Cover

Impressum

Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, Februar 2010

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Covergestaltung any.way, Barbara Hanke/Cordula Schmidt

Coverabbildung Umschlagabbildung: plainpicture/robertharding/Patrick Dieudonne

Schrift DejaVu Copyright © 2003 by Bitstream, Inc. All Rights Reserved.

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ISBN 978-3-644-40761-9

www.rowohlt.de

 

Alle angegebenen Seitenzahlen beziehen sich auf die Printausgabe.

ISBN 978-3-644-40761-9

mit Dank für die schöne Zeit in Gunglesund

Prolog

Am Fuß des Landungsstegs wartete ein Straßenkünstler: ein bewegliches Kunstwerk, ein lebendiges Stück Theater. Es war ein schlanker Mann im Pierrotkostüm mit einer Clownsmaske vor dem Gesicht. Ohne ein Wort empfing er die durchreisenden Besucher mit einer Pantomime. Er machte eine tiefe Verbeugung, eine Hand vor dem Bauch, die andere mit ausladender Geste zu Boden gestreckt. Die Touristen lächelten.

Der Clown hatte eine Tasche aus rotem Samt bei sich. Sie war mit Pailletten besetzt, die bei jeder Bewegung glitzerten. Er hatte sich die Tasche quer umgehängt, wie eine ältere Frau, die sich vor Taschendieben fürchtet. Nun griff er hinein, zog einen Schwung bedruckter Zettel heraus und fing an, sie an die Touristen zu verteilen.

Diese begriffen: Das war irgendeine Werbeaktion. Am Ende unterschied sich diese Stadt ja doch nicht so sehr von London, New York oder Chicago. Aber sie ließen sich die Laune nicht verderben. Schließlich waren sie im Urlaub. Also nahmen sie die bunt bedruckten Zettel und fingen an zu lesen. Sie hatten einen freien Abend in Lerwick zur Verfügung – vielleicht gab es ja eine interessante Veranstaltung, die man besuchen konnte. Irgendetwas an diesem Burschen sprach sie an. Er brachte sie zum Schmunzeln, auch wenn seine Maske ihm etwas Unheimliches verlieh.

Als sie in die Busse stiegen, sahen sie ihn die schmale Straße entlang in die Stadt hineingehen. Er verteilte ununterbrochen weiter seine Handzettel an die Passanten.

Eins

Gerade war er auf dem Flugplatz in Tingwall gelandet, nach einem Kurzurlaub auf Fair Isle, wo seine Eltern ihren Hof hatten. Drei Tage lang hatte er sich von seiner Mutter verwöhnen lassen und sich die Klagen seines Vaters über den Schafspreis angehört. Und wie nach jedem Besuch daheim fragte er sich auch diesmal, warum es ihm eigentlich so schwerfiel, mit seinem Vater auszukommen. Es gab keinen Streit, keine offenen Feindseligkeiten, und doch verspürte er jedes Mal ein enervierendes Gefühlsgemisch aus Schuld und Unzulänglichkeit.

Dann war da natürlich die Arbeit. Auf seinem Schreibtisch wartete ein ganzer Stoß Unterlagen auf ihn. Sandy Wilsons Spesenrechnungen, die allein ihn vermutlich schon einen kompletten Tag Arbeit kosten würden. Und den Bericht für den Staatsanwalt über einen Fall schwerer Körperverletzung in einer Kneipe in Lerwick musste er auch noch fertig schreiben.

Und Fran. Sie hatten ausgemacht, dass er sie um halb acht in Ravenswick abholen sollte. Vorher musste er unbedingt noch kurz zu Hause vorbeifahren und duschen. Schließlich war das ja ein Rendezvous. Ihr erstes richtiges Rendezvous. Sie trafen sich schon seit einem halben Jahr hin und wieder, waren befreundet. Aber heute war er so nervös wie ein Fünfzehnjähriger.

Pünktlich auf die Minute hielt er vor ihrem Haus, mit nassen Haaren und einem neuen Hemd, in dem er sich noch nicht ganz wohl fühlte. Es wirkte steif, wie frisch gestärkt,

Sie war auch nervös, das sah er sofort, als sie zu ihm ins Auto stieg. Sie trug etwas enganliegendes Schwarzes und sah darin so elegant aus, dass er sich beim besten Willen nicht vorstellen konnte, jemals eine Chance bei ihr zu haben. Dann lächelte sie dieses schiefe kleine Lächeln, bei dem ihm immer so anders wurde, als hätte er gerade drei Stunden bei stürmischem Westwind auf der Good Shepherd verbracht. Er drückte ihr die Hand. Gerne hätte er ihr gesagt, wie absolut atemberaubend sie aussah, doch ihm fiel nichts ein, was weder plump noch gönnerhaft geklungen hätte. Und so schwiegen sie den ganzen Weg bis nach Biddista.

Die Galerie trug den Namen Herring House: In früheren Zeiten waren dort die Fische getrocknet worden. Sie lag inmitten eines sanften Tals an der Westküste, direkt am Wasser. Ein Stückchen weiter den Strand entlang befand sich eine kleine steinerne Anlegestelle, wo die Fischer ihre Boote festmachten, um den Fang abzuladen. Ein paar Männer hatten immer noch ihre Boote dort liegen. Wenn man aus der Tür trat, roch man Seetang und Salz. Und Bella Sinclair erzählte, als sie das Haus übernommen habe, hätte noch ein leichter Heringsgeruch in den Wänden gehangen.

Bella war die zweite Künstlerin, die an diesem Abend ausstellte. Perez kannte sie, so wie sie im Grunde jeder auf Shetland kannte: von ein bisschen Smalltalk bei der einen oder anderen Party, hauptsächlich aber durch die vielen Geschichten,

Perez war immer noch ganz aufgelöst von der hektischen Fahrt vom Flughafen und dem Gefühl, dass dieser Abend seine große Chance bei Fran war. Er war so ungeschickt, wenn es um die Gefühle anderer Leute ging. Was, wenn er es nun vermasselte? Als er Bella begrüßte, merkte er, dass seine Hand zitterte. Vielleicht hatte er sich auch einfach nur von Frans Lampenfieber anstecken lassen, von ihrer gespannten Erwartung, wie ihre Arbeiten wohl ankommen würden. Als sie sich unter die Gäste mischten, um die Bilder anzusehen, die an den schmucklosen Wänden hingen, spürte er, wie sich seine Anspannung noch verstärkte. Er nahm kaum wahr, was um ihn herum geschah. Er unterhielt sich mit Fran, nickte Bekannten zu, fühlte sich dabei aber seltsam unbeteiligt. Es kam ihm vor, als lastete ein immer stärker werdender Druck auf seiner Stirn, wie an einem heißen, schwülen Tag, wenn man auf das Gewitter wartete. Erst als Roddy Sinclair auftrat, um für die Gäste zu spielen, ließ Perez’ Spannung ein wenig nach. Als hätte es endlich angefangen zu regnen.

Roddy stand in Licht getaucht mitten im Raum. Es war neun Uhr abends, doch durch die Fenster in dem hohen Schrägdach fiel noch immer Sonne herein, die von den gebohnerten Holzdielen und den weißgetünchten Wänden reflektiert wurde und Roddys Gesicht erstrahlen ließ. Einen Augenblick lang stand er lächelnd und reglos da und wartete, bis die Gäste sich ihm zuwandten, in der unerschütterlichen Überzeugung, ihre Aufmerksamkeit gewinnen zu können. Die Gespräche verstummten, es wurde still im Raum. Roddy sah zu seiner Tante hinüber, die ihm ein ebenso liebevolles

Alle wussten, was sie zu erwarten hatten, und er enttäuschte sie nicht. Er spielte wie ein Besessener, dafür war er schließlich bekannt. Für seine Show. Und für die Musik natürlich. Seine shetländische Fiddle-Musik schien einfach alle anzusprechen, sie wurde landesweit im Radio gespielt, die Talkshow-Moderatoren im Fernsehen ergingen sich in Lobeshymnen. Man konnte es kaum fassen: Klatschspalten berichteten über einen Jungen von den Shetland-Inseln, der Champagner trank und mit blutjungen Schauspielerinnen ausging. Er war quasi über Nacht berühmt geworden. Ein Rockstar hatte ihn zu seinem Lieblingsmusiker ernannt, und plötzlich war Roddy Sinclair überall, in den Zeitungen, im Fernsehen, in den Hochglanzmagazinen.

Er hüpfte und tänzelte, und die gesetzten, nicht mehr ganz jungen Besucher, der englische Kunstkritiker und die paar großen Namen, die aus Lerwick nach Norden gekommen waren, stellten ihre Weingläser ab und klatschten im Rhythmus mit. Roddy fiel auf die Knie und ließ sich ganz langsam nach hinten sinken, bis er fast flach auf dem Rücken lag, ohne auch nur eine einzige Note auszulassen. Dann sprang er wieder auf die Füße und spielte, auch jetzt ohne Unterbrechung, weiter. In einer Ecke der Galerie hakte sich ein älteres Paar unter und fing erstaunlich leichtfüßig an zu tanzen.

Roddy spielte so rasant, dass die Zuschauer den Bewegungen seiner Finger kaum folgen konnten. Dann war die Musik plötzlich zu Ende. Der Junge verbeugte sich, und die Leute jubelten. Perez hatte ihn schon oft spielen sehen, und trotzdem rührte dieser Auftritt etwas in ihm an, löste einen seltsam patriotischen Stolz aus, der ihm fast unangenehm war.

Bella trat aus dem Schatten zu Roddy ins Licht. Sie streckte einen Arm aus, eine bewusst theatralische Geste in Anerkennung des Auftritts.

«Roddy Sinclair», sagte sie. «Mein Neffe.» Dann ließ sie den Blick durch den Raum schweifen. «Nur schade, dass er hier nicht mehr Publikum vorgefunden hat.» Und wirklich waren auffallend wenige Leute im Raum. Durch Bellas Kommentar wurde das erst richtig offensichtlich. Das fiel wohl auch ihr auf. Sie runzelte die Stirn und hätte die Bemerkung wohl am liebsten wieder zurückgenommen.

Der junge Mann verbeugte sich noch einmal, grinste und hielt dann mit der einen Hand seine Fiddle, mit der anderen den Bogen in die Höhe.

«Kaufen Sie einfach die Bilder», sagte er. «Dafür sind Sie schließlich hier. Ich bin nur die Vorgruppe. Die Hauptattraktion sind die Bilder.»

Damit wandte er sich von ihnen ab und holte sich ein Glas Wein von einem langen Tisch, der vor der einzigen völlig leeren Wand im Raum aufgebockt war.

Zwei

Fran hatte bereits ein paar Gläser Wein geleert. Sie war sehr viel nervöser, als sie selbst erwartet hatte. Als sie noch bei der Zeitschrift in London arbeitete, war sie bei Dutzenden solcher Anlässe gewesen: Theaterpremieren, Eröffnungen, Vernissagen. Sie hatte sich unter die Leute gemischt, Smalltalk

Und dann waren auch noch viel weniger Leute da als erwartet. Bellas Vernissagen waren sonst immer gut besucht, doch heute waren selbst von den Bekannten, die Fran eingeladen hatte und die sie eigentlich für Freunde hielt, viele nicht gekommen. Vielleicht wollten sie ja nur höflich sein, als sie ihnen von der Ausstellung erzählt hatte und sie versprochen hatten zu kommen. Sie hatten schon Bilder von ihr gesehen und interessierten sich nicht dafür – zumindest nicht genug, um ihnen einen schönen Sommerabend zu opfern, mit dem sich so viel Besseres anfangen ließ. Schließlich war das die Jahreszeit für Grillpartys und Bootstouren. Fran nahm sich die schlechten Besucherzahlen zu Herzen.

Perez näherte sich von hinten. Sie spürte die Bewegung und drehte sich um. Wie jedes Mal, wenn sie ihn unerwartet vor sich sah, dachte sie als Erstes, dass sie ihn zeichnen wollte. Es juckte ihr förmlich in den Fingern, sofort zum Kohlestift zu greifen. Eine weiche Zeichnung würde es werden, ohne scharfe Konturen. Sehr dunkel. Perez war Shetländer. Seine Familie war seit dem 16. Jahrhundert auf den Inseln ansässig, trotzdem hatte er kein Wikingerblut in den Adern. Sein Ahnherr war an Land gespült worden, nachdem ein Schiff der Armada vor Fair Isle gekentert war, zumindest erzählte er das

«Läuft doch gar nicht schlecht», sagte er. Sein Ton klang vorsichtig. Überhaupt war er in einer merkwürdigen Verfassung an diesem Abend. Vielleicht war er ja auch nervös. Er wusste schließlich, was das für sie bedeutete. Ihre erste Ausstellung. Und sie waren ohnehin sehr vorsichtig miteinander. Fran blieb auf Distanz, wollte sich ihre Unabhängigkeit bewahren. Wenn sie etwas mit Perez anfing, würde sie sich nicht nur auf ihn einlassen, sondern auch auf seine Familie, auf die ganze Fair-Isle-Geschichte. Und er hätte eine alleinerziehende Mutter am Hals. Ein fünfjähriges Kind. Das war viel zu viel, um auch nur darüber nachzudenken. Aber natürlich dachte sie trotzdem darüber nach. In diesen langen Sommernächten, wenn es nie richtig dunkel wurde, dachte sie an ihn. Bilder blitzten vor ihr auf wie Dias, die in einen altmodischen Projektor geschoben wurden. Manchmal stand sie dann auf und setzte sich vors Haus, sah der Sonne zu, die über dem grauen Wasser nie ganz untergehen wollte, und überlegte, wie sie ihn zeichnen würde. Seinen langgestreckten Körper, von ihr weggedreht. Die Knochen, die sich unter seiner Haut abzeichneten. Die harte Wirbelsäule, die sanfte Rundung seines Hinterns. Aber das alles existierte ja nur in ihrer Phantasie. Er küsste sie auf die Wange, legte ihr die Hand auf den Arm, doch darüber hinaus bestand kein körperlicher Kontakt zwischen ihnen. Vielleicht gab es ja eine andere Frau in seinem Leben, von der er träumte, wenn er wegen der Helligkeit

Kurz nachdem sie sich kennengelernt hatten, war Fran für einen Monat zurück in den Süden, nach England, gegangen. Sie hatte es vor sich selbst damit gerechtfertigt, dass sie es für ihre Tochter tat. Cassie hatte ein Drama durchlebt, das selbst Erwachsene traumatisiert hätte, und Fran glaubte, es würde ihr helfen, das alles zu verarbeiten, wenn sie eine Zeitlang nicht auf Shetland war. Nach ihrer Rückkehr hatte Perez sich bei ihr gemeldet, sich erkundigt, wie es ihr und der Kleinen ging. Rein berufliches Interesse, hatte Fran sich gesagt und doch gehofft, dass mehr dahinterstecken könnte. Daraus war eine lockere Freundschaft entstanden. Fran war zurückhaltend geblieben: Sie fühlte sich immer noch als Fremde hier und war sich nicht sicher, was von ihr erwartet wurde. Das Scheitern ihrer Ehe hatte ihr Selbstbewusstsein erschüttert. Eine weitere Zurückweisung würde sie nicht ertragen.

«Es läuft total schlecht», sagte sie jetzt. «Es ist ja kaum ein Mensch da.» Ihr war klar, wie undankbar das klang, aber sie konnte einfach nicht anders. «Man sollte doch meinen, dass ein paar mehr Leute kommen, schon allein, weil der Wein umsonst ist und Roddy Sinclair spielt.»

«Aber die Leute, die hier sind, sind dafür auch richtig interessiert», sagte Perez. «Schau doch nur.»

Fran wandte sich von ihm ab und sah sich um. Perez hatte recht. Die Gäste hatten ihre Aufmerksamkeit von Wein und Musik abgewandt, sie gingen durch die Galerie, sahen sich die Bilder an, blieben hin und wieder stehen, um ein Detail genauer zu betrachten. Der Raum war zu gleichen Teilen zwischen Frans und Bellas Arbeiten aufgeteilt. Ursprünglich war die Ausstellung als Bella-Sinclair-Retrospektive konzipiert worden. Sie präsentierte Werke aus den letzten

«Du kannst stolz auf dich sein», sagte Perez, und Fran wusste nicht recht, was sie darauf erwidern sollte. Sie hoffte, dass er noch etwas Schmeichelhaftes über ihre Arbeiten sagen würde. Zittrig und exponiert, wie sie sich an diesem Abend fühlte, konnte sie jedes Kompliment gebrauchen.

Doch er beobachtete schon wieder die Gäste. «Der da drüben wirkt besonders interessiert.» Fran folgte seinem Blick und sah einen Mann mittleren Alters, der auf künstlerisch-lässige Weise elegant gekleidet war. Er war geradezu mädchenhaft schlank, trug ein schwarzes Leinensakko über einem schwarzen T-Shirt, dazu eine weite schwarze Hose. Gerade betrachtete er ein frühes Selbstporträt von Bella. Eine ganz besonders zügellose Bella im roten Kleid: Der Mund ein scharlachrot geschminkter Schlitz, das Haar aus dem Gesicht, wirkte sie mindestens ebenso erotisch wie verstörend. Es war ein Ölgemälde, mit dick und pastos aufgetragenen Farben und äußerst gewagter Pinselführung.

Dann ging er weiter, trat neben Roddy Sinclair und starrte auf eine Arbeit von Fran, eine Zeichnung von Cassie am Strand von Ravenswick. Irgendetwas an der Intensität seines Blicks erfüllte Fran mit Unbehagen, obwohl er Cassie anhand des Bildes niemals auf der Straße erkennen konnte. Eigentlich, dachte sie, wirkt er eher entsetzt als interessiert. Als hätte er gerade eine Gräueltat mit ansehen müssen. Oder einen Geist erblickt.

«Er ist nicht von hier», bemerkte Perez. Fran war derselben Ansicht, und das nicht nur, weil sie ihn nicht kannte. Sein ganzer Habitus entlarvte ihn als Ausländer aus dem Süden:

«Was glaubst du, wer er ist?» Sie musterte den Mann möglichst unauffällig über den Rand ihres Weinglases hinweg, doch er war immer noch so sehr in die Zeichnung vertieft, dass er ihren Blick wahrscheinlich auch nicht bemerkt hätte, wenn er sich umgedreht hätte.

«Irgendein stinkreicher Sammler.» Perez grinste sie an. «Er wird sämtliche Bilder von dir kaufen und dich weltberühmt machen.»

Fran kicherte – ein kurzer Moment der Entspannung. «Oder der Kunstrezensent irgendeiner Sonntagszeitung. Dann komme ich in eine Artikelserie über die neuesten aufstrebenden Talente.»

«Klar», sagte Perez. «Warum denn nicht?»

Fran drehte sich wieder zu ihm um. Sie dachte, dass er immer noch scherzte, doch er hatte die Stirn leicht gerunzelt.

«Im Ernst.» Jetzt lächelte er wieder. «Du bist wirklich gut.»

Fran wusste nicht, was sie sagen sollte, und suchte noch nach einer witzigen, selbstironischen Bemerkung, da sah sie, dass der Fremde sich umgedreht hatte. Er fiel auf die Knie, wie zuvor Roddy mit seiner Violine. Dann schlug er die Hände vors Gesicht und begann zu weinen.

Drei

Perez dachte sich, dass um diese Jahreszeit alle ein bisschen durchdrehten. Das lag am Licht, das am Tag so intensiv war und auch nachts nie ganz verschwand. An der Sonne, die nie völlig am Horizont unterging, sodass man selbst um Mitternacht

Als er den schwarzgekleideten Mann inmitten eines Flecks aus Sonnenlicht auf die Knie sinken und in Tränen ausbrechen sah, war Perez überzeugt davon, dass es sich um einen solchen Fall von Mittsommerwahn handeln musste, und er hoffte, dass sich jemand anders darum kümmern würde. Es war ein äußerst theatralischer Ausbruch. Aber der Mann war ja wohl kaum aus eigenem Antrieb hergekommen. Bella Sinclair musste ihn eingeladen haben, oder einer von den anderen Gästen hatte ihn mitgebracht. Vom Süden aus war Herring House nicht leicht zu erreichen, selbst wenn man es schon bis nach Lerwick geschafft hatte. Wahrscheinlich ging es um eine Frau, dachte Perez. Oder der Mann war selbst Künstler und wollte auf sich aufmerksam machen. Perez hatte die Erfahrung gemacht, dass Menschen, die unter ernsthaften

Doch niemand kam dem Mann zu Hilfe. Die anderen Gäste hörten auf zu reden und beobachteten mit peinlich berührter Faszination, wie er weiter schluchzte, das Gesicht jetzt ins Licht gedreht, während seine Arme schlaff herunterhingen.

Perez spürte Frans stummen Vorwurf neben sich. Sie erwartete natürlich, dass er etwas unternahm. Es spielte keine Rolle, dass er nicht im Dienst war. Er musste schließlich wissen, was in so einem Fall zu tun war. Und damit nicht genug: Sie nutzte es überhaupt schamlos aus, dass er sie anbetete. Sie gab das Tempo vor. Wie lange wartete er jetzt schon auf eine solche Verabredung? Er wollte ihr um jeden Preis gefallen, deshalb hatte er sich ausschließlich nach ihr gerichtet, die ganze Zeit. Bisher war ihm gar nicht aufgefallen, wie sehr er nach ihrer Pfeife tanzte – jetzt traf ihn die Erkenntnis ganz unerwartet. Doch gleich nach diesem plötzlichen Anfall von Frustration dachte er schon wieder, wie wenig einfühlsam solche Gedanken waren. Sie hätte fast ihre Tochter verloren. Musste man ihr da nicht Zeit lassen, sich davon zu erholen? Außerdem war sie das Warten nun wirklich wert. Er ging zu dem weinenden Mann hinüber, hockte sich neben ihn, half ihm auf die Füße und führte ihn fort von den Blicken der anderen.

Sie gingen in die Küche, wo der junge Koch Martin Williamson gerade große Tabletts mit Partyhäppchen bestückte. Perez kannte ihn, er hätte seine ganze Lebensgeschichte herunterbeten können und höchstens ein paar Sekunden nachdenken müssen, bis ihm auch die Vornamen seiner Großeltern wieder eingefallen wären. Herring House beherbergte ein eigenes Restaurantcafé, das Martin führte. Natürlich

«Stört es Sie, wenn wir uns einen Augenblick hierhersetzen?»

«Solange Sie sich vom Essen fernhalten. Gesundheits- und Hygienevorschriften, Sie wissen schon», antwortete Martin grinsend. Perez erinnerte sich, dass er bereits als Kind immer fröhlich gewesen war. Er hatte ihn manchmal bei Hochzeiten und anderen Feiern getroffen und sah ihn in der Erinnerung immer nur lachend vor sich, mitten im Getümmel.

Martin machte sich wieder an die Arbeit und beachtete sie nicht weiter. Von draußen, aus der Galerie, drang Fiddle-Musik herein. Roddy war für einen weiteren Auftritt herbeigeholt worden, um das betretene Schweigen zu überbrücken und die Gäste wieder in die richtige Stimmung zum Geldausgeben zu bringen. Und der Fremde schluchzte immer noch. Plötzlich hatte Perez großes Mitleid mit ihm und fand sich herzlos, weil er sich vom Essen hatte ablenken lassen. Er selbst konnte sich absolut nicht vorstellen, seinen Schmerz auf diese Weise zu zeigen – es musste also etwas Furchtbares passiert sein, wenn der Mann in aller Öffentlichkeit weinte. Oder aber er war krank. Wahrscheinlich war das der Fall.

«He», sagte er. «So schlimm kann es doch gar nicht sein.» Er zog dem Fremden einen Stuhl heran, damit er sich setzen konnte.

Der Mann sah ihn an, als bemerkte er ihn erst jetzt.

«Ich weiß gar nicht, was ich hier mache», sagte der Fremde. Er ist eindeutig Engländer, dachte Perez, wenn auch nicht aus dem Süden des Landes. Roy Taylor fiel ihm ein, ein Kollege aus Inverness, der ursprünglich aus Liverpool stammte. Klang der Akzent dieses Mannes wie der von Roy? Nicht ganz.

«Das Gefühl hat doch jeder mal.»

«Wer sind Sie?»

«Ich heiße Jimmy Perez. Ich bin Polizist. Aber ich bin nicht dienstlich hier in Herring House. Ich bin mit einer der Künstlerinnen befreundet.»

«Herring House?»

«Das Haus hier, die Galerie. Die heißt so.»

Der Mann gab keine Antwort. Es war, als wäre er wieder ganz in seinem Schmerz versunken und würde nicht mehr zuhören.

«Wie heißen Sie?», fragte Perez.

Wieder keine Antwort, nur ein leerer Blick.

«Sie werden mir ja wohl noch Ihren Namen sagen können.» Langsam verlor Perez die Geduld. Er hatte gehofft, an diesem Abend endlich seine Beziehung zu Fran klären zu können. Er hatte sich ausgemalt, die Nacht bei ihr zu verbringen, und die Phantasien, die damit einhergingen, hätten all seine Freunde bestimmt schockiert. Sie schockierten ihn ja selbst. Cassie übernachtete bei ihrem Vater, das hatte Fran ihm erzählt, und das war ja wohl ein gutes Zeichen. Sonst ließ Perez sich immer viel zu schnell von den Gefühlen anderer Leute überrollen, doch diesmal gab es etwas, was ihn anspornte, dem weinenden Fremden zu widerstehen.

«Ich weiß meinen Namen nicht», sagte er schlicht. Alle Theatralik war verschwunden. «Ich weiß ihn nicht mehr. Ich habe meinen Namen vergessen, und ich weiß auch nicht, warum ich hier bin.»

«Wie sind Sie denn hierhergekommen? Nach Herring House? Oder überhaupt nach Shetland?»

«Ich weiß es nicht.» Jetzt stahl sich ein Anflug von Panik in die Stimme des Mannes. «Ich erinnere mich an gar nichts, was vor diesem Bild war. Dem Bild von der Frau in Rot, das da draußen an der Wand hängt. Es war, als wäre ich überhaupt erst zur Welt gekommen, als ich mir das Bild ansah. Als wäre das alles, was ich weiß.»

Perez fragte sich, ob das Ganze vielleicht ein Streich sein konnte. Das war genau die Sorte von Schnapsidee, die Sandy komisch finden würde. Sandy, der aus Whalsay stammte und für Perez arbeitete, hatte einen recht infantilen Sinn für Humor. Vermutlich wusste das ganze Team, dass der Chef heute mit der englischen Künstlerin hier sein würde, und Perez traute ihnen durchaus zu, dass sie versuchen würden, ihm den Abend zu verderben. Vermutlich fänden sie das unwahrscheinlich witzig.

Der Mann wies keinerlei Spuren einer Kopfverletzung auf. So elegant und gepflegt, wie er aussah, konnte man sich auch kaum vorstellen, dass er einen Unfall gehabt hatte. Aber wenn das alles tatsächlich nur Show war, dann war er sehr überzeugend. Die Tränen, das konvulsivische Zittern – das konnte man doch sicher nicht so einfach nachmachen? Und woher sollte Sandy ihn kennen? Wie hätte er den Mann zu diesem Auftritt bewegen sollen?

«Leeren Sie doch einfach mal Ihre Taschen aus», sagte Perez. «Sie haben bestimmt einen Führerschein oder eine Kreditkarte

Der Engländer stand auf und griff in die Innentasche seines Sakkos. «Sie ist nicht da», sagte er. «Da habe ich sonst immer meine Brieftasche.»

«Daran erinnern Sie sich also?»

Der Mann geriet ins Stocken. «Dachte ich zumindest. Aber wie soll ich mir denn noch mit irgendetwas sicher sein?» Langsam und sorgfältig fing er an, die anderen Taschen zu durchsuchen, aber da war nichts. Er zog das Sakko aus und reichte es Perez. «Sehen Sie mal nach.»

Perez durchsuchte die Taschen, obwohl er genau wusste, dass er nichts finden würde. «Was ist mit den Hosentaschen?»

Mit verängstigter Miene kehrte der Mann seine Hosentaschen nach außen. Es sah fast lächerlich aus, wie er so dastand, das weiße Innenfutter der Taschen vor den schwarzen Hosenbeinen.

«Und Sie hatten gar nichts bei sich?», fragte Perez weiter. «Eine Tasche vielleicht? Oder eine Aktenmappe?» Er merkte selbst, dass er zunehmend verzweifelt klang. Der Traum von der Nacht mit Fran schien in immer weitere Ferne zu rücken.

«Woher soll ich das wissen?» Es klang fast wie ein Schrei.

«Ich gehe mal nachsehen.»

«Nein», rief der Mann. «Lassen Sie mich nicht allein.»

«Wovor haben Sie denn solche Angst? Hat Ihnen jemand etwas getan?»

Der Fremde dachte einen Augenblick nach. War vielleicht doch ein Fetzen Erinnerung zurückgekehrt? «Ich weiß es nicht genau.»

«Dann kommen Sie eben mit, wenn Sie wollen.»

«An die Leute erinnern Sie sich also?»

«Das habe ich doch gesagt. Ab dem Bild erinnere ich mich an alles.»

«War es etwas an dem Bild, das Sie so verstört hat?»

«Kann sein. Ich weiß es nicht.»

Perez erhob sich, sodass sie einander zu beiden Seiten des Tisches gegenüberstanden. Der Koch war aus der Küche gegangen, und draußen hatte Roddy Sinclair aufgehört zu spielen. Aus der Galerie drang gedämpftes Stimmengewirr herein. «Ich werde jetzt nachsehen, ob Sie vielleicht eine Tasche bei sich hatten», sagte Perez. «Und herausfinden, ob Sie jemand kennt, ob jemand gesehen hat, wie Sie hergekommen sind. Hier kann Ihnen nichts passieren.»

«Gut», sagte der Mann. Aber er klang verunsichert, wie ein Kind, das sich einzureden versucht, es hätte gar keine Angst im Dunkeln.

In der Galerie unterhielt sich Fran angeregt mit einer fülligen Frau in einem geblümten Zelt von einem Kleid. Frans Wangen waren leicht gerötet. Als Perez an ihnen vorbeiging, bekam er mit, dass die Frau ein Bild gekauft hatte und sie jetzt besprachen, wie man es am besten nach England transportieren konnte. Eine Touristin, dachte er. Es war ja auch die entsprechende Jahreszeit. Und offenbar eine wohlhabende Touristin: Gerade erklärte sie, wie sehr sie Frans Werk bewundere und ob man vielleicht über eine Auftragsarbeit reden könne. Er war plötzlich ungemein stolz auf Fran.

Bella kam auf ihn zu und ließ auf dem Weg einen älteren Herrn abblitzen, der versuchte, sie auf sich aufmerksam zu machen. Mit ihrem kurzen grauen Haar, den langen Silberohrringen und dem grauen Seidenoberteil sah sie aus wie

«Das weiß ich noch nicht genau.» Wenn es nicht unbedingt nötig war, gab Perez keine Informationen weiter. Das hatte er sich schon als Kind angewöhnt. In der kleinen Dorfgemeinschaft, in der er aufgewachsen war, hatte man so wenig Privatsphäre gehabt, dass ihm jedes bisschen kostbar war. Und heute, bei der Arbeit, waren Informationen eine harte Währung, mit der man nicht leichtfertig um sich warf. Andernorts, wo es etwas anonymer zuging, spielte es keine Rolle, wenn ein Polizist etwas indiskret war. Ein Tischgespräch beim Abendessen mit der Ehefrau hier, eine lustige Anekdote in der Kneipe dort – kein Mensch würde je davon erfahren. Hier jedoch kehrten solche Geschichtchen gern zurück, um den Urheber von neuem heimzusuchen. «Wissen Sie, wer das ist, Bella? Vielleicht ein Kunsthändler oder ein Journalist? Er ist Engländer.»

«Nein. Ich war davon ausgegangen, dass Fran ihn eingeladen hat.»

«Er war sehr fasziniert von Ihrem Selbstporträt.»

Bella zuckte die Achseln. Sie fand es offensichtlich ganz natürlich, dass ihre Arbeit die Menschen faszinierte.

«Haben Sie ihn hereinkommen sehen?»

«Er kam, kurz bevor Roddy das erste Mal gespielt hat. Ich habe ja schon zahllose Auftritte von ihm gesehen, darum war ich nicht ganz so gefesselt wie alle anderen.»

«Ja, da bin ich mir sicher.»

«Ihnen ist nicht zufällig aufgefallen, ob er eine Tasche bei sich hatte?»

Sie schloss für einen Moment die Augen, um sich die Szene wieder ins Gedächtnis zu rufen. Ihre visuelle Erinnerung würde sie nicht trügen. Immerhin war sie Malerin.

«Nein», sagte sie schließlich. «Keine Tasche. Er hatte die Hände in den Hosentaschen und wirkte eigentlich ganz gelöst. Er ist ziemlich weit hinten stehengeblieben, bis Roddy fertig war. Dann ist er zu meinem Bild hinübergegangen und danach weiter zu der Zeichnung von Cassie. Die schien ihn sehr zu berühren, fanden Sie nicht auch?» Sie sah ihn an, wartete auf eine Antwort.

«Er macht einen etwas verwirrten Eindruck», sagte Perez. «Ich weiß auch nicht recht. Vielleicht eine Art Nervenzusammenbruch. Am besten bringe ich ihn zum Arzt.»

Doch Bella hörte schon nicht mehr richtig zu. Ihr Blick schweifte umher, um weiter das Interesse an den Kunstwerken zu verfolgen.

«Das ist Peter Wilding, der da mit Fran redet», sagte sie. «Ich hoffe, sie ist nett zu ihm. Er ist ein potenzieller Käufer.»

Die Frau in dem geblümten Kleid hatte von Fran abgelassen und ihren Platz an einen Mann mittleren Alters mit einem weißen Hemd, auffallend dunklem Haar und einem stechenden Blick abgetreten. Gerade sprach Fran, und er neigte sich zu ihr und lauschte mit leicht schräg gelegtem Kopf, als wollte er nicht ein Wort versäumen.

Bella lachte leise und entfernte sich wieder. Auf dem Weg zurück in die Küche ging Perez absichtlich an den beiden vorbei. Inzwischen hatte Wilding das Wort ergriffen. Er sprach leise, und obwohl Perez in dem allgemeinen Stimmengewirr

In der Küchentür blieb er stehen. Martin Williamson stand mit dem Rücken zu ihm an der Spüle und wusch seine Töpfe aus. Der geheimnisvolle Fremde war verschwunden.

Vier

Kenny Thomson schaute von oben auf Herring House hinunter. Ein Stück davor, am Strand, hatte er sein Boot liegen. Er hatte es bis hinter die Gezeitenlinie gezogen, da war es bei diesem ruhigen Wetter gut aufgehoben. Später im Jahr würde er es auf den Anhänger laden, mit einer Plane zudecken und bis aufs Gras hinaufziehen, wo es keine Flut und kein Unwetter ins Meer reißen konnte. Jetzt war es noch sehr viel einfacher, das Boot am Strand liegen zu lassen. Eigentlich, dachte er, war es kein schlechter Abend, um hinauszufahren, vielleicht ein paar Köhler zu fangen, aber das würde er wohl doch nicht machen. Er fischte gern, wenn auch längst nicht mehr so leidenschaftlich wie als Kind oder als junger Bursche. Früher, als sie noch Kinder waren, hatte Willy, einer der Alten aus Biddista, ihn und seinen Bruder oft im Boot mit hinausgenommen. Und auch als Erwachsene waren sie noch viel zusammen fischen gewesen. An schönen Abenden hatte er Lawrence angerufen: «Wie wär’s mit ein, zwei Stündchen auf dem Wasser?» Doch dann war Lawrence für immer von Shetland fortgegangen, und seither war es einfach nicht mehr dasselbe. Sicher, es gab noch andere Männer, mit denen

Er wusste, dass in Herring House ein Fest stattfand. Auch wenn er nicht eingeladen war, bekam er es trotzdem mit. Es hatte Zeiten gegeben, da lud ihn Bella immer ein. Sie kam dann mit ihrem schicken Geländewagen die Straße hochgefahren – was sie mit so einem Wagen wollte, wo sie im Grunde doch nur nach Lerwick fuhr oder nach Sumburgh, um in den Süden zu fliegen, war ihm schleierhaft – und trat einfach ins Haus, ohne abzuwarten, bis er sie hereinbat.

«Du kommst doch, Kenny, oder? Und bring Edith mit. Ich will euch unbedingt dabeihaben. Ohne dich und Lawrence und eure ganze harte Arbeit gäbe es schließlich kein Herring House.»

Das stimmte sogar. Nachdem sie sich in den Kopf gesetzt hatte, dieses Haus zu kaufen und herzurichten, waren sie fast jeden Abend dort gewesen, wenn Kenny mit der Arbeit auf dem Feld oder mit den Schafen fertig war, und hatten an dem Haus gearbeitet. Fast alle schweren Arbeiten hatten sie selbst erledigt. Ein reiner Liebesdienst, sagte Lawrence damals immer. Und tatsächlich hatten sie viel zu wenig Geld dafür bekommen. Aber es war eben schwierig gewesen, sich nur mit dem Hof über Wasser zu halten; die Kinder wurden immer größer, da war ein bisschen zusätzliches Geld sehr willkommen. Bella glaubte wahrscheinlich, dass sie ihnen einen Gefallen tat. Damals konnte noch jeder Mann überall mit anpacken.

Wenn sie mit der Arbeit fertig waren, ging Kenny zu Edith nach Hause zurück, und Lawrence blieb und unterhielt sich

Heute lud Bella Kenny nicht mehr ein. Sie wusste ja, dass er nicht kommen würde. Edith hätte sich eine Zeitlang schon noch über die Gelegenheiten gefreut, sich hübsch zu machen, um auf ein elegantes Fest zu gehen, Wein umsonst zu bekommen und all den Gesprächen über Kunst und Bücher zu lauschen. So hätten sie wenigstens auch einmal etwas von Bella zurückbekommen. Aber Kenny hatte sich jedes Mal durchgesetzt. Normalerweise stellte seine Frau die Regeln auf, aber wenn es um Bella Sinclair ging, blieb er unerbittlich. «Ohne sie wäre Lawrence vielleicht noch hier.» Einmal hätte er fast hinzugefügt: Die Frau hat ihm das Herz gebrochen. Aber dann hätte Edith ihn nur mit seiner Rührseligkeit aufgezogen. Sie hatte immer eine spitze Zunge gehabt, schon als junges Mädchen. Und so war es bis heute. Er lächelte. Über dreißig Jahre waren sie jetzt schon verheiratet, und er hatte immer noch Angst vor ihr.

Edith hielt das für Verschwendung. In ihrer Kindheit war das Geld knapp gewesen, und sie fürchtete immer noch, dass die schlechten Zeiten zurückkommen könnten, obwohl sie eine gut bezahlte Stelle hatte und er neben dem Hof immer irgendwelche Bauarbeiten übernahm. Geldverschwendung war ihr ein Gräuel. Dabei hatten sie jetzt sogar Ersparnisse. Sie würden im Alter weder verhungern noch ihren Kindern auf der Tasche liegen müssen.

Er rief nach Vaila, seinem Hund, und wandte sich zurück zu seinem Haus. Da stand es, auf einer kleinen Erhebung nah am Wasser, und Herring House ragte um vieles größer dahinter auf. Ein Stück weiter die Küste hinauf war der Friedhof.

Eine Bewegung unten auf der Straße lenkte ihn ab. Seine Augen waren längst nicht mehr so gut wie früher, aber es sah aus, als ob dort jemand aus der Galerie kam. Kenny blieb stehen. Auch wenn er immer tat, als würde er sich nicht für Bellas Umtriebe interessieren, war er trotzdem neugierig. So früh waren ihre Feste sonst nie zu Ende, und dieser Gast stieg auch nicht ins Auto, um an der Bucht entlang zurück zur großen Straße nach Lerwick zu fahren. Stattdessen ging er den Weg in entgegengesetzter Richtung hinauf, vorbei an dem kleinen Laden mit dem Postschalter und den drei Häusern, in Richtung Bootssteg. Von dort aus kam man nur noch zu dem alten Pfarrhaus, das Bella bewohnte, und nach Skoles, dem Hof von Kenny und Edith. Dahinter wurde die Straße zu einem schmalen Pfad, der über den Berg ins benachbarte Tal führte. Und den benutzten nur Kenny, wenn er nach den Schafen sehen wollte, oder irgendwelche Urlauber beim Wandern.

Kenny blieb stehen und sah dem Mann nach, bis er dort, wo die Straße ein wenig abfiel, aus seinem Blickfeld verschwand. Er rannte mit seltsam ungelenken Schritten, weit vorgebeugt, sodass man glaubte, er würde gleich vornüberfallen. Kenny fand das durchaus typisch für die Leute, mit denen Bella sich umgab. Künstler. Nicht mal rennen konnten die wie normale Menschen. Bella hatte schon immer ein merkwürdiges Völkchen angezogen. Früher, als sie alle noch jünger waren, hatte

Kenny ging wieder bergauf und zählte im Kopf grob die Schafe zusammen. Ende der Woche wollte er sie zusammentreiben und zum Scheren ins Tal bringen. Zwei Burschen von Unst wollten kommen, um ihn zu unterstützen, und Martin Williamson hatte versprochen, ebenfalls mitzuhelfen.

Als Kenny nach Hause zurückkam, war es schon nach elf, doch Edith war noch im Garten. Sie jätete Unkraut zwischen den Bohnenreihen, beseitigte die Pflänzchen mit raschen, gezielten Hackenhieben. Den Großteil des Abends musste sie allerdings am Computer verbracht haben, denn sie war noch nicht weit gekommen. Als sie seine Schritte hörte, schaute sie auf. Er fand, dass sie müde aussah. Sie hatte den ganzen Tag bei einer Besprechung in Lerwick verbracht, das nahm sie immer sehr mit.

«Komm ins Haus», sagte er. «Die Mücken fressen uns sonst noch bei lebendigem Leib.»

«Lass mich noch die Reihe hier fertig machen.» Kenny sah zu, wie sie sich wieder über ihre Arbeit beugte, und dachte bei sich, wie stur sie doch war und wie kräftig.

Als sie sich schließlich aufrichtete und die Hacke an die Hauswand lehnte, fragte er sie: «Hast du den Mann gesehen?»

«Welchen Mann?» Edith sah zu ihm auf und strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Er fand sie heute viel hübscher als früher. Als sie jünger war, sah sie oft verhärmt aus und hatte kaum etwas auf den Rippen. Was er damals für sie

«Welchen Mann?», fragte sie noch einmal. Sie war nicht verärgert, weil sie die Frage wiederholen musste, sondern lächelte leicht, als wüsste sie, woran er dachte.

«Da ist ein Mann von Herring House weggelaufen. Er müsste hier vorbeigekommen sein.»

«Ich habe niemanden gesehen», sagte sie.

Dann stand sie auf, hakte sich bei ihm unter und ging mit ihm ins Haus.