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Guillermo del Toro, Chuck Hogan: Das Blut

Inhaltsverzeichnis
 
Das Ende der Welt …«
 
22 TAGE ZUVOR … – GRAUER HIMMEL
Knickerbocker Loans and Curios, East 118th Street, Spanish Harlem
Die Nachtpatrouille
Der Meister
Ground Zero
Vasiliys Blog
Fairfield County, Connecticut
Pearl Street
Nazareth, Pennsylvania
South Ferry Inner Loop Station
Der Bus
 
KALTER WIND
Knickerbocker Loans and Curios, East 118th Street, Spanish Harlem
Brooklyn
Die Flatlands
Vasiliys Blog
Black Forest Solutions
South Ferry Inner Loop Station
Arlington Park, Jersey City
Die Flatlands
Der Meister
 
FALLENDE BLÄTTER
Die Kanalisation
Der silberne Engel
Die Flatlands
Black Forest Solutions
Internationale Raumstation ISS
Knickerbocker Loans and Curios, East 118th Street, Spanish Harlem
Pennsylvania Station
Sotheby’s
Aus dem Tagebuch von Ephraim Goodweather
Katastrophenschutzbehörde, Brooklyn
Black Forest Solutions
Vasiliys Blog
Pennsylvania Station
Die Flatlands
Die Flatlands
FBI-Büro Brooklyn/Queens
 
REGEN
 
EPILOG

Für Lorenza, in Liebe
GDT
 
 
Für meine vier Lieblingsmonster
CH

Das Ende der Welt …«
Aus dem Tagebuch von Ephraim Goodweather
Freitag, 26. November
 
Das Ende der Welt kam nach sechzig Tagen. Und wir tragen die Schuld daran – unsere Versäumnisse, unsere Arroganz.
Als die Krise endlich in Washington wahrgenommen wurde – analysiert, verhandelt und schließlich durch Mehrheitsbeschluss ignoriert wurde -, hatten wir bereits verloren. Die Nacht gehörte ihnen. Und nun ist uns auch noch das Tageslicht entglitten …
Dabei ist nicht viel Zeit vergangen, seit wir unseren »unwiderlegbaren Videobeweis« in die Welt hinausgeschickt haben – aber die Wahrheit wurde in Tausenden höhnischer Gegenbeweise und Parodien ertränkt, die sich im Internet wie ein Sturzbach ausbreiteten. Das Ganze wurde zu einem Witz für die Late Night Shows, wir sind ja alle so schlau, ha ha – bis die Nacht über uns hereinbrach und wir uns einer erbarmungslosen Leere gegenübersahen.
Die erste Reaktion der Öffentlichkeit auf eine Epidemie: Man will sie nicht wahrhaben.
Die zweite Reaktion: Man sucht nach einem Sündenbock.
Um vom eigentlichen Problem abzulenken, werden die üblichen Verdächtigen bemüht: Finanzkrisen, soziale Unruhen, rassistische Übergriffe, Terroranschläge.
Doch letztlich waren wir es. Wir alle. Ohne Ausnahme. Wir ließen es geschehen, weil wir uns nicht im Traum vorstellen konnten, dass es überhaupt geschehen könnte. Wir waren zu clever. Zu fortschrittlich. Zu mächtig.
Jetzt ist die Dunkelheit vollkommen.
Und es gibt keine Wahrheiten mehr, keine unanfechtbaren Tatsachen, keine gemeinsame Wurzel unserer Existenz. Die Grundbausteine der menschlichen Biologie wurden neu sortiert – aber nicht in unserer DNA, sondern in unserem Blut.
Unserem Blut …
Parasiten und Dämonen sind nun überall. Wenn wir sterben, erwartet uns nicht mehr der natürliche Verwesungsprozess, sondern eine so komplexe wie diabolische Verwandlung. Eine Mutation. Eine Veränderung.
Sie haben uns unsere Nachbarn, unsere Freunde, unsere Familien genommen; die Ungeheuer tragen die Gesichter unserer Liebsten. Wir wurden aus unseren Häusern vertrieben, aus dem Paradies verstoßen und irren jetzt durch das öde Land auf der Suche nach einem Wunder. Wir Überlebenden sind verwundet, gebrochen, besiegt.
Aber nicht verwandelt. Wir sind nicht wie sie.
Noch nicht.
Dies ist kein Bericht, keine Chronik der Ereignisse. Sondern ein Klagelied, eine letzte Erinnerung an das Ende der Zivilisation.
Die Dinosaurier hinterließen so gut wie keine Spuren von ihrer Existenz. Nur einige in Bernstein eingeschlossene Knochen. Ihren Mageninhalt. Ihren Kot.
Ich hoffe, dass wir der Nachwelt etwas mehr hinterlassen werden.

22 TAGE ZUVOR …
GRAUER HIMMEL

KALTER WIND

FALLENDE BLÄTTER

REGEN
BAMM!
Der erste Aufprall ließ Nora zusammenzucken. Jeder im Zug spürte ihn, doch niemand begriff, was hier geschah. Nora wusste nur wenig über die Tunnel, die Manhattan mit New Jersey verbanden, doch sie wusste, dass es unter normalen Umständen zwei, maximal drei Minuten dauerte, den Tunnel unter dem Hudson River zu durchqueren. Unter normalen Umständen …
BAMM-BAMM-BAMM!
Erneut erzitterte der ganze Zug, und mahlende Geräusche waren zu hören. Die Erschütterung ging von der Lok aus, brachte den Boden zum Vibrieren und hörte wieder auf, als der letzte Waggon über das Hindernis gefahren war. Nora musste daran denken, wie ihr Vater einmal mit dem Cadillac ihres Onkels in den Adirondack Mountains einen großen Dachs überfahren hatte. Das hatte genauso geklungen – nur dass das Geräusch im Tunnel viel lauter war.
Das war kein Dachs.
Aber – das wusste sie instinktiv – auch kein Mensch.
Panik ergriff sie. Jetzt weckten die Erschütterungen auch ihre Mutter. Nora griff nach ihrer faltigen Hand, worauf die alte Dame sie kurz anlächelte, wie man einen Fremden anlächelt, und dann ins Leere starrte. Auch recht, dachte Nora. Sie hatte ohnehin keine Lust, sich mit den Sorgen und Nöten ihrer Mutter auseinanderzusetzen. Davon hatte sie selbst mehr als genug.
Zack hatte die Augen geschlossen, die Kopfhörer in die Ohren gesteckt und seinen Kopf auf den Rucksack gelegt. Er schien die Erschütterungen und die wachsende Unruhe um sich herum nicht zu bemerken. Noch nicht.
BAAMMM!
Ein kollektives Aufstöhnen ging durch das Abteil. Die Erschütterungen folgten nun immer schneller aufeinander, die Geräusche wurden lauter. Inständig hoffte, ja, betete Nora, dass sie es aus dem Tunnel herausschaffen würden. Genau das hasste sie so an Zügen und U-Bahnen: Man sieht nicht, was der Fahrer sieht. Hat nur verwischte Eindrücke von der vorbeiziehenden Landschaft. Sieht nie, was auf einen zukommt.
Weitere Erschütterungen. Jetzt glaubte Nora, das Knacken von Knochen zu hören und – jetzt! – ein animalisches Quieken wie von einem Schwein.
In diesem Moment verlor der Zugführer oder einer der Fahrgäste – wer immer es war, der die Notbremse zog – die Nerven. Das metallische Kreischen erinnerte Nora an Fingernägel, die über eine Schiefertafel kratzen, nur klang das Geräusch sehr viel bedrohlicher.
Der Zug bremste scharf und geriet ins Schlingern.
Verzweifelt versuchten die Fahrgäste, sich an den Haltegriffen und Rückenlehnen festzuhalten, doch das Abteil wurde so heftig durchgeschüttelt, dass etliche Leute auf den Boden geschleudert wurden. In diesem Moment öffnete auch Zack die Augen, sah Nora fragend an.
Sie hörten das Kreischen von Metall, sahen Funken am Fenster vorbeifliegen. Dann, ganz langsam, quälend langsam, kam der Zug zum Stehen. Der Waggon neigte sich schwerfällig auf die rechte Seite.
Sie waren entgleist.
Die Deckenlichter flackerten ein letztes Mal auf, dann verloschen sie. Unter den Fahrgästen drohte sich verzweifelte Panik breitzumachen, doch nur wenige Sekunden darauf schaltete sich die Notbeleuchtung ein und tauchte die gespenstische Szenerie in ein schwaches rötliches Licht.
Nora reagierte blitzschnell. Sie half Zack, der von seinem Sitz gefallen war, auf die Beine, und bahnte sich dann mit ihrer Mutter im Schlepptau einen Weg zum vorderen Teil des Waggons, noch bevor sich die anderen Passagiere wieder berappelt hatten. Vielleicht konnten sie im Licht der Zugscheinwerfer erkennen, was im Tunnel vor sich ging. Aber schnell wurde Nora klar, dass der Weg nach vorne zum Triebwagen hoffnungslos verstellt war. Zu viele Menschen, zu viel Gepäck.
Sie hängte sich die Waffentasche über die Schulter und scheuchte Zack und ihre Mutter in die entgegengesetzte Richtung. Es kostete sie einiges an Selbstbeherrschung, nicht in Panik auszubrechen, sondern höflich zu warten, bis die Fahrgäste vor ihnen ihr Gepäck eingesammelt hatten.
In diesem Moment hörten sie die ersten Schreie aus den vorderen Wagen.
Alle wandten sich um.
»Los, raus hier!«, rief Nora. Sie griff Zack und ihre Mutter an den Händen und lief mit ihnen zum hinteren Ausgang. Nun war es ihr völlig egal, was die Mitreisenden dachten – sie war für zwei Leben verantwortlich. Und für ihr eigenes.
Am Ende des Abteils angekommen – wo ein Mann gerade verzweifelt versuchte, die automatische Tür aufzustemmen -, warf Nora einen Blick zurück. Ganz vorne konnte sie über den Köpfen der verängstigten Passagiere eine Bewegung erkennen … Ein dunkler Schatten kroch an der Waggondecke entlang … Ein Schatten, aus dem eine klauenartige Hand nach unten griff.
Die Vampirjäger der Alten hatten Gus und den Sapphires zwei große schwarze Hummer-Geländewagen zur Verfügung gestellt, mit Panzerplatten, Chromblenden und allem anderen Schnickschnack. Die Blenden waren allerdings jetzt schon zum größten Teil hinüber – um in diesen Tagen durch New York zu kommen, war etwas Blechkontakt unvermeidlich.
Gus raste die 59th Street hinauf – eigentlich eine Einbahnstraße, aber wen kümmerte das jetzt noch? Ihre Scheinwerfer waren die einzigen Lichter weit und breit. Vasiliy hatte den Beifahrersitz in Beschlag genommen, die Waffentasche zu seinen Füßen, während Setrakian auf der Rückbank saß. Angel und die anderen fuhren im Wagen hinter ihnen.
Das Radio war eingeschaltet. Der einsame Sportredakteur hatte etwas Musik aufgelegt, wohl um seiner Stimme – oder seiner Blase – Erleichterung zu verschaffen. Aber erst als Gus den Hummer auf den Bürgersteig lenkte, um einigen auf der Straße liegen gebliebenen Autos auszuweichen, wurde Vasiliy bewusst, was sie da gerade hörten: Elton Johns Don’t Let the Sun Go Down on Me. Er schaltete das Gerät aus. »Das finde ich nicht besonders witzig.«
Kurz darauf hatten sie ihr Ziel erreicht: ein riesiges Gebäude am Rande des Central Park, das wie ein gotischer Turm in den rauchverhangenen Himmel ragte. Genau die Art von Haus, dachte Vasiliy, in denen Vampire sich wohlfühlen würden.
Sie stiegen aus und betraten den Haupteingang. Vasiliy und Setrakian hatten ihre Schwerter fest umklammert, während Gus ein fröhliches Liedchen pfiff.
Im Dämmerlicht der Lobby war niemand zu sehen.
Gus zog einen Schlüssel aus der Hosentasche, mit dem er den Aufzug aktivierte, eine Konstruktion aus gusseisernem Käfig und armdicken Kabeln, an der Königin Victoria vermutlich ihre wahre Freude gehabt hätte. Ächzend beförderte das Gefährt sie ins oberste Stockwerk, das offenbar gerade renoviert wurde – zumindest sollte es danach aussehen. Sie gingen einen langen Gang hinunter, auf eine Tür zu, neben der ein Tapeziertisch stand. Gus legte alle seine Waffen darauf ab. »Eintritt nur für wahre Pazifisten«, sagte er.
Vasiliy blickte Setrakian an, und da der alte Mann keine Anstalten machte, sich von seinem Gehstock zu trennen, beschloss er ebenfalls, sein Schwert nicht aus der Hand zu legen.
Gus zuckte mit den Schultern. »Wie ihr wollt.«
Angel blieb auf dem Gang stehen, während Gus die Übrigen durch die Tür führte, sie hinter sich schloss und dann einen schweren Vorhang zur Seite schob. Feuchtwarme Luft schlug ihnen entgegen. Es roch nach Ammoniak. Und nach Erde.
Sie standen in einem großzügig geschnittenen Zimmer mit drei Fenstern, die einen atemberaubenden Ausblick auf den Central Park boten. Doch noch atemberaubender war, was sich vor den Fenstern befand: drei riesige Gestalten, so reglos, dass sie genauso gut Teil des Gebäudes hätten sein können. Oder Statuen, die seit Jahrhunderten über den Park wachten.
Die Alten.
Als wäre die Silberklinge der Zeiger eines technischen Gerätes, mit dem man die Anwesenheit böser Mächte messen konnte, hob Vasiliy sein Schwert – und spürte im selben Augenblick, wie etwas gegen seine Hand schlug und sich der Schwertgriff aus seinen Fingern löste. Auch die andere Hand, die den Gurt der Waffentasche umfasst hatte, griff plötzlich ins Leere. Er wandte sich verwirrt um und sah das Schwert in der Wand hinter ihm stecken. Die Klinge zitterte noch. Am Griff hing die Tasche mit den Waffen.
Dann spürte der Kammerjäger eine Messerspitze an seiner Kehle, und ein Gesicht tauchte neben ihm auf, so bleich, dass es in der Dunkelheit zu leuchten schien. Die Augen tiefrot, der Mund zu einem zahnlosen, höhnischen Grinsen verzerrt, der Stachel in freudiger Erwartung pulsierend.
»Hey, was …«, krächzte Vasiliy, doch seine Stimme wurde von der Finsternis verschluckt. Das war’s dann wohl, schoss es ihm durch den Kopf. Das waren nicht die Wald-und-Wiesen-Vampire, mit denen sie es sonst zu tun hatten. Kreaturen, die sich mit einer solchen Geschwindigkeit bewegten, hatten sie nichts entgegenzusetzen.
Setrakian.
Die Stimme erklang einfach so in Vasiliys Kopf, begleitet von einem betäubenden Gefühl, das ihn irgendwie daran hinderte, klar zu denken.
Er sah zu dem alten Mann hinüber, der seinen Gehstock noch immer in der Hand hielt, das Schwert darin jedoch nicht herausgezogen hatte. Auch neben ihm stand ein Jäger mit gezücktem Messer.
»Keine Panik, Leute. Die gehören zu mir«, sagte Gus.
Sie sind mit Silber bewaffnet.
Diese Stimme, begriff Vasiliy, gehörte einem der Jäger; sie hatte nicht annähernd dieselbe lähmende Kraft.
Setrakian räusperte sich. »Ich bin nicht gekommen, um gegen euch zu kämpfen. Nicht heute.«
Sonst hätten wir dich kaum in unsere Nähe gelassen.
»Nun, ich bin euch schon des Öfteren ziemlich nahe gekommen, und das wisst ihr auch. Aber lassen wir unseren Konflikt für den Augenblick beiseite. Ich habe mich euch mit gutem Grund ausgeliefert. Ich will euch einen Handel vorschlagen.«
Einen Handel? Was hast du schon anzubieten?
»Das Buch … Und den, der euch diesen Krieg aufgezwungen hat.«
Vasiliy spürte, wie der Jäger das Messer um einige wenige Millimeter zurückzog. Die Gestalten vor dem Fenster blieben jedoch weiterhin reglos.
Und was willst du dafür?
»Die Welt«, erwiderte Setrakian.
Panisch sah Nora, wie sich die Vampire von der Decke des Abteils auf die Fahrgäste stürzten. Sie fuhr herum, drängte den Mann, der die Tür inzwischen einen Spaltbreit geöffnet hatte, zur Seite und schob Zack und ihre Mutter die Stufen hinunter nach draußen.
Sekunden später stand auch sie auf dem Gleis. Sie hatten die klaustrophobische Enge des überfüllten Waggons gegen die eines finsteren unterirdischen Tunnels eingetauscht. Nora öffnete das Seitenfach ihres Rucksacks und zog die Lumalampe heraus, deren Batterien summend zum Leben erwachten. Und im indigoblauen Licht der UV-C-Birne sahen sie die Vampirexkremente: Das fluoreszierende Zeug klebte überall – am Boden, an den Wänden, auf den Gleisen. Offenbar gelangten die Kreaturen auf diesem Weg zum Festland. Es mussten Tausende gewesen sein.
Hinter ihnen stiegen weitere Fahrgäste aus. Einige aktivierten ihre Handys, um sich im Licht der Displays ebenfalls umzusehen. »Mein Gott!«, rief eine Frau.
Nora drehte sich um. Und sah, dass die Räder des Zuges mit weißem Blut bespritzt waren und Hautfetzen, Knorpel und Knochenstücke an der Unterseite des Waggons klebten. Waren sie einfach überrollt worden? Oder hatten sie sich absichtlich vor den Zug geworfen?
Letzteres war gar nicht so unwahrscheinlich, schoss es Nora durch den Kopf. Nicht wenn irgendjemand den Zug stoppen wollte.
Kelly …
Schnell legte Nora einen Arm um Zack, griff ihre Mutter an der Hand und rannte mit beiden die Gleise entlang. Sie hatte zuvor gesehen, dass sich die vorderen Waggons in die Tunnelwand verkeilt hatten, also blieb ihnen nur der Weg ans Ende des Zuges.
Aus fast allen Waggons drangen nun Schreie, fielen die Fahrgäste den Vampiren zum Opfer. Nora hoffte inständig, dass Zack nicht aufblickte und die Gesichter der Menschen sah, deren Blut gegen die Fensterscheiben spritzte.
Endlich erreichten sie den letzten Wagen und überquerten hinter ihm das Gleis, auf dem weitere zermalmte Vampirleichen lagen. Nora schwenkte das UV-Licht hin und her, um etwaigen Blutwürmern den Garaus zu machen.
Auf der anderen Seite des Zuges war der Weg bis zur Lok frei. Nora starrte in die Dunkelheit dahinter, hoffte, irgendwo das Ende des Tunnels erkennen zu können …
… als sie plötzlich ein merkwürdiges Geräusch hörte. Ein Krabbeln. Ein Trippeln. Eine Horde kleiner Füße. Das Geräusch kam von vorne, aus der Richtung, in die der Zug gefahren war, und hallte die Tunnelwände hinab.
Irgendetwas kam aus der Finsternis auf sie zu.
Nora umklammerte Zack und ihre Mutter und rannte, so schnell sie konnte, in die entgegengesetzte Richtung. Nur weg von diesem verdammten Zug.
 
 
Der Jäger trat langsam zur Seite, hielt sein Messer jedoch weiter auf Vasiliy gerichtet, während Setrakian den Gestalten an den Fenstern die Verbindung zwischen dem Meister und Eldritch Palmer erklärte.
Wir kennen diesen Mann. Er hat uns aufgesucht und um Unsterblichkeit gebettelt.
»Was ihr jedoch abgelehnt habt. Und so hat er sich nach einem anderen Geschäftspartner umgesehen.«
Er hat unsere Anforderungen nicht erfüllt. Die Ewigkeit ist ein großes Geschenk, die Aufnahme in den Kreis der Unsterblichen ist nur Wenigen vorbehalten.
Die Stimme, die in Vasiliys Kopf dröhnte, klang wie die eines erbosten Lehrers, der ein dummes Kind zurechtweist – nur hundertfach verstärkt. Er beäugte den Jäger neben sich, fragte sich, wer er wohl war. Ein vor langer Zeit verstorbener europäischer König? Oder Alexander der Große? Oder Howard Hughes? Nein, in seinem früheren Leben war dieser Jäger ganz bestimmt ein Elitesoldat gewesen, den sie direkt vom Schlachtfeld wegrekrutiert hatten. Die ultimative Spezialeinheit. Aber welcher Armee hatte er angehört? Welcher Epoche? Hatte er in Vietnam gekämpft? In der Normandie? Bei den Thermopylen?
»Ich weiß, dass euer Einfluss bis in die höchsten Kreise der menschlichen Gesellschaft reicht«, sagte Setrakian jetzt. »Jeder, der in euren Clan aufgenommen wird, muss euch gewaltige Reichtümer überlassen, mit denen ihr euch selbst und eure Eingriffe in die Geschicke der Menschheit tarnt.«
Wenn es nur um einen ein fachen Handel gegangen wäre, wären seine Reichtümer mehr als angemessen gewesen. Doch Reichtum allein ist uns nicht genug – wir fordern Gehorsam. Daran mangelte es ihm.
»Nun, als ihr ihn abgewiesen habt, wurde Palmer ziemlich wütend. Daher suchte er den abtrünnigen Meister auf, den Jüngsten unter euch…«
Selbst im Angesicht des Untergangs scheint dein Wissensdurst nicht versiegen zu wollen, Abraham Setrakian. Du hast mit allem zur Hälfte Recht – lassen wir es dabei bewenden. Ja, es ist gut möglich, dass Palmer nach dem Siebten gesucht hat. Doch es war der Siebte, der ihn fand.
»Kennt ihr seine Pläne?«
Ja.
»Dann wisst ihr auch, dass ihr euch in Gefahr befindet. Der Meister erschafft sich Tausende von Jüngern, viel zu viele, als dass eure Jäger sie besiegen könnten. Seine Saat breitet sich unaufhaltsam aus.«
Für einige Sekunden herrschte Schweigen. Dann, als würden die drei Alten alle auf einmal sprechen, tönte es in Vasiliys Kopf: Du hast den Silberkodex erwähnt.
Setrakian machte zwei, drei vorsichtige Schritte in die Mitte des Raumes. »Ich verlange von euch unbegrenzte finanzielle Unterstützung. Und zwar sofort.«
Die Auktion. Dachtest du etwa, sie wäre uns entgangen?
»Selbst wenn ihr durch einen menschlichen Mittelsmann daran teilnehmt, riskiert ihr, euch zu verraten. Dieser Gefahr wolltet ihr euch nicht aussetzen, daher habt ihr in all den Jahren jede Versteigerung verhindert. Doch diesmal reicht eure Macht dafür nicht aus. Es ist kein Zufall, dass der Ausbruch der Seuche, die Sonnenfinsternis und das Wiederauftauchen des Occido Lumen zusammenfallen. All das war von langer Hand geplant. Wollt ihr das etwa leugnen?«
Nein. Doch nichts, was wir tun, kann jetzt noch etwas ändern.
»Untätig zu bleiben scheint mir aber auch kein guter Plan.«
Und was forderst du als Gegenleistung?
»Einen Einblick in die Geheimnisse des Buches. Ich habe diesen Silberkodex, wie ihr ihn nennt, vor kurzem mit eigenen Augen gesehen, und ihr könnt mir glauben: Er birgt viele Geheimnisse. Wäre es nicht auch für euch interessant zu wissen, was die Menschheit über euren Ursprung in Erfahrung gebracht hat?«
Halbwahrheiten. Spekulationen.
»Tatsächlich? Könnt ihr dieses Risiko eingehen, Mal’akh Elohim?«
Stille. Vasiliys dröhnendem Kopf wurde eine kurze Ruhepause gegönnt, und es schien ihm, als ob sich in den Gesichtern der Alten plötzlich eine Emotion widerspiegelte: Abscheu. Tatsächlich hatten sich ihre Züge nicht verändert.
Nun gut. Unerwartete Bündnisse sind oft die erfolgreichsten.
Setrakian hob die Hand. »Eines will ich klarstellen: Ich biete euch kein Bündnis an, sondern einen Waffenstillstand, mehr nicht. Der Feind meines Feindes ist weder mein Freund noch der eure. Ich verspreche euch das Buch und damit eine Möglichkeit, den Meister zu vernichten, bevor er euch vernichtet. Aber sobald diese Vereinbarung erfüllt ist, schwöre ich, dass ich meinen Kampf fortsetzen werde. Wir sind noch nicht fertig miteinander.«
Sobald du in das Buch gesehen hast, musst du sterben, Abraham Setrakian. Das gilt für alle Menschen – und wir werden bei dir keine Ausnahme machen.
Vasiliy schluckte. »Also, ich war ja sowieso nie ein so begeisterter Leser…«
»Einverstanden«, sagte Setrakian. »Das wäre also beschlossen. Jetzt gibt es nur noch eine weitere Gefälligkeit, die ich einfordern muss. Jedoch nicht von euch, sondern von eurem Diener hier. Gus Elizalde.«
Der Mexikaner kam nach vorne und stellte sich neben den alten Professor. »Solange ich dabei ordentlich auf die Kacke hauen kann, bin ich dabei.«
 
 
Keine Musik. Keine Würdenträger. Keine Bänder zum Durchschneiden … Ohne jegliche Zeremonie wurde das Locust-Valley-Atomkraftwerk um fünf Uhr morgens in Betrieb genommen. Lediglich die Inspektoren der Strahlenschutzbehörde überwachten die Prozedur vom Kontrollraum der siebzehn Milliarden Dollar teuren Anlage aus.
Und Eldritch Palmer.
Kontrollierte Kernspaltung ist mit einer Atombombe zu vergleichen, die nicht in einer Millisekunde, sondern gleichmäßig und über einen viel längeren Zeitraum explodiert; die dabei entstehende Hitze wird in Elektrizität umgewandelt, die schließlich so wie bei konventionellen Heizkraftwerken ins Stromnetz eingespeist wird.
Entsprechend streng waren die Sicherheitsvorschriften. Locust Valley hatte zwei hochmoderne Leichtwasserreaktoren, in denen die Kernspaltung vonstattenging, und bevor die Uran-23 5 – Brennstäbe in die Wasserbecken versenkt worden waren, hatte man umfassende Tests durchgeführt.
Nun dampften die beiden Kühltürme vor den Fenstern des Kontrollraums wie überdimensionale Kaffeetassen.
Palmer war von Ehrfurcht erfüllt. Endlich fügten sich alle Teile des Puzzles zusammen. Bald würde sich das Tor öffnen.
Während er zusah, wie die Dampfwolken wie Geister aus einem großen Hexenkessel in den düsteren Himmel stiegen, musste er an Tschernobyl denken und an die Ruinenstadt Pripyat, wo er dem Meister zum ersten Mal begegnet war. Wie die unzähligen Kriege, die sich im Laufe der Menschheitsgeschichte ereignet hatten, hatte auch der Reaktorunfall dem Meister als Inspiration gedient.
Die Menschheit hatte sich die Werkzeuge zu ihrer Vernichtung selbst erschaffen.
Und Eldritch Palmer hatte seinen nicht unerheblichen Beitrag dazu geleistet.
Nur wofür?
»Er ist dort draußen und verwandelt jeden, den er in die Finger kriegt.«
Das hatte Dr. Goodweather gesagt. Aber die Letzten werden doch die Ersten und die Ersten die Letzten sein, stand es nicht so in der Bibel? Nur: Sie waren hier nicht im gelobten Land, sondern in den Vereinigten Staaten von Amerika. Hier pflegten die Ersten auch die Ersten zu bleiben.
Palmer konnte jetzt nachempfinden, wie sich seine Geschäftspartner gefühlt haben mussten, nachdem er sie über den Tisch gezogen hatte – als wäre ihnen mit derselben Hand, die sie soeben geschüttelt hatten, ein Faustschlag in den Magen verpasst worden.
Der Meister … Man glaubt, dass man mit jemandem zusammenarbeitet – bis man eines Tages aufwacht und erkennt, dass man für ihn arbeitet.
»Verraten Sie mir doch mal, warum Sie immer noch in der Schlange stehen?«
Ja, dachte Palmer, warum eigentlich?
Zack ließ Noras Hand los, um seinen iPod aufzuheben, der auf den Tunnelboden gefallen war. Ein blöder Reflex, das war ihm klar, aber seine Mom hatte ihm das Gerät geschenkt und sogar für Lieder bezahlt, die sie eigentlich ziemlich fürchterlich fand. Wenn er es in der Hand hielt und sich auf die Musik konzentrierte, konnte er an sie denken. Daran, wie sie einmal war.
»Zachary!«
Nora nannte ihn sonst nie bei seinem vollen Namen, und es hatte den gewünschten Effekt: Er stand schnell wieder auf und blickte in ihr wütendes Gesicht. Inzwischen konnte er sie etwas besser leiden; ihre Mutter war ebenfalls krank, und so hatten sie etwas gemeinsam: beide Mütter waren irgendwie noch da, aber irgendwie auch ganz woanders.
Zack steckte den iPod in seine Hosentasche und ließ die Kopfhörer liegen. Dann liefen sie weiter. Albtraumhafte Bilder zuckten vor Zacks innerem Auge auf. Nora hatte nicht gewollt, dass er durch die Zugfenster sah, aber er wusste, was da drinnen vor sich gegangen war. Er hatte das Blut gesehen. Er hatte die schmerzverzerrten Gesichter gesehen …
Plötzlich blieb Nora wie angewurzelt stehen und blickte mit weit aufgerissenen Augen auf etwas hinter ihnen. »Mein Gott«, flüsterte sie.
Kleine Gestalten kamen aus der Dunkelheit hinter dem entgleisten Zug gekrochen. Kinder. Vampirkinder mit leeren, schwarzen Augen. Doch obwohl sie eindeutig blind waren, bewegten sie sich zielsicher und entschlossen auf den Zug zu.
Als sie ihn erreicht hatten, quietschten sie vor Vergnügen – und dann stürmte eine Horde gewöhnlicher Vampire aus dem Tunnel und stürzte sich auf die Fahrgäste, die es lebend aus den Waggons geschafft hatten. Die Vampirkinder, die der Horde den Weg gebahnt hatten, krochen unterdessen die Tunnelwände hinauf und schwärmten über das Zugdach wie frisch geschlüpfte Babyspinnen.
Mit angehaltenem Atem sah Zack diesem grotesken Geschehen zu. Sah, dass es ein ganz bestimmter Vampir war, der die Kinder zu dirigieren schien. Immer wieder scharten sie sich um ihn. Im flackernden Licht war deutlich zu erkennen, dass es sich um eine Frau handelte. Eine Mutter, die eine Armee von Dämonenkindern in die Schlacht führte …
Eine Hand griff nach seiner Jackenkapuze und zerrte ihn mit sich. Nora. Zack stolperte, rappelte sich wieder auf, lief ihr nach. Sie hakten Noras Mutter unter und zogen sie die Gleise entlang – nur fort von diesem Wahnsinn.
Noras UV-Lampe war nicht stark genug, um den Tunnel auszuleuchten, aber sie ließ die Vampirexkremente an den Wänden in schillernden, ekelerregenden Farben aufblitzen.
»Da!«, rief Zack plötzlich. Seine scharfen Augen hatten in der Wand links von ihnen eine Reihe von Stufen entdeckt, die zu einer Tür führten.
Nora rannte die Stufen hinauf und rüttelte am Türgriff. Nichts. Entweder klemmte sie oder sie war verschlossen. »Verdammt! Geh auf!« Nora hob das Bein und trat so lange auf die Klinke ein, bis sie abbrach und die Tür aufsprang.
Ein schmaler Durchgang führte sie zu einer identischen Treppe, die wiederum in einem weiteren Tunnel mündete. Sie waren auf der Gegenstrecke gelandet: New Jersey – Manhattan.
Nora knallte die Tür hinter ihnen so fest zu, wie sie konnte, dann scheuchte sie Zack und ihre Mutter auf die Gleise. »Schnell! Nicht stehen bleiben. Es sind zu viele, mit denen werden wir nicht fertig.«
Sie liefen in den Tunnel. In die Dunkelheit. Zack half Nora wieder dabei, Mrs. Martinez zu stützen, doch bald wurde ihnen klar, dass die alte Dame dieses Tempo nicht lange würde durchhalten können. Sie hatte beide Schuhe verloren, ihre Nylonstrumpfhose war zerrissen, die Füße zerschunden und blutig. »Ich bin müde«, wiederholte sie immer wieder. »Ich will nach Hause.«
Hinter ihnen war alles ruhig – die Tür blieb offenbar unentdeckt -, trotzdem rannten sie, als wären ihnen die Vampire direkt auf den Fersen. Bis sie nicht mehr konnten.
Nora wurde langsamer, und auch Zack drosselte sein Tempo. Schließlich blieben sie ganz stehen, und Nora legte eine Hand auf den Mund ihrer Mutter, um sie zum Schweigen zu bringen. Im Schein der blauen Lampe sah Zack Noras Gesichtsausdruck: erschöpft, verzweifelt, entschlossen.
Da begriff er, dass sie eine schwere Entscheidung treffen musste. Oder bereits getroffen hatte.
Während Mrs. Martinez versuchte, die Hand von ihrem Mund zu zerren, schüttelte sich Nora die Tasche von der Schulter. »Mach auf«, sagte sie zu Zack. »Und nimm dir ein Messer.«
»Ich hab schon eines.« Er zog das Klappmesser mit dem Knochengriff aus der Hosentasche, öffnete es und zeigte Nora die Silberklinge.
»Wo hast du das denn her?«
»Professor Setrakian hat es mir gegeben.«
»Na schön. Du musst mir jetzt gut zuhören, Zack. Vertraust du mir?«
Was für eine seltsame Frage. »Klar.«
»Dann pass auf. Du musst dich verstecken. Kriech hier rein.« Der Laufweg neben den Gleisen war etwa einen Meter erhöht, und darunter war ein dunkler Hohlraum. »Mach dich ganz klein und halt dir das Messer vor die Brust. Rühr dich nicht vom Fleck. Ich weiß, du hast Angst, aber ich … ich bleibe nicht lange weg, versprochen. Wenn dich irgendjemand außer mir findet – egal wer -, dann stichst du zu. Verstanden?«
»Ich …« Einmal mehr musste Zack an die gegen die Fensterscheiben gepressten Gesichter der Fahrgäste denken. »Okay.«
»In den Hals, ins Genick – wo du gerade triffst. Stich so lange zu, bis sie tot sind. Dann versteckst du dich woanders. Ja?«
Er nickte. Tränen liefen ihm über die Wangen.
»Versprich es mir.«
Er nickte noch einmal.
»Ich bin gleich wieder da, hörst du. Wenn ich zu lange wegbleibe, dann war’s das für mich. Dann rennst du los.« Nora deutete Richtung New Jersey. »Und zwar da lang. Du rennst immer weiter. Nicht stehen bleiben. Selbst wenn du mir begegnest. Kapiert?«
»Aber … was hast du vor?«
Doch Zack wusste es bereits. Und Nora wusste, dass er es wusste.
Mit ungelenken Bewegungen – ihre Mutter hatte sich inzwischen darauf verlegt, ihr in die Hand zu beißen – umarmte sie den Jungen, drückte ihn an ihre Seite. Er spürte, wie sie ihn auf den Kopf küsste. »Du bist ein tapferer Junge«, sagte sie. »Du schaffst das schon. Und jetzt rein mit dir.«
Zack atmete kurz durch. Dann legte er sich auf den Rücken und robbte in die Nische. In diesem Augenblick war es ihm völlig egal, ob dort Mäuse oder Ratten waren. Den Knochengriff fest in der Hand, hielt er sich das Messer wie ein Kruzifix vor die Brust und hörte, wie Nora ihre Mutter davonzerrte.
 
 
Vasiliy wartete mit laufendem Motor vor seinem Laden in den Flatlands und studierte einmal mehr die Karten der Kanalisation. Über seinem Overall trug er eine Sicherheitsweste, außerdem hatte er sich einen Schutzhelm aufgesetzt.
Der ganze Plan gefiel ihm überhaupt nicht. Zu viele Unwägbarkeiten.
Professor Setrakians mit Silberstaub versetzte Chemiewaffen Marke Eigenbau lagen hinten im Lieferwagen, eingewickelt in Handtücher, damit sie während der Fahrt nicht herumrollten. Vasiliy sah zur Ladentür. Wo blieb der Alte nur?
Viel zu viele Unwägbarkeiten …
Unterdessen rückte Abraham Setrakian in der Werkstatt den Kragen seines Hemds zurecht, band sich die Fliege und betrachtete sich dann in einem der kleinen Silberspiegel. Er hatte sich für seinen besten Anzug entschieden.
Er legte den Spiegel weg und ging im Kopf noch einmal alles durch. Hatte er auch nichts vergessen? Doch, seine Pillen! Er fand die Schachtel und schüttelte sie wie in einem geheimen Glücksritual, bevor er sie in die Tasche steckte. Es wäre unverzeihlich gewesen, die Pillen zu vergessen.
Schließlich, bereits auf dem Weg nach draußen, warf er noch einen Blick auf das Glas, das das enthielt, was von seiner geliebten Miriam auf dieser Welt übrig geblieben war. Er hatte das Herz mit UV-Licht bestrahlt, um dem Blutwurm darin endgültig den Garaus zu machen, und ohne den Parasiten trat das Organ nun schnell in den Zustand der Verwesung über.
Setrakian betrachtete das Glas, als stünde er vor dem Grab seiner großen Liebe. Dann nahm er endgültig Abschied.
Es war ausgeschlossen, dass er je wieder hierher zurückkehren würde.
 
 
Sie hatten Eph in einem Großraumbüro des FBI-Gebäudes auf eine lange Holzbank gesetzt. Der FBI-Agent, dessen Schreibtisch etwa einen Meter von ihm entfernt war, hieß Lesh. Er hatte Ephs linke Hand mit Handschellen an einer Stahlstange festgemacht, die über dessen Kopf die Wand entlanglief, ähnlich wie die Sicherheitsleisten in behindertengerechten Badezimmern. Eph saß nach vorne gebeugt und hatte sein rechtes Bein ausgestreckt, damit ihn das Silbermesser in seinem Hosenbund nicht in die Hüfte stach; bei seiner Rückkehr nach der Begegnung mit Eldritch Palmer hatte es niemand für nötig befunden, ihn zu durchsuchen.
Agent Lesh hatte einen Tick: Gelegentlich blinzelte er unwillkürlich mit seinem linken Auge, worauf die Wange darunter zuckte. Auf seinem Schreibtisch standen die üblichen Familienfotos. »Also nochmal von vorne«, sagte er. »Dieses Ding, von dem Sie da reden – ist es nun ein Virus oder ein Parasit?«
»Beides«, erwiderte Eph und ermahnte sich, ruhig zu bleiben; vielleicht konnte er sich ja doch noch irgendwie aus dieser Sache herausreden. »Das Virus wird durch einen Parasiten übertragen. Einen Blutwurm. Und dieser wiederum wird durch den Stachel in den Wirtskörper transportiert.«
Ein Blinzeln, ein Zucken. Lesh machte sich Notizen. Offenbar hatte das FBI nun die Ermittlungen aufgenommen, aber es war längst zu spät. Während Agenten wie Lesh am unteren Ende der Pyramide anfingen, Fragen zu stellen, war ganz oben die Entscheidung über das Schicksal der Menschheit bereits getroffen worden.
»Wo sind Ihre beiden Kollegen?«, fragte Eph.
»Welche Kollegen?«
»Na die, die mich im Helikopter begleitet haben.«
Lesh stand auf und sah über die Trennwand in den Büroraum. Kaum ein Schreibtisch war besetzt; nur noch wenige brachten genug Pflichtbewusstsein auf, um überhaupt zur Arbeit zu erscheinen. »Hey, ist jemand von euch mit Dr. Goodweather im Hubschrauber durch die Stadt geflogen?«
Kollektives Kopfschütteln. Tatsächlich hatte Eph die beiden Männer seit seiner Rückkehr in das FBI-Büro nicht mehr gesehen. »Wahrscheinlich sind sie abgehauen«, sagte er.
Lesh ließ sich wieder in seinen Drehstuhl fallen. »Unmöglich. Wir haben Befehl, bis auf Weiteres hierzubleiben.«
Nun, das klang nicht besonders aufmunternd. Ephs Blick wanderte wieder zu den Fotos auf dem Schreibtisch des Agenten. »Hat Ihre Familie die Stadt rechtzeitig verlassen?«
»Wir wohnen sowieso außerhalb, da sind die Mieten billiger. Ich fahre jeden Tag aus Jersey rüber. Aber klar, ich hab sie weggeschickt. Als sie die Schulen geschlossen haben, ist meine Frau mit den Kindern zu Freunden am Lake Kinnelon gefahren.«
Nicht weit genug, dachte Eph. »Ja, ich habe meinen Kleinen auch weggeschickt.« Dann beugte er sich so weit vor, wie es die Handschellen – und das Messer in seiner Hose – gerade noch zuließen. »Hören Sie, Agent Lesh. Was da draußen vor sich geht – ich weiß, es sieht alles ziemlich chaotisch aus, ein Riesendurcheinander. Aber so ist es nicht, verstehen Sie? Es ist ein von langer Hand geplanter, koordinierter Angriff. Und heute … heute wird etwas geschehen. Was genau, weiß ich nicht, aber es wird etwas Furchtbares sein. Wir – Sie und ich – müssen so schnell wie möglich von hier verschwinden.«
Zweimaliges Blinzeln. »Sie stehen unter Arrest, Doktor. Sie haben mitten am helllichten Tag auf einen Mann geschossen. Es gibt Dutzende von Zeugen dafür. Eigentlich müssten Sie schon lange auf dem Weg in ein Bundesgefängnis sein, aber angesichts des ganzen Chaos hier und der Tatsache, dass die meisten Behörden dichtgemacht haben, kann ich Sie leider nirgendwohin verlegen. Sie bleiben also erst einmal hier. Und wenn Sie hierbleiben, bleibe ich auch hier, verstanden? Okay. Nun, Doktor, was können Sie mir hierüber sagen?« Lesh hielt einige Farbausdrucke hoch, auf denen die sechsstrahligen Wandgemälde zu erkennen waren, die überall in der Stadt entdeckt wurden. »Die stammen aus Boston.« Er zog weitere Bilder aus dem Stapel. »Die hier aus Pittsburgh. Das wurde in der Nähe von Cleveland aufgenommen. Atlanta. Portland. Und das hier ist aus Oregon – mehr als dreitausend Meilen entfernt.«
Eph kniff die Augen zusammen. »Ich kann es nicht mit Sicherheit sagen, aber ich glaube, diese Zeichnungen sind so etwas wie ein Code. Sie können nicht auf mündlichem Weg miteinander kommunizieren, daher sind sie auf eine andere Form der Verständigung angewiesen. Sie markieren ihr Revier oder die eroberten Gebiete.«
»Sieht aus wie ein Insekt.«
»Stimmt. So ähnlich wie … Haben Sie schon mal von automatischem Schreiben gehört, Agent Lesh? Der Macht des Unterbewussten? Diese Wesen sind miteinander telepathisch verbunden. Ich habe keine Ahnung, wie das genau funktioniert, aber es ist eine Art Schwarmbewusstsein, und wo es ein Bewusstsein gibt, gibt es auch das Unterbewusste. Ich vermute, dass diese Zeichnungen so etwas wie ein künstlerischer Ausdruck dieses Unterbewusstseins sind. Sie finden dieses Symbol überall in der Stadt. Und inzwischen vermutlich auf dem halben Planeten.«
Lesh legte die Ausdrucke wieder auf seinen Schreibtisch und massierte sich mit einer Hand den Nacken. »Was hat das mit dem Silber zu bedeuten? Dem UV-Licht? Der Sonne?«
»Sehen Sie sich meine Pistole an – sie muss hier noch irgendwo sein, oder? Die Kugeln sind aus reinem Silber. Palmer ist kein Vampir, jedenfalls noch nicht. Aber die Kugeln habe ich von …«
»Ja? Fahren Sie fort. Von wem? Mich würde wirklich interessieren, woher Sie diesen ganzen Kram …«
In diesem Moment ging das Licht aus, und die Heizungsanlage hörte auf zu summen. Die Männer im Großraumbüro stöhnten auf.
»Verdammt! Nicht schon wieder«, seufzte Lesh und stand auf. Die Notbeleuchtung – EXIT-Schilder über den Türen und jede fünfte oder sechste Neonröhre an der Decke – erwachte flackernd zum Leben. Lesh nahm eine Taschenlampe von einem Haken an der Wand, als der Feueralarm losging. »Wunderbar! Das wird ja immer besser!«
Trotz des Sirenengeheuls aus den Lautsprechern hörten sie, wie irgendwo im Gebäude jemand schrie.
»Hey!« Eph zerrte an den Handschellen. »Machen Sie mich los! Sie kommen.«
»Hä?« Lesh rührte sich nicht. Er lauschte nach weiteren Schreien. »Wer kommt?«
Nun ertönte ein Krachen, als würde eine Tür aufgebrochen.
»Sie kommen, um mich zu holen«, rief Eph. »Suchen Sie meine Pistole. Machen Sie schon!«
Lesh lauschte weiter konzentriert, während er den Knopf seines Halfters öffnete.
»Nein! Das bringt nichts. In meiner Waffe sind Silberkugeln. Verstehen Sie nicht? Sie müssen …«
Jetzt kamen Schüsse aus dem Stockwerk unter ihnen.
»Scheiße!« Lesh zog die Waffe und rannte los.
Verzweifelt wandte sich Eph der Metallstange und den Handschellen zu. Zog mit beiden Händen an der Stange. Ließ die Handschellen die Stange entlanggleiten. Hoffte, irgendeinen Schwachpunkt zu finden, an dem er ansetzen konnte. Aber es war hoffnungslos – die Stange war mit langen Schrauben fest in der Wand verankert.
Dann wieder ein Schrei – der aus diesem Raum kam -, gefolgt von Schüssen. Eph fuhr herum. Die Trennwände verdeckten ihm die Sicht, aber er konnte den Widerschein des Mündungsfeuers erkennen, wenn die Agenten ihre Waffen abfeuerten, und er hörte weitere Schreie.
Menschen in Todesangst …
Eph zog das Silbermesser aus der Hose – es kam ihm auf einmal viel kleiner vor als in Palmers Penthouse -, rammte die stumpfe Klinge in den Spalt zwischen Holzbank und Wand und zog einmal kurz und heftig daran. Die Messerspitze brach ab, und er hielt eine kurze, aber ziemlich scharfe Stichwaffe in der Hand.
Keine Sekunde zu spät, denn in diesem Moment sprang ein Vampir auf die Trennwand neben Leshs Schreibtisch. Eph wich zur Wand zurück, versuchte sich im Schatten zu verbergen. Im dämmrigen Licht der Notbeleuchtung wirkte der Vampir ziemlich klein, und es schien, als wäre er blind. Die großen tiefschwarzen Augen zuckten hin und her, ohne an einem bestimmten Punkt zu verweilen.
Was machte die Kreatur da?
Mit geradezu katzenartiger Eleganz stieg der Vampir nun auf den Schreibtisch und führte dort einen seltsamen Tanz auf. Er wandte sich Eph nicht direkt zu, die toten Augen starrten ihn nicht an – und doch war Eph klar, dass er ihn entdeckt hatte. Dass er ihn spürte.
Instinktiv versuchte Eph, eine Position einzunehmen, in der sein Hals geschützt war. Er fühlte sich, als befände er sich mit einem Jaguar in einem Käfig – und wäre noch dazu an den Käfig angekettet. Er hob das Messer und ging ganz langsam die Stange entlang, erst nach links, dann nach rechts. Der Vampir folgte der Silberklinge; der Kopf auf dem angeschwollenen Hals schwang wie der einer Schlange hin und her.
Und dann, ganz plötzlich, schoss der Stachel heraus – viel kürzer als der eines ausgewachsenen Vampirs -, und Eph hieb mit dem Messer darauf ein. Er wusste nicht, ob er getroffen hatte, doch der Vampir zog sich wie ein geprügelter Hund zurück.
»Hau ab!«, schrie Eph.
In diesem Moment sprangen zwei weitere Vampire, ausgewachsene Exemplare mit riesigen Blutflecken auf der Brust, über die Trennwand. Das blinde Vampirkind hatte Verstärkung gerufen!
Wie ein Wahnsinniger fuchtelte Eph nun mit dem Silbermesser in der Luft herum, versuchte, ihnen ebenso viel Angst einzuj agen wie sie ihm.
Es funktionierte nicht.
Die Kreaturen gingen von zwei Seiten auf ihn los. Eph hieb auf den Arm des einen, dann auf den des anderen ein. Er verletzte sie, doch nicht genug, um zu verhindern, dass sie ihn packten und gegen die Wand drückten. Die fiebrige Hitze, die sie abgaben, und der stechende Verwesungsgestank raubten ihm den Atem. In einer letzten verzweifelten Anstrengung versuchte er noch, das Messer zu werfen, aber es fiel kraftlos aus seinen Fingern.
Das war’s dann also. Am Ende hatten sie ihn doch noch erwischt …
Merkwürdigerweise töteten sie ihn nicht gleich, sondern schienen auf etwas zu warten. Eph drückte gegen die Hände, die ihn wie einen Schraubstock festhielten. Dann sah er, wie das blinde Vampirkind langsam auf ihn zu kroch, ein Raubtier, kurz davor, seiner Beute den Todesstoß zu versetzen. Panisch versuchte Eph, das Kinn gegen die Brust zu drücken, doch eine Hand packte sein Haar und riss seinen Kopf zurück, sodass der Hals offen dalag.
Eph stieß einen Schrei aus, einen Schrei, in dem sich all die Wut, all der Trotz, all die Verzweiflung sammelte, die in ihm war … als plötzlich der Kopf des Vampirkinds in einer Wolke aus weißem Nebel explodierte. Die Kreatur stürzte zuckend zu Boden. Eph spürte, wie die beiden anderen Vampire von ihm abließen und sich verwirrt umsahen.
Es waren Menschen, die zu seiner Rettung kamen. Bis an die Zähne bewaffnete Latinos, offenbar wild entschlossen, jeden Blutsauger umzunieten, der sich ihnen entgegenstellte. Unter ihnen ein riesenhafter Mexikaner, der bestimmt längst die Sechzig überschritten hatte, sich jedoch bei der Vampirjagd als erstaunlich effizient erwies. Er trieb die beiden Kreaturen mit UV-C-Licht in eine Ecke, wo der eine eine lange Silberklinge zu schmecken bekam, während dem anderen ein Silberbolzen in den Kopf den Garaus machte.
Eph ließ sich auf die Bank fallen. Ein schlaksiger junger Mann mit Lederhandschuhen und wachen Augen kam auf ihn zu, offenbar der Anführer der Vampirjäger. Zwei gekreuzte Reihen von Silberbolzen liefen wie Patronengürtel über seine Brust; die Spitzen seiner mit weißem Blut bespritzten Stiefel waren ebenfalls aus massivem Silber. »Sind Sie Goodweather?«, fragte er.
Eph nickte.
»Ich bin Augustin Elizalde. Der Pfandleiher schickt uns.«
 
 
Erneut betraten Setrakian und Vasiliy die Lobby der Sotheby’s-Filiale an der Kreuzung 77th Street und York Avenue und ließen sich in das Anmeldungsbüro bringen, wo der alte Professor der verdutzten Angestellten einen Scheck auf den Tisch legte, der auf ein Schweizer Konto ausgestellt war. Nach einem kurzen Telefonat war seine Liquidität bestätigt.
»Willkommen bei Sotheby’s, Mr. Setrakian!«, sagte die Angestellte und lächelte sie an.
Setrakian bekam ein Pappschild mit der Nummer dreiundzwanzig ausgehändigt, dann brachte sie ein weiterer Sotheby’s-Angestellter zum Aufzug und fuhr mit ihnen in den zehnten Stock. Auf dem Weg zum Auktionssaal wurden sie vom Sicherheitsdienst aufgehalten und Setrakian wurde aufgefordert, Mantel und Gehstock abzugeben. Er erhielt dafür eine Plastikmarke, die er in die Westentasche steckte. Vasiliy durfte den Auktionssaal zwar ebenfalls betreten, doch der bestuhlte vordere Bereich war den Bietern vorbehalten, also stellte sich der Kammerj äger neben die Tür, von wo aus er einen guten Überblick über den gesamten Raum hatte.
Setrakian setzte sich in die vierte Reihe – nicht zu weit vorne, aber auch nicht zu weit hinten – und legte sich das Pappschild in den Schoß. Auf dem erleuchteten Podium füllte gerade ein Kellner das Glas des Auktionators mit Wasser und verschwand dann wieder durch einen versteckten Bedienstetenausgang. Auf der linken Seite stand die Messingstaffelei, auf der die zu versteigernden Objekte präsentiert wurden. Ein großer Bildschirm darüber zeigte das Sotheby’s-Logo.
Die Auktion fand unter erheblichen Sicherheitsvorkehrungen statt.
Die ersten fünfzehn Reihen waren fast vollständig besetzt, nur im hinteren Teil gab es noch einige leere Stühle. Setrakian erkannte allerdings sofort, dass etliche der Anwesenden nur Statisten waren, Sotheby’s-Mitarbeiter, die man angewiesen hatte, das interessierte Publikum zu spielen. Ihre Augen verrieten sie; es fehlte ihnen das Funkeln, die fiebrige Aufmerksamkeit des wahren Interessenten. Der Zuschauerbereich zwischen den Stuhlreihen und den beweglichen Wänden, die so weit wie möglich zurückgeschoben worden waren, war hingegen bis zum Bersten gefüllt.
Bei einer Auktion geht es ähnlich turbulent zu wie auf einem Basar, nur dass die Atmosphäre in ihrer Gediegenheit eher an das Fin de Siècle gemahnte: eine letzte Zurschaustellung von Reichtum angesichts einer ungewissen Zukunft. Und so waren viele der Anwesenden wohl allein wegen des Spektakels gekommen, um dabei zu sein, wenn der Kapitalismus seinen letzten Seufzer tat – wie gut gekleidete Trauergäste bei einer Beerdigung.
Die Aufregung im Saal stieg spürbar, als endlich der Auktionator auf das Podium kam und die Auktion mit einigen Einleitungsfloskeln und einem kurzen Abriss der wichtigsten Bietregeln eröffnete. Dann klopfte er mit dem Hammer auf das Pult. Die Auktion konnte beginnen.
Die ersten Gegenstände, die zur Versteigerung kamen, waren Barockgemälde, durchaus wertvoll, doch kaum mehr als Appetithappen, ein Vorgeschmack auf das eigentliche Filetstück. Setrakian rieb sich die Augen. Warum war er nur so angespannt? Er verfügte doch nun über die gewaltigen finanziellen Mittel der Alten. Eigentlich konnte nichts mehr schiefgehen. Bald würde er das Occido Lumen in seinen Händen halten …
Aber er fühlte sich beobachtet. Jetzt, in diesem Moment. Von jemandem, der genau wusste, was er vorhatte.
Vorsichtig wandte der alte Mann den Kopf und sah sich um. Dort. Drei Reihen hinter ihm auf der anderen Seite des Mittelganges. Dunkler Anzug. Schwarze Lederhandschuhe. Grau getönte Brille.
Thomas Eichhorst.