Nadia Qani
Ich bin eine Deutsche aus Afghanistan
Von der Drachenläuferin zur Unternehmerin
Fischer e-books
Nadia Qani, 1960 in Kabul/Afghanistan geboren und mit dem ältesten Sohn einer Familie aus der Oberschicht verheiratet, musste 1980 das Land verlassen. Sie floh über Pakistan und London nach Deutschland. Angekommen in Frankfurt, stand die junge Familie vor dem Nichts. Nadia Qani arbeitete u.a. als Kassiererin im Baumarkt, als Putzfrau und als Bürokraft, zog nebenbei zwei Söhne groß. Und sie arbeitete sich langsam aber sicher nach oben. 1993 gründete sie einen Pflegedienst. Nadia Qani wurde für ihre unternehmerische und soziale Leistung mehrfach ausgezeichnet, zuletzt 2009 mit dem Bundesverdienstkreuz.
»Eigentlich habe ich überall als Putzfrau angefangen.« Der Weg einer Frau, die keine Widerstände kennt, von der Asylbewerberin bis zur erfolgreichen Unternehmerin
Nadia Qani ist 20 Jahre alt, als sie Afghanistan aus politischen Gründen verlassen muss. Mit nicht mehr als einer Handtasche und einem dünnen Kleid kommt sie schließlich in Frankfurt an, wo sie ihr Mann schon auf sie wartet. Die junge Familie muss ganz von vorne anfangen. »Arbeiten bis zum Umfallen« wird ihr Weg, sich in die neue Gesellschaft einzugliedern, »Es ist, wie es ist, also mache etwas daraus« ihr Lebensmotto. Nadia Qani erzählt davon, wie sie sich emporgearbeitet hat bis zur erfolgreichen Unternehmerin, vor allem aber auch davon, wie sie durch ihr soziales Engagement afghanische Frauen in Deutschland unterstützt und ihre Mitarbeiter fördert - und von dem zurückgibt, was ihr selbst Gutes widerfahren ist. Ihre Lebensgeschichte ist nicht nur ein Beispiel für gelungene Integration, sondern die Erfolgsgeschichte einer energiegeladenen, willensstarken Unternehmerin mit einem großen Herzen für andere.
Covergestaltung: bürosüd°, München
Coverabbildung: Gabi Gerster
© S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2010
DIeses E-Book ist urherberrechtlich geschützt.
ISBN 978-3-10-400819-6
Für meine beiden wunderbaren Söhne
„Kor de soli kor dә tori …“
„Land des Friedens, Land des Schwerts“ – so heißt es in unserer neuen afghanischen Nationalhymne. Afghanistan, das ist das Land meiner Kindheit und Jugend, meiner Träume. Wenn ich daran denke, rieche ich die scharfen Gewürze meiner Heimat, ich habe den süßen Geschmack der grünen Trauben aus Herat auf meiner Zunge. In meinen Erinnerungen springe ich durch die Straßen von Kabul, staune über die Farbigkeit der Gassen und wetteifere mit den Jungen aus der Nachbarschaft darum, den Sieg bei den Drachenläufen zu erringen. Und ich erlebe den aufregenden Moment, als ich meinen Märchenprinzen finde – besser gesagt er mich – und er mir die Welt zu Füßen legt.
Ein Paradies? Ja, das war es! Und natürlich war es auch alles andere. Es war Armut, es war Kampf, es wurde Krieg und Flucht. Es bleibt mir gar nichts anderes übrig, als auch darüber nachzudenken. Denn so, wie die Erinnerung an das Schöne bleibt, hat auch das Hässliche ein langes Leben. Obwohl ich immer darum bemüht war, böse Erlebnisse zu vergessen oder zumindest so zu verarbeiten, dass sie nicht zur beherrschenden Kraft in meinem Leben wurden.
Afghanistan, das Land des Schwerts. Ich musste es verlassen, weil die politischen Verhältnisse keinen Raum mehr ließen für ein freies, für ein glückliches Leben. Dennoch ist mein Leben untrennbar mit diesem Land verbunden. Es ist mein Vater und meine Mutter – und es ist meine Ehe. Mein Leben und das meines Mannes sind unauflöslich verbunden – auch wenn wir schon längst kein gemeinsames mehr führen. Meine Geschichte lässt sich nicht ohne ihn erzählen, meine Kinder sind seine Kinder, seine Schmerzen waren meine. Wir waren glücklich miteinander und wir sind durch nachtschwarze Zeiten gegangen. Denn traumatische Erlebnisse, wie es die Vertreibung aus einem Paradies ist, führen nicht unbedingt dazu, dass man noch enger zusammenrückt. Sie verändern die Menschen, jeden auf eine andere Weise. Sie fördern Eigenschaften zutage, die man einem Menschen, den man scheinbar besser kannte als sich selbst, niemals zugetraut hätte.
In diesem Buch lautet der Name meines Mannes Jamil. Das ist persisch und bedeutet „der Schöne“ – und er gehört ja auch tatsächlich zum Schönsten in meinem Leben. Meine Freunde und Geschwister und alle anderen, die ihm begegnet sind, werden sich beim Lesen verwundert die Augen reiben, denn sie kennen ihn natürlich unter seinem richtigen Namen. Ebenso habe ich die Namen seiner Geschwister, anderer Mitglieder seiner Familie und mancher Freunde geändert. Aus Rücksicht auf unsere gemeinsamen Kinder auch deren Namen.
Warum ein anderer Name für meinen Mann? Ich kann meine Geschichte nicht ohne seine erzählen, doch ich darf sie in diesem Buch nicht so erzählen, wie ich sie meiner Freundin anvertrauen würde. Ich sage die Wahrheit, meine Wahrheit, manchmal aber kann ich sie nur andeuten, manche Vorkommnisse werde ich nur in vermittelter Weise darstellen können.
Jamil hat die Höhepunkte meines Lebens bestimmt, aber auch dessen Tiefpunkt, er hat auf vielerlei Weise – auch im Negativen – meine Schritte beeinflusst. Er hat direkt oder indirekt dazu beigetragen, dass ich heute ein eigenes Unternehmen führe, dass ich viele Interessen und Ideen habe, meine Kraft und Energie auch für andere einsetze. Ich habe meinen Weg gefunden. Er hat mich von Afghanistan nach Deutschland geführt. Hier bin ich, und dies ist meine Geschichte.
Mein Vater hieß Nur Mohamad. Der klassischste Name, der für einen Moslem denkbar ist. Allerdings: Traditionell kam mir mein Vater eigentlich nie vor. Nicht, dass wir nicht alle einen Heidenrespekt vor ihm gehabt hätten. Aber für afghanische Verhältnisse war er ein unglaublich moderner Mann. Er hatte dauernd neue Ideen und tat kaum etwas, »weil man es eben so macht«. Er war ein durch und durch unabhängiger Kopf. Vielleicht liegt es daran, dass er Fotograf war, jedenfalls war er immer bereit und in der Lage, die Dinge ganz anders zu sehen, als es üblich war, und Sachen miteinander zu verknüpfen, die bis dahin nichts miteinander zu tun hatten.
Beispielsweise hatte er eine ausgeprägte künstlerische Ader. Aber der Markt für Kunstfotografen war in den dreißiger, vierziger Jahren, als er erwachsen wurde und einen Beruf brauchte, in Afghanistan nicht besonders aussichtsreich. Davon ließ sich mein Vater jedoch nicht beeindrucken. Wenn es schon mit der Kunst nichts wurde, dann wenigstens mit den Fotos. Aber das richtig und im großen Stil. Er eröffnete ein Fotogeschäft und stellte es schon bald auf eine solide und überaus lukrative Basis. Es gelang ihm nämlich, mit dem Bildungsministerium und mit dem Verteidigungsministerium einen Vertrag zu schließen. Für das Bildungsministerium fotografierte er alle neu eingeschulten Kinder, für das Verteidigungsministerium alle Rekruten, die eingezogen wurden. Er fertigte Porträts an, entwickelte die Filme und zog die Fotos für die Verwaltung und das Archiv ab. Ein quasi nie versiegender Quell der Arbeit und des Wohlstands. Weder an Schülern noch an Rekruten gab es einen Mangel, und die Bürokratie war unersättlich und brauchte permanent Bilder.
Irgendwann wurde es meinem Vater jedoch zu viel, dauernd im Land herumzureisen und Tausende von Schülern und Rekruten abzulichten. Er entwickelte ein neues Geschäftsmodell: Mein Vater gründete Filialen. Er schaute sich in den verschiedenen Provinzstädten um, bei denen die großen Kasernen lagen, und suchte sich Leute, denen er vertrauen konnte. Oft Familienväter mit vier oder fünf Kindern. Bei denen war Geld knapp, die meisten waren sogar richtig arm. Mein Vater sprach mit den Leuten, prüfte sie auf Herz und Nieren und wählte die aus, die sich mit ihrem Schicksal nicht schon abgefunden hatten und noch etwas mit ihrem Leben anzufangen wussten. Die zum Beispiel ihren Kindern eine Ausbildung zukommen lassen wollten. Für diese Männer gründete er am Ort eine Filiale seines Fotogeschäfts. Mein Vater schulte sie, bis sie alles konnten, und nach ungefähr einem halben Jahr übernahmen sie das Geschäft. Sie führten für die Aufträge, die sie abwickelten, eine Provision an ihn ab, und so war allen gedient. Die Familien hatten ein Auskommen, mein Vater konnte helfen und verdiente außerdem noch ein bisschen daran.
Wie seine Fotos waren, weiß ich nicht mehr, aber heute erscheint mir als seine wahre Kunst, dass er sich einerseits den Gegebenheiten anpasste, andererseits eine Situation neu formte und gestaltete. Er hatte Ideen und Ziele – und die brachte er mit der Wirklichkeit zusammen, auch wenn die zunächst nicht besonders aufnahmebereit wirkte. Einiges von dieser, sagen wir, phantasievollen Flexibilität habe ich geerbt. Anders hätte ich das alles gar nicht überstanden, diese radikalen Veränderungen in meinem Leben, die vielen Aufs und Abs. Und ich hätte nicht mit den Aufgaben fertig werden können, die mir zugefallen sind. Jedenfalls glaube ich fest daran, dass mein Vater seine Kraft und Stärke an mich weitergegeben hat.
Er war aber nicht nur mit Tatkraft gesegnet, sondern auch mit der Gabe des Ausgleichs. Und ein gewisses diplomatisches Talent brauchte er in seinem Haushalt unbedingt. Denn mein Vater war zwar ein moderner Mann, hielt es aber zumindest in einer Hinsicht mit der Tradition des Korans: Er hatte vier Ehefrauen. Eine von ihnen ist früh gestorben. Und alle hatten Kinder. Insgesamt waren wir 20 Geschwister. Vor ein paar Jahren haben wir einmal versucht, nachzurechnen, wie viele Nachkommen mein Vater eigentlich hatte. Wir sind auf über 300 Enkelkinder gekommen, und wahrscheinlich sind das noch nicht einmal alle. Irgendwann rissen die Fäden der Erinnerung ab, und die Namen der Kinder von sehr entfernten Cousins und Cousinen fielen uns einfach nicht mehr ein.
Unsere ganze Familie wohnte in einem Haus in Shourbazar, einem alten Viertel von Kabul in der Stadtmitte. Es war das Viertel der Künstler, Sänger, Tänzer und Literaten – keine sehr wohlhabenden Leute, aber quirlig, interessant, viele sehr gebildet. Man hörte etliche der Sprachen, die in Afghanistan gesprochen werden: Paschto, Dari, Urdu und außerdem noch jede Menge Dialekte. Hindus, Moslems und Juden lebten vollkommen problemlos nebeneinander und miteinander. Ständig wehten Gesang oder die Fetzen einer Melodie durch die Straßen, weil die klassischen Tanzschulen mit ihren Eleven übten und die Sänger den Nachbarn ihre neuen Lieder vortrugen. Die Fensterrahmen und -läden waren rot, blau, grün oder in anderen kräftigen Farben gestrichen, wie ein aufrecht stehender Malkasten sah so eine Häuserzeile aus. Und dazwischen die Farben und Muster vieler Kleider. Denn die meisten Leute saßen nur zu gern auf den niedrigen Fensterbänken und beobachteten von dort das Treiben auf der Straße, riefen ihren Nachbarn Grüße zu oder unterhielten sich lautstark mit jemandem, der gerade vorbeikam.
Die meisten Häuser hatten nur zwei, drei oder höchstens vier Stockwerke. Es waren traditionelle Fachwerk-Lehmhäuser. Später habe ich gesehen, dass es in Frankfurt und in den alten Vierteln vieler deutscher Städte auch solche Fachwerkhäuser gibt. Das hat mich sehr berührt, und ich habe mich gleich etwas heimischer gefühlt, obwohl ich selbst natürlich in Frankfurt nicht in solch einem Haus wohnte, sondern in einem keineswegs anheimelnden Asylbewerberheim.
Unser Haus in Shourbazar war ein großes Atriumhaus mit mehreren Wohnungen. Die drei Ehefrauen lebten mit ihren Kindern in jeweils einer Wohnung, ebenso hatten die großen Söhne schon eine eigene Wohnung. Es gab keinen Garten, aber einen Brunnen im Hof, in dem große Bäume Schatten spendeten. Weil jeder sich dort das Wasser holte, war der Brunnen ein Treffpunkt für alle. Unbeschreiblich, wie viel da immer los war, immer hatte ich jemanden zum Spielen. Ein herrliches Leben, in dem ich nie allein war. Einer meiner Halbbrüder war fast genau so alt wie ich, wir steckten ständig zusammen und dachten uns Streiche aus. Und die großen Geschwister passten auf uns auf, schimpften mit uns, wenn wir ihnen auf die Nerven gingen, halfen uns bei den Schulaufgaben und achteten darauf, dass wir nicht allzu sehr über die Stränge schlugen. Stritt man sich mit einem Bruder oder einer Schwester, so war bei den anderen mit Sicherheit einer zu finden, der zu einem hielt. Man hatte seine Lieblingsgeschwister, seine Vorbilder und wurde selbst Vorbild für die noch Kleineren. In Deutschland mit den vielen Ein-Kind-Familien kann man sich eine solche Gemeinschaft kaum vorstellen.
Für die Frauen war es sicher nicht immer leicht, zumal für die letzten beiden. Meine Mutter kam nämlich als dritte Ehefrau in die Familie und war deutlich jünger als die beiden anderen. Das hat zunächst sogar ein wenig böses Blut gegeben. Sie war 16 Jahre alt, als mein Vater um sie geworben hat; er muss ungefähr 45 Jahre alt gewesen sein, also ein Altersunterschied von rund 30 Jahren. Ich weiß nicht mehr, wo er sie das erste Mal gesehen hat, auf jeden Fall stand er sofort in Flammen. Sie war zart gebaut, hatte eine stolze Haltung und trug ihr dickes schwarzes Haar zu einem langen, seitlichen Zopf gebunden.
Mein Vater war zwar verliebt, doch das raubte ihm keineswegs den Verstand. Offenbar war ihm klar, dass es nicht ganz einfach sein würde, eine so junge Frau ins Haus zu bringen. Sein erster Sohn war ungefähr so alt wie die Braut! Mein Vater ging also strategisch vor, was zunächst einmal bedeutete: diskret. Er ging zum Vater von Safura, so hieß die Auserwählte, und bot ihm einen Handel an: Er würde zwei Häuser kaufen, eins als Wohnung für Safuras Familie, eins zum Vermieten, damit ein regelmäßiges Einkommen vorhanden wäre. Die Braut war nämlich nicht nur blutjung, sondern auch bitterarm, mithin weit unter dem Stand meines Vaters. Safuras Vater, also mein Großvater, war hoch erfreut und stimmte sofort zu.
Auch meine Mutter war selig. Das hat sie mir immer wieder erzählt. Von einem gebildeten und wohlhabenden Mann ausgewählt zu werden war ein so großes Glück, dass sie es kaum fassen konnte. Wenn ich in Deutschland von der Ehe meiner Eltern erzähle, höre ich oft Bemerkungen, dass ein so alter Mann für ein junges Mädchen doch nicht attraktiv gewesen wäre. Aber so hat es keiner empfunden, Safura schon gar nicht. Im Gegenteil, es war ehrenhaft, und sie verdankte ihm ihren Aufstieg in ein ganz anderes Leben, nicht nur finanziell gesehen. Mein Vater hatte ihr ja sehr viel zu bieten. Sie war Analphabetin, und er brachte ihr unendlich viel bei, vermittelte Wissen über alles Mögliche. Mit diesem Arrangement stand also jeder besser da als zuvor. Das war das herausragende Talent meines Vaters: dass es ihm immer gelang, eine Situation zu schaffen, in der jeder profitierte und am Ende alle glücklich waren.
Die anderen Ehefrauen mussten von ihrem Glück allerdings erst noch überzeugt werden. Dafür hat er sich dann viel Zeit genommen und seine neue Ehe zunächst allein genossen. Meine Mutter lebte nämlich im ersten Jahr nach der Heirat in dem Haus ihrer Eltern, das mein Vater für sie gekauft hatte. Mein Vater besuchte sie regelmäßig und sagte den beiden anderen Ehefrauen nichts. Ich bin aber überzeugt davon, dass sie mehr oder weniger genau Bescheid wussten. So ein Haushalt ist ja ein sehr intimes Gebilde, in dem sofort auffällt, wenn sich Gewohnheiten verändern. Normalerweise wird abwechselnd jede der Ehefrauen besucht. Und wenn mein Vater regelmäßig ein- oder zweimal in der Woche verschwand und vielleicht sogar über Nacht wegblieb, haben seine Ehefrauen bestimmt ihre Schlüsse gezogen. Öffentlich etwas gesagt oder gar gemeckert hat aber keine. Ich führe das letztlich auch auf die geschickte und menschenfreundliche Art meines Vaters zurück: Er hat ihnen immer das Gefühl vermittelt, dass sie weiterhin geschätzt waren und eine neue Frau nicht notwendigerweise eine Herabsetzung für sie bedeutete.
Heute denke ich, dass er meine Mutter vielleicht erst einmal eine kleine Weile für sich allein haben wollte. Vielleicht wollte er sie aber auch noch eine Zeitlang aus dem großen Haushalt heraushalten, damit sie ein wenig mehr an Reife gewinnen konnte und dann einen besseren Stand in der riesigen Gemeinschaft haben würde. Für »Neue« ist das ja alles gar nicht einfach. Man kommt in ein mehr oder weniger festgefügtes System, jeder hat dort schon längst seine Rolle und seine Position gefunden, manche bereits seit Jahren. Alle sind aufeinander eingestimmt, und jeder weiß, woran er mit den anderen ist. Es gibt sicher auch Zankereien, aber im Wesentlichen haben alle ihren Platz eingenommen. Jeder weiß, wem er etwas sagen darf, wem er sich unterordnen muss und wie er den anderen zu nehmen hat. Und dann kommt eine neue Frau, was zuallererst einmal heißt: Alles gerät durcheinander, alles muss neu bestimmt werden. Und für die älteren Frauen wird es beileibe nicht einfacher, wenn die neue Frau besonders jung und besonders hübsch ist.
Es gab also einen ordentlichen Aufruhr, als mein Vater seinen beiden Ehefrauen meine Mutter als Nummer drei präsentierte. Und das war ja noch nicht alles. Sie kam nämlich nicht allein. Sie hatte ein Baby auf dem Arm. Das war ich. Man kann sich vorstellen, dass die anderen schwer zu schlucken hatten. Selbst wenn sie vorher etwas geahnt oder es sogar schon gewusst hatten: Wenn »das Problem« leibhaftig in der Tür steht, und dann gleich noch mit dem Beweis der gelungenen Verbindung auf dem Arm, ist das doch etwas ganz anderes.
Der älteste Sohn aus der Ehe mit der ersten Frau meines Vaters rebellierte. Nicht, weil er direkt etwas gegen meine Mutter als Person gehabt hätte, sondern einfach, weil er es unnatürlich fand, dass sein Vater mit einer Frau verheiratet war, die so viel jünger war als er. Mein Vater redete mit ihm und schaffte es nach und nach, dass er seinen Groll begrub.
Der große Altersunterschied hat später gelegentlich zu heiklen Situationen geführt. Ich erinnere mich an die Geschichte eines peinlichen Vorfalls, der sich in einem Schuhgeschäft ereignete. Der Verkäufer hielt nämlich meine Mutter für die Tochter und beglückwünschte wortreich den stolzen »Vater« zu diesem hübschen Geschöpf. »Wie schön sind die Füße! Und auch die Beine so wohlgeformt. Was für ein Glück, wenn man so eine herrliche Tochter hat. Nur die besten Schuhe kommen für sie in Frage.« Und so weiter und so fort. Der Mann kam aus dem Schwärmen gar nicht mehr heraus und zog ein Paar Schuhe nach dem anderen aus dem Regal. Man kann es ihm nicht übelnehmen: Zum einen legte der Altersunterschied das Missverständnis nahe, zum anderen war es absolut unüblich für einen Mann, seine Ehefrau zum Schuhkauf zu begleiten. Mein Vater war peinlich berührt und nicht in der Lage, den Verkäufer zurechtzuweisen, er möge seine Finger von ihren Füßen lassen, und ihn aufzuklären, dass es sich um seine Ehefrau handelte. Von dieser Schwäche profitierte der Verkäufer. Mein Vater hatte in seiner Verlegenheit nämlich nichts anderes im Sinn, als diesem Wortschwall zu entkommen und den Laden möglichst rasch zu verlassen. Also kürzte er das Auswahlverfahren ab und sagte: »Ist gut, ist gut. Wir nehmen alle Schuhe. Packen Sie alle ein.« So zogen sie mit fünf oder sechs Paaren aus dem Geschäft statt mit einem.
Diese Geschichte trug sich zu, lange nachdem zu Hause die Stürme über den Einzug meiner Mutter abgeflaut waren. Nach den ersten Turbulenzen haben sich schließlich alle beruhigt und sind gut miteinander ausgekommen. Meine Mutter bekam nach mir noch meine Schwester Maria, und wir hatten auch noch Geschwister von den anderen Frauen meines Vaters, die ungefähr so alt waren wie wir. Wenn heute die drei Frauen, die noch am Leben sind, über ihren Ehemann sprechen, fließen regelmäßig die Tränen. Nach so vielen Jahren!
Ich kann es verstehen. Auch ich selbst habe überaus zärtliche Erinnerungen an meinen Vater. Wann immer ich an ihn denke, wird mir warm ums Herz, noch heute, so viele Jahre nach seinem Tod. Er war ehrfurchtgebietend, aber ich hatte keine Angst vor ihm. Man konnte ihm Streiche spielen, ohne dass er wütend oder gar jähzornig wurde. Als mein Halbbruder Aziz und ich ungefähr vier Jahre alt waren, hatten wir ein Lieblingsspiel: Wir klopften an die Tür seiner Wohnung und versteckten uns blitzschnell. Wenn mein Vater dann die Tür öffnete, war keiner von uns zu sehen. Das fanden wir beide wahnsinnig komisch, und wir haben uns halb totgelacht. Mein Vater spielte mit, indem er sich ganz offensichtlich wunderte und vor sich hin brummte: »Nanu, da hat es doch geklopft? Es ist aber keiner da. Habe ich mich denn verhört?« Wir kamen uns unglaublich raffiniert vor.
Dieses Spiel war relativ einfach. Anspruchsvoller war es, in seine Wohnung hineinzukommen. Dafür mussten wir besondere Tricks anwenden, denn für uns kleine Kinder galt »Betreten streng verboten«. Mein Vater hatte sehr schöne englische Möbel, und noch heute bekomme ich sofort Heimweh nach diesem Wohnzimmer, wenn ich einen alten englischen Film mit solch wuchtigen Stühlen und bauchigen Kommoden sehe.
Der Raum übte eine ganz eigene Faszination auf uns aus, und wir setzten alles daran, dieses verbotene Terrain hin und wieder zu erkunden. Eine solche Expedition wurde sorgfältig geplant. Wir richteten die Kleider ordentlich her, strichen die Haare glatt und machten liebe Gesichter. Wenn mein Vater auf unser Klopfen hin die Tür öffnete, fragten wir: »Papa, dürfen wir ins Wohnzimmer? Wir sind auch ganz brav, großes Ehrenwort.«
»Aber ihr wisst doch, dass das nichts für Kinder ist. Nichts da, spielt anderswo.«
So ging es noch ein paar Mal hin und her, und dann setzen wir das letzte Mittel ein: Einer fing an zu weinen, meistens ich. Das war gar kein Problem, ich dachte kurz daran, wie traurig es wäre, nicht ins Wohnzimmer zu dürfen, und schon kullerten mir die Tränen über die Wangen. Ich schluchzte ganz bitterlich. Natürlich gehörte das zu unserem Plan und war vorher abgesprochen zwischen uns Kindern. Und fast immer funktionierte es. Meinen Vater rührte mein Kummer, so dass er schließlich seufzend die Wohnzimmertür öffnete und uns hereinließ. »Na schön, dann spielt hier ein bisschen, aber passt gut auf, dass nichts kaputtgeht.« Wir schworen hoch und heilig, uns in Acht zu nehmen, und soweit ich mich erinnere, ist auch nie etwas beschädigt worden.
Die schweren Möbel hatten etwas Außergewöhnliches an sich, jedenfalls kam es uns so vor. Wie die Könige fühlten wir uns, wenn wir zwischen ihnen hin und her schritten oder sie mit großer Ernsthaftigkeit umrundeten. Der Geruch des geölten und polierten Holzes und die eigenartige Muffigkeit der Polster weckten in uns den Eindruck, in einem ganz besonderen Raum zu sein. Wir selbst schienen ebenfalls etwas ganz Besonderes zu sein. Und das waren wir auch, jedenfalls in den Augen meines Vaters. Ich glaube, er hat in jedem Einzelnen von uns etwas gesehen, wovon wir selbst nichts wussten. Er hat, sogar als wir noch sehr klein waren, in die Zukunft geschaut und sich vorgestellt, was aus uns würde. Das waren keine – vielleicht hochfliegenden – Träume eines liebenden Vaters, sondern er hat unser Wesen erkannt, so wenig ausgeprägt es für einen anderen Menschen auch gewesen sein mag. Er wusste, wer wir waren. Dabei hat er keinen Unterschied zwischen den Mädchen und den Jungen gemacht. Eine meiner Halbschwestern zum Beispiel hat er schon bald in sein Geschäft mitgenommen und ihr gezeigt, wie man Kunden bedient und Filme und anderes Zubehör verkauft. Er hat von Anfang an erkannt, dass sie ein Talent dafür hatte, mit Menschen umzugehen, und außerdem gut organisieren konnte.
Auch was mich angeht, war ihm alles klar. Eines Tages nahm er mich bei der Hand und ging mit mir in ein Geschäft. Es war kurz vor meiner Einschulung, ich muss also fünf Jahre alt gewesen sein. In dem Laden wurde alles Mögliche verkauft, ihn interessierten aber nur die Schreibwaren. Wir standen vor der Ladentheke, und mein Vater äußerte seine Wünsche: einen Bleistift, einen Radiergummi, einen Block. Alles war vorrätig, mein Vater bezahlte und gab mir die Sachen. Ich glaube, ich habe auch eine Schultasche bekommen. Ich war wahnsinnig stolz und unglaublich aufgeregt, dass jetzt ein neuer Lebensabschnitt beginnen würde. Allein die Tatsache, dass mein Vater nur mit mir und nur für mich in einen Laden gegangen war, beeindruckte mich enorm. Das war schon etwas Besonderes. Die vielen großen Kinder und seine zahlreichen Verpflichtungen nahmen ihn normalerweise sehr in Anspruch, da blieb oft nicht viel Zeit für uns Kleine.
Zu Hause nahmen wir die Sachen aus der Tasche, und er erklärte mir, warum er mir einen Bleistift geschenkt hatte, keinen Kugelschreiber. »Mit einem Bleistift kannst du immer verändern, was du geschrieben hast. Du kannst korrigieren, wenn du einen Fehler gemacht hast. Und du kannst es schöner schreiben, wenn es nicht ganz gelungen ist. Es ist ganz wichtig, dass du dich immer bemühst, die Sachen richtig und gut zu machen. Hast du mich verstanden?« Ich nickte heftig. Dass er mir nicht nur etwas für meine schulische Laufbahn sagen wollte, sondern ein Motto für mein ganzes Leben mitgab, das habe ich erst viel später begriffen.
»Merk dir eins«, fuhr er fort, »du wirst Direktorin werden.« Ich war verwirrt, weil ich keine Vorstellung von dem hatte, was eine Direktorin ist. Dunkel ahnte ich, dass es etwas Wichtiges und Großes war.
»Padar«, so nannten wir unseren Vater respektvoll, »Padar, was meinst du damit? Soll ich jetzt etwas machen?«
»Ja, du setzt dich an den großen Tisch und bist Direktorin. Wiederhole: ›Ich bin Direktorin.‹«
Bestimmt zehnmal musste ich es sagen. Anfangs verhaspelte ich mich, aber dann sprach ich es flüssiger, und zum Schluss kam es mir ganz selbstverständlich von den Lippen: Ich bin Direktorin.
»Sehr gut, Nadia. Aber denk daran: Du wirst nicht von allein Direktorin, sondern musst viel lernen, viel arbeiten, gerecht sein. Versprich mir das.«
Erfüllt von der Bedeutung der Stunde versprach ich es ihm. Ich habe es nie vergessen, auch wenn es mir phasenweise nicht gegenwärtig war. Heute weiß ich, was eine Direktorin ist. Im strengen Sinne bin ich keine geworden, aber so etwas Ähnliches, nämlich die Chefin meines eigenen Unternehmens. Und das verdanke ich meinem Vater. Natürlich, gearbeitet habe ich selbst dafür. Aber dass er mir dieses Ziel und die Gewissheit eingepflanzt hat, »Direktorin« zu werden, das geht auf ihn zurück. Auch die Verpflichtung, daran zu arbeiten, mein Versprechen zu erfüllen. Oft war es sehr schwer, manchmal war ich verzweifelt. Doch stets war mir klar, dass ich mein Versprechen halten musste. Das stand unverbrüchlich fest. Diese Gewissheit hat mir auch die Kraft gegeben, tatsächlich immer durchzuhalten und wieder aufzustehen, wenn ich am Boden lag.
An meinem ersten Schultag lag das natürlich alles noch in weiter Ferne. Ich war aufgeregt und freute mich, weil ich jetzt in der Schar der Geschwister eine Stufe aufgerückt war. Als Schulkind gehörte man halt nicht mehr zu den ganz Kleinen. Zur Einschulung begleitete mich meine große Halbschwester Malia. Sie sah unglaublich gut aus, war westlich gekleidet und zog alle Blicke auf sich, sogar anerkennende Pfiffe hörte man hin und wieder. Auf dem Weg kaufte sie mir noch ein paar Süßigkeiten, und dann traten wir durch das Schultor. Es war ziemlich viel los in der Schule, rund 200 Kinder, Jungen und Mädchen, alle aus Shourbazar. Wir hatten keine Schultüten so wie hier in Deutschland, und insgesamt lief alles viel weniger aufwendig ab. Weil normalerweise auch die Kinder schon im Haushalt oder in den Werkstätten und Läden der Familien gebraucht wurden, war Schule für viele ein echter Luxus, da wurde kein Geld für unnützes Zeug ausgegeben. Aber im Schulhof gab es immerhin viele alte Bäume, ein paar Tische für Tischtennis in den Pausen, einige Wippen und anderes Spielgerät – ich war begeistert.
Von nun an traf ich mich jeden Morgen mit den anderen Kindern im Schulhof, wir wuselten durcheinander, bis die Klassenlehrerinnen kamen. Sie waren nicht traditionell gekleidet, sondern trugen, ganz im westlichen Stil, Rock und Bluse. Wir Kinder kamen in schwarzen Schuluniformen. Die Lehrerinnen standen am Beginn eines jeden Schultages mit ihrer Liste im Schulhof und riefen ihre Schützlinge beim Namen, in alphabetischer Reihenfolge. Jeder musste sagen: »Anwesend.« Dann stellte man sich vor seiner Lehrerin auf. Wenn alle Klassen geordnet waren, gingen wir in die Aula. Vorne stand der Direktor, und jeden Tag ging ein anderes Kind zu ihm hin, stellte sich neben ihn und sagte etwas auf. Ein Gedicht oder den Ausspruch eines berühmten Denkers, Philosophen oder sonst eines bedeutenden Menschen. Das war das Motto des Tages, besser gesagt: eine Art Leitstern. Wir wünschten einander im Chor einen wunderschönen Tag und viel Freude beim Lernen. Danach sind wir alle in unsere Klassen marschiert, haben uns zu zweit an die Tische gesetzt und mit dem Arbeiten begonnen. Mir hat das immer sehr gefallen. Es war ein feierlicher, aber nicht unbedingt ernster Anfang, man war ermutigt und ging mit frischem Eifer ans Werk. Und man hatte etwas zum Nachdenken, falls einem im Unterricht langweilig wurde. Das kam aber selten vor. Und selbst wenn: Ich hatte ja Bibi, meine allerbeste Freundin, die neben mir saß.
Heute würde man sagen, dass Bibi ein Mädchen mit Migrationshintergrund war. Sie hatte nämlich indische Urgroßeltern, und die Familie feierte ihre Feste weiterhin auf indische Art, sehr groß und üppig und mit strengem Zeremoniell. Ich erinnere mich an riesige Hochzeiten mit Hunderten von Gästen. Bibi war die einzige Freundin, bei der ich übernachten durfte. Damals spielte die Religion in Afghanistan längst keine so große Rolle wie heute. Ich gehörte zu einer moslemischen Familie, wenn auch zu keiner besonders frommen, und sie war Hindu. Das war überhaupt kein Problem, keiner kam in Konflikt mit seinen Überzeugungen, kein Vater hätte seinem Sohn oder seiner Tochter den Umgang mit einem Kind anderer Religion verboten. Bibi hat mir sehr viel bedeutet. Jahrzehnte später, als ich schon längst in Deutschland lebte, erließ die Religions- und Sittenpolizei der Taliban eine Verordnung, dass die Minderheit der Hindu in Afghanistan eine Kennzeichnung tragen müsste. Ein gelbes Zeichen auf der Brust, so wie die Juden während des Nationalsozialismus einen gelben Stern auf der Kleidung tragen mussten. Ich fand diesen Verstoß gegen die Menschenrechte schrecklich und habe wie viele andere in Frankfurt dagegen demonstriert. Ich habe es für alle Menschen und für alle Hindus in Afghanistan getan, für meine Freunde, aber ganz speziell für meine Bibi. Weil ich so schöne Zeiten mit ihr erlebt habe und sie mir so nahestand.
Bei uns zu Hause ging es nicht sehr religiös zu. Wir waren Moslems, das war klar. Ohne Religion zu sein, das gab es gar nicht. Wir hielten einige Regeln ein, waren aber nicht besonders fromm. Beispielsweise fastete mein Vater während des Ramadans nicht immer, sondern spendete stattdessen für die Armen Essen und Kleider. Tagelang wurde dann gekocht und genäht, damit alles da war, wenn die Menschen an die Tür klopften und um Almosen baten.
Wenn mein Vater manches vielleicht nicht sehr ernst nahm, so war für ihn eine Sache doch wichtig: den Hadsch zu machen, die Pilgerfahrt eines Moslems nach Mekka. Einmal im Leben sollte jeder Moslem dorthin reisen, zum Geburtsort des Propheten Mohamad, und die heiligen Stätten besuchen. Die Erfüllung dieser Pflicht gehört zu den fünf Grundsäulen des Islams, und auch mein Vater war willens, dem nachzukommen. Er muss Anfang 50 gewesen sein, als er sich entschloss, die Reise anzutreten.
Ein Mekka-Pilger führt in der Regel seine Wallfahrt nicht allein durch, sondern in einer Gruppe, zumal die Reise in jedem Jahr nur zu einem bestimmten Zeitpunkt stattfinden kann, dann also ein regelrechter Ansturm auf die heiligen Stätten entsteht. Es gibt viele Agenturen, die auf Pilgerfahrten spezialisiert sind und solche Gruppenreisen für den Hadsch organisieren. Als es Zeit für meinen Vater war, verabschiedete er sich von uns allen. Er war gut vorbereitet, hatte alles geregelt, was zu regeln war, und die Verantwortung für die Familienangelegenheiten auf die verschiedenen Köpfe übertragen. Die Kinder ermahnte er, brav zu sein und während seiner Abwesenheit keine Dummheiten zu machen. Er freute sich auf die Reise und war in stolzer Erwartung, dass er seine religiöse Pflicht erfüllen würde. Er verließ das Haus mit seinen beiden Taschen – und das war das letzte Mal, dass ich ihn sah. Er hat Mekka nie erreicht. Er starb, bevor die Reise begann.
Der Tod meines Vaters veränderte alles. Natürlich verstand ich das nicht sofort. Ich konnte mir ja kaum vorstellen, was das hieß: Mein Vater ist tot. Aber ich begriff, dass etwas unendlich Trauriges passiert war, das alle bis ins Mark erschütterte.
Mein Vater erlitt einen Schlaganfall, als er sich auf dem Flughafen gemeinsam mit den anderen Pilgern zum Abschiedsgebet niederbeugte. Sein Gepäck war schon eingecheckt und flog nach Mekka, er selbst wurde in ein Krankenhaus in Kabul gebracht. Wir hatten zu Hause kein Telefon, ich weiß nicht mehr, wer die Nachricht überbrachte. Ich weiß aber noch, wie alle im ersten Moment erstarrten und dann in Schreien und Weinen ausbrachen. Wir Kinder heulten mit, obwohl wir zunächst gar nicht wussten, worum es ging. Alle standen unter Schock.
Meine Mutter war im vierten Monat schwanger, mit ihrem dritten Kind. Die Nachricht, dass mein Vater mit dem Tode rang, erschütterte sie so sehr, dass sie Blutungen bekam und selbst ins Krankenhaus gebracht werden musste. Ich weiß nicht, ob sie ihn noch besuchen und sich verabschieden konnte. Wenige Tage später ist er gestorben. Meine Mutter war Witwe, mit 22 Jahren.
Von einem Tag auf den anderen war nichts mehr wie vorher. Der Schmerz dieses Verlustes war unendlich groß. Wir vermissten ihn so sehr, den Frauen fehlte der Mann und uns der Vater. Er war der Mittelpunkt unseres Daseins gewesen – alles war auf ihn ausgerichtet. Und nun war er für immer fort. Dazu kam natürlich, dass er nicht nur als Ehemann, Ratgeber, Erzieher, Freund und Vorbild fehlte: Auch unser aller Ernährer war gestorben. Das bedeutete, dass ab sofort gespart werden musste. Wir mussten alle aus unserem schönen Haus in Shourbazar ausziehen und in kleineren Häusern unterkommen. Unser großes Familienhaus wurde vermietet, damit etwas Geld für die Frauen hereinkam. Meine Mutter zog mit uns Kindern nach Naubade de Afghanan, heute Salangwat, in das Viertel, in dem mein Vater damals das Haus für meine Großeltern gekauft hatte.
Dann fing das Warten an. Ich war ja noch klein und erinnere mich nicht an die Einzelheiten, aber ich habe diese Wochen als unglaublich zäh sich hinziehende, schwarze Zeit im Gedächtnis. Es war eine Art Schwebezustand, aber natürlich keine freudige Erwartung, sondern ein von Trauer erfülltes, banges und gleichzeitig nervöses Ausharren. Die Familie wartete zunächst auf meinen großen Bruder, den ältesten Sohn meines Vaters, der zu dieser Zeit in Amerika studierte. Er war jetzt das Familienoberhaupt. Außerdem warteten alle auf das Ende der Schwangerschaft meiner Mutter, denn das Erbe konnte nicht verteilt werden, solange dieses Kind noch nicht geboren war, weil sein Geschlecht den Anteil am Erbe bestimmte. Einem Sohn steht ein Anteil zu, einer Tochter nur ein halber. Und so warteten alle: Bekommt Safura einen Sohn oder eine Tochter? Für uns bedeutete es etwas mehr, für die anderen weniger, wenn das Kind männlich würde.
Ich frage mich, wie meine Mutter diesem Druck standgehalten hat. Es muss furchtbar für sie gewesen sein, denn selbstverständlich war ihr klar, dass die anderen auf ein Mädchen und damit auf einen etwas größeren eigenen Anteil am Erbe hofften. Es war schrecklich. Meine Mutter war ja noch so jung, sie war in Trauer, weil sie das Wichtigste in ihrem Leben verloren hatte, und sie war jetzt für zwei, bald drei Kinder allein verantwortlich. Natürlich hatte sie noch ihre Familie, und während sie im Krankenhaus war, kamen meine Schwester und ich zu unseren Großeltern in das Haus, das mein Vater gekauft hatte. Aber wenn ich mir vorstelle, dass sie mit dieser Katastrophe fertig werden musste, dass sie dieses Kind austrug, das seinen Vater nie sehen würde, und dass sie sich zweifellos fürchtete vor diesem ganz anderen Leben, das sie nun erwartete …
Fünf Monate nach dem Tod meines Vaters kam mein Bruder Kabir auf die Welt.
Kurz danach war es so weit. Die Verteilung des Erbes fand statt, und meine Mutter kehrte noch einmal in das Haus zurück, in dem sie die glücklichen Jahre mit meinem Vater verbracht hatte. Der Tag endete schrecklich. Ich habe im wahrsten Sinne des Wortes Narben davon behalten, die mich immer an diesen Tag erinnern werden. Meine Schwester und ich durften natürlich nicht mit zu dem Erbteilungstreffen, das war nur für die Erwachsenen. Wir warteten bei meiner Großmutter. Alle waren furchtbar nervös, schließlich ging es um die Zukunft unserer Familie. Heute sollte sich entscheiden, ob wir arm oder sehr arm durch den Tod meines Vaters würden. Es wusste ja niemand genau, wie viel Geld da war, und die vielen Nachkommen machten auch ein großes Erbe klein.
Ich habe die Situation noch ganz genau vor Augen: Meine Großmutter wurde immer unruhiger, weil meine Mutter so lange ausblieb. Sie setzte sich, stand wieder auf, ging irgendwohin, ohne etwas zu tun, machte Schränke auf und wieder zu. Ich merkte, dass sie wahnsinnig besorgt war. Wie konnte ich ihr helfen? Was konnte ich tun, damit sie sich beruhigte? Ich wusste, was die Frauen für uns Kinder immer getan hatten, wenn wir krank oder ängstlich waren: Sie kochten uns einen Tee. Dasselbe wollte ich nun für meine Großmutter tun. Ich kochte einen Tee. Das heißt, ich wollte ihr einen Tee kochen. Wir hatten damals einen Gaskocher, der auf einem Brett stand, und ich musste auf einen Stuhl klettern, um den Kessel auf den Kocher zu stellen. Es dauerte eine ganze Weile, bis das Wasser endlich kochte, ich hatte viel zu viel eingefüllt. Ich war ärgerlich, weil es so lange dauerte und ich doch unbedingt meiner Großmutter mit einem Tee helfen wollte. Als das Wasser brodelte, krabbelte ich wieder auf den Stuhl, um den Kessel vom Kocher zu nehmen und das Wasser in die Kanne zu gießen. Ich war vorsichtig, meine Mutter hatte mir immer eingeschärft, gut aufzupassen. Die Hitze schlug mir ins Gesicht, als ich versuchte, das schwere, glühend heiße Ding anzuheben. Mit aller Kraft stemmte ich den Kessel hoch. Der Stuhl fing an zu wackeln, ich geriet in Panik – und dann kam es, wie es kommen musste: Der Kessel kippte um, und das kochende Wasser ergoss sich über meinen rechten Arm.
Im ersten Moment passiert gar nichts, dann schießt der Schmerz durch meinen ganzen Körper. Es ist ungeheuerlich und mit nichts vergleichbar, was ich je erlebt oder gespürt habe. Ich stehe in Flammen. Die Luft bleibt mir weg, ich glaube, sterben zu müssen. Und dann fange ich an zu schreien. Ich schreie wie noch nie in meinem Leben. Ich schreie meinen Schmerz hinaus, meine Angst, meinen maßlosen Schrecken. Meine Großmutter läuft herbei, und ich sehe die Panik in ihrem Gesicht, als sie erfasst, was passiert ist. Sie redet auf mich ein: »Um Gottes willen, wie konnte das passieren? Nadia, Kleines, lass mich schauen, weine nicht. Bestimmt ist es nicht so schlimm, lass mal sehen, es wird gleich gut.« Aber ihre Stimme ist hoch und schrill, ihre Augen sind weit aufgerissen, und es ist schlimm, es ist das Allerschlimmste, was mir je passiert ist. Ich schreie und keuche, weil alles so unglaublich weh tut, und lasse sie nicht an mich heran.
Endlich kommt meine Mutter. Schon als sie in die Straße einbiegt, hört sie mein Weinen und rennt los. Sie begreift sofort, was geschehen ist, und versucht erst gar nicht, zu Hause irgendeine Art von Erster Hilfe zu leisten. Zwei Krankenhäuser werfen uns nach wenigen Minuten aus dem Wartesaal, weil ich nicht aufhöre zu schreien. Im dritten Krankenhaus schaut sich ein Arzt meinen Arm an und sagt: »Da kann man nichts machen. Der Arm muss ab. Da ist zu viel Fleisch verbrüht, das geht ja bis auf den Knochen.« Ich verstehe nicht, was das heißt, »der Arm muss ab«. Die Wunde fühlt sich sowieso gar nicht mehr an wie mein Arm, es gibt nur noch ein einziges schmerzendes Toben, das durch meinen ganzen Körper rast.
Aber meine Mutter versteht sehr wohl. Und sie antwortet in aller Entschiedenheit: »Nein, kommt nicht in Frage. Der Arm bleibt dran. Machen Sie einen Verband darum und sonst nichts.«
Eine gerade 22 Jahre alte Witwe, Analphabetin, soeben zum dritten Mal Mutter geworden, mit einem brüllenden Kind an der Hand, widerspricht einem Arzt, einem Mann und Akademiker, und gibt ihm obendrein Anweisungen. Ein unglaublicher Vorfall, eine unerhörter Affront. Der Arzt hält kurz die Luft an, zuckt die Achseln und schickt uns dann zu einer Krankenschwester, die einen Verband um meinen Arm wickelte.
Ich weiß gar nicht, wie ich die nächsten Monate überstand, ob ich Schmerzmittel bekommen habe. Es hängt der Nebel unaufhörlicher Schmerzen über dieser Zeit. Nach zwei oder drei Tagen jedenfalls fing der Arm an zu stinken, es war furchtbar. Meine Mutter schnitt die Verbände auf. Der Anblick muss ziemlich scheußlich gewesen sein – alles war entzündet und brandig. Was tun? Jetzt gab es nur noch einen, der uns helfen und die drohende Amputation abwenden konnte: Meine Mutter brachte mich zu einem Naturheiler, einem alten Bekannten meines Vaters. Der schaute sich die Bescherung an, seufzte schwer und meinte dann: »Versuchen wir’s.« Er rührte zwei Salben an, eine rosafarbene und eine grüne. Die grüne für morgens, die rosafarbene für abends. Drei Monate lang musste ich zweimal täglich meine Wunden eincremen. Es war der reine Horror. Die Schmerzen ließen lange Zeit kaum nach, der Arm war quasi nicht zu gebrauchen. Und das im ersten Schuljahr, in dem ich ja schließlich Schreiben lernen musste. Ich glaube, wir haben monatelang geweint.
Danach habe ich nur noch langärmlige Kleider getragen, weil ich mich geschämt habe: Die Narben sahen so hässlich aus, ein Anblick, den ich keinem zumuten wollte, auch mir selbst nicht. Jahre später hat die Mutter einer Schulfreundin die Operation bezahlt, mit der die Verwachsungen und Narben geglättet wurden, so dass ich den Arm wieder zeigen und außerdem gut bewegen konnte. Aber wenn man genau hinschaut, sind die Spuren auch heute noch zu sehen.
Was die schwere Zeit der Heilung nicht leichter machte: Inzwischen war auch das Erbe eingetroffen – wenn man es so nennen kann. Uns standen zwei Lkw-Ladungen mit Hausrat, Geschirr etc. zu. Theoretisch. Praktisch war es so, dass mein Onkel die fünf Monate, die die Familie auf die Geburt meines Bruders warten mussten, für sich genutzt hatte. Er hatte einen großen Teil unseres Erbes verspielt, genauer gesagt einen Lkw voll. Uns blieb nur noch der Inhalt des zweiten, und der war auch nicht mehr komplett. Die Folge war, dass bei uns alles nur halb oder unvollständig vorhanden war. Ein Teller aus diesem Geschirr etwa musste mit einer Tasse aus dem anderen Geschirr kombiniert werden, weil die richtigen Teile im anderen Lkw waren, der im Glückspiel verlorengegangen war.
Es fehlte an allem und von allem etwas. Wir waren arm geworden.
Meine Mutter hatte es nicht leicht mit mir. Ich war mehr Junge als Mädchen und ziemlich unternehmungslustig, vor allem, nachdem mein Arm so weit verheilt war, dass ich wieder herumtollen konnte. Schließlich gab es ja auch unser neues Viertel zu erkunden. Naubade de Afghanan lag an einem Berghang, ungefähr auf der Mitte. Die Häuser standen dicht nebeneinander, die Straßen waren enger, als ich es bis dahin kannte. Die steile Lage am Berg machte es für die älteren Leute oft sehr anstrengend, zu ihren Häusern zu gelangen. Aber für uns Kinder ergab sich dadurch im Winter ein besonderes Vergnügen: Wir klemmten uns ein Stück Plastik unter den Po, und dann rutschten wir mit Geschrei und Gejuchze um die Wette die vereisten Gassen hinunter.
Ob Winter oder Sommer, ich war dauernd unterwegs, und es zog mich sehr oft zu meiner großen Liebe. Vielleicht sehnte ich mich nach einem großen Ziel und einem festen Halt, nachdem mein Vater gestorben war, vielleicht war ich aber auch nur begeistert von der Schönheit meiner Freundin: Ich war verliebt in die Sonne.
Sooft ich konnte, bin ich morgens in der Dämmerung aus dem Haus gelaufen, hoch hinauf auf den Berg. Ich flitzte durch die engen Gassen, wo schon der frühmorgendliche Betrieb in Gang war. Die Händler brachten ihre Waren auf Karren zu den Läden, Menschen gingen zur Arbeit oder zum Markt. Zwar existierte durchaus Autoverkehr in Kabul, aber durch unsere Straßen fuhr nur selten ein Fahrzeug. Straßenlaternen gab es nicht, die meisten Leute hatten eine Petroleumlampe in der Hand. Ich brauchte keine, ich fand meinen Weg auch so, unter dem Licht, das aus den Lampen der anderen Fußgänger fiel. Oft warf mir einer einen Gruß zu: »Schau an, Nadia ist mal wieder unterwegs.« Oder: »Da ist ja unsere Frühaufsteherin wieder, bleib doch lieber in deinem warmen Bett.« In unserem Viertel kannte jeder jeden, und alle passten auf, dass mir nichts passierte.
Ich hatte meine Lieblingsstelle, und dort erwartete ich den Sonnenaufgang. Es war für mich das Schönste, was ich mir denken konnte. Ich fieberte dem Moment entgegen, in dem sich die Sonne als kleiner glutroter Streifen über den schneebedeckten Gipfeln ankündigte und von einer Sekunde auf die andere alles, was bis dahin grau war, Farbe annahm, erst ganz zart, noch kaum von der Dämmerung zu unterscheiden, aber dann immer kräftiger erstrahlte. Die Erscheinung war jedes Mal gleich, dennoch war ich aufs äußerste gespannt, wann sich der leuchtende Streifen rundete, zu einem Halbkreis formte und sich schließlich wie in einer enormen Kraftanstrengung als gleißend gelb-orange Scheibe von der Silhouette der Berge löste und in den Himmel stieg. Ich schaute von meinem Hochsitz auf Kabul hinunter, auf die engen Gassen der Altstadt mit den schönen Herrenhäusern und auf die neuen Viertel, in denen mehrstöckige moderne Bauten um die Wette wuchsen. Ich kam mir unendlich frei vor, unendlich erhoben über die Welt da unten. Ich war glücklich.