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Simon Scarrow

GladiatoR

Roman

Aus dem Englischen
von Norbert Stöbe

WILHELM HEYNE VERLAG
MÜNCHEN

kapitel 1

Mit dem nächsten Schlag sollten wir Matala erreichen«, erklärte der Kapitän, beschirmte die Augen und blickte zur Küste von Kreta, die steuerbord voraus im Glanz der Abendsonne lag. Neben ihm standen einige seiner Passagiere, ein römischer Senator, dessen Tochter und zwei Centurionen, die alle nach Rom wollten. Sie waren in Cäsarea an Bord gekommen, zusammen mit der Dienerin der Tochter, einem Mädchen aus Judäa. Der Kapitän war stolz auf sein schon etwas betagtes Schiff, die Horus. Sie stammte aus Alexandria. Früher hatte sie Getreide übers Mittelmeer nach Rom gebracht, dann war sie ausgemustert worden. Noch immer handelte es sich um ein tüchtiges, seegängiges Schiff, und der Kapitän besaß genug Selbstvertrauen und Erfahrung, um sie notfalls von der Küste fernzuhalten. Folglich war die Horus nach Verlassen des Hafens von Cäsarea sogleich auf die hohe See hinausgesteuert und hatte drei Tage später die kretische Küste erreicht.

»Heute Abend kommen wir nicht mehr nach Matala?«, fragte der Senator.

»Leider nein, Herr.« Der Kapitän lächelte schwach. »Im Dunkeln werde ich auch keine Ansteuerung versuchen. Die Horus ist voll beladen und hat starken Tiefgang. Da will ich nicht auf irgendwelche Untiefen auflaufen.«

»Und was machen wir stattdessen?«

Der Kapitän verzog die Lippen. »Wir müssen uns bis zum Morgengrauen von der Küste fernhalten und beidrehen. Dabei verliere ich einen Tag, aber das lässt sich nicht ändern. Betet alle zu Poseidon, dass wir die verlorene Zeit anschließend wieder aufholen.«

Der ältere Centurio seufzte. »Verfluchte Seereisen. Immer diese Verzögerungen. Hätten die Landroute nehmen sollen.«

Der andere Offizier, ein groß gewachsener, schlanker Mann mit lockigem Haarschopf, klopfte seinem stämmigen Kameraden lachend auf die Schulter. »Ich dachte eigentlich, ich wäre der Ungeduldige von uns beiden! Immer mit der Ruhe, Macro, wir werden Rom auf jeden Fall schneller erreichen, als wenn wir uns über Land aufgemacht hätten.«

»Ich dachte, du kannst das Meer nicht ausstehen.«

»Ich mag’s nicht besonders, aber ich habe meine Gründe, weshalb ich so schnell wie möglich nach Rom will.«

»Das glaube ich gern.« Centurio Macro nickte augenzwinkernd zur Tochter des Senators hinüber. »Ich bin schon froh, wenn ich ein neues Kommando bekomme und auf Dauer zu den Legionen zurückkehren kann. Das haben wir uns auch redlich verdient, Cato, die Götter sind mein Zeuge. Zwei Jahre an der Ostgrenze! Ich habe genug von der Hitze, dem Sand und dem Staub. Fürs nächste Mal wünsche ich mir einen lauschigen Posten irgendwo in Gallien. Wo ich mich eine Weile ausruhen kann.«

»Das sagst du jetzt.« Cato lachte. »Aber ich kenne dich, Macro. Vor Ablauf eines Monats wäre dir sterbenslangweilig.«

»Ich weiß nicht. Ich würde mich gern wieder dem eigentlichen Soldatenhandwerk widmen. Anstatt für den Kaiserpalast die Drecksarbeit zu erledigen.«

Cato nickte voller Mitgefühl. Seit sie den ersten Auftrag für Narcissus ausgeführt hatten, den Privatsekretär des Kaisers und Leiter des kaiserlichen Spitzeldienstes, lauerten für Macro und Cato in jeder Ecke Gefahren, von den gewöhnlichen Risiken des Soldatenlebens ganz zu schweigen. Catos Miene verhärtete sich. »Ich fürchte, darauf haben wir keinen Einfluss. Je mehr Probleme wir lösen, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass man unsere Dienste erneut in Anspruch nehmen wird.«

»Wohl wahr«, brummte Macro. »Was für eine Scheiße …«

Als ihm einfiel, dass der Senator und dessen Tochter in der Nähe waren, blickte er schuldbewusst zu ihnen hinüber und räusperte sich. »Tut mir leid, junge Herrin. Entschuldige die Ausdrucksweise.«

Der Senator lächelte. »In den vergangenen Monaten ist uns weit Deftigeres zu Ohren gekommen, Centurio Macro. Ich glaube, wir sind die rauen Umgangsformen der Soldaten inzwischen gewöhnt. Sonst könnte ich die Aufmerksamkeit, die Cato meiner Tochter zuteilwerden lässt, wohl kaum gutheißen, nicht wahr?«

Sie grinste. »Keine Sorge, Vater, den werde ich schon zähmen.«

Cato lächelte, als sie seinen Arm umfasste und liebevoll drückte. Der Kapitän kratzte sich am Kinn.

»Dann wollt ihr wohl heiraten, Julia?«

Sie nickte. »Sobald wir wieder in Rom sind.«

»Verdammt, dabei wollte ich selbst um deine Hand anhalten«, scherzte der Kapitän. Er musterte Cato kurz. Im Unterschied zu den meisten anderen erfahrenen Soldaten war das Gesicht des Centurios nicht von Narben entstellt. Außerdem war er der mit Abstand jüngste Centurio, dem der griechische Kapitän je begegnet war, nämlich gerade mal Anfang zwanzig, und unwillkürlich fragte er sich, ob der junge Mann vielleicht nur deshalb befördert worden war, weil er von einem mächtigen Freund protegiert wurde. Die Orden an der Rüstung des Centurios aber legten Zeugnis ab von tatsächlichen, hart errungenen militärischen Leistungen. Offenbar steckte doch mehr hinter dem Centurio Cato, als es den Anschein hatte. Centurio Macro hingegen war der typische harte Kämpfer. Zwar einen Kopf kleiner als Cato, hatte er jedoch die Statur eines Bullen und muskulöse, zernarbte Arme und Beine. Er war etwa fünfzehn Jahre älter als sein Kamerad, trug sein dunkles Haar ganz kurz und hatte durchdringende braune Augen, doch seine Gesichtsfalten deuteten darauf hin, dass er bei Gelegenheit auch humorvoll sein konnte.

Mit einem Anflug von Neid wandte der Kapitän seine Aufmerksamkeit wieder dem jüngeren Offizier zu. Wenn er in eine Senatorenfamilie einheiratete, hatte der Centurio für den Rest seines Lebens ausgesorgt. Geld, gesellschaftliches Ansehen und eine Vorzugsbehandlung bei anstehenden Beförderungen waren ihm dann sicher. Gleichwohl war nicht zu übersehen, dass der junge Centurio und die Senatorentochter einander innig zugetan waren. Jeden Abend standen sie Arm in Arm an Deck und betrachteten den Sonnenuntergang und die glitzernden Wogen.

Als es Abend wurde, segelte die Horus parallel zur Küste an einer der Buchten vorbei, die der Kapitän in der langen Zeit, in der er auf Handelsschiffen kreuz und quer durchs Mittelmeer gesegelt war, gut kennengelernt hatte. Als die Sonne hinter dem Horizont versank und die Berge und Hügel der Insel in ein goldenes Licht tauchte, blickten alle ans Ufer. In Strandnähe lag ein großer Landsitz, und in der fallenden Dämmerung kehrten lange Kolonnen von Sklaven von der Arbeit auf den Feldern, in den Wäldern und in den Weinbergen zurück. Müde schlurfend wurden sie von Aufsehern mit Peitschen und Stöcken zu ihren Unterkünften geleitet.

Cato spürte, dass Julia an seiner Seite zitterte. »Ist dir kalt?«

»Nein. Es ist deswegen.« Sie deutete auf die Sklaven, die auf den Hof traten, worauf das Tor geschlossen und verriegelt wurde. »Ein schreckliches Leben für jeden Mann und jede Frau.«

»Aber ihr habt daheim doch auch Sklaven.«

»Schon, aber die werden gut behandelt und genießen in Rom eine Menge Freiheiten. Ganz anders als diese armen Geschöpfe. Müssen von früh bis spät schuften. Werden nicht besser behandelt als das Vieh.«

Cato überlegte einen Moment, dann sagte er: »Das ist nun mal das Los der Sklaven. Ganz gleich, ob sie auf Besitzungen wie dieser, in Bergwerken oder auf Baustellen arbeiten. Nur ein kleiner Teil hat das Glück, in Haushalten wie deinem zu leben oder in einem Gladiatorenlager trainieren zu dürfen.«

»Gladiatoren?« Julia wölbte die Brauen. »Glück? Wie kannst du jemanden glücklich schätzen, der ein solches Schicksal zu erleiden hat?«

Cato zuckte mit den Schultern. »Die Ausbildung ist hart, aber wenn sie erst mal hinter ihnen liegt, haben sie es gar nicht so schlecht. Ihre Besitzer sorgen gut für sie, und die besten Kämpfer erwerben ein kleines Vermögen und genießen das flotte Leben.«

»Solange sie in der Arena überleben.«

»Wohl wahr, aber dabei riskieren sie nicht mehr als jeder Legionär und führen ansonsten ein weit angenehmeres Leben. Wenn sie lange genug durchhalten, können sie die Freiheit erlangen und als reicher Mann den Ruhestand genießen. So weit bringen es nur ganz wenige Soldaten.«

»Wo du Recht hast, hast du Recht«, knurrte Macro. »Ich frage mich, ob ich nicht auf Gladiator umschulen soll.«

Julia musterte ihn entgeistert. »Das ist doch nicht dein Ernst?«

»Wieso nicht? Wenn ich schon Leute umbringen soll, kann ich mich ebenso gut ordentlich dafür bezahlen lassen.«

Senator Sempronius lachte glucksend über das Gesicht, das seine Tochter machte. »Glaub ihm kein Wort, mein Kind. Centurio Macro scherzt nur. Er kämpft für den Ruhm Roms, nicht für Sklavenlohn, selbst wenn er in Gold ausgezahlt würde.«

Macro wölbte eine Braue. »Ich frage mich, wer da Scherze macht.«

Cato blickte lächelnd ans Ufer. Die Sklavenunterkunft war ein Schandfleck am Hang des Hügels, der die Bucht abschloss. Nichts regte sich dort, abgesehen von einer flackernden Fackel über dem Tor, die den Wachposten beleuchtete. Dies war die gewerbliche Seite der Sklaverei, von der die meisten Römer nichts mitbekamen, zumal die von hohem Stand wie Senator Sempronius und dessen Tochter. Die parfümierten, uniformierten Sklaven eines reichen Haushalts hatten wenig gemein mit den zerlumpten Massen, die in Arbeitslagern schufteten, ständig müde und hungrig und streng bewacht von Aufsehern, die jede Aufmüpfigkeit mit gnadenloser Härte schon im Keim erstickten.

Es war ein hartes Regime, doch das Imperium war wie jede andere zivilisierte Nation, die Cato kannte, auf die Sklaverei angewiesen, um Wohlstand zu schaffen und die Menschenmassen in den Städten zu ernähren. Cato musste an die grausamen Ungerechtigkeiten des Schicksals denken. Die schlimmsten Auswüchse der Sklaverei waren eine Schande für die Menschheit, fand er, selbst wenn das System an sich eine Notwendigkeit darstellte.

Auf einmal erbebte das Deck unter seinen Stiefeln, und er senkte den Blick.

»Holla«, knurrte Macro. »Hast du das auch gespürt?«

Julia krampfte die Hand um Catos Arm. »Was war das? Was ist passiert?«

Überraschungslaute und Warnrufe waren zu vernehmen, während die Besatzung und die anderen Passagiere der Horus auf die Decksplanken niedersahen.

»Wir sind aufgelaufen«, sagte Sempronius und klammerte sich an der Reling fest.

Der Kapitän schüttelte den Kopf. »Ausgeschlossen! Dafür sind wir zu weit von der Küste entfernt. Ich kenne das Gewässer. Auf fünfzig Meilen gibt es hier keine Untiefen, bei den Göttern. Auf jeden Fall … Schaut! Dort!«

Der Kapitän zeigte aufs offene Meer hinaus, das an einer Stelle schwach schimmerte. Einen Moment lang, der manchem wie eine kleine Ewigkeit erschien, hielten das Decksbeben und das Zittern der Meeresoberfläche an. Einige fielen auf die Knie und begannen fieberhaft zu beten. Cato hielt Julia in den Armen und suchte über ihren Kopf hinweg den Blick seines Freundes. Macro biss die Zähne zusammen und hatte die Hände zu Fäusten geballt. Zum ersten Mal meinte Cato einen Anflug von Angst in seinen Augen wahrzunehmen.

»Ein Meeresungeheuer«, sagte Macro leise.

»Ein Meeresungeheuer?«

»Ja, eine andere Erklärung gibt es nicht. Heilige Scheiße, weshalb habe ich mich nur zu einer Seereise beschwatzen lassen?«

So plötzlich, wie es eingesetzt hatte, hörte das schwache Beben auf, und kurz darauf zeigte die Meeresoberfläche wieder das alte Wellenmuster, während sich die Horus mit der Dünung hob und senkte. Niemand an Bord sprach, als warteten alle darauf, dass das seltsame Phänomen von neuem einsetzte. Julia räusperte sich. »Glaubst du, es ist vorbei – was es auch immer war?«

»Ich weiß es nicht«, antwortete Cato leise.

Der kurze Wortwechsel hatte den Bann gebrochen. Macro blies die Wangen auf und ließ die Luft zischend entweichen, der Kapitän wandte sich von den Passagieren ab und funkelte den Steuermann an. Der hatte das große Steuerruder losgelassen und hockte unter dem Pfauenrad am Ende des geschwungenen Heckbalkens. Das Schiff drehte sich langsam in den Wind.

»Was beim Hades tust du da?«, blaffte der Kapitän den Steuermann an. »Geh auf deinen Posten, verflucht noch mal, und bring uns wieder auf Kurs!«

Während der Steuermann ans Ruder eilte, wandte sich der Kapitän erbost an die anderen Seeleute. »Wieder an die Arbeit! Bewegt euch.«

Widerwillig kehrten seine Männer an ihre Posten zurück und richteten das Segel neu, das an den Rändern zu flattern begonnen hatte, als die Horus einen Moment lang angeluvt war, bevor der Steuermann das Schiff wieder auf den ursprünglichen Kurs gebracht hatte.

Macro leckte sich nervös die Lippen. »Ist wirklich alles in Ordnung?«

Cato spürte das Deck unter seinen Füßen und blickte aufs Meer, das wieder so glatt aussah wie vor dem Beben. »Scheint so.«

»Den Göttern sei Dank.«

Julia nickte, dann weiteten sich ihre Augen, als sie an ihre Dienerin dachte, die in der kleinen Kabine, die sie sich mit ihrer Herrin und dem Senator teilte, auf der Bodenmatte schlief. »Ich sollte besser mal nach Jesmiah sehen. Das arme Mädchen hat sich bestimmt zu Tode geängstigt.«

Cato entließ sie aus seiner Umarmung, dann eilte Julia zum schmalen Niedergang, der zu den Kabinen hinunterführte, die zahlungskräftigen Passagieren vorbehalten waren. Die übrigen Passagiere mussten sich an Deck aufhalten und auch dort schlafen.

Als Julia verschwunden war, erreichte sie vom Ufer ein leiser Schrei. Cato, Macro und Sempronius wandten die Köpfe der Küste zu. Im Dämmerlicht sahen sie mehrere Gestalten aus den Sklavenunterkünften des Anwesens hervorstolpern. Beziehungsweise aus dessen Überresten. Die Wände waren eingestürzt, so dass man die auf dem Gelände verteilten Hütten sah. Nur zwei schienen unversehrt, der Rest war zerstört.

»Verflucht noch mal.« Macro starrte die Ruinen an. »Was ist da passiert?«

»Ein Erdbeben«, sagte Sempronius. »Das habe ich schon mal erlebt, als ich noch Tribun in Bithynien war. Die Erde bebte, und es lag ein dumpfes Dröhnen in der Luft. Es dauerte eine ganze Weile an, und zahlreiche Gebäude stürzten ein. Die Bewohner wurden zerquetscht und unter dem Schutt begraben.«

Bei der Erinnerung schauderte er. »Es gab Hunderte Tote …«

»Aber wenn das ein Erdbeben war, weshalb waren dann auch wir hier draußen auf dem Meer betroffen?«

»Das weiß ich nicht, Macro. Das Tun der Götter entzieht sich menschlichem Begreifen.«

»Mag sein«, bemerkte Cato. »Aber wenn das Landbeben stark genug war, könnte es sich doch durchs Wasser bis zum Schiff fortgepflanzt haben?«

Die drei Männer blickten zu den zerstörten Sklavenunterkünften hinüber, die allmählich in der Ferne entschwanden, da die Horus sich stetig von der Küste entfernte. In den Ruinen war ein Feuer ausgebrochen, wahrscheinlich in der Küche, wo die Abendmahlzeit zubereitet wurde. Flammen loderten in die Dunkelheit empor und erhellten die fassungslosen Überlebenden. Eine Handvoll Leute grub im Schutt verzweifelt nach Verschütteten. Cato schüttelte mitfühlend den Kopf.

»Den Göttern sei Dank, dass wir auf hoher See waren. Ich möchte jetzt nicht an Land sein. Zumindest dafür solltest du dankbar sein, Macro.«

»Ach, wirklich?«, erwiderte Macro leise. »Wie kommst du darauf, die Götter wären schon mit uns fertig?«

»Achtung, Deck!«, rief jemand von oben. »Kapitän, schau!«

Der unterhalb der Mastspitze rittlings auf der Rah sitzende Ausguck zeigte entlang der Küste nach Westen.

»Ich erwarte eine korrekte Meldung!«, brüllte der Kapitän nach oben. »Was siehst du?«

Nach kurzer Pause antwortete der Seemann ängstlich: »Ich weiß nicht, Herr. So etwas habe ich noch nie gesehen. Eine Linie, eine Art Wand, direkt im Meer.«

»Unsinn, Mann! Das ist ausgeschlossen.«

»Herr, ich schwöre, genauso sieht es aus.«

»Idiot!« Der Kapitän trat an die Reling, schwang sich in die Webeleinen und kletterte zum Ausguck hoch. »Also, du Tölpel, wo ist denn nun die Wand?«

Der Mann deutete zum Horizont, in den verblassenden Sonnenuntergang. Der Kapitän musste blinzeln und konnte zunächst kaum etwas erkennen. Doch als seine Augen sich auf die ferne Helligkeit eingestellt hatten, sah auch er es. Ein schwaches Glitzern reflektierten Sonnenlichts am Horizont, über einem dunklen Band, das sich vom Meer bis zur kretischen Küste erstreckte. Wo es auf den Strand traf, wurde Gischt aufgeworfen.

»Mutter des Zeus«, murmelte der Kapitän, von eiskalter Furcht gepackt. Der Ausguck hatte Recht gehabt. Unmittelbar vor der Horus war eine Wand, eine Wand aus Wasser. Eine gewaltige Flutwelle raste entlang der Küste direkt auf das Schiff zu, nur noch zwei oder drei Meilen entfernt und schneller als selbst die schnellsten Pferde.

kapitel 2

Eine Flutwelle?« Catos Augen weiteten sich. »Wie hoch?«

»So hoch wie eine verfluchte Klippe«, antwortete der Kapitän. »Und sie nähert sich uns parallel zur Küste.«

»Dann müssen wir den Kurs ändern«, sagte Sempronius. »Ihr ausweichen.«

»Dazu reicht die Zeit nicht mehr. Außerdem erstreckt sich die Welle, so weit das Auge reicht. Wir können ihr nicht ausweichen.«

Der Senator und die Centurionen musterten fassungslos den Kapitän, dann sagte Sempronius: »Und was nun?«

»Was wohl?« Der Kapitän lachte krächzend. »Wir sprechen unsere Gebete, nehmen voneinander Abschied und warten, bis die Welle uns erreicht.«

Cato schüttelte den Kopf. »Nein. Wir müssen etwas unternehmen, um das Schiff zu retten.«

»Glaub mir, wir können nichts tun«, sagte der Kapitän düster. »Du ahnst gar nicht, wie hoch das Ding ist. Aber bald wirst du es merken.«

Alle Blicke wandten sich zum Horizont, und nun machte auch Cato dort eine Art dunklen Schatten am Rand der Welt aus, vorerst nur eine schmale Linie, die gar nicht bedrohlich wirkte. Er musterte sie kurz, dann wandte er sich wieder an den Kapitän. »Du hast doch schon Stürme abgewettert, oder?«

»O ja. Stürme sind eine Sache. Eine Flutwelle ist was anderes. Es gibt für uns keine Hoffnung mehr.«

»Blödsinn!«, knurrte Macro, packte mit beiden Händen die Tunika des Kapitäns und zog den Griechen dicht an sich heran. »Die Hoffnung stirbt zuletzt. Ich habe nicht so viele beschissene Kämpfe und Verletzungen überlebt, um auf diesem Kahn zu verrecken. Ich bin kein Seemann. Das ist dein Metier. Wir sind in einer gefährlichen Lage. Also unternimm gefälligst was. Streng dich an, damit wir das hier durchstehen. Hast du mich verstanden?« Er schüttelte den Kapitän. »Na, was ist?«

Der Grieche schrumpfte vor dem durchdringenden Blick des Centurios und nickte. »Ich werde tun, was ich kann.«

»Schon besser.« Macro lächelte und ließ den Mann los. »Also, können wir dir irgendwie helfen?«

Der Kapitän schluckte nervös. »Wenn es euch recht ist, wär’s am besten, wenn ihr mir aus dem Weg gehen würdet.«

Macro machte die Augen schmal. »Ist das alles?«

»Ihr könntet euch am Mast festbinden oder an einer Klampe, dann werdet ihr nicht von Bord gespült, wenn uns die Welle erreicht.«

»Na schön.«

Der Kapitän wandte sich ab und brüllte Befehle, worauf die Seeleute eilig das Reff aus dem großen Hauptsegel ließen. Der Steuermann wendete die Horus dem Sonnenuntergang zu.

»Was macht er da?«, fragte Sempronius. »Der Idiot hält geradewegs auf die Welle zu.«

Cato nickte. »Das hat schon seinen Sinn. Der Bug ist der stabilste Teil des Rumpfes. Indem wir die Welle von vorn nehmen, können wir sie vielleicht durchbrechen, wenn es uns schon nicht gelingt, auf ihr zu reiten.«

Sempronius schaute ihn an. »Ich hoffe, du hast Recht, junger Mann. Um deinetwillen – und um unser aller willen.«

Als der Senator verstummte, fiel Cato Julia ein, und er eilte zum Niedergang. »Binde dich am Mast fest«, rief er Macro zu, »und kümmere dich um den Senator!«

»Wo willst du hin?«

»Ich hole Julia und Jesmiah. An Deck ist es für sie sicherer.«

Macro nickte und blickte zum Horizont. Jetzt war die Welle deutlicher zu erkennen, ein Riegel, der weit ins Meer hinausreichte, während das andere Ende schäumend an der Küste entlangraste. »Beeil dich, Cato!«

Cato rannte zum Niedergang und sprang zu den Bretterverschlägen hinunter, welche die zahlungskräftigen Passagiere beherbergten. Er riss den Leinwandvorhang beiseite und streckte den Kopf in Julias Kabine. Sie saß auf den Bodenplanken und wiegte Jesmiah in den Armen.

»Cato! Was ist passiert?«

»Keine Zeit für Erklärungen.« Er trat auf sie zu, bückte sich und zog sie auf die Beine. Jesmiah rappelte sich mit angstvoll aufgerissenen Augen ebenfalls hoch.

»Cato, Herr«, sagte sie mit zitternden Lippen, »ich habe gehört, dass jemand von einem Meeresungeheuer gesprochen hat.«

»Es gibt kein Ungeheuer!«, blaffte er, schob beide aus der Kabine und versetzte ihnen einen Schubs Richtung Niedergang. »Wir müssen sofort an Deck.«

Julia stolperte die Stufen hoch. »Warum? Was ist denn los?«

Mit einem Blick auf Jesmiah erwiderte Cato: »Vertrau mir und tu, was ich dir sage.«

Als sie das Deck betraten, herrschten dort Chaos und blankes Entsetzen. Macro hatte den Senator am Mast festgebunden und war im Begriff, sich ebenfalls festzuzurren. Auch die übrigen Passagiere und die Seeleute banden sich fest. Der Kapitän stand auf dem kleinen Steuerdeck neben dem Steuermann; beide Männer hatten die Hände aufs Ruder gelegt und spähten angestrengt nach vorn.

Jesmiah schaute verängstigt und kam schutzsuchend näher.

Cato fasste sie beim Arm und zerrte sie grob zum Mast. »Mach schon, Mädchen! Es bleibt nicht mehr viel Zeit.«

Als sie bei Macro und Sempronius angelangt waren, drückte Cato Julia und deren Dienerin aufs Deck nieder und ergriff das Ende des Seils, mit dem Macro sich an den Mast gebunden hatte. Als er kurz den Blick hob, sah er, dass die Flutwelle bereits ein ganzes Stück näher gekommen war und mit hoher Geschwindigkeit an der Küste entlangwanderte. Er wirbelte zu den beiden Frauen herum.

»Hebt die Arme!«

Er zog das Seil unter ihrem Bauch hindurch, führte es um den Mast herum und befestigte das Ende an Macros Hüftschlinge.

»Und was ist mit dir, Mann?« Macro schaute besorgt zum Bug.

»Ich brauche mehr Seil.« Cato richtete sich auf und ließ den Blick suchend umherschweifen. Offenbar war jedes freie Seilstück bereits in Gebrauch. Dann fiel ihm in fünfzig Schritt Entfernung vom Schiff etwas auf: Eine nass glänzende Felsspitze war aus dem Wasser aufgetaucht, und es wurden immer mehr Felsen sichtbar. Es hatte den Anschein, als wäre das Wasser in Ufernähe von einer Gezeitenströmung fortgesaugt worden, so dass das blanke Riff und sogar die gekappten Aufbauten eines alten Wracks zum Vorschein kamen. Der Anblick verblüffte ihn, dann veranlasste ihn ein angstvoller Ruf eines Seemanns, wieder zur Flutwelle hinüberzublicken. Inzwischen konnten alle an Deck sie sehen. Ein gewaltiges dunkles Monster mit einer weißen Schaumkrone rollte wie eine Wand aus Glas geradewegs auf die Horus zu. Davor leuchteten die kleinen Flügel einer Seemöwe in der Abenddämmerung, dann verlor sich der Vogel im Schatten der Woge.

»Cato!«

Er wandte sich zu Julia um, die sich vergeblich bemühte, seine Hand zu ergreifen. Cato wusste, dass er keine Zeit mehr hatte, sich festzubinden. Für ihn war es zu spät. Er ließ sich aufs Deck sinken und zwängte sich zwischen Macro und Julia, legte die Arme um ihre Schultern. Der von achtern kommende schwache Wind legte sich, das Segel sackte zusammen wie welke Haut, dann blähte es sich auf einmal im Windschwall, den die Flutwelle vor sich herschob. Die gewaltige Wasserwand ragte unmittelbar vor dem Schiff auf, höher als der Mast, und Cato verkrampfte sich am ganzen Leib, biss die Zähne zusammen und blickte dem anrollenden Ungeheuer entgegen.

Das Deck schlingerte plötzlich, als der Bug hochstieg, und die Luft war erfüllt von Schreien und Wehgeheul und dem Tosen der an der Horus vorbeirasenden Fluten. Die am Fuße des Masts Versammelten klammerten sich aneinander, als das Deck sich nahezu hochkant stellte, während sich über dem Schiff ein Wasserberg aufbaute, der es geradezu zwergenhaft klein erscheinen ließ. Einen Moment lang war Cato wie gelähmt von Demut und Ehrfurcht angesichts dieser über dem Schiff dräuenden Erscheinung und starrte staunend zur Schaumkrone der Flutwelle hoch. Dann verlor einer der Seeleute den Halt, stürzte laut schreiend ab und prallte mit dem Kopf gegen den Lukendeckel.

In diesem Moment verlor die Horus den kurzen Kampf mit der Woge und rutschte zurück. Eine Wasserflut brach über dem Schiff und knickte den Mast zehn Fuß über den daran festgebundenen Römern. Bevor die schwarze Sintflut aufs Deck niederkrachte, brüllte Macro der Woge ein trotziges »Leck mich!« entgegen.

Dann stürzte das Meer auf sie herunter, und Cato prallte heftig mit dem Kopf gegen den Mast. Als er den Mund aufriss, um zu schreien, wurde Salzwasser hineingedrückt. Eine große Kraft zog an ihm, zerrte ihn von den anderen weg. Er klammerte sich am Seil fest, das Julia mit dem Mast verband, krallte die Finger mit aller Kraft in Macros Schulter. Als das Schiff durchkenterte, verlor er vollkommen die Orientierung, in den Ohren das Tosen und Grollen des brodelnden Wassers. Etwas prallte gegen ihn, dann wurde es herumgerissen und zerrte an ihm, offenbar einer der Seeleute. Finger krallten sich in sein Gesicht und rissen an seiner Wange. Cato, der um seine Augen fürchtete, ließ Macro los und wehrte sich, stieß den Mann von sich weg. Ein weiterer Wasserschwall brach über ihn und den Seemann herein, trennte sie vom Maststumpf und riss sie in die Dunkelheit fort. Dann war der Mann weg, und Cato, der den Mund fest geschlossen hatte und den Atem anhielt, wurde wieder und wieder herumgewirbelt. Als er das Brennen in seiner Brust nicht mehr aushielt, öffnete er den Mund. Salzwasser drang ihm in Hals und Lunge und drohte ihn zu ersticken, und da war er sicher, dass er sterben würde.

Die Flutwelle wanderte weiter und ließ einen brodelnden Malstrom hinter sich zurück. Der Rumpf des Handelsschiffs tauchte inmitten von Luftblasen und Gischt an die Oberfläche und lag einen Moment lang glitzernd im verblassenden Abendlicht da, dann drehte er sich langsam. Als erst die Reling und dann das Deck auftauchten, war von den Aufbauten nicht mehr viel übrig. Der ägyptische Gott, der als Galionsfigur gedient hatte, war abgerissen worden, zurückgeblieben war ein zersplitterter Stumpf. Der Mast, das Segel, ja die gesamte Takelage waren fortgespült worden, die Steuerruder waren verschwunden und hatten den Kapitän und den Steuermann mit sich fortgerissen. Als das Wasser sich über dem Deck teilte und durch die Speigatten abfloss, schwankte die Horus, als wollte sie erneut durchkentern. Im letzten Moment aber hielt sie inne, rollte zurück und kam tief im Wasser zu liegen, ein treibendes Wrack, das einmal ein stolzes Schiff gewesen war. Ringsumher schwammen die Überreste des zersplitterten Masts und der Takelage. Ein paar Leichen tauchten an die Oberfläche und trieben im Wasser wie alte Lumpen.

Marcos Kopf sank zur Seite. Blinzelnd öffnete er die Augen und spuckte hustend Salzwasser. Er schüttelte den Kopf und blickte sich an Deck um. Ein paar Gestalten regten sich, zerschlagen und benommen, aber dank der Seile, mit denen sie sich festgebunden hatten, noch am Leben. Macro erbrach Wasser aufs Deck.

»Entzückend …«

Er wandte den Kopf und bemerkte, dass Sempronius schwach lächelte, dann begann auch er zu husten und erbrach sich. Als er eine Bewegung an der anderen Seite spürte, wandte Macro den Kopf und erblickte Julias schmerzverzerrtes Gesicht.

»Alles in Ordnung, junge Herrin?«

»Ja, wunderbar, danke der Nachfrage«, murmelte sie und erstarrte. »Cato! Wo ist Cato?«

Macro ließ den Blick übers Deck schweifen, doch sein Freund war nirgends zu sehen. Er versuchte, sich die grässliche Dunkelheit des Meeres zu vergegenwärtigen, die ihn eingehüllt hatte. »Als die Flutwelle über uns hereinbrach, hat er sich an mir festgeklammert. Was dann passierte … weiß ich nicht mehr.«

»Cato!«, rief Julia in die Düsternis und befreite sich von dem Seil, mit dem sie noch immer an den Maststumpf gefesselt war. »Cato! Wo bist du?«

Auch Macro machte sich los und richtete sich neben ihr auf. Er blickte sich an Deck um, doch Cato sah er nicht.

»Cato ist verschwunden, Herrin.«

»Verschwunden?« Julia wandte sich ihm zu. »Nein. Das kann nicht sein.«

Macro blickte sie hilflos an, dann schwenkte er weit ausholend den Arm. »Er ist weg.«

Julia schüttelte den Kopf, wich vor dem Centurio zurück und schrie mit heiserer Stimme: »Cato! Cato! Wo bist du?«

Macro schaute ihr einen Moment zu, dann half er dem Senator auf die Beine.

»Danke«, murmelte Sempronius. »Kümmere dich besser um Jesmiah.«

Macro nickte und sah auf die Dienerin nieder. Sie saß zusammengesunken am Mastfuß, ihr Kopf pendelte im Rhythmus des in der Dünung heftig schwankenden Schiffes hin und her. Er kniete nieder und hob behutsam ihr Kinn an. Das Mädchen starrte ins Leere. Dann bemerkte er den dunklen Bluterguss an ihrem Nacken, der im Dämmerlicht gerade so eben erkennbar war. Er ließ ihr Kinn sinken und richtete sich mit schwerem Herzen auf. »Das war’s. Gebrochenes Genick.«

»Die Arme«, flüsterte Sempronius.

»Tot?« Julia wandte den Kopf. »Das kann nicht sein. Sie war neben mir angebunden.«

»Sie ist tot, Herrin«, sagte Macro sanft. »Offenbar ist etwas gegen sie geprallt, als die Welle gebrochen ist. Ein loser Beschlag, ein Teil des Masts. Hätte alles Mögliche sein können.«

Julia ging vor ihrer Dienerin in die Hocke und fasste sie bei den Schultern. »Jesmiah! Wach auf. Du sollst aufwachen! Ich befehle dir, wach auf!« Sie schüttelte Jesmiah heftig, wobei der Kopf des toten Mädchens bedenklich wackelte.

Macro kniete neben ihr nieder und ergriff Julias Hände. »Herrin, sie ist tot. Sie kann dich nicht mehr hören. Du kannst nichts mehr für sie tun.« Er atmete tief durch, um seiner Gefühle Herr zu werden. »Und für Cato auch nicht.«

Julia funkelte ihn zornig an, dann erschlafften ihre Gesichtszüge, sie wurde von Schluchzern geschüttelt und schlug die Hände vors Gesicht. Macro legte ihr zögernd den Arm um die Schultern und überlegte, wie er sie trösten sollte. Doch er wusste nicht, was er sagen sollte, und so saßen sie einfach nur da, während das aufgewühlte Meer sich allmählich wieder beruhigte. Schließlich richtete Macro sich auf und zupfte Sempronius am Ärmel.

»Du solltest dich um sie kümmern, Herr.«

»Was?« Der Senator runzelte kurz die Stirn, von der Flutwelle und der Erkenntnis, dass er mit dem Leben davongekommen war, noch immer ganz benommen. Dann sah er auf seine Tochter nieder und nickte. »Ja, du hast Recht. Ich kümmere mich um sie. Was nun, Macro?«

»Herr?«

»Was sollen wir jetzt tun?«

Macro kratzte sich am Kinn. »Ich schätze, wir versuchen erst mal, das Schiff über Wasser zu halten. Morgen sehen wir dann weiter.«

»Das ist alles?«

Macro atmete tief durch. »Ich bin kein beschissener Seemann, Herr. Ich bin Soldat. Aber ich werde tun, was ich kann. In Ordnung?«

Als der Senator sich setzte und seiner Tochter den Arm um die Schulter legte, straffte sich Macro und brüllte: »Auf die Beine, ihr faulen Säcke! Alle her zu mir, und zwar fix. Wir müssen das verdammte Schiff retten!«

Als die Gestalten sich um ihn scharten, blickte Macro ihnen entgegen, unwillkürlich darauf gefasst, Cato wohlauf aus dem Halbdunkel auftauchen zu sehen. Dessen Gesicht aber fehlte unter den mitgenommenen Überlebenden, die sich am Maststumpf versammelten.