cover

Text zum Buch

Star d’Aplièse ist eine sensible junge Frau und begegnet der Welt eher mit Vorsicht. Seit sie denken kann, ist ihr Leben auf das Engste verflochten mit dem ihrer Schwester CeCe, aus deren Schatten herauszutreten ihr nie gelang. Als ihr geliebter Vater Pa Salt plötzlich stirbt, steht Star jedoch unversehens an einem Wendepunkt. Wie alle Mädchen in der Familie ist auch sie ein Adoptivkind und kennt ihre Wurzeln nicht, doch der Abschiedsbrief ihres Vaters enthält einen Anhaltspunkt – die Adresse einer Londoner Buchhandlung sowie den Hinweis, dort nach einer gewissen Flora MacNichol zu fragen. Während Star diesen Spuren folgt, eröffnen sich ihr völlig ungeahnte Wege, die sie nicht nur auf ein wunderbares Anwesen in Kent führen, sondern auch in die Rosengärten und Parks des Lake District im vergangenen Jahrhundert. Und ganz langsam beginnt Star, ihr eigenes Leben zu entdecken und ihr Herz zu öffnen für das Wagnis, das man Liebe nennt …

Weitere Informationen zu Lucinda Riley sowie zu lieferbaren Titeln des Autors finden Sie am Ende des Buches.

LUCINDA RILEY

Die Schattenschwester

ROMAN

Deutsch von Sonja Hauser

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Die Originalausgabe erscheint 2016 unter dem Titel

»The Shadow Sister« bei Macmillan, an imprint of Pan Macmillan,

a division of Macmillan Publishers Limited, London.

Der Goldmann Verlag weist ausdrücklich darauf hin, dass im Text enthaltene externe Links vom Verlag nur bis zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung eingesehen werden konnten. Auf spätere Veränderungen hat der Verlag keinerlei Einfluss. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen.

2. Auflage

Copyright © der Originalausgabe 2016 by Lucinda Riley

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe November 2016

by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Umschlaggestaltung: Uno Werbeagentur, München

Umschlagmotiv: Landschaft: plainpicture / Benjamin Harte

Cottage: GettyImages / Michael Busselle

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN 978-3-641-18375-2
V002

www.goldmann-verlag.de

Besuchen Sie den Goldmann Verlag im Netz

Für Flo

Doch lasst Raum in eurer Zusammengehörigkeit.
Und lasst die Winde des Himmels zwischen euch tanzen.

Khalil Gibran

Personen

»Atlantis«

Pa Salt

Adoptivvater der Schwestern (verstorben)

Marina (Ma)

Mutterersatz der Schwestern

Claudia

Haushälterin von »Atlantis«

Georg Hoffman

Pa Salts Anwalt

Christian

Skipper

Die Schwestern d’Aplièse

Maia

Ally (Alkyone)

Star (Asterope)

CeCe (Celaeno)

Tiggy (Taygeta)

Elektra

Merope (fehlt)

STAR

Juli 2007

Astrantia major (Große Sterndolde – Apiaceae)
vom lateinischen Wort für »Stern« abgeleitet

I

Nie werde ich vergessen, wo ich war und was ich tat, als ich hörte, dass mein Vater gestorben war.

Den Stift über dem Blatt Papier, schaute ich in die Julisonne – oder, besser gesagt, auf den schmalen Strahl, dem es gelungen war, sich zwischen unserem Haus und der roten Ziegelmauer wenige Meter vor mir hindurchzuschmuggeln, auf die alle Fenster unserer winzigen Wohnung gingen und derentwegen es bei uns trotz des schönen Wetters dunkel war. Ganz anders als im Zuhause meiner Kindheit, in »Atlantis« am Genfer See.

Plötzlich wurde mir bewusst, dass ich genau an derselben Stelle wie jetzt gesessen war, als CeCe unser trostloses kleines Wohnzimmer betreten und mir mitgeteilt hatte, dass Pa Salt tot war.

Ich legte den Stift weg und ging an die Spüle, um mir ein Glas Wasser zu holen und in der schwülen Hitze meinen Durst zu stillen. Meine jüngere Schwester Tiggy hatte mir kurz nach Pas Tod in »Atlantis« geraten, mich schriftlich dem Schmerz der Erinnerung zu stellen.

»Liebste Star«, hatte sie gesagt, als einige von uns Schwestern zur Ablenkung auf dem See gesegelt waren, »ich weiß, dass es dir schwerfällt, über deine Gefühle zu sprechen. Doch der Schmerz muss irgendwie heraus. Warum schreibst du deine Gedanken nicht einfach auf?«

Während des Heimflugs von »Atlantis« vor zwei Wochen hatte ich über Tiggys Worte nachgedacht, und nun machte ich mich endlich an die Arbeit.

Als ich die Ziegelmauer betrachtete, ging mir auf, wie sehr sie mein gegenwärtiges Leben symbolisierte, und das ließ mich immerhin schmunzeln. Dieses Schmunzeln führte mich zurück zu dem schartigen Holztisch, den unser Vermieter vermutlich gratis von einem Trödelladen bekommen hatte. Ich setzte mich und nahm den eleganten Füller, ein Geschenk von Pa Salt zu meinem einundzwanzigsten Geburtstag, wieder in die Hand.

»Ich fange nicht mit Pas Tod an«, sagte ich laut, »sondern mit unserer Ankunft hier in London …«

Als ich die Haustür mit einem lauten Knall ins Schloss fallen hörte, wusste ich, dass meine Schwester CeCe da war. CeCe war immer laut. Sie schien nicht einmal eine Tasse Kaffee leise und ohne etwas zu verschütten abstellen zu können. Sie begriff auch nicht, dass man in der Wohnung gedämpfter sprechen konnte als draußen. Ma hatte sich in unserer Kindheit so große Sorgen darüber gemacht, dass sie sogar einmal ihr Gehör überprüfen ließ. Natürlich war es völlig in Ordnung. Genau wie meins, wie ein Logopäde ein Jahr später feststellte, zu dem Ma mich meiner Schweigsamkeit wegen gebracht hatte.

»Sie kennt die Wörter, spricht sie aber nicht aus«, hatte der Therapeut erklärt. »Wenn sie dazu bereit ist, wird sie schon reden.«

Zu Hause hatte Ma mir dann, um sich besser mit mir verständigen zu können, die Grundlagen der französischen Gebärdensprache beigebracht.

»Wenn du etwas möchtest oder brauchst«, hatte sie gesagt, »kannst du es mir so mitteilen. Auch deine Gefühle kannst du damit ausdrücken. Ich zum Beispiel empfinde dir gegenüber das.« Sie hatte auf sich selbst gezeigt, die Handflächen über der Brust gekreuzt und auf mich gedeutet. »Ich … liebe … dich.«

CeCe hatte die Zeichensprache ebenfalls schnell gelernt, und gemeinsam hatten wir das, was als eine Möglichkeit der Kommunikation mit Ma begann, verändert und erweitert zu unserer ganz eigenen Sprache – eine Mischung aus Zeichen und ausgedachten Wörtern –, die wir in Gegenwart anderer verwendeten. Wir genossen die verblüfften Blicke unserer Schwestern, wenn ich beim Frühstück in Zeichensprache eine spöttische Bemerkung machte und CeCe und ich uns vor Lachen bogen.

Heute ist mir klar, dass CeCe und ich uns im Lauf der Zeit zu gegensätzlichen Polen entwickelten: Je weniger ich sprach, desto lauter und mehr redete sie für mich. Und desto weniger musste ich wiederum sagen. Das, was ohnehin in unseren Persönlichkeiten angelegt war, verstärkte sich. In unserer Kindheit spielte das inmitten unserer Schwestern keine große Rolle, denn wir hatten ja einander.

Doch nun wurde es plötzlich wichtig, es wuchs sich zum Problem aus …

»Ich hab sie gefunden!«, rief CeCe, als sie ins Wohnzimmer polterte. »In ein paar Wochen können wir rein. Sie ist noch nicht ganz fertig, der Feinschliff fehlt, aber sie wird unglaublich schön, das ist jetzt schon zu sehen. Gott, ist es heiß hier drin. Ich kann’s gar nicht erwarten, endlich auszuziehen.«

CeCe stapfte in die Küche, und wenig später hörte ich, wie sie den Wasserhahn voll aufdrehte. Mit ziemlicher Sicherheit waren die Arbeitsflächen, die ich zuvor trocken gewischt hatte, nun wieder feucht.

»Willst du auch ein Glas Wasser, Sia?«

»Nein danke.« Obwohl CeCe den Kosenamen, den sie sich in unserer Kindheit für mich ausgedacht hatte, nur benutzte, wenn wir unter uns waren, ärgerte ich mich darüber. Er stammte aus einem Buch, das Pa Salt mir zu Weihnachten geschenkt hatte. Es handelte von einem kleinen Mädchen, das in den Wäldern Russlands lebt und herausfindet, dass es eine Prinzessin ist.

»Sie schaut aus wie du, Star!«, hatte die fünfjährige CeCe gestaunt, als wir gemeinsam die Bilder in dem Buch betrachteten. »Vielleicht bist du auch eine Prinzessin – hübsch genug wärst du mit deinen blonden Haaren und den blauen Augen. Ab jetzt nenne ich dich ›Sia‹. Das passt wunderbar zu ›Cee‹! Cee und Sia, die Zwillinge!« Sie hatte begeistert in die Hände geklatscht.

Erst später, als ich die wahre Geschichte der russischen Zarenfamilie erfahren hatte, war mir klar geworden, was mit Anastasia Romanowa und ihren Geschwistern passiert war. Märchen sahen anders aus.

Inzwischen war ich kein Kind mehr, sondern eine erwachsene Frau von siebenundzwanzig Jahren.

»Die Wohnung wird dir gefallen.« CeCe kehrte ins Wohnzimmer zurück und ließ sich auf das abgewetzte Ledersofa fallen. »Ich hab für morgen Vormittag einen Besichtigungstermin ausgemacht. Sie kostet ein Vermögen, aber jetzt kann ich’s mir leisten. Außerdem sagt der Makler, dass in der City gerade Chaos herrscht. Momentan schlagen sich nicht die üblichen Verdächtigen um die Wohnungen; deshalb konnte ich einen günstigen Preis raushandeln. Wird Zeit, dass wir ein richtiges Zuhause kriegen.«

Wird Zeit, dass ich mir ein richtiges Leben zulege, dachte ich.

»Du willst sie kaufen?«, fragte ich.

»Ja. Vorausgesetzt, sie gefällt dir.«

Ich schwieg verblüfft.

»Alles in Ordnung, Sia? Du wirkst müde. Hast du letzte Nacht nicht gut geschlafen?«

»Nein.« Beim Gedanken an die langen, schlaflosen Stunden vor der Morgendämmerung, in denen ich um meinen geliebten Vater getrauert hatte, dessen Tod ich noch immer nicht fassen konnte, traten mir Tränen in die Augen.

»Du stehst nach wie vor unter Schock. Es ist ja auch erst ein paar Wochen her. Wenn du morgen unsere neue Wohnung siehst, geht’s dir besser, das verspreche ich dir. Diese Scheißbude drückt auf deine Stimmung. Und auf meine auch«, fügte sie hinzu. »Hast du dem Typen mit dem Kochkurs schon ’ne Mail geschickt?«

»Ja.«

»Wann fängt der Kurs an?«

»Nächste Woche.«

»Gut. Dann haben wir Zeit, Möbel für unser neues Zuhause auszusuchen.« CeCe trat zu mir und umarmte mich. »Ich kann’s kaum erwarten, es dir zu zeigen.«

* * *

»Ist es nicht toll?«

CeCe breitete die Arme aus. Ihre Stimme hallte wider von den nackten Wänden des großen Raums, als sie zu der Glasfront marschierte und eines der riesigen Fenster aufschob.

»Schau, dein Balkon«, sagte sie und winkte mich zu sich. »Balkon« war ein viel zu bescheidenes Wort für die geräumige Terrasse, die über der Themse zu schweben schien. »Den kannst du mit deinen Kräutern und Blumen aus ›Atlantis‹ bepflanzen.« CeCe trat ans Geländer und schaute hinab auf die grauen Fluten. »Ist der Blick nicht grandios?« Ich nickte. Als sie wieder hineinging, folgte ich ihr. »Die Küche muss noch eingebaut werden, aber sobald die Formalitäten unter Dach und Fach sind, kannst du dir Herd und Kühlschrank aussuchen. Schließlich wirst du ja jetzt Profi«, fügte sie mit einem Augenzwinkern hinzu.

»Wohl kaum, CeCe. Es ist nur ein kurzer Kurs.«

»Du kannst so gut kochen. Wenn sich rumspricht, was du draufhast, wird dir bestimmt ein Job angeboten. Ich finde die Wohnung ideal für uns, du nicht? Diese Seite kann ich als Atelier nutzen.« Sie deutete auf den Bereich zwischen hinterer Wand und Wendeltreppe. »Das Licht hier ist fantastisch. Und du hast eine große Küche und den Balkon. Etwas ›Atlantis‹ Ähnlicheres konnte ich im Zentrum von London nicht finden.«

»Ja. Es ist wirklich schön, danke.«

Die Wohnung war tatsächlich beeindruckend. Da ich ihr die Freude nicht verderben wollte, verkniff ich es mir, ihr die Wahrheit zu sagen: dass das Leben in diesem riesigen unpersönlichen Glaskasten mit Blick auf den schlammigen Fluss sich meiner Ansicht nach gar nicht stärker von dem in »Atlantis« hätte unterscheiden können.

Als CeCe und der Makler sich über das helle Parkett unterhielten, das in der Wohnung verlegt werden sollte, schüttelte ich den Kopf über meine negativen Gedanken. Ich wusste, dass ich schrecklich verwöhnt war, denn verglichen mit den Straßen von Delhi oder den Slums, die ich am Stadtrand von Phnom Penh gesehen hatte, war eine nagelneue Wohnung in der Londoner City wirklich nicht zu verachten.

Doch letztlich wäre mir eine einfache kleine Hütte mit sicher im Boden verankertem Fundament und kleinem Garten davor lieber gewesen.

Mit halbem Ohr hörte ich CeCe von einer Fernbedienung schwärmen, mit der sich die Jalousien öffnen und schließen ließen, und von einer anderen für die versteckten Surround-Lautsprecher. Hinter dem Rücken des Maklers machte sie das Zeichen für »geldgeiler Kerl« und verdrehte die Augen. Ich rang mir ein Lächeln ab, obwohl mich ein Gefühl der Klaustrophobie überkam, weil ich nicht einfach zur Tür hinaus und wegrennen konnte … Städte raubten mir den Atem; der Lärm, die Gerüche und die Menschenmassen waren mir zu viel. Wenigstens war die Wohnung luftig und geräumig …

»Sia?«

»Entschuldige, Cee, was hast du gerade gesagt?«

»Wollen wir rauf und uns unser Schlafzimmer ansehen?«

Wir gingen die Wendeltreppe hinauf zu dem Zimmer, das CeCe sich mit mir teilen wollte, obwohl es einen weiteren Raum gab. Bei dem spektakulären Ausblick, der sich mir dort bot, bekam ich eine Gänsehaut. Und als wir das riesige Bad begutachteten, wurde mir klar, dass CeCe sich größte Mühe gegeben hatte, etwas zu finden, das uns beiden gefallen würde.

Allerdings waren wir nicht verheiratet, sondern Schwestern.

Wenig später schleppte mich CeCe in einen Möbelladen in der King’s Road, und dann fuhren wir mit dem Bus über die Albert Bridge zurück über den Fluss.

»Diese Brücke ist nach dem Ehemann von Königin Victoria benannt«, erklärte ich CeCe. »In Kensington steht sein Denkmal …«

CeCe machte das Zeichen für »Angeberin«. »Also wirklich, Star, schleppst du immer noch ’nen Reiseführer mit dir rum?«

»Ja«, musste ich zugeben und konterte mit dem Zeichen für »plemplem«. Ich liebte Geschichte.

Als wir ganz in der Nähe unserer Wohnung aus dem Bus stiegen, wandte CeCe sich mir zu. »Lass uns zur Feier des Tages essen gehen.«

»Wir haben kein Geld.« Jedenfalls ich nicht, dachte ich.

»Ich lad dich ein«, meinte CeCe.

Also bestellte CeCe in einem Pub in der Gegend eine Flasche Bier für sich und ein kleines Glas Wein für mich. Wir tranken beide nicht viel – CeCe vertrug Alkohol nicht sonderlich gut, was ihr nach einer besonders ausgelassenen Teenagerparty auf unangenehme Weise bewusst geworden war. Während sie an der Theke wartete, wunderte ich mich über das Geld, das CeCe seit dem Tag, nach dem wir Schwestern von Georg Hoffman, dem Anwalt von Pa Salt, dessen Umschläge ausgehändigt bekommen hatten, zu besitzen schien. CeCe war zu ihm nach Genf gefahren und hatte den Anwalt gebeten, mich zu der Besprechung mitnehmen zu dürfen, doch er hatte Nein gesagt.

»Leider muss ich mich an die Anweisungen meines Mandanten halten. Ihr Vater hat darauf bestanden, dass ich sämtliche Gespräche mit seinen Töchtern einzeln führe.«

Also hatte ich im Vorzimmer gewartet. Als sie wieder herausgekommen war, hatte sie angespannt und aufgeregt gewirkt.

»Tut mir leid, Sia, aber ich musste so eine alberne Verschwiegenheitserklärung unterschreiben. Ist vermutlich wieder eins von Pas Spielchen. Ich darf dir nur sagen, dass alles positiv läuft.«

Meines Wissens war dies das einzige Geheimnis, das CeCe vor mir hatte, und mir war nach wie vor nicht klar, woher all das Geld stammte. Georg Hoffmans Aussage nach hatte Pa in seinem Testament verfügt, dass wir wie bisher nur unsere knapp bemessenen Zuwendungen erhalten würden, uns jedoch an Hoffman wenden konnten, wenn wir darüber hinaus Geld benötigten. Wir mussten also einfach nur fragen, und das hatte CeCe vermutlich getan.

»Prost!« CeCe stieß mit mir an. »Auf unser neues Leben in London.«

»Und auf Pa Salt«, fügte ich hinzu.

»Ja. Du hast ihn sehr geliebt, was?«

»Du etwa nicht?«

»Doch, natürlich. Er war … besonders.«

Als das Essen kam, schlang CeCe es hungrig hinunter. Fast hatte ich das Gefühl, dass nur ich über Pas Tod trauerte, obwohl wir beide seine Töchter waren.

»Sollen wir die Wohnung kaufen?«

»CeCe, die Entscheidung überlasse ich dir. Es ist nicht mein Geld.«

»Unsinn, du weißt, dass meine Sachen auch dir gehören und umgekehrt. Außerdem kann man nicht wissen, was sich herausstellt, wenn du jemals beschließen solltest, den Umschlag aufzumachen, den er dir hinterlassen hat.«

Sie drängte mich schon die ganze Zeit, endlich mein Kuvert zu öffnen. CeCe hatte das ihre sofort aufgerissen und von mir das Gleiche erwartet.

»Willst du ihn nicht aufmachen, Sia?«, hatte sie gefragt.

Doch das konnte ich nicht, weil das, was sich darin befand, Pas Tod besiegelt hätte. Und ich war noch nicht bereit, ihn loszulassen.

Nach dem Essen zahlte CeCe, und wir kehrten in unsere Wohnung zurück, von wo aus sie ihre Bank telefonisch beauftragte, die Anzahlung für das Apartment zu überweisen. Dann setzte sie sich an ihren Laptop und beklagte sich über die wackelige Internetverbindung.

»Hilf mir mal beim Aussuchen der Sofas«, rief sie vom Wohnzimmer aus, als ich unsere gelb patinierte Badewanne mit lauwarmem Wasser füllte.

»Ich hab mir gerade ein Bad eingelassen«, antwortete ich und verschloss die Tür.

Dann legte ich mich ins Wasser und tauchte mit dem Kopf unter. Ich lauschte den gluckernden Geräuschen – Uterusgeräusche, dachte ich – und kam zu dem Schluss, dass ich mich lösen musste, bevor ich den Verstand verlor. Es war nicht CeCes Schuld, und ich wollte meine Unzufriedenheit nicht an ihr auslassen. Bisher war sie immer für mich da gewesen, aber …

Zwanzig Minuten später – ich hatte meinen Beschluss gefasst – betrat ich das Wohnzimmer.

»Na, hast du das Bad genossen?«

»Ja. CeCe …«

»Schau dir mal die Sofas hier an.« Sie winkte mich zu sich. Ich gesellte mich zu ihr und betrachtete nicht sonderlich interessiert die in Cremetönen gehaltenen Sitzgelegenheiten.

»Welches findest du am schönsten?«

»Nimm, was dir gefällt. Inneneinrichtung ist dein Gebiet, nicht meins.«

»Wie wär’s mit dem?« CeCe deutete auf den Bildschirm. »Es soll nicht nur schön, sondern auch bequem sein, schließlich wollen wir drauf sitzen.« Sie notierte Namen und Adresse des Möbelhauses. »Sollen wir das morgen erledigen?«

Ich holte tief Luft. »CeCe, würde es dir was ausmachen, wenn ich ein paar Tage nach ›Atlantis‹ fahre?«

»Kein Problem. Wenn dir der Sinn danach steht, Sia. Ich such uns Flüge raus.«

»Eigentlich möchte ich das allein machen. Ich meine …« Ich schluckte und nahm all meinen Mut zusammen. »Du bist im Moment ziemlich beschäftigt mit der Wohnung und willst mit deinen Kunstprojekten vorankommen.«

»Ja, aber ein paar Tage sind schon drin. Ich kann’s verstehen, wenn du Sehnsucht nach ›Atlantis‹ hast.«

»Mir wär’s lieber, wenn ich allein fahren könnte«, beharrte ich.

»Warum?« CeCe wandte sich mir zu; ihre mandelförmigen Augen nahmen einen erstaunten Ausdruck an.

»Einfach so. Ich würde den Umschlag von Pa Salt gern in dem Garten aufmachen, den ich mit ihm angelegt habe.«

»Verstehe. Klar, warum nicht?«, sagte sie achselzuckend.

Obwohl ich spürte, wie sich ihre Stimmung abkühlte, wollte ich diesmal nicht nachgeben. »Ich leg mich ins Bett. Hab schlimme Kopfschmerzen«, erklärte ich.

»Ich bring dir Tabletten. Soll ich dir einen Flug raussuchen?«

»Ich hab schon eine genommen, aber es wär schön, wenn du dich um den Flug kümmerst, danke. Gute Nacht.« Ich küsste meine Schwester auf die glänzenden dunklen Locken, die wie immer jungenhaft kurz geschnitten waren. Dann zog ich mich in die winzige Besenkammer zurück, die wir uns als Schlafzimmer teilten.

Das Bett war hart und schmal und die Matratze dünn. Nach unserer luxuriösen Kindheit waren wir in den vergangenen sechs Jahren um die Welt gereist und hatten in den übelsten Absteigen genächtigt, weil wir Pa Salt nicht um Unterstützung bitten wollten, auch wenn wir pleite waren. Besonders CeCe war immer zu stolz gewesen, weswegen es mich wunderte, dass sie nun das Geld, das nur von ihm stammen konnte, mit vollen Händen ausgab.

Vielleicht würde ich Ma fragen, ob sie mehr wusste, obwohl sie uns Schwestern gegenüber ausgesprochen diskret war.

»›Atlantis‹«, murmelte ich. Freiheit

An jenem Abend schlief ich fast sofort ein.

II

Christian erwartete mich mit dem Boot an der Landestelle am Genfer See, als das Taxi mich dort absetzte. Er begrüßte mich mit seinem üblichen freundlichen Lächeln, und zum ersten Mal fragte ich mich, wie alt er war. Obwohl er das Schnellboot schon seit meiner Kindheit lenkte, sah er mit seinen dunklen Haaren, der gebräunten Haut und dem athletischen Körper keinen Tag älter als fünfunddreißig aus.

Im Boot lehnte ich mich auf der bequemen Lederbank im Heck zurück und wunderte mich, während ich im hellen Licht der Sonne die vertraute frische Luft einatmete, darüber, dass die Beschäftigten von »Atlantis« nicht zu altern schienen. Vielleicht war »Atlantis« tatsächlich verzaubert, und wer innerhalb seiner Mauern lebte, besaß das ewige Leben und wäre immer dort.

Alle außer Pa Salt …

Die Erinnerung an meinen letzten Aufenthalt in »Atlantis« schmerzte. Wir sechs Schwestern – samt und sonders von Pa Salt adoptiert, aus fernen Weltgegenden hierher gebracht und nach dem Siebengestirn der Plejaden benannt – hatten uns unmittelbar nach seinem Tod in dem Haus versammelt. Nicht einmal eine richtige Beerdigung hatte stattgefunden, bei der wir über unseren Verlust hätten trauern können; Ma hatte uns mitgeteilt, dass er darauf bestanden habe, ohne Trauerfeier auf See beigesetzt zu werden.

Sein Schweizer Anwalt Georg Hoffman hatte uns etwas präsentiert, das auf den ersten Blick aussah wie eine komplizierte Sonnenuhr und über Nacht in Pa Salts besonderem Garten aufgetaucht war. Georg hatte uns erklärt, dass es sich um eine sogenannte »Armillarsphäre« handle, die die Position der Sterne angebe. Auf den Bändern, die sich um die goldene Kugel in der Mitte wanden, standen alle unsere Namen und daneben Koordinaten, die uns verrieten, wo Pa Salt uns gefunden hatte, dazu ein Spruch auf Griechisch.

Meine älteren Schwestern Maia und Ally hatten uns anderen die zu den Koordinaten gehörigen Orte und die Bedeutungen der griechischen Inschriften aufgeschrieben. Meine hatte ich beide noch nicht gelesen, sondern zusammen mit dem Brief von Pa Salt in eine Plastikmappe gesteckt.

Als das Boot langsamer wurde, erhaschte ich zwischen den Bäumen hindurch kurze Blicke auf das prächtige Gebäude, in dem wir aufgewachsen waren. Mit seinen fahl rosafarbenen Mauern und den vier Türmen, deren Fenster im Sonnenlicht funkelten, wirkte es wie ein Märchenschloss.

Nachdem Georg Hoffman uns die Armillarsphäre gezeigt und die Briefe gegeben hatte, war CeCe sofort verschwunden. Ich hingegen war geblieben, weil ich noch Zeit in dem Haus verbringen wollte, in dem Pa Salt mich mit so viel Liebe aufgezogen hatte. Nun, zwei Wochen später, war ich wieder in »Atlantis«, in dessen Abgeschiedenheit ich nach der Kraft suchte, die ich brauchte, um mich mit seinem Tod abfinden zu können.

Christian lenkte das Boot zur Anlegestelle, machte es fest und half mir heraus. Ich sah Ma über den Rasen auf mich zukommen, wie jedes Mal, wenn ich nach Hause zurückkehrte. Tränen traten mir in die Augen, als sie mich umarmte.

»Star, wie schön, dich wieder bei mir zu haben«, begrüßte sie mich, küsste mich auf beide Wangen und trat einen Schritt zurück, um mich zu betrachten. »Ich sage jetzt nicht, dass du zu dünn bist, denn das ist nichts Neues«, bemerkte sie schmunzelnd und ging mir zum Haus voran. »Claudia hat einen Apfelstrudel gebacken, den magst du doch so gern, und das Teewasser ist aufgesetzt.« Sie deutete auf den Tisch auf der Terrasse. »Setz dich und genieß die letzten Sonnenstrahlen. Ich trage deine Tasche hinein und bitte Claudia, Tee und Strudel herauszubringen.«

Ich blickte ihr nach, wie sie im Haus verschwand, und wandte mich dann den üppigen Gärten und dem frisch gemähten Rasen zu. Christian sah ich auf dem halb verborgenen Weg zu der Wohnung über dem Bootshaus gehen, das in einer kleinen Bucht hinter dem größten Garten des Hauses lag. Die Maschine von »Atlantis« lief weiter wie geschmiert, auch wenn ihr Schöpfer nicht mehr dort weilte.

Da kehrte Ma bereits mit Claudia, die ein Teetablett in den Händen hielt, zu mir zurück. Ich begrüßte Claudia, die noch schweigsamer war als ich und niemals von sich aus ein Gespräch anfing, mit einem Lächeln.

»Hallo, Claudia. Wie geht’s?«

»Gut, danke«, antwortete sie mit starkem deutschem Akzent. Wir Mädchen waren auf Pas Wunsch zweisprachig mit Englisch und Französisch aufgewachsen; mit Claudia unterhielten wir uns ausschließlich auf Englisch. Ma hingegen war durch und durch Französin. Das erkannte man schon an ihrer Kleidung, der gepflegten Seidenbluse und dem Rock, sowie an ihren zu einem eleganten Knoten geschlungenen Haaren. Da wir mit ihnen beiden kommunizieren mussten, waren wir Mädchen in der Lage, mühelos zwischen den Sprachen hin- und herzuwechseln.

»Wie ich sehe, hast du dir die Haare nach wie vor nicht schneiden lassen«, bemerkte Ma und deutete auf meinen langen blonden Pony. »Also: Wie geht es dir, chérie?« Sobald Claudia sich entfernt hatte, goss sie uns den Tee ein.

»So weit gut.«

»Mir ist klar, dass das nicht sein kann. Wir fühlen uns alle nicht gut. So kurz nach diesem schrecklichen Ereignis ist das einfach nicht möglich.«

»Stimmt«, pflichtete ich ihr bei, als sie mir die Tasse mit dem Tee reichte und ich Milch und drei Löffel Zucker hineingab. Obwohl ich so schmal war und meine Schwestern mich deswegen gern neckten, liebte ich Süßigkeiten.

»Wie geht’s CeCe?«

»Sie behauptet, gut, aber ob das stimmt, weiß ich nicht.«

»Menschen trauern unterschiedlich«, meinte Ma. »Und oft führt Trauer zu Veränderungen. Weißt du, dass Maia nach Brasilien geflogen ist?«

»Ja, sie hat CeCe und mir vor ein paar Tagen eine Mail geschickt. Hast du eine Ahnung, warum?«

»Ich vermute, es hat mit ihrem Brief von eurem Vater zu tun. Doch egal, was der Grund ist: Ich freue mich für sie. Es wäre furchtbar gewesen, wenn sie hier allein um ihn getrauert hätte. Sie ist zu jung, um sich zu verkriechen. Du weißt ja selbst, dass Reisen den Horizont erweitert.«

»Stimmt. Aber jetzt reicht es.«

»Tatsächlich?«

Ich nickte. Plötzlich spürte ich, wie sehr mich dieses Gespräch anstrengte. Normalerweise wäre CeCe an meiner Seite gewesen und hätte für uns beide gesprochen. Doch da Ma schwieg, musste ich weiterreden.

»Ich habe genug von der Welt gesehen.«

»Das kann ich mir vorstellen«, sagte Ma schmunzelnd. »Gibt es überhaupt noch einen Winkel der Erde, den ihr in den letzten Jahren nicht bereist habt?«

»Australien und den Amazonas.«

»Warum wart ihr da nicht?«

»Weil CeCe schreckliche Angst vor Spinnen hat.«

»Natürlich!« Ma klatschte in die Hände, als sie sich erinnerte. »Obwohl sie sich als Kind vor nichts gefürchtet hat. Sie ist von den höchsten Felsen ins Meer gesprungen.«

»Oder hinaufgeklettert«, fügte ich hinzu.

»Erinnerst du dich, wie lange sie unter Wasser die Luft anhalten konnte? Manchmal hatte ich fast Angst, dass sie ertrunken ist.«

»Ja«, antwortete ich mit düsterer Miene, weil ich daran denken musste, wie sie auch mich zu extremen sportlichen Aktivitäten zu überreden versucht hatte. Das gehörte zu den wenigen Dingen, bei denen ich mich weigerte, ihr Gesellschaft zu leisten. Während unserer Reisen im Fernen Osten war sie stundenlang getaucht oder die steilen Vulkankegel in Thailand oder Vietnam hinaufgeklettert. Doch egal, ob sie sich im Wasser aufhielt oder hoch oben auf einem Berg: Ich war mit einem Buch am Strand geblieben.

»Sie hat immer so ungern Schuhe getragen … Als sie klein war, musste ich sie dazu zwingen«, erzählte Ma.

»Einmal hat sie sie sogar in den See geworfen.« Ich deutete auf die ruhige Wasseroberfläche. »Ich musste sie beknien, dass sie sie wieder rausholt.«

»Sie hat sich noch nie was sagen lassen«, seufzte Ma. »Und sie ist mutig … Allerdings habe ich eines Tages, sie dürfte etwa sieben gewesen sein, einen lauten Schrei aus eurem Zimmer gehört und gedacht, jemand will ihr ans Leben. Aber nein: Es war bloß eine Spinne, so groß wie eine Zwanzig-Centime-Münze, an der Decke über ihr. Wer hätte das gedacht?« Sie schüttelte verwundert den Kopf.

»Außerdem fürchtet sie sich im Dunkeln.«

»Das wusste ich gar nicht.« Ma sah mich erstaunt an, diese Frau, die von Pa Salt eingestellt worden war, damit sie sich auch in seiner Abwesenheit um uns adoptierte Schwestern kümmerte. Dank ihrer Fürsorge waren wir zu Teenagern und jungen Frauen herangewachsen. Sie war mit keiner von uns blutsverwandt, bedeutete uns allen jedoch sehr viel.

»Sie redet nicht gern über ihre schlimmen Albträume.«

»Bist du deswegen zu ihr ins Zimmer gezogen?«, fragte Ma, die zu begreifen begann. »Und hast du mich deshalb kurz danach um ein Nachtlicht gebeten?«

»Ja.«

»Ich dachte, das ist für dich, Star. Was wieder mal beweist, dass wir die Kinder, die wir großziehen, doch nicht so gut kennen, wie wir glauben. Aber sag: Wie gefällt’s dir in London?«

»Gut, allerdings sind wir noch nicht lange dort. Und …« Ich seufzte, weil ich nicht in der Lage war, meinen Kummer in Worte zu fassen.

»Du bist traurig«, führte Ma den Satz für mich zu Ende. »Vermutlich hast du das Gefühl, dass es momentan letztlich egal ist, wo du bist.«

»Ja, doch ich wollte hierherkommen.«

»Und mir ist es eine große Freude, dich bei mir zu haben, chérie, ganz für mich. Allzu oft passiert das nicht, was?«

»Nein.«

»Würdest du dir das häufiger wünschen, Star?«

»Ich … ja.«

»Das ist eine ganz natürliche Entwicklung. Du und CeCe, ihr seid keine Kinder mehr. Was nicht bedeutet, dass ihr euch nicht weiterhin nahe sein könnt. Aber es ist wichtig für euch, ein eigenes Leben zu haben. Bestimmt empfindet CeCe das auch so.«

»Nein, Ma. Sie braucht mich. Ich kann sie nicht im Stich lassen«, platzte es aus mir heraus, weil die Frustration, Angst und … Wut über mich selbst und die Situation übermächtig wurden. Obwohl ich sonst sehr gut in der Lage war, mich zu beherrschen, konnte ich ein lautes Schluchzen nicht zurückhalten.

»Ach, chérie.« Ma erhob sich, kniete vor mir nieder und ergriff meine Hände. »Kein Grund, sich zu schämen. Es ist gut, Gefühle herauszulassen.«

Und das tat ich. Weinen konnte man das nicht mehr nennen, eher schon heulen, als all die unausgesprochenen Worte und Emotionen sich Bahn brachen.

»Entschuldige …«, murmelte ich, und Ma holte eine Packung Papiertaschentücher hervor, um mir die Tränen abzuwischen. »Das mit Pa geht mir an die Nieren …«

»Dafür musst du dich nicht entschuldigen«, sagte sie sanft. »Mich beschäftigt schon länger, dass du so vieles nicht herauslässt. Weswegen ich jetzt froh bin, auch wenn du das möglicherweise anders siehst. Ich würde vorschlagen, du gehst nach oben und machst dich fürs Abendessen frisch.«

Ich folgte ihr ins Haus, in dem mir immer ein ganz besonderer Geruch in die Nase stieg. Diesen Geruch hatte ich schon oft in seine Bestandteile zu zerlegen versucht, sodass ich ihn in meine eigenen vier Wände mitnehmen könnte – ein Hauch Zitrone, Zedernholz, dazu frisch gebackener Kuchen … Doch natürlich war er mehr als die Summe seiner Einzelteile und fest mit »Atlantis« verbunden.

»Soll ich dich nach oben begleiten?«, fragte Ma, als ich die Treppe betrat.

»Nein, ich komme zurecht.«

»Wir unterhalten uns später weiter, chérie. Du weißt, wo ich bin, wenn du mich brauchst.«

Ich erreichte das Obergeschoss, wo sich die Zimmer von uns Mädchen befanden. Ma hatte dort ebenfalls ihren Bereich mit einem eigenen kleinen Wohnraum und einem Bad. Das Zimmer, das ich mir mit CeCe teilte, lag zwischen dem von Ally und dem von Tiggy. Als ich die Tür öffnete, schmunzelte ich über die Farbe der Wände. Mit fünfzehn hatte CeCe eine »Gothic«-Phase durchgemacht und sie schwarz anmalen wollen, doch damit war ich nicht einverstanden gewesen. Als Kompromiss hatte ich lila vorgeschlagen. Am Ende hatte CeCe darauf bestanden, wenigstens die Wand an ihrem Bett selbst zu gestalten.

Nach einem Tag, an dem CeCe sich in unserem Zimmer eingeschlossen hatte, war sie kurz vor Mitternacht mit rot geränderten Augen herausgekommen.

»Jetzt kannst du’s anschauen«, hatte sie gesagt und mich hineingeschoben.

Drinnen hatten mich die kräftigen Farben überrascht: ein tiefblauer Hintergrund mit helleren himmelblauen Einsprengseln und in der Mitte ein leuchtend goldener Sternenhaufen. Ich wusste sofort, was CeCe gemalt hatte: das Siebengestirn der Plejaden … uns.

Als meine Augen sich an das Licht in dem Raum gewöhnt hatten, war mir klar geworden, dass jeder Stern aus winzigen, präzise angeordneten Punkten bestand, die das Ganze zum Leben erweckten.

Ich hatte gespürt, wie sie hinter mir nervös auf mein Urteil wartete.

»CeCe, das ist unglaublich! Wie bist du auf diese Idee gekommen?«

»Es war einfach …«, sie hatte mit den Achseln gezuckt, »… mir war klar, was ich machen muss.«

Seitdem hatte ich viel Zeit gehabt, diese Wand von meinem Bett aus zu betrachten und immer wieder neue Details zu entdecken.

Doch trotz der Begeisterung von uns Schwestern und Pa hatte CeCe nie wieder in diesem Stil gemalt.

»Ach, das ist mir so eingefallen. Inzwischen hab ich mich weiterentwickelt«, hatte sie erklärt.

Noch jetzt, zwölf Jahre später, hielt ich diese Wandmalerei für das schönste und originellste Kunstwerk, das CeCe je geschaffen hatte.

Da meine Tasche bereits für mich ausgepackt war und meine wenigen Kleidungsstücke ordentlich auf dem Stuhl lagen, setzte ich mich aufs Bett. Plötzlich überkam mich ein unbehagliches Gefühl. In dem Zimmer befand sich fast nichts von mir. Und das war allein meine Schuld.

Ich trat an meine Kommode, zog die unterste Schublade heraus und nahm die alte Keksdose mit meinen wertvollsten Besitztümern in die Hand. Damit kehrte ich zum Bett zurück, stellte sie auf meine Knie und öffnete den Deckel. Weil der Umschlag darin bereits siebzehn Jahre in der Dose war, fühlte er sich unter meinen Fingern trocken und glatt an, als ich die Karte aus dickem Papier herausholte, an der eine getrocknete Blume befestigt war.

Liebste Star, nun ist es uns doch noch gelungen, sie bei uns zum Blühen zu bringen.

Pa X

Meine Finger glitten über die zarten, hauchdünnen Blütenblätter, die nach wie vor das tiefe Weinrot erahnen ließen, in dem unsere Blume in dem Garten, den ich in den Schulferien mit Pa angelegt hatte, erstrahlt war.

Für die Gartenarbeit hatte ich früh aufstehen müssen, bevor CeCe aufwachte. Besonders nach ihren Albträumen, die sie für gewöhnlich zwischen zwei und vier Uhr früh quälten, schlief sie tief und fest, weswegen sie meine frühmorgendlichen Abwesenheiten nie bemerkte. Pa, der wirkte, als wäre er schon seit Stunden wach, erwartete mich bereits im Garten, und ich war trotz meiner Müdigkeit gespannt, was er mir zeigen würde.

Manchmal handelte es sich lediglich um ein paar Samenkörner in seiner Hand, dann wieder um einen empfindlichen Setzling, den er von seinen Reisen mitgebracht hatte. Auf der Bank in der Rosenlaube blätterte er mit seinen kräftigen, gebräunten Fingern so lange in seinem dicken, alten Bestimmungsbuch, bis wir wussten, woher unser Schatz stammte. Wenn wir uns dann darüber informiert hatten, was die Pflanze brauchte und mochte, sahen wir uns im Garten nach dem besten Platz dafür um.

Letztlich, dachte ich jetzt, hatte immer er etwas vorgeschlagen und ich ihm zugestimmt. Aber so hatte es sich nie angefühlt. Ich hatte stets das Gefühl gehabt, dass meine Meinung zählte.

Oft musste ich an eine Stelle aus der Bibel denken, über die er einmal bei der Gartenarbeit mit mir gesprochen hatte: dass jedes Lebewesen von Anfang an sorgfältig gehegt und gepflegt werden müsse. Erhalte es diese Pflege, gedeihe es und könne viele Jahre überdauern.

»Wir Menschen sind wie Samenkörner«, hatte Pa schmunzelnd bemerkt, als er die torfige Erde von seinen Fingern wischte und ich die Pflanze mit meiner Kindergießkanne wässerte. »Sonne und Regen … und Liebe, mehr ist nicht nötig.«

Unser Garten war tatsächlich prächtig gewesen. Während dieser Morgensitzungen mit Pa hatte ich Geduld gelernt. Wenn ich manchmal ein paar Tage später zu der Stelle zurückkehrte, an der wir eine Pflanze eingesetzt hatten, um nachzusehen, wie sie sich entwickelte, musste ich feststellen, dass alles unverändert oder die Pflanze braun und welk war. Dann fragte ich Pa, warum sich nichts tat.

»Star«, sagte er und wölbte seine wettergegerbten Hände um mein Gesicht, »was dauerhaft Wert besitzen soll, braucht Zeit. Und sobald es gedeiht, wirst du dich freuen, dass du nicht aufgegeben hast.«

Weswegen ich morgen früh aufstehen und in unseren Garten gehen werde, dachte ich und schloss die Dose.

* * *

An jenem Abend aßen Ma und ich an dem von Kerzen erhellten Tisch auf der Terrasse. Claudia hatte uns ein wunderbares Lammkarree mit Babykarotten und frischem Brokkoli aus dem Küchengarten zubereitet. Je mehr ich über die Kochkunst lernte, desto klarer wurde mir, was für eine begnadete Köchin sie war.

Nach dem Essen wandte Ma sich mir zu. »Hast du schon entschieden, wo du dich niederlassen wirst?«

»CeCe macht ihren Kunstkurs in London.«

»Das weiß ich, aber ich frage dich, Star.«

»Sie ist gerade dabei, eine Wohnung mit Blick auf die Themse zu kaufen. Nächsten Monat ziehen wir ein.«

»Verstehe. Gefällt sie dir?«

»Sie ist … ziemlich groß.«

»Danach habe ich mich nicht erkundigt.«

»Ich kann dort leben, Ma. Sie ist wirklich toll«, fügte ich aus schlechtem Gewissen über meine mangelnde Begeisterung hinzu.

»Und du willst deinen Kochkurs besuchen, während CeCe sich mit der Kunst beschäftigt?«

»Ja.«

»Als du jünger warst, dachte ich, du würdest vielleicht Schriftstellerin werden«, erklärte Ma. »Schließlich hast du deinen Abschluss in englischer Literatur gemacht.«

»Ja, ich liebe Bücher.«

»Star, du stellst dein Licht unter den Scheffel. Ich erinnere mich gut an die Geschichten, die du dir als Kind ausgedacht hast. Pa hat sie mir manchmal vorgelesen.«

»Ach, tatsächlich?« Das erfüllte mich mit Stolz.

»Ja. Und den Studienplatz in Cambridge hast du nicht angenommen.«

»Stimmt.« Ich merkte, wie abweisend das klang, weil es mich nach neun Jahren immer noch schmerzte …

»Dir macht’s doch nichts aus, wenn ich mich um einen Studienplatz in Cambridge bewerbe, oder, Cee?«, hatte ich meine Schwester gefragt. »Meine Lehrer raten mir dazu.«

»Natürlich nicht, Sia. Du bist so klug, bestimmt nehmen sie dich! Ich informier mich auch über Unis in England, bezweifle aber, dass mich irgendeine will. Du weißt ja, wie dumm ich mich anstelle. Wenn’s nicht klappt, begleite ich dich einfach und such mir einen Job in ’ner Kneipe oder so was«, hatte sie achselzuckend gesagt. »Das Wichtigste ist doch, dass wir zusammen sind, meinst du nicht?«

Damals hatte ich das tatsächlich gedacht. Zu Hause und im Internat, wo die anderen Mädchen unsere enge innere Verbindung spürten und uns in Ruhe ließen, hatten wir uns selbst genügt. Weswegen wir uns auf Universitäten einigten, die geeignete Kurse für uns beide anboten, sodass wir zusammenbleiben konnten. Außerdem bewarb ich mich in Cambridge, wo mir zu meiner Überraschung tatsächlich ein Platz am Selwyn College angeboten wurde, vorausgesetzt, ich schaffte in der Abschlussprüfung die erforderlichen Noten.

An Weihnachten hatte Pa in seinem Arbeitszimmer die Mitteilung des Colleges gelesen, stolz den Blick gehoben und auf die kleine Tanne mit dem alten Christbaumschmuck gedeutet, auf der ganz oben ein leuchtender Stern aus Silber prangte.

»Es hat geklappt«, hatte er lächelnd gesagt. »Wirst du das Angebot annehmen?«

»Ich weiß es nicht. Zuerst muss ich sehen, was mit CeCe wird.«

»Es ist deine Entscheidung. Aber irgendwann solltest du anfangen, das zu tun, was für dich richtig ist.«

Kurz darauf hatten CeCe und ich jeweils zwei Angebote von Universitäten erhalten, an denen wir uns beide beworben hatten, dann absolvierten wir unsere Prüfungen und warteten gespannt auf die Ergebnisse.

Zwei Monate später hatten CeCe und ich auf dem mittleren Deck der Titan, Pas prächtiger Jacht, auf der wir unsere jährliche Fahrt mit unseren Schwestern – diesmal um die französische Südküste – machten, nervös die Umschläge mit unseren Abschlussnoten in Händen gehalten. Sie waren uns gerade von dem Stapel Post gereicht worden, die jeden zweiten Tag per Schnellboot gebracht wurde, egal, wo wir uns mit Pa auf den Weltmeeren aufhielten.

»Und, Mädchen«, hatte Pa über unsere Anspannung schmunzelnd gefragt, »wollt ihr sie hier öffnen oder lieber, wenn ihr allein seid?«

»Bringen wir’s hinter uns«, hatte CeCe geanwortet. »Mach du deinen zuerst auf, Star. Ich bin wahrscheinlich sowieso durchgefallen.«

Ich hatte, aller Augen auf mich gerichtet, mit zitternden Fingern das Kuvert geöffnet.

»Und?«, hatte Maia nach einer Weile gefragt.

»Ich hab einen Schnitt von 1,6 … und eine 1 in Englisch.«

Applaus, dann hatten meine Schwestern mich eine nach der anderen umarmt.

»Jetzt bist du dran, CeCe«, hatte Elektra, unsere jüngste Schwester, sie mit funkelnden Augen aufgefordert. Uns anderen war klar, dass CeCe in der Schule aufgrund ihrer Legasthenie zu kämpfen gehabt hatte, wogegen Elektra jede Prüfung schaffen konnte, wenn sie ihre Faulheit überwand.

»Ist mir egal, was drinsteht«, hatte CeCe gesagt, und ich hatte ihr in Gebärdensprache signalisiert, dass ich ihr Glück wünsche. Während ich den Atem anhielt, hatte sie den Umschlag aufgerissen und ihre Ergebnisse überflogen.

»O mein Gott!«

Wir hatten sie gespannt angesehen.

»Ich hab’s geschafft! Star, ich hab’s geschafft! Ich kann Kunstgeschichte in Sussex studieren.«

»Das ist ja toll!«, hatte ich ausgerufen, weil ich wusste, wie fleißig sie gewesen war, und dann Pas fragenden Blick bemerkt. Ihm war klar, vor was für einer schwierigen Entscheidung ich nun stand.

»Gratuliere, Liebes«, hatte Pa Salt gesagt und CeCe ein Lächeln geschenkt. »Sussex ist ein wunderschönes Fleckchen Erde. Dort befinden sich übrigens auch die Seven-Sisters-Klippen.«

* * *

Später hatten CeCe und ich vom oberen Deck der Jacht aus den herrlichen Sonnenuntergang über dem Mittelmeer betrachtet.

»Ich könnte es verstehen, wenn du das Angebot von Cambridge annimmst, Sia, und nicht mit mir nach Sussex gehst. Ich möchte dir nicht im Weg stehen. Aber …«, ihre Unterlippe hatte zu beben begonnen, »… ich weiß nicht, was ich ohne dich anfangen soll. Keine Ahnung, wie ich die Seminararbeiten ohne deine Hilfe schreiben kann.«

In jener Nacht hatte ich gehört, wie CeCe sich unruhig herumwälzte, weil wieder einer ihrer schrecklichen Albträume sie plagte. Also war ich zu ihr unter die Decke geschlüpft, um sie zu beruhigen. Ihr Stöhnen war lauter geworden, und sie hatte angefangen, unverständliches Zeug zu kreischen.

Wie könnte ich sie im Stich lassen? Sie braucht mich … und ich brauche sie

Damals hatte das noch gestimmt.

Also hatte ich das Angebot von Cambridge ausgeschlagen und das von Sussex angenommen, um mit meiner Schwester dort zu studieren. Doch im dritten Semester hatte CeCe verkündet, dass sie das Studium hinschmeißen würde.

»Das kannst du doch verstehen, oder, Sia?«, hatte sie mich gefragt. »Ich kann malen und zeichnen, aber nicht für viel Geld eine Seminararbeit über die Maler der Renaissance und ihre endlosen Madonnendarstellungen schreiben. Das schaffe ich nicht. Tut mir leid, es geht einfach nicht.«

Daraufhin hatten CeCe und ich unser gemeinsames Zimmer auf dem Campus aufgegeben und zusammen eine düstere Wohnung gemietet. Während ich Vorlesungen besuchte, war sie mit dem Bus nach Brighton gefahren, um dort als Kellnerin zu jobben.

In dem Jahr hatte ich immerzu verzweifelt an meinen unerfüllten Traum gedacht.