Inhaltsverzeichnis
Für Kathleen
Prolog
Niederbachingen, August 1986
Der Grashüpfer sprang davon, bevor er Feuer fing. Alex hatte es ja gleich gesagt, doch Jochen und Franz hatten ihm die Brille abgenommen und versucht, die Sonnenstrahlen mit dem dickeren, linken Glas so zu bündeln, dass Flammen entstanden. Im Fernsehen ließen sich so Lagerfeuer entzünden, zumindest Heu oder Stroh. Doch der Grashüpfer hatte nicht einmal zu rauchen begonnen.
»Nimm den braunen Hüpfer da drüben, der ist bestimmt trockener als der grüne von eben«, schlug Jochen vor.
Im Kreis knieten sie sich um das Insekt.
Alex kniff die kurzsichtigen Augen zusammen, um besser zu sehen. Das Gras kitzelte an seinen nackten Beinen, die bloßen Fußsohlen waren dunkel vor Erde. Ganz langsam, um das Tier nicht zu erschrecken, beugte er sich vor. Die Sonne brannte auf seinen Nacken und die Schultern herab, und er spürte, wie ihm der Schweiß aus den Poren trat.
Nach dem Mittagessen hatte seine Mutter ihn trotz aller Proteste mit Sonnencreme eingerieben. Mit Lichtschutzfaktor zwölf! Sonst nahm er höchstens vier, wenn überhaupt, das fand er männlicher. Old Shatterhand und Huck Finn hatten schließlich gar keine Sonnencreme benutzt; Helden hatten sowieso immer sonnengebräunte und wettergegerbte Gesichter. So ein bisschen Sonnenbrand tat doch nicht weh. Außerdem gefiel es ihm, wenn sich die Haut schälte – dann versuchte er immer, mit Zeigefinger und Daumen ein möglichst großes Stück abzuziehen, ohne dass es zerriss. Die verbrannte Haut war ganz weiß und so faszinierend dünn. Vielleicht hatte seine Mutter beim Eincremen ja eine Stelle übersehen, dachte er hoffnungsvoll.
Keiner der drei Jungen sprach ein Wort, sie atmeten sogar kaum, um den Grashüpfer bloß nicht zu vertreiben. Franz’ ausgestreckte Hand mit den dicken Fingern und den abgekauten Fingernägeln zitterte nicht, und das helle Licht spiegelte sich in den ungeputzten Gläsern.
Alex konnte nicht genau erkennen, ob die Sonnenstrahlen wirklich exakt auf dem Grashüpfer gebündelt wurden, aber er war sicher, dass Franz genau darauf achtete. Der kräftige Junge mit den kurzen blonden Haaren, den ständig zerkratzten Beinen und der großen Nase fixierte das Insekt so konzentriert, als könne er es allein mit seinem Blick entzünden. Sein Mund stand leicht offen, die Zungenspitze zeigte sich im linken Mundwinkel.
Sekunden verrannen, in der Ferne tuckerte ein Traktor, um sie herum zirpten Grillen und brummten Käfer. Eine Bremse setzte sich auf Alex’ Schulter, und er versuchte, sie lautlos wegzuwünschen; bewegen durfte er sich jetzt nicht.
Der Grashüpfer sprang mit einem weiten Satz zwischen Franz und Jochen hindurch und davon. Sofort schlug Alex die Bremse tot; deren Stiche brannten höllisch. Hoffentlich hatte er sie noch rechtzeitig erwischt.
»Dem ist sicher zu heiß geworden«, sagte Franz, und Jochen nickte.
»Wahrscheinlich hat er die Flammen schon züngeln gespürt. Wir müssten die Viecher irgendwie anketten«, grinste er, und seine unruhigen braunen Augen huschten hin und her. Er war schmächtig und sein Körper voller Leberflecken, die wirren dunklen Haare fielen ihm tief in Stirn und Nacken. Zwischen den oberen Schneidezähnen zeigte sich eine breite Lücke, durch die er oft die Melodien verschiedener Fernsehserien pfiff, allerdings nur selten erkennbar. Grinsend fragte er Alex: »Meinst du, Grashüpfer können Sonnenbrand kriegen? Dann ist der heute Abend krebsrot und kann als Glühwürmchen arbeiten!«
Lachend erhoben sie sich, und Alex schüttelte den Kopf. »Die kriegen keinen Sonnenbrand, die haben doch gar keine Haut.«
»Aber lustig wär’s«, sagte Jochen.
Alle drei hatten ihre T-Shirts ausgezogen und in den Bund der Turnhosen gestopft. 33 Grad im Schatten, und die Sommerferien hatten gerade erst begonnen. Fünfeinhalb Wochen Freiheit lagen noch vor ihnen, bevor sich ihre schulischen Wege trennen würden. Alex würde ab September auf das fünfzehn Kilometer entfernte Gymnasium gehen, Jochen und Franz – wie die meisten aus ihrer Klasse – zunächst weiter auf die Schule im benachbarten Oberbachingen. Teilhauptschule bis zur sechsten Klasse. Doch andere Schule hin oder her, ihre Freundschaft würde bleiben, das hatten sie sich geschworen. Schließlich hatte es sie bislang auch nicht gestört, was Alex’ Eltern von Jochens hielten und umgekehrt.
»Lasst uns zum Goldbach gehen«, schlug Franz vor und gab Alex die Brille zurück. »Es klappt einfach nicht.«
»Ich hätte gern einen brennenden Grashüpfer rumspringen sehen. Wenn der so voll über die Wiese vom alten Storck fegt und alles anzündet, stell dir das mal vor! Voll geil!« Jochen lachte. Er lachte stets, wenn es um Feuer ging, er liebte Flammen und trug immer mindestens ein Feuerzeug mit sich herum, meist zwei oder drei in unterschiedlichen Größen und Farben. Manchmal fantasierte er sich Dinge zusammen und vergaß dabei Kleinigkeiten wie die, dass auch sie sich gerade auf Storcks Wiese aufhielten und beim Abfackeln selbst geröstet würden. So etwas fiel Alex dagegen immer zuerst auf, aber er hielt die Klappe und lachte mit. Auch ihm war der alte Storck unheimlich, ein bulliger Griesgram mit wulstiger Unterlippe, der zur Antwort nur knurrte, wenn man ihn auf der Straße grüßte. Kinder scheuchte er wie Tiere herum. Trotzdem spielten sie oft auf seinen Feldern; sie durften sich eben nicht erwischen lassen.
»Hey! Lasst uns versuchen, Fische anzuzünden!«, rief Jochen. »Stellt euch das mal vor, wenn Fische brennen könnten und so im Goldbach rumschwimmen würden! Dann bräuchte man nachts auf der Hauptstraße gar keine Straßenlampen mehr.«
»Idiot!« Franz grinste.
Aber Jochen lachte nur und ging voran – auf den Außenseiten der Fußsohle, denn seit der WM versuchte er, den Gang des o-beinigen Dribblers Pierre Littbarski zu imitieren.
Sie folgten dem schnurgeraden Lauf des ausgetrockneten Überlaufgrabens, vorbei an der verwitterten Messlatte für Hochwasser und der Kuhweide vom Hintermayr aus dem oberen Dorf bis hin zum Goldbach. Als sie sich seiner Biegung vor der alten Mühle näherten, sahen sie ein Mädchen am Ufer kauern, dort, wo der Bach bei Hochwasser in den Überlaufgraben schwappte. Das andere Ufer war mit Bäumen und dichten Büschen bewachsen, welche die Mühle und die nächsten Häuser verdeckten.
»Ist das die dumme Luzzi?« Jochen verzog angewidert das Gesicht, und Franz schlug ihm mit der flachen Hand auf den Rücken.
»Du bist ja blinder als unsre Brillenschlange! Das ist die Simone.«
Jochen hustete, und Alex ließ die Brillenschlange über sich ergehen und fasste das Mädchen fest ins Auge. Ja, es war Simone. Franz hatte mal Ärger in der Schule bekommen, weil er sie in der Pause einfach auf die Wange geküsst hatte. Erst hatte ihn Frau Giebinger zusammengestaucht, und nach der Schule hatte ihn dann Simones großer Bruder Kalle vermöbelt. Der war fünf Jahre älter und ein richtiger Sauhund. Regelmäßig vertrieb er mit seinen Kumpels Jüngere vom Bolzplatz, wenn sie dort spielen wollten, oder von der Schaukel, wenn sie eine rauchen wollten. Einen Ball hatte er Alex schon weggenommen, und Alex kannte keinen Jungen in ihrem Alter, der von Kalle noch nicht wenigstens herumgeschubst worden war oder auf dem Pausenhof einen Tritt in die Eier kassiert hatte. Kalle legte sich mit jedem an, sogar mit den Älteren.
Alex konnte sich aber nicht mehr erinnern, wie Simone auf den Kuss reagiert hatte. Vielleicht gar nicht. Er wusste nur noch, dass er während der Rechenstunde darüber nachgedacht hatte, weshalb nicht er Simone geküsst hatte.
Erst als sie fast bei ihr angekommen waren, drehte sie sich um. Ihr hübsches schmales Gesicht war ernst, eine blonde Strähne hatte sich aus dem Pferdeschwanz gelöst, und die dunkelgrünen Augen blickten verstört.
»Hi Simone.« Franz lächelte und hakte die Daumen lässig in den Bund seiner Turnhose.
Simone sah keinen richtig an und deutete auf einen toten Fisch vor ihren Füßen, der vielleicht einen halben Meter neben dem ruhig dahinfließenden Bach lag. »Schaut mal da.«
Der Fisch war größer als eine Forelle, ein richtiger Brocken, hatte schillernde blau-grüne Schuppen und erstaunlich große Flossen gleich hinter den Kiemen. Sein Bauch war aufgerissen, die verschrumpelten, ausgetrockneten Innereien auf den Steinen des Walls verteilt, über den das Hochwasser bei Regen und Schneeschmelze in den Überlaufgraben abfloss. Von der zerrupften Rückenflosse war nicht viel übrig; zwei tiefe Wunden zogen sich über die Flanke hin, rosa Fleischfasern wie Fransen an ihren Rändern. Das runde, glasige Auge hing halb aus der Höhle und stierte Alex an. Er konnte den Blick nicht abwenden.
»Der hat ja Flügel.« Jochen ging in die Knie und tastete über den Boden, vermutlich nach einem Stock. »Ein Fisch mit Flügeln, Wahnsinn.«
»Quatsch mit Soße! Das sind Flossen!« Franz schob den Unterkiefer vor.
»Ziemlich große Flossen, oder?«, mischte sich Alex ein, auch wenn er noch nie von geflügelten Fischen gelesen hatte und diese Auswüchse für Flügel auch ziemlich klein waren. »Und irgendwie verkehrt herum, als wären sie umgedreht worden.«
Jochen nickte. »Vielleicht ist es wegen Tschernobyl.«
»Was soll sein wegen Tschernobyl?« Franz starrte auf Jochen hinab.
»Der Fisch ist wegen der Radioaktivität mutiert. Mein Vater hat gesagt, dass man keine Pilze mehr essen darf. Das ist gefährlich.«
»Und was meinst du, wie viele Pilze so ein Fisch im Goldbach findet? Wachsen die jetzt neuerdings unter Wasser, oder was?« Franz tippte sich gegen die Stirn, auch wenn er dafür den Daumen vom Hosenbund nehmen musste.
»Es muss ja kein Pilz gewesen sein«, überlegte Alex. Ihm hatte der Unfall in dem Kernkraftwerk im vergangenen April Angst gemacht, die Bilder im Fernsehen und die Geschichten, die überall erzählt wurden. »Wer weiß schon, was bei dem Super-GAU sonst noch alles verseucht wurde.«
»Die Flossen sind doch egal«, flüsterte Simone. »Was ist das für ein Vieh, das einen Fisch derart zerfetzt und ihn dann liegen lässt, ohne ihn zu fressen?«
Die Jungen starrten sie an, dann wieder den Fisch.
Eine Katze tat so etwas sicher nicht, dachte Alex, vielleicht ein tollwütiger Hund oder Fuchs. Aber wie sollte ein Hund einen Fisch fangen? Erneut sah er Simone an und hatte das Gefühl, sie würde gar nicht auf eine Antwort warten.
»Es gibt Spinner, die halten sich Krokodile daheim«, sagte Jochen. »Und wenn sie keinen Bock mehr haben, spülen sie sie im Klo runter, und die leben dann in der Kanalisation weiter. Vielleicht ist von dort eins entkommen?«
»Quatsch!« Franz schüttelte den Kopf. »Der ist wahrscheinlich nur in irgendeine Turbine geraten und wurde hier an Land gespült.«
»Ja klar, und den letzten halben Meter vom Wasser bis hier hat er sich hergeschleppt, obwohl er keine Beine hat und tot war. Voll der Zombiefisch.« Jochen erhob sich und schüttelte den Kopf.
»Du glaubst doch, er hat Flügel. Dann ist er halt geflogen!« Franz starrte Jochen an.
Alex hörte den beiden nur halb zu, er beobachtete Simone, die immer noch vor dem Fisch kauerte und sacht den Kopf schüttelte.
»Weißt du, was es war?«, fragte er ruhig und kniete sich vor sie hin.
Simone hörte auf, den Kopf zu schütteln, und wandte sich ihm zu. Noch immer wirkte sie verstört, aber Alex hatte jetzt das Gefühl, dass sie ihn wirklich ansah.
»Ich weiß nicht, vielleicht... Aber das kann eigentlich nicht sein.«
»Und wenn es eine Bisamratte war, die lauter Tschernobylpilze gefressen hat?«, rief Jochen, und Franz entgegnete: »So ein Stuss. Fragen wir lieber mal den Bernd, der ballert doch dauernd mit der Steinschleuder auf Fische.«
»Was war es?«, fragte Alex und versuchte, seine immer lauter werdenden Freunde zu überhören.
»Kalle...«, fing Simone an, dann schüttelte sie den Kopf und kaute auf der Unterlippe herum.
»Dein Bruder?« Alex hatte zwar noch nie gehört, dass er auch ein Tierquäler war, aber zutrauen würde er es ihm.
»Nein.« Simone verzog das Gesicht und lachte plötzlich los. »Idiot.«
Jochen und Franz verstummten und sahen zu ihnen herunter.
»Was ist dann mit Kalle?«, hakte Alex nach.
»Er...« Sie zögerte kurz und atmete durch. »Kalle hat irgendein Tier gefangen, ein ganz komisches. Ich hab gehört, wie er zum Hubi gesagt hat, dass er so etwas noch nie gesehen hat. Er hat es Kreatur genannt.«
»Und wie sieht dieses Vieh aus?«, fragte Franz.
»Ich weiß es nicht, ich hab es doch nicht gesehen. Mir zeigt er so was ja nicht, ich bin nur die doofe kleine Schwester.«
»Dann geh doch einfach in sein Zimmer, wenn er nicht da ist.«
»Nein!« Heftig schüttelte sie den Kopf. »Es ist doch nicht in seinem Zimmer. Es ist viel zu groß, um es da zu verstecken. Es ist in der Scheune, auf der Wiese beim Wald.«
»Dann lass uns da nachschauen!«, rief Franz begeistert. Auch Jochen und Alex nickten.
»Nein! Bloß nicht! Wenn Kalle uns erwischt, bringt er uns um!« Simone sah sie furchtsam an. Wahrscheinlich bereute sie inzwischen, ihnen davon erzählt zu haben. »Außerdem hat er es schon vor ein paar Tagen gefangen, es hat also sicher nicht den Fisch auf dem Gewissen.«
Franz lachte. »Der Fisch ist mir doch egal. Ich will dieses Ding sehen, diese Kreatur.«
»Aber Kalle prügelt uns windelweich!«
»Wir dürfen uns halt nicht erwischen lassen.« Er zuckte mit den Schultern. Alex wusste, dass er regelmäßig von seinem Vater geschlagen wurde, manchmal sogar mit dem Gürtel. Wahrscheinlich schreckte ihn deshalb der Gedanke an eine Abreibung nicht. Doch Alex wollte nicht von Kalle verdroschen werden.
»Vielleicht ist das ja ein Vieh, das zu viele Pilze gefressen hat. Wenn es so ungewöhnlich ist«, sagte Jochen. Er hatte sich so sehr in den Gedanken an Tschernobyl verbissen, dass er noch gar nicht begriffen zu haben schien, dass Prügel drohten.
»Aber...«, versuchte es Simone noch einmal, doch Franz unterbrach sie: »Du musst ja nicht mitkommen.«
Sie öffnete den Mund, schloss ihn, öffnete ihn wieder und stampfte mit dem Fuß auf. Sie biss sich auf die Unterlippe und rief schließlich: »Ich will das Vieh aber auch sehen. Ohne mich wüsstet ihr doch gar nichts davon!«
»Dann komm eben mit.« Alex lächelte sie vorsichtig an, doch sie starrte nur verkniffen zurück.
»Aber erst am Abend, da ist Kalle beim Open Air am Grubensee.«
»Geil«, sagte Franz, und damit war es abgemacht. Den Nachmittag verbrachten sie mit weiteren Spekulationen, um was für eine Kreatur es sich handeln könnte, und mit den wildesten Geschichten darüber, wen Kalle schon wie verdroschen hatte. Den kleinen Ecki aus der Dritten hatte er angeblich mal an den Hosenträgern an einen Baum gehängt und mit Tannenzapfen beworfen. Alex war nicht sicher, ob er das glauben sollte – Hosenträger mussten doch reißen -, aber Ecki nervte wirklich jeden, und beim Kämpfen biss und kratzte er; es konnte also gut sein, dass Kalle sich ihn vorgeknöpft hatte.
Alex lachte mit den anderen über die alten Geschichten von Kalles Prügeleien mit Banden aus Nachbardörfern, und sie lachten laut, um einander zu zeigen, wie wenig sie eine Abreibung fürchteten.
Doch während Alex Simone beobachtete, die mal schwieg, mal viel zu schrill und laut lachte, wurde ihm doch mulmig zumute. Sie hatte wirklich Angst, und sie kannte ihren Bruder schließlich am besten. Wenn sie entdeckt würden, kämen sie wohl wirklich nicht mit ein paar Schrammen davon.
»Stimmt es, dass Kalle letzte Woche ein Huhn vom Huber mit einer Eisenstange zermanscht hat? So dass der Huber nur noch gefiederten blutigen Brei im Hof gefunden hat?«, fragte Franz einige Zeit später.
»Nein, hat er nicht!«
»Wusst’ ich’s doch, dass der kleine Bene wieder lügt.« Franz lachte, aber Simone kaute erneut auf ihrer Unterlippe, und Alex schauderte.
Er glaubte ihr dieses Nein nicht, doch vor Franz und Jochen wollte er nicht als feiger Schisser dastehen. Also schwieg er.
Als sie sich nach dem Abendessen an der Bahnunterführung hinter dem Spielplatz wiedertrafen, war die Sonne noch nicht untergegangen, auch wenn Häuser und Bäume schon lange Schatten warfen. Die Jungen hatten inzwischen ihre T-Shirts angezogen und auch Schuhe an den Füßen. Alex trug seine Turnschuhe – wenn sie vor Kalle fliehen müssten, war das besser als Sandalen.
Während die Kirchturmuhr acht schlug, schlenderten sie den betonierten Feldweg an der Bahnlinie entlang. Simone hatte gesagt, Kalle wolle um acht am Grubensee sein, dann war er jetzt sicher nicht mehr bei der Kreatur. Das Dorf lag links hinter dem Bahndamm, von dort konnte man sie nicht sehen, und auch die Felder rechts waren verlassen. Die meisten Bauern hatten um diese Zeit die Stallarbeit beendet und Feierabend.
Nur die bedepperten Brüder vom Koch rasten auf den Rädern an ihnen vorbei; sie fuhren wohl wieder ein Rennen und hatten nur Augen für den Tacho mit der zitternden Nadel. Ansonsten trafen sie niemanden, nicht einmal Spaziergänger aus der neuen Siedlung.
Beim Maisfeld des Huberbauern bogen sie auf den grau gekiesten Feldweg, der zum Rauen Forst führte; die Sonne versank bereits hinter den Spitzen der höchsten Bäume. Die Gräser auf der Mitte des Feldwegs waren staubbedeckt, hier und da mischten sich Flächen aus roten Bruchstücken zerschlagener Biberschwänze unter das helle Grau.
Nach Hubers Maisfeld folgte ein abgeerntetes Weizenfeld, darauf wieder Mais, und schließlich die Wiese von Simones Familie.
»Da.« Sie deutete auf eine Scheune aus verwittertem dunklem Holz, die am hinteren Wiesenrand stand, ein gutes Stück vom Feldweg entfernt und beinahe an der Waldgrenze, im Schatten der Bäume. Ihre Stimme klang dünn. »Da drin ist die Kreatur.«
»Dann los.« Entschlossen stapfte Franz quer über die ungemähte Wiese, und die anderen folgten ihm.
Alex hatte die Socken bis zu den Knöcheln hinuntergerollt, die hohen Gräser kitzelten seine Haut.
Neben ihm lief Simone und murmelte vor sich hin.
»Wenn Kalle das rausfindet, bringt er mich um.« Aber sie schlug nicht vor, umzukehren.
Vor dem Tor sahen sie sich um, weit und breit war niemand zu sehen.
»Psst«, zischte Jochen, obwohl keiner etwas gesagt hatte. Er legte das Ohr an die Ritze zwischen zwei Brettern und lauschte. Alex hielt die Luft an, er konnte nichts hören, und auch Jochen schüttelte den Kopf.
»Dann also rein«, drängte Franz und drückte die Klinke runter. Langsam zog er das Tor nach außen auf, nur einen Spaltbreit. Die Scharniere quietschten nicht. Franz schlüpfte hinein, Jochen folgte ihm sofort, Simone zögernd und Alex dicht hinter ihr, so dicht, dass er sie fast berührte.
»Mach zu, es soll keiner sehen, dass jemand hier ist«, zischte Jochen, und Alex zog das schiefe Tor ins Schloss. Nun drang nur noch durch zwei kleine Fensteröffnungen knapp unter dem Dach Licht, und durch die wenigen schmalen Spalten zwischen manchen Wandbrettern. Alex brauchte einen Moment, bis er in dem diffusen Halbdunkel mehr erkennen konnte. Da es draußen noch hell war, hatten sie natürlich keine Taschenlampen eingesteckt.
Die Scheune bestand aus einem großen Raum, in dessen hinterer Hälfte auf etwa drei Meter Höhe ein Boden aus klobigen Balken und breiten Dielen eingezogen war, zu dem eine krumme Holzleiter hinaufführte. Oben wie unten stapelte sich Heu, im Eingangsbereich stand ein mattroter Heuwender, dessen Doppelzinken verdreckt waren, und an den Wänden hingen verschiedene Gerätschaften: Heugabeln, breite Rechen mit langen gebogenen Zinken und ein alter Spaten.
Nichts Auffälliges war zu sehen, und doch war Alex angespannt. Fast erwartete er, dass Kalle jeden Moment das Scheunentor eintreten und mit seiner Bande hereinstürmen würde, um sie alle krankenhausreif zu schlagen. Er hatte Angst, und darüber war er sauer. Die feige Brillenschlange, die aufs Gymnasium ging – das wollte er nicht sein.
»Und? Wo ist es jetzt?«, raunte Franz so leise, als hätte auch er Angst, erwischt zu werden.
»Ich weiß nicht.« Simones Stimme zitterte.
Was war mit ihnen los? Von Kalle war doch weit und breit keine Spur zu sehen.
Die Luft in der Scheune war drückend und schwer, die Sonne hatte sie den ganzen Tag aufgeheizt. Es roch nach Heu, und doch musste Alex an das Raubkatzenhaus im Zoo denken.
»Es muss irgendwo sein, wo deine Eltern es nicht sofort sehen«, flüsterte Jochen. »Auf dem Boden oder hinter dem Heu.«
Auf einmal hörte Alex ein leises, gedämpftes Kratzen. »Ruhig!«, sagte er.
Franz lief zur Leiter hinüber. »Das kam von oben.«
Aber Alex schüttelte den Kopf. »Nein. Von da hinten.«
Hektisch blickte Simone hin und her. »Ich hab nichts gehört.«
Nur Jochen sagte gar nichts, sondern stapfte einfach zu dem schmalen Zwischenraum zwischen dem gestapelten Heu und der Wand hinüber. Franz sprang von der Leiter und folgte ihm, er wollte auf keinen Fall etwas verpassen, und Simone und Alex ging es ebenso. Alle Angst vor Kalle war plötzlich der Neugier auf die Kreatur gewichen.
Der Raum zwischen Heu und Wand war schmal, so schmal, dass Erwachsene ihn gar nicht als Zwischenraum erkannt hätten, die vier mussten sich seitwärts an den Brettern entlangschieben. Nach drei oder vier Metern öffnete sich vor ihnen eine Art kleine Höhle. Kalle und seine Bande hatten hier irgendwie einige Heuballen herausgeschafft, so dass eine etwa drei Meter durchmessende Fläche frei war, spärlich beleuchtet durch zwei, drei Ritzen in der Wand und eine Handvoll Astlöcher.
Direkt an der hinteren Wand stand eine alte, vielleicht zwei Meter lange und ein Meter hohe Saukiste, deren Bretter mit alten rostigen Eisenstreben verstärkt worden waren. Breite metallische Winkel waren an die hölzernen Kanten genagelt worden, als könnten einfache Holzverstrebungen kein Schwein halten. Alex hatte noch nie gesehen, dass jemand tatsächlich ein Tier in einer solchen Kiste transportierte.
In der Saukiste kauerte etwas, das die Bezeichnung Kreatur wirklich verdiente. Ein etwa dachsgroßes Wesen, schwarz wie Torf und mit schmalen weißen Augen, dessen Körper mit kurzen Borsten übersät war und dennoch fast nackt wirkte, wie ein Schwein. Doch es war kein Schwein, hatte nicht einmal Ähnlichkeit mit einem, sondern schien eine bizarre Mischung aus Affe, Schäferhund und Maulwurf zu sein. Das Maul oder die Schnauze war in der Düsternis nicht auszumachen. Es regte sich nicht, nur der Blick der schmalen Augen schien ihnen zu folgen, und Alex vermeinte, ein schwaches Schnüffeln zu hören.
»Tschernobyl! Ich hab es doch gleich gesagt«, krächzte Jochen.
Franz trat einen Schritt auf die Kreatur zu, aber nur einen kleinen. »Verdammte Scheiße«, murmelte er.
Alex sagte dagegen gar nichts. Stumm ging er an Franz vorbei und direkt am Käfig in die Hocke. Er würde den anderen schon zeigen, dass er nicht feige war!
Aber was war das für ein Tier? Niemals zuvor hatte er so etwas gesehen, nicht einmal in einem seiner Tierbücher.
Es regte sich noch immer nicht, kniff nur die Augen zusammen wie eine Katze und starrte Alex an. Er bekam Gänsehaut, ein leichtes Zittern überlief seinen Körper. Was sollte das? Es war doch nur ein Tier. Er würde sich jetzt keine Angst machen lassen. Langsam griff er nach dem Riegel an der Trage und schob ihn zurück.
»Was tust du da...«, flüsterte Simone.
»Ich schau mir das Vieh an«, antwortete er so lässig wie möglich und schob die Gittertür auf. Er wusste nicht, warum, er musste es einfach sehen, und das nicht durch die Bretter dieses dunklen Verschlags. Es würde ihnen schon nicht entkommen. Und wenn, dann müssten sie es eben wieder einfangen. Die Scheunentür war zu, wohin sollte es schon fliehen? Aber so reglos, wie es in der hintersten Ecke herumlag, würde es wohl nicht freiwillig herauskommen, um sich begaffen zu lassen. Unentwegt stierte es Alex an, der ihm den Weg aus dem Käfig versperrte. Wahrscheinlich hatte es Angst vor Menschen.
»Hat jemand beim Werkzeug vorne eine Lampe gesehen?«, fragte Alex, und in diesem Moment sprang das Vieh plötzlich los. Alex zuckte unwillkürlich zurück und machte ihm damit Platz zur Flucht.
Simone kreischte, Franz und Jochen fluchten.
Aber das Vieh wollte nicht fliehen. Fauchend riss es das Maul auf und entblößte breite, spitze Zähne. Es ging zu schnell, als dass Alex viel hätte erkennen können, aber er dachte an das Gebiss eines Hais, eine Zahnreihe hinter der anderen, und war sicher, dass die Zähne gezackt waren wie eine Säge.
Dann sprang es ihn an.
Er konnte gerade noch die Arme hochreißen, da prallte es auch schon gegen seine Brust und verbiss sich in seinen linken Unterarm statt in seine Kehle. Er taumelte zurück, stolperte und krachte gegen die Wand. Mit dem Hinterkopf schlug er gegen die rauen Bretter, ein dumpfer Schmerz breitete sich in seinem Kopf aus.
Die weißen Augen der Kreatur bohrten sich in seine, sie waren nur wenige Zentimeter entfernt. Das Vieh roch nach Erde, Kompost und Blut, die Krallen zerrissen sein T-Shirt und drangen ihm in die Haut.
Und dann explodierte der Schmerz in seinem Arm.
Es war, als würde sich von der Wunde brennende Säure in seinem Körper ausbreiten. Sein Blut und der Geifer der Kreatur liefen über seine Haut, er fühlte nur den Schmerz, der restliche Körper wurde taub. Mit aller Willenskraft drückte er ihr den Arm tiefer ins Maul. Er durfte ihn nicht herausziehen, das Vieh würde sofort wieder zuschnappen und sich dann in seiner Kehle verbeißen.
Simone kreischte noch immer.
»Du Hurenbock!« Franz trat nach dem Vieh und traf es mit voller Wucht in die Seite. Dann trat er noch mal zu und noch mal, es wurde weggeschleudert, die Zähne lösten sich aus Alex’ Arm und schnappten ins Leere. Es knurrte und fauchte.
Alex versuchte sich aufzurichten, aber auch die Beine und sein unverletzter Arm wollten ihm nicht gehorchen. Alles drehte sich, und er blieb liegen, Rücken und Hinterkopf gegen die Wand gelehnt.
Plötzlich war Simone an seiner Seite. »Geht’s?«
Doch er wusste nicht, was er sagen sollte, spürte nur, wie sein Blut auf den Boden aus festgestampfter Erde tropfte.
Er sah, dass Jochen bei Franz stand und eine Heugabel in den Händen hielt. Beide Jungen schrien und fluchten, und die Kreatur fauchte und schnappte nach ihnen, aber sie konnten sie mit Tritten und der Gabel auf Abstand halten. Alex war zu benommen und das Licht zu schwach, um alles genau zu erkennen. Er wollte Simone sagen, sie solle den beiden helfen, aber sie schrie nur: »Sperrt es wieder ein! Sperrt es ein!«
Aber sie sperrten es nicht ein. Jochen spießte es mit der Heugabel auf.
Er rammte ihm die Zinken mitten in den Bauch. Gemeinsam packten er und Franz den Stiel und zwangen das Vieh auf den Rücken. Sie pressten es gegen den Boden und rammten die Heugabel so tief in seinen Körper, dass die Zinken am Rücken wieder austraten und sich in den Boden gruben.
Das Vieh fauchte und schnappte noch immer, es warf den Kopf hin und her.
»Nein!«, schrie Simone.
Franz hielt seine Füße möglichst weit von dem geifernden Maul entfernt und umklammerte die Heugabel mit aller Kraft, während Jochen nach vorne raste und eine zweite holte, um dem Vieh auch diese in die Brust zu rammen.
Alex röchelte, aber er konnte nicht sprechen. Ihm war übel.
Das Vieh wollte einfach nicht sterben, trotz der eisernen Zinken, die seinen Körper durchbohrten. Alex konnte nicht erkennen, ob es blutete. Es musste doch bluten! Aber es schrie nicht vor Schmerz, sondern fauchte nur weiter.
Die anderen Jungs wirkten ratlos und fluchten wieder. Simone kreischte: »Kalle bringt mich um! Kalle bringt mich um!«
»Halt’s Maul!«, brüllte Franz.
»Ihr habt seine Kreatur kaputt gemacht! Ihr wart’s! Aber er gibt mir die Schuld! Immer gibt er mir die Schuld! Kalle bringt mich um!« Ihre Stimme überschlug sich, und Alex sah, dass sie weinte.
»Das Vieh ist nicht kaputt! Es geht nicht kaputt!« Franz rüttelte an seiner Heugabel, und Jochen sagte auf einmal:
»Lasst uns die Scheune abfackeln.«
»Du immer mit deinem Scheißfeuer!«
»Ich mein’s ernst! Wir brennen alles nieder, dann weiß Kalle nicht, dass irgendwer sein Vieh gefunden hat. Zumindest glaubt er nicht, dass Simone das Feuer gelegt hat, niemand wird das glauben.«
»Meinst du?«, schniefte sie.
»Ja. Die Scheune gehört deinen Eltern.« Jochen nickte. »Und das verdammte Vieh stirbt auch. Das ist doch nicht normal, dass das noch lebt!«
Alex wollte irgendwas sagen, aber er wusste nicht, was. Er wollte protestieren, aber er wusste nicht, warum.
Franz und Jochen drückten die Heugabeln so fest in den Boden, wie sie konnten. Das Vieh krallte sich in die Erde, als wollte es sich hineinwühlen und so den Zinken entkommen. Es stierte zu Alex herüber, doch er konnte sich noch immer kaum bewegen. Mühsam presste er die Rechte auf die Wunde, damit er nicht noch mehr Blut verlor, aber sie war größer als seine Handfläche. Das Blut lief und lief.
Während Franz die Kreatur weiter gegen den Boden presste, bedeckte Jochen sie mit Heu. Dann zerrte er die Saukiste aus trockenem Holz herbei und setzte sie auf die strampelnden Beine der Kreatur. Darüber warf er noch mehr Heu.
»Hilf Alex auf«, rief Franz Simone zu. »Und dann verschwindet ihr!«
Von Simone gestützt, kam er mühsam auf die Beine. Sie traute sich nicht, seinen verwundeten Arm anzufassen, und fragte immer wieder, ob es wehtat.
»Nein«, knirschte er. Ihm schwindelte, die Wunde pochte inzwischen dumpf. Langsam führte sie ihn in den schmalen Durchgang zwischen Heu und Scheunenwand. Er warf einen Blick zurück und sah, wie Jochen das Heu auf dem Vieh anzündete. Rasend schnell fraßen sich die Flammen voran, züngelten um die Saukiste und die Kreatur.
Jetzt erst ließ Franz die Heugabeln los, die noch immer aufrecht in der Erde steckten.
Die Kreatur schrie. Ihr Gellen hallte in Alex’ Ohren, ein Zittern durchlief seinen Körper, mehr Blut floss aus der Wunde, und er glaubte durch die Schuhsohlen zu spüren, wie der Boden vibrierte. Er ließ sich von Simone zur Scheunentür zerren.
Die Schreie der Kreatur hielten an, und doch meinte er, das Prasseln des Feuers zu vernehmen. Es wurde warm, alles war voller Rauch. Simone stieß die Tür auf, frische Luft strömte ihnen entgegen. Sie fachte die Flammen an.
»Raus!«, hörte Alex Franz rufen.
Die Schreie der Kreatur wurden leiser, verklangen zu einem Röcheln und erstarben dann ganz.
Jochen stürzte ins Freie, direkt gefolgt von Franz. Ihre Gesichter waren rußverschmiert, die Haare angesengt.
Alex wankte, aber langsam verschwand die Taubheit aus seinen Beinen, während Simone leise neben ihm schluchzte.
Vorsichtig löste er die Hand von der Wunde und riss sie so wieder auf. Doch sie blutete nicht mehr so stark, wie er befürchtet hatte. Trotzdem sah sie furchtbar aus, er war sicher, an einer Stelle den blanken Knochen zu sehen.
Franz zog sich das T-Shirt über den Kopf und wickelte es um den Arm. »Geht’s?«
»Ja.« Alex zog Rotz hoch, und während sich die Flammen durch das Dach der Scheune fraßen, stapften sie in den Wald. Niemand sollte sie hier sehen, wenn die brennende Scheune bemerkt wurde. Tief drinnen setzten sie sich unter eine alte Buche und warteten auf die Sirene der freiwilligen Feuerwehr.
1
Berlin, Mai 2009
»Und? Hast du ein nettes Mädchen kennengelernt?«, fragte seine Mutter wie immer, und wie immer schaffte sie es, zugleich drängend, hoffnungsvoll und tadelnd zu klingen. Alex bedauerte, vor drei Minuten ans Telefon gegangen zu sein, noch vor dem Frühstück, vor der ersten Tasse Kaffee und mit schwerem Kopf vom Alkohol des Vorabends.
»Viele«, antwortete er und starrte auf den wackligen Stapel diverser Musikzeitschriften auf dem schwarz lackierten Wohnzimmertisch, die leere Bierflasche mit dem abgerissenen Etikett und den Brief der Gaswerke, den er gestern nicht mehr geöffnet hatte. »Aber eigentlich möchte ich ja eine Frau kennenlernen.«
»Ach, du.« Sie lachte. »Du weißt doch, was ich meine.«
Ja, das wusste er. Er war mit Anfang dreißig noch immer ihr Sohn, und deshalb fragte sie nach Mädchen und nicht nach Frauen.
Sie fragte, ob er jemanden kennengelernt hatte, und dachte dabei bereits ans Heiraten und Enkelkinder. Könnte sie seine Wohnung sehen, würde sie noch beharrlicher fragen und feststellen, er bräuchte endlich wieder jemanden, der Ordnung in sein Leben brächte. Als wäre Ordnung das Wichtigste, und als hätte jede Frau einen Putzfimmel und wäre fürs Saubermachen und Kochen bestimmt.
»Du bist doch ein netter und gut aussehender Junge«, fuhr sie fort. Sie sagte selbstverständlich auch Junge und nicht Mann. »Warum findest du niemanden?«
»Das kann ich dir auch nicht sagen. Das wüsste ich selbst gern.«
»Vielleicht, wenn du dir mal neue Kleidung kaufst?«
»Ach, Mama.«
»Sag nicht Ach, Mama! Ich weiß doch, wie du immer rumläufst!«
»Du siehst mich einmal im Jahr«, gab er zu bedenken, aber das Argument hatte schon die letzten drei Jahre nichts genutzt. Seit Veronika ihn für einen joggenden Banker verlassen hatte.
»Und wenn du dir dann noch einen festen Job suchst...«
»Ich arbeite aber gern so.«
»Mir musst du nichts vormachen, ich bin deine Mutter, und ich sehe doch, wie wenige Sicherheiten du hast. Ich weiß ja, dass es nicht leicht ist, und schon gar nicht zurzeit und in Berlin, aber du bist doch ein kluger Junge. Du kannst doch eine Festanstellung...«
»Mama! Ich arbeite gern so, wie ich arbeite. Wie oft denn noch?« Seine Stimme wurde lauter. Er wusste, dass sie es gut meinte, doch er wollte dieses Gespräch nicht wieder und wieder führen. Wieder und wieder ihre Ängste durchkauen, die sie auch ihm unterschieben wollte. Dabei hatte er seine eigenen.
»Aber so kannst du doch keine Familie ernähren.«
»Ich hab doch gar keine Familie!«
»Genau das versuche ich dir die ganze Zeit zu sagen. Du brauchst einen festen Job, sonst kannst du keine Familie gründen.«
»Für eine Familie bräuchte ich in erster Linie eine Frau.« Er versuchte zu lachen, um die Schärfe in seiner Stimme abzumildern, aber es gelang nicht. Obwohl er Kinder mochte, wusste er nicht, ob er je eigene haben wollte, doch für seine Mutter musste jedes Leben auf eine Familie mit zwei oder drei Kindern hinauslaufen. In ihrer Welt gab es keine anderen Lebensentwürfe, alle anderen waren unfruchtbar, unglücklich oder entzogen sich ihrer Verantwortung.
»Ja, aber eine Frau will doch Sicherheiten«, beharrte sie. »Denk doch an Veronika.«
»Ich hab echt keine Lust, an sie zu denken, Mama. Wirklich nicht! Und ich hab keine Lust, noch mal so eine wie sie abzubekommen.«
Daraufhin sagte seine Mutter nichts mehr. Sie hatte Veronika so sehr gemocht, wie eine Mutter die Freundin ihres Sohnes eben mögen kann. Obwohl er schon fast dreißig gewesen war, hatte er oft genug das Gefühl gehabt, die beiden hätten sich verbündet, um ihn zu erziehen, um aus ihm einen verantwortungsvollen Erwachsenen zu machen, oder zumindest das, was sie unter verantwortungsvoll und erwachsen verstanden: einen Familienvater. Beide hatten sie gepredigt, jeder müsse an sich arbeiten – und woran er arbeiten müsse. Doch sie hatten nie daran gedacht, an ihren Vorstellungen von ihm zu arbeiten. Veronika war inzwischen Vergangenheit, doch weder sein Alter noch achthundert Kilometer Entfernung schützten ihn vor mütterlichen Ratschlägen, sie konnte nicht aus ihrer Haut.
»Du hättest mit ihr glücklich werden können«, sagte sie leise. »Sie wäre dir eine gute Ehefrau geworden. Auch eine gute Mutter.«
»Lass uns das wann anders ausdiskutieren, Mama. Ich muss noch arbeiten, ja? Da wartet noch ein Radiobeitrag auf mich.« Arbeit war das sicherste Argument, seine Mutter friedvoll abzuwürgen. Es war zu früh, um zu streiten.
»Arbeite nicht zu viel, geh auch mal raus an die Sonne, ein wenig frische Luft schnappen.«
»Mach ich.«
»Und pass auf dich auf.«
Er beendete das Gespräch, atmete durch und starrte ein paar Sekunden auf seine CD-Regale, die von Schwarz dominiert wurden. Viel Gothic, Postpunk, Darkwave, EBM, Punk, melancholischer Hardcore und auch düsterer Metal aus den 8oern und 90 ern, dazu all die Promoscheiben, die er zu Rezensionszwecken zugesandt bekommen hatte. Kurz dachte er daran, Shock Therapys Knaller Pain einzulegen, aber das Album war nicht an seinem Platz, und sich durch die hohen Stapel neben der Anlage zu wühlen, hatte Alex keine Lust.
»But I’m not one of you, I’ll never be one of you«, murmelte er Passagen des Songs vor sich hin und schlurfte in die Küche. Die Bierflasche nahm er mit und stellte sie zu den anderen neben die Spüle, auf der sich das Geschirr von zwei Tagen stapelte. »A new day is upon me. A new day is upon me. I won’t ever let this pain control me! I won’t ever let this pain control me! I won’t ever let this pain control me! I won’t ever let this pain control me!«
Langsam zog er die Jalousie einen Spalt hoch, nicht weiter, es war einfach zu hell draußen, trotz Erdgeschoss und Hinterhof. Er warf die Kaffeemaschine an und schaltete das Radio ein, den alternativen Sender motor fm; gerade liefen die 13-Uhr-Nachrichten. Irgendwo auf der Welt war wieder was explodiert, acht Tote und zwei Dutzend Verletzte. Und aus einem Berliner Krankenhaus waren zahlreiche Blutkonserven entwendet worden, ein Zivildienstleistender und eine junge Krankenschwester wurden der Tat verdächtigt. Von den Konserven fehlte jedoch noch jede Spur, die beiden bestritten die Tat.
»Verrückte Welt«, brummte Alex, während er nach dem Zucker suchte und der Sprecher im Radio zu Blutspenden aufrief, um die Vorräte wieder aufzufüllen. Anschließend erzählte er was von Sonnenschein in den nächsten Tagen, und endlich kam Musik. Netter Britpop, der vor sich hinplätscherte und niemandem etwas tat. Alex hatte den Zucker gefunden und schaufelte drei Löffel in den großen schwarzen Pott Kaffee. Keine Milch. Dann starrte er vor sich hin und ließ den Kaffee abkühlen.
Pass auf dich auf. So beendete seine Mutter jedes Gespräch mit ihm. Ihr war Berlin noch immer unheimlich, sie vermutete überall Verbrechen und Gewalt, und zwar so viel, als wäre die ganze Stadt, der Moloch, ein Krisengebiet. Bis heute verstand sie nicht, warum er hierher gezogen war, warum er nach dem Studium geblieben und nicht wieder heimgekommen war. Als fühlte er sich in Niederbachingen zu Hause! Das tat er nirgendwo.
Selbstverständlich liebte er seine Mutter, aber es war gut, dass die ganze Republik zwischen ihnen lag. Sie wollte einfach nicht akzeptieren, dass er gern selbstständig arbeitete, keinen Chef über sich, keine Kollegen, die er Tag für Tag acht Stunden lang sehen musste, jeden Morgen dieselben Witze, jede Mittagspause denselben Kantinenfraß und heuchlerische Freundlichkeit bis in die letzte Überstunde hinein.
»Du hast Vorurteile«, erwiderte seine Mutter stets darauf. »Du hast es nie richtig ausprobiert. Es gibt auch nette Kollegen. Dein Vater arbeitet seit fünfunddreißig Jahren im selben Betrieb.«
Natürlich hatte er Vorurteile, so wie jeder Mensch, doch Vorurteile hin oder her, den Feierabend verbrachte sein Vater auf der frisch gepolsterten Couch vor dem Fernseher, um vom Stress des Tages runterzukommen. Geplagt von der Angst, bei der nächsten Stellenkürzung auch betroffen zu sein, weil er in zwei Jahren sechzig wurde und die ganze Welt nach Jugend schrie. Erfahrung war nur noch am Computer gefragt.
Seine Mutter wollte einfach nicht verstehen, dass sich Alex als selbstständiger Journalist und DJ genauso sicher fühlte wie in einer Festanstellung, aber freier. Ihr machte die Vorstellung von unregelmäßigem Verdienst zu viel Angst, doch Alex kannte es gar nicht anders.
Auch mit den Frauen war es immer dieselbe Leier. Es war ja nicht so, dass er nie jemanden kennenlernte, aber er würde sicher nicht mit seiner Mutter über One-Night-Stands reden, auch nicht über die sporadischen Drei-Wochen-Beziehungen. Das hatte er beim ersten und zweiten Mal gemacht, seither konnte er ihre Fragen nach jeder Trennung nicht mehr hören, dieses sorgenvolle und unterschwellig vorwurfsvolle Nachbohren, ob es ihm gutginge und wer oder was denn schuld gewesen sei, als ginge es im ganzen Leben nur um das Zuweisen der Schuldfrage. Ob sie zu jung oder er zu irgendwas gewesen sei?
Dieses Irgendwas betraf meist seine Lebensweise, seine fehlende Festanstellung oder angebliche Bindungsunfähigkeit, als müsse man nach drei Wochen bereits das Zusammenziehen planen. Manchmal war irgendwas auch nur eine Kleinigkeit, die sie gerade an seinem Vater störte. Dabei zogen sich diese telefonischen Befragungen länger hin, als die Beziehungen gedauert hatten, und wurden garniert mit gut gemeinten Ratschlägen und der Feststellung, man müsse in Beziehungen auch etwas investieren, man müsse darum kämpfen und sich bemühen, man müsse Kompromisse eingehen und dürfe nicht zu früh aufgeben!
»Nein, Mama«, murmelte er über seine dampfende Tasse hinweg. »Man muss nicht krampfhaft versuchen, etwas vierzig Jahre zu erhalten, das nach zwei Wochen schon nicht mehr funktioniert. Was der Mensch zusammengefügt hat, das darf er auch trennen.«
Vorsichtig nahm er einen ersten Schluck, dann holte er sein Handy aus dem Flur. Sollte seine Mutter doch sagen, was sie wollte, gestern erst hatte ihm eine junge Frau ihre Nummer gegeben. Eine Studentin, fünftes Semester Jura und trotzdem ungekünstelt. Hübsch, lebendig und mit großen dunkelgrünen Augen. Ihr helles Lachen hatte ihn sofort begeistert, die doppelten Grübchen und das schelmische Strahlen der Augen. Sie kam aus dem Rheinland und hatte den Karneval vehement gegen alle anwesenden Berliner, Schwaben und Bayern verteidigt: »Das hat nichts mit eurem Fasching zu tun, das ist eine Mischung aus Loveparade und altrömischen Saturnalien.«
Alex flirtete gern und oft, doch gestern hatte er dabei ein Kribbeln im Bauch gespürt, das seinen ganzen Körper erfasst hatte, als sie ihm ihre Nummer gegeben hatte.
Mit einem lockeren Spruch und süß-debiler Verwirrung im Hirn hatte er die Nummer gespeichert, aber jetzt war ihm ihr Name einfach entfallen... Das konnte doch nicht wahr sein! Sein Schädel pochte, er starrte auf das kleine Display, aber ihm wollte einfach nichts einfallen. Wie hatte sie nur geheißen? Er konnte jetzt doch nicht alle Namen durchklicken, dafür hatte er zu viele im Speicher.
Fluchend trank er noch einen Schluck Kaffee. Langsam wurde er wach, doch der Kopf blieb schwer und leer. Ihre Freundin hatte Sandy geheißen, daran konnte er sich noch genau erinnern. Solche ostdeutschen Namen fielen ihm als Wessi noch immer auf.
»Lisa!« Er schlug mit der flachen Hand auf die Tischplatte. Lisa, klar! Wie hatte er das nur vergessen können? An das ganze Gespräch mit ihr konnte er sich noch erinnern, oder zumindest an so viel, wie der Alkohol zuließ. An jedes Lachen und Lächeln. Nüchtern hätte er alles behalten, auch ihren Namen.
»Lisa«, murmelte er noch einmal, dann klingelte erneut das Telefon.
Niemand, der ihn kannte, rief ihn vor 14 Uhr an, auch nicht an einem Mittwoch. Na ja, niemand außer seinen Eltern.
»Wehe, das ist ein Telefonanbieter oder eines dieser Sie-haben-garantiert-gewonnen-Bänder«, brummte er, stapfte ins Wohnzimmer und nahm das Telefon aus der Station. Oder eine Umfrage, die ihn garantiert nur eine Minute Zeit kosten würde. Er sollte sich endlich ein Gerät kaufen, das die Nummer des Anrufers anzeigte.
»Ja? Gruber«, meldete er sich und schlurfte zurück zu seinem Kaffee.
»Hab ich dich geweckt? Hier Salle.«
Alex hatte ihn an seiner weichen Stimme und dem jovialen Tonfall sofort erkannt. Vor Jahren hatte er mit Salles damaliger Freundin und heutigen Exfrau Birgit studiert, seitdem standen sie in losem Kontakt. Inzwischen fast ausschließlich beruflich.
»Ich sitz schon beim Kaffee... Was gibt’s?«
»Ich hätte was für dich. Wir bräuchten bis Freitag einen längeren Artikel über Satanisten in der Gothic-Szene, etwa neuntausend Anschläge.« Erwin Salzgruber, Salle, war Feuilleton-Redakteur der Berliner Allgemeinen und schusterte Alex hin und wieder einen Auftrag zu. Wenn es um dunkle Musik, dunkle Bücher, dunkle Filme oder dunkle Comics ging, oder eben die dazugehörigen Jugendkulturen. Für ihn war Alex der freie Mitarbeiter fürs Dunkle. »Einfach eine Handvoll Beispiele aus den letzten zehn, zwanzig Jahren zusammenfassen, ein paar Verbindungen ziehen. Es soll keine komplexe Analyse der Szene werden, nur das Wesentliche anreißen, vor allem das Dramatische ihrer Taten betonen, du weißt schon: Von der Teufelsanbetung über Tieropfer auf dem nächtlichen Friedhof bis hin zum Ritualmord. Du kennst dich da ja besser aus als ich, sollte ein Klacks für dich sein. Wenig Recherche, leicht verdientes Geld.«
»Ich schreib eigentlich ungern, ohne zu recherchieren«, erwiderte Alex brummig, weil ihm Salles lockerer Tonfall auf die Nerven ging.
»Natürlich. So war es ja auch nicht gemeint. Hab nur Spaß gemacht. Natürlich darfst du so gründlich arbeiten, wie du willst.«
»Und weshalb gerade dieses Thema?« Alex rieb sich nebenbei den letzten Schlaf aus den Augen und rührte im Kaffee. An Silvester hatte er sich geschworen, nie wieder unüberlegt einen Auftrag anzunehmen, egal, wie lukrativ er auf den ersten Blick erschien.
»Wegen der Geschichte in Schöneberg. Wir wollen in der Wochenendausgabe ein bisschen Hintergrund liefern, es nicht bei den Schlagzeilen der Boulevard-Kollegen belassen.«
»Das war diese blutige Ritualgeschichte? Wo die junge Frau nackt auf den Wohnzimmertisch gefesselt wurde, weil die Spinner keinen Altarstein hatten?«
»So ungefähr.«
»Und jetzt willst du von mir einen Artikel, der belegt, dass das Ganze kein Einzelfall, sondern der Satanismus eine ganze Jugendbewegung oder zumindest Teil einer bestimmten Subkultur ist. In diesem Fall der Gothic-Szene, nicht der Black-Metal-Szene.«
»So in etwa, ja.« Salle klang zögernd, wahrscheinlich konnte er mit dem Begriff Black Metal nichts anfangen.
»Was ist mit Fotos?« Alex versuchte, möglichst beiläufig zu klingen. »Soll ich da auch welche von ein paar scharfen Gothic-Chicks liefern, die wenig anhaben und gefährlich posieren?«
»Danke, haben wir schon.«
»Dachte ich mir.« Alex lachte. »Jetzt aber mal im Ernst, weshalb rufst du an? Der Artikel ist doch ein Scherz, oder?«
»Nein, kein Scherz. Ich ruf wegen des Artikels an. Ehrlich.«
»Komm schon, Salle, du kannst doch nicht erwarten, dass ich ein paar alte 8oer-Jahre-Klischees ausgrabe und Gothics als Buhmänner darstelle, damit ihr Bilder von halbnackten Mädels abdrucken könnt. Gerade hast du gesagt, ihr wollt euch von den Boulevard-Schmierern abheben.«
»Mach mal halblang. Die Satanisten von Schöneberg waren nun mal Gothics.«
»Mag sein. Aber ihr Opfer auch. Und du willst von mir keinen Artikel über die Gothics der letzten zwanzig Jahre, die Opfer von Satanisten wurden.«
»Alex, du weißt, dass das Unsinn ist...« Trotzdem klang Salle irritiert.
»Ja. Genau wie der Satanisten-Artikel. Du erstellst ja auch keine Liste von Giftmörderinnen, die Tina Turner hören. Ich schreib dir aber gern was über den konkreten Fall in Schöneberg, wenn du mir ein wenig Zeit gibst, mich da einzuarbeiten.«
»Tut mir leid, da sitzt schon wer dran.« Allzu bedauernd klang es nicht. »Ich dachte einfach, du könntest den Auftrag und das Geld gut gebrauchen.«
»Ja, kann ich. Du weißt, dass ich dankbar für Aufträge bin. Aber doch nicht so was!«
»Ach, komm schon. Nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Niemand nimmt einen solchen Artikel richtig ernst.«
»Warum druckt ihr ihn dann? Welchen Sinn haben Artikel, die niemand ernst nimmt? Ich denke, du bist Journalist und nicht Rahmenschreiber für Nacktbilder.«
»Mensch, Alex, mach doch jetzt keine Grundsatzdiskussion daraus. Es geht hier nicht um Weltpolitik. Die Leute wollen das, und ich hab Kinder zu ernähren.«
»Welche Leute wollen das? Werd’ doch mal konkret.«
»Willst du jetzt den Artikel oder nicht?«, fragte Salle scharf.
»Nein. Ich will, dass man meine Artikel ernst nimmt! Wenigstens mein Redakteur!«
»Ich nehm dich ernst, verdammt, und das weißt du! Ich wusste nur nicht, dass du so ein Prinzipienreiter bist. Ich dachte einfach, du brauchst Geld.«
Zwei Sekunden lang sagte niemand etwas, und Alex fragte sich, warum die ganze Welt dachte, dass er Geld brauche. Seit zwei Jahren schon zahlte er seine Miete pünktlich.
»Sorry«, entschuldigte er sich. »Ich bin erst bei der ersten Tasse Kaffee, und du weißt, was für ein Morgenmuffel ich bin. Und meine Mutter hat auch schon angerufen.«
»Schon okay. Ich melde mich einfach wieder, wenn ich was anderes hab. Frühstück noch schön.«
»Danke.« Alex verkniff sich gerade noch die jahrelang üblichen Grüße an Birgit und legte auf. Von Salle würde er trotz der letzten Beteuerung wohl eine Weile nichts mehr hören.
Natürlich hätte er gegen das Geld nichts einzuwenden gehabt, und jetzt schrieb irgendwer den Artikel, vielleicht ein ahnungsloser Praktikant, der alle Klischees und Details reißerisch und mit gespielter Betroffenheit ausschlachtete, der weder Satanismus noch Gothic differenziert betrachtete. Wahrscheinlich interessierte es in drei Wochen tatsächlich niemanden mehr, bis dahin waren Satanisten out und sonst wer der Untergang der Zivilisation. Vielleicht wieder einmal Amokläufer, und die bösen Computerspiele standen deswegen unter Generalverdacht. Vielleicht hätte er den Artikel einfach schreiben, das Geld kassieren und auf die Vergesslichkeit der Menschen bauen sollen, aber das konnte er nicht. Unter solches Geschmier wollte er seinen Namen einfach nicht setzen.