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Andreas Zwengel

 

DIE INSEL

 

 

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Bereits in dieser Reihe erschienen:

 

4001 J. J. Preyer Das Kennedy-Rätsel

4002 Christian Montillon Marmortod

4003 Susanne Wilhelm Gargoyle

4004 Christian Montillon Zombie-Insekten

4005 Susanne Wilhelm Parasitentod

4006 Susamme Wilhelm Mütter des Todes

4007 J. J. Preyer Die Loge des Teufels

4008 Curd Cornelius Das Horror-Baby

4009 Curd Cornelius Angriff aus der Vergangenheit

4010 D. J. Franzen, Curd Cornelius Das Sanatorium

4011 Astrid Pfister, Curd Cornelius Das Pestmädchen

4012 Curd Cornelius, G. G. Grandt Der Dämonenbeißer

4013 Andreas Zwengel Die Insel

4014 Michael Mühlehner Megarosh

Andreas Zwengel

 

 

DIE INSEL

 

 

Ein Larry-Brent-Roman

 

 

 

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© 2017 BLITZ-Verlag

Redaktion: Jörg Kaegelmann

Titelbild: Rudolf Lonati

Illustration: Ralph Kretschmann

Beratung: Robert Linder

Satz: Winfried Brand

Alle Rechte vorbehalten

ISBN 978-3-95719-263-9

Das Kreuzfahrtschiff AIDAmar hatte termingerecht abgelegt. Randvoll mit vergnügungswilligen und entspannungssuchenden Gästen verließ es den Hamburger Hafen und steuerte das erste Etappenziel seiner mehrtägigen Reise an. Die erste Station war die Stadt Bergen, von dort aus ging es die norwegische Küste hinunter nach Stavanger und Kristiansand. Anschließend würden sie noch in Oslo anlegen, bevor die Reise in einer Woche in Warnemünde endete. Aber daran wollte noch niemand denken, der gesamte Urlaub lag noch vor ihnen.

Bis zu seinem vierzigsten Geburtstag hatte sich Oliver Osterkamp nie bewusst gemacht, dass er älter wurde. Aber dann traf es ihn wie ein Schlag. Mit einem Mal schien seine Lebensuhr gewaltig vorzugehen. Wenn er sich kämmte, verlor er dabei Haare, und die verbliebenen wurden schneller grau, als er sie auszupfen konnte.

Das war der Anfang vom Ende. Osterkamp wusste es genau, sein Vater hatte dieselben Symptome gezeigt. Er konnte sich seine Zukunft bereits ausmalen. Der Bauch wurde schlaff, die Muskeln verkümmerten. Er vertrug keine Anstrengung mehr, ohne dass ihm die Luft ausging, und jeden Abend würde ihm der Rücken schmerzen. In spätestens fünf Jahren wäre er ein Wrack. Er würde seinem Sohn Finn nicht mehr in die Augen sehen können, wenn der ihn fragte, warum er nicht mehr mit ihm Fußball spielte. Seine Tochter Fiona würde ihn ihren Freundinnen als einen Onkel vorstellen, der nur entfernt mit ihr verwandt war, weil sie sich für ihn schämte. Und was war mit seiner Frau Steffi? Wer sollte sich um sie kümmern, wenn er nicht mehr dazu in der Lage war. Impotenz war nur eine der Folgeerscheinungen des körperlichen Zerfalls.

Vierzig Jahre alt, und die Midlife-Crisis hatte ihn voll erwischt. Eigentlich sollte es ein ruhiger und gemütlicher Familienurlaub werden. Seine Frau hatte den Urlaub hinter seinem Rücken geplant und ihm am Morgen als zweites Geburtstagsgeschenk überreicht. Das erste Geschenk war etwas persönlicher und intimer gewesen. Genau genommen konnte er durchaus zufrieden sein, er hatte zwei gesunde, aufgeweckte Kinder, eine wundervolle Frau, ein Auto, ein eigenes Haus und einen Beruf, der ihm Spaß machte, selbst wenn der Stress ihn schon Jahre seines Lebens gekostet hatte. Ruhe, das war das magische Wort. Nichts anderes wollte er in seinem Urlaub haben. Die Kinder waren alt genug, um sich selbst zu beschäftigen, aber andererseits noch zu jung, um ihm Ärger anderer Art zu bereiten. Kurzum, beide befanden sich innerhalb der perfekten Alterspanne.

Seine Frau Steffi lächelte fröhlich, als sie über das Deck auf ihn zukam. Nur er bemerkte das leichte Hinken ihres linken Beines. Daran war ein Unfall in ihrer Jugend schuld, der ihre vielversprechende Karriere als Tänzerin jäh beendete. Bei der Generalprobe vor einer wichtigen Veranstaltung kam sie nach einem Sprung so unglücklich auf, dass sie sich das Kniegelenk verdrehte. Damals hatte sie sich einer Reihe von langwierigen Operationen unterziehen und monatelang das Bett hüten müssen. Als sie endlich aus dem Krankenhaus entlassen wurde, musste sie praktisch neu laufen lernen. Heute fiel das nur noch den Menschen auf, die sie schon sehr lange kannten.

„Ich habe eine Liste von Aktivitäten bekommen, die hier an Bord unternommen werden können. Es gibt sogar einen Jugendtreff.“ Beim letzten Wort zwinkerte sie ihrem Mann zu und gab ihm so zu verstehen, was sie vorhatte, sobald die Kinder aus der Kabine waren.

Osterkamp lächelte und reichte die beiden zusammengehefteten Blätter weiter. Fiona nahm sie entgegen und überflog sie kurz, während ihr kleiner Bruder ständig versuchte, ihr die Blätter aus der Hand zu reißen.

Jeder von ihnen hatte bereits feste Pläne für seinen Aufenthalt in dieser schwimmenden Stadt. Das Angebot war groß genug, um in den sieben Tagen an Bord keine Langeweile zu verspüren. Finn würde in den Kid’s Club einziehen, Steffi zwischen Sonnenliege und Jacuzzi pendeln, und Osterkamp wollte im Golf Driving Cage versuchen, sein Handicap zu verbessern, das momentan diesen Namen auch noch verdiente.

Nur Fiona war noch unentschlossen, da ihrer Meinung nach alles für Jüngere oder für Ältere war. Entweder uncool, blöd, langweilig, spießig oder peinlich. Die üblichen Empfindungen einer Lebensphase, bei der jeder froh war, wenn sie vorüber war. Besonders die Eltern der Betroffenen.

„Und was hältst du davon?“, fragte Osterkamp.

„Ganz nett“, murmelte die Vierzehnjährige. Echte Begeisterung klang anders.

„Willst du mit Finn daran teilnehmen?“

„Mal sehen“, antwortete sie unentschlossen und Osterkamp wollte nicht weiter bohren, weil sie ihn für ihr Alter schon erschreckend schnell durchschaute. Er hasste es, wenn seine Tochter dieses wissende Lächeln aufsetzte, mit dem sie sagen wollte, dass sie wusste, warum Mamis und Papis manchmal allein sein wollten.

Der Pferdeschwanz, der ihre langen blonden Haare bändigte, konnte keine Kindlichkeit mehr vortäuschen, ebenso wenig wie die beiden kleinen Hügel, die sich von innen gegen ihr T-Shirt drängten. Osterkamp hielt sich für einen aufgeklärten Mann, und er hatte sich geschworen, nicht wie andere Väter aus allen Wolken zu fallen, wenn sein kleines Mädchen zum ersten Mal ihre Periode bekam oder einen Freund hatte. Trotzdem konnte er nicht behaupten, dass ihm diese Entwicklung gefiel. Der Gedanke daran bereitete ihm Bauchschmerzen. Aber er konnte sie auch nicht einfach vor der Welt verbergen und zu Hause einschließen. Steffi hatte schon versucht, mit ihm darüber zu sprechen, aber er hatte immer wieder abgeblockt und ihre Bedenken als lächerlich abgetan.

Steffi klatschte in die Hände. „Ich werde noch etwas Ordnung in den Kabinen schaffen, wir treffen uns dann im Speisesaal. Warum geht ihr nicht mal auf das Oberdeck, dort soll es einen Abenteuerspielplatz geben.“

„Abenteuerspielplatz?“ Finn war sofort Feuer und Flamme.

Wenn Kinder doch nur immer so unkompliziert wären, dachte Osterkamp.

Fiona war nicht so erfreut über den Gedanken, ihre Zeit auf einem Kinderspielplatz zu vertrödeln, und wollte sich absetzen. „Ich werde mal bei dem Jugendtreff vorbeisehen“, sagte sie und ging los, ohne die Antwort ihres Vaters abzuwarten.

„Dann bleiben also nur noch wir beide“, sagte er zu Finn.

„Ist doch okay, oder? Wer braucht schon Mädchen?“

Osterkamp lachte. „Du hast Recht.“

Finn rannte zu einer Wippe und setzte sich darauf, dann forderte er seinen Vater auf mitzumachen. Osterkamp wollte zuerst abwinken, aber es war leider niemand anderes da, der mit seinem Sohn spielen konnte, also nahm er Platz. Sofort ging Finn in die Luft. Obwohl Osterkamp versuchte, sich so leicht wie möglich zu machen und immer weiter zur Mitte rutschte, war es Finn unmöglich, seinen Vater vom Boden zu bekommen. Sie entschlossen sich schnell zu etwas anderem. Doch Osterkamp musste erfahren, dass sein Hintern für die Rutschbahn zu dick, sein Körper für das Klettergerüst zu breit und sein Gewicht für die Schaukel zu hoch war. Nach solchen deprimierenden Erkenntnissen beschränkte er sich schließlich darauf, Finn beim Spielen zuzusehen. Früher mal war er stolz auf seine Fitness gewesen, doch da hatte er auch noch körperlich gearbeitet. Manchmal hasste er den beruflichen Aufstieg, den er gemacht hatte.

„Papa, was ist das für eine komische Wolke?“

Osterkamp folgte dem Blick seines Sohnes und sah, was sich dort am Himmel zusammenbraute.

„Ich will nach Hause!“

„Das zieht vorbei“, sagte Osterkamp beruhigend.

„Wirklich?“ Der fünfjährige Finn war von Natur aus misstrauisch. Er traute keinen maskierten Männern, wie Batman oder dem Nikolaus, keinen Mädchen mit Zöpfen und vor allem nicht seinen Eltern, wenn sie ihn nur beruhigen wollten.

Osterkamp hatte schon früher schwere Gewitter am Meer aufziehen sehen, doch die sahen anders aus. Sie kündigten sich dunkelblau am Horizont an, zogen über einen hinweg und erschienen dabei immer dunkler, bis sich das Gewitter entlud.

Diese Wolke hier gehörte zu einer besonderen Art. Sie erschien mitten in einem strahlendblauen Himmel und breitete sich von dort in alle Richtungen aus.

Als Finn sie entdeckte, war sie noch recht unscheinbar gewesen, doch während Osterkamp sie betrachtete, wuchs sie rasend schnell und vervierfachte ihre Größe innerhalb weniger Minuten. „Werden wir jetzt nass?“, fragte Finn und schien das Wetter als persönliche Beleidigung zu empfinden, weil es die Pläne für seine Deckaktivitäten durchkreuzte.

„Die Wolke wird über uns hinwegziehen, du wirst sie gar nicht bemerken“, versprach Osterkamp. Im selben Moment erlosch das Sonnenlicht und das gesamte Deck lag im Schatten. Die Wolke hatte sich soweit vergrößert, dass sie die Sonne verdeckte.

„Vielleicht müssen wir doch einen kleinen Regenschauer ertragen“, schränkte Osterkamp seine Prognose ein. „Aber der geht sicher schnell vorüber.“

Er sah zu den anderen Passagieren, die ebenfalls begannen, sich Sorgen zu machen, und jemanden suchten, bei dem sie sich beschweren konnten.

„Papa?“, rief Finn in seinem Rücken.

„Ja?“

„Da in der Wolke, ist das der liebe Gott?“

Er drehte sich zu seinem Sohn um. „Wovon redest du?“

„Er sieht nämlich gar nicht lieb aus.“

Osterkamp blickte nach oben und sah deutlich ein Gesicht in der riesigen Wolkenwand, die inzwischen den gesamten Himmel bedeckte. Nein, nicht einfach ein Gesicht. Es war ein Monster, eine dämonische Fratze, die ihr Maul aufriss, als wolle sie das gesamte Kreuzfahrtschiff verschlingen. Die AIDAmar steuerte direkt dem Schlund entgegen.

 

*

 

Es war Larry Brent tatsächlich gelungen, die unsichtbare Schranke zwischen Diesseits und Jenseits zu überwinden und auf die andere Ebene zu wechseln. Er hatte in seinem langen Berufsleben schon viel gesehen und erlebt, aber dies war auch für ihn eine neue Erfahrung. Sozusagen eine Grenzerfahrung.

Nun befand er sich also im Jenseits und hatte keine Ahnung, was er als nächstes tun sollte. Es war eine spontane Entscheidung gewesen, um den beginnenden Weltuntergang im Westerwald zu unterbinden. Er hatte keine andere Möglichkeit gesehen, um Morna und den Polizisten Kahlmann zu beschützen. Er musste dieses Unwetter abstellen, egal wie.

Aber wo sollte er beginnen? Dies war keine Umgebung, in der man einfach nach dem Weg fragte. Larry hatte ohne Informationen ein feindliches Land betreten und sollte dort nun die alles entscheidende Mission durchführen. Er konnte nicht sagen, mit welchen Vorstellungen er den Übergang gemacht hatte. Wie viele Überlegungen er auch in das bevorstehende Abenteuer investiert hatte, es waren auf jeden Fall zu wenige gewesen. Der PSA-Agent kam sich vor wie jemand, der sich in Flipflops zur Everestbesteigung aufgemacht hatte.

Diese Welt war ein ungewohnter Anblick, und Larry musste sich zwingen, sich nicht von den vielen fremdartigen Details ablenken zu lassen. Alles war nicht nur exotisch, sondern auch gefährlich.

In manchen Fällen handelte es sich beim Jenseits nur um eine gespiegelte Version seiner eigenen Welt. Aber das konnte Larry hier ausschließen, sonst würde er sich gerade inmitten eines Unwetters im Westerwald befinden, denn von dort aus war er gestartet. Natürlich kannte er nicht jede einzelne Stelle dort, aber er war trotzdem sicher, dass es in Deutschland nichts Vergleichbares gab. Es war eine verlassene Gegend, in der er sich befand. Der Himmel sah aus wie ein zerlaufener Regenbogen. Die Farben wechselten in Schlieren bis zum Horizont. Der Anblick war bedrückend, denn man verspürte nicht das Gefühl eines freien, endlosen Himmels. Vielmehr wirkte es wie ein Gemälde, das einen zu erschlagen drohte.

Die allgemeingültigen Gesetze der Naturwissenschaften verloren im Jenseits jegliche Bedeutung, und es gab auch keinerlei Gesetzmäßigkeiten, wie das Jenseits auszusehen hatte. Larry kannte unzählige Berichte von Hellsehern und Medien, aber auch von Kollegen wie Mick Bondye und Cassandra Benedikt von der BKA-Abteilung Schattenchronik, denen der Übergang ebenfalls möglich war. Das Aussehen des Jenseits hing von der Persönlichkeit des Übergängers genauso ab, wie von seinem Gastgeber auf der anderen Seite. Im Prinzip war jedes Aussehen möglich.

Das betraf auch Larry selbst. Sein Körper sah zwar noch genauso aus wie zuvor, aber er bestand längst nicht mehr aus Fleisch und Blut, sondern aus feinstofflichem Ektoplasma. Seine Kleidung war nicht mehr von seinem Körper getrennt, sondern alles bildete eine einheitliche Gestalt.

Zwar verfügte er noch über seine komplette Ausrüstung, aber Kragencom und Smith & Wesson-Laserwaffe dürften in dieser Umgebung nutzlos sein. Larry betrachtete seinen Ring. Die massive goldene Weltkugel, durch die das stilisierte Antlitz eines Menschen schimmerte, enthielt eine miniaturisierte Sende- und Empfangsanlage. Jeder Agent konnte damit überall auf der Welt per PSA-eigenen Funksatelliten erreicht werden. Wie gesagt, überall auf der Welt.

Der Ring war auf den jeweiligen Körpermagnetismus eingestellt. Wenn er den Tod seines Trägers feststellte, wurde das sogenannte Todessignal an die Zentrale in New York gemeldet. Larry fragte sich, welche Statusmeldung sein eigener Ring in der realen Welt in diesem Moment gerade anzeigen mochte.

Aus der Ferne hörte er Jubel und Geschrei. Da es der einzige vielversprechende Hinweis auf Bewohner dieser Ebene war, beschloss er, ihm zu folgen.

Larry glaubte, sich einem Volksfest zu nähern. Doch die Lautstärke der Stimmen stieg und fiel, als Reaktion auf etwas, das sie beobachteten. Was er hörte, klang wie die Zuschauer bei einem Fußballspiel, und offenbar gab es jede Menge Torchancen.

Er schlich vorsichtig näher an den Ursprung des Geschreis heran. Bevor er nicht wusste, mit wem er es zu tun hatte, wollte er sich noch nicht zeigen.

Larry bog den Zweig eines Busches herab, um besser sehen zu können, und spürte sofort ein Prickeln an seiner Hand. Der Busch war giftig und kein harmloser Strauch. Wahrscheinlich war nichts auf dieser Ebene wirklich harmlos, und es gab niemanden, den er fragen konnte, ohne dass derjenige über ihn herfallen würde. Er nahm einen Stock auf, der sich glücklicherweise weder als Schlange noch etwas ähnlich Gefährliches entpuppte, und bog damit den giftigen Zweig herab.

Es waren Zelte mit Fahnen. Fackeln auf langen Stangen standen bereit, um das Geschehen nach Einbruch der Dunkelheit zu beleuchten. Grobe Taue waren zwischen Pfosten gespannt, die man tief in den Boden getrieben hatte. Es handelte sich um einen provisorischen Kampfring, der überall und jederzeit rasch aufgebaut werden konnte.

Das war ein Wanderzirkus oder eine umherreisende Kampfarena. Brot und Spiele waren also auch im Jenseits sehr beliebt. In der Mitte des Ringes lag ein Minotaurus ausgestreckt auf dem Boden, offenbar der Verlierer des letzten Kampfes. Larry betrachtete den muskulösen Menschkörper und die spitz gefeilten Hörner des Stierkopfes, die in Blut getaucht worden waren. Bei diesem Anblick drängte sich ihm die Frage auf, wie gefährlich dann erst der Sieger sein mochte.

Vier abgemagerte Menschen schlurften in den Ring hinein. Sie sahen alt, schwach und krank aus und hoben nicht einmal die Köpfe, als sie von den Zuschauern mit Abfall und Steinen beworfen wurden. Offenbar handelte es sich um Sklaven, die zwischen den Kämpfen den Ring säuberten. Zwei von ihnen sammelten die Gegenstände ein, mit denen sie beworfen wurden, die beiden anderen schnappten sich die Beine des Minotaurus und begannen zu ziehen.

Sie waren wohl selbst verwundert, wie einfach sich das gewaltige Wesen ziehen ließ, aber erst das schallende Gelächter des Publikums sorgte dafür, dass sie sich umdrehten und nachschauten. Larry verzog angewidert das Gesicht, als er sah, wie sie Beine und Unterleib davonschleiften und der Oberkörper liegenblieb. Eine scharfe Klinge musste den Minotaurus oberhalb des Bauchnabels in zwei Hälften geteilt haben.

Die beiden Müllsammler eilten hinzu und ergriffen die Arme des Mischwesens, um es zur anderen Seite hin aus der Arena zu schaffen. Larry schaute zu der kleinen Tribüne, die an einer Seite der Arena errichtet worden war. Darauf saß ein Jüngling, der von den Kämpfen nicht sehr beeindruckt schien. Auf der Erde würde Larry ihn für einen Elfjährigen halten, aber das Aussehen konnte auf dieser Ebene täuschen.

Ein junger Prinz der Finsternis, der sich mit Gladiatorenkämpfen die Zeit vertrieb. Auf jeden Fall besaß er einen bestimmten Rang, denn alle um ihn herum bemühten sich sehr, ihm zu gefallen. Larry vermutete, dass der kleine Prinz eine sehr launische Persönlichkeit besaß und harte Strafen gegen jene verhängte, die ihn ärgerten oder langweilten.

Die Kämpfer traten immer paarweise an, um sich gegenseitig die Köpfe einzuschlagen. Viele Kreaturen kannte Larry zumindest teilweise auch von der Erde, doch hier waren die Bestandteile auf groteske Art durcheinandergemischt. Die Zusammensetzung wirkte völlig willkürlich, wie die Basteleien eines kindlichen Frankensteins. Grauenhafte Gestalten, die sich gegenseitig attackierten, um ihrem Herrn zu gefallen. Auf Larry machte es den Eindruck von Gladiatorenkämpfen in einer Arena. Allerdings gab es nur einen einzigen wichtigen Zuschauer, und der wirkte auch noch sehr gelangweilt.

Ein Wesen mit einem behaarten Affenkörper und ledernen Flügeln trat gegen einen Zentauren an. Die Kämpfer trugen keine Waffen bei sich, sondern gingen mit bloßen Händen aufeinander los. Allerdings wurde die Auseinandersetzung deshalb nicht weniger brutal geführt.

Larry beugte sich weiter vor, aber er war immer noch zu weit entfernt, um gut sehen zu können. Um näher heranzukommen, fehlte allerdings die Deckung. Die herrschenden Zustände bereiteten ihm ein mulmiges Gefühl. Er hielt es mit einem Mal nicht mehr für eine gute Idee, sich diesem Lager zu nähern. Er kehrte ihm den Rücken, um sich einen besseren Ort für Auskünfte zu suchen, als der Lärm der Zuschauer urplötzlich verstummte. Larry hatte sich bereits halb zur Seite gewandt und hielt nun überrascht inne.

Die beiden Krieger hatten aufgehört zu kämpfen und drehten sich in seine Richtung. Auch der Prinz erhob sich und sah direkt zu Larry. Es war unmöglich, dass sie ihn sehen konnten. Er war zu weit weg und hatte nur durch eine Öffnung geblickt, die kaum größer als sein Augenpaar war. Trotzdem schienen sie alle ganz genau zu wissen, wo sich der Fremdling befand. Die beiden Kämpfer liefen los, und ein zweites Paar, das als nächstes angetreten wäre, schloss sich ihnen an.

Larry machte einen Schritt rückwärts, dann noch einen und schließlich begann er, in die entgegengesetzte Richtung zu laufen. Er wusste nicht, wie sie ihn entdeckt hatten, aber es war sinnlos, in diesem Moment darüber nachzudenken. Er musste so schnell wie möglich verschwinden. Larry rannte los und fegte dabei die Büsche aus seinem Weg, ohne auf das Brennen zu achten, das ihre Berührungen verursachte.

 

*

 

Das Kreuzfahrtschiff war vollständig von der dunklen Wolke eingehüllt. Lautsprecherdurchsagen forderten die Passagiere auf, sich zu ihrer eigenen Sicherheit in die Kabinen zu begeben. Die meisten drängten sich jedoch mit ihren Handys und Kameras an den Scheiben, um die drohende Katastrophe zu filmen. Bisher hatte kein Regen eingesetzt, und auch die See war nicht wesentlich rauer geworden. Es gab weder Sturm noch Blitzschlag, kurzum, es war ein sehr merkwürdiges Gewitter.

„Ich will jetzt in den Kid’s Club“, sagte Finn und zog mehrmals an der Hand seines Vaters.

„Gut, ich bringe dich dorthin, während ich deine Schwester suche, aber anschließend gehen wir zu Mama in die Kabine, bis das Wetter wieder besser wird.“

Die Wolke hatte sich über dem Schiff zusammengezogen, und an den Rändern konnte man bereits wieder blauen Himmel erkennen. Allerdings nahm ihre Färbung weiter zu, und sie war inzwischen tiefschwarz.

Osterkamp warf zur Sicherheit immer wieder einen Blick nach oben, während er nach seiner Tochter suchte. Er lief die 250 Meter Länge des Schiffes auf jeder Seite einmal entlang, und zwar auf jeder Etage. Sie war an keinem der Orte, an denen er sie vermutete, und es war sinnlos, immer weiter über die verschiedenen Decks zu rennen. Also würde er in die Kabine zurückkehren und sein altes Handy herauskramen. Osterkamp führte es nur für Notfälle mit und lehnte es ab, das Ding am Körper zu tragen. Das machte ihn zwar gesellschaftlich noch viel älter als vierzig, aber er beharrte auf seiner Einstellung.

Erschöpft lehnte er sich für einen kurzen Moment mit dem Rücken gegen die Reling und verschnaufte. Er legte den Kopf in den Nacken und überlegte, wie lange es noch dauern würde, bis sie endlich unter der Wolke hindurchgefahren waren.

Eine Frau trat neben ihn und zündete sich eine Zigarette an. Sie trug ein Kopftuch im Stil alter Hollywood-Filme, das ihr Gesicht verbarg, und eine Sonnenbrille. Die Brille wirkte bei diesen Lichtverhältnissen seltsam unpassend, denn man konnte ohnehin nicht viel sehen. Ein Windstoß trieb ihr Zigarettenglut ins Gesicht. Sie fuchtelte hektisch mit ihren Händen herum, wodurch ihre Verkleidung verrutschte.

Osterkamp erkannte sie sofort. „Sie sind Heidi Duran“, platzte er heraus.

„Es hat wohl keinen Zweck, es zu leugnen“, sagte sie und lächelte. Er konnte nicht verhindern, dass er sie anstarrte. Obwohl ihr Gesicht jedem Menschen in der westlichen Welt hinreichend bekannt sein durfte, bemerkte Osterkamp selbst in dem schummrigen Licht der Bordbeleuchtung einen Unterschied. Ihr Gesicht war mit Sommersprossen geradezu übersät, ebenso ihre Brust, soweit man in den Ausschnitt hineinsehen konnte. Auf den Hochglanzfotos der Illustrierten und auf der Leinwand waren sie immer überschminkt.

„Entschuldigen Sie die blöde Frage, aber was machen Sie hier an Bord?“

Sie lächelte vielsagend. Das spurlose Verschwinden von Heidi Duran hatte die Medienwelt erschüttert. Teils vor Bestürzung über die stornierten Veranstaltungen, teils vor nahezu sexueller Erregung in Anbetracht des Nachrichtenwertes dieser Meldung und ihrer Hintergründe. Ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, als sie gerade gerüstet schien für die große Medienoffensive: ein neuer Film, eine neue CD, ein Werbespot und Interviews in allen bekannten Illustrierten. Ihr Gesicht war weltweit auf allen Plakatwänden. Vor allem in ihrer Heimat Deutschland gab es kaum einen Ort ohne ihr Konterfei.

Das ganze Land hatte an ihrem Schicksal so lebhaft teilgenommen. Sie wandelte sich öffentlich vom ausgebrannten Püppchen, der Diva-Marionette, die mehr durch ihre Liebschaften als durch eigene Leistung zu Ruhm gekommen war, zur bodenständigen, unabhängigen Frau. Sie brach alle Brücken zu ihrer zweifelhaften Vergangenheit hinter sich ab und stieg wie ein Phönix aus der Asche. Vom Porträt in der Cinema, dem Interview im Playboy, den erotischen, aber selbstverständlich geschmackvollen Fotos in Max bis zur Behandlung und Analyse ihrer Rolle als Medienphänomen in Spiegel, FAZ und Zeit. Keine andere Frau hatte im letzten Jahr so viel Aufmerksamkeit genossen. Wie konnte jemand, der schier omnipräsent war, völlig verschwinden?

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