
Da dies das erste Mal ist, dass ich das mittlere Buch einer Trilogie geschrieben habe (nun ja, Schattengötter zählt nicht, da Schattenkrieger die Handlung dreihundert Jahre später fortführt), bin ich ein wenig besorgt. Aber hoffentlich funktioniert das Buch, und wenn es das tut, ist dies hauptsächlich dem Lektorenteam von Orbit zu verdanken, vor allem aber der Cheflektorin Bella, deren freundliche Beharrlichkeit und erhellende Einsichten mich immer wieder zum Nachdenken über die Gewichtung der verschiedenen Handlungsstränge veranlasst haben. Außerdem möchte ich Dave W. danken, dessen unerschütterlicher, adleräugiger Aufmerksamkeit kein Detail entging (denn darin steckt der Teufel, wie man weiß).
Ein freudiges Sombreroschwingen gilt John Parker und John Berlyn, meinen Literaturagenten von Zeno, Joshua Bilmes, dem Team von Thomas Schlück, meinem deutschen Verlag Heyne und meinem französischen Verlag Bragelonne. Ein großes Dia Duit geht an Gary Gibson in Taiwan, an Stewart Robinson in Musselburgh, an Ian Mc-Donald in Belfast, an Eric Brown, Ian Sales, Jack Deighton, Neil Williamson, Keith Brooke, Debbie Miller, alle vom GSFWC, der Autorengruppe von Edinburgh, an Ian Whates, Pete Crowther, Trevor Denyer, den nicht unterzukriegenden Charlie Stross, an Cuddles und die schottischen Con-Fans, wo immer sie sein mögen. Ein besonderer Gruß geht an Graeme Fleming, den Progmetalmeister von den Southern Domains (AKA Paisley) und Ronnie und Katie, Spencer und Adrian und an jeden einzelnen Metal-Fan in Glasgow und darüber hinaus.
Mein grenzenloser Dank gilt natürlich Susan, die in der Zeit der Entstehung des Buches, als ich mein Garn gesponnen habe und immerzu geistesabwesend war, große Geduld mit mir hatte.
Der Soundtrack zu dieser speziellen literarischen Reise stammte von Rammstein, Megadeth (die neue CD ist der Hammer, wirklich), den grandiosen Pallas, Gazpacho, Wobbler, Black Water Rising, den brillanten Red Flag, Ghandis Gun, Heaven & Hell, IQ, den lange Zeit abgetauchten Mudshark, der Sensational Alex Harvey Band, Porcupine Tree, Eternal Elysium, Younger Brother und Glasshammer. Von hier an wird die Musik immer besser und besser. Venceremos!
Michael Cobley, geboren in Leicester, studierte Ingenieurswissenschaften an der Universität von Strathclyde. Als Herausgeber verschiedener Magazine und durch seine Kurzgeschichten machte er sich schnell einen Namen in der Fantasy-Literatur. »Schattenkönige«, sein erster Roman, war in Großbritannien auf Anhieb ein riesiger Erfolg. Cobley lebt und arbeitet in Glasgow.
Emotionslos und unermüdlich steuerte der Puls der Maschine sämtliche Funktionen der Robotfabrik. Die Gewinnung der Grundstoffe aus dem Waldboden, die Aufbereitung und Umwandlung, die Energieversorgung, den exakt koordinierten Fertigungsprozess, die Reparatur – und Überwachungssysteme, die externen Teilelager. Und die Sektion für Spezialprojekte, eine Kammer mit Klimasteuerung und chirurgischer Ausrüstung, die über einem desinfizierten, von Nischen flankierten Metallsockel hing. In den Nischen lagen zwei reglose Gestalten, neben denen Überwachungslämpchen blinkten. Die eine war ein Mensch, dessen blicklose Augen hin und her huschten, während sich seine Lippen lautlos bewegten. Die andere, ein Uvovo, lag reglos da und hatte alle sechs Augen geschlossen. Sein Gesicht wirkte entspannt und ausdruckslos, seine Brust hob und senkte sich regelmäßig. Beide wiesen Spuren chirurgischer Eingriffe auf, an Hals, Schultern und oberen Gliedmaßen hatte man die Haut durch graue Quadrate aus einem flexiblen Material ersetzt.
Hinter seinen geschlossenen Lidern war Chel in einer Art Delirium gefangen. Sein halbbewusstes Ich schwankte zwischen Verzweiflung, Schmerz und der Versuchung, sich fremdartigen Maschinenfragmenten zu ergeben, die in seinen Körper eindrangen. Er spürte, dass sie dazu gedacht waren, mit ihm zu verschmelzen, mit den Empfindungs – und Gedankenwegen, und bislang hatte er sich dagegen gewehrt. Dies hatte Fieber und eine fortschreitende Schwächung seiner Kräfte zur Folge. Chel war allein auf seine Willenskraft angewiesen, und die vermochte ihn vor irgendwelchen Drogen nicht zu schützen. Er bedauerte, dass er Rory nicht hatte zur Flucht verhelfen können.
Um nach dem Menschen zu sehen, konzentrierte er sich darauf, ein, zwei Augen zu öffnen. Der Schmerz der insgesamt neun Implantationswunden durchzuckte ihn, doch er hielt stand und schlug seine gewöhnlichen Augen auf.
Die Kammer, in der sie lagen, war im Grunde ein großer Metallkasten, der von einer einzigen grellen Lichtquelle erhellt wurde. Im Moment blinkte sie unstetig, doch das Licht reichte aus, um die durchscheinende, in ein langes Gewand gehüllte Gestalt des Pfadmeisters zu erkennen, der neben dem Operationstisch schwebte.
»Großer Ältester … fantasiere ich?«
»Deine Geburtsaugen sind geöffnet, Cheluvahar, du siehst und hörst mich.«
»Sterbe ich, Großer Ältester?«
»Es gibt keinen Tod, doch es könnte sein, dass das Universum einen neuen Weg für dich vorgesehen hat. Viele dunkle und schreckliche Möglichkeiten gehen aus der Nicht-Zeit der Zukunft in die trübe Peripherie der Werde-Zeit über. Der Gang der Ereignisse hat unserem Gegner genutzt und dir eine noch größere Verantwortung aufgebürdet. «
»Aber, Großer Ältester, ich bin ein Gefangener und …«
»Hör mich an! Ein Ritter der Legion der Avatare, derselbe, der Waonwir in Besitz genommen und den Warpbrunnen aktiviert hat, kehrt jetzt dessen Flussrichtung um. Es wird mindestens drei Tage dauern, bis die Veränderung das dunkle, tiefe Gefängnis im Abgrund erfasst, und ebenso lange werden die Überlebenden der Legion brauchen, um ihn zu durchmessen. Es sieht so aus, als ob nur du und dieser Mensch dies verhindern könntet.«
Chel war verblüfft und verärgert darüber, dass er dieses Grauen verhindern sollte, obwohl doch sein Geist und sein Körper Stück für Stück zerpflückt wurden.
»Bitte, Großer, kannst du uns zur Flucht verhelfen? Wenn ich die Apparate und Implantate loswürde …«
»Aber, Cheluvahar, du darfst dich nicht wehren, sondern musst dich fügen. Die musst die Maschine willkommen heißen, um sie zu besiegen!«
Auf einmal überkam ihn aufrichtiger Zorn.
»Wie soll ich das anstellen? Soll ich mich erst in einen Maschinensklaven verwandeln, um …«
»Wie ich sehe, muss ich dich erst überzeugen. Seher – pass auf !«
Auf einmal wurde es blendend hell, dann klärte sich Chels Blick, und er sah eine dunkle, wolkenverhangene Landschaft, eine ausgedehnte Fläche von Baumskeletten auf der verkohlten Oberfläche von Darien. Dann aber veränderte sich seine Perspektive. Er flog über den düsteren Wald hinweg und sah, dass die Bäume aus Metall waren und dass Tunnelgänge in ihre Wurzeln führten. Menschen und Uvovo kamen und gingen, doch ihre Gesichter waren leer und ihre Körper ein Flickwerk kränklich blasser Haut und grauer Maschinenerweiterungen. Chel sah auf den ersten Blick, dass der Metallwald eine perverse Parodie Segranas war, eine scheußliche Kopie ohne jedes natürliche Leben. Er flog weiter, bis er zu den Gipfeln und Graten des Kentigerngebirges gelangte. Dahinter erstreckte sich die Küstenebene, eine verkohlte, vergiftete Fläche, und als er sich zur Schulter des Riesen umwandte, war da nichts. Der obere Abschnitt des Vorgebirges war verschwunden, die Warpbrunnenkammer nach oben hin offen. Die Wolken verdüsterten sich, Regen fiel, Donner grollte …
Unvermittelt befand er sich wieder in der Kammer, in der Metallzelle, Gefangener und Versuchsobjekt, aber nicht allein.
»So schwer dir die Vorstellung auch fallen mag«, sagte der Pfadmeister, »es dräuen weit grausigere Zukünfte, in denen unerbittliche Tyranneien gnadenlose Kriege führen, welche die Sterne verzehren.«
»Was soll ich tun?«, fragte Chel bedrückt.
»Benutze die Gaben, die Segrana dir geschenkt hat«, antwortete der Pfadmeister. »Benutze sie klug und mit List und Tücke. Wehre dich nicht gegen die Maschinenimplantate, aber nutze deine Seheraugen zum Sehen und zur Veränderung. Beobachtung verändert das Beobachtete.«
Chel hatte Schmerzen im Hals, in Armen und Brust, als er zum armen Rory hinübersah, dessen Augen blicklos umherhuschten.
Ich tu’s für Rory, dachte er.
»Wenn du Erfolg hast, wird vielen, vielen Lebewesen ein todähnliches Leben erspart bleiben.«
»Aber es entsteht neues Potenzial«, wurde Chel auf einmal bewusst. »Potenzial für das Gute wie das Böse.«
»Damit werden sich die, welche noch kommen werden, auseinandersetzen müssen, Chel. Du musst dich den gegenwärtigen Herausforderungen stellen.«
Der Pfadmeister verschwand, wie wenn Nebel sich verflüchtigt. Chel betrachtete Rory, der in maschinenerzeugten Wahnvorstellungen gefangen war, dann öffnete er seine Seheraugen und lenkte ihren entschleiernden Blick nach innen.
Alles, was sie sah, war kalte, öde Leere, still und unteilbar.
Sie erinnerte sich, dass man sie in die Virtualitätskammer geschleppt hatte, von den Beruhigungspflastern ganz erschlafft. Beinahe hätte sie gelacht, als man sie in den Tank steckte und mit dem Bioregnetz verband. Dann wurde das Kortex-Interfacefeld eingeschaltet, und ihr vergingen das Lachen, der Tank, Talaveras Gesicht und jede Empfindung.
Und dann kam die Leere, doch jetzt, da sie darüber nachdachte, kam ihr die kalte, öde Leere nicht mehr ganz so leer vor. Eine undeutliche Trennungslinie führte hindurch, die allmählich an Schärfe und Kontrast und auch Perspektive gewann. Die Linie war ein Horizont, oben diffuses Dunkelgrau und unten etwas Strukturiertes, ein Meer, begriff sie und spürte auf einmal, dass sie nicht allein war.
Das also ist ihre Virtualität, dachte sie. Ist sie interaktiv oder adaptiv? Vielleicht kann ich sie ja willentlich verändern.
Sie durchforstete ihr Gedächtnis nach Kindheitserinnerungen, zum Beispiel an die Sommerferien in einer Ferienanlage am Meer nur für Getunte, an der Küste von Hammergard. Dort gab es einen abgezäunten Strandabschnitt mit Sand und Felsentümpeln. Sie erinnerte sich an den warmen Sand zwischen ihren Zehen, an die kühlen, schlüpfrigen Steine im flachen Wasser, den scharfen Geruch des angeschwemmten Tangs. Und als sie die Augen aufschlug (auf einmal hatte sie welche), sah sie alles vor sich, das weite, ruhige Meer, und da plantschte sie auch tatsächlich barfuß im Wasser, bekleidet mit einem blau karierten Hemd und einer gelben, bis zu den Knien hochgekrempelten Hose.
Eine Gestalt kam ihr entgegengeschlendert. Der Strand fiel sanft ab, der blasse Sand war mit kleinen Steinen und Treibholz übersät. Als die Gestalt näher kam, erkannte sie Corazon Talavera, rot gekleidet und einen Sonnenschirm in der Hand.
»Sehr hübsch«, sagte sie. »Allerdings hätte ich mir deinen Metakosmos ein wenig, hmm, praktischer vorgestellt, mehr wie Konstantins Labor.« Sie stieß einen leisen Pfiff aus. »Das Ding gleicht einer Stadt, richtig groß.«
Der Himmel hatte inzwischen einen sommerlichen Blauton angenommen. Eine Sonne gab es nicht, doch es herrschte ein sanftes Licht, das Julia irritierend fand. Schweigend plantschte sie im flachen Wasser (das inzwischen mit Felsen und Kieseln angereichert war) und rührte Wolken von Sandkörnern auf.
»Dein letzter Fluchtversuch hat mir übrigens gefallen«, meinte Talavera lachend. »Ganz schön clever, deine Zelle als Lagerraum und einen Schrank als dein Gefängnis auszuweisen. Ich vermute, der nächste Schritt wäre gewesen, große Container in das Shuttle zu verfrachten.«
Julia lächelte kühl. »Ich nehme an, Sie haben mein Polymot entdeckt.«
»Äh … ja, auch das, welches sich vorübergehend deaktiviert hatte. Siehst du? ‒ Ich weiß genau, wie ihr gerissenen Getunten tickt.« Sie zuckte die Achseln. »Aber das liegt jetzt alles hinter uns. Ungeachtet eurer Ränke und Sabotageakte bist du jetzt hier in meiner Virtualität, um für mich zu arbeiten.«
Am Horizont waren ein paar Wolken. Als Talavera beiläufig darauf zeigte, rasten die Wolken der Küste entgegen, wurden größer und dunkelten ein. Sie verschmolzen zu einem einzigen bedrohlich dräuenden Wolkengebirge. Dann fiel der Boden zurück, und Julia und Talavera stiegen in die Luft und durchquerten feine Dunstschichten, bis sie das Wolkenungetüm überblicken konnten. Aus der Nähe sah Julia, dass die Wolke aus zahlreichen Ziffern, Symbolen, Symbolfragmenten und Verbindungssträngen bestand, dies alles überzogen von Myriaden glitzernden Flecken. Neugierig berührte Julia einen nahen Fleck … worauf ein Datencluster in ihrem Geist aufblitzte, die Effekte des Gravitationsgradienten eines Planeten auf die anderen Himmelskörper eines Fünf-Planeten-Systems, komplett mit tabellarisch angeordneter Statistik und grafischen Darstellungen …
Dann verblassten die Daten wieder.
»Fünfhundert Welten«, sagte Talavera und schwenkte theatralisch den Arm, als wollte sie die ganze Wolke umfassen. »Detaillierte Informationen über die Sternkoordinaten jedes beliebigen zukünftigen Datums, komplett mit realistischen Umlaufbahnen und Geschwindigkeiten, Systemgravitationsmatrix und noch vielem mehr!« Blinzelnd blickte sie Julia an und lächelte boshaft, wie es ihre Art war. »Das sind nur hundert Welten für jeden, und ihr braucht wie bei eurem letzten Erfolg nur euer erstaunliches Gehirn einzusetzen, um Kursdaten zu erhalten. «
Julia blickte sie an. »Kursdaten für weitere Raketen?«
»Ich verfüge über fünfhundert Stück, und die finden nicht von allein ins Ziel.«
Julia schwieg fassungslos.
»Hör mal, es ist nicht so, wie du denkst«, fuhr Talavera fort. »Hier geht es nicht um Massenmord, sondern um Präzisionsangriffe auf einige Pro-Hegemonie-Welten, auf hohe Vertreter von Monoclans, Militärindustrielle, Multiplikatoren aus dem Kulturleben, kriegslüsterne Politiker, Verhörspezialisten und zahlreiche andere unangenehme Typen. Es dürfte dich auch interessieren, dass die meisten deiner Kollegen bereits mit voller Kraft bei der Arbeit sind, und zwar ohne dass ich den magischen Nanostaub hätte einsetzen müssen. Mit Ausnahme von Thorold ‒ bei ihm musste ich ein wenig nachhelfen.«
Auf ein unbemerktes Zeichen hin sank Julia durch die dunkle Datenwolke hindurch auf den Strand eines elektrischen Meeres nieder.
»Man könnte sagen, du hast die Wahl«, meinte Talavera. »Aber es ändert nichts, denn am Ende wirst du mitarbeiten, so oder so.«
Sie war jetzt schwarz gekleidet, und irgendwelche Wesen schlängelten sich um ihre Füße. Anscheinend hatten sie keine Gesichter oder Sinnesorgane, und bei genauerem Hinsehen hatte Julia den Eindruck, als bestünden sie aus dichtem, dunklem Rauch.
»Überleg es dir«, sagte Talavera. »Du hast eine Stunde Zeit ‒ jedenfalls subjektiv!«
Lachend verschwand sie zusammen mit den schwarzen Schlangen.
Eine Wahl, dachte Julia. Die keine Wahl ist.
Talaveras Erwähnung der Pro-Hegemonie-Typen klang wie eine Zwecklüge, zumal sie mit ihrer Bemerkung zu Thorold ihre Entschlossenheit hatte schwächen wollen. Dennoch lächelte Julia und hüpfte sogar am Strand entlang durchs flache Wasser.
Denn jetzt war sie ganz sicher, dass das allerletzte Polymot, das sie in ihrem Haar verborgen hatte, bevor man sie holen kam, nicht entdeckt worden war.
In Kürze wird es wieder aktiv werden, dachte Julia. Dann werden wir ja sehen, wer hier die Wahl hat!
Als die Sternenfeuer in den Orbit von Darien einschwenkte, stand er auf der Brücke. Die Sensoren vollendeten die Scans der Extraorbitalsphäre des Planeten, doch schon in dem Moment, als sie am Rande des Systems aus dem Hyperraum ausgetreten waren, hatten sie einige schockierende Beobachtungen gemacht. Die Läuterer, das gewaltige brolturanische Schlachtschiff, war von einer thermonuklearen Waffe zerstört worden – ein Teil der Trümmer kreiste noch um den Planeten, durch die gewaltige Explosion über verschiedene Umlaufbahnen verteilt. Außerdem gab es Hinweise auf einen zweiten Angriff, doch die davon stammenden Trümmer deuteten auf einen geringeren Zerstörungsgrad hin.
Theo wusste, dass die Trümmer von der Herakles stammen mussten, dem Schiff der Erdsphäre. Wer gegen Darien vorgehen wollte, würde logischerweise zunächst die Kriegsschiffe im Orbit neutralisieren, doch das warf die Frage nach dem Aufenthaltsort der Herakles auf. Hatte sie sich in die Tiefe des Sonnensystems zurückgezogen oder in den Hyperraum geflüchtet? Oder war sie in die Atmosphäre abgestürzt und verglüht? Bei dem Gedanken schauderte es ihn.
Dann trafen Informationen von planetarischen Funkstationen ein. Berg, der zuständige Offizier, ordnete sie, dann leitete er sie an Captain Gideon und Theos Hilfskonsole weiter.
Aufgeführt waren Übertragungsfrequenzen, Bodenkoordinaten, Verschlüsselungsmethoden und inhaltliche Zusammenfassungen. Viele Nachrichten waren in Anglik oder Anglik-Varianten gehalten, andere in Brolturanisch-Sendrukanisch (und mussten übersetzt werden), doch es waren auch verschiedene andere Sprachen vertreten, den Schirmkommentaren zufolge hauptsächlich Henkayanisch, Gomedranisch und Kiskashin. Als er einige der Übersetzungen las, bekam er einen Eindruck von den erschreckenden Ereignissen der letzten Zeit, was ihn zornig und ungeduldig werden ließ.
»So etwas habe ich noch nicht erlebt«, sagte Gideon. »Vor einigen Generationen hatte die von Dol-Das beherrschte Yamanon-Domäne verschiedentlich unter religiös motivierten Angriffen zu leiden, die das eine oder andere Sonnensystem betrafen. Interstellare religiöse Feldzüge sind selten, noch seltener sind sie erfolgreich. Aber diese Fanatiker bezeichnen sich als Anhänger der Spiralprophezeiung, eines neuen Ablegers der Religion des Vater-Weisen.«
Theo blickte kopfschüttelnd auf den Schirm.
»Der Winterputsch war dagegen ein Klacks«, sagte er. »Nicht mal bei der Sezession der Neustadt gab es ein solches Chaos. Wenn ich nur wüsste, wie es meinem Neffen ergangen ist …«
»Verzeihung, Major«, sagte Berg. »Heißt er zufällig Cameron? «
»Ja, weshalb fragen Sie?«
Berg blickte ins Holodisplay. »Ich filtere mal nach dem Namen. Ich glaube, ich habe ein paar entsprechende Einträge gesehen … ja, hier ist einer: ›… Varstrands Har hat Greg Cameron und die anderen zur Schulter des Riesen geflogen, weiß der Himmel weshalb, und seitdem hat niemand mehr von ihnen gehört.‹ Die Antwort lautet: ›Hier wimmelt es von Maschinen – wundert mich nicht‹, dann wird über die Flüchtlingslager südlich des Morwensees gesprochen …«
Theo seufzte und bemühte sich, den Sturm der Konflikte und der Wirrnis zu begreifen, der diese Welt heimgesucht und alle Gewissheiten über den Haufen geworfen hatte.
»Captain«, sagte er. »Können Sie mir sagen, wann die Invasion der Fanatiker begonnen hat?«
»Die Daten der Strahlungs – und Ionenanalyse deuten daraufhin, dass sie vor knapp zwei Tagen begann«, sagte Gideon.
»Die Brolturaner werden vermutlich nicht gerade erfreut über den Verlust eines solchen Raumschiffs sein, trotzdem ist von Verstärkung nichts zu sehen.«
»Vergeltungsmaßnahmen sind unausweichlich«, meinte Gideon. »Die Brolturaner und die Hegemonie planen wahrscheinlich schon eine Strafexpedition.«
»Klingt bedrohlich«, meinte Theo.
»Das ist es auch ‒ sämtliche Bewohner werden genetisch erfasst und getagt, für gewöhnlich mit elektronischen Fußfesseln, manchmal auch mit Halsbändern …«
»Verzeihen Sie, wenn ich störe«, sagte Berg. »Aber der Filter hat soeben eine Meldung zu Greg Cameron aussortiert. ›… habe die Passagiere aufgenommen, ja, und auch einen gefährlichen Typen, den Hünen. Er hat gemeint, Cameron sei mit der Fracht durchgekommen, das tröstet mich ein bisschen über das demolierte Luftschiff hinweg, ha!‹ Die Antwort lautet: ›Wann werden Sie zurück sein?‹ Und der Pilot: ›In etwa fünf Stunden, bei der Schleichfahrt, okay?‹«
Theo fasste neuen Mut. »Das war ein Zeppelinpilot, nicht wahr? ‒ Können Sie ihn anfunken?«
»Sollte machbar sein«, erwiderte Berg und tippte auf das Funkinterface des Holodisplays. Dann sagte er:
»Hallo, unidentifiziertes Luftschiff, hier ist Raumfahrzeug Sternenfeuer ‒ bitte melden Sie sich.«
»Sternenfeuer, wie? Nie gehört, also sind wohl eher Sie das Ufo, hab ich Recht? Also, hier ist der robuste, kundig geflogene Zeppelin Har. Wie sieht es bei Ihnen aus?«
Theo lachte auf. »Hey, Varstrand, Sie alter Schrauben-schlüsselschüttler ‒ kurven Sie immer noch mit diesem lecken Gasballon durch die Gegend?«
»Also, entweder ich hör nicht richtig, oder das ist die verrauschte Stimme von Theo Karlsson. Hab gehört, Sie wär’n nach Niwjesta geflogen. Sind Sie jetzt gekommen, um uns zu helfen?«
»Sie wissen gar nicht, wie wahr das ist. Aber erst mal möchte ich wissen, was mit meinem Neffen Greg ist ‒ ist er wohlauf?«
»Hmm, da bin ich mir nicht so sicher. Sie sollten vielleicht mal mit jemandem sprechen, der besser Bescheid weiß …« Es knisterte und knackte, dann meldete sich ein Mann mit russischem Akzent. »Hallo, Major Karlsson?«
»Ja – mit wem spreche ich?«
»Ich bin Alexandr Washutkin ‒ ich habe Greg als Letzter lebend gesehen.«
Theo schluckte beklommen. »Was genau ist passiert?«
»Ich kann nicht in die Einzelheiten gehen ‒ die Funkverbindung ist nicht besonders sicher. Ich weiß nur, dass er sich Zugang zu dem Gebäude der Brolturaner verschafft hat, während ich damit beschäftigt war, ein Rudel Kampfdroiden abzulenken. Ich musste flüchten und hab zum Glück ein Versteck gefunden, dann haben mich diese Jungs aufgelesen …«
»Ich verstehe«, sagte Theo, da fiel ihm etwas ein. »Mr. Washutkin, sind Sie der Washutkin, der in Sundstroms Kabinett saß?«
»Ja, Sir, der bin ich. Können Sie zum Hauerberg kommen? Dort haben wir einen Stützpunkt. Vielleicht kann ich Sie ja dazu bewegen, sich uns anzuschließen. Ihre Erfahrung wäre für uns von unschätzbarem Wert.«
Theo blickte Gideon an, der lächelnd nickte.
»Ja, Mr. Washutkin, das werde ich schon finden. Ich bringe ein paar Leute mit und freue mich darauf, Sie kennenzulernen. «
»Die Lage sieht schon etwas rosiger aus, Major! Bis bald.«
Die Verbindung brach ab.
»Offenbar gibt es organisierten Widerstand«, sagte Gideon. »Dieser Washutkin muss ein tüchtiger Bursche sein, wenn es ihm gelungen ist, einem Rudel Kampfmechas zu entkommen.«
Theo nickte und vergegenwärtigte sich, was der Russe über Greg gesagt hatte. Offenbar ging es um den verdammten Warpbrunnen. Wenn Greg es geschafft hatte, ihn unbeschadet zu erreichen, wo mochte er dann sein? Das Verschwinden Botschafter Horsts hatte sich seiner Erinnerung unauslöschlich eingebrannt.
Ach, Greg, mein Junge, dachte er. Worauf hast du dich da eingelassen?
Der Tote lag auf einem weißen OP-Tisch, der auf einem Balkon mit Ausblick auf die gestuften Terrassen des Gartens der Maschinen stand.
»Er wirkt so friedlich«, sagte Rosa, eine der größeren Varianten für militärische Verwendung. »Eigentlich ganz passend nach allem, was er durchgemacht hat.«
Das Konstrukt setzte den Autopsiescan fort. Die Entnahme der Blut – und Gewebeproben würde bald abgeschlossen sein, doch es stand nicht zu erwarten, dass deren Ergebnisse nach den Resonanzfeldscans zu neuen Erkenntnissen führen würden.
»Zahlreiche Stichverletzungen von Stacheln der Kleinen Xezri«, sagte es schließlich. »Bei jedem Stich werden 0,5 Milligramm eines Synapseninhibitors injiziert, der sämtliche Membranen durchdringt und alle Steuer – und Verteilungsfunktionen lähmt. Der Inhibitor wurde isoliert, und die Analyse lässt keine Hinweise auf eine Modifizierung erkennen.«
»Jemand muss einen Biocache der Vorvorläufer entdeckt haben«, sagte Rosa. »Vielleicht eine Hinterlassenschaft des Zarl-Imperiums. Darüber habe ich kürzlich etwas gelesen. «
»Dokumente zu den Zarl sollte man grundsätzlich mit Misstrauen begegnen«, entgegnete das Konstrukt. »Wie allen Daten, die älter sind als eine Million Jahre. Viele glaubwürdige Fehlinformationen gehen auf einen böswilligen Urheber zurück …«
Rosa straffte sich. »Du hast einen wichtigen Besucher. Ich entferne mich.«
»Das ist nicht nötig.«
»Ich glaube, meine Anwesenheit könnte kontraproduktiv sein.«
Rosa trat durch einen kleinen Nebeneingang. Kurz darauf öffnete sich seufzend der Balkoneingang, und jemand trat hindurch und nahm an der anderen Seite des C-Tisches Aufstellung.
»Er hat seinen Auftrag erfolgreich durchgeführt«, sagte das Konstrukt. »Er war tapfer, listenreich und entschlossen. Sie können stolz auf ihn sein.«
Robert Horst blickte auf den Toten nieder, auf seinen eigenen Körper und sein eigenes Gesicht.
»Ich weiß nicht, was ich denken soll«, sagte er. »Aber ich habe das Gefühl, einen Bruder verloren zu haben.« Er schloss die Augen und schüttelte den Kopf. »Was natürlich Unsinn ist.«
»Ihr Bewusstsein einem meiner Semiorganiker aufzuprägen, war die einfachste Möglichkeit, Ihre Fähigkeiten und Ihr Wissen für die Zyradin-Mission zu nutzen, eine Aufgabe von entscheidender Bedeutung, die nun erfolgreich abgeschlossen ist.«
»Ich gebe zu, dass ich dazu nicht imstande war, nachdem Sie mich aus dem Nischenuniversum gerettet hatten«, sagte Robert. »Aber ich habe trotzdem ein schlechtes Gewissen.«
»Soweit ich das beobachten konnte, ist Schuld eine niederdrückende Emotion. Außerdem war ich es, nicht Sie, der für den Einsatz dieses Lebewesens verantwortlich war.«
»Schuld ist mächtig«, entgegnete Robert düster. »Sie kann seltsame Dinge bewirken.«
»Ah, jetzt kommen wir zu Ihrer eigenen Mission in die Region Gottes«, sagte das Konstrukt. »Ich habe den kurzen Bericht gelesen, den Sie freundlicherweise für mich verfasst haben. Jetzt frage ich mich, ob Sie bereit sind, mir mündlich ausführlich Bericht zu erstatten und auf meine Einwürfe und Fragen einzugehen.«
Robert betrachtete das friedliche Gesicht des leblosen Körpers und holte tief Luft.
»Ja«, sagte er. »Ich bin bereit.«
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