Kicken im Auftrag der SED
Titelbild: Bundesarchiv, Plak 103-036-014 Zim
Dr. Hanns Leske lebt als Politikwissenschaftler in Berlin. Er hat sich in vielbeachteten Buchveröffentlichungen bereits mehrfach mit der Geschichte des DDR-Fußballs auseinandergesetzt u. a.:
Erich Mielke und das runde Leder: Der Einfluß der SED und des Ministeriums für Staatssicherheit auf dem Fußballsport in der DDR. Göttingen 2004.
Enzyklopädie des DDR-Fußballs. Göttingen 2007.
Diese Veröffentlichung stellt keine Meinungsäußerung der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen dar. Für inhaltliche Aussagen trägt der Autor die Verantwortung.
Landeszentrale für politische Bildung Thüringen
Regierungsstraße 73, 99084 Erfurt
www.lzt.thueringen.de
2. ergänzte Auflage 2012
ISBN: 978-3-937967-91-2
Übernahme des sowjetischen Systems: Sport auf Produktionsgrundlage
Stärkung durch Schwerpunktbildung: Die Gründung der Sportclubs
Leistungskonzentration durch die Gründung von reinen Fußballclubs
Die Sonderrolle des Fußballs – unheilvolle Macht der SED-Bezirksfürsten
„Erster Fußballbeschluss“ 1970: Nachteile für die Betriebssportgemeinschaften
Hierarchie des DDR-Klubfußballs: Privilegierung der Schwerpunktclubs
Start der Goldenen Jahre: UEFA-Jugendturnier-Sieg 1965
Der „schwarze Tag von Stara Zagora“
Beginn der Ära Buschner
Magdeburgs Europapokalsieg 1974
Weltmeisterschaft beim Klassenfeind
Flanke Hamann – Sparwassers Tor
Fortsetzung des deutsch-deutschen Duells im Europapokal
Olympiasieg 1976
Fall ins Mittelmaß – Die Entlassung Buschners
Glanz durch Dynamo Dresden
Europapokalendspiele für Jena und den 1.FC Lok Leipzig
Die Regentschaft des BFC Dynamo
Von der Stasi in Besitz genommen, vom Fußballvolk missachtet, in der Republik verhasst
Manipulation: Schiedsrichter pfeifen für den BFC Dynamo – erstmals im Mai 1968 in Schwerin
Einseitiger Schiedsrichter beim Pokalendspiel 1985 und der „Schandelfmeter“ von Leipzig 1986
Der„zweite Fußballbeschluss“ 1983
Die Überwachung des Fußballs durch die Staatssicherheit
Schiedsrichter im Sold der Staatssicherheit
Der rätselhafte Tod von Lutz Eigendorf
Fazit
Literaturhinweise
Anhang
Rangliste der Oberligaeinsätze
Torschützen der Oberliga
Rangliste der Europapokalspiele
Rangliste der EC-Tore
Meister, FDGB-Poklasieger und die Auf- und Absteiger
Der 1945 aus Moskau nach Ostdeutschland zurückgekehrte Kern der Kommunistischen Partei hatte hinsichtlich des Sportes zunächst keine konkreten Vorstellungen. Auf sowjetische Initiative hin wurde im Dezember 1945 per Kontrollratsdirektive bis zum 1. Januar 1946 die Auflösung aller vor der Kapitulation Deutschlands bestehenden sportlichen, militärischen und paramilitärischen athletischen Organisationen verfügt. Das war die Zerschlagung und Enteignung der bürgerlichen Sportvereine im Osten. Während sich in den Westzonen schnell wieder die alten traditionellen Fußballvereine konstituierten und einen zunächst bescheidenen, dann immer größer werdenden Spielbetrieb aufnehmen konnten, durften in der Sowjetischen Besatzungszone lediglich lokale Sportgemeinschaften (SG) gebildet werden, wobei die Organisation des Sportbetriebes ausschließlich bei den kommunalen Behörden und der Freien Deutschen Jugend (FDJ) lag. Die kommunistischen Machthaber entschieden sich dann nicht für eine Wiederbelebung der Arbeitersportbewegung. Stattdessen erfolgte die Implantierung eines staatlichen Sportsystems analog zum sowjetischen Vorbild.
Der „Sowjetisierung des Sports“ lag die Ideologie zu Grunde, dass der schaffende Mensch mit seiner Arbeitsstätte untrennbar verbunden sei, dass über die Tätigkeit an der Werkbank und der Maschine hinaus sein kulturelles und sportliches Erleben dort in der Gemeinschaft gepflegt werden müsse, dort seine eigentliche Heimstätte sei. Die erforderliche Umstrukturierung der Sportgemeinschaften zu Betriebssportgemeinschaften wurde programmatisch als „Reorganisierung des Betriebssportes auf Produktionsgrundlage“ bezeichnet. Ab 1949 begann in der gesamten Sowjetischen Besatzungszone erst langsam – nach Gründung der DDR jedoch forciert – die Kampagne „Sport auf Produktionsgrundlage“. Organisator des Fußballs war nun der Gewerkschaftsbund, aus den Sportgruppen wurden die Betriebssportgemeinschaften (BSG). Diese Bindung an die Betriebe hatte nicht nur ökonomische Gründe. In Abgrenzung zum bürgerlichen „Nur-Sportlertum“ sollte die Erfassung der Werktätigen in staatlich kontrollierten Betriebssportgemeinschaften den Sport an das SED-Regime binden. Die Partei der Arbeiterklasse vollzog den Bruch mit der bürgerlichen Vergangenheit („Der Vereinsgeist wird zu Grabe getragen“) ideologisch konsequent, auch wenn aus organisatorischen Gründen vereinzelt noch lange Jahre nicht an die verstaatliche Industrie gebundene Sportgemeinschaften (vor allem im Berliner Raum) existierten. Aufgrund fehlender ökonomischer Ressourcen waren diese Sportgemeinschaften nur bedingt wettbewerbsfähig und spielten fast ausschließlich in den Bezirksligen und darunter in den Bezirksklassen. Die Reorganisierung des Betriebsportes auf Produktionsgrundlage basierte auf der Bildung der Industriesportvereinigungen. Angekoppelt an die wichtigsten Branchen der DDR-Wirtschaft und staatlicher Einrichtungen inklusive Polizei und Kasernierter Volkspolizei (später Armee) entstanden 1950/51 achtzehn Sportvereinigungen. Der Name „Motor“ oder „Aufbau“ zeigte, zu welcher Branche der Trägerbetrieb gehörte. Zur besseren Unterscheidung und Lokalisierung wurden häufig noch Zusatzbezeichnungen wie „Motor-West“ oder „Motor-Mitte“ gewählt. Nach einer Meldung der Leipziger Volkszeitung wurden im September 1950 in Leipzig u.a. fünf BSG Lokomotive und neun BSG Mechanik gegründet.
Die feste Bindung an Trägerbetriebe der volkseigenen Wirtschaft hatte vor allem in den ersten Jahren der Republik zur Folge, dass entsprechend struktureller ökonomischer Veränderungen viele Betriebssportgemeinschaften mehrmals den Namen wechseln mussten. Recht schnell setzte sich im Staatlichen Komitee für Körperkultur und Sport die Erkenntnis durch, dass der Betriebssport auf Produktionsgrundlage zwar für den Massensport tauglich war, für den Spitzensport jedoch eine Differenzierung erfolgen musste. Diese geschah einerseits analog zur Entwicklung in der Sowjetunion und den anderen Volksdemokratien durch die Bildung der Sportvereinigungen der bewaffneten Organe „Dynamo“ (Vorläufer SG Deutsche Volkspolizei, März 1953 Gründung der SV Dynamo in Berlin-Grünau) und „Vorwärts“ (1950 Sportvereinigung Vorwärts der Kasernierten Volkspolizei, Herbst 1956 nach Bildung der NVA Neukonstituierung SV Vorwärts).
Mit einem gewaltigen propagandistischen Aufwand wurden nach dem Motto „Die Besten gehören zu Dynamo/KVP“ gute Spieler aus den Betriebssportgemeinschaften durchaus mit sanfter Gewalt und politischem Druck abgeworben. Die Leipziger Vorwärts-Mannschaft konnte Ende 1953 den Zugang von sechs Leistungsträgern des Ortsrivalen BSG Chemie vermelden. Ein Jahr später musste die Weltpolitik – mit der Schlussakte von London war das Besatzungsregime in der Bundesrepublik beendet und durch die Pariser Verträge die Westintegration mit dem Beitritt zur North Atlantic Treaty Organisation (NATO) und der Gründung der Westeuropäischen Union (WEU) eingeleitet worden – als Begründung für den Wechsel der beiden besten Außenstürmer Ost-Berlins, Günther Wirth und Horst Assmy, von Motor Oberschöneweide zum ZSK Vorwärts Berlin herhalten. „Berlins bekannter und repräsentativer Fußballspieler ‚Wibbel’ Wirth von Motor Oberschöneweide trat in diesen Tagen in die Reihen der KVP ein und wird in Zukunft beim ZSK Vorwärts spielen. In einer Erklärung dazu betont Günther Wirth, daß die Londoner und Pariser Abmachungen der Westmächte, die die Remilitarisierung Westdeutschlands vorsehen, die politische Lage in Europa außerordentlich verschärfen und die Gefahr eines neuen Weltkrieges erhöhen. Um den verstärkten Kampf des deutschen Volkes, um die Erhaltung des Friedens und gegen die Ratifizierung der Pariser Verträge zu unterstützen, entschloß sich Günther Wirth, der Kasernierten Volkspolizei beizutreten.“ (Neues Deutschland, 10. Dezember 1954) Zehn Tage später erklärte Assmy, ebenfalls unter ausdrücklichem Bezug auf die „augenblickliche politische Situation“ durch die Pariser Verträge, seinen Beitritt zum zentralen Fußballklub der Armee.
Bundesarchiv, Bild 183-24132-1898 Wittig
12. April 1954: Oberliga-Spiel Turbine Erfurt gegen Wismut Aue 2:0. Originaltext zu diesem Bild: „Der Torwart der Mannschaft Wismut Aue, Schmalfuß, konnte diesen plazierten Ball des Erfurter Turbine-Mittelstürmer, Vollrath, nicht mehr aufhalten und es hieß schon nach wenigen Minuten 1:0 für Turbine Erfurt.“
Andererseits erfolgte während der Saison 1954/55 auch im Fußballsport die Gründung von Schwerpunktclubs in den Industriesportvereinigungen. Bis auf die Sportvereinigungen Medizin und Post verfügte damit jede SV über (mindestens) einen Sportclub, in dem die Leistungssportler konzentriert wurden. Diese erste Reform zugunsten des Spitzensports wurde im Fußball konsequent verwirklicht und veränderte die Landkarte schlagartig. Die BSG Wismut Aue spielte nun als SC Wismut Karl-Marx-Stadt (nach Protesten der Kumpel) in Aue, aus dem Erzgebirge wurde die BSG Lauter an die Ostseeküste nach Rostock transferiert, Dynamo Dresden wurde in die Hauptstadt verfrachtet, Vorwärts war bereits im März von Leipzig nach Berlin umgezogen. Allerdings wohnten die Dynamo- und Vorwärts-Spieler nach wie vor in Dresden bzw. Leipzig und kamen nur zu den Heimspielen an die Spree.
Als im Januar 1955 die Konzentrierung begabter Nachwuchsspieler in den Ligamannschaften des SC DHfK Leipzig I + II als Kern künftiger Auswahlmannschaften abgebrochen wurde und Dynamo Dresden und Vorwärts Leipzig stattdessen die Ligaplätze einnahmen, kehrte eine Reihe von Aktiven der Mannschaften der bewaffneten Organe nach Dresden und Leipzig zurück, während gleichzeitig die Talente des SC DHfK in die Ost-Berliner Mannschaften integriert wurden.
Trotz der Schwerpunktbildung blieben die Erfolge bescheiden, insbesondere im Vergleich zur Bundesrepublik, die den Gewinn der Fußballweltmeisterschaft 1954 und Rang Vier bei der WM 1958 für sich reklamieren konnte. Bei der Gründung des Deutschen Fußballverbandes der DDR 1958 wurde deshalb großspurig als Zielstellung verkündet, bis 1960 die Nationalmannschaft und die Spitzenklubs Westdeutschlands zu überflügeln und das Niveau der besten europäischen Mannschaften zu erreichen. Nach dem deutlichen Verpassen des Ziels, kam dem Verband der Beschluss des Deutschen Turn- und Sportbundes (DTSB) entgegen, in Vorbereitung auf die Olympischen Spiele 1964 zur weiteren Leistungssteigerung in den olympischen Sportarten in leistungsschwachen Bezirken neue Sportclubs zu bilden. Ex-Oberligist BSG Rotation Babelsberg lief ab Januar 1961 als SC Potsdam auf, in Neubrandenburg wurde zum 1. Mai 1962 aus der BSG Turbine der SC Neubrandenburg, in Frankfurt/Oder übernahm im Sommer 1962 der SC Frankfurt Spieler und Ligaplatz der SG Dynamo Frankfurt. Diesen Maßnahmen war nur in Neubrandenburg ein kurzzeitiger Erfolg beschieden. Eine Saison spielte der SCN in der Oberliga. Mit der Bildung der Fußballclubs 1965/66 wurden die Sportclubs in Potsdam/Babelsberg und Neubrandenburg zu BSGen zurückgestuft und die Sektion Fußball des SC Frankfurt der SG Dynamo Mitte Frankfurt angegliedert.
Bundesarchiv Bild, 183-P0616-0326 Thomas Lehmann
16. Juni 1975: FDGB-Pokal-Finale SG Dynamo Dresden - BSG Sachsenring Zwickau. Harry Tisch überreicht dem Zwickauer Jürgen Croy die Trophäe.
Bezeichnend für die Unabwägbarkeiten bei der Planung von Erfolgen im staatlich gelenkten Fußballsport war die Saison 1963/64. Aus den durchaus erfolgreichen Auftritten der aus Spielern des SC Lokomotive (bis 1954 Chemie) und des SC Rotation gebildeten Leipziger Stadtmannschaft im internationalen Messecup zogen SED-Bezirksleitung, DTSB und Verband die Schlussfolgerung, eine Konzentration der besten Leipziger in einer Klubmannschaft würde den Weg zur DDR-Spitze ebnen. Demgemäß wurden die Besten in den Kader des neu gegründeten SC Leipzig aufgenommen, die anderen durften bei der wieder zugelassenen BSG Chemie in Leutzsch spielen. Völlig unerwartet wurde die falsche Mannschaft, der „Rest von Leipzig“, DDR-Meister 1964! Bis zum Ende der DDR gelang dann keiner BSG-Mannschaft ein derartiger Außenseitererfolg (im FDGB-Pokal triumphierten lediglich noch 1966 die BSG Chemie Leipzig, 1967 die BSG Motor Zwickau und 1975 die BSG Sachsenring Zwickau), da die eineinhalb Jahre später durchgeführte zweite grundlegende Strukturreform eine Zweiklassengesellschaft zementierte.
In einem Papier mit dem Titel „Sofortmaßnahmen zur Verbesserung der Arbeit und der Leistungen im Fußballsport der Deutschen Demokratischen Republik“ vom 22. Juni 1964, also kurz nach dem Titelgewinn der BSG Chemie, wird konstatiert: „Trotz einer ansteigenden Tendenz der Leistungen unserer Nationalmannschaft in den letzten Jahren muss sowohl für die Ergebnisse unserer Auswahlvertretungen wie auch für die internationalen Vergleiche unserer Oberligamannschaften festgestellt werden: Gemessen an der außergewöhnlichen Entwicklung des Leistungsfußballs im Weltmaßstab nach 1945 haben wir nur geringe Fortschritte zu verzeichnen.“ In der Analyse für die Missstände und das mäßige Niveau im Leistungsfußball zeigten die Verbandsfunktionäre die Schwachstellen des Systems auf: Sie monierten das unzureichende Training, weshalb man auf Rahmentrainingspläne verfiel, die – weil fußballfremd – in den Spitzenklubs jedoch später nie praktiziert wurden. Sie beklagten fehlende materielle Anreize, die eine Konzentration der besten Spieler und Trainer verhindern und die notwendige Trainings- und Leistungsbereitschaft nicht fördern würden, weshalb eine neuartige Staffelung der Gehalts- und Prämienzahlungen eingeführt wurde. Und sie kritisierten die mangelnde Durchsetzungskraft der Fußballsektionen gegenüber den anderen Sektionen in den Sportclubs, die aufgrund ihrer geringeren Bedeutung gegen den Fußball eingestellt seien. Ihre Schlussfolgerung: „Mit Hilfe der ökonomischen Mittel, des materiellen Anreizes und der Konzentration der besten Kader in den bedeutendsten Mannschaften (SC Rostock, Karl-Marx-Stadt, SC Leipzig, SC Jena und ASK) ist es möglich, verlorengegangenen Boden schnellstens aufzuholen und den Anschluß an die europäische Spitze zu erreichen.“
Die neue Parole lautete nun Herauslösung der Fußballsektionen aus den Sportclubs und Bildung reiner Fußballclubs, die eine Konzentration auf ausschließlich Fußballziele ermöglichen sollte. Sie war auch ein Reflex auf die 1963 gegründete Bundesliga in der Bundesrepublik. Mit einem Beschluss des Sekretariats des ZK der SED vom 18. August 1965 und einem darauf basierenden Beschluss des Bundesvorstandes des DTSB wurde die Reform eingeleitet. Zielstellung war die konsequente Durchsetzung des wissenschaftlichen Trainings, die wesentliche Verbesserung der politisch-moralischen Erziehung der Spieler und die Leistungskonzentration in Schwerpunktclubs. Die Bezirke Rostock, Magdeburg, Halle, Leipzig, Erfurt, Gera und Karl-Marx-Stadt erhielten jeweils einen Klub, Ost-Berlin mit dem FCV, dem BFC und – nach Intervention des FDGB-Chefs Warncke – Union (als zivilem Klub) drei, Dresden genoss als besonders zu fördernder Verein einen Sonderstatus. Als erster Klub wurde am 21. Dezember 1965 der 1.FC Magdeburg gegründet. Zum Vorsitzenden wurde der Direktor des VEB Schwermaschinenbau Ernst Thälmann bestellt. Hansa Rostock erblickte drei Tage vor Silvester das Licht der Welt, Vorsitzender hier der Präsident der Direktion für See- und Hafenwirtschaft.
Die Gründungsversammlungen liefen stets nach dem gleichen Schema ab. In einer Stunde sprach der neue Vorsitzende (Direktor des Träger-VEBs), gab es eine Verpflichtungserklärung durch den jeweiligen Mannschaftskapitän sowie salbungsvolle Worte der SED-Bezirksgröße. Danach Kulturprogramm mit biederem Strickmuster. Bei der Konstituierung des späteren Serienmeisters BFC Dynamo in der Dynamo-Sporthalle ließ der Minister für Staatssicherheit, Erich Mielke, einen Stasi-Major zum Vorsitzenden ausrufen, stellv. Klubchef wurde sein engster Vertrauter. Beim FC Vorwärts wurde der Stadtkommandant von Ost-Berlin Klubchef, einer seiner Stellvertreter der Fernsehfunkagitator Karl-Eduard von Schnitzler.
Mit der Abschaffung von Motor, Empor und Turbine und der Wahl von fußballspezifischen Clubnamen sollte die ersehnte Identifikation der Fans mit ihrem Kollektiv erreicht werden. Ganz bewusst wurde in der DDR-Presse auf die neue Möglichkeit hingewiesen, „sich einem der neu entstehenden Clubs bzw. Oberligamannschaften anzuschließen“. Später entwickelte sich daraus eine Fankultur wie im Westen, mit Fanclubs, mit Kutten, Stickers, Schals, Transparenten mit mehr oder minder geistvollen Slogans. Diese tief greifende Zäsur im DDR-Fußball beschränkte sich jedoch nur auf den Spitzenfußball. Unterhalb der Liga wimmelte es weiterhin vor Motor und ähnlichem. In vielen Staffeln der Bezirksklasse hätte man auch um den „Goldenen Traktor“ spielen können, ein Wettbewerb, den es republikweit bis 1989 gab.
Drei Personen beherrschten dank dem von der Sowjetunion übernommenen System der Nomenklatur fast vierzig Jahre die Sportpolitik. Manfred Ewald nahm bereits 1948 seine Tätigkeit im Deutschen Sportausschuss auf, war ab 1952 Staatssekretär und Vorsitzender des Staatlichen Komitees für Körperkultur, dann siebenundzwanzig Jahre Präsident des DTSB und bis 1990 Präsident des NOK der DDR. Rudolf Hellmann wurde bereits Mitte der 50er-Jahre Mitarbeiter der für Sport zuständigen Arbeitsgruppe beim ZK der SED und war dann von 1960 bis 1989 deren Leiter. Erich Mielke war der einzige Vorsitzende der Sportvereinigung Dynamo in der DDR-Geschichte, von deren Gründung 1953 bis zu ihrem Ende 1989. Der allmächtige Chef des Sicherheitsapparates war zugleich der (zweit)mächtigste Sportfunktionär des Landes und verstand es, beide Tätigkeiten miteinander zu verbinden und seine jeweiligen Interessen rüde durchzusetzen. Mit Hilfe der Leistungskommissionen des DTSB und unter Mitwirkung der Fachverbände steuerten die drei Männer den DDR-Sport. Mit einem strengen, leistungsorientierte Regiment, einem perfektionierten Auslesesystem zur Nachwuchsrekrutierung und der kompromisslosen Förderung einer kleinen Gruppe privilegierter Spitzensportler ermöglichten sie der ostdeutschen Teilrepublik den Weg zu einer der führenden Sportnationen der Welt.