
Der letzte Kodex
Thriller
Deutsch von Bettina Zeller

Zu mir streben alle Dinge des Weltalls in unaufhörlicher Flut,
Alle sind an mich geschrieben, und ich muss die Schrift entziffern.
Walt Whitman – Gesang von mir selbst
Wir fanden viele Bücher, da sie aber nur Aberglaube und Lügen des Teufels enthielten, verbrannten wir sie alle, was die Maya gewaltig schmerzte und ihnen großen Kummer verursachte.
Diego de Landa – 1562
Hieroglyphen tanzten vor seinen Augen. Im flackernden Kerzenlicht berührte er den warmen Stein, fuhr mit den Fingern über die Rillen und Kerben, über die in den Stein gemeißelten Symbole. Obwohl dieser Monolith achthundert Jahre im alles überwuchernden Dschungel verborgen gelegen hatte, waren seine besonderen Charakteristika ganz deutlich zu erkennen.
Javier Benitez kramte einen kleinen Schreibblock und einen Bleistift hervor, übersetzte die Maya-Schriftzeichen ins Spanische und hielt das Ergebnis auf dem Papier fest. Dann trat er einen Schritt zurück und fixierte im fahlen Mondlicht das fehlende Puzzleteilchen. Jahre-, jahrzehntelang hatten sie danach gesucht.
«Weiße Wege», murmelte er.
Plötzlich drang ein Bär von einem Mann aus dem Unterholz, der sich von dem Lichtkegel fernhielt. Javier drehte sich blitzschnell um und hielt die Kerze hoch, als wäre sie eine Waffe oder ein Kreuz, mit dem man Vampire abwehren konnte.
Dem in den Schatten verweilenden Mann kam kein Laut über die Lippen. Sein Gesicht konnte Javier nicht erkennen. Eine Motte näherte sich dem Kerzenlicht und verbrannte in der Flamme. Der Mann in den Schatten lachte, und andere taten es ihm gleich. Javier wirbelte herum, konnte jedoch niemanden erkennen. Gelächter drang aus den Untiefen des Dschungels, aus der Dunkelheit.
«Die Notizen», verlangte der Fremde und streckte die Hand aus.
Javier drückte den Schreibblock an seine Brust. «Wer sind Sie?», fragte er mit zitternder Stimme, als ihm jemand warnend eine schwere, feuchte Hand auf die Schulter legte.
Panisch schüttelte Javier die Hand ab, ließ die Kerze fallen und rannte in den Urwald. Sofort umfing ihn vollkommene Dunkelheit. Kleine Äste schlugen ihm ins Gesicht, Bodenranken wickelten sich um seine Fußknöchel und erschwerten ihm die Flucht. Mit den Armen bahnte er sich einen Weg durch das dichte Unterholz, das sich hinter ihm wieder schloss. Wie ein feuchter, übelriechender Nebel verschluckte ihn die Finsternis.
Die Stimmen folgten ihm. Befehle schwirrten durch die einsetzende Dämmerung. Seine Lungen brannten, und er spürte, wie sich die Muskeln in seinen Oberschenkeln verkrampften. Die schwere, feuchte Dschungelluft war wie eine nasse Decke. Er ließ das Dickicht hinter sich und blieb erst stehen, als das Meer ihm Einhalt gebot. Dort stützte er sich mit den Händen auf den Knien ab und schnappte nach Luft. Wellen schlugen gegen den Sand. Palmwedel bewegten sich im Wind. Weiß – mit einem Mal war alles weiß. Das Rauschen der Wellen. Der Sand. Die Schaumkronen.
Seine Hand umklammerte immer noch den Block mit der hastig hingekritzelten Übersetzung. Er riss die beschriebenen Seiten ab und stürzte sich in die Brandung. Als das Wasser ihm bis zu den Knien reichte, knüllte er das Papier zusammen, holte weit aus und schleuderte es ins Meer. Dann kehrte er an den Strand zurück und ließ sich erschöpft in den Sand fallen.
Die Schritte, die sich von hinten näherten, hörte er nicht. Jemand legte ihm die Hände auf den Mund und erstickte seinen Schrei. Ein anderer drehte ihm die Arme auf den Rücken. Er spürte, wie sich etwas durch den Stoff seiner Jeans in seinen Schenkel bohrte. Eine Spritze. Innerhalb weniger Sekunden fühlten sich seine Beine taub an, und seine Füße kribbelten. Einen Moment später war Javiers ganze untere Körperhälfte taub. Die Arme seiner Angreifer abwehrend, versuchte er wegzukriechen, doch seine Beine versagten ihm den Dienst. So hangelte er sich an Wurzeln und Steinbrocken entlang, arbeitete sich Stück um Stück vorwärts.
Ein quadratischer Schatten rückte näher, und als Javier den Mann sah, der den Schatten warf, verschlug es ihm den Atem. So etwas hatte er noch nie gesehen. Das von Schuppen übersäte, entstellte Gesicht erinnerte an ein prähistorisches Reptil, das gerade erst an Land gekrochen war. Und als der Mann grinste und die fauligen gelben Zähne bleckte, fiel Javier auf, dass eine Hälfte der Oberlippe fehlte. Der Angreifer zog ein funkelndes, dreißig Zentimeter langes Messer hinter dem Rücken hervor, auf dessen Klinge das Mondlicht glänzte.
«Was hast du eben aufgeschrieben?», fragte er mit rauer Stimme.
Javier antwortete nicht. Einer der Männer durchsuchte ihn und fand den leeren Notizblock. Als das Reptil sah, dass einige Seiten fehlten, warf er Javier einen missmutigen Blick zu.
«Wo sind sie?», zischte er.
Da Javier den Blick abwandte und die blinkenden Sterne betrachtete, sah er nicht, wie das Messer durch die Luft fuhr. Und er spürte auch nicht, wie die Klinge durch seine Haut stieß und ein klaffendes Loch in seine Brust trieb. Der Mann griff in die Öffnung und schob seine Hand immer tiefer unter Javiers Rippen, bis er fand, wonach er suchte: das noch schlagende Herz. Er riss das warme Organ, das sich wie ein glitschiger Fisch anfühlte, aus Javiers Brust und hielt es hoch, als böte er es den Göttern zum Opfer. Dann nahm er ganz bedächtig die blutverschmierte Hand herunter, legte das Herz auf Javiers Brust und lächelte.
Dabei tropfte ihm faulig riechender Speichel aus dem Mundwinkel. Er zog eine Ranke aus der Tasche, nahm zwei kleine Äste und band sie zu einem primitiven Kreuz zusammen, das er neben Javier Benitez’ leblosen Körper mit der klaffenden Wunde und dem darauf platzierten Herzen in den Boden steckte.
Das Sprechende Kreuz hatte wieder seine Stimme erhoben.
Scott Daggart saß auf einer Terrasse, trank einen Corona und genoss die vom Meer kommende feuchte Brise. Obwohl die Sonne schon vor Stunden untergegangen war, glitzerten kleine Schweißperlen auf seinen muskulösen Unterarmen. Zwölf Stunden lang hatte er in den alten Ruinen Efeuranken entfernt und Erdschichten abgetragen, bis er endlich zu dem im Verfall begriffenen Kalksteingemäuer und ihren längst vergessenen Geheimnissen vorgedrungen war.
Und nun genoss er den Feierabend im Captain Bob’s, einem zweistöckigen Restaurant mit großen Deckenventilatoren, Rattanmöbeln und einem mächtigen schilfgedeckten Dach. Auf den Holzdielen waren noch die eingetrockneten Piña-Colada-Lachen vom vergangenen Abend zu erkennen, und der Geruch von Zigaretten und Bier hing in der Luft. In der Ecke stand die angestaubte Holzplastik eines Schiffskapitäns mit dichtem weißem Vollbart, der eine gelbe Öljacke trug und einen Fisch in der Hand hielt.
Captain Bob’s war eines der gutbesuchten Restaurants in Playa del Carmen, was vermutlich auch dem Umstand geschuldet war, dass es auf der von Touristen bevölkerten Avenida Cinco lag, die Fußgängern vorbehalten war. Da das Restaurant sich gleich neben der Constitution Street befand, wo die Touristenbusse hielten, war das Captain Bob’s immer voll von Gästen, die von der lauten Musik, dem Geruch von gegrillten Knoblauch-Shrimps und vor allem den äußerst knapp bekleideten mexikanischen Bedienungen angelockt wurden. Das Etablissement war der Inbegriff dessen, was sich ein amerikanischer Tourist unter einem mexikanischen Restaurant vorstellte.
Scott Daggart, für dessen Geschmack hier zu viel nacktes Fleisch ausgestellt wurde, war von dem Laden nicht ganz so begeistert. Nicht er hatte vorgeschlagen, sich hier zu treffen, sondern Lyman Tingley. Genau genommen hatte Professor Tingley sogar darauf bestanden.
«Überrascht dich wahrscheinlich, meine Stimme zu hören», hatte Tingley vor einer Stunde am Telefon gesagt.
«So könnte man es formulieren.»
«Ich brauche Hilfe.»
«Aha», erwiderte Daggart, der gerade eben erst in seine cabaña zurückgekehrt war und das Abendessen zubereitete, mit sarkastischem Unterton. Der Anruf seines ehemaligen Mentors, mit dem er sich überworfen hatte, kam tatsächlich ziemlich unerwartet.
«Ich meine es ernst. Wir müssen uns unbedingt treffen.»
«Können wir das nicht auf später verschieben? Ich bin gerade mit etwas Wichtigem beschäftigt.» Er trank einen Schluck Corona und schnitt grüne Paprika in dünne Streifen.
«Nein, Scott, das geht unmöglich.»
Irgendetwas in Tingleys Stimme veranlasste Daggart, das Messer wegzulegen. Dass der Mann, der sich selbst zum «bedeutendsten Archäologen des 21. Jahrhunderts» ernannt hatte, nicht weiterwusste und Hilfe brauchte, war ein Novum.
«Was ist denn los, Lyman?»
«Wir müssen uns treffen.»
«Das sagtest du schon.»
«Was hältst du vom Captain Bob’s?» Das klang weniger wie eine Frage, sondern eher wie ein Befehl. «Neun Uhr. Schaffst du das?»
«Ich hatte eigentlich nicht vor, heute Abend an die Playa …»
«Captain Bob’s. Neun Uhr», schnitt Tingley ihm das Wort ab.
«Worum geht es eigentlich, Lyman?»
Aber Tingley hatte schon aufgelegt.
Daggart musterte die sonnenverbrannten, muskulösen Touristinnen Anfang zwanzig, die ins Restaurant strömten. Nicht gerade mein Typ, dachte er, was vielleicht auch daran liegen könnte, dass ich doppelt so alt bin wie sie. Seine Freunde hatten ihn zwar gedrängt, sich wieder eine Frau zu suchen, doch so weit war er noch nicht.
Dazu war es einfach noch zu früh.
Da Susan die Erste gewesen wäre, die ihn zu solch einem Schritt ermuntert hätte, entbehrte seine Einstellung nicht einer gewissen Ironie. Achtzehn Monate waren seit ihrem Tod vergangen, und er konnte einfach nicht loslassen. Ihm fiel es schon schwer genug, überhaupt weiterzumachen, weil die Bilder ihn immer noch verfolgten.
Blutlachen. Blonde Haare. Holzdielen.
Er nahm einen großen Schluck aus der Bierflasche und versuchte, die Bilder zurückzudrängen.
Ungeduldig warf er einen Blick auf seine Uhr. Viertel nach neun. Dass Lyman Tingley sich verspätete, überraschte ihn. In all den Jahren ihrer Zusammenarbeit hatte Tingley sich immer wieder über Daggarts Unpünktlichkeit beklagt.
Zu jener Zeit hatten sie noch miteinander gesprochen.
Damals waren sie noch Freunde gewesen.
In dem Moment kam Lyman Tingley keuchend die Treppe hoch, holte tief Luft und hielt nach Daggart Ausschau.
«Tut mir leid», entschuldigte er sich schnaufend und schaute sich schnell im Restaurant um, ehe er seine dreihundert Pfund auf einen Stuhl hievte.
«Kein Problem, ich hatte ja Gesellschaft», meinte Daggart und deutete auf das vor ihm stehende Bier.
Lyman Tingley ging nicht auf die Bemerkung ein. Daggarts ehemaliger Mentor war ein vierschrötiger Mann mit grobschlächtigen Gesichtszügen. Nach außen hin gab er sich bärbeißig und selbstsicher, während er in Wahrheit unter einem ganzen Bündel von Komplexen litt. Der Schweiß drang ihm aus jeder Pore. Seine Arme waren bis zum Ärmelansatz gerötet. Während Tingley die anderen Gäste musterte, sah Daggart, dass die Sonne auch seinen Nacken verbrannt hatte – durchaus typisch für Archäologen. Tingley drehte sich wieder zu ihm um und begann, mit dem Besteck zu spielen. Daggart fand Tingleys Verhalten geradezu lächerlich.
«Was gibt es?», fragte er gereizt.
Tingley dachte über die Frage nach und wollte gerade antworten, als sich eine halbbekleidete Kellnerin über ihren Tisch beugte.
«Buenas tardes», sagte sie mit rauer Stimme und hielt ihnen ihr Dekolleté unter die Nase. «Was möchten Sie trinken?»
Wortlos zeigte Tingley auf Daggarts Bier. Die Bedienung notierte die Bestellung und tänzelte davon.
Daggart kam einfach nicht über Tingleys Benehmen hinweg. Normalerweise hätte der Professor sofort die Gelegenheit genutzt, die Kellnerin angebaggert und mit ihr geflirtet, in der Hoffnung, die attraktive junge Frau abschleppen zu können, doch heute war Tingley nur ein Schatten seiner selbst. Ein Zombie.
«Lass uns von hier verschwinden», platzte Tingley heraus.
«Wie bitte?»
«Dieser Tisch gefällt mir nicht.»
«Was hast du an ihm auszusetzen?»
«Zu viele Menschen.» Tingley streckte die Hand über das Terrassengeländer und deutete auf die Heerscharen von Touristen, die sich unten auf der Straße tummelten. Wie ein gehetztes Tier sprang er auf, steuerte auf einen Tisch im hinteren Bereich des Restaurants zu und setzte sich mit dem Rücken zur Wand auf den Stuhl. Kopfschüttelnd schnappte Daggart sich sein Bier und folgte ihm.
«Kann ich dir vertrauen?», fragte Tingley, kaum dass Daggart Platz genommen hatte.
Tingleys unsteter Blick verriet, wie nervös und verunsichert er war. Er wirkte geradezu verängstigt. Daggart kannte diesen Blick von Männern, die in die Schlacht zogen, hatte ihn aber schon seit Jahren nicht mehr gesehen und schon gar nicht fernab von Kriegsschauplätzen.
«Was beschäftigt dich, Lyman?»
«Was weißt du über das Sprechende Kreuz?», fragte Lyman.
Dieser schroffe, fordernde Tonfall erinnerte Daggart an früher. Vor vielen Jahren hatte Lyman Tingley ihn unter seine Fittiche genommen und ihm alles beigebracht, was man zur Planung und Durchführung einer Ausgrabung brauchte.
«Wahrscheinlich nicht mehr als du», antwortete Daggart.
«Jetzt rück schon raus mit der Sprache.»
«Bei dem Sprechenden Kreuz handelt es sich um eine Sekte, die Mitte des 19. Jahrhunderts während des Kastenkrieges gegründet wurde, als die Maya gegen die mexikanische Regierung aufbegehrten. Heute existiert sie nicht mehr – aber da erzähle ich dir sicher nichts Neues.»
«Und warum haben die Maya rebelliert?»
Daggart überlegte kurz. «Man hat ihnen ihr Land weggenommen, und sie fühlten sich von der Regierung, in der die Marionetten der Spanier saßen, schlecht behandelt.»
Tingley wollte gerade etwas sagen, als die Kellnerin erschien und sein Bier brachte. «Hat Ihnen der andere Tisch nicht gefallen?», fragte sie leicht entnervt.
«Lo siento», murmelte Daggart.
Die junge Frau wartete vergeblich auf eine Entschuldigung von Tingley und trollte sich schließlich.
«Welches Ziel verfolgten sie?», flüsterte Tingley.
«Ist schon ziemlich spät für Geschichtsunterricht, oder?», meinte Daggart und musterte Tingley, der immer noch besorgt wirkte. Er nahm einen Schluck aus der Flasche und sagte: «Es ging ihnen um Einschüchterung.»
«Was meinst du damit?»
«Das Kreuz war eine Art Visitenkarte, die sie auf den Leichnamen ihrer Opfer hinterließen, um dem Feind Angst einzujagen. Und wenn die Maya das Kreuz ‹sprechen› hörten …»
«Das Kreuz hat gesprochen?»
«Zumindest glaubten die Maya das. Wenn das Kreuz zu ihnen sprach, bedeutete dies, dass die Götter ihr Tun guthießen und sie unbezwingbar waren.»
«Das glaubten sie tatsächlich?», fragte Tingley.
«Dir wäre es damals nicht anders ergangen. Manche behaupteten sogar, das Kreuz würde in einem geheimnisvollen Licht erstrahlen, wenn es sich zu Wort meldete. Im 19. Jahrhundert war so etwas starker Tobak.»
Tingley ließ sich Daggarts Worte durch den Kopf gehen und legte die großen Pranken um die beschlagene Bierflasche.
«Wieso hast du mich angerufen, Lyman?», fragte Daggart schließlich. «Ich bin nicht der Einzige, der dir darüber Auskunft geben kann. Und wenn wir ehrlich sind, kann man unser Verhältnis auch nicht mehr als freundschaftlich bezeichnen.»
Tingley hob den Kopf. Er blickte Daggart fest in die Augen, seine Fahrigkeit schien für einen Moment verschwunden. «Was, wenn ich dir erzählen würde, dass diese Sekte immer noch existiert?»
Daggart schüttelte vehement den Kopf. «Unmöglich.»
«Was, wenn ich dir sage, dass ich Beweise habe?»
«Beweise?»
Lyman Tingley zögerte einen Augenblick, ehe er antwortete. «Sie haben die Absicht, mich zu töten», sagte er. «Und es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie es in die Tat umsetzen.»
Tingley beugte sich vor. «Die werden mich kriegen, Scott, und es ist ein Wunder, dass ich überhaupt noch am Leben bin.»
Daggart wusste nicht, ob er Tingleys Äußerung komisch finden oder sich über sie ärgern sollte. Wollte Tingley ihn auf den Arm nehmen, oder redete er absichtlich um den heißen Brei herum?
«Wer will dich töten?»
Tingley lehnte sich nach hinten und winkte ab. «Tut mir leid, ich habe schon zu viel gesagt.»
«Jetzt hör mal. Du lockst mich hierher, erzählst mir, jemand wolle dich töten, und dann willst du mir nicht verraten, worum es eigentlich geht?» Daggart hielt es immer noch für möglich, dass Tingley ihn verarschte, doch ein Blick auf sein blasses, verschwitztes Gesicht belehrte ihn eines Besseren.
Tingley winkte die Bedienung herbei und bat um die Rechnung.
«Wie kommst du auf die Idee, dass es das Sprechende Kreuz noch gibt?», fragte Daggart seinen früheren Mentor. Sie waren schon immer ein seltsames Paar gewesen. Der hochgewachsene, braungebrannte, athletische Daggart und der kleine, blasse, übergewichtige Tingley. Größer hätten die Gegensätze kaum sein können.
Tingley schaute sich hektisch um. «Leider geht das nicht. Nicht hier.»
«Was meinst du mit ‹das geht nicht›? Kannst du nicht reden?»
Tingley nickte. Der Geruch von glasierten Zwiebeln stieg ihnen in die Nase, als eine Bedienung mit einer Platte brutzelnder Fajitas vorbeikam.
«Sollen wir abhauen? Uns einen Ort suchen, wo wir ungestört reden können?», fragte Daggart.
Tingley schüttelte den Kopf und scannte den Raum. «Du hast dich mit dem 5. Kodex beschäftigt.»
«Ja, aber nicht so intensiv wie du.»
Mit seiner Entdeckung des jahrhundertealten Maya-Schriftstückes hatte Lyman Tingley seinen Ruhm begründet. Über seinen Fund war nicht nur in Fachzeitschriften berichtet worden, sondern auch in allen wichtigen Tageszeitungen der USA. Wissenschaftler werteten den Kodex als eines der bedeutendsten Maya-Artefakte, das jemals gefunden wurde.
«Was ist denn mit dem Kodex?», hakte Daggart nach.
«Den wollen sie von mir haben», antwortete er zögernd.
«Wer? Wen meinst du mit sie?»
Die Bedienung brachte die Rechnung, schenkte Daggart ein Lächeln und beugte sich vor, damit ihr Dekolleté besser zur Geltung kam. Als die beiden Männer sie ignorierten, verschwand sie mürrisch.
«Sie», wiederholte Tingley.
Daggart drehte den Kopf, blickte in die Richtung, in die Tingley schaute, und entdeckte drei Männer an einem Tisch, die auf ihn völlig normal wirkten. Das waren nur drei Amerikaner Mitte zwanzig, die eine Flasche Tequila tranken und laut lachten. Mit ihren Sandalen, weiten Shorts, T-Shirts und Baseballkappen unterschieden sie sich keinen Deut von allen anderen amerikanischen Touristen in der Altersgruppe. Sie zwinkerten der Kellnerin zu, ließen ein paar obszöne Bemerkungen fallen und kicherten.
Daggart griff den Faden wieder auf. «Wie soll das gehen? Der 5. Kodex wird in Mexico City aufbewahrt und dort auf seine Echtheit überprüft, oder?»
Tingley ging nicht auf die Frage ein. «Siehst du sie?»
«Sicher, aber ich muss gestehen, dass sie auf mich nicht sonderlich gefährlich wirken.»
«Ich weiß, dass wir beide in der Vergangenheit Differenzen hatten …»
«Das ist eine leichte Untertreibung.»
«… aber falls mir etwas zustoßen sollte», fuhr Tingley fort, «können wir nur hoffen, dass du ihnen zuvorkommst.»
Das Gespräch frustrierte Daggart zunehmend. «Wobei soll ich wem zuvorkommen?»
Tingley stand abrupt auf und legte ein paar Geldscheine und Münzen auf den Tisch. Daggart griff nach seinem Handgelenk und wollte ihn am Gehen hindern. Tingleys Haut fühlte sich eiskalt an.
«Was läuft hier, Lyman? Wie soll ich dir helfen, wenn ich keine Ahnung habe, wovon du redest?»
Tingley riss sich los. «Der Kodex», sagte er ganz leise. «Such den 5. Kodex.»
«Aber den hast du doch. Schließlich hast du ihn ja entdeckt. Oder bin ich jetzt im völlig falschen Film?»
«Ich kann dir nicht mehr verraten», sagte Tingley und warf Daggart kurz einen flehenden Blick zu, ehe er die Treppe hinunter und auf die Straße eilte.
Plötzlich allein, richtete Scott Daggart seinen Blick neugierig auf die drei jungen Männer. Für den Fall, dass sie mitgekriegt hatten, wie überstürzt Tingley verschwunden war, ließen sie sich das nicht anmerken.
Daggart trank sein Bier aus, wollte gerade ein paar Geldscheine auf den Tisch legen und stutzte. Fünf Pesomünzen, die neben den anderen Geldstücken lagen, erregten seine Aufmerksamkeit. Vielleicht bildete er es sich ja nur ein, doch als er die Münzen genauer inspizierte, meinte er in der Art und Weise, wie sie dalagen, ein Muster, eine gezackte Linie zu erkennen: Zwei Münzen lagen oben, drei unten. Daggart musste an eine Berglandschaft mit zwei Gipfeln und drei Tälern denken. Oder sollte das ein M sein?
Hatte Lyman Tingley die Münzen absichtlich so hingelegt? Und wenn dem so war, was wollte er Daggart damit sagen?
Die Begegnung mit Tingley hatte mehr Fragen aufgeworfen als beantwortet. Wenn dieses M – oder was auch immer die Münzen darstellen sollten – als Hinweis gemeint war, stand Scott Daggart vor einem Rätsel.
Vor einem unlösbaren Rätsel.
Seine Freunde nannten ihn el Cocodrilo. Er behauptete für gewöhnlich, der Spitzname rühre daher, dass er bei der Verfolgung seiner ahnungslosen Opfer sehr geduldig und diskret vorging. Er war in der Lage, stundenlang reglos auszuharren, ehe er zuschlug. Er war so klug, lautlos und zielstrebig wie ein Krokodil. Und genauso bösartig. Und wenn er dann in Aktion trat, gab es kein Entrinnen.
Diejenigen, die ihn kannten und fürchteten, beteuerten allerdings, seine Spitzname gehe auf seine von Pockennarben übersäte, vernarbte Haut zurück und auf seine entstellte Oberlippe. Man nannte ihn das Krokodil, weil er wie eins aussah. Ende der Geschichte.
Er war ein großer und starker Mann, dem es trotz seines Aussehens gelang, nicht aufzufallen, wenn er jemandem in einem dunklen Hauseingang auflauerte, eine Zigarette nach der anderen rauchte, nur die Augen bewegte und wie ein wartendes Reptil reglos ausharrte.
Als Lyman Tingley aus Captain Bob’s Tür gestürmt kam, warf el Cocodrilo seine Zigarette weg und beobachtete, wie Tingley die Avenida Cinco hinunterging und dabei immer wieder nervös einen Blick über seine Schulter warf. Das Krokodil folgte Lyman Tingley nicht. Noch nicht. Während sein Blick zwischen Tingley und der Restauranttür hin- und herwanderte, berührte er die Sig Sauer Kaliber 9, die unter dem Hemd in seinem Hosenbund steckte. Er rechnete nicht damit, dass er sie heute Nacht brauchen würde, doch er wusste, dass es gut war, auf alles vorbereitet zu sein.
Seine Geduld zahlte sich aus. Jetzt kam ein gutaussehender Mann Anfang vierzig mit sandfarbenem Haar und athletischem Körperbau aus dem Captain Bob’s, der Tingley nicht folgte, sondern in die entgegengesetzte Richtung ging.
El Cocodrilo zog ein zerknittertes Fax aus der Tasche, das er vor ein paar Stunden erhalten hatte. Auf dem Fernschreiben war ein grobkörniges Schwarzweißfoto des Mannes, der eben das Restaurant verlassen hatte. Unter dem Bild stand ein Name: Scott Daggart. El Cocodrilo prägte sich das Gesicht ein, zerknüllte das Fax, holte ein Feuerzeug aus der Tasche und verbrannte es.
Da er den Mann nun mit eigenen Augen gesehen hatte, brauchte er das Foto nicht mehr. Das Krokodil vergaß nie ein Gesicht.
***
Vor der Küste von Senegal bildete sich ein ganz gewöhnliches Tiefdrucksystem. Für den Fall, dass es sich zu einem tropischen Sturm auswachsen sollte, gaben die Mitarbeiter des National Hurricane Center ihm prophylaktisch den Namen Kevin. Bislang hatte es in dieser Hurrikansaison schon zehn Stürme gegeben. Und obwohl das NHC dieses neue Tiefdrucksystem im Auge behielt, bestand kein Anlass zur Sorge, da die Polarfrontwelle auf der anderen Seite des Atlantiks lag. Es gab eine ganze Reihe von tropischen Stürmen, von denen niemand jemals hörte. Nach ihrer Entstehung wanderten sie über den Atlantik und schwächten sich über dem Wasser ab. Die Wissenschaftler gingen davon aus, dass es auch Kevin so ergehen würde, doch dieser Sturm zog langsam westwärts, überwand den 15. Breitengrad und nahm über dem Atlantik feuchtwarme Luft auf.
In seinen Träumen lebte sie noch.
Sie bereiteten das Abendessen zu, und während Susan sich ein Glas Pinot Noir einschenkte und den Tisch deckte, schnitt er das Gemüse. Dabei lief leise eine ihrer Lieblings-CDs. Dieses Ritual war ihnen im Lauf ihrer Ehe zu einer lieben Gewohnheit geworden.
Wenn sie abends nach Hause kamen, zogen sie Jeans und T-Shirts an und erzählten sich gegenseitig, wie ihr Arbeitstag verlaufen war. Sie lachten miteinander, bedauerten einander, imitierten nervige Arbeitskollegen. Susan wechselte zwischen Esstisch und Küchentheke hin und her und berührte Daggart im Vorbeigehen, was ihm jedes Mal einen wohligen Schauer über den Rücken jagte. Manchmal konnte er sein Glück kaum fassen. Nun waren sie schon seit zehn Jahren ein Paar, und an ihren Gefühlen hatte sich nichts geändert.
Daggart schreckte plötzlich aus dem Schlaf auf und schaute auf die Uhr. Zwanzig nach zwei. Jemand klopfte an seine Tür. Er schlug die dünne Bettdecke zurück, stand auf und betrachtete wehmütig das leere Bett.
Keine Spur von Susan. Er hatte nur geträumt.
Wieder klopfte es.
«Ich komme gleich», murmelte er. «Un momento.»
Wer wollte ihn um diese Uhrzeit sprechen? Seine kleine cabaña lag etwas abseits, weshalb er sie auch angemietet hatte. Bis zum Meer musste er nur ein paar Schritte gehen, und weit und breit war kein Haus oder Hotel in Sicht. Die kleine Hütte war nichts Besonderes und verfügte selbstverständlich nicht über die Annehmlichkeiten der großen Hotels an der Riviera Maya, wartete dafür allerdings mit etwas auf, was Daggart mehr schätzte als alles andere: Abgeschiedenheit. Genau das, wonach er sich sehnte, was er dringend brauchte.
In dem Moment fiel ihm das Gespräch mit Tingley wieder ein. Vorsichtig näherte er sich der Tür, atmete tief durch und wappnete sich innerlich. Er war physisch erschöpft, geistig jedoch hellwach. Das Paradoxon des Kriegers.
Als er durch das Guckloch spähte, entdeckte er zwei Männer in Sportjacken, die von einem Bein aufs andere traten.
«Scott Daggart?», fragte der vordere Mann, der etwas kräftiger als sein Kollege war.
«Ja.»
Er zog seine Marke aus der Tasche und hielt sie vor den Spion. Allem Anschein nach war er ein Mitarbeiter der Polizei in Quintana Roo.
«Habla usted español?»
«Sí.»
«Ich bin Lieutenant Rosales», fuhr der Mann auf Englisch fort, als hätte er Daggarts Antwort nicht gehört. «Und das ist mein Partner, Detective Careche. Dürfen wir eintreten?»
Daggart öffnete die Tür und bat sie mit einer Geste in die Hütte, doch keiner der beiden rührte sich vom Fleck.
«Wären Sie so nett», bat Rosales.
Es dauerte einen Moment, bis Daggart begriff, dass man ihn bat, einen Schritt zurückzutreten, damit er nicht abhauen konnte. Er tat dem Polizisten den Gefallen, schaltete die Deckenlampe an, wartete, bis die Männer eingetreten waren, und schloss die Tür.
Aus Rosales’ Verhalten schloss Daggart, dass er der Chef war. Aufgrund der Geheimratsecken und seiner leidenschaftslosen Miene schätzte Daggart ihn auf Mitte fünfzig. Sein Partner war wesentlich größer, und sein schmales Gesicht und die ausdruckslosen Augen erinnerten an einen unergründlichen und äußerst bedrohlichen Haifisch.
Daggart, der nur Unterhosen anhatte, schnappte sich seine Jeans, woraufhin Careche mit verblüffender Geschwindigkeit eine halbautomatische Waffe aus der Tasche zog und damit auf Daggarts Brust zielte.
«Darf ich?», fragte er sarkastisch und hielt die Hose hoch.
Rosales nickte und forderte Careche mit einer Kopfbewegung auf, die Waffe wegzustecken, was sein Kollege widerstrebend tat.
«Worum geht es?», fragte Daggart, während er die Jeans anzog. «Muss ja ziemlich wichtig sein, wenn es nicht noch ein paar Stunden warten konnte.»
«Kennen Sie einen gewissen Lyman Tingley?», fragte Rosales in grammatikalisch einwandfreiem Englisch, aber mit starkem Akzent.
«Aber sicher. Er ist ein höchst angesehener Archäologe und unterrichtet an der amerikanischen Universität von Kairo. In Ägypten.»
«Ich weiß, wo Kairo liegt», entgegnete Rosales knapp. Daggart hatte den Eindruck, dass er nicht viel von Amerikanern hielt oder nicht gern nachts arbeitete. Vielleicht traf auch beides zu.
«Und was ist mit ihm?», wollte Daggart wissen.
«Er wurde heute Nacht tot aufgefunden.»
Obwohl Daggart Soldat gewesen war und im Krieg gekämpft hatte, schlug sein Herz auf einmal viel schneller. Tingley war also nicht paranoid gewesen, sondern hatte sich zu Recht gefürchtet.
«Wie ist er umgekommen?»
Ohne auf Daggart einzugehen, fragte Rosales: «Wann haben Sie ihn das letzte Mal gesehen?»
«Wie ist er gestorben?», wiederholte Daggart.
Rosales starrte ihn an und wiederholte seine Frage.
Daggart holte tief Luft und beschloss, das Katz-und-Maus-Spiel zu beenden.
«Gestern Abend. Wir waren ein Bier trinken.»
Rosales warf Careche einen Blick zu. «Wo?»
«Im Captain Bob’s. Playa del Carmen.»
Rosales zog einen Block und Kugelschreiber aus der Tasche und begann, sich Notizen zu machen. «Woher kennen Sie Tingley?»
«Wir sind beide Archäologen. Ich kenne seine Arbeit und er meine.»
«Treffen Sie sich häufiger?»
«Ein paarmal im Jahr.»
«Sind Sie befreundet?» Rosales hob den Blick.
«So würde ich es nicht formulieren.»
«Wie dann?»
«Wir sind Kollegen. Bekannte.» Dass Lyman Tingley ihn übers Ohr gehauen hatte, behielt er lieber für sich. «Sie haben mir immer noch nicht verraten, wie er gestorben ist.»
«Worüber haben Sie beide sich unterhalten?», fuhr Rosales unbeirrt fort.
Langsam begann es Daggart zu nerven, dass er keine Antworten erhielt, obwohl er sich kooperativ zeigte. «Wie ist er gestorben?»
Rosales stieß einen Seufzer aus. «Vielleicht habe ich mich nicht deutlich ausgedrückt, señor. Ihr Bekannter wurde ermordet.»
Blitzschnell ging Daggart im Geiste sein Treffen mit Tingley im Captain Bob’s durch. Hatte Tingley die drei Männer am anderen Tisch zu Recht verdächtigt? Hatte Lyman tatsächlich versucht, Daggart mit der Anordnung der Münzen etwas mitzuteilen?
«Wie?» Auf einmal wollte er unbedingt die Wahrheit erfahren, als könnte er den Schlag besser verdauen, wenn man ihm die Fakten nannte.
«Jemand hat ein Loch in seine Brust geschnitten, das Herz herausgeholt und ein kleines Kreuz neben ihn gelegt.»
Daggart verzog keine Miene.
«Wieso überrascht Sie das nicht?», fragte Rosales.
«Weil ich davon schon gehört habe.»
Rosales wartete, dass Daggart fortfuhr.
Und Daggart tat ihm den Gefallen, ohne dass es ihm richtig bewusst war. «Traditionell haben die Maya ihren Göttern Opfer gebracht, und zwar auf ganz unterschiedliche Weise. In diesem Fall wird einem Menschen bei lebendigem Leib das noch schlagende Herz aus der Brust gerissen. Ein größeres Opfer kann man den Göttern gar nicht darbieten. Wer hat Tingley auf dem Gewissen?»
«Wenn wir das wüssten, wären wir nicht hier.»
«Wo wurde der Leichnam gefunden?»
«Nicht weit von hier», meinte Rosales und trat an das große Panoramafenster mit Blick auf den Strand. «Ein Liebespaar, das zu später Stunde am Strand spazieren ging, hat ihn gefunden.»
«An welchem Strand?»
Detective Rosales zog ruckartig die Vorhänge zurück und gab den Blick auf rote und blaue Lichter frei. Polizisten mit Taschenlampen grasten das ganze Gelände ab. «An Ihrem, um ehrlich zu sein.»
Erst jetzt verstand Scott Daggart, dass er in diesem Fall kein Zeuge, sondern der Hauptverdächtige war.
Als Daggart von den beiden Polizisten in Handschellen aus der cabaña geführt wurde, tauchte ein halbes Dutzend Beamte mit Kameras und Ausrüstung auf. Daggart ahnte, dass es für ihn nicht gut aussah. Wahrscheinlich war er die letzte Person gewesen, die Tingley lebend gesehen hatte. Und dass man den Toten in der Nähe seiner Hütte gefunden hatte, machte die Sache nicht besser.
Während sie über die Bundesstraße 307 rauschten, spähte Daggart aus dem Heckfenster. Trotz der frühen Stunde herrschte schon starker Verkehr. Busladungen von betrunkenen, übernächtigten Touristen wurden in die Hotels zurückverfrachtet.
Während der letzten fünfzehn Jahre hatte Daggart mit eigenen Augen beobachten können, wie sehr die Halbinsel Yucatán sich veränderte. Im Jahr 1974 wurden vierzig Meilen weiter nördlich in Cancún zwei Hotels aus dem Boden gestampft, und damit brach in dem verschlafenen Fischerdörfchen Playa del Carmen, das nur aus ein paar Hütten und einem morschen Holzpier bestand, eine neue Zeitrechnung an. Kaum eroberten die sonnenhungrigen Touristen die Hotels, flohen alle angestammten Besucher vor diesen Horden und zogen nach Süden.
Zu Anfang gelang es Playa del Carmen noch, seinen Kleinstadtcharakter zu bewahren, doch das änderte sich schlagartig, als die mexikanische Tourismusbehörde die über hundert Kilometer langen weißen Sandstrände zwischen Cancún und Tulúm «Riviera Maya» taufte. Über Nacht verwandelte sich Yucatán in Mexikos Hotspot. Der Dschungel, die weißen Strände und Maya-Ruinen waren auf einmal hip, und die Touristenzahlen schossen in die Höhe.
Inzwischen war die gesamte Küste zugebaut. Ein teures Hotel reihte sich ans nächste und lockte mit allem, was anspruchsvolle Gäste erwarteten. Mit seinen zweihunderttausend Einwohnern war Playa del Carmen die am schnellsten wachsende Stadt Mexikos. Daggart, für den Mexiko zur zweiten Heimat geworden war, bedauerte diese Entwicklung. Da einige der Maya-Ruinen in den neuesten Broschüren schon als «Abenteuerpark» angepriesen wurden, fragte er sich, was als Nächstes kam. Würde sich dieser Fleck in ein mexikanisches Orlando verwandeln?
Etwas Gutes hatte dieser Prozess allerdings: Er machte den Archäologen gewaltig Feuer unterm Hintern. Je schneller die Veränderung der Riviera Maya fortschritt, desto mehr mussten er und seine Kollegen sich beeilen, wenn sie die Ruinen der alten Maya vor den Planierraupen retten wollten.
Das Fahrzeug verließ die Küste und blieb nach zweimaligem Abbiegen vor einem einstöckigen grünen Gebäude mitten im Dschungel stehen. Nur ein kleines Schild mit dem Aufdruck Policía verriet Daggart, dass dieses bescheidene Häuschen, von dem die Farbe abblätterte, ein Polizeirevier beherbergte. Der unkrautüberwucherte Parkplatz war bis auf einen Streifenwagen verwaist, was Daggart zu der stummen Frage veranlasste, ob sich alle anderen Beamten in seiner Hütte versammelt hatten, um seine Sachen zu durchsuchen.
Rosales und Careche führten Daggart in das Gebäude, wo ein einsamer Polizist in der Ecke an einem Schreibtisch saß und auf einen Computerbildschirm starrte. Er schaute nur kurz auf und widmete sich dann wieder seiner Tätigkeit. Obwohl das Revier vermutlich mit einer Klimaanlage ausgestattet war, war die Luft in diesem Raum unerträglich stickig.
Detective Rosales führte Daggart in einen Verhörraum mit nackten Wänden und einem alten Deckenventilator. Auf einem kleinen Holztisch mit zwei Metallstühlen stand ein Kassettenrekorder. Daggart wurde mulmig zumute.
Rosales nahm ihm die Handschellen ab und bedeutete ihm, sich zu setzen. Detective Rosales nahm ihm gegenüber Platz, während Careche, dem noch kein Wort über die Lippen gekommen war, die Tür schloss, sich an die Wand lehnte, ein kleines Taschenmesser hervorholte und anfing, seine Zahnzwischenräume zu säubern.
Bleib ruhig, sagte sich Daggart. Versuch dich zu entspannen.
«Also, worüber haben Sie sich im Captain Bob’s unterhalten?», begann Rosales ohne Umschweife. Er rückte den Kassettenrekorder zurecht und drückte die Aufnahmetaste, ehe er seinen Notizblock und Stift aus der Jackentasche fischte.
«Stehe ich unter Mordverdacht?», fragte Daggart mit ruhiger Stimme. «Denn falls dem so sein sollte, verlange ich Rechtsbeistand.»
«Mein Freund», antwortete Rosales in ernstem Tonfall. «Im Moment verdächtigen wir alle und niemanden. Sí? Und außerdem sind wir hier in Mexiko und nicht in Kansas. Kennen Sie das Auskunftsverweigerungsrecht?»
«Selbstverständlich.»
«Nun … wir nicht.»
Careche nahm das Messer aus dem Mund, bleckte die gelben Zähne und grinste kurz.
«Ich will Ihnen nicht auf die Nerven fallen», meinte Rosales, «aber Sie müssen mich verstehen. Wir tun die Dinge hier auf unsere Weise. Sie sagen uns die Wahrheit, und wir überprüfen Ihre Aussage. Ningún problema.»
Mit einem Mal kam Daggart der Raum winzig vor. Der Deckenventilator drehte sich langsam, ohne etwas gegen die Hitze ausrichten zu können.
Er beugte sich vor und schilderte das kurze Gespräch mit Lyman Tingley Wort vor Wort. Dass Tingley ihm aufgetragen hatte, den 5. Kodex zu suchen, verschwieg er, denn das ging nur ihn etwas an. Und von den fünf Münzen sprach er auch nicht.
«Die drei Männer … Wie haben sie ausgesehen?»
Daggart gab sich Mühe, aber er konnte nicht viel berichten. Soweit er sich erinnerte, hatte einer deutlich mehr gewogen als die anderen. Zu ihren Gesichtern fiel ihm nicht viel ein, da alle Baseballkappen getragen hatten.
«Stand etwas auf den Kappen?»
«NYY.»
Rosales schaute ihn ausdruckslos an.
«New York Yankees», erläuterte Daggart.
Rosales blätterte seinen Notizblock durch. «Señor Tingley hat letztes Frühjahr eine wichtige Entdeckung gemacht, oder? Den sogenannten 5. Kodex. Wissen Sie, was das ist?»
«Sicher. Und Sie vermutlich auch.»
«Lassen Sie uns mal so tun, als wüsste ich nicht Bescheid. Erzählen Sie mir mehr darüber.»
«Es ist ein Handschrift der Maya, die viele Jahrhunderte alt und sehr wertvoll ist.»
«War er der Einzige, der danach suchte?»
«Selbstverständlich nicht. Jeder wollte ihn finden.»
«Sie auch?», knurrte Careche wütend, der hinter Rosales an der Wand lehnte. Rosales warf einen Blick über seine Schulter. Dass sein Partner auf einmal so zornig war, schien auch ihn zu irritieren.
Daggart merkte, wie er rot anlief. «Ja, ich auch, aber bei mir war es etwas anders. Lyman war besessen und interessierte sich nur noch dafür, wohingegen wir anderen das ganze Universum der Maya verstehen wollten.»
«Aber Sie haben auch danach gesucht», knurrte Careche wieder.
Daggart zwang sich, ganz ruhig zu antworten. «Ja, allerdings nicht so verbissen wie er.»
«Und Tingley hat ihn gefunden?», fragte Rosales. Im Gegensatz zu seinem Partner wirkte er ganz ruhig und unaggressiv. In Daggarts Augen spielten die beiden ihre Rolle ganz vorzüglich.
«Sie kennen die Artikel bestimmt», führte Daggart aus. «Letztes Frühjahr haben alle Blätter darüber berichtet, angefangen von der USA Today bis zum Journal of International Anthropology.»
«Warum?»
«Weil es sich dabei um eine Mischung aus Gutenberg-Bibel und dem Stein von Rosette handelt.»
Rosales machte sich Notizen. «Haben Sie ihn gesehen?»
Daggart schüttelte den Kopf.
«Hat er gestern Abend mit Ihnen darüber gesprochen?»
Daggart erwiderte Rosales’ Blick und antwortete, ohne mit der Wimper zu zucken: «Nein.»
«Sind Sie sich da ganz sicher?»
«Anderenfalls würde ich mich gewiss daran erinnern.»
Rosales warf seinem Partner einen Blick zu und zog eine Augenbraue hoch. Careche kniff die Lippen zusammen.
Daggart fragte sich, wie viel die beiden tatsächlich wussten, und überlegte, ob er gerade einen schweren Fehler gemacht hatte.
Detective Rosales strich seinen Schnurrbart glatt. «Und wo befindet sich der 5. Kodex jetzt?»
«In Mexico City, nehme ich an», sagte Daggart.
«Sie nehmen es an?»
«Seine Echtheit muss verifiziert werden unter Einbeziehung der Radiokarbonmethode, einer Tintenanalyse und Multispektralklassifikation. Der Kodex kann erst ausgestellt werden, nachdem alle Zweifel an seiner Echtheit ausgeräumt wurden.»
«Und Sie denken, der Kodex ist in Mexico City?»
«Dort ist das INAH, das Instituto Nacional de Anthropología e Historia. Das ist hier unten die zuständige Behörde, wo alle mexikanischen Funde überprüft werden.»
Detective Rosales nickte und machte sich wieder Notizen. Dann lehnte er sich zurück, verschränkte die Hände hinter dem Kopf und versuchte, sich ganz lässig zu geben.
«Erklären Sie uns doch nochmal, wieso Sie den Kodex gesucht haben?»
«Ich habe gesagt, dass ich nicht …»
«Sí, sí, ich verstehe. Und warum hat señor Tingley ihn gesucht?»
Daggart überlegte, wo er beginnen sollte. Mit ein paar Sätzen ließ sich dieses Thema nicht abhandeln.
«Die Maya waren hervorragende Mathematiker», begann er wie im Hörsaal zu dozieren. «Sie kannten bereits die Null als Recheneinheit, und da sie brillante Astronomen waren, konnten sie beeindruckend exakte Kalender entwickeln.»
«Na und?» Careche konnte die Rolle des bösen Cops einfach nicht ablegen.
«Sie waren brillant – aber auch sehr grausam.»
«Was verstehen Sie unter grausam?», fragte Rosales.
«Sie verteidigten ihr Territorium, bekämpften einander permanent, führten zahllose Kriege. Und sie befürworteten Menschenopfer zur Beschwichtigung der Götter.»
«Woher wissen Sie das?», hakte Rosales nach.
«Von den Kodizes.»
Rosales wusste nicht, wovon er sprach.
«Ein Kodex ist eine Bildhandschrift», erklärte Daggart.
«Kodizes», wiederholte Rosales, als hätte er eben eine bittere Pille geschluckt. «Wie viele Kodizes gibt es denn?»
«Bis vor kurzem vier.»
«Und darin steht, warum die Maya Menschen geopfert haben?»
Daggart nickte. «Dort kann man auch vieles über das Leben der Maya nachlesen. Über ihre Mathematik, Astronomie und Kalender. Und da es nur so wenige gibt, sind die Kodizes für Anthropologen von unschätzbarem Wert.»
«Wann wurden sie geschrieben?»
«Zwischen dem 12. und 15. Jahrhundert.»
Rosales verschränkte die Arme auf seiner Brust und warf ihm einen missmutigen Blick zu. «Und Tingley hat hier auf Yucatán einen gefunden?»
«So ist es.»
«Sie reden, als hätte Sie das überrascht.»
«Gut beobachtet.»
«Und wieso waren Sie überrascht?»
«Weil die vier anderen Kodizes nicht in Mexiko gefunden wurden», führte Daggart aus. «Das Problem ist Folgendes: Sie sind alt. Das Klima, die Luftfeuchtigkeit und der Salzgehalt der Luft sind unerbittlich. Zudem wissen wir, dass eine große Anzahl von Kodizes im 16. Jahrhundert vernichtet wurden.»
«Von den conquistadores?»
Daggart nickte. «Vor allem von einem gewissen Bischof Diego de Landa, der sie für Teufelszeug hielt, weil er die Zeichen nicht lesen konnte.»
«Aber nicht alle wurden zerstört.»
«Bislang wissen wir von vier Exemplaren, die heute noch existieren.»
«Und nun gibt es einen fünften Kodex?»
«Es sieht ganz danach aus», meinte Daggart.
«Wenn sie nicht hier entdeckt wurden, wo denn dann?»
«In Europa. Die Eroberer brachten einige der Handschriften nach Spanien, als Geschenke. Die vier Kodizes wurden allesamt erst im letzten Jahrhundert entdeckt.»
«Und wo sind sie jetzt?»
«An den Orten, wo sie gefunden wurden. Der Madrid-Kodex in Madrid, der Paris-Kodex in Paris und so weiter.»
«Wo hat señor Tingley den 5. Kodex gefunden?» Rosales’ Interesse war geweckt.
«Vermutlich auf seinem Ausgrabungsgelände.»
«Und wo liegt das?»
«Keine Ahnung», antwortete Daggart, ohne zu zögern.
Rosales hob den Blick. «Sie wissen nicht, wo Ihr Freund gegraben hat?»
«Wie ich schon sagte, war er eher ein Bekannter. Und außerdem sind Archäologen sehr verschwiegen, wenn es um ihre Grabungen geht.»
«Wir könnten die Stätte finden», meinte Rosales herausfordernd.
«Theoretisch schon.»
Rosales zog eine Augenbraue hoch. «Müssen Sie sich nicht bei der INAH registrieren, wenn Sie hier arbeiten?»
«Doch.»
«Dann kann man uns ja dort weiterhelfen.»
«Hören Sie, wir melden uns bei der INAH, sobald wir dieses Land betreten, und geben Bescheid, wo wir graben. Leider hat die INAH nicht die Ressourcen, um sich um jede Ausgrabungsstätte zu kümmern, zumal die meisten tief im Urwald liegen und nur über Trampelpfade zu erreichen sind. Sie kriegen vielleicht die GPS-Koordinaten, doch dann dauert es immer noch ewig, bis Sie die Stelle finden.»
Careche knurrte.
Daggart versuchte, ihn zu ignorieren. «Da die Funde sehr bedeutend sein können, ist es besser, wenn nur wenige Leute Bescheid wissen.»
«Dann spricht man also nicht mal mit Kollegen darüber?»
«Mit denen schon gar nicht.»
Rosales blätterte seine Notizen durch, während der Deckenventilator hilflos gegen die Hitze ankämpfte. «Wovon handelt dieser Kodex?»
«Das kann ich Ihnen nicht sagen. Tingley hat es mir nicht verraten.»
«Aber Sie haben eine Theorie?»
«Sicher.»
«Und?»
Daggart senkte den Blick und fuhr mit der Hand über die Tischplatte. «Vom Ende der Welt», sagte er schließlich.
Careche brach in schallendes Gelächter aus. «Haben Sie gerade ‹Ende der Welt› gesagt?»
«Ja.»
«Ich verstehe …», sagte Rosales in einem Tonfall, als spräche er mit einem Kind, «… und gehe davon aus, dass der 5. Kodex uns nicht verrät, wann die Welt untergeht.»
«Da täuschen Sie sich.» Daggart schaute auf und erwiderte Rosales’ Blick. «Am 21. Dezember 2012 wird die Welt, wie wir sie kennen, untergehen. Und im 5. Kodex steht auch geschrieben, was dann passiert.»
Dass der eine oder andere ihn eventuell für einen Snob hielt, kümmerte ihn nicht. Er zog das Musée Marmottan einfach dem Musée D’Orsay, der Orangerie und sogar dem Louvre vor. Die Sammlung des Marmottan ließ sich an einem Tag bewältigen und zog weniger Besucher an, die darüber hinaus wesentlich angenehmer waren. Statt der dumpfen Massen, die sich durch den Louvre quälten, um einen kurzen Blick auf die Mona Lisa oder die Venus von Milo zu erhaschen, oder der Pseudointellektuellen im Musée D’Orsay konnte man im Marmottan die erstklassigen Exponate in aller Ruhe betrachten. So musste man Kunst erleben.
Seit seinem Studium reiste er nach Paris und ließ sich nur selten die Gelegenheit entgehen, dem Musée Marmottan einen Besuch abzustatten, der – vor allem, wenn er den Kopf frei kriegen wollte – die lange Métrofahrt allemal wettmachte.
Und genau das hatte für ihn jetzt Priorität.
Er warf einen Blick auf seine Uhr. Da es in Yucatán jetzt mitten in der Nacht war, würde sich sein Mann erst in ein paar Stunden melden.
Er setzte sich auf eine Bank und betrachtete Monets Wasserlilien. Ihm gefiel, dass der Künstler bei nachlassender Sehkraft die Farben kräftiger, die Pinselstriche energischer gestaltet hatte. Mit diesem Kunstgriff war es ihm gelungen, die Herrschaft über das zu behalten, was er auf die Leinwand brachte.
Adaption. Manchmal musste man sich eben nach der Decke strecken.
Er lehnte sich zurück, streckte die Beine aus und ergötzte sich an Monets brillanten Farben. In den Wasserlilien dominierte Brillanz.
Obwohl sein Meeting erst in sechs Stunden begann, überlegte er schon jetzt, in welche Bahnen er es lenken würde. Im Geist ging er jedes Detail durch und malte sich ganz genau aus, wie er vorgehen musste, wer wo sitzen würde, wann er wem das Wort erteilte und wann nicht. Anfänglich würden sie bestimmt überrascht, vielleicht sogar schockiert sein, doch sein Plan würde funktionieren. Jeder würde kriegen, wonach ihm verlangte, und die Welt würde sich fundamental verändern.