch glühend, aber doch schon ermüdet von den Erschütterungen, die sie durchtobt hatten, und sah halb neugierig und halb gelangweilt dem Spiel der andern zu.

Aber im Grunde überwog die Neugier, und obgleich sie wußte, oder zu wissen glaubte, daß sie niemals mehr zu einer starken Empfindung – sei es Glück oder Schmerz – fähig sein würde, obgleich sie ihr Gemüt gegen Eindrücke jeder Art gepanzert fühlte, drängte es sie, gleichsam um die Unversehrbarkeit dieses Panzers zu erproben, Eindrücke aufzusuchen, sich ihnen darzubieten – sich in das Gewühl des Kampfes zu stürzen, die starrenden Speerspitzen gegen die Brust zu drücken.

Das erste, dem sie sich willig hingab, und dessen Verwundungen sie früher sicher nicht standgehalten hätte, war dies: Fremde und Einsamkeit.

Aus dem Gefühl heraus, das sie selber in ihrer jungen Freiheit sich dies erwählt hatte: Fremde und Einsamkeit, und bei dem Gedanken daran, daß nichts ihr mehr wehtun könne und wehtun dürfe seit der Trennung von Olga, seit Olgas Tod, empfand sie die kühle und fast feindliche Stille als wohltuend und erlösend.

Sie wußte es: die Einsamkeit würde sie ertragen können. Aber morgen würde sie gezwungen sein, mit zehn oder fünfzig fremden Menschen in einem Raum ihre Mahlzeiten einzunehmen. Diese Vorstellung hatte etwas Atemberaubendes. Neugierige Augen prickelten auf ihrer Haut wie Nadelspitzen. Aber auch das würde sich ertragen lassen.

Unten im Haus schlug eine Tür, dumpf und schwer, daß ein Zittern durch alle Wände lief. Der Fahrstuhl hob sich mit einem summenden Geräusch – es war, als ob in dem Riesenleib des Hauses ein mühsamer Atemzug aufröchelte. In der Stille der Nacht vernahm man ganz deutlich das Knacken, wenn er am ersten, am zweiten Stockwerk vorüberglitt.

Man hörte das Aufschnappen der Tür, das Ins-Schloß-Fallen, Schlüsselklappern, Schließen, das Drehen der Lichtschalter, Schritte, die behutsam über den dämpfenden Teppich gingen, aber doch die Dielen zum Knarren brachten, ein unterdrücktes Lachen, ein geflüstertes Gute-Nacht-Rufen.

Mette versuchte nachzuprüfen, ob die Stimmen, die sie kaum vernommen, angenehm oder unangenehm gewesen seien – sie kam zu keinem abschließenden Urteil.

Die Tür zum Nebenzimmer ging. Man hörte das leiseste Geräusch, das Anknipsen des Lichtes, das Zuziehen der Fenstervorhänge.

Nichts wußte Mette von diesem Menschen da nebenan, nichts. Nicht einmal den Namen, nicht das Alter, nicht einmal so viel, wie jedes Gesicht verrät, das auf einer dunklen Straße an einem nachlässigen Blick vorübergleitet – und doch wußte sie, daß dieses nachbarliche Wesen nicht gern früh geweckt wurde – denn es verschloß die Fenster mit ungewöhnlicher Sorgfalt. Es mußte ein rücksichtsvoller Mensch sein, denn er bemühte sich, leise zu sein, zog gleich die Stiefel aus und schlüpfte in weiche Schuhe, so daß man den Schritt nicht mehr hörte, ihn nur noch durch eine leichte Erschütterung spürte. Es war auch ein reinlicher Mensch, der sich trotz der späten Stunde mit viel Ausdauer die Zähne putzte.

Mette mußte lächeln. Vielleicht wäre es das sicherste, die Bekanntschaft aller Menschen auf diese Weise zu machen. Was half es einem, den Namen eines Fremden zu erfahren, oder seinen Beruf, oder den Stand seines Vaters! Was half es einem, mit einem Menschen zu plaudern, Stunden um Stunden, um schließlich nichts von ihm zu wissen, als wo er den letzten Sommer verbracht hatte, oder wie er die Besetzung der neuesten Operette fand!

Und was half es einem, wenn man Wand an Wand mit einem Menschen wohnte und jeden Atemzug hörte ... und doch nichts von ihm wußte?

Ach, was half es selbst, mit einem Menschen eines Blutes zu sein, und alle Tage des Lebens, vom ersten an, mit ihm zu verbringen. Oder was half es, einen Menschen zu lieben, ihn zu lieben mit jeder Faser des Leibes und der Seele – wenn im letzten Grunde doch einer nichts vom anderen wußte!

Es war so unendlich schwer, sich zurechtzufinden in diesem Wirrwarr von Charakteren, Gefühlen, Schicksalen und Lügen, die so millionenfach verschlungen, einen selbst mit umschlangen – ach, so schwer, daß man hätte weinen können, wenn man daran dachte, wie hilflos man war!

Mette trat ans Fenster und lehnte sich hinaus. Sie suchte am Himmel den Antares, ihren Stern. Aber die Brandmauern der Häuser verdeckten ihn. Sie beugte sich ein wenig weiter und sah den Schacht des Hofes hinunter. Ein seltsamer Schwindel faßte sie an. Wenn sie in die Tiefe da herunterglitte, würde es kein Mensch bemerken. Und wenn man morgen früh dann ihre Leiche dort unten fände, würde man nicht wissen, was man anfangen, wen man rufen, wen man benachrichtigen sollte.

Mette Rudloff war ja jetzt frei. So frei, daß ihr eine leiser Schauer über den Rücken rieselte. Nirgends der Druck einer Kette, aber auch nirgends ein haltendes Band, nirgends eine engende Mauer, aber auch nirgends ein schützendes Dach.

Die Menschen, denen Liebe oder Pflicht sie verbunden hatte, waren tot. Vater war tot, Olga war tot. Von den andern hatte sie selbst sich mit scharfem Schnitt gelöst.

Und nun glitt sie frei durch den unendlichen Raum, wie ein losgetrenntes Blatt, wie eine schwebende Schneeflocke. Ihre Hände klammerten sich um das Fensterbord, als fürchte sie, ein Lufthauch könne sie losreißen, forttreiben, zerschellen.

Eine Furcht überkam sie, als wäre sie ein verirrtes Kind, dem im Dunkeln alle Wege gleich fremd und bedrohlich erscheinen.

Ihre verzweifelten Blicke suchten nach einem Halt und fanden ihn in dem steten, milden und geheimnisvollen Glanz der Sterne über ihr.

‚Liebe Sterne‘, dachte Mette, ‚wie gut, daß ihr da seid! Immer noch dieselben, wie vor Zehntausenden von Jahren, und sogar noch dieselben von den Abenden, als ich mit Olga am Wannsee lag. Es gibt keinen Zufall, es kann keinen Zufall geben. Warum prallen die Sterne da oben nicht aneinander und stieben wie ein Funkenmeer durch die Nacht? Ewige, unzerstörbare Gesetze halten ihr Milliardengewicht schwebend im Raum und führen sie mit so überlegener Ruhe ihre Bahn, als sei es das leichteste von der Welt, Sterne zu regieren. Und irgendwo stehe ich auch unter diesen Gesetzen und kann mich nicht dagegen wehren – und will es ja auch gar nicht. Ich bange mich vor der Entscheidung, ob ich rechts oder links gehen soll, und dabei sind ja doch alle Wege versperrt bis auf den einzigen, den ich gehen soll und muß, weil er der meine ist, der unabänderlich vorgeschriebene, der ans Ziel führt. An welches Ziel? Ich weiß es nicht. Aber da ich lebe, so wird man ja wohl noch irgend etwas mit mir vorhaben, und das beste ist, in Geduld zu warten.‘

Ein Gesangbuchvers aus ihrer Kindheit drängte sich ihr in die Gedanken – aber sie konnte ihn nicht mehr richtig zusammenbringen:

... der Sonne, Mond und Winden

Gibt Wege, Lauf und Bahn,

Der wird auch Wege finden,

Da dein Herz gehen kann.

Die Worte summten ihr immerzu im Kopf herum, während sie sich auskleidete. Aber erst als sie im Bett lag, fiel es ihr plötzlich ein:

„Die dein Fuß gehen kann“

hieß es wohl. Wie war sie nur auf „Herz“ gekommen? Ach, vielleicht, weil es ihr wichtiger erschien – so unendlich viel wichtiger ...

Mette durchwanderte Museen und Galerien mit angespannter Aufmerksamkeit, gleichsam mit zusammengebissenen Zähnen. Sie erlaubte es sich nicht mehr, wie früher durch die Säle zu schlendern, zu betrachten, was ihr gefiel, wie ein Kind in einem Bilderbuch zu blättern, ohne etwas nach dem Namen der Maler zu fragen, nach der Zeit, in der sie gelebt, oder gar nach der Schule, der sie angehört hatten.

Sie arbeitete sich systematisch durch das überreiche Material hindurch. Sie kaufte sich einen ganzen Stapel von Kunstgeschichten, Monographien, Führern durch die Museen und studierte sie so gewissenhaft wie Schulaufgaben.

Manchmal übte ein Bild eine starke Anziehungskraft auf sie aus, das sie nirgends als besonders wertvoll verzeichnet fand. Aber noch gestattete sie sich keinen eigenen Geschmack. Sie schalt sich selber mit unnachsichtiger Strenge jung, dumm, unreif, ungebildet. Es konnte vorkommen, daß sie einem heimlich geliebten Bilde, das von anderen verächtlich behandelt wurde, im Vorübergehen einen zärtlichen Blick zuwarf, der sagen sollte: ‚Noch kann ich mich nicht mit Dir beschäftigen, noch kann dir mein Wohlwollen auch gar nichts nützen, weil ich viel zu unwissend bin – erst muß ich lernen, so klug werden, wie die Klügsten der anderen, dann will ich dich entdecken und will dein Lob singen.‘

Zuerst mußte man die ganz unanfechtbaren Größen aufsuchen, sich mit ihnen vertraut machen, sie in sich aufnehmen. Manchmal empörte sich Mettes Gefühl gegen irgend etwas, was sie schön und großartig finden sollte. Das konnte sie in eine tiefe Mutlosigkeit stürzen. Sie überlegte umsonst, ob sie nicht irgend jemand um Rat bitten könnte – um Beistand gegen die Autorität, die für bezaubernd und reizvoll erklärte, was ihr mißfiel. Dann versuchte sie, sich vorzustellen, was Olga Radó wohl gesagt hätte – Olga, die durch keine Autorität einzuschüchtern war, die ihren eigenen Geschmack und ihre eigene Meinung hatte, bei der sie unerschütterlich und manchmal sogar eigensinnig beharrte.

Mitunter fand Mette ein spöttisches Scherzwort, das Olga hätte gebrauchen können, um sich gegen eine Bevormundung aufzulehnen. Wenn sie die Worte dachte, die so Olgas Prägung trugen, dann war ihr, als hörte sie auch Olgas leises Lachen neben sich und ihre tiefe, klingende Stimme.

Aber öfter noch geschah es, daß sie sich vergebens fragte: würde dies oder jenes Olga gefallen haben? Was würde Olga über dies oder jenes gesagt haben? Und es konnte sie zur Verzweiflung bringen, daß sie sich keine Antwort zu geben wußte. Daß Olga tot war, – war schlimm. Aber fast noch schlimmer war es, daß Mette die Zeit, da Olga lebte, nicht genügend ausgenutzt hatte. Jetzt fielen ihr auf Schritt und Tritt Dinge ein, die sie hätte erfragen müssen und nach denen sie nie gefragt hatte. Dann war ihr, als müsse es irgendeine Kraft geben, das Geschehene ungeschehen zu machen, die Gewalt des Todes zu zerbrechen, und ihre Gedanken schlugen sich wund an dem ehernen Schweigen, das unerschütterlich all ihren Fragen entgegenstarrte.

Sie fühlte sich manchmal so klein wie ein Kind, das nicht über die gepolsterten Wände seines Laufstalls hinwegsehen kann. Der Wind hatte ihr mancherlei ins Gesicht getrieben – Blüten und Staub. Es mußte wohl außerhalb des Mäuerchens blühende Gärten geben und staubige Straßen – aber Mette wußte nicht, woher der Wind blies. Sie versuchte, sich über sich selbst hinaus zu dehnen – es half nichts. Aber sie wußte, was einzig helfen konnte: und wie mit Ungeduld verschlang sie alles, was sich ihren Sinnen und ihrer Seele darbot: Bücher, Bilder, Gespräche, Gesichter: sie wollte wachsen, wachsen, um über die Mauer zu sehen, um alles zu übersehen, was außerhalb lag, Welt und Leben, die Welt und das Leben, wo Olga Radó hergekommen war, und die man verstehen mußte, um sie zu verstehen.

In dem großen Eßzimmer der Pension hatte Mette ihren Tisch in der dunkelsten Ecke. Die freundliche Wirtin hatte geglaubt, sich entschuldigen zu müssen, daß die Plätze in der Nähe der Fenster alle schon von älteren Gästen besetzt wären. Metten war es gerade recht so. Sie saß mit dem Rücken gegen die Wand und hatte den kleinen Tisch wie einen Schutzwall vor sich. Sie war meistens beim ersten Gongruf schon fertig und setzte sich auf ihren Platz, um die andern an sich vorüberzulassen und sich nicht zwischen den vollbesetzten Tischen hindurchwinden zu müssen. Wenn sie sich einmal verspätete, war ihr der kurze Gang durch das Zimmer ein nichtendenwollender Marterpfad. Sie fühlte sich von all den unverhohlen neugierigen und selbst von den gleichgültigen Blicken gepeinigt und gehemmt. Obgleich sie sich jedesmal vor dem Spiegel prüfte, ehe sie ihr Zimmer verließ, hatte sie doch immer das Gefühl, daß ihr Haar in Unordnung sei, wenn ein Blick an ihrem Kopf haften blieb, oder daß sie ein Loch im Strumpf hatte, wenn jemand auf ihre Füße sah. Sie mußte dann immer gegen den Wunsch ankämpfen, ängstlich nach ihrem Haar zu greifen, oder auch ihrerseits ihre Füße zu betrachten. Sie preßte die Ellenbogen an den Körper, bemühte sich, ein undurchdringliches und ausdrucksloses Gesicht zu machen und vorsichtig zu gehen – weil die Vorstellung sie plagte, sie würde einen Stuhl umreißen oder an einen Tisch anstoßen – aber dabei doch so rasch, daß man ihr diese Vorsicht nicht anmerkte. Wenn sie dann glücklich in ihrer Ecke saß, fühlte sie sich wie im Hafen.

Meistens nahm sie sich eine Zeitung mit, um sich während der Wartezeit dahinter zu verschanzen. Sie hatte nicht Angst davor, daß jemand sie anreden könnte – das Sprechen fiel ihr weniger schwer als das Gehen – aber Angst, daß sie so aussehen könnte, als wartete sie auf eine Anrede – so beschäftigungslos, so einsam, so hungrig nach einem zugeworfenen Wort.

Dabei war sie es in Wahrheit gar nicht. Je weniger sie sprach, desto weniger vermißte sie das Gespräch. Wenn es auch keine Qual verursachte, so brauchte es doch immer eine gewisse Entschlußkraft, ehe sie den Mund aufbekam, um dem Mädchen irgend etwas zu sagen. Und wenn sie abends auf ihr Zimmer ging und nach dem letzten „danke, Berta, ich brauche nichts mehr“, die Tür verriegelte, dann kam das Gefühl des Schweigenkönnens, des Schweigendürfens wie eine Erlösung über sie. Ihr war manchmal, als ob ihre Zunge schon lahm geworden sei, wie irgendein anderer Muskel, der nie bewegt wird. Und sie hatte kein Bedauern mehr für die Trappisten, weil sie deutlich empfand, daß es nur weniger Wochen bedurfte, um sich so an das Schweigen zu gewöhnen, daß sich vor jedes Wort unüberwindliche Hemmungen stellten.

Aber sie wußte, daß keine schützenden Klostermauern sie umgaben, und daß sie es sich nicht gestatten durfte, ein Trappistenleben zu führen. Sie wollte sich in den Strom aller Menschlichkeiten hineinstürzen, um schwimmen zu lernen. Dabei klopfte ihr das Herz, wenn sie nur erst die Zehenspitzen benetzte.

Trotzdem stand sie den Menschen nicht verächtlich, nicht einmal gleichgültig gegenüber. Sie hatte für all und jeden eine wache Aufmerksamkeit und war rasch bereit zu Sympathie und Antipathie.

Es waren besonders zwei Gruppen in der Pension, die ihre Beobachtung auf sich zogen und ihre Teilnahme erregten. Die eine scharte sich um Luise Peters – „Lawising“, wie sie von allen Seiten gerufen wurde – eine norddeutsche Malerin, eine große, breite, derbknochige Person, deren frisches, rotbackiges Gesicht mit blanken Augen und weißen Zähnen, deren glattsträhniges und ungleichmäßig blondes Haar immer so aussah, als ob sie eben einem eiskalten Bade entstiegen sei. Lawising hatte eine tiefe und etwas rauhe Stimme, ein lautes und ins Auge fallendes Gebaren – aber man spürte, daß ihr nichts ferner lag, als ein eitles Aufsehen-erregen-Wollen. Ihre große und kräftige Persönlichkeit konnte sich nur mit unsäglicher Mühe auf zarte und vorsichtige Bewegungen oder einen leisen und gedämpften Ton beschränken. Trotz ihres etwas lärmenden Wesens hatte sie nichts unfeines, sie blinkte von innerer und äußerer Sauberkeit – ja, sie roch förmlich nach guter Familie.

Der Mittelpunkt des anderen Kreises duftete eher nach französischer Parfümerie. Daß das schmale, feingliedrige Wesen rötlich gefärbtes Haar und künstlich getuschte Wimpern hatte, das entging auch Mettes ungeübten Augen nicht. Aber sie stellte doch fest – so vorurteilslos, als ob sie vor einem Bilde stände –, daß die schwarz umränderten Augen zu den kupferglänzenden Locken einen sehr reizvollen Gegensatz bildeten, daß das Lachen, das die Kleine gefallsüchtig durch den Raum schwirren ließ, wirklich einen süßen und silbrigen Ton hatte, und daß die reichlich kurzen Röckchen allerliebst geformte schlanke Beine sehen ließen.

Bis auf zwei gutmütige alte Damen, die allen ein mütterliches Wohlwollen zuteil werden ließen, und zwei bösartige, die für alles, was Jugend hieß, nur ein giftiges Hohnlächeln übrig hatten, gehörten die Gäste der Pension einer der beiden Cliquen an, die sich nicht gerade befehdeten, aber sich doch gern mehr oder weniger offensichtlich übereinander lustig machten. Und auch – zur Freude der Wirtin – einen gewissen harmlosen Wettbewerb trieben: wenn die eine Partei bis Mitternacht zusammensaß und eine Flasche Wein nach der anderen trank, so braute sicher am übernächsten Tag die andere Partei eine Bowle und zechte bis zum Morgengrauen.

Mette fühlte sich manchmal an ihre Schulzeit erinnert. Da waren erwachsene Menschen, die ganz wie die kleinen Mädchen in der Klasse, wenn sie sich von einem Tisch an den anderen etwas sagen wollten, sich einer Art Zeichensprache bedienten. Oder ein paar Worte auf den Rand einer Zeitung schrieben und sie dem bedienenden Mädchen mitgaben – ganz wie man in der Schule Zettelchen auf die Wanderschaft geschickt hatte. Da waren Vertraute, die immer miteinander zu tuscheln hatten, ehe sie sich an ihre Plätze begaben, und die, wenn das Mädchen mit der Suppe kam, sich mit einem vielverheißenden „Nachher“ trennten. Oder andere, die sich nur einen Blick zuzuwerfen brauchten, um einen Lachanfall zu bekommen, den sie mühsam zu unterdrücken oder wenigstens zu verbergen suchten.

Manchmal spürte Mette auch dasselbe Neidgefühl wie damals, als sie fremd und vereinsamt der Lustigkeit der Klasse gegenüberstand. Und dann dachte sie mit einem leisen inneren Lächeln, daß sie seit jener Zeit doch schon um vieles älter geworden war – nicht nur um das eine Jahrzehnt, das dazwischen lag.

Sie war schon so alt und klug geworden, sich zu sagen, daß all diese Heiterkeit und Wichtigtuerei und Geheimniskrämerei nur so verlockend erschienen für den, der unbeteiligt draußen stand – und daß sie überhaupt jeden Reiz verloren, wenn nicht jemand da war, der das Spiel als Zuschauer mit ansah und in dessen Gemüt man ein wenig Neugier und Neid und Sehnsucht erwecken wollte.

Mette merkte wohl, daß – von beiden Parteien – manches in halb unbewußter Berechnung geschah, um ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Aber sie war nicht genug von ihrem Wert überzeugt, um sich dadurch geschmeichelt zu fühlen.

‚Die spielenden Kinder brauchen einen Zuschauer‘, dachte sie mit nachsichtigem Lächeln.

Sie fühlte auch mitunter, daß es nicht schwer sein würde, an einem der Kreise Anschluß zu finden. Sie hätte nur einmal in eines der allgemeinen Gespräche, an denen auch die liebenswürdige Wirtin sich beteiligte, ein paar Worte hineinwerfen müssen, sie hätte nur einmal einen Gruß weniger zurückhaltend zu erwidern brauchen, und in kürzester Zeit hätte sie nicht mehr abseits gestanden, hätte sie mitgeplätschert in dem muntern Bächlein dieser mehr oder weniger leichten Beziehungen.

Manchmal nahm sie einen inneren Anlauf zu dem Sprung, weil sie dem, was sie „das Leben“ nannte, näherkommen wollte und mit leiser Angst verspürte, wie sie ihm immer fremder wurde. Sie nahm sich vor, bei der nächsten Gelegenheit an einem Gespräch teilzunehmen, und das Herz schlug ihr, wenn die Gelegenheit da war – aber sie ließ sie ungenützt vorübergehen.

Wenn sie den fertig gebildeten Satz schon auf der Zunge hatte, faßte sie eine Angst, – nicht die Angst, den Satz nicht herauszubringen, oder für aufdringlich zu gelten – sondern die Angst, durch ein Wort Beziehungen anzuknüpfen, die nachher zu lösen schwer – ja fast unmöglich war.

Mette dachte oft über sich selbst nach. Sie las und lernte abends im Bette so lange, bis ihre Gedanken sich verwirrten, und sie, schon halb im Schlaf, nach der Lampe griff, um das Licht auszudrehen. Aber manchmal wurde sie nach kurzer Zeit durch irgendein Geräusch geweckt, daß sie mit hämmerndem Herzen auffuhr. Und dann konnte sie oft stunden- und stundenlang den Schlaf nicht zwingen – dann nützte weder zählen noch Vokabelaufsagen, noch die Vorstellung des wogenden Kornfeldes – ein Zehntel der Gedankenkraft blieb mechanisch bei den Zahlen, und neun Zehntel jagten kreuz und quer und schleppten und zerrten alles herbei, was peinvoll und quälend und beunruhigend war. In solchen schlaflosen Nächten, wenn alle Dinge ihr so bedrohlich und feindselig naherückten und sie immer mehr bedrängten, bis sie schließlich fiebernd und glühend die Decken zurückwarf und sich aufrichtete, um Atem holen zu können, oder um die gekrampften Fäuste gegen ihre Angreifer zu schütteln, oder um die Finger in ihr Haar zu krallen und die gesenkte Stirn schwer, schwer in die Hände zu stützen – in solchen schlaflosen Nächten dachte Mette auch über sich selbst nach.

Sie wäre sich gern darüber klar geworden, ob sie ein guter oder schlechter Mensch war. Es war sehr schwer, das festzustellen, und manchmal spielte sie mit dem Gedanken einen unbefangenen Menschen zum Richter aufzurufen, ihm alle „Für“ und „Wider“ vorzutragen und sich einem Urteil zu unterwerfen, sich freisprechen zu lassen oder eine Buße auf sich zu nehmen. Sie suchte auf der Straße, in den Bahnen, in den Konzerten nach einem Gesicht, das von der Fähigkeit zu solchem Richteramt zeugte. Aber sie fand keines.

Sie suchte auch unter den gemalten Gesichtern in den Galerien. Und da war schon eher ein oder das andere, vor dem sie hätte stehenbleiben mögen, um mit gefalteten Händen zu bitten: Hilf du mir doch – das hab’ich getan – und das hab’ich verabsäumt – und dessen hat man mich ungerecht beschuldigt. Wie steht es nun um mich – sind andere Menschen besser oder schlimmer? Haben viele ein Recht, mich zu verachten? Gibt es nicht ehrbare und tugendhafte Menschen, die niedriger stehen als ich? Und darf ich nicht zu manchen aufsehen, die noch mehr gesündigt haben als ich?

Manchmal prüfte sich Mette, ob sie irgend etwas anderes tun würde, wenn es ihr noch einmal zu tun gegeben würde. Sie meinte dann wohl, daß sie ihrem Kinderfräulein nicht mehr mit so blinder Schwärmerei anhängen würde. Und daß sie versuchen würde, ihrem Vater näher zu kommen, mehr Verständnis für ihn zu gewinnen, und ihm mehr Vertrauen beizubringen.

Und dann würde sie die Schuljahre besser ausnutzen, um das wenige, was sich auf der Schule lernen ließ, wenigsten gründlich zu erfassen.

Aber all dies war es ja nicht, was man ihr als Schuld angerechnet hatte. Ihre Schuld, ihr Verbrechen war gewesen, daß sie Olga Radó zu sehr geliebt hatte.

Und wenn Mette an diesen Punkt kam, dann bäumte sich der Widerspruch in ihr auf wie ein gepeitschtes wildes Pferd. Wenn Olga noch einmal in ihr Leben träte, dann würde sie jedes Verbrechen begehen, um zu ihr zu gelangen, ihre Stimme zu hören, ihre Hände zu fühlen.

Sie hatte einen Wachtraum, der mit der Hartnäckigkeit eines Fieberwahns immer wiederkehrte. Sie sah Olga in weiter Entfernung, manchmal wie vor ihr fliehend, aber meist ihr zugewandt, mit sehnsüchtig ausgestreckten Händen. Sie wollte zu ihr. Sie mußte zu ihr. Aber immer drängte sich jemand dazwischen. Ihr Vater, Tante Emilie, Onkel Jürgen, Frau Flesch, der Detektiv, die Möbius-Mädels. Und Mette hielt den Revolver umklammert – Olgas Revolver – und schoß. Und traf. Und die Getroffenen stürzten zusammen und ließen den Nächsten auftauchen. Aber wenn die Reihe zu Ende war, fing sie wieder von vorn an. Wie Puppen in einer Schießbude standen sie wieder auf und versperrten ihr den Weg. Und Mette schoß sie nieder, unzähligemal. Aber Olga entfernte sich, ihre Erscheinung wurde immer undeutlicher, verblaßte, verdämmerte, bis sie verschwand.

Die Sehnsucht nach Olga konnte Mette fast bis zum Wahnsinn peinigen – und doch war sie nicht das Schlimmste. Das Schlimmste war die Sehnsucht, die ins Ungewisse ging, die nach einem Menschen schrie, nicht nach Liebe oder Kameradschaft oder Verständnis, nur nach der Wärme eines Körpers, nach umschlingenden Armen, nach zärtlichen Lippen.

Dann konnte es vorkommen, daß Mette sich mit Nägeln und Zähnen in die Kissen einkrallte und sich schüttelte wie im Fieber. In solchen Augenblicken wurde es ihr auch klar, daß sie doch wohl ein schlechter Mensch wäre. Und das Belastendste war, daß sie keine Reue kannte und nicht einmal gute Vorsätze. Im Gegenteil. Wenn sie sehr unglücklich war, dann faßte sie geradezu den Vorsatz, schlecht zu werden. Sie wollte nur lernen und an sich arbeiten, um Macht über die Menschen zu gewinnen, um zu berücken, zu verführen. Und dann wollte sie nach allem greifen, was ihre Lust oder ihre Neugier auch nur für eine Stunde reizte, wollte nur den Schaum von den Kelchen schlürfen, den Saft aus den Früchten pressen und weiterjagen, von einem zum andern, nirgends verweilend, nirgends sich anheftend, nirgends aus den Tiefen schöpfend.

Ein solcher Entschluß trieb sie den Menschen näher. Sie wollte kopfüber den Sprung in den Strom wagen, weil sie die Kraft in sich fühlte, die Flut zu meistern. Sie nahm sich vor, am andern Tag eine Bekanntschaft anzufangen, mit irgendjemand auf Redefuß zu kommen – ein Wort konnte wie ein ins Wasser geworfener Stein immer weitere Ringe ziehen, und in wenigen Wochen konnte sie der Mittelpunkt des Kreises sein.

Wenn sie am andern Tag unter den Gesichtern Umschau hielt, erschienen sie ihr plötzlich alle leer und langweilig oder verlogen und unheimlich, und ihr Inneres zog sich zusammen wie ein erschreckter Igel, ängstlich und feindselig. Und sie faßte einen neuen Entschluß: zu schweigen, immer zu schweigen, niemals mehr einem Menschen das Du zu gönnen, Barrikaden und Mauern des Schweigens zu errichten zwischen sich und der Welt.

Es wäre vielleicht noch wochen- und monatelang so weitergegangen, wenn nicht eines Tages Gisela Werkenthin in die Pension gekommen wäre, um die kleine Geschminkte zu besuchen. Sie fiel Mette sofort auf, als sie das Eßzimmer betrat. Nicht, daß sie besonders schön gewesen wäre. Sie war schlank, schmächtig, knabenhaft gebaut. Ihr schmales Gesicht wurde noch schmäler durch das auf Pagenart geschnittene dunkle Haar, das die Hälfte der Wangen verdeckte. Ihr Mund war fast lippenlos, nur eine kleine blaßrote stolz und schmerzlich gebogene Linie. Ihre dunklen Augen mit auffallend breiten Lidern lagen in großen, tiefen, aschgrauen Höhlen.

Mette stand an diesem Abend nicht gleich nach dem Essen auf, wie gewöhnlich. Sie ließ sich noch einen Tee bringen, um einen Vorwand zu haben, tat, als ob sie ungeduldig in dem Tee rührte, um ihn abzukühlen, und beobachtete dabei den Tisch, an dem die blasse Frau mit dem kurzgeschnittenen Haar saß.

Sie lachte mit den andern, trank, und rauchte unzählige Zigaretten.

Aber plötzlich konnte sie während des lärmenden Gesprächs in sich zusammensinken, wie eine Schlafende, die schmale Hand mit der brennende Zigarette stand wie erstarrt in der Luft, und ihre Augen bohrten sich durch den Nebel von Rauch und Dunst, als sähen sie in der Ferne ein furchtbares, lähmendes Geschehen.

Am nächsten Tage suchte Mette Frau Meidinger, die Wirtin, auf. Sie hatte eine unwichtige Kleinigkeit mit ihr zu besprechen, die sie sicher ein anderes Mal durch die Vermittlung des Mädchens erledigt hätte. Aber in der Nacht hatte sie den unerschütterlichen Entschluß gefaßt, den Sprung in das „Leben“ zu tun, und aus diesem Grund zwang sie sich erst einmal dazu, Frau Meidinger persönlich aufzusuchen, die blond und rundlich, wohlfrisiert und liebenswürdig wie immer, in ihrem sehr behaglichen Wohnzimmer hinter einem gedeckten Teetisch thronte.

Sie schien sehr entzückt, Mette zu sehen. Sie quälte sie so lange, bis Mette eine Tasse Tee genommen hatte, und dann fing sie an, in ebenso neugieriger wie herzlicher Art, Fragen zu stellen, die Mette beantwortete, weil sie keinen Grund hatte, sie nicht zu beantworten. Aber sie lächelte ein wenig dabei und dachte: ‚Wenn ich etwas vor Dir verbergen wollte, meine Liebe – auf diese Weise würdest Du es nicht aus mir herausfragen.‘

Sie gab gern zu, daß sie Waise wäre. Ja, es war ihr sogar ganz recht, daß die Trauer, die sie noch um ihren Vater trug, eine genügende Erklärung für ihr blasses und verhärmtes Aussehen gab. So kam die gutmütige und aufdringliche Frau wenigstens nicht auf den Gedanken, nach einem heimlichen Kummer und seiner Ursache zu forschen.

Mettes Schicksal war in wenigen Sätzen klargestellt: sie war Waise, hatte weder Geschwister noch Großeltern am Leben und hatte mit Absicht eine fremde Stadt aufgesucht, um in ganz veränderter Umgebung die traurigen Eindrücke der letzten Zeit loszuwerden. Frau Meidinger gab sich damit zufrieden, oder sie tat wenigstens so. Sie gestand Mette ein, daß – was diese sehr verwunderte – schon alle Gäste nach ihr gefragt hätten, und daß jeder hinter der jungen, schweigsamen Dame in Trauer eine romantische Geschichte vermutete. Fräulein Luigi – Mette würde doch zweifellos Fräulein Luigi kennen? – sie wäre beim Kabarett und hätte viel Erfolg jetzt, außergewöhnlich viel Erfolg – ja, die Kleine mit dem schönen roten Haar – mit dem rotgefärbten Haar, versteht sich, das hätte Mette doch wohl auch schon bemerkt? – Also Fräulein Luigi hätte sogar Frau Meidinger immer schon gequält, daß sie eine Bekanntschaft vermitteln solle; aber wie Frau Meidinger das Fräulein Peters erzählt habe, hätte die gesagt, sie wäre immer sehr geradezu, Fräulein Peters, und manchmal auch ein bißchen derb: „Unterstehen sie sich und machen sie dies feine, zarte, vornehme junge Menschenkind bekannt mit dieser ...“, na, sie wollte lieber nicht wiederholen, was Fräulein Peters gesagt hätte, denn, wie gesagt, Fräulein Peters sei manchmal ein bißchen derb. Aber so schlimm würde es wohl gar nicht sein mit der kleinen Luigi. Sie wär’ natürlich keine Heilige vom Himmel – aber wen ginge das was an? Sie, Frau Meidinger, wäre ihr nicht zum Vormund gesetzt ... und die Hauptsache wäre, daß ihr Haus rein bliebe, darauf achtete sie, und da könnte ihr keiner etwas nachsagen. Und wenn ein junges Mädel heut ihr Brot verdienen müsse wie ein Mann, dann wolle sie auch ihr Vergnügen haben wie ein Mann. Die Soliden wären ihr lieber, freilich, selbstredend. Aber heutzutage, ach, wer wäre denn heutzutage noch solid? Und wer es nicht so triebe, der triebe es eben anders. Ob Mette nicht gestern die Gisela gesehen hätte?

Mette machte ein zweifelndes Gesicht und hatte das Gefühl, rot zu werden.

„... eine von den Damen, die gestern zu Besuch bei Fräulein Luigi waren?“

„Ja, die Dunkle – ach, Sie haben sie sicher gesehen, Fräulein Rudloff! Sie sieht ja so elend aus, so namenlos elend! Ist Ihnen das nicht aufgefallen? Sie haben wohl nicht so den Blick dafür – aber wer Bescheid weiß, der sieht es ihr ja auf hundert Schritt an, daß sie Morphinistin ist. Es ist schließlich keine Indiskretion von mir, wenn ich Ihnen etwas erzähle, was die ganze Stadt weiß. Diese begabte Person! Es ist ein Jammer um sie, denn sie geht zugrunde, sage ich Ihnen, sie geht zugrunde an einer Frau!“

Frau Meidinger machte eine Pause und sah Mette erwartungsvoll an.

Mette fühlte, daß dieser Blick sie aufforderte, irgend etwas zu sagen. „Wie fürchterlich“, sagte sie in dem Ton eines Kindes, dem man eine unglaubhafte Schauergeschichte erzählt.

Mette bedauerte aufrichtig, Frau Meidinger nicht zu dem ersehnten Platz verhelfen zu können. Sie stellte sich das Bild recht erheiternd vor und benutzte die nächste Gelegenheit, um sich zu verabschieden.

Schon während sie über den langen, schlecht erleuchteten Flur nach ihrem Zimmer ging, kehrten ihre Gedanken zu der armen Gisela zurück und hörten nicht auf, sie zu umkreisen.

Arme Gisela, die an einer Frau zugrunde ging! Oh, wie Mette sie verstehen konnte. Und sie würde Mette verstehen. Alles würde sie verstehen, was Mette durchgemacht, Kampf und Liebe und Leid.

Mette war zumut, als müsse sie diese fremde Frau mit den qualbrennenden Augen suchen, ihr nachgehen, sie bei der Hand fassen, um ihr zu sagen: „Wir verstehen uns, wir gehören zusammen, weil wir die Unglücklichsten der Welt sind. Wir müssen Freunde werden, weil niemand außer uns begreifen kann, was wir gelitten haben.“