Brooke Morgan

Befleckt

Psychothriller

Deutsch von Sophie Zeitz

Kapitel 1

Holly saß am liebsten ganz vorne im Bus. Der Blick durch die breite Windschutzscheibe gab ihr ein Gefühl von Weite und verhinderte, dass ihr übel wurde. Außerdem sah sie dem Fahrer gern zu, wenn er die schwere Bustür auf- und zuschwingen ließ. Auf der Strecke zwischen Boston und Cape Cod saßen offenbar immer die großen Kerle am Steuer; massige Männer mit dunkler Stimme, denen man abnahm, dass sie ihr Fahrzeug im Griff hatten. Manchmal machten sie Witze und unterhielten sich mit ihr. «Das hier ist mein Schiff», hatte einer einmal zu ihr gesagt. «Ich bin der Kapitän und segele über die Highways.» Er war um die fünfzig und wog sicher drei Zentner, aber in seiner Stimme lag eine so romantische Wehmut, dass sie ihm den Spitznamen «der Dichter» gab. Seitdem hoffte sie, wenn sie den Bus nahm, dass der Dichter am Steuer saß, doch sie sah ihn nie wieder. Er war fort, segelte über einen anderen Highway, auf einem anderen Schiff.

Sie war früh genug am Acht-Uhr-dreißig-Bus, um als Erste einzusteigen und vorne den Platz am Fenster zu ergattern. Wenn sie Glück hatte, setzte sich keiner neben sie, und sie konnte die Beine ausstrecken und die ganze Bank für sich haben. Nach und nach stiegen die anderen Fahrgäste zu; ein älteres Paar, das gleich nach hinten durchging, eine allein reisende Frau mittleren Alters, die sich ein paar Reihen hinter Holly auf die linke Seite setzte, zwei Teenager-Mädchen, die zur Mitte schlenderten. Geht weiter, dachte sie, immer schön weitergehen. Vielleicht habe ich Glück. Doch dann sah sie durchs Fenster, wie sich draußen eine Schlange bildete. Es würde ziemlich voll werden, schätzte sie. Zwei Plätze würde sie nicht für sich behalten können.

Um ein Haar hätte sie ihn nicht gesehen. Er bückte sich, um seine Tasche in den höhlenartigen Kofferraum zu schieben, und erst als er sich wieder aufrichtete, entdeckte sie ihn. Hochprozentig. Das war Annas neuestes Gütesiegel, nachdem «zum Niederknien» ausgemustert worden war. «Da drüben», hatte Anna gestern Abend in der Bar zu ihr gesagt, «steht einer, der ist hochprozentig. Oder fast hochprozentig. Komm, Holly, wir quatschen ihn an.» Holly lachte und sagte, sie solle die Klappe halten. Sie würde keinen Fremden in einer Bar ansprechen. Anna war zu so etwas imstande, und sie tat es normalerweise auch. Doch gestern Abend hatte Holly Anna bremsen können. Sie waren an ihrem Platz geblieben, hatten ausgetrunken und waren schließlich gegangen, um sich etwas zu essen zu holen.

Er war groß, dunkel, schlank und braungebrannt. Die Ärmel seines weißen Hemds bis zu den Ellbogen aufgekrempelt. Glattrasiert, mit gerader Nase und markantem Kinn. Khakihosen und Mokassins. Keine Sonnenbrille. Eine alte Uhr mit Lederarmband. Er wirkte ernst und gleichzeitig lässig. Und war so attraktiv, dass sein Anblick eine Welle des Wohlbehagens in ihr auslöste. Wie ein schönes Gemälde. Er blickte geradeaus, nicht in ihre Richtung. Er konnte nicht sehen, dass sie ihn anstarrte, also erlaubte sie es sich. Einmal, damals war sie sechzehn und wartete bei Friendly’s in der Schlange auf ihr Eis, entdeckte sie plötzlich vor sich einen Mann, der aussah wie Noah Wylie aus Emergency Room. Sie musste ihn unaufhörlich anstarren, so berauscht war sie von seinem Anblick. In Wirklichkeit war er noch viel attraktiver als im Fernsehen, und als er sein Eis bekommen hatte und sich umdrehte, begegneten sich ihre Blicke, und sie wurde rot. Im Hinausgehen lächelte er sie an. Später hörte sie, dass Noah Wylie in der Nähe von Buzzards Bay einen Film drehte, er war es also wirklich gewesen. Als sie Anna davon erzählte, sagte die nur: «Warum hast du dir kein Autogramm geholt, Holly? Wie konntest du dir die Gelegenheit entgehen lassen?» Aber Holly war mit einem flüchtigen Lächeln zufriedener als mit einem schnöden Stück Papier.

Der Hochprozentige stieg die Stufen herauf und reichte dem Fahrer sein Ticket. Verlegen wandte Holly den Blick ab und sah auf den Boden. Sie wurde rot, wie im Friendly’s damals. Rotwerden ist wie Übelkeit, dachte sie. Man kann nichts dagegen tun. Man hat es nicht unter Kontrolle. Es passiert einfach. Aber er geht gleich vorbei und bemerkt es nicht, und solange ich zu Boden sehe, ist alles gut.

«Macht es dir etwas aus, wenn ich mich neben dich setze?»

«Klar.» Sie musste ihn ansehen. «Ich meine, nein. Macht mir nichts aus. Setz dich ruhig. Es macht mir nichts aus.» Sie musste vollkommen verwirrt klingen. Inzwischen war sie am ganzen Körper rot.

«Danke.» Er setzte sich.

Sie starrte wieder zu Boden.

«Hinten sind noch Plätze frei, aber ich sitze lieber vorne», erklärte er. «Ich sehe gerne raus.»

«Ja.»

Er hatte einen britischen Akzent. Seine Stimme war so attraktiv wie sein Äußeres. Es war gemein. Jetzt musste sie eine Stunde und fünfzehn Minuten lang neben ihm verbringen, und höchstwahrscheinlich war sie die ganze Zeit knallrot, hatte schwitzige Hände und brachte kein Wort heraus. Sie hatte kein Buch dabei, nichts, um so zu tun, als gäbe es Wichtigeres. Er hatte auch nichts in den Händen und saß ganz ruhig da, die Arme verschränkt.

Holly kannte niemanden, der nicht von sich behauptete, als Kind schüchtern gewesen zu sein; selbst die offensten, lautesten Menschen, selbst Leute wie Anna sagten von sich: «Als Kind war ich so schüchtern, das glaubst du gar nicht.» Und jedes Mal wollte Holly antworten: «Du hast recht, das glaube ich nicht. Ich war nämlich ein schüchternes Kind, und ich bin immer noch schüchtern, und ich kann mir nicht vorstellen, dass man da je herauswachsen kann.»

Die letzten Fahrgäste stiegen ein. Eine Frau mit kleinem Kind auf dem Arm setzte sich hinter sie. Sie wirkte müde und gestresst – und so dankbar, sich endlich setzen zu können, dass sie den unglaublich attraktiven Mann vor ihr nicht einmal bemerkte. Das bewirken Kinder, dachte Holly. Sie verlangen volle Konzentration aufs Wichtige – zum Beispiel, sich in einen Sitz fallen lassen und mal eine Pause einlegen.

Sie spürte, wie die Röte aus ihrem Gesicht wich, als der Busfahrer sich ans Steuer setzte und die Tür zuschwingen ließ. Stell dir vor, du bist Anna, sagte sie sich. Sag irgendwas Geistreiches, Lustiges. Er soll denken, du bist ganz entspannt. Als passierte dir das jeden Tag. Ein blendend aussehender Mann setzt sich neben dich, und du beginnst eine sprühende Unterhaltung mit ihm.

Das hatte sie vor.

Aber sie blieb stumm.

«Ja, es ist verwirrend. Der Ausdruck ‹macht es dir etwas aus›. Das ist so eine Floskel, und man weiß nie, wie man antworten soll. Ist ‹ja› richtig und ‹nein› falsch? Oder umgekehrt? Na ja». Er sah sie an. «Meine Wortklauberei ist wahrscheinlich nicht besonders interessant. Entschuldigung, ich bin auf dem Weg zu einem Vorstellungsgespräch und daher ein bisschen nervös.»

«Doch. Finde ich interessant. Ganz bestimmt.» Seine Unsicherheit hatte ihre schlagartig weggewischt. Sie wagte es, direkt in seine Augen zu sehen. Sie waren dunkelblau. So blau wie Billys Pullover, damals, als er mit ihr tanzte. Eine unerfreuliche Erinnerung. Wegschieben und weitermachen. Sie lächelte. Er lächelte zurück und gab ihr die Hand.

«Jack Dane.»

«Holly Barrett.»

Ein kurzer, fester Händedruck.

«Mein Großvater gibt den Leuten immer die linke Hand, weil er meint, dass sie dem Herzen näher ist.»

«Klingt vernünftig.» Jack Dane nickte. «Dürfte aber ziemlich schwierig sein, die gesamte westliche Welt umzuerziehen.»

«Ich glaube nicht, dass er das will. Es ist nur so eine Marotte. Aber genug davon. Für welchen Job bewirbst du dich denn? Oder bringt es Unglück, darüber zu sprechen?»

«Unglück? Ich hoffe, nicht. Es ist nichts Großartiges – Kellner in einem neuen Restaurant in einer kleinen Stadt. Es liegt direkt am Meer, und da wollte ich schon immer hin.»

«Wo am Meer?»

«Der Ort heißt Shoreham.»

«Du machst Witze. Das Figs? Da bewirbst du dich? Ich lebe dort, in Shoreham.»

«Genau da.»

«Das Figs ist das erste schicke Restaurant bei uns. Die ganze Stadt redet von der Eröffnung. Bisher hatten wir nur Schnellrestaurants, Imbissbuden, Dunkin’ Donuts und Pizzerias. Ich habe mir vor ein paar Tagen die Speisekarte im Aushang angeschaut. Wirklich piekfein.»

«Piekfein?» Jack Dane lachte.

«Ja, piekfein. Es gibt exotische Saucen. Granatapfel-Cocktails. Und ich glaube, da stand sogar so was wie Lachs im Kräutermantel.»

«In dem Lokal in Boston, wo ich bisher gearbeitet habe, gab es Lachs-Cocktails und Eiswürfel im Kräutermantel.»

«Ist ja unglaublich! Was für Sachen …» Dann bemerkte Holly sein amüsiertes Lächeln und wurde wieder rot. «Mein Gott, wie dumm von mir.»

«Überhaupt nicht. Ja, es war ein Scherz. Aber es hätte mich nicht gewundert, wenn es in dem Laden Lachs-Cocktails gegeben hätte. Oder Eiswürfel im Kräutermantel.»

«Du willst nur nett sein.»

«Im Gegenteil. Ich habe dort gearbeitet, schon vergessen?»

«Du bist Engländer?»

«Ja, aber ich kenne weder die Queen noch Prinz William, Prinz Harry oder David Beckham persönlich. Amerikaner sind da immer schwer enttäuscht. Ich habe schon daran gedacht zu schwindeln. Oder meinen Akzent abzulegen, damit ich keine falschen Hoffnungen wecke.»

«O nein, den Akzent solltest du nicht ablegen, er ist …»

Hinter ihnen jammerte das Kind, und seine Mutter sagte erschöpft: «Sei still, Tom.» Aber Tom gehorchte nicht. Er nörgelte lauter, und Holly hörte, wie er mit seinen kurzen Beinen gegen den Vordersitz trat – Jack Danes Sitz. Jack drehte sich um und sagte über die Rückenlehne:

«Könnten Sie bitte dafür sorgen, dass Ihr Kind ruhig ist?»

«Er ist müde und quengelig», entschuldigte sich die Mutter. Holly konnte ihr die Erschöpfung anhören. «Tut mir sehr leid. Tom, hör damit auf.»

Mit finsterer Miene drehte sich Jack Dane wieder nach vorn.

«Was wolltest du sagen?», fragte er.

«Nur, dass du den Akzent nicht ablegen solltest.»

Er zuckte zusammen, als die kleinen Füße wieder gegen seine Rückenlehne traten.

«Tom, hör jetzt auf, ich meine es ernst.»

Durch die Lücke zwischen den Sitzen sah Holly, wie sich die Mutter bemühte, den strampelnden Jungen in Schach zu halten, aber er war nicht zu bändigen. «Du ärgerst den Mann, Tom. Hör auf, oder du kommst sofort ins Bett, wenn wir zu Hause sind. Hast du mich verstanden?»

«Vollkommen zwecklos», murmelte Jack Dane.

«Sie tut ihr Bestes.»

«Sie ist nicht streng genug.»

Bumm, Bumm, Bumm – unermüdlich kickten die kleinen Füße gegen den Sitz.

Er stand auf.

«Das geht mir wirklich auf die Nerven, und ich glaube nicht, dass es aufhört. Ich suche mir einen anderen Platz.»

Geh nicht, bitte, geh nicht. Kann ich einfach mitkommen? Nein, unmöglich. Ich bleibe hier sitzen wie ein Schaf, und du setzt dich neben eine andere und unterhältst sie mit deinen Späßen, bevor der Bus die Route 128 erreicht hat, dachte Holly.

«Komm», er beugte sich vor, nahm ihre Hand und zog sie hoch. «In der Mitte sind noch zwei Plätze frei. Gehen wir.»

Sie folgte ihm den Gang hinunter, ohne sich nach der Mutter mit dem Kind umzusehen, der das bestimmt peinlich war. Jack Dane bot ihr den Fensterplatz an, hinter den beiden Teenagern, die sie in den Bus hatte steigen sehen.

«Hier ist es besser.» Er setzte sich auf den Platz am Gang und wirkte gleich entspannter. «Ich hoffe, es macht dir nichts aus, dass ich dich einfach mitgeschleppt habe.»

«Es macht mir nichts aus.» Sie lächelte. «Und wir sind da, wo wir angefangen haben – ob es etwas ausmacht.»

Das Geheimnis einer guten Dinnerparty ist eine Art Leitmotiv. Eine Geschichte oder eine Anekdote, mit der alle am Tisch etwas anfangen, um die sich die Gespräche drehen können. Essen und Trinken zählen, aber das Wichtigste ist die Unterhaltung.

Wann hatte ihr Vater das gesagt? Sie war noch klein, vielleicht elf. Wahrscheinlich hatte er den Boston Globe auf dem Schoß; es war Vormittag, und ihre Mutter war in der Küche. Bereitete sie eine Dinnerparty vor? Holly erinnerte sich nicht. Sie wusste nur noch, dass sie dachte, eines Tages müsste auch sie sich Leitmotive für ihre Dinnerpartys ausdenken. Auch wenn sie sich mit elf nicht viel darunter vorstellen konnte. Jetzt, da sie wusste, was ein Leitmotiv war, fehlte wieder der andere Teil. Sie hatte nie eine Dinnerparty gegeben und konnte sich auch nicht vorstellen, das jemals zu tun.

«Erzähl mal, wie ist Shoreham so?»

«Herrlich. Finde ich zumindest. Eigentlich gibt es nur eine einzige Straße, wie in alten Filmen. Die Bank, die Feuerwehr, der Friseur, der Lebensmittelladen, die Weinhandlung, der Diner, das war’s. Es gab mal ein Kino, aber das ist Ewigkeiten her. Ach, und neuerdings gibt es natürlich das Figs.»

Hör auf, wies sie sich zurecht. Du schwafelst. Du bist so daran gewöhnt zuzuhören, dass du schon nervös wirst, wenn man dir eine Frage stellt.

«Irgendwie will er mit mir ausgehen, aber ich weiß nicht, ob er ein echtes Date will oder nur so als Kumpel mit mir rumhängen. Das war nicht aus ihm rauszukriegen. Ich kapiere einfach nicht, wie er tickt.»

Die unangenehm laute Stimme gehörte einem der beiden Teenager, die vor ihnen saßen. Holly erwartete, dass die andere antwortete, aber die erste schien das Gespräch alleine zu führen.

«Meinst du? Ich sitze gerade mit Teresa im Bus, und sie meint, es ist ein echtes Date, aber ich weiß nicht, und was würde das überhaupt heißen? Ich meine, was soll ich anziehen?»

«O nein.» Jack Dane schüttelte den Kopf. «Vom Regen in die Traufe.»

«Auf keinen Fall. Das pinke Top ist total uncool.»

«Sie müssten auch in Bussen handyfreie Zonen einrichten», sagte Holly mitfühlend, während sie dachte:

Ich bin doch genauso ein Teenager wie die beiden. Als er vorhin fragte, ob wir uns umsetzen, hat das Wort «wir» genügt, und mein Herz hat höher geschlagen.

«Okay, okay, habe verstanden. Ich muss aufhören. Teresa hält mir ein Sandwich hin, und ich hab Kohldampf. Bis später. Tschüs.»

Jack Dane versank im Sitz, sodass sie Kopf an Kopf saßen. Er lehnte sich zu ihr und flüsterte: «Sie isst. Wir sind gerettet.»

Sein Atem war warm, frisch und so intensiv männlich, dass sie ihn inhalierte wie eine Droge.

«Was ist schlimmer?», flüsterte sie zurück. «Der kleine Boxer oder das Handygeschrei?»

«Unentschieden. Obwohl ich an Geschrei gewöhnt sein müsste. Das gibt es auch in Restaurants. Wenn man Lärm hasst wie ich, darf man wohl nicht Kellner werden – aber ich bin nun mal einer. Egal, erzähl, Holly Barrett, wie alt bist du?»

«Dreiundzwanzig.»

Das Flüstern und die zusammengesteckten Köpfe gaben Holly fast das Gefühl, neben ihm im Bett zu liegen und Pläne zu schmieden. Sie hatte noch nie neben einem Mann im Bett gelegen. Aber so in etwa stellte sie es sich vor.

«Ich bin sechsundzwanzig; es ist also schon etwas länger her, dass ich ein Teenager war. Wie warst du damals?», fragte er. «Hattest du eine Clique, in der alle so laut und so schnell geredet haben?»

«Nein, ich hatte keine Clique. Bis auf eine Freundin war ich eher ein einsamer Wolf.»

«Das bezweifle ich.» Jack Dane musterte sie aus nächster Nähe so genau, dass sie allen Mut zusammennehmen musste, um sich nicht abzuwenden. «Nein, du warst kein einsamer Wolf. Einsame Wölfe sind die, die vom Rudel ausgestoßen werden. Sie streunen dem Rudel hinterher und möchten sehnlichst wieder aufgenommen werden. Aber du, Holly Barrett, warst das ruhige, schüchterne Mädchen, das die Schule ernst nahm, eifrig lernte und keine Lust auf kindischen Teenagerkram hatte. Das mag dich vom Rudel getrennt haben, aber es war nicht das Rudel, dem du angehören wolltest. Du hattest deine eigene Welt, eine viel erwachsenere Welt. Du bist ein altmodisches Mädchen.»

«Hey, ich bin’s wieder. Ja, das war ein winziges Sandwich. Also, was meinst du? Soll ich das schwarze Top zu der pinken Hose anziehen – ist das die richtige Message?»

Er hob kapitulierend die Hände und rückte von ihr ab.

«Es ist hoffnungslos. Dagegen ist kein Kraut gewachsen. Hör mal, ich nehme mir eine kleine Auszeit – ein Schläfchen, meine ich.» Aus der Hosentasche zog er einen kleinen iPod. «Bei dem Handygeschrei können wir uns sowieso nicht unterhalten, also schalte ich eine Weile ab. Ich will nicht unhöflich sein. Aber gestern Nacht ist es ziemlich spät geworden. Ich muss meine Batterien aufladen. Entschuldige bitte.»

«Du musst dich nicht entschuldigen», sagte sie schnell. «Kein Problem.»

«Macht es dir etwas aus?» Er lächelte.

«Nein. Macht mir nichts aus.»

Jack Dane steckte sich die Ohrstöpsel in die Ohren, lehnte sich zurück, fingerte an dem iPod herum und schloss die Augen.

Holly spürte immer noch seine physische Präsenz, seine Nähe. Ein Mal hatte sie fast das Gleiche gespürt, damals, als sie mit Billy tanzte. Billys Pullover roch nach Herbstlaub. Er drückte sie eng an sich, und sie atmete seinen Geruch ein und schmolz dahin. Als sie ein paar Wochen später miteinander schliefen, war nichts mehr da von schmelzender Hingabe, nur noch seine unverhohlene Begierde und ihre Verzweiflung.

Sie sah aus dem Fenster – sie passierten gerade die Rennbahn in Foxboro und waren bald auf der Route 495. Das hieß, es blieb nicht mehr viel Zeit bis Shoreham. Und Jack Dane würde verschwinden, so plötzlich, wie er aufgetaucht war.

Manchen Leuten machte es Spaß, einem zu erklären, was für ein Mensch man war. Anna war das beste Beispiel dafür. «Ich habe diese Anzeige für Wildwasser-Rafting gesehen. Vielleicht mache ich mit. Für dich wär das nichts, Holly, das weiß ich. Du stehst nicht auf Risiko.» Oder: «Holly – ich wollte dir dieses hautenge Top zum Geburtstag kaufen, aber ich weiß, dass du es nie anziehen würdest.»

Woher, wollte Holly fragen, wusste sie das so genau? Vielleicht würde Holly Wildwasser-Rafting gefallen oder das hautenge Top. Außerdem bin ich ein Risiko eingegangen, wollte sie schreien, mit Katy bin ich ein riesiges Risiko eingegangen. Aber für Anna war Holly die graue Maus, seit sie dreizehn Jahre alt war, und Holly konnte an diesem Bild nichts ändern.

Jack Dane war anders. Ohne sie zu kennen, hatte er tief in sie hineingesehen und die Wahrheit über ihre Teenagerjahre zum Vorschein gebracht. Bis auf ihre merkwürdige Freundschaft mit Anna hatte Holly sich tatsächlich fern vom Rudel gehalten. In ihrer eigenen Welt gelebt – mit ihren Eltern, ihren Büchern, ihrer Phantasie. Und es stimmte, es war weitgehend eine Erwachsenenwelt gewesen, obwohl sie das bisher nie so gesehen hatte.

Das Einzige, womit Jack Dane falsch lag, war, dass sie nicht zum Rudel gehören wollte. Doch, wollte sie. Aber sie wusste nicht, wie. Sie war so befangen, fühlte sich wie gelähmt. Andere Mädchen waren wild und lustig, man konnte Spaß mit ihnen haben, doch Holly hatte immer das Gefühl, sie stand an der Seitenlinie und sah zu, und sie würde sich lächerlich machen, wenn sie mitzuspielen versuchte. Und immer wenn sie doch einen Versuch startete, wurde sie ignoriert. Nicht zurückgewiesen – niemand verspottete sie oder war gemein zu ihr. Es nahm einfach keiner Notiz von ihr. Nur als Annas Freundin wurde sie bemerkt.

«Ich frage mich, was Anna in Holly Barrett sieht», hörte sie Debby eines Nachmittags in der Turnhalle sagen. «Ich meine, was will sie von ihr? Holly Barrett ist nicht gerade eine Spaßkanone. Worüber redet Anna mit ihr?»

«Wahrscheinlich erledigt sie Annas Hausaufgaben», hatte Wendy erwidert.

Und Wendy hatte recht.

«Hey», Jack Dane stieß sie sanft an und hielt ihr einen Ohrstöpsel hin.

«Hör mal.»

Holly steckte ihn sich ins Ohr, und es dauerte nur eine Sekunde, bis sie den Song erkannte: Fix You von Coldplay.

«Großartig, oder?», sagte er, als das Stück zu Ende war. «So etwas ist tatsächlich möglich, weißt du.»

«Was ist möglich?»

«I’ll try to fix you – repariert zu werden. Schau nicht so erschrocken. Ich habe es nicht buchstäblich gemeint. Ich meinte nur, es ist möglich, wieder heilgemacht zu werden. Du wirktest so traurig, als du aus dem Fenster sahst, das ist alles.»

Sie legte den Ohrstöpsel in seine ausgestreckte Hand und lächelte.

«Danke.»

Er steckte sich die Stöpsel wieder in die Ohren und schloss die Augen. Würde er diesmal wirklich einschlafen oder sie weiter beobachten, wenn sie aus dem Fenster sah, fragte sich Holly.

Sie hatte sich nicht gerade hübsch gemacht, eher im Gegenteil; sie trug ihre üblichen alten Jeans und ein schwarzes T-Shirt. Kein Make-up. Keinen Schmuck. Kein Parfum. Schmutzige weiße Turnschuhe. Wer macht sich schon schick für eine Busfahrt? Jetzt wünschte sie sehnlichst, sie hätte es getan. Und dass sie irgendwann in ihrem Leben gelernt hätte zu flirten. Woher sollte sie wissen, was als Nächstes zu tun war? Würde er sie nach ihrer Telefonnummer fragen? Wenn nein, sollte sie nach seiner fragen? Nein. Absolut nicht. Viel zu peinlich. Wahrscheinlich hatte er sowieso eine Freundin. «In festen Händen», wie ihr Großvater Henry sagen würde. Er hatte ein bisschen geplaudert, sich während einer Busfahrt amüsiert. Wahrscheinlich rief er direkt nach dem Vorstellungsgespräch seine Freundin in Boston an, die ihn, wenn er zurückfuhr, an der Bushaltestelle abholte.

Holly schloss die Augen und versuchte den Geruch und die Wärme seines Atems heraufzubeschwören. Sie wollte sich den Moment der Nähe, als sie flüsterten, zurückrufen und darin verharren, ihn bewahren. Stattdessen hatte sie das Bild vor sich, wie er mit einer schlanken Blondine Hand in Hand ging. Sie machte die Augen wieder auf und starrte aus dem Fenster.

Viel zu schnell tauchte der Mill Pond Diner auf. Der Busfahrer blinkte, bremste und bog auf den Parkplatz ein.

Holly berührte Jacks Arm; er öffnete die Augen, zog sich die Stöpsel aus den Ohren.

«Sind wir da?»

«Ja.»

«Prima.»

Mit einem Zischen schwang die pneumatische Tür auf, und Holly und Jack standen auf. Anscheinend waren sie die Einzigen, die an der ersten Haltestelle ausstiegen. Jack Dane trat in den Gang und ließ Holly den Vortritt. Wieder schämte sie sich wegen ihrer nachlässigen Klamotten. Keiner von beiden sprach ein Wort, als sie aus dem Bus kletterten und ihre Taschen aus dem Kofferraum holten.

«Nett, dich kennengelernt zu haben, Holly Barrett.» Er streckte ihr die Hand entgegen. Kein «Darf ich dich anrufen?». Nichts.

Noch einmal schüttelten sie einander kurz und fest die Hände.

Ich kann ein Risiko eingehen, Anna, ich muss ein Risiko eingehen.

«Wenn du eine Mitfahrgelegenheit brauchst, mein Auto steht hier. Ich könnte dich zum Figs bringen.»

«Danke, aber der Manager sagte, er holt mich ab.» Er beschirmte die Augen gegen die Sommersonne. «Da drüben steht ein Mann, neben dem blauen Wagen. Vielleicht wartet der auf mich.»

«Charlie Thurlow. Ja, ich habe gehört, dass er der Manager ist.» Sie wollte noch etwas sagen, aber sie spürte, dass er es eilig hatte, und so sagte sie nur: «Viel Glück, Jack Dane. Ich hoffe, du kriegst den Job. Hat mich auch gefreut, dich kennenzulernen.»

Doch als sie «Hat mich auch gefreut» sagte, war Jack bereits unterwegs zu Charlie Thurlow, der gewinkt hatte, sodass sie die letzten Worte zu seinem Rücken sagte.

«Nein, macht mir nichts aus», murmelte sie zu sich selbst, als sie sich die Tasche über die Schulter warf und zum anderen Ende des Parkplatzes ging, wo ihr Wagen in der Hitze kochte. «Es war verrückt und naiv, auf mehr zu hoffen. Es macht mir gar nichts aus.»

Kapitel 2

Zehn Minuten später kam Holly zu Hause in Birch Point an und fand einen Zettel auf dem Küchentisch:

«Sind am Back Beach, Venusmuscheln sammeln. Komm runter, wenn du Lust hast. Alles läuft prima, H.»

Sie stellte die Reisetasche ab, ging nach oben ins Schlafzimmer und schlüpfte in ihren schwarzen Badeanzug. «Altmodisch» hatte Jack Dane sie genannt. Bevor er sie nicht nach ihrer Telefonnummer fragte und ohne sich umzusehen davonging. Wenigstens war ihr Badeanzug weder geblümt, noch hatte er Rüschen. Wenn Jack geahnt hätte, wie altmodisch sie wirklich war, wäre er wahrscheinlich zu Charlie Thurlow gerannt.

Es war der ideale Tag, um in Shoreham anzukommen: ein Junimorgen mit endlos blauem Himmel, gerade so warm, dass die Aussicht auf ein Bad im Meer reizvoll erschien. In den Hundstagen im späten Juli und August konnte die Hitze feucht, dumpf und stickig werden. Wenn man an den Strand ging, erwarteten einen statt frischer Luft Moskitowolken und im Wasser Schwärme von Quallen. Jack Dane mochte vom Meer träumen, aber er wusste nicht, dass es Zeiten gab, in denen es so wenig einladend war wie der Asphalt in der Großstadt.

Sie schnappte sich ein Handtuch und eine Baseballkappe, verließ das Haus und lief die fünfzig Meter bis an die Stelle, wo der Damm begann. Jedes Mal, wenn sie das rostige Tor erreichte, bedankte sie sich im Stillen bei demjenigen, der vor vielen Jahren die phantastische Idee hatte, den Cape Cod Canal ausheben zu lassen.

Bei der Grabung des Kanals quer durch Massachusetts, der die Strecke zwischen New York und Boston für die Schifffahrt verkürzte, hatte das Engineers Corps der US Army ihrer Familie unbeabsichtigt einen etwa zwei Kilometer langen Privatstrand vermacht. Holly war immer noch nicht dahintergekommen, ob nur Sand abgeladen worden war oder ob es darunter ein steinernes Fundament gab, aber ganz gleich wie, man hatte den Damm angelegt – einen langen sandigen Finger, der sich von Birch Point wegstreckte –, an sein Ende einen Leuchtturm gesetzt und das ganze Gelände zu Staatseigentum erklärt.

Die Ostseite des Damms bildete das Ufer des Kanals; die Westseite formte eine Bucht und ging in den alten Strand am Ende von Birch Point über. In Hollys Familie wurden die Kanalseite Back Beach und die Buchtseite Front Beach genannt. Am Back Beach war das Wasser kälter, und es gab gefährliche Strömungen wegen der vorbeifahrenden Schiffe, weshalb die meisten Leute am Front Beach schwimmen gingen. Nur Holly mochte den Back Beach lieber: Als Kind hatte sie Stunden damit verbracht, den vorüberfahrenden Schiffen nachzusehen und sich auszudenken, wohin sie fuhren, woher sie kamen und was für Menschen an Bord waren.

Da das Parken am Birch Point ausschließlich Anwohnern erlaubt war, erreichte man den Damm nur zu Fuß oder per Boot. Hollys Elternhaus war fast das letzte am Point, und zum Back Beach brauchte sie nur eine Minute. Sie nahm einen kleinen Pfad durch den Wald und achtete darauf, dem rotblättrigen Giftefeu auszuweichen, der den Weg säumte. Sie sah, dass die Ebbe an ihrem Tiefpunkt war – die einzige Zeit, da man Venusmuscheln aus ihrem Versteck im Sand ausbuddeln konnte. Das Sandareal bei Widows Cove weiter links wäre ein Schlaraffenland für Henry und Katy, und Holly beeilte sich, um nicht noch mehr gemeinsame Zeit zu versäumen.

Sehr bald entdeckte sie Henry, der sich bückte, und Katy, die neben ihm hockte und mit ihren kleinen Händen den nassen grauen Sand durchwühlte. Holly blieb stehen und sah ihnen einen Moment lang zu, während sie dahinschmolz vor Stolz und Liebe und dem Verlangen, die Zeit anzuhalten, damit alles so blieb, wie es war, für immer und ewig. Ihre glückliche kleine blonde Tochter, die im Sonnenschein im Sand buddelte, ohne Sorgen, ohne Angst, dass jemals etwas Trauriges oder Schlimmes geschehen könnte.

«Hallo», rief sie und winkte. Katy drehte sich um, blickte herauf und winkte aufgeregt zurück.

«Mami! Komm. Schau dir die ganzen Venusmuscheln an!»

«Meine Güte!» Holly lief zu ihr, nahm sie auf den Arm und drückte sie fest. «Wo ist der Eimer?»

Sie setzte Katy wieder ab und spähte in den Eimer neben Henry.

«Was für ein Fang! Ihr habt ja gnadenlos zugeschlagen. Ich glaube, ihr braucht mich beim Sammeln gar nicht.»

«Hallo, Herzchen.» Henry gab ihr einen Kuss auf die Wange. «Wie war’s in Boston?»

«Schön.» Sie zog Katy an sich und gab ihr einen Kuss. «Danke, dass du auf sie aufgepasst hast.»

«Das ist das Privileg eines Urgroßvaters. Wir hatten einen Riesenspaß. Du solltest uns öfter allein lassen.»

«Ist das ein Wink mit dem Zaunpfahl, Henry?»

«Jedenfalls solltest du ihn beherzigen. Du musst mehr raus. Und ich bin absolut in der Lage, auf Katy aufzupassen.»

«Das weiß ich doch.» Sie drückte seinen Arm, dann wandte sie sich wieder Katy zu. «Also, was machen wir mit all den frischen Venusmuscheln, Küken?»

«Henry sagt, wir machen Clam Chowder.»

«Ausgezeichnet.»

«Aber er muss perfekt werden.»

Holly blinzelte Henry zu. Seit etwa einem Monat war Katy geradezu besessen davon, alles «perfekt» zu machen. «Perfekt» war ihr neues Lieblingswort, ihr Mantra. Mit ihren fünf Jahren strebte sie in allem nach Perfektion: die «perfekte» Menge Milch für die Cornflakes, die «perfekte» Gutenachtgeschichte, den «perfekten» Tag. Henry zuckte die Achseln und rollte mit den Augen.

«Wir versuchen es, Katy. Das Beste, was wir für ein perfektes Ergebnis tun können, ist – es versuchen.»

«Ich finde, wir haben die perfekte Menge Venusmuscheln», sagte Katy und schaute in den Eimer. «Oder?»

«Auf jeden Fall.» Henry streckte sich und rieb sich den Rücken. «Katy ist eine Sklaventreiberin. Nicht eine Pause durfte ich machen. Ständig hat sie gesagt: ‹Nicht aufhören, Henry›, und ich habe versucht ihr zu erklären, dass das, was für eine Fünfjährige einfach ist, für einen Fünfundsiebzigjährigen nicht unbedingt leicht ist.»

«Aber sie hat nicht auf dich gehört.»

«Sie ist ein sehr ernsthaftes Mädchen, weißt du. Sie duldet keinen Scheiß.»

«Henry!»

«Komm schon. So was hört sie doch jeden Tag auf dem Spielplatz.»

«Wir sind hier nicht in der Großstadt, Henry. Wir sind in Shoreham.»

«Und in Shoreham fluchen die Leute nicht, Herzchen? Ach, Gott.» Henry lachte und nahm den Eimer. «Ich gehe nach Hause. Warum kommt ihr nicht nach dem Essen vorbei und wir fangen an, das Chowder vorzubereiten?»

«Gerne. Und vielen Dank nochmal, dass du sie gestern Nacht gehütet hast.»

«Es war mir ein Vergnügen.» Er legte Katy die Hand auf den Kopf. «Sie war ein perfekter Gast.»

«Tschüs, Henry», sagte Katy, «grüß Bones von mir.»

«Das mach ich, junge Dame. Du siehst ihn ja nachher.» Er ging den Strand hinauf zu der Stelle, wo das hohe Gras begann, und hob seine Jacke auf. «Inzwischen suche ich im Internet nach dem perfekten Rezept.»

«Dir ist jede Ausrede recht.» Holly lächelte bei der Vorstellung, wie Henry am Schreibtisch saß und im Netz surfte. Sie war immer wieder erstaunt, wie gut er sich im Internet auskannte, und vermutete, dass er mindestens drei Stunden täglich an seinem Apple-Computer verbrachte. Als er fort war, ging sie in die Hocke, um mit Katy auf Augenhöhe zu sein.

«Was möchtest du machen? Wollen wir noch ein bisschen am Strand bleiben, oder gehen wir nach Hause?»

«Können wir am Strand bleiben und Muscheln suchen?»

«Natürlich. Los, komm.»

Sie wanderten den Strand entlang und hoben hübsche Muscheln auf, bis Katy anhalten wollte und den Schiffen bei ihrer Fahrt durch den Kanal zusehen. Holly breitete das Handtuch aus, und sie machten es sich bequem – ein Platz in der ersten Reihe für den Schiffsverkehr. Schlepper, Schnellboote, Yachten und Frachtschiffe auf ihrem Weg von New York nach Boston oder umgekehrt.

Henry hatte ihr erzählt, dass man früher nachts, wenn die Schiffe den Kanal passierten, an Bord Passagiere in Abendkleidern und Smokings tanzen sehen konnte. Inzwischen gab es Tagesausflüge und Whale-Watching-Fahrten vom nahe gelegenen Onset aus, doch vom Glanz jener Nachtfahrten von Boston nach New York war wenig geblieben. Heutzutage nahm man ein Flugzeug, den Zug oder das Auto.

«Schau, Mami, da ist eine australische Flagge.» Katy deutete auf eine schlanke, schöne dunkelgrüne Yacht. Natürlich hatte sie recht mit der Flagge. Henry hatte ihr zu Weihnachten ein Flaggenbuch geschenkt, und Katy nahm das Lernen ernst. Außerdem hatte sie für eine Fünfjährige ein phänomenales Gedächtnis.

Holly gehörte nicht zu den Müttern, die in allem, was ihr Kind fertigbrachte, Zeichen von Genialität sahen, aber Katys Erinnerungsvermögen grenzte ans Sonderbare. Eine Zeitlang hatte sie gefürchtet, es könnte sich um eine Art von Autismus handeln, und begann im Internet zu recherchieren; bis Henry sie dabei erwischte und ihr den Kopf wusch. Trotzdem fragte sie sich immer wieder, ob Katy normal und ausgeglichen war. Lachte sie genug? Oder war sie zu introvertiert? Zu ernst?

Das Muschelnsammeln hatte ihr offensichtlich Spaß gemacht, sie war also eindeutig fähig zur Freude; auch wenn sie nicht ständig auf und ab hüpfte oder herumkasperte. War das schlecht? Holly sah zu, wie Katy sich auf die Schiffe konzentrierte und nach Flaggen Ausschau hielt.

Woher soll man das als Mutter je wissen? Man kann so viel falsch machen. Bin ich zu streng? Bin ich nicht streng genug? Soll ich Henry bitten, vor Katy nicht zu fluchen, oder ist das überfürsorglich und albern? Liegt Katy eines Tages beim Therapeuten auf der Couch und gibt mir die Schuld an allem, was schiefläuft? Wird sie die gleichen Fehler machen wie ich?

Holly ließ den Blick zum Leuchtturm am Ende des Damms schweifen und darüber hinaus. Der Himmel war so klar, dass sie bis Martha’s Vineyard sehen konnte – dachte sie zumindest. An solchen Tagen war sie sich nie ganz sicher, welche der Inseln am Horizont welche war.

«Holly, du hast keine Ahnung, oder? Wie lange lebst du schon hier – und du weißt nicht, ob das da draußen Martha’s Vineyard, Nantucket oder eine andere Insel ist?»

«Geographie ist nicht meine Stärke.»

«Komm schon – du bist in allen Fächern gut.»

Sie war siebzehn, er achtzehn. Sie saßen auf dem kalten, harten Sand an einem kleinen Strand zwischen den Felsen, fast am Ende des Damms. Es war das Wochenende nach Thanksgiving, Ende November, und die Tage waren kalt und klar. Hollys Eltern waren von Boston gekommen, um für den Winter die Heizung anzustellen, und Billys Eltern, weil nach Saisonende ein Bootsverkauf stattfand. Billy hatte nur hallo sagen wollen, und sie machten zusammen einen Spaziergang.

Billy Madison, der Wochen zuvor mit ihr getanzt hatte, wenige Tage nachdem ihre Freundin Anna ihn abserviert hatte; der sie bei einem langsamen Song eng an sich herangezogen hatte; Billy, in den sie unsterblich und unerwidert verliebt war, seit sie ihn mit vierzehn das erste Mal am Front Beach gesehen hatte. Jetzt saß er neben ihr, in ebendem dunkelblauen Pullover, den er beim Tanzen getragen hatte, und in der Kälte leuchteten seine Wangen.

«Ich lerne eben gerne. Die meisten denken wahrscheinlich, ich bin eine Streberin.»

«Ich finde nicht, dass du eine Streberin bist.»

Er legte den Arm um sie und zog sie an sich. Wie es dann weitergegangen war, wusste sie nicht mehr, wie es sich anfühlte, als er sie küsste und ihr die Jeans auszog. Sie erinnerte sich an den steinharten Sand, der sich unter ihrem Rücken wie Beton anfühlte, als Billy in sie eindrang; an die Überraschung und die Angst und das Verlangen und die Hoffnung. Das war Billy Madison, und sie hatten Sex am Strand, und ihr Leben würde sich für immer ändern. Sie würde keine Jungfrau mehr sein, einen Freund haben und wissen, wie es sich anfühlte, geliebt zu werden. Der Moment, als ihr Rücken auf den harten Sand gedrückt wurde, war nicht romantisch oder innig, aber das würde schon noch kommen. Denn Billy Madison war perfekt.

«Igitt!»

Holly drehte sich um und sah Katy mit einer Muschel auf der ausgestreckten Hand.

«Weißt du, was das ist? Man nennt sie Indianische Münze.»

«Sieht aus wie ein ekliger Fußnagel. Ein ekliger, alter, gelber, hässlicher Zehennagel.»

«Früher hatten die Indianer Geld, das so ähnlich aussah. Deshalb nennt man das so.»

«Als Indianer würde ich nicht viel Geld haben wollen, wenn es so aussieht.» Katy ließ die Muschel fallen und vergrub sie im Sand. «Oh – schau, ein Schlepper!» Sie zeigte zum Kanal, in Richtung der Eisenbahnbrücke und Boston. Ein Kahn mit hochaufgetürmter Last wurde von einem Schlepper gezogen. «Wie kann ein so Kleiner einen so Großen ziehen?»

«Ich weiß es nicht.»

«Ich auch nicht.»

«Hat Henry dich mit Sonnencreme eingerieben?»

«Ja.» Katy nickte und schaute immer noch dem kleinen Schlepper nach.

«Aber du warst den ganzen Morgen draußen. Ich glaube, wir gehen jetzt.»

«Na gut.»

«War es schön bei Henry gestern Abend?»

«Ja. Ich habe Bones so lieb.»

«Er hat dich auch lieb.» Holly nahm das Handtuch, schüttelte den Sand aus und legte es um Katys nackte Schultern.

War es normal, dass ein fünfjähriges Mädchen stundenlang neben einem alten schwarzen Labrador lag, ihm den Kopf kraulte und ins Ohr flüsterte?

«Teufel nochmal, sie reißt nicht Schmetterlingen die Flügel aus», hatte Henry gebrummt, als sie ihm ihre Sorge wegen Katys Anhänglichkeit zu Bones gebeichtet hatte. «Kannst du es nicht mal locker sehen, Herzchen? Sie ist ein wunderbares Kind, und du bist eine wunderbare Mutter, und das Einzige, was du tun kannst, ist, sie abgöttisch zu lieben – und das tust du.»

Sie gingen ganz unten am Strand, barfuß am Rand des steigenden Wassers. Katy streckte die Hand aus, Holly nahm sie, dann hob sie Katy hoch und drückte sie an sich.

«Ich habe dich lieb, Kichererbse», flüsterte sie.

«Ich dich auch, Mami. Ich hab dich vermisst.»

Holly setzte sich Katy auf die Hüfte. Als sie den Pfad erreichte, der zur Straße und zum Haus zurückführte, blieb sie stehen und blickte hinauf zu dem schmalen Feld mit dem hohen Gras, wo der Sand aufhörte. Es gab keine Markierung und keinen Gedenkstein, aber irgendwo dort lag die Asche ihrer Eltern.

Ich liebe euch beide. Und ich werde niemals aufhören euch zu vermissen.

An der Straße setzte Holly Katy ab. Links führte ein kleiner Weg durch den Wald zu Henrys Haus. Es war das letzte in Birch Point und hatte einen großartigen, unverbauten Blick aufs Wasser und den Damm, während Hollys Haus, etwa fünfzig Meter weiter, versteckt zwischen den Bäumen lag. Von ihrer Veranda aus konnte sie das Wasser zwischen den Bäumen durchblitzen sehen, wenn sie genau hinsah; im Winter, wenn die Bäume kahl waren, sah man etwas mehr, aber nur von den oberen Fenstern aus war der Blick aufs Meer frei. Manchmal wünschte sie, sie könnte die vielen Bäume einfach fällen, damit sie das gleiche Panorama wie ihr Großvater hatte.

Doch das würde sie nicht übers Herz bringen. Nicht nur, weil es ihr leid um die Fauna tat, sondern auch, weil sie nichts verändern wollte. Ihre Eltern hatten hier gelebt; sie wollte die Erinnerung an sie unversehrt lassen. Sie hatte das verwitterte alte Mobiliar behalten, und merkwürdigerweise gefiel es ihr, wie die Kissen an manchen Tagen die Feuchtigkeit absorbierten; der modrige Geruch, der das Haus durchzog, passte zum tiefen Ton der Nebelhörner vom Kanal her. Die Küche war vorsintflutlich, bis auf die Spülmaschine, die ihre Mutter ein Jahr vor ihrem Tod hatte einbauen lassen, und die Kaffeemaschine, die Holly kürzlich gekauft hatte.

Der Kühlschrank aus den fünfziger Jahren pfiff auf dem letzten Loch und protestierte röhrend dagegen, dass er so lang arbeiten musste. Es gab eine separate Gefriertruhe, die in jedem Krimi eine Hauptrolle gespielt hätte, weil sie das natürlichste Versteck für eine Leiche bot. Es gab Schränke mit verblasstem, angestoßenem Porzellan, einen Toaster, so alt, dass er schon wieder retro war, einen verkratzten Eichentisch und einen Herd mit vier Kochstellen, von denen zwei nicht funktionierten.

Als sie zu Hause ankamen, ging Holly in die Küche und suchte im Regal nach Erdnussbutter und Marmelade, um Katy zum Mittagessen ein Sandwich zu machen. Sie dachte an Jack Danes Gesicht neben sich im Bus, an seinen Atem, an seinen Geruch. Und sie dachte an seine Rückenansicht, als er wieder verschwand.

Ja, ich bin altmodisch, Jack Dane. Manchmal frage ich mich, wie ich wäre, wenn alles anders gelaufen wäre. Wenn wir nicht am Thanksgiving-Wochenende hier herausgefahren wären, wenn nicht gleichzeitig ein Bootsverkauf stattgefunden hätte und Billy gekommen wäre.

«Mami – mögen Hunde Clam Chowder?»

«Ich weiß nicht, Kichererbse. Vielleicht. Aber es könnte Hunde auch krank machen.»

«Dann sollten wir Bones lieber nichts abgeben. Aus Vorsicht. Ich möchte nicht, dass er krank wird – nie.»

Ihr kleines Gesicht sah so besorgt aus, dass Holly fast wünschte, Henry hätte keinen Hund, jedenfalls keinen so alten. Wie sollte Katy es verkraften, wenn Bones starb? Katy hatte Hollys überwältigende Trauer mitbekommen, als ihre Eltern so unerwartet ums Leben kamen. Katy war zwar erst achtzehn Monate alt gewesen, doch Kinder spürten Stimmungen, und Holly war davon überzeugt, dass Katy auf irgendeine tiefe, nicht fassbare Art wusste, dass das Herz ihrer Mutter gebrochen war.

Und sie hatte den Verdacht, Katys Ernsthaftigkeit hatte mit jener Woche zu tun, als Hollys Welt zusammenbrach – als ihr Vater bei der Arbeit an einem Herzinfarkt starb; als ihre Mutter drei Tage später auf dem Rückweg vom Beerdigungsinstitut mit dem Auto gegen einen Baum fuhr.

Plötzlich waren die Großeltern, die zu Katys jungem Leben dazugehört hatten, für immer verschwunden. Die Tatsache, dass das Leben voller Risiken und Willkür war, musste in Katys kleines Gehirn gesickert sein. Kein Wunder, dass sie introvertierter war als die meisten Kinder: Als Kleinkind hatte sie nicht viel Freude in ihrer Umgebung gesehen. Doch Holly und Henry taten ihr Bestes. In der kleinen Oase, die Birch Point darstellte, gingen sie mit ihr schwimmen, sammelten Muscheln und bauten Sandburgen, sie beobachteten zusammen die Regenpfeifer beim Nestbau auf dem Damm, bestimmten die Flaggen der Schiffe, suchten Treibgut am Strand, lasen Katy Geschichten vor und schenkten ihr ihre ganze Liebe.

Bei mir ist sie sicher. Ich kann die Schläge abfangen. Ich werde da sein, wenn Bones stirbt. Ich werde niemals zulassen, dass ihr etwas Schlimmes zustößt – niemals.

«Warum sagt Henry, dass du mehr rausgehen sollst, Mami? Glaubt er, du brauchst frische Luft?»

«Wahrscheinlich.» Holly lachte. «Aber ich habe frische Luft genug. Ich habe alle Luft, die ich brauche, hier bei dir.»