Inhaltsverzeichnis
Sämtliche in diesem Buch erwähnten Personen haben mittlerweile die Bundesrepublik Deutschland verlassen und leben unter neuem Namen an vor der Öffentlichkeit geheim gehaltenen Orten. Selbst Personen, deren Namen frei erfunden sind, haben diesen abgelegt.
Alle in diesem Buch beschriebenen Ereignisse haben sich tatsächlich so zugetragen – mit Ausnahme derer, die frei erfunden sind.
Grundsätzlich ist dies ein ernstes und ernstzunehmendes Buch. Als solches haben Satire und Ironie nichts darin zu suchen, können sich aber durch die Hintertür, ein Touristenvisum oder den zweiten Bildungsweg eingeschlichen haben.
Amen.
Für alle, die ich lieb habe
Baumkraulen
Oder: Warum ich NICHT davon träume, Claudia Schiffer zu sein
Viele Frauen wünschen sich ja, sie wären Claudia Schiffer oder Eva Mendes. ICH wünschte, ich wäre unsere Eibe!
Am Freitag stand ich mit Schatzi in unserem Garten. »Du, sag mal«, fragte er wach wie ein Fuchs, »lässt das Teil Nadeln?«
Interessanterweise kriegen Männer sonst ja noch nicht mal mit, wenn die eigene Frau Glatze trägt oder sich eine Blumenvase auf den Kopf transplantieren lässt.
Ich merkte, wie Eifersucht in mir aufstieg.
Was hatte diese Eibe, was ich nicht habe?
»Der Baum hat Stress«, erklärte mir der rasch herbeigerufene langhaarige Pflanzendoktor Marke Jesus.
»STRESS?!«, schrie ich. »Wo kommen wir denn da hin, wenn jetzt auch schon Bäume Stress haben?! Fragen Sie ihn doch mal, ob er vielleicht auch Heimweh hat?!«
Den Witz konnte Jesus nun gar nicht verstehen. Stattdessen stellte er mir ein umfangreiches Baum-Wellness-Paket zusammen: wässern, düngen, kraulen. Kraulen? Ja, Sie lesen richtig. Ich bekam eine Kupferbürste in die Hand gedrückt. »Damit den Stamm abbürsten. Macht die Rinde schön!«
Soll ich ehrlich sein? Ich habe vier Kinder zu versorgen, ein Haus und einen Mann. Ob ich da noch einen Baum massiere, auch egal.
Aber meine Eifersucht lässt mich trotzdem nicht los. Vielleicht sollte ich mich mal als Sturmschaden verkleidet ins Bett legen? Womöglich hat Schatzi da ja noch eine verborgene Seite …
Hilfe, er versteht mich nicht!
Oder: Warum Männer Molukkanisch sprechen
Die Eskimos kennen zwanzig Worte für Schnee. »Ügü«, »Wügü«, »Schnügi« – so in der Art. Was dann heißt: »weicher Schnee«, »harter Schnee«, »noch mehr Schnee«. Macht ja auch Sinn: Was sollen die über Palmen reden?
Auf den Molukken wiederum spielt Schnee eine eher untergeordnete Rolle. Hier denkt man (wenn man unter der Palme liegt, Bier trinkt und Nordpol-Radio hört): Was haben die Eskimos mit ihrem Ügü-Wügü-Schnügi-Gelaber? Schnee ist Schnee. Die sollen mal zum Punkt kommen.
Genauso verhält es sich mit Männern und Frauen. Genauso ist es mit Schatzi und mir, wenn wir uns unterhalten. Ich benutze Vokabeln, die er einfach nicht versteht. Ich bin der Eskimo, er der Molukkaner.
Unsere Brotdiskussion ist so ein Fall. Schatzi mag Kruste. Schatzi mag es hart. Das habe ich nach sieben Jahren Ehe – ich schwör’s! – nun wirklich begriffen. Ich weiß nur nicht, ob er begreift, dass ich es begreife. Vielleicht ist es auch so, dass in seiner Molukken-Welt einfach nicht zwischen hartund trockenunterschieden wird. Jedenfalls ziehe ich regelmäßig versteinerte Brotlaibe aus dem Brotkorb. Dann erkläre ich ihm – in einfachen, klar strukturierten Sätzen: »Du müssen tun Folie um Brot. Sonst Brot nix hart, Brot nur aua. Wir alle beißen Zähne aus und müssen tragen Prothese, verstehen?«
Und?
Nichts. Die nächste Brotmumie lässt nicht lange auf sich warten.
Oder auch die Frage, wie viel Deko auf dem Küchentisch stehen darf, konnte seit sieben Jahren verbal noch keiner befriedigenden Lösung zugeführt werden. Ich habe es, nun ja, gern opulenter. Schatzi bangt um die Freiheit seiner Kaffeetasse und der Morgenzeitung. Bereits hundertfach erklärte ich ihm: »Aber da ist doch mehr als genug Platz, Schatzi!« Mit dem Ergebnis: Meist ist zwei Tage Ruhe, dann geht’s wieder von vorne los.
Nun habe ich mir schon überlegt, ob man vielleicht die frei benutzbaren Tischflächenanteile mit Noppen beschichten sollte. Dann kann er sie mit den Fingern abfahren wie ein Blinder. Wenn das männliche Sprach-Versteh-Zentrum offensichtlich so luschig ausgebildet ist, muss man als Frau eben andere Wege gehen und an die taktilen Sinne appellieren.
Unlängst gab’s dann einen etwas blöden Zwischenfall. Ich schaffte ein Weihnachtsgeschenk von Schatzi heimlich ins Geschäft zurück: eine antike Holzkiste, ganz hübsch. Natürlich lobte ich ihn ausgiebig für seine Wahl. (Aber, machen wir uns nichts vor: Das Blau passte natürlich überhaupt nicht.)
Tja, und dann ging Schatzi ins Geschäft, um mir zum Geburtstag auch noch die dazupassenden Kerzenhalter zu kaufen. Bei der Gelegenheit sah er dann sein ehemaliges Weihnachtsgeschenk im Regal stehen.
Was soll ich sagen?
Er versteht das eben nicht.
My Home is my Balkon
Oder: Vom Glück mit kackenden Tauben
Schatzi unterstellt mir ja immer, ich sei auf einer Verkehrsinsel groß geworden. Ich gestehe: Ja, wir hatten zu Hause niemals Terrasse oder Garten. Aber ich gestehe auch: Ich hab’s nie vermisst. Wie man’s kennt, kennt man’s halt.
Später dann, in meiner Studentenzeit, entschied ich mich im Zweifel auch stets für die Butze ohne Balkon. Wahrscheinlich bin ich da wie das Schaf meiner Schulfreundin Katharina. Das stand zeit seines Lämmerlebens auf einer abgefressenen Brennnessel-Koppel und fraß Brennnesseln. Als es dann im Teenie-Alter auf eine frische Weide voller Gras kam, worauf stürzte es sich als Erstes? Richtig. Auf die Brennnesseln.
Nun ist Schatzi in mein Leben getreten. Und mit ihm gleich zwei Balkone. Allerdings sind Balkone nicht gleich Balkone. Nach einem ungeschriebenen architektonischen Naturgesetz befindet sich der größere, geräumigere, schönere natürlich stets auf der Nordseite des Hauses, ist von der ältesten Kastanie der Stadt verschattet und auch nur durchs Badezimmer erreichbar.
Dafür ist der Süd-Balkon nach einer weiteren ungeschriebenen Architektenregel garantiert nicht größer als ein ausgepucktes Kaugummi. Was ambitionierte Großstadttussen wie mich aber nicht davon abhält, aus ihnen eine Leistungsschau mediterranen Wohnens zu machen: Teakholztisch, -stühle, -kissentruhe, -sonnenschirm. (Alles aus zertifiziertem Holzeinschlag versteht sich, ich bin ja kein Umweltschwein.) Und in Terracotta-Kübeln lasse ich Lavendel und Olivenbäume dem Hamburger Schietwetter entgegentrotzen.
Aber nicht nur Schatzi und zwei Balkone sind in mein neues naturverbundenes Leben getreten, auch eine Großfamilie fettgefressener Hamburger Stadttauben. Mag sein, dass sie auf ihrem Weg zu den grauen Mülltonnen und tristen liegen gelassenen Brötchen dieser Stadt einfach auch gern mal in eine farbenfrohe Mittelmeer-Kulisse kacken. (Ist ja nicht so, dass Tauben keinen Anspruch hätten.) Mag auch sein, dass es sie wie die Störe an den Ort ihrer Geburt zurückzieht. Jedenfalls: Regelmäßig finde ich widerliche kleine weiße Taubeneier unter meinen Blumen.
Nun bin ich kein Ornithologe, nur eine einfache Taubenhasserin – aber biologisch muss es wohl so sein, dass der Tauben-Mama ihre Eier einfach hinten rauskullern. In den wenigsten Fällen nämlich finde ich zum Corpus Delicti ein passendes Nest. Neulich lag ein Ei auch einfach mal auf dem Steinfußboden. Praktischer geht’s nimmer. Ich gebe die Dinger dann immer der Stadtreinigung zum Fertigbrüten.
Gestern nun installierte ich, drei an Drähten baumelnde ziemlich unmediterrane schwarze Plastikraben aus dem Baumarkt. Die kitzeln Schatzi und mich beim Weintrinken jetzt ein bisschen im Genick.
Es war ein langer Weg von meiner Verkehrsinsel hierher, es hat mich zweiunddreißig harte Jahre gekostet, aber der Blick die Straße hinunter, der Blick auf Hunderte baumelnde Raben an Drähten bestätigt mir: Es ist so weit: Ich bin stolze Besitzerin der balkonischen Staatsbürgerschaft.
Cracker im Faxgerät
Früher Promiparty, heute Wickeltisch:
Oder: Die entscheidende Wende in ihrem Leben
Früher, bevor ich Schatzi kennenlernte, hatte ich eine Vielfliegerkarte der Lufthansa im Portemonnaie, war so dicht an Pierce Brosnan dran, dass ich alle seine Frontzahnkronen zählen konnte, (vier Stück!) und ging jede dritte Woche zum Strähnchenmachen.
Dann kam Yella, unsere Tochter.
In meinem Portemonnaie steckt jetzt die Rabattkarte der Drogerie, aus der ich jede Woche die Jumbopakete mit den Windeln schleppe. Und die Strähnchen im Haar sind strähnigen Haaren gewichen. Was zwar ähnlich klingt, aber nicht dasselbe ist.
Auch meine Sprache verkommt: Wer hundertmal am Tag »Eia-popeia!« und »Du-Du!« sagt, kriegt irgendwann keine ganzen Sätze mehr hin. Das ist wie eine verkürzte Sehne am Bein. Die wird auch nur mit ganz viel Training wieder lang.
Vom aufrechten menschlichen Gang bin ich ebenfalls Meilen entfernt: Ich krieche mit meinem Kind; den Weg ins Bett finde ich auch nur noch auf allen vieren. Ich bin fix und foxi, satt und alle, und wenn ich in den Spiegel gucke, tut mir mein Mann leid.
Ich lese auch nicht mehr »Bunte« und »Gala«, sondern lasse mich von Stillratgebern und Babyentwicklungsbüchern in meinem Frausein inspirieren. Deren Botschaft ist klar: Schick ist, wo du schnell die Möpse rausholen kannst. Und ein bockendes, schreiendes Baby ist kein bockendes, schreiendes Baby, sondern das Kind einer Mutter, die alles falsch macht.
Die Handtasche quer, die Schuhe platt, ein Ego wie eine Erbse, dafür ein Busen wie zwei Melonen – typisch frisch gebackene Mama. Man könnte denken: Im Kreißsaal wurde sie nicht nur von ihrem Baby entbunden, sondern auch von ihrem Geschmack. Bei den Kinderwagen gibt sie allerdings jetzt gern Gas. Super-Alu-Leichtlauf-Teile mit drei Rädern – das einzig wahre Statussymbol, das Mutti haben muss. Bei Bedarf auch nachrüstbar mit – kein Witz – Sportfelgen und Coffee-to-go-Halter.
Vorhin machte mal wieder das rote Licht meines Faxgeräts hilflos blink! blink!Yelli, unser kleiner Sonnenschein, hat mit ihrem Patschehändchen zum x-ten Mal einen Reiscracker in den Schlitz fürs Papier gequetscht. Auch das Telefon, mein Autoschlüssel, das Handy – alles klebt und ist vollgelüllert.
»Ja, guckt die denn gar nicht nach ihrem Kind?«, werden Sie fragen.
Doch. Nonstop. Ich könntegar nicht weggucken.
Das ist nämlich die beste Party meines Lebens.
Wie erziehe ich mein Kind?
Oder: Schon den Erziehungsratgeber von Prof. Dr. Schlau gelesen?
Wenn Schatzi morgens aus dem Haus geht, sind wir eine Weiberwirtschaft. Omi Kiel, Baby Yella (elf Monate), ich. Vielleicht sind wir auch ein Zoo. So genau lässt sich das durch geschlossene Türen manchmal nicht sagen:
»Wo ist der kleine Tiger? Ich krieg dich!«
Dann krabbeln und schliddern die jüngere und die ältere Generation juchzend und quietschend übers Parkett. Und ich, die mittlere, bin abgemeldet. Mein Baby mobbt mich, Omi ist die heimliche Königin. Ob mir das passt oder nicht.
Beruf Großmutter. Ausbildungszeit: neun Monate. Wichtigstes Charaktermerkmal: Teflon. Wie die Pfanne. Alles gleitet ab.
Schatzi und ich haben das große Glück: Wir haben nicht nur eine Teflonpfanne, äh, Oma, wir haben gleich zwei. Sagst du im befreundeten Mütterkreis: »Unsere Omi ist fit, pflegeleicht, kinderbetreuungswillig, wohnt nicht am anderen Ende von Deutschland und zankt sich noch nicht mal mit ihrem Schwiegersohn«, siehst du den Neid in den Augen blitzen wie sonst nur noch bei dem Satz: »Wir haben drei Millionen beim Lotto gewonnen.«
Ja, Omis im Haus sind der wahre Luxus. Wer spricht so perfektes Urwalddeutsch? »Ha bubu? Hattu tattu!« Wer sitzt bitte noch morgens um drei neben dem Kinderbettchen und zieht unverdrossen zum vierzigsten Mal die Spieluhr-Krake auf?
Und wer lässt sich mit solchem Langmut erklären, dass er eigentlich keine Ahnung hat von Babybetreuung, weil er leider nicht den neuen 1000-seitigen amerikanischen Erziehungsratgeber von Prof. Dr. Schlau gelesen hat?
Aber das Objekt der Begierde hat natürlich auch seine Tücken. Omi Kiel zum Beispiel ist nicht nur Teflon, sondern auch Tomate. Eine treulose, um exakt zu sein. Ich kann gar nicht entspannt mit ihrem Schwiegersohn zanken, ohne dass sie wie eine beschützende Glucke ihre Flügel über ihm ausbreitet. Und besonders infam: Sie rührt ihm bereitwillig mehrmals die Woche in der Küche seinen Lieblingskräuterquark zusammen.
Da kann doch keine Ehefrau mithalten!
Eine wichtige Sache vergisst man dabei glatt: Omis sind natürlich nicht nur Omis, sie sind auch Mütter. Und so ganz nebenbei erziehen sie nicht nur dein Baby, sondern auch dich. Nachsitzen inklusive.
Kürzlich hockte ich völlig k. o. mit meinem widerborstigen kleinen Schreimonster auf dem Schoß, das trotzig die Beine warf, inmitten von entleerten Lego-Tonnen, angeknabberten Uno-Karten, einer umgekippten Nuckelflasche, aus der Milch auf unseren Teppich tropfte, und blätterte hektisch und hilflos bei Prof. Dr. Schlau, das Kapitel suchend: »Was, wenn ich gleich ausflippe?«
»Tja, mein Schatz«, strahlte mich Omi Kiel irgendwie verdächtig gut gelaunt an, »kommt eben alles zurück im Leben!«
Man spricht »Denglisch«
Oder: Bei der Post gibt’s »Freeway Paketmarken« und bei Karstadt den »Summer Sale«
Haben Sie schon mal versucht, in einem stinknormalen Handy-Shop ein stinknormales Handy zu kaufen? Das geht total einfach und macht richtig Laune! Gesetzt den Fall, Sie haben a) gerade ein Wörterbuch in der Handtasche, oder sind b) staatlich diplomierte Übersetzerin. Oder aber c) Sie haben einen ausgeprägten Hang zum Masochismus.
Da hätten wir also zum Beispiel WAP. Die WAP? Das WAP? Der WAP? Keine Ahnung! Jedenfalls: Mit die-dasder WAP kann man über einen speziellen Mikro-Browser irgendwas downloaden. Wunderbar! Macht mich als Hausfrau schon mal unheimlich happy. Fun und Action verspricht natürlich auch die kabellose Connectivity zum Bluetooth-Laptop. Okay, Leute, denke ich mir. Dann komme ich morgen noch mal wieder.
Doch kaum raus aus dem hippen Acryl-Schleiflack-Laden und rein in eine miefige Postfiliale – und weiter geht’s mit BSE (bad strange English). Ich bin hier nämlich bei einem Global Player, muss man wissen. Und was so ein »Global Player« ist, der verscheuert nicht einfach nur Briefmarken. Der verkauft »Freeway Paketmarken«, »eShipping« und »Officepack Basis« an speziellen »Countern«. Was aber keinen Unterschied macht. Die Schlange ist trotzdem fünf Kilometer lang. Und so geht es fröhlich weiter: »Summer Sale« mit Karstadt und »Flowär Powär!« bei Blumen-Fiete. Nun sind die Bösen aber nicht nur die anderen. Manchmal sitzt der Verräter auch in den eigenen Reihen. Fragen Sie mal Ihren Computer: Bei »Ich glaub’s« und »Savoir-vivre« macht er entsetzt Kringel unter die Wörter. »Feedback«, »happy« und »Lifestyle« schluckt er, ohne zu mucken.
Aber der Schlimmste aller Schlimmen ist natürlich mein kleiner Bruder. Statt wie seine Schwester was Ordentliches mit deutschem Namen gelernt zu haben, ist der Schlingel »IT-Manager« geworden (sprich: Ei-Ti-Mänädschjär). Oder war es »Web-Coach«? »Content-Broker«? Ich krieg das immer durcheinander.
Was lernen wir? Den einzig wahren Umgang mit »Denglisch« pflegen die Männer von der Berliner Müllabfuhr. Ihr Werbespruch: »We kehr for you.«
Urlaub
Oder: Zwei gut durchblutete Vollidioten unterwegs
Die Eine-Million-Euro-Frage bei Günther Jauch ist nichts gegen die Diskussion, die Schatzi und ich alle Jahre wieder führen: wohin im Sommer?
Nein, wir gehören nicht zur Gruppe der Früh-Spar-Super-Sonderangebots-Mitnahme-Bucher, sondern zur hektischen Masse der kurzfristig Kurzentschlossenen.
Was das Ganze spannend macht: Wir wissen noch nicht mal, was wir wollen. Aber eine Punktlandung soll es, bitte schön, trotzdem sein. Am liebsten den schönen Nordsee-Urlaub wie vor drei Jahren, diesmal in Kombination mit Bergen. Ein Cluburlaub wäre auch okay, wenn der Club keine Gäste hat. Und wenn landestypisches All-you-can-eat-Buffet, dann eines, bei dem man abnimmt.
Im August vor zwei Jahren fiel unsere Wahl auf Süd-Sardinien: Die freundliche Dame vom Reisebüro hatte uns auf den letzten Drücker ein Paket geschnürt: zwei Wochen zum Preis von fünf – da kann man nicht meckern. Sardinien ist gefragt.
Erster Eindruck auf dem Weg vom Flughafen zum Hotel: Staub. Letzter Eindruck auf dem Weg vom Hotel zum Flughafen: Staub. Dazwischen – richtig! – sehr viel Staub.
Im letzten Sommer entschieden wir uns für ein Bergdorf in den Alpen. Gott sei Dank kein Staub – leider aber auch keine Sonne. Bei minus fünf Grad stand ich in kurzärmeliger Bluse bibbernd auf der Alm. Mein Koffer mit dem Ersatzpulli hatte auf dem Weg Hamburg-Zürich leider die Abzweigung nach Island genommen. Ich meine: Ich bin es ja gewohnt, dass der eigene Koffer grundsätzlich als letzter übers Gepäckband rollt. Aber wie muss man das werten, dass dem vorletzten diesmal kein letzter folgte?
Dieses Jahr nahm uns Baby Yella die Frage nach dem Wohin ab. Nicht Dom Rep oder Mallorca. Statt Flieger lieber Auto. Unser Ziel: der Krakower See in Meck-Pom. Ums kurz zu machen: kein Staub. Kein Bibbern. Dafür sehrviele Mücken, die auf uns warteten.
Mit freudig-erregtem Wwwwwww! bekundeten die sirrenden Plagegeister jeden Abend aufs Neue ihre Begeisterung darüber, dass sich ein paar gut durchblutete Vollidioten aus der Stadt zu ihnen verirrt hatten. Meinen Lebenssaft sollten sie haben, meinetwegen. Aber sie pieksten natürlich ihre gierigen Rüssel auch in Klein-Yelli.
Für nächstes Jahr habe ich noch keine Idee.
Aber ich frage Sie mal was: Ist dieses ganze Wegfahren nicht irgendwie dumm? Jeder weiß doch: Auch zu Hause kann man wunderbar frieren und sich stechen lassen. Und was Staub angeht: Ich glaub, da muss ich nur mal mit meinen Bücherregalen sprechen.
Fit werden, faul bleiben
Oder: Finger weg von Ayurveda!
Haben Sie schon mal einen dieser Finden-Sie-raus-welcher-Typ-Sie-sind-Ayurveda-Fragebogen ausgefüllt? Dolle Sache. Da erfahren Sie, was Sie gar nicht wissen wollten. Dass Sie schöne Haare haben, aber leider auch grobporige Haut und Schweißfüße. Oder Sie sind »tolerant«, neigen aber zu fieser Trägheit und Schleimbildung.
Egal welcher Typ, »Vata«, »Pitta«, »Kapha«, Sie kriegen immer einen verplättet. Das soll Wellness à la Indien sein? Danke, kann man als Frau eigentlich auch ganz gut drauf verzichten.
Trotzdem, Wellness boomt. Alle meine Freundinnen lassen sich auf irgendeine Art quälen. (Gesichtspeeling mit gestoßenen Walnussschalen? Klar. Warum nicht gleich mit der Hobelmaschine von Black & Decker drübergehen?) Oder sie machen mir Fitness-Stress, weil sie dreimal die Woche zehn Kilometer mit Bleigewichten an den Fußgelenken um die Alster joggen und mit glühenden Augen davon berichten. Und ich? Mein erster Schritt in Richtung Fitness? Schon vor Jahren legte ich mir einen Fitness-Club-Mitgliedsausweis zu. Ein sehr praktisches Teil, das man jederzeit für alle Freunde und Arbeitskolleginnen gut sichtbar wie eine goldene Kreditkarte mit sich führen kann. (Leider versäumte ich nach dem allerersten anstrengenden Aufwärmtraining, je wieder hinzugehen.) Dafür schleppe ich mich jetzt ins Spa (nicht zu verwechseln mit »Spar«). Hier legen sich FFWs wie ich (Faule Fortgeschrittene Wellnesser) einfach auf eine Liege: ein bisschen Kaviar-Algen-Tinktur hinter die Ohren, anschließend Klangschalen-Akupunktur und die Zweihundert-Grad-Kräutersauna. Soll den Körper reinigen und Kräfte freisetzen. Mit prompter Wirkung, muss ich sagen. Beim anschließenden Einkaufen räumte ich ausgeruht und entschlussfreudig den halben Schlemmermarkt leer.
Preiswerter ist natürlich Wellness zu Hause. Mein Tipp: ein stechend riechendes Entschlackungs-Schlammbad nach Dr. Dr. Wurzel. (Hält Fliegen und Ehemänner fern.) Und das Beste: Beim anschließenden Schrubben der Wanne gibt’s, ich schwör’s!, Muckis wie Arnold.
Aber was wäre Wellness ohne Rooibos, Soja, Dinkel und das Ex-Kaninchen-Futter Rucola? Schmeckt zwar alles so, dass sich der Enddarm schon vorher zusammenzieht, aber Ayurveda-Fan Nadja Auermann klagt auch nicht, wenn sie ihr Gläschen Buttersäure kippt.
Scheiße, wie konnte ich nur jemals Nudeln mit Sahnesoße lecker finden? Nein, ich bin für Wellness! Eine Bitte nur an die Industrie: Könntet ihr für mich vielleicht Gummibärchen aus rechtsdrehenden Gummibärchenkulturen und Schokolade von freilaufenden Bodenhaltungs-Schokobohnen entwickeln? Und was Sport angeht: Mir reicht da auch eine DVD …
Pushi-Mushi!
Oder: Nieder mit den Naturschönheiten!
In meinem nächsten Leben werde ich Naturschönheit, das ist schon beschlossen.
Ich werde mich morgens in niedlichen XS-Shorts auf Schatzi stürzen, mein Haar wird anmutig fallen. Und voller Verachtung werde ich auf mein verstorbenes Ich gucken, das im Bett immer diese langen uncoolen extrawarmen Schlafanzughosen trug. Ich habe Wimpern wie Markisen und eine Haut wie ein Neugeborenes.
Bis dahin allerdings lebe ich das Leben einer typischen Mit-sich-nicht-zufrieden-Seierin im täglichen Krieg mit Wimpernzange, Lockenschere und dem ultimativen Wonderbra der Firma Pushi-Mushi. Denn auch das ist klar: Kampflos wird das Feld nicht geräumt.
An der Busenfront gibt es schon nachhaltige Erfolge zu verzeichnen: Als ich neulich mit umgeschnalltem Pushi-Mushi einen BH kaufen ging, meinte die Verkäuferin: »Na, Sie haben doch bestimmt Größe C!« Will man ja nicht widersprechen. Aber eitel, wie frau ist, auch lieber nichts mehr anprobieren. Sonst fliegt der Schwindel ja auf.
Unverrichteter Dinge verließ ich also den Laden.
Oder ich entscheide mich für die »En nature«-Variante vom letzten Freitag: husche ohne Brustgeschirr, mit Schlabbershirt, zerrubbelter Frisur und schiefem Kajalstrich mal eben zum Bäcker. Da treffe ich dann natürlich alle, die ich nicht treffen will: meine Nachbarin, die alte Pestbacke. Noch eine Nachbarin (ebenfalls eine Pestbacke). Und die neue Freundin von dem Typen, mit dem ich auch mal geknutscht habe. (Natürlich nur, weil ich nicht wusste, dass ich mal Schatzi kennenlernen würde.)
Gestern dann der Oberhorror: Überraschungsklingeln von Freunden an der Haustür. Soll ja Leute geben, die glauben, das sei eine witzige Idee. Ist es sicherlich auch – aber nur, wenn man, wie der Besuch, vorher fünf Stunden im Badezimmer die Brauen lackieren konnte. Oder zur Feindesfraktion der Naturschönheiten gehört. Aber die wollte ich ja eigentlich aus meinem Leben verbannen.