
Hans Lebek
HELASTRILOGIE I
DIE GIER NACH REICHTUM
Science Fiction
© 2009
AAVAA Verlag UG (haftungsbeschränkt)
Quickborner Str. 78 – 80, 13439 Berlin
Alle Rechte vorbehalten
1. Auflage 2009
Cover: Grundlage ist das Bild
„Kurz vor Weltuntergang“
des Künstlers Karlheinz SMOLA
Printed in Germany
ISBN 978-3-941839-42-7
Alle Personen und Namen sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden Personen
sind zufällig und nicht beabsichtigt.
Prolog
Der Geröllhang begann tatsächlich zu rutschen. Es war unglaublich. Weit und breit war kein Anlass für diese Katastrophe zu erkennen. Aber gegen den strahlend blauen Julihimmel zeichnete sich eine deutliche Staubwolke ab, wie sie nur ein beginnender Bergrutsch größeren Ausmaßes verursachen konnte. Ein Teil, knapp unter dem Berggipfel des 3000 Meter hohen Ritterkopfes, hatte sich zu lösen begonnen.
In Peter Lander, und offensichtlich auch bei allen anderen Teilnehmern der Bergwanderung, stieg Panik auf. Eine blonde, etwas beleibtere Mitte-Fünfzigerin schrie hysterisch auf und ruderte wild mit den Armen in Richtung Staubwolke herum. Auch Sepp Hintermayer, der alte, erfahrene Bergführer stand diesem Phänomen ratlos gegenüber. Peter war der Letzte der Gruppe und noch ziemlich weit unten. Er sah sich verzweifelt nach einem Schutz um. Links von ihm waren noch die gewaltigen Eisreste des alten, bereits stark abgetauten Ausläufers des Diesbachgletschers schmutzig grau im Sonnenlicht glitzernd zu erkennen. Oberhalb und rechts von ihm nur Steine und Geröll. In seiner Angst entschied er sich kurzerhand für einen Sprint in Richtung Gletscherrest, so schnell es der schräge Hang überhaupt zuließ. Aus den Augenwinkeln heraus nahm er noch wahr, wie Sepp seiner Gruppe zubrüllte, nach rechts unten wegzulaufen und irgendwo Deckung zu suchen. Er sah auch noch, wie gerade diese zehnköpfige Gruppe schreiend unter den herabtosenden Geröll- und Gesteinsmassen lebendig begraben oder zerschmettert wurde.
Hinter ihm schlugen inzwischen ebenfalls mit lautem Getöse die ersten kleineren und mittleren Felsbrocken ein. Mit riesigen Sprüngen erreichte er die ersten Eisschichten, rutschte aus und fiel prompt hin. Dabei schlitterte er mehrere Meter talabwärts und schürfte sich die Hände auf. Sich wieder aufrappelnd, gelang es ihm, halb rutschend, halb springend noch mehrere Meter Boden gut zu machen, bevor auch ihn das Gros der Steinlawine einholte. Mit einem letzten, verzweifelten Sprung in eine kleine Eissenke erhoffte er sich die Rettung.
Kaum schlug er mit seinem Körper flach auf dem Eis auf, gab diese Stelle auch schon nach und er rutsche schräg nach unten.
>Es muss sich hier um eine verdeckte Gletscherspalte handeln<, ging es ihm in seiner Todesangst durch den Kopf.
Während des Abrutschens, es war schon fast ein Fallen, fragte er sich, wieso er diese blöde Gebirgswanderung überhaupt mitgemacht hatte, wo er doch für diese Art von Ausflügen gar nichts übrig hatte.
Es hatte Ende Juli begonnen und es war wieder einmal so weit gewesen. Der Sommerurlaub stand für die Familie Lander vor der Türe. Es war der Erste seit drei Jahren und wurde besonders von den beiden Kindern sehnlich erwartet. Diesmal sollte es nach Österreich in die Tauernregion gehen. Eine schöne Hotelanlage in der Nähe von Rauris mit Reithalle, Tennis- und Golfplatz war das Ziel.
Am Tag der Abreise, einem Freitag, war totale Hektik angesagt. Peter Lander, Sohn einer Amerikanerin und eines Franzosen, hatte gerade seinen 38. Geburtstag hinter sich und fühlte sich diesem Stress kaum mehr gewachsen. Da ging es seiner Frau, Ellen, schon besser. Mit ihren 37 Jahren fühlte sie sich, trotz einer 17 jähriger Ehe mit Peter, durchaus wohl. Beruflich hatte sie alles erreicht, was sie wollte. Als Architektin war sie sehr erfolgreich gewesen, und konnte während der Jahre, als ihre beiden Kinder klein waren, es sich sogar leisten, nur halbtags zu arbeiten, um so ausreichend Zeit für die Familie zu haben. Überhaupt ging es den Landers nicht schlecht. Peter, der in einem Transportunternehmen, welches seinem engsten Freund Georg gehörte, leitend tätig war, arbeitete sehr viel und verdiente auch zufriedenstellend. Seine langen Arbeitszeiten gaben so manchen Anlass für kleinere Ehestreitigkeiten, die bisher jedoch stets ganz glimpflich abgelaufen waren. Ihre gemeinsamen Hobbys, Tanzen, Golfspielen und die beiden Kinder verbanden sie bestens. Diese Kinder, Alexander, 16 Jahre alt, und Sabine, 15, waren ihr ganzer Stolz und Freude, auch wenn die beiden Racker sich so manches Mal zofften, dass das Haus wackelte.
Aber heute war einer der Tage, an denen Peter alles verfluchte. Der Wagen, ein Audi A 6 Allroad Diesel, schien für das Reisegepäck doch viel zu klein zu sein. Die frotzelnde Bemerkung Sabines, dass drei komplette Golfsätze nebst Taschen und Trolleys, schon mehr als die Hälfte des zur Verfügung stehenden Platzes einnehmen, war auch nicht gerade aufmunternd, wenn auch richtig. Der unverschämte Seitenhieb Alexanders, dass Papa seine Golfschläger eigentlich ruhig zu Hause lassen könnte, weil er ohnehin nur äußerst bescheiden spielen würde, brachte das Fass für Peter zum Überlaufen. Er tobte. Ellen und die Kinder konnten sich vor Lachen kaum noch zurückhalten. Letztendlich beruhigte er sich wieder und schaffte es auch, alles unterzubringen.
Endlich unterwegs begann auch für Peter der Urlaub. Neben ihm saß seine Ellen und las trotz des Geschaukels einer ihrer schmalzigen Beziehungskisten-Romane. Er war auch nach so vielen Jahren noch in seine Frau verliebt, selbst wenn man glaubte, alles an ihr zu kennen. Im Gegensatz zu ihm selbst hatte sie sich mit den Jahren kaum verändert. Sie war immer noch so schlank wie vor 15 Jahren, hatte eine kleine Nase, grüngraue Augen, dunkelblonde, lange Haare, und mit 175 Zentimeter Länge eine ideale Kleidungsgröße. Da hatte sich Peter schon deutlicher verändert. Er war zwar nicht übergewichtig, hatte aber inzwischen doch schon ein kleines Bäuchlein, und das, obwohl er kein Bier trank oder übermäßig viel aß, sondern ziemlich viel Sport trieb. Dunkle Haare umrandeten sein schmales, markantes Gesicht. Grübchen tauchten beim Lächeln auf und schienen auf ein ausgesprochen freundliches Wesen hinzudeuten, wenn da nicht die fast stechenden, blauen Augen gewesen wären. Sie hatten schon so manchen davor gewarnt, sich mit ihm anzulegen. Vom Intellekt her empfand er sich selbst als Durchschnittskost. Obwohl er ein Studium erfolgreich abgeschlossen hatte, hatte er es nie zu einer besonderen beruflichen Stellung gebracht und auch keine sonderlichen Vermögen anhäufen können und wollen. Er war nicht sehr ehrgeizig und galt als freundlicher, zurückhaltender Vorgesetzter, der nicht nach oben buckelte, und nicht nach unten trat. Sein größtes Kapital lag in seiner persönlichen, inneren Zufriedenheit. Und diese Zufriedenheit erfüllte ihn gerade in diesem Augenblick wieder übermächtig – trotz eines elenden Staus auf der A9.
Unterwegs übernachteten sie in einem kleinen bayrischen Ort, in dem es zwar nur maximal zwanzig Geschäfte gab, aber eines davon war, zur großen Freude seiner Kinder, ein Fast-Food-Lokal der bekanntesten Marke.
Am kommenden Vormittag hatten sie ihr Ferienziel endlich erreicht. Der schöne Anblick der umliegenden Bergwelt und auch der Hotelanlage entschädigte alle für die lange Anreise.
Nach dem Anmelden an der Hotelrezeption und dem Besichtigen ihrer Zimmer konnte Peter das gesamte Gepäck allein hoch schleppen, denn die so hilfreichen Kinder waren blitzschnell verschwunden. Ellen räumte die Sachen genüsslich ein. Immerhin wollten sie hier drei wunderschöne Wochen verleben und sie freute sich schon auf die Golfrunden mit Peter.
Der Vorteil dieser Hotelanlage war, dass die Kinder hier den ganzen Tag sich selbst überlassen bleiben konnten und trotzdem gut und sicher aufgehoben waren. Genau genommen empfand Ellen diese Ferien als Ferien von den Kindern. Nicht einmal Essen musste sie machen. Sie hatten Vollverpflegung gebucht.
Endlich Urlaub. Peter sah das immer ganz anders. Nach dem Urlaub war häufig seine Devise gewesen – endlich wieder arbeiten.
Den Nachmittag verbrachten sie mit der Besichtigung aller Einrichtungen und Geschäfte in der Anlage. Sie waren begeistert. Für ihr Golfgepäck mieteten sie zwei Schränke. Peter wäre am liebsten noch am Nachmittag auf die Runde gegangen, aber Ellen hielt ihn geschickt davon ab. Im Golfshop war gleich seine erste Frage, ob man als Hotelgast Abschlagzeiten vorbestellen muss. Dies wurde so freundlich und kategorisch verneint, dass sich bei Peter die Ansicht breitmachte, dass in den nächsten drei Wochen Golfrunden ohne den Druck durch zu viele Spieler möglich sein werden. Alexander und Sabine kamen aus dem Reitstall zurück und teilten ihren Eltern mit, dass tolle Pferde zur Verfügung stehen und sie bereits für die nächsten Tage alles klar gemacht hätten. Die Vorfreude auf die kommenden Tage wuchs ins Unendliche. So war es nicht verwunderlich, dass der Tag bei einem guten Abendessen mit anschließendem Gutenacht-Drink harmonisch endete.
Die Sonne schien durchs Fenster und weckte Peter und Ellen auf. Er sah blinzelnd auf das herrliche Alpenpanorama sowie die direkt vor dem Hotel liegende Golfanlage und ein warmes Gefühl durchströmte ihn. Die Kinder schliefen noch und Ellen wirbelte bereits im Bad herum. Wenn für ihn das Frühstück nicht so eine geliebte Mahlzeit gewesen wäre, hätten ihn keine zehn Pferde mehr halten können und er wäre auf die Golfanlage gestürmt. Sie sah so verlockend aus. So aber wartete er, bis er ins Bad konnte, und fand sich damit ab, erst nach einem geruhsamen Frühstück auf den Platz zu kommen.
Endlich war es so weit. Das Frühstück hatten sie hinter sich, die Kinder waren unterwegs in den Reitstall und die Golfrunde war im Golfshop angemeldet. Schnell marschierten sie zum ersten Abschlag.
Als Peter gerade seinen ersten Ball schlagen wollte, hörte er hinter sich eine aufgeregte, tiefe Stimme:
„Warten´s noch etwas! Bitte warten´s noch!“
Peter drehte sich erstaunt um. Er sah einen mittelgroßen, braun gebrannten, stämmigen Mann mit einer roten Golftragetasche auf sich zukommen. Als er näher heran war, konnte er auch noch ausmachen, dass dieser Golfer so gar nicht golfmäßig gekleidet war. Er trug eine halblange Lederhose mit Hosenträger über einem rot karierten Hemd, graue, lange Wollstrümpfe und eine gamsbartverzierte Mütze. Nur die Schuhe waren auf das Golfspiel abgestimmt. Die Schläger in seinem Bag waren ebenfalls sehr ungewöhnlich. In Peters und Ellens Bag gab es nur modernste Schläger. In der Tasche des Mannes steckten jedoch ausgesprochen abgespielte Eisen und Hölzer.
„Entschuldigen Sie bitte die Störung. Darf ich mit Ihnen mitgehen? Allein ist´s halt doch nicht so schön.“
Weder Peter noch Ellen hatten grundsätzlich etwas gegen andere Mitspieler einzuwenden. Im Gegenteil. Sie fanden, dass gerade dies eine der wesentlichen, positiven Seiten des Golfens darstellte, denn fremde Menschen vermitteln neue, andere Eindrücke. Und bei welchem Sport kann man sich besser unterhalten, als bei diesem Spiel. Speziell heute freuten sie sich sogar ganz besonders auf den Mitspieler. Zum einen sah er zu originell aus, zum anderen machte er sofort einen ausgesprochen sympathischen Eindruck.
„Aber gerne“, rief Ellen ihm entgegen, „zu dritt macht’s wirklich mehr Spaß.“
„Darf ich mich vorstellen. Ich bin der Hintermayer Sepp.“ Er streckte dabei seine knorrige Hand Richtung Ellen aus. Sie gab ihm ihre und antwortete:
„Und ich bin Ellen Landers.“
Zum größten Staunen von Ellen und Peter gab ihr Sepp einen formvollendeten Handkuss. Das hatte sie noch nicht erlebt. Ellen errötete doch tatsächlich etwas, obwohl Sepp beim besten Willen nicht mehr der Jüngste war, stellte Peter, innerlich schmunzelnd fest. Er schätzte ihn auf gute 60 Jahre.
Anschließend wandte sich Sepp ihm zu und hielt diesem seine braun gebrannte, kräftige Hand hin. Es blieb ihm gar nichts anderes übrig, als diese ebenfalls zu schütteln und ein „Peter“ zu murmeln.
Peter konnte sich einfach nicht von diesem Anblick losreißen und den Mund nicht mehr schließen. Bei einem einheimischen Schrammelabend hätte er sich diesen Sepp sehr gut vorstellen können. Aber hier beim Golf?
Nein, beim besten Willen nicht.
Endlich bekam er sich wieder in den Griff. Der Mund klappte zu und er zwinkerte Sepp zu:
„Sie sind hier bestimmt zu Hause? Darf ich Ihnen dann die Ehre des ersten Abschlags überlassen.“
„Ja, das ist hier mein Heimatplatz. Haben Sie hier schon einmal gespielt?“
„Nein“, lachte Peter freundlich auf, „wir sind erst gestern hier in der Hotelanlage angekommen.“
„Na, dann woll´n wir a´mal“, meinte Sepp und bückte sich auf dem ersten Abschlag um seinen Ball passend hinzulegen.
Der knorrige Alte nahm seinen Driver, einen alten Holzschläger, aus dem Bag und machte einen lässigen Probeschwung. Bereits hier waren sich Ellen und Peter nicht mehr so sicher, dass sie hier einen Nichtgolfer vor sich hatten. Was dann folgte, war für die beiden dann doch ein gelinder Schock. Das Unikum schwang ganz locker den Schläger und schlug den Ball so mir nichts dir nichts kerzengerade über 200 Meter weit. Spätestens jetzt wussten beide, dass sie hier einen Könner als Mitspieler hatten. Peter malte sich bereits aus, dass er eine Menge dazulernen konnte, wenn er Sepp nur ganz genau beobachten würde.
„Welches Handicap haben Sie, Sepp, wenn ich fragen darf?“, näherte sich Peter dem alten Mann.
„8, leider nur noch 8. Es war schon mal auf 0 unten. Aber man wird halt älter“, schmunzelte dieser. Er genoss die Verblüffung der Beiden offensichtlich.
„Dann können wir ja noch eine Menge dazulernen, speziell ich mit meinem 24er Handicap“, entgegnete Peter, „sind Sie etwa Golf-Lehrer oder so etwas Ähnliches?“
„Nö, war ich auch nie. Ich bin hier Bergführer. Aber Golf hier in den Bergen, und das werden Sie auf dieser Runde noch deutlich genug merken, ist wie Bergsteigen in Verbindung mit Ball spielen.“
Peter war nach dieser mehr als vierstündigen Golfrunde körperlich so matt wie schon lange nicht mehr. Immer bergauf und bergab. Das musste einen Flachlandspieler einfach fertigmachen. Nach dem Spiel lud Sepp Ellen und Peter noch zu einem Drink an der Golfbar „Loch 19“ ein.
Sie setzten sich auf die Terrasse und genossen den traumhaften Panoramablick auf den schneebedeckten Groß Glockner und das Tauerngebirge.
„Na, wie hat euch unser Platz gefallen?“, fragte Sepp, und sah dabei ganz gezielt Ellen an.
„Toll. Aber speziell wegen der großen Höhenunterschiede ist er auch ganz schön schwierig. Ich bin total kaputt. Meine Füße tun dermaßen weh, dass ich morgen wohl kaum auf die Runde werde gehen können“, resümierte Ellen.
Peter sah sie ganz entgeistert an und meinte etwas eingeschnappt:
„Allein hab ich aber keine Lust auf die Runde zu gehen. Vielleicht bist du morgen wieder fit?!“
„Ich glaube, da kann ich Ihnen einen ganz interessanten Vorschlag machen“, wandte Sepp ein, offensichtlich von der Absicht beseelt, die leichte Missstimmung gleich im Ansatz zu unterbinden.
„Ja – welchen?“, ging Peter sofort auf diese Offerte ein, in der Hoffnung, dass er ihm eine erneute Golfrunde vorschlug.
„Seht Ihr dort hinten das riesige Bergmassiv?“ Sepp zeigte dabei mit seinem knorrigen Zeigefinger auf das Tauerngebirge. „Dort oben liegt ein Gebiet, von dem man sagen kann, dass es größtenteils wohl noch nie von einem Menschen betreten wurde.“
„So ein Unsinn“, konterte Ellen mit den Wimpern zuckend, „es dürfte in Westeuropa mit ziemlicher Sicherheit kein noch so kleines Gebiet geben, welches nicht schon zigmal von irgendwelchen Menschen betreten und belatscht wurde.“
„Nö, nö. Hier liegt der Fall anders. Seht ihr dort oben links, ein gutes Stück unter den Gipfeln die hell schimmernde Lücke? Es handelt sich dabei um einen bereits kräftig abgetauten Gletscher. Es ist ein Nebenarm des Diesbachgletschers. Bis vor fünfundzwanzig Jahren war er noch etwa 50 Meter höher und bedeckte den gesamten riesigen Hochsattel. Man konnte diesen Gletscher wegen der unzähligen gefährlichen Spalten und Risse nicht betreten, davon mal abgesehen, dass das sowieso nicht interessant war. Jetzt, wo er fast verschwunden ist, gibt er wieder den Boden frei, sodass er auch begangen werden kann. Nur dort oben kommt man eben nicht so ohne Weiteres hin.“ An dieser Stelle stoppte Sepp seine Rede, offensichtlich um etwas Spannung aufzubauen.
„Wieso konnte der Gletscher in so kurzer Zeit so stark abtauen?“, interessierte sich Peter.
„Vermutlich wegen der zunehmenden Erderwärmung allgemein, obwohl das auch nicht bewiesen ist. Aber Fakt ist es jedenfalls, dass er nun fast weg ist und man jetzt sehen kann, was er so alles hergibt“, antwortete Sepp feurig.
„Ah, Sie denken dabei an einen solchen Fund wie damals vor etlichen Jahren. Dieser „Ötzi“ in den Ötztaler Bergen war doch eine Sensation? Oder was sonst?“, hinterfragte Peter sofort.
Er dachte dabei an den noch gänzlich erhaltenen, circa 5000 Jahre alten Mann, der auf dem 3000 Meter hohen Similaungletscher auf italienischer Seite entdeckt wurde und jetzt in einem eigens dafür gebauten Museum ausgestellt wurde. Die Österreicher waren seinerzeit sehr neidisch auf die Italiener und suchten seitdem in allen ihren Gletschern nach weiteren fossilen und mumifizierten ehemaligen Lebewesen.
„Ja, genau. Man kann dorthin allerdings nur mit ortskundigen, erfahrenen Führern gelangen. Sonst ist es zu gefährlich. Morgen nun habe ich eine Führung genau in dieses Gebiet. Neun Geologen aus Frankreich wollen dort rauf – und ich soll sie rauf schaffen. Deshalb lade ich Sie ein, mitzukommen. Na, ist das ein guter Vorschlag?“, wandte sich Sepp an Peter.
Der schaute abschätzend in die Richtung, die da bezwungen werden sollte. Ganz schön weit weg und weit oben. Er schaukelte seinen Kopf hin und her. Diese Skepsis bemerkte Sepp sehr wohl und konnte sie auch genau einordnen:
„Es sieht anstrengender aus, als es ist. Ich kann Sie um 8.00 Uhr hier abholen. Dann fahren wir in das Massiv hinein, bis zur Staiger Alm. Das ist bereits mehr als die Hälfte des Weges und ungefähr auf halber Höhe, zwischen dem Schafkarkogel und dem Edlenkopf. Dort warten auch die Geo´s. Von da ab geht’s dann nur noch zu Fuß weiter. Der Weg allerdings ist weniger steil, als man gemeinhin annehmen könnte, denn es handelt sich ja immerhin um eine uralte Auswaschungsschräge des Gletschers. Das Ziel liegt an der obersten Sattelkuppe, direkt über dem Gletscherrest. Dort oben, gleich unter dem großen Gipfel, dem Ritterkopf. Also, eine Bergsteigerausrüstung ist nicht erforderlich, nur gutes Schuhwerk und warme Kleidung – und ´ne Brotzeit“.
„Hhmm…, geeignete Schuhe“, grübelte Peter, bereits halb überzeugt, den Ausflug mitzumachen. Grundsätzlich hielt er nicht sehr viel vom Bergkraxeln. Aber so wie Sepp ihm das beschrieben hatte, ging es hier um keine Kletterei, sondern um eine Wanderung in Schräglage mit interessanten Leuten in ein jungfräuliches Gebiet. „Könnten meine Golfschuhe mit Softstollen geeignetes Schuhwerk darstellen?“
„Aber ja, die sind nahezu ideal. Sie sind nicht zu hart beim Laufen, geben aber trotzdem besten Halt wegen der Stollen. Ich verwette meinen Hut, dass bei der Gruppe morgen mindestens die Hälfte der Teilnehmer normale Sporttreter anhaben – oder sogar mit Straßenschuhen gelaufen kommen, obwohl sie das bei ihrer Ausbildung anders gelernt haben müssten. Das geht zur Not auch, aber nach der Tour, sind die Füße dieser Kandidaten wund gelaufen. Wichtig wäre noch, einen dicken Parka oder Ähnliches anzuziehen. Dort oben wird es trotz Sonne unter Umständen empfindlich kalt sein. Und ein gutes Jausenbrot und eine volle Getränkeflasche müssen auch dabei sein. Aber das brauche ich einem Golfspieler ja wohl nicht zu sagen. Also, woll´n wir?“, dabei schaute er Peter fragend und hoffend an.
Peter überlegte, warum Sepp ihm dieses doch wirklich sehr freundliche Angebot machte. Bestimmt war ihm die Geologen-Gruppe zu langweilig. Mit einem Menschen, der das gleiche Hobby hat, lässt es sich besser unterhalten, sinnierte Peter. Innerlich war er bereits Feuer und Flamme für diesen Ausflug. Trotzdem fragte er noch:
„Wann könnten wir wieder zurück sein?“
„Na – abends wird’s schon werden. Die Geologen wollen dort oben irgendwelche Messungen machen. Das kann ein paar Stunden dauern. In dieser Zeit muss ich in der Nähe der Gruppe bleiben. Das gehört zu meiner Verantwortung. Aber wir können dann eine schöne Pause machen und uns genüsslich unterhalten.“
„Was meinst du, kann ich mit rauf, oder bist du sauer, wenn ich dich allein hier lasse“, fragte Peter sicherheitshalber noch Ellen.
„Keine Spur. Ich bin eh fix und fertig und freue mich darauf, morgen einmal richtig auszuspannen und nichts zu tun. Klettere du ruhig da oben herum. Ich werde an dich denken und dabei einen schönen Cocktail schlürfen“, erwiderte Ellen und lächelte dabei Peter an. Es war ganz offensichtlich, dass sie sich aufrichtig freute, dass sie am nächsten Tag ausspannen konnte und ihr Schatz sich trotzdem aktiv betätigen konnte. Wäre er im Hotel geblieben, hätte es ihn doch spätestens mittags wieder gejuckt und er hätte versucht, sie zu überzeugen, doch eine Golfrunde zu drehen.
So wurde also diese Verabredung festgemacht. Alle Beteiligten waren danach sehr zufrieden, stießen vergnügt mit einem kleinen Willi an und sprachen sich ab diesem Zeitpunkt mit dem Vornamen an und Sepp verabschiedete sich hocherfreut.
Der Rest des Tages wurde mit faulenzen verbracht. Abends kamen die Kinder von ihren Abenteuern zurück und schnatterten ununterbrochen. Auch sie waren auf ihre Kosten gekommen. Nach dem Abendessen fielen alle gesättigt, glücklich und erwartungsfroh in ihre Betten. Sogar die gewohnten Reibereien zwischen den Kindern blieben aus.
Der nächste Morgen zeigte auch um sieben Uhr bereits seinen strahlend blauen Himmel. Ellen und die Kinder schliefen noch, als Peter sich leise aus dem Bett schwang. Schnell wusch und kämmte er sich, zog sich an und flitzte in den Frühstücksraum zum Essen und Proviant fassen. Kurz vor acht Uhr schlich er sich nochmals nach oben ins Schlafzimmer, um sich von seinen Kindern und seiner Ellen zu verabschieden. Die Kinder schliefen immer noch. Nur Ellen gähnte mit verschlafenen Augen und schaute ihn vorwurfsvoll an. Er hatte sie offensichtlich aus dem Schlaf gerissen.
„Pass´ gut auf dich auf und schone dich, sonst bist du morgen untauglich zum Golfspielen“, frotzelte Ellen trotzdem scherzhaft hinter ihm her. Er drehte sich noch mal um, winkte kurz und lief vergnügt nach unten ins Foyer.
Sepp stand bereits im Eingang und rief ihm entgegen:
„Guten Morgen. Ausgeschlafen? Hast genug zum Futtern und Trinken mit? Alles klar? Dann komm, es wird Zeit!“
„Morg´n, Sepp. So viele Fragen auf einmal. Aber es ist alles klar. Wir können sofort los“. Peter musste lachen.
Sie stiegen in Sepps Landrover und brausten davon.
Zuerst fuhren sie die schmale Straße ins Tal hinab, um dann auf der anderen Seite des lang gestreckten Tales wieder auf einer serpentinenreichen Strecke stetig bergauf in Richtung Tauerngebirge zu fahren. Die Straße, welche zu Anfang noch gut ausgebaut und asphaltiert war, änderte mit jedem Kilometer zunehmend ihre Beschaffenheit. Sie wurde enger, ging langsam in einen Schotterweg über und war zuletzt nur noch ein steiler Bergweg. Peter wagte nicht nach links zu sehen, so steil fiel neben der Straße der Berghang ab. Er atmete tief durch, als sie endlich am Ende des Weges bei einer alten Almhütte ankamen.
„So, das ist die Staiger Alm. Weiter können wir nicht mehr fahren. Da sitzen ja schon unsere Geologen“, schmunzelte Sepp.
Und richtig. Eine Gruppe von sieben Männern und zwei Frauen saß auf einer Bank vor der Hütte. Sie schwatzten munter und gestenreich miteinander. Peter sah auf den ersten Blick, dass Sepp seine Klientel recht gut kannte. Die beiden Frauen und ein Mann hatten tatsächlich ganz normale Sportschuhe an. Peter fragte sich, was Geologen bei ihrer Ausbildung an der Universität wohl lernen würden. Er schüttelte missbilligend den Kopf und flüsterte Sepp zu:
„Du hattest gestern recht. Das Schuhwerk ist teilweise ein Witz.“
Sepp zuckte mit den Schultern und meinte lachend:
„Meine Füße sind’s ja nicht. Und so schwierig ist der Aufstieg ja Gott sei Dank auch nicht.“
Er wandte sich der Gruppe zu, begrüßte sie und stellte Peter kurz als Begleiter vor. Inzwischen war es bereits neun Uhr. Sepp drängte die Geologen zum Aufbruch. Jeder von ihnen hatte einen vollgepackten Rucksack, den sie jetzt aufnahmen. Nur zu gut waren in den Rucksäcken die diversen geologischen Werkzeuge zu erkennen. Einer der Männer hatte neben einem Klappspaten noch eine Hacke bei sich. Gekleidet waren sie alle nur geringfügig dicker als Sommerfrischler. Hier an der Almhütte im strahlenden Sonnenschein war es ja auch noch ganz erträglich. Die Sonne wärmte sogar um diese frühe Tageszeit bereits beachtlich. Aber als Peter nach oben sah, dorthin, wohin die Bergwanderung gehen sollte, war er überzeugt davon, dass einige der Teilnehmer dieser Tour noch ganz erbärmlich zu frieren beginnen würden. Es ging immerhin auf 2900 Meter hoch. Vielleicht befand sich in den Rucksäcken doch noch so manch ein Kleidungsstück.
Es ging los. Sepp marschierte laut anweisend vorne weg, dahinter die beiden Damen, dann die Männer und am Schluss Peter. Sepp hatte Peter noch im Wagen gebeten, aus Sicherheitsgründen die Nachhut zu bilden. Allzu großes Vertrauen schien Sepp zu den Geologen nicht zu haben. Zu Peter scheinbar schon. Was so eine Runde Golf doch alles ausmachen konnte.
Nach einer halben Stunde wurde die Landschaft immer karger. Sepp erklärte, dass diese besondere Kargheit eine Folge des Abtauens eines bis vor ein paar Jahren hier noch befindlichen Gletschers war. Dieser hatte im Laufe der Jahrtausende alle Vegetation auf ein Minimum reduziert und es wird wohl wieder mehrere Jahre dauern, bis sich Pflanzen dauerhaft werden durchsetzen können.
Inzwischen erreichte die Gruppe bereits das Gebiet, wo zur Linken der Rest des Gletschers auftauchte. Der Aufstieg war doch offensichtlich für alle ziemlich beschwerlich und die Reihenfolgen und Abstände in der Gruppe hatten sich kontinuierlich verändert. Waren sie zu Beginn noch, schwatzend und scherzend, flott losgelaufen, so schwiegen jetzt alle und schnauften und stöhnten. Auch Peter fühlte die Anstrengung ganz deutlich. Lediglich der traumhafte Panoramablick zu den verschiedenen Alpenspitzen und in die Täler entschädigte ihn für die Mühe. Die Häuser dort tief unten liegend waren bereits ganz klein, wie Spielzeug. Bei diesem Anblick kam ihm ein Lied von Reinhard Mey in den Sinn: >über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein ......<
Er war glücklich.
Der kleine Zeiger der Uhr näherte sich bereits der Elf. Sie waren jetzt sogar schon auf der Höhe des Gletscherrests. Peter sah nach oben und bekam große Augen. Es staubte dort, als wenn es sich um ein Schneegestöber handeln würde. Nur es gab dort oben in diesem Bereich weit und breit keinen Schnee. Auch Sepp schien das Phänomen gesehen zu haben. Er blieb stehen, hob die Hand und schüttelte den Kopf.
Das konnte doch nicht sein, das gab es doch gar nicht.
Der Geröllhang über ihnen begann tatsächlich zu rutschen ...
Die Bergwacht wurde um 11.04 Uhr von Alois Schwaiger, dem Besitzer der Schwaiger Alm von dem ungewöhnlichen Bergrutsch ganz oben auf dem Ritterkopf verständigt. Erst nach dem Hinweis, dass gegen neun Uhr eine Geologengruppe mit Sepp Hintermayer genau in dieses Gebiet losmarschiert war, wurde der Leiter der Bergwacht hellhörig. Nach einigem Hin und Her ahnte er, dass sich hier eine menschliche Tragödie abgespielt haben könnte oder immer noch abspielte.
Er rief die höchste Alarmstufe aus und schickte Polizei, Sanitäter und alle freien Kräfte der Bergwacht los, um die Gruppe zu suchen und, wenn erforderlich, Hilfe zu leisten. Auch verfluchte er zum x-ten Male, dass es immer noch kein Gesetz gab, welches Bergführer verpflichtete, ein Funkgerät oder Funktelefon bei gewerblichen Führungen mitzuführen. Selbst wenn diesmal alles gut ausging und sich dieser Einsatz als unnötig herausstellen sollte, würde er so viel Aufhebens darum machen, dass endlich diese Vorschrift durchgesetzt werden würde.
Ellen kuschelte sich wohlig auf einer Sonnenliege und genoss die Ruhe. Sie hatte sich gut gegen die intensive Sonnenbestrahlung eingecremt. Die Kinder waren schon über eine Stunde beim Reiten. Es war kurz nach elf Uhr. Sie überlegte gerade, ob sie mal kurz in die Fluten des Swimmingpools springen sollte, als sie von Ferne die Sirenen von Polizei und Feuerwehr ganz leise, aber in dieser Stille trotzdem äußerst intensiv hörte. Ganz gemächlich stand sie auf und warf einen Blick in die Richtung des störenden Geräusches, konnte aber nichts entdecken. Die Schultern zuckend, sprang sie in die Fluten des Pools. Das Wasser war herrlich erfrischend. Als sie sich gerade mit beiden Armen über den Beckenrand stemmte, hörte sie schon wieder von weit her schrilles Sirenengeheul. Und zu allem Übel knatterten jetzt auch noch in der Ferne die Rotorblätter eines Hubschraubers. >Da muss irgendwo irgendetwas Gewaltiges passiert sein<, dachte sie und blickte dabei in die Richtung, wo der Hubschrauber soeben über den Berggipfeln auftauchte.
„Hhmm.., das ist ja ungefähr die Ecke, wo Peter heute herumkraxelt“, murmelte sie im Selbstgespräch, „na – vielleicht weiß er heute Abend, was da los war.“
Sie warf sich wieder auf die Liege, schnappte ihr Buch und las, ohne weiter darüber nachzudenken, weiter.
Peter fiel, oder genauer gesagt glitt immer noch schräg nach unten, immer tiefer in die Gletscherspalte hinein. Zu seinem Glück war diese Spalte so schräg, dass das Rutschen so langsam vor sich ging, dass er schlimmstenfalls lediglich Schürfwunden davontragen würde. Anhalten konnte er nicht, egal wie er es auch anstellte, denn die Wände waren kalt, feucht und vor allem glatt. Seine panikartige Angst senkte sich etwas, als er merkte, oder vielmehr spürte, dass augenblicklich keine akute Lebensgefahr bestand. Über sich hörte er wiederholtes Poltern und Knallen. >Das müssen verschiedene Felsbrocken sein, die auf den Gletscherrest auftreffen<, dachte er bei sich.
„Scheinbar hab ich einen Mordsdusel gehabt, gerade in diese Spalte zu fallen“, überlegte er laut weiter.
Er griff immer wieder mit beiden Händen in die Wände der Spalte, um sich irgendwie festzuhalten. Beide Arme waren nach oben gestreckt. Er versuchte sie nach unten zu bekommen, aber es klappte nicht, da kaum Platz zum Bewegen war. Nur zum weiteren Abwärtsrutschen reichte es. Plötzlich hörte er hoch über sich wieder einen dumpfen Knall. Das Geräusch war ungefähr so, als wenn ein größerer Felsbrocken auf dickes Eis fällt. Und im Anschluss hörte er, ein immer lauter werdendes polterndes Rauschen.
„Mist!“, brüllte er, und da war der Stein auch schon wie ein Geschoss ganz knapp an ihm vorbei gerauscht.
Angstschweiß trat ihm auf die Stirne. Hatte er sich eben noch für sicher gehalten, was den verheerenden Steinschlag über ihm anging, so war diese trügerische Sicherheit jetzt wie weggewischt. Die Hände versuchte er nun nicht mehr nach unten zu bekommen, stellten sie doch eine Art Schutzschild dar, falls noch einige Brocken angesaust kamen.
Kaum dass sich sein Puls wieder beruhigte, kam für ihn der nächste Schock. Das Gleiten wurde immer langsamer und die Spalte immer enger. Er hatte allmählich Bedenken, dass er eingeklemmt und bewegungsunfähig stecken bleiben könnte. Das hätte dann einen qualvollen Tod durch Erfrieren zur Folge, sofern er nicht schnell genug gefunden wurde. Und ob ihn hier jemand suchen und gar finden würde, war mehr als ungewiss. Er war, schätzte er, mindestens 20 bis 30 Meter tief in die Spalte gerutscht und es war bitterkalt und sehr dunkel geworden. Gott sei Dank, dass er den Rat von Sepp befolgt und warme, dicke Kleidung angezogen hatte.
Jetzt steckte er, an den Oberschenkeln eingeklemmt, fest. Das ferne Poltern oberhalb hatte inzwischen aufgehört. So sehr er auch versuchte, die Arme nach unten zu ziehen, es gelang ihm nicht. Seine Versuche, mit den Füßen an der Wand Vorsprünge zu finden, damit er aus eigener Kraft seine Position ändern konnte, schlugen fehl. Er konnte mit seinen Beinen keine Wand erspüren.
Als er das bemerkte, durchzuckte ihn wiederum ein höllischer Schreck. Waren seine Beine taub oder gelähmt, oder war unter ihm ein Abgrund? Sehen konnte er nichts - nur über ihm schimmerte es etwas hellgrau. Er verhielt sich erst einmal ganz ruhig und versuchte zu überlegen. Wenn er die Füße gegeneinander schlagen würde, und zwar kräftig, müsste er den Schmerz spüren, und konnte dann auch nicht gelähmt oder irgendetwas Ähnliches sein.
Gedacht, getan. Er spreizte weit die Beine und schlug sie, wie bei einem militärischen Gruß, heftig gegeneinander.
„Au! Verdammt!“, brüllte er.
Es hatte eindeutig Schmerzen bereitet – und zugleich sackte er um mindestens 30 Zentimeter weiter nach unten. Jetzt hing er mit seinem Hinterteil fest.
>Nach unten? – Was befand sich unter ihm? Oder besser gefragt, wie viel befand sich nicht unter ihm? Drei bis vier Meter freien Fall konnte man unverletzt überstehen – aber mehr?< ging es ihm entsetzt durch den Kopf. Er überlegte weiter:
>Wenn ich mich zu stark bewege, falle ich in einen dunklen, unbekannten und eventuell tiefen Raum – auf der anderen Seite, wenn ich mich nicht bewege und keiner findet mich, was ja wahrscheinlich ist, erfriere ich hier erbärmlich. Außerdem muss ich davon ausgehen, dass durch meine Körperwärme und meinen Gewichtsverlust ich ohnehin demnächst aus der Spalte herausfallen werde. Also ist es besser, wenn ich das jetzt sofort bewusst forciere. Jetzt hab ich noch Kraft und bin warm<.
Zu diesem Entschluss gekommen, setzte er ihn auch sofort in die Tat um. Er wackelte mit allem, was ihm zur Verfügung stand, holte tief Luft und atmete noch tiefer aus, und plötzlich rutsche er wieder ein paar Zentimeter tiefer. Dies wiederholte er mehrmals, bis es schlagartig einen Ruck gab, und er den Halt verlor. Jetzt war er nicht mehr festgeklemmt. Dafür fiel er aber senkrecht nach unten, wenn auch nur kurze Zeit, und schlug so heftig auf dem Boden auf, dass ihm die Sinne schwanden und er bewusstlos liegen blieb.
Die ersten Rettungsmannschaften und einige Bewohner des Dorfes Bucheben kamen gegen 13.35 Uhr am Rande des Geröllhanges an. Der Hubschrauber hatte bereits mehrere Runden über dem ausgedehnten Bergrutschgebiet gedreht, aber nirgends Lebenszeichen entdecken können. Er fand die vermisste Geologengruppe auch nicht, obwohl er wiederholt lautstark über Außenlautsprecher die Gruppe um Sepp aufforderte, sich zu zeigen. Schnell verdichtete sich der Verdacht zur Gewissheit, dass eine Katastrophe passiert sein musste.
Es war allen ein Rätsel, was diesen gigantischen Bergrutsch in dieser Höhe ausgelöst haben könnte. Auch erschien es den Meisten als ein reines Wunder, dass die Gesteinsmassen nicht bis ins Tal gestürzt waren, sondern auf dem Hochsattel gebremst worden und dort liegen geblieben waren.
Die Suche begann. Zuerst suchten nur Menschen mit Schaufeln, Hacken und Stangen, später kamen dann noch Suchhunde hinzu.
Kurz vor 15.00 Uhr wurde der erste Schuh gefunden. Es war ein Damensportschuh. Bereits eine halbe Stunde danach wurde die Besitzerin entdeckt. Die Rettungsmannschaften waren sich schnell einig, dass es sich um einen schrecklichen Tod gehandelt haben musste. Nach und nach bis 18.00 Uhr wurden dann auch die restlichen Teilnehmer der Bergtour gefunden. Eine Frau mit blonden Haaren und ein Mann, mit einer langen Lederhose und einer dicken, sehr festen Bergjacke bekleidet, lebten noch, wenn auch schwer verletzt. Die Frau verstarb noch im Hubschrauber auf dem Weg ins Krankenhaus. Bei dem Mann handelte es sich um Sepp Hintermayer, wie ein einheimisches Mitglied der Bergwacht sofort erkannte. Er kam umgehend auf die Intensivstation des Kreiskrankenhauses.
Die Suche wurde abgebrochen, da nach der Meldeliste alle Teilnehmer und Sepp, wenn auch tot oder schwer verletzt, gefunden worden waren. An Peter dachte keiner, da niemand wusste, dass er kurzfristig und inoffiziell an der Wanderung teilgenommen hatte.
Ellen hatte nur eine Kleinigkeit zu Mittag gegessen und danach einen ausgiebigen Gesundheitsschlaf gemacht. Am Nachmittag trank sie etwas Kaffee und naschte ein Stück leckeren Himbeerkuchen. Die Sirenen und den Hubschrauber hatte sie längst vergessen, obwohl er an diesem Tag immer wieder über dem Tauerngebirge zu sehen war.
Nachmittags ging sie mit den Kindern baden und spielte anschließend mit ihnen eine Runde Skat. Auf die Frage der Kinder, wann Papa denn wieder zurückkäme, antwortete sie nur:
„Ihr kennt doch Papa. Wenn der mal so ein Abenteuer mitmacht, dann bis zum Schluss. Also schätze ich, dass er frühestens zum Abendbrot, so gegen 19.00 Uhr zurückkommt.“
Damit gaben sich die Kinder zufrieden – und keiner dachte mehr daran.
Als Peter allerdings nach dem Abendbrot immer noch nicht erschien, fing Ellen an, sich doch Sorgen zu machen. Sie ging zur Rezeption und fragte die Empfangsdame, ob ihr Mann eine Nachricht hinterlassen oder sich gemeldet hätte.
„Wo soll denn Ihr Mann sein, gnä´ Frau?“, fragte die junge Dame hinter dem Tresen zerstreut.
„Na – er ist mit dem Sepp Hintermayer und irgend so einer Geologengruppe zu irgendeinem alten, fast abgetauten Gletscher gewandert. Eigentlich wollte er spätestens um 19.00 Uhr wieder hier sein. Und jetzt ist es schon nach 20.00 Uhr. Ich mach mir Sorgen“, stellte Ellen unruhig fest.
Sie sah erstaunt die Empfangsdame an, weil diese plötzlich ganz blass wurde und zu stottern anfing:
„Wie, was hab´n Sie gesagt? Was ...? Wo ist Ihr Mann, Frau Lander?“
Sie wartete Ellens Antwort gar nicht ab, sondern redete gleich weiter:
„Haben Sie gesagt, dass er mit dem Hintermayer Seppl heute unterwegs war? Das kann doch nicht sein?“
„Was ist los“, brüllte Ellen die Frau an. Sie bekam es jetzt plötzlich mit der Angst zu tun. „Was ist los?“, wiederholte sie nochmals.
„Chefin, Chefin. Kommen´s mal ganz schnell!“, rief die völlig verstörte Empfangsdame in Richtung Büroraum, der gleich hinter dem Tresen lag.
Die Chefin und Eigentümerin der Hotelanlage, Frau Obermoser, kam flugs herbei und spürte augenblicklich, dass etwas ganz Besonderes vorgefallen sein musste. So aufgelöst hatte sie Marie, ihre Empfangsdame noch nie erlebt.
„Chefin, der Herr Lander, der Herr Peter Lander war heute mit dem Seppl drüben aufm Gletscher“, flüsterte sie ihrer Chefin zu und nickte mit dem Kopf in Richtung Ellen.
Ellen hielt es fast nicht mehr auf den Beinen. Es musste mit Peter und scheinbar auch mit Sepp etwas passiert sein. Ihr wurde schlecht. Sie hörte in ihrem Kopf plötzlich wieder die Sirenen und das penetrante Geräusch der Rotorblätter vom Tag.
„Was ist passiert. Ich will jetzt sofort wissen, was los ist?“, schrie sie schon fast hysterisch.
„Ja haben Sie denn heute noch nicht gehört, dass drüben im Massiv ein riesiger Erdrutsch stattgefunden hat“, beantwortete die Chefin des Hotels ihre Frage.
Ellen schüttelte nur stumm den Kopf. Tränen traten in ihre Augen.
„Sie haben alle gefunden. Auch den Sepp“, flüsterte Marie.
„Und wie geht es ihnen. Ist was passiert. Ist jemand verletzt, Peter ...?“
Ellen konnte die Fragen nicht mehr beenden. Sie schluchzte nur noch.
„Alle wurden gefunden. Sie sind, bis auf den Sepp, alle tot“, würgte die Chefin hervor. Sie hatte das Gefühl, einen Kloß im Hals zu haben.
Ellen brach bewusstlos zusammen.
Fast schlagartig erwachte Peter aus seiner Ohnmacht. Der Grund dafür war das eiskalte Wasser, in welchem er lag. Es handelte sich offensichtlich um das Schmelzwasser des Gletschers. Warum es hier in der Tiefe, auf dem Grund des Gletschers nicht gefroren war, sondern plätschernd, gluckernd und rauschend floss, interessierte ihn momentan nicht. Er fror jämmerlich. Seine Kleidung war auf der rechten Seite total durchnässt. Und gerade diese Seite schmerzte ihn besonders. Offensichtlich war er mit voller Wucht bei seinem freien Fall mit dieser Körperseite auf den Boden geknallt. Der Kopf musste dann auch aufgeschlagen sein, denn der tat ihm ebenfalls weh.
Es war stockdunkel. Er sah nicht einmal die Hand vor Augen und hatte auch keine Ahnung, wie lange er so gelegen hatte. Extrem lange konnte es nicht gewesen sein, sonst wäre er wohl erfroren. Da fiel ihm ein, dass er bloß auf seine Armbanduhr sehen musste, um sich selbst diese Frage präzise zu beantworten. 11.20 Uhr zeigten die Leuchtzeiger. Das bedeutete, dass er erst seit etwas mehr als zwanzig Minuten im Gletscher steckte. Es kam ihm vor, als wäre der Sturz schon vor vielen Stunden gewesen.
Langsam aber sicher fand er sich mit der Finsternis ab. Er tastete stehend seine nächste Umgebung ab. Der Boden war uneben, glatt und fast eine Handbreit hoch mit kaltem, fließendem Wasser bedeckt. Es floss von seiner jetzigen Stellung aus gesehen nach links, leicht bergab. Hinter ihm war eine ziemlich schräge, unregelmäßige, in ihrer Höhe nicht erfühlbare Wand. Sie war glitschig, kalt und nass. Das musste das Eis des Gletschers sein. Einen Schritt weiter ertastete er eine runde Säule. Sie war ungefähr so dick, dass er sie mit beiden Händen umfassen konnte. Es war eine Eissäule, welche nach etwa einem Meter Höhe spitz zulief und aufhörte. Wäre er auf diesen umgedrehten Eiszapfen gefallen, wäre er aufgespießt worden.
>Ich bin schon ein Glückspilz<, dachte er, >wenn man bei diesem Albtraum überhaupt von Glück reden kann<.
Ihm fielen die Geologen und Sepp wieder ein, wie er sie hatte unter der Steinlawine verschwinden sehen. Es durchlief ihn eiskalt schaudernd.
Gebückt untersuchte er den Boden rechts. Und richtig, in dieser Richtung ging es eindeutig minimal bergauf und aus dieser Richtung kam langsam eine dünne Schicht Wasser geflossen. Sich dorthin zu wenden, dürfte ziemlich sinnlos sein, entschied er. Wenn es eine Möglichkeit hier herauszukommen gab, dann nur bergab, denn so floss das Wasser und es musste ja irgendwo aus dem Berg heraustreten. Vielleicht konnte er diesen Ausgang aus der Eishöhle dann ebenfalls benutzen.
Also machte er sich daran, diesem leichten Gefälle, zentimeterweise tastend, zu folgen. Es war ein mühsames Unterfangen. Nach einer ewigen Zeit, wie er meinte, in Wirklichkeit nur einer halben Stunde, wie er auf seiner Uhr erkennen konnte, spürte er, wie sich die Fließgeschwindigkeit des Wassers etwas erhöhte und ein intensiveres Rauschen entstand. Er musste kurz vor der Austrittsöffnung sein. Der Wasserstand stieg ebenfalls permanent. Er ging ihm bereits bis zu den Knöcheln. >Nun ganz vorsichtig<, dachte er bei sich, >damit ich nicht unkontrolliert ins eiskalte Wasser gezogen werde, um dann irgendwo zu erfrieren<.
Plötzlich hörte er ein lautes, das Rauschen übertönendes, dröhnendes Knirschen. Gebannt vor Angst blieb er stehen. Bewegte sich der Berg oder brach der Gletscher entzwei oder entstanden neue Risse? Ruhig blieb er stehen. Sein Herz schlug bis zum Hals. Das unheimliche Geräusch hörte genau so schnell wieder auf, wie es gekommen war und nichts hatte sich verändert. Beruhigt suchte er Minuten später weiter den Boden ab. Jetzt stieß er wieder an eine Wand. Aufmerksam erfühlte er mit den Händen nochmals die Richtung, in der das Wasser weiter floss. Es schlug hier gegen eine Felsenwand, um dann weiter nach rechts zu fließen. In dieser Richtung tastete sich Peter nun langsam vor.
Das Getöse der Wassermassen wurde allmählich immer lauter und der Pegel stieg stetig weiter an. Peter hatte teilweise bereits Schwierigkeiten, sich in diesem Wassersog zu halten. Er fror so stark, dass ihm bereits schwindlig wurde. Eine bleierne Mattigkeit begann sich auf seine Glieder zu legen und eine >esistmirallesbaldegal-Stimmung< stieg in ihm auf.
Plötzlich riss ihm die Flut die Beine weg und er fiel seitwärts ins eisige Wasser. Sich schnell aufrappelnd, versuchte er an der Wand Halt zu finden. Mit viel Mühe und Not gelang es ihm, wieder festen Fuß zu fassen und sich kontrolliert fortzubewegen. Dieser Sturz ließ das Angstgefühl noch stärker werden. Er gehörte ohnehin nicht zu den Menschen, aus denen Helden gemacht werden. Er war eher der zurückhaltende, vorsichtige, und was körperliche Schmerzen anging, ängstliche Typ.
Mit der rechten Hand erfühlte er nach einer Weile, wie die Wand rechtwinklig nach links abbog und das Wasser mit starkem Sog dieser Richtung folgte. War er jetzt an der Stelle, wo er sich mit dem Wasser aus dem Berg spülen lassen konnte? Das Loch, denn um ein solches musste es sich handeln, hatte eine Höhe von ungefähr einem Meter und nahm das gesamte abfließende Wasser auf.
Peter überlegte, ob er es wagen konnte, sich in dieses Loch zusammen mit den Wassermassen zusammenzustürzen, um so aus der Eishöhle herauszukommen. Die kalte Reise im Wasser konnte sehr lange in einem Tunnel dauern, sodass er vielleicht keine Luft mehr bekam und ertrinken musste. Oder es trat in beachtlicher Höhe als Wasserfall aus dem Berg heraus und er brach sich dann bei einem Sturz alle Knochen. Was tun, fragte er sich zum wiederholten Male. Er hatte Angst. Aber wenn er hier verweilen würde, waren seine Überlebenschancen ebenfalls gleich null, denn dass ihn hier jemand in absehbarer Zeit finden und retten würde, hielt er für absolut unwahrscheinlich. Außerdem würde er in Kürze erfroren sein. Also nahm er allen Mut zusammen, atmete zweimal tief durch, hielt die Luft an und tauchte in Richtung Loch ab. Seine Gedanken waren in diesen Sekunden bei Ellen und seinen Kindern. Er hatte eine schreckliche Angst sie nie wieder zu sehen. Es raubte ihm fast den Verstand.
Was war das? Er glaubte, nicht richtig zu spüren. Das Loch war durch eine Art Gitter versperrt.
Wie er auch rüttelte, das Gitter, oder was es sonst war, bewegte sich nicht. Schnell tauchte er, wild strampelnd, zur rechten Seite der Sperre auf und bewegte sich mehrere Meter an der Wand entlang weg von diesem Loch. Dass er sich aus diesem starken Wassersog hatte wieder befreien können, erschien ihm jetzt wie ein Wunder. Verzweiflung machte sich in ihm breit. An dieser Stelle ein Art Abflussgitter? Wozu das? Er war verblüfft und wusste sich zuerst einmal keinen Rat. Bedeutete das nicht, überlegte er fieberhaft, dass es hier irgendwo einen anderen Ausgang geben muss? Wie denn sonst soll dieses Gitter oder was immer es gewesen war angebracht worden sein? Die Erbauer, wenn es wirklich solche gegeben haben sollte, mussten doch auch irgendwie hier hereingekommen sein. Wieder fragte er sich:
>Wozu dieses Gitter oder was das war – das macht doch keinen Sinn?<.
Er schüttelte zähneklappernd den Kopf und tastete sich dabei immer weiter rechts an der Wand entlang. Sein gesamter Körper zitterte vor Kälte. Irgendwo musste es hier einen Ausgang geben. Je weiter er sich voran tastete, umso mehr fiel der Wasserstand wieder, bis er endlich gar nicht mehr durch Wasser waten musste. Wenn er doch nur Licht hätte – oder wenigstens ein Feuerzeug. Jetzt verwünschte er sich zum ersten Mal, dass er kein Raucher war, denn Raucher hatten fast immer Feuer bei sich.
„Immer weiter gehen“, stimulierte er sich selbst, „nicht stehen bleiben, sonst erfrierst du.“
Wie lange er so, die Wand abtastend, vorwärtsgegangen war, wusste er nicht mehr zu sagen. Er fror erbärmlich. Sein Gehirn fing allmählich an, nicht mehr richtig zu arbeiten. So kam es auch, dass er zuerst gar nicht bemerkte, wie sich die Beschaffenheit der Wand veränderte. War sie bisher schroff, uneben, feucht und kalt, so wurde sie plötzlich ganz glatt und fühlte sich nahezu angenehm warm an, ohne dass sie Wärme abstrahlte.
Endlich bemerkte auch Peter, dass sich etwas Gravierendes verändert hatte. Er hielt in seinen Bewegungen inne und befühlte mit beiden Handflächen die Wand. So etwas Glattes hatte er noch nie befühlt. Da muteten ihn Glasscheiben oder Spiegel wie Schotter an. Oder setzte sein Tastgefühl bereits aus? Aber schön lauwarm war die Wand. Er lehnte sich mit dem Körper ganz dicht an die Wand und genoss das wohlige Gefühl der Wärme. Jetzt musste er bereits spinnen – anders konnte es wohl nicht sein. Ob das bereits der beginnende Todesreigen war? An diesem Ort war es ihm momentan egal. Er blieb ganz ruhig, schräg gegen die Wand gelehnt, stehen und Bilder aus der Vergangenheit zogen durch sein Gehirn.
Knack – plötzlich war die Wand war verschwunden – und Peter kippte haltlos, ein paar Schritte nach vorne taumelnd auf den Boden.
Knack – ebenso überraschend war die Wand hinter ihm wieder da, und er lag immer noch auf dem Boden, einem ebenen, glatten Belag, der sich wie die gesamte Raumtemperatur um ihn herum wohlig warm anfühlte.
Er konnte die Wand zwar nicht sehen, denn es war immer noch dunkel, aber irgendwie spürte er ihre erneute Gegenwart. Warum, wusste er nicht. Als er aufzustehen versuchte, stellte er fest, dass er sich nicht mehr bewegen konnte. Eine unsichtbare Kraft hielt ihn am Boden fest. In diesem Augenblick begann ein kaum sichtbares dunkelgrünes, irisierendes Licht streifenförmig blitzend, langsam über Peter hinwegzuziehen. Er spürte keine Schmerzen oder irgendetwas Ähnliches. Diese Prozedur wiederholte sich noch dreimal. Dann wurde es wieder stockdunkel.
Nun konnte er sich wieder bewegen, wie er schnell merkte.
„Was ist denn das schon wieder?“, schrie Peter wütend und verwirrt auf.
„Freigabe nach Eingangsscan“, hallte es dumpf in seinem Kopf nach.