
Vermächtnis
Thriller
Deutsch von Judith Schwaab

Noch einmal, in Liebe, für Enola
Und es begab sich, da Josua bei Jericho war, dass er seine Augen aufhob und ward gewahr, dass ein Mann ihm gegenüberstand und hatte sein bloßes Schwert in seiner Hand. Und Josua ging zu ihm und sprach zu ihm: Gehörst du uns an oder unsern Feinden?
Josua, 5,13
An dem Sonntag bevor der Schrecken seinen Lauf nahm, lenkte Rebecca DeForde ihren Mietwagen in die trübe Finsternis ihrer fernen Vergangenheit. Der Interstate Highway lag hinter ihr, ebenso wie der eisige Regen, der ihr Tempo gedrosselt hatte. Die Landstraße wand sich durch die dichten Wälder Colorados, mal schlängelte sie sich an Berggipfeln entlang, mal führte sie zwischen finsteren Baumreihen hindurch. Hier und da blinkten die Lichter eines Bauernhofes auf und verschwanden wieder. Nebel umgab sie wie plötzliche Leere. Die Nacht war mondlos, und auch keine Sterne standen am Himmel. Straßenlaternen waren in diesen Winkel Amerikas ebenso wenig vorgedrungen wie die Programmierer des Navigationssystems ihres Wagens. Die Straße war kurvig und schadhaft, selbst jetzt, Mitte April, gab es noch vereiste Stellen. Dennoch fuhr Rebecca sehr schnell, wie immer. Ob sie auf der Flucht war oder Zuflucht suchte, wusste sie nicht. Sie war vierunddreißig Jahre alt und hatte den größten Teil ihres Lebens das Gefühl gehabt, am Seitenstreifen des Lebens auf und ab zu gehen, wie ein Cheerleader, der den anderen beim Spiel zuschaut. Sie hatte sich an ihre Rolle gewöhnt und hasste es, wenn sie doch einmal aufs Spielfeld musste. Diese Reise hatte sie nicht machen wollen, aber sie musste. Jericho Ainsley lag im Sterben, und obwohl sich mittlerweile fast niemand mehr daran erinnern konnte, was Rebecca und Jericho einander bedeutet hatten, waren sich alle darin einig, dass sie etwas Besonderes gewesen waren. Beck selbst bereitete es Mühe, sich ihre gemeinsamen achtzehn Monate in allen Einzelheiten ins Gedächtnis zu rufen, obwohl es doch Zeiten gegeben hatte, in denen sie darüber der Presse Rede und Antwort gestanden hatte.
«Na komm schon», drängte sie den lahmen Wagen, der sich die Anhöhe hochquälte. Wie viele einsame Menschen pflegte Beck ebenso oft mit den Dingen in ihrer Umgebung vertrauliche Gespräche zu führen wie mit sich selbst. «Na komm schon, du schaffst das, lass mich jetzt nicht im Stich.»
Der Wagen schien ihr mit einem mürrischen Brummen zu antworten.
«Ist schon in Ordnung.» Sie tätschelte das Armaturenbrett, dessen Anzeige vorwurfsvoll glühte. «Ist schon okay. Du kannst das.»
Endlich zog der Wagen wieder an und wurde schneller. Rebecca lächelte, obwohl sie andererseits gar nicht vorankommen wollte.
Jericho sollte nicht sterben. Noch nicht. Noch mussten er und Beck – ja, was denn? Sich versöhnen? Sich verzeihen? Endlich wieder ein ganz normales Gespräch führen? Jedenfalls war zwischen ihnen das letzte Wort noch nicht gesprochen, und eigentlich hätten sie dafür alle Zeit der Welt haben sollen.
«Wird wohl nichts», murmelte sie.
Von Jerichos Zustand hatte Beck nicht durch seine Familie erfahren, sondern über einen forschen Reporter, der sie in Boston aufgespürt hatte. Er hatte sie nicht auf dem BlackBerry angerufen, den sie geschäftlich nutzte, sondern auf ihrem Privathandy, dessen Nummer nur eine Handvoll Menschen kannte. Es war Samstag gewesen. Sie mochte das Wochenende, weil dann die Kaufhäuser überfüllt waren und man die Kundenströme beobachten und nach Engpässen oder ineffizient genutztem Raum Ausschau halten konnte.
Ich bringe Botschafter Ainsleys Nachruf auf den letzten Stand, hatte der Reporter ins Telefon geschrien, weil Rebecca irgendwo im Kaufhaus unterwegs war und ihn bei dem Lärm kaum hören konnte. Nicht was Sicherheitsfragen betrifft, erläuterte der Reporter. Es soll um die persönliche Seite gehen. Die Skandale. Für den Fall, dass er diesmal wirklich stirbt.
Und dann hatte er gefragt, ob sie zu einem Kommentar bereit sei.
Becks Antwort war unhöflich und nicht öffentlichkeitstauglich ausgefallen. Sie beendete das Gespräch und rief sofort im Haus an, eine Nummer, die sie nie vergessen hatte, obwohl sie sie seit Jahren nicht mehr benutzte. Fast befürchtete, ja hoffte sie, die Nummer sei nicht mehr aktuell, doch schon beim zweiten Klingeln war Audrey drangegangen und hatte gesagt, Jericho habe nach ihr gefragt: Audrey, die sonst nie außer Haus ging. Wenn Audrey an seinem Bett saß, dann stand es tatsächlich schlecht um ihn. Die Ärzte haben ihn aufgegeben, sagte sie. Was nun mit meinem Vater geschieht, liegt in Gottes Hand, fügte Audrey hinzu, die das freilich von allen Dingen behauptete.
Beck hatte versprochen, umgehend zu kommen.
Umgehend hatte sich als kompliziert erwiesen. Sie hatte ihren Stellvertreter, der bereits mit den Hufen scharrte, gebeten, die anstehende halbjährliche Inspektion der neunzehn neuenglischen Kaufhäuser der Handelskette zu übernehmen, bei der sie angestellt war, und dann ihren Chef angerufen, einen säuerlichen kleinen Mann namens Pfister, der murrte und brummte, das sei nun wirklich eine denkbar ungünstige Zeit, Urlaub aus familiären Gründen zu nehmen. Hätte Rebecca das College fertig gemacht, wäre sie wahrscheinlich Pfisters Boss gewesen, das wussten sie beide, was zur Folge hatte, dass er umso härter mit ihr umsprang. Doch als Rebecca auf ihrem Urlaubsantrag bestand, hatte Pfister ihr, über seine eigene Großzügigkeit erstaunt, drei Tage gewährt, nicht mehr. Er brauche sie dringend zur Konferenz der regionalen Manager, die am Freitagmorgen in Chicago beginnen sollte. Beck versprach ihm, dort zu sein.
Doch dieses Versprechen würde sie nicht einhalten können.
Bis Freitag lief Rebecca DeForde um ihr Leben.
I
Um sie herum war es stockfinster, während der Wagen bebend den Berg erklomm. In der Ferne tanzten Lichter am Rande ihres Gesichtsfeldes, verschwanden dann wieder. Beck fragte sich, wie schlimm es wohl sein würde. Vor ihrem geistigen Auge sah sie nur den Jericho, den sie vor fünfzehn Jahren geliebt hatte und in gewisser Weise immer noch liebte: den blendend aussehenden Sprössling einer alten neuenglischen Familie, die bereits seit dem Unabhängigkeitskrieg ihre Söhne in hohe Regierungspositionen entsandte. Nach einem seiner Vorfahren war in Washington ein Kreisverkehr benannt worden. Eine Cousine von ihm war Mitglied des Senats. Die Familiengeschichte war beeindruckend; und ganz gewiss beeindruckt hatte Beck der Jericho, in den sie sich einst verliebt hatte. Er war brillant und entschlossen gewesen, selbstbewusst und witzig, und stets wartete er mit Kostproben ewiger Weisheit oder mit spitzen Bemerkungen auf. Der Gedanke, dass ebendieser Mann von einer Krankheit dahingerafft würde, gefiel ihr nicht. Doch sie machte sich keine Illusionen. Dazu stand das, was der Krebs bei ihrem Vater angerichtet hatte, ihr noch allzu gut im Gedächtnis.
Was auch immer sie dort erwartete – sie musste hin.
Als sie am Samstagnachmittag mit Pfister alles geklärt hatte, nahm Beck den Flugshuttle von Boston nach Washington. Sie lebte in Virginia, einen Katzensprung vom Reagan National Airport entfernt. Ihre Tochter war auf einer Freizeit der Kirchengemeinde; Beck hatte sie religiös erzogen, weil auch sie selbst so aufgewachsen war und ihre Mutter es ihr übelgenommen hätte, wenn sie es gewagt hätte, in diesem Punkt gegen sie aufzubegehren. Beck beschloss, Nina könne noch eine Nacht bei den anderen Kindern verbringen. Am Sonntag würden sie dann gemeinsam zum Airport fahren und Flugzeuge in verschiedene Richtungen besteigen. Rebeccas Mutter Jacqueline hatte schon seit Wochen den Wunsch geäußert, Nina solle sie doch einmal besuchen, und vielleicht war es ja jetzt wirklich an der Zeit. Die Kleine ging erst in die zweite Klasse; dass sie ein paar Tage Schule versäumte, würde ihr sicher nicht schaden. Beck zögerte und machte dann den unvermeidlichen Anruf nach Florida, um ihre Mutter zu bitten, ob sie sich um Nina kümmern könne. Schon bald brach Streit aus.
Ich weiß nicht, wie es dir auch nur im Traum einfallen kann, eine Sechsjährige zu Besuch bei einem solchen Mann mitzunehmen.
Ich nehme sie nicht mit, Mom. Deshalb rufe ich dich ja an.
Du sagtest, du hättest beschlossen, sie nicht mitzunehmen. Das bedeutet, dass du es durchaus in Erwägung gezogen hast. Manchmal begreife ich wirklich nicht, was in deinem Kopf vorgeht.
Vergeblich versuchte sich Beck an eine Zeit zu erinnern, in der sie und ihre Mutter nicht miteinander auf Kriegsfuß gestanden hatten. Denn in den Augen ihrer auf Ewigkeit enttäuschten Mutter würde Beck nie älter werden als zehn Jahre. Gewiss hatte es diese Feindseligkeit schon vor Jericho gegeben; und vielleicht hatte sie auch (wie alle Therapeuten glaubten, die Rebecca in den vergangenen Jahren aufgesucht hatte) eine Rolle dabei gespielt, dass sich Beck bereits in ihrem zweiten Studienjahr am College in ihn verliebt hatte: einen verheirateten Mann von zweiunddreißig Jahren, der seine bemerkenswerte Karriere in den Sand gesetzt hatte, nur um sie haben zu können.
Ich weiß deine Hilfe zu schätzen, Mom.
Aha, du weißt sie also zu schätzen. Heißt das, dass du mich jetzt öfter anrufst?
Doch Beck rief überhaupt nur selten jemanden an. Sie war kein Mensch, der gerne telefonierte. Sie wohnte in einem schmucken Reihenhaus in Alexandria, zusammen mit ihrer Tochter und ihrer Katze, und wenn sie nicht gerade mit Haushalt oder Kindererziehung beschäftigt war, arbeitete sie. Ihre Mutter hatte früh geheiratet und war von ihrem Ehemann zeit seines Lebens unterstützt worden. Becks Ehe hatte weniger als zwei Jahre gehalten. Die Sache mit Jericho habe Rebeccas Ruf bei Männern verdorben, behauptete ihre Mutter hartnäckig; und vielleicht stimmte das ja auch. Ihre Mutter war rasch mit einer festen Meinung zur Hand, wenn es um andere ging; und die nächsten paar Tage würde sie auch Nina ihre fiebrigen Dogmen einreden wollen. Beck hasste sich dafür, dass sie ihre Tochter dennoch in den Flieger nach Florida gesetzt hatte; und Nina, den Katzenkäfig in beiden Armen, war wie eine kleine Königin in den Jetway hineingeschritten und hatte nicht einmal den Kopf gedreht, um ihr ein letztes Mal zuzunicken, denn sie ähnelte ihrer Großmutter wesentlich mehr als ihrer Mutter.
Oder vielleicht auch nicht. Rebecca war selbst eine kleine Kratzbürste gewesen, ein neugieriges und willensstarkes Kind, jederzeit zu Widerworten aufgelegt. Sie hatte immer so getan, als komme sie ohne ihre Mutter bestens zurecht, vielleicht deshalb, weil ihre Mutter so viel Zeit darauf verwandte, ihr genau das Gegenteil zu beweisen. Ihr rebellischer Charakter hatte sie zeit ihres Lebens in Schwierigkeiten gebracht, auch während ihres kostspieligen Aufenthalts an einer Privatschule, als sie den Dresscode nicht einhielt und deshalb rausflog, und in Princeton, wo ein hochdekorierter Footballstar sich an die unwillige Erstsemesterstudentin herangemacht, dafür eine gebrochene Nase kassiert hatte und für eine halbe Spielsaison ausgefallen war. Ein Jahr später war Beck in Jerichos Bett gelandet. Vielleicht war ja Nina überhaupt nicht wie ihre Großmutter, sondern einfach nur eine jüngere Ausgabe von Beck – eine Möglichkeit, die so furchterregend war, dass sie lieber nicht darüber nachdenken wollte.
II
Scheinwerfer im Rückspiegel. Wurde sie verfolgt? Eine klügere Frau, sagte sich Beck, hätte sofort erkannt, dass eine derartige Vermutung Unsinn war, wie so vieles andere, was Beck dachte, wenn es um Jericho ging. Nun jedoch, in einer eisigen Nacht auf einer einsamen und unbeleuchteten Straße in den Bergen, wo dieses eine Paar Scheinwerfer hinter ihr immer wieder aus dem Nebel auftauchte und verschwand, war es leichter, ängstlich zu sein als klug.
Sie beschleunigte – keine leichte Aufgabe für den kleinen Mietwagen –, und die Scheinwerfer wurden vom Dunst verschluckt. Kaum jedoch wurde sie in einer Kurve etwas langsamer, tauchten sie wieder hinter ihr auf.
«Woher willst du denn eigentlich wissen, dass es die gleichen Scheinwerfer sind?», fragte sie höhnisch.
Sie wusste es eben. Sie wusste es, weil die Jahre wie im Flug vergangen waren und sie wieder in Jerichos Welt war, einer Welt, in der ein knutschendes Pärchen am Nebentisch eines Hotelrestaurants auf Barbados bedeutete, dass man überwacht wurde, wo das Zimmermädchen im Ritz das Schlafzimmer verwanzte und wo unerwartetes Fahrzeugaufkommen mitten in Yucatán nur auf eine Handvoll Terroristen schließen ließ, die an einem aufrechten Verteidiger des Vaterlandes Rache üben wollten.
Beck rief sich ins Gedächtnis, dass Jerichos Paranoia keine Macht über ihr Leben mehr hatte, doch ihr Fuß stieg dennoch fester aufs Gas, und der kleine Wagen rumpelte bebend weiter. Sie schoss ins Tal hinab, durchquerte eine kleine Stadt. Es begann zu schneien. Erneut fuhr sie bergauf, kämpfte sich vorwärts, um eine Kurve herum und hing plötzlich im Nichts.
Keine Scheinwerfer hinter ihr, keine Straße vor ihr.
Dann fuhr sie fast in den Abgrund.
Dergleichen kam in den Rocky Mountains öfter vor, nicht metaphorisch, sondern tatsächlich, besonders mitten in der Nacht, wenn man seinen Gedanken nachhing und unerwartet in ein Schneegestöber hineingeriet – unerwartet deshalb, weil man in der Ecke des Landes, aus der Beck kam, im April schlimmstenfalls mit einem Regenguss zu rechnen hatte. Auf dreitausend Metern Höhe jedoch war das Wetter anders, wie ihr erst jetzt dämmerte. Noch einen Moment zuvor war sie, hypnotisiert von den beiden Lichtkegeln, die ihre Scheinwerfer auf die düstere Straße vor ihr warfen, und den dunklen Baumreihen, die zu beiden Seiten an ihr vorbeiflitzten, einfach dahingeglitten und hatte die Fehlentscheidungen ihres Lebens Revue passieren lassen; und dann, bevor sie wusste, wie ihr geschah, wirbelten dicke Flocken um sie her, und die Straße war verschwunden.
Rebecca schaltete herunter, der Wagen kam ins Schlittern und schien plötzlich mit dem Kühler halb über einer unsichtbaren Schwelle zu hängen, während das hintere Ende hin und her schleuderte, doch dann erinnerte sie sich daran, wie man im Winter zu fahren hatte, und steuerte dagegen. Rutschend und rumpelnd kam der Wagen gut drei Meter neben der Straße zum Stehen. Sie saß ganz still da, atmete stoßweise. Hinter ihr keine Scheinwerfer, auch oben auf der Straße war nichts zu sehen.
«Falscher Alarm», murmelte Beck, wütend auf sich selbst, weil sie es zugelassen hatte, dass Jericho ihr wieder mit seinen wahnwitzigen Verschwörungstheorien im Kopf herumgeisterte.
Sie zog die Handbremse, öffnete die Tür und stellte zu ihrer Erleichterung fest, dass sie weder in einen Graben noch in eine Schneewehe gefahren war. Sie konnte den Wagen also bergauf auf die Fahrbahn zurücksetzen. Doch das Wendemanöver würde leichter sein, wenn genügend Platz war. Zitternd, weil die Kälte langsam die Sohlen ihrer modischen Stiefel durchdrang, blickte sie mit zusammengekniffenen Augen durch die Windschutzscheibe und versuchte etwas zu erkennen. Das Schneegestöber hatte sich gelegt. Dennoch war es schwer, Distanzen abzuschätzen. Die Lichtstrahlen ihrer Scheinwerfer wurden von einem Grüppchen Nadelbäume direkt vor ihr geschluckt, doch Platz war genug. Allerdings stellte sich bei näherem Hinsehen heraus, dass es sich um einen ganzen Wald handelte, der meilenweit entfernt auf der anderen Seite einer tiefen Schlucht stand. Vorsichtig ertastete sie mit der Spitze ihres Stiefels die Kante und glitt dann mit den Füßen rückwärts. Hätte sie versucht zu wenden, statt den Wagen am Hang zurückzusetzen, wäre sie wahrscheinlich in den Abgrund gefahren.
Da war es auf den Punkt gebracht, ihr Leben seit Jericho: immer nur vorsichtig im Rückwärtsgang, mit gezogener Handbremse, ohne ein Risiko einzugehen. Ein Sturz über die Klippe reichte pro Leben.
Beck stand am Abgrund und spähte in die gähnende Dunkelheit. Ganz dort oben, am gegenüberliegenden Hang, waren jetzt die Lichter von Jerichos weitläufigem Haus zu erkennen. Mit seinem Familienvermögen hatte er dieses Anwesen gekauft, und seit dem Skandal, den ihre Beziehung verursachte, hatte er sich dorthin zurückgezogen. Beck hatte sich von dem Gedanken verabschiedet, am College ihren Abschluss zu machen, er von wesentlich mehr. Rasch rechnete sie nach, wie viele Präsidentenohren es eigentlich gewesen waren, in die er seine doppelzüngigen Ratschläge geflüstert hatte. Sie dachte an das Jahr zurück, als sie sich kennengelernt hatten, als er begonnen hatte, sich für immer aus dem öffentlichen Leben zurückzuziehen und von nun an in den rasenbewachsenen Gefilden Princetons zu leben. Sie dachte daran zurück, wie man an der Fakultät ehrfürchtig Jerichos Namen geflüstert hatte, und sie erinnerte sich, wie seine Seminare in fast wöchentlichen Abständen von Protestaktionen unterbrochen worden waren, die ihn als Kriegsverbrecher anprangerten; und daran, wie genüsslich er seine jungen Ankläger geködert hatte, indem er sie bat, ihm zu erklären, welche der Regime, an deren Umsturz er angeblich mitgewirkt hatte, sie gerne am Leben erhalten hätten, und aus welchem Grund.
Seit er den Dienst bei der Regierung quittiert hatte, hatte Jericho ein halbes Dutzend Bücher über internationale Politik veröffentlicht, doch es krähte kein Hahn mehr danach. Kaum jemand erinnerte sich noch daran, wer er war oder gewesen war. Vor nicht einmal zwei Monaten hatte sie seinen jüngsten neunhundertseitigen Schinken über die Friedensabkommen im Nahen Osten bei der Buchhandlung Barnes & Noble gesehen, der zum Preis für drei Dollar und neunundneunzig Cent auf dem Remittendentisch lag.
Das Handy vibrierte an ihrer Hüfte. Beck war überrascht. Gewöhnlich hatte man hier oben keinen Empfang, doch ab und zu fand sich in diesem Gebirge offenbar doch ein Fleckchen, das digital mit dem Rest der Welt verbunden war. Sie angelte das Mobiltelefon aus ihrer Tasche. Auf dem Display stand: UNBEKANNTE NUMMER. Als sie das Gespräch annehmen wollte, hörte sie nur ein statisches Rauschen, dem das trillernde Geräusch eines Faxzeichens folgte. Verärgert würgte sie den Anruf ab. Sofort klingelte das Telefon wieder, nochmal eine unbekannte Nummer, das gleiche Trillern in ihrem Ohr. Kein drittes Klingeln. Sie beschloss, die Tatsache zu nutzen, dass ihr Handy am Netz hing, und ihre Nachrichten abzuhören, doch als sie es versuchte, sah sie, dass sie wieder keinen Empfang hatte.
Wie hatte es dann derjenige, der sie angerufen hatte, geschafft, zu ihr durchzukommen? Sie ging in der Lichtung auf und ab, bekam aber nirgendwo ein Signal.
Auch egal. Höchste Zeit, weiterzufahren. Es hatte wieder angefangen zu regnen, in dicken, gefrierenden Tropfen, und Beck rang sich ob dieser Absurdität ein kleines Lächeln ab. Regen, Nebel, Schnee, dann wieder Regen – jetzt fehlte nur noch eine Sintflut, um den biblischen Wetterzyklus vollkommen zu machen, denn in ihrer gegenwärtigen Stimmung war sie gewillt, an alles zu glauben.
Das dumpfe Wummern eines sich nähernden Motors drang an ihr Ohr. Noch ein Auto, dachte sie, doch dann flitzte ein tintenschwarzer Umriss vor ihr vorbei, und sie ging instinktiv in die Hocke, bis ihr bewusstwurde, dass die Perspektive ihr erneut einen Streich spielte: Es war ein Hubschrauber, der zwar tief flog, sich aber immer noch Hunderte von Metern hoch in der Luft befinden musste. Ihr war nicht bewusst gewesen, dass man die Dinger so geräuscharm bauen konnte. Der Hubschrauber flog direkt über sie hinweg und tauchte dann ins Tal hinab, wo er mit anderen Umrissen verschmolz. Dann stieg er wieder an und erreichte die Höhe von Jerichos Haus, wo der Pilot zu zögern schien und zu kreisen begann, offenbar auf der Suche nach einem anderen Landeplatz. War sie zu spät gekommen? Konnte das der Rettungshubschrauber sein, der den Patienten nach Denver hinunterbringen sollte? Oder hatte er vielleicht einen VIP an Bord, der sich von Jericho verabschieden wollte und es vorzog, diesen Weg in dunkler Verschwiegenheit zurückzulegen?
Weder – noch. Der Helikopter landete gar nicht. Einen Moment lang hielt der Pilot ihn in der Schwebe. Noch ein weiterer Abflug, ein weiteres Kreisen. Dann war man offenbar an Bord zufrieden, und das Fluggerät erhob sich erneut und kehrte auf demselben Weg zurück, den es gekommen war. Zu ihrer eigenen Überraschung schaltete Beck rasch ihre Scheinwerfer aus. Ein nicht näher zu benennender Instinkt riet ihr, sich von demjenigen, der da an Bord war, nicht entdecken zu lassen.
Die Medien, beschloss sie und stieg wieder in den Wagen, während der Hubschrauber über den Hügeln verschwand. Ein Fernsehsender, der Material für den Nachruf zusammentrug. Keine Frage, das war des Rätsels Lösung.
Und doch …
Und doch – warum sollte jemand einen Flug durch die Rocky Mountains riskieren, nur um mitten in der Nacht ein Foto vom Haus zu machen? Denen ging es um die Atmosphäre, mutmaßte sie und ließ den Motor an. Die wollten den Zuschauern zeigen, wie unheimlich es hier war.
Und das war es in der Tat.
I
Noch weitere eineinhalb Stunden hielt der Berg sie in seiner Gewalt und ließ den kleinen Wagen vor seiner gewaltigen Masse verschwinden, wie es Berge nach Einbruch der Dunkelheit oft tun. Sie glitt in den Wald hinein und wieder hinaus, fuhr ins Tal hinab und auf der anderen Seite wieder bergauf, kämpfte sich Serpentinen hoch, bis sie schließlich das Hochplateau erreichte, an das sie sich noch erinnerte. Der Hubschrauber hatte es da leichter. Einiges hier hatte sich im Verlauf der Zeit verändert. Der im Sturm geborstene Baum, an dem man sich früher orientieren konnte, war nicht mehr da, und auch der kleine Düker war verschwunden. Aufs Geratewohl fand Beck schließlich die Abzweigung, eine nicht ausgeschilderte Schotterstraße, an der vor fünfzehn Jahren noch ein Überwachungsfahrzeug ohne Kennzeichen gestanden hatte. Nach einer von Schlaglöchern durchgeschüttelten Meile kam das alte Wachhäuschen, dessen Dach eingefallen war. Die großen Flügel des schmiedeeisernen Tores standen weit offen. Auf einem verblassten Schild die Inschrift STONE HEIGHTS, Jerichos anmaßender Name für seine Festung in den Bergen. Als das Licht ihrer Scheinwerfer die Tore streifte, sah sie das wuchernde und mit Schnee bestäubte Unterholz und den Unrat, der sich an den tief eingelassenen Pfosten angesammelt hatte. Offensichtlich wurde das Tor schon seit Jahren nicht mehr geschlossen und würde es jetzt wohl auch nicht mehr. Es tat ihr leid um Jericho, der immer stolz auf seine Sicherheitsvorkehrungen gewesen war, obwohl er sie angeblich hasste, damals, als er, den Kopf randvoll mit Geheimnissen des Kalten Krieges, in seiner Zwingburg umherschlenderte und mit einem Gewehr in Reichweite schlief, weil, wie er ihr im Bett zuflüsterte, früher oder später die Russen, die Chinesen oder gar Schlimmere kommen würden, um ihn zu holen.
Die Zufahrt wand sich weiter den Berg hoch, immer noch zwischen Bäumen hindurch, und jetzt entdeckte sie endlich den schwarzen Suburban, nach dem sie bereits Ausschau gehalten hatte, mitsamt seinen abgedunkelten Scheiben. Der Fahrer war nur ein bleicher Fleck in der Dunkelheit. Beck fuhr automatisch langsamer, doch er hob nicht einmal den Kopf. Während nun das Haus in Sicht kam und wie ein wuchtiger kastenförmiger Klotz vor ihr aufragte, wobei man auf allen Seiten fast fünfzig Meter Wald abgeholzt hatte, um freie Schussbahn zu haben, hätte Rebecca beinahe gelächelt. Mittlerweile gab es nur noch einen Wachposten, aber immerhin passte überhaupt jemand auf. Ob der Typ nun vom Außenministerium, vom Geheimdienst oder einfach von der Polizei war – wenigstens legte der Sterbende immer noch Wert auf seine Sicherheit. Rebecca war erleichtert, um Jerichos willen.
Mehrere Autos, unterschiedlich dicke Schneedecken auf den Dächern, parkten auf dem Vorplatz. Der silberfarbene Prius ließ darauf schließen, dass Pamela hier war, die jüngste von Jerichos Töchtern, die dennoch älter war als Beck – ein Umstand, der vom ersten Moment an Öl ins Feuer gegossen hatte. Den verbeulten braunen Kastenwagen fuhr vermutlich Audrey, vielleicht eine Leihgabe des Nonnenordens, bei dem sie Mitglied war, oder wie auch immer man das nannte. Rebecca, die trotz ihrer Kirchgänge sorgfältig Distanz zu allem übermäßig Frommen hielt, war sich bei solchen Details nie ganz sicher. Vor dem Garagentor stand ein schimmernder Pick-up Truck, und das war genau der Wagen, den Jericho immer gemocht hatte, obwohl es nur schwer vorstellbar war, dass er heutzutage noch viel selbst am Steuer saß.
Jericho hatte einen nachtragenden Sohn namens Sean, der in New York eine Umweltschutzstiftung leitete, doch Sean würde eher eine Kohlenmine gründen, als seinem Vater in seinen letzten Tagen beizustehen. Außerdem wäre Sean lieber selbst gestorben, als in einen Pick-up zu steigen. Jericho hatte hier in den Bergen immer mehrere Freunde um sich herum gehabt, schweigsame, zuverlässige Männer, die an der Gegend hingen und allesamt Aufkleber der National Rifle Association, des Nationalen Schusswaffenverbandes, an ihren Stoßstangen hatten. Vielleicht gehörte der Truck ja einem alten Bekannten. Doch es lag bereits eine dicke Schneeschicht auf der Kühlerhaube, und jener Instinkt, der Beck vorhin veranlasst hatte, vor dem Hubschrauber in Deckung zu gehen, ließ sie nun vermuten, dass es mit dem Wagen noch etwas anderes auf sich hatte. Der Wagen gehörte Jericho, und es gab einen Grund, warum er nicht in der Garage stand.
Wie auch immer. Nicht ihr Problem.
Rebecca parkte ihr bescheidenes Mietfahrzeug neben Audreys klapprigem Kastenwagen. Als sie ausstieg, fiel ihr als Erstes die große Stille auf. Früher wäre Jericho in diesem Moment aus dem Haus gestürzt, hätte sie buchstäblich in seine Arme gerissen und sich lautstark über ihr Transportmittel lustig gemacht. Stets war es im Haus hoch hergegangen, der Vorplatz war vollgeparkt mit den Autos von Besuchern, die ihn wegen seiner Klugheit, seines Geldes, seiner teuren Alkoholika oder seiner Beziehungen aufsuchten, oder um ihm einfach die Hand zu schütteln. Dann hatte er sie nach drinnen gezogen und sie dazu genötigt, sich seinen Gästen anzuschließen, wen auch immer er gerade beherbergte, auch wenn die Gruppe aus zwei oder drei kaltäugigen Männern bestand, die dem innersten verschwiegenen Kreis der CIA angehörten und gerade über ein Projekt in Malaysia, Peru oder im Iran sprachen. So hatte Jericho sie immer genannt – Projekte –, selbst als die Männer längst nicht mehr zu ihm ins Haus kamen.
Langsam schwand Becks gute Stimmung dahin. Am liebsten hätte sie sich eine Ausrede gesucht, nicht hineinzugehen. Ein Jericho, der keine Gäste hatte, war einfach nicht er selbst. Der überschwängliche, vor Kraft strotzende, weltweit agierende Mann, den sie geliebt hatte, wenn man das, was sie füreinander empfunden hatten, denn als Liebe bezeichnen konnte – dieser Mann lag im oberen Stockwerk leidend in einem Bett, aus dem er sich nie wieder erheben würde. In dem Haus war es still geworden, es war nur noch die Heimstatt eines reichen, aber unbedeutenden Mannes, dessen bevorstehender Abgang nicht einmal einen Fernsehübertragungswagen am Fuße des Berges wert war. Wenige standen ihm in seinen allerletzten Tagen bei, und obwohl Jericho zeit seines Lebens ein Mann gewesen war, der nur Männer zu Freunden hatte, waren jetzt ausschließlich Frauen bei ihm: zwei Töchter, die ihm längst entfremdet waren, und die Frau, die seine Karriere ruiniert hatte und in diesem Moment die Treppe hochstieg.
Doch da war auch noch ein weiterer Beobachter.
Als Rebecca auf den Kies hinaustrat und geräuschvoll ihren Rollkoffer hinter sich herzog, waren ganz kurz wieder ihre Freunde aus dem Hubschrauber da, machten wummernd ein paar Umdrehungen ihrer Rotorblätter, wendeten dann und senkten kurz die Nase des Helikopters, wie zum Gruß.
II
Die Frau, die die schwere Tür öffnete, war groß und schlank und so bleich, dass es durchaus verzeihlich gewesen wäre, in ihr selbst die Patientin zu vermuten. Sie trug alte Jeans und einen alterslosen Pullover, beides ohne Designerlabel, und Perlen, die derlei nicht bedurften. Ihre Füße waren nackt, die Frisur lässig zerzaust. Ihre klaren Augen blickten taxierend. Sie war von jener ätherischen Schönheit, wie gewisse kühle und distanzierte Frauen sie oft erst Ende dreißig erlangen, nachdem sie ihnen den größten Teil ihres Lebens verwehrt geblieben war.
«Du hast es also geschafft, sehe ich», sagte sie mit der missmutigen Stimme eines Menschen, der bei anderen stets nach Fehlern sucht.
«Tut mir leid, dass ich so spät komme. Hallo, Pamela.»
«Die Fahrt von Denver dauert nur zweieinhalb Stunden. Es ist fast Mitternacht.»
«Mein Flug hatte Verspätung», sagte Beck, schon jetzt in der Defensive; doch das war sie bei Pamela immer gewesen. Die beiden Frauen hatten in den vergangenen vierundzwanzig Stunden zweimal miteinander telefoniert, doch bis jetzt schien Pamela noch nicht in Betracht zu ziehen, dass Rebecca vielleicht auch etwas richtig machen könnte. «Der Sturm.»
«Du hättest anrufen sollen.»
«Kam nicht durch.»
Pamela sagte nichts und gab damit zu verstehen, was sie von dieser erbärmlichen Ausrede hielt. Sie hatte von ihrem Vater die mühelose Selbstsicherheit eines Menschen geerbt, der immer etwas Wichtigeres zu tun hat, und gab Rebecca, als sie ins Haus trat, zu verstehen, dass sie ihr eigentlich bloß einen Gefallen tat.
Beck schaffte es nur mit angehaltenem Atem, die Schwelle zu überschreiten. Der weitläufige Eingangsbereich war so leer, wie sie ihn in Erinnerung hatte, und wirkte ebenso trostlos. Die breiten Dielen waren uralt, nicht mit Teppichen bedeckt und knarrten bei jedem Schritt, weil Jericho, wie er zu sagen pflegte, hören wollte, wenn sie kamen. Es war das, was Jericho den großen Raum nannte. Mittendrin prangte ein riesiger Kamin, der zwar mit Holzscheiten gefüllt, jedoch nicht angezündet war. Die Wände zogen sich über zwei Stockwerke hinweg und waren oben von prachtvoll bunten Glasfenstern durchbrochen, die man aus einer abgebrannten Kirche gerettet hatte. Vor Panoramafenstern waren mehrere bequeme Sitzgelegenheiten arrangiert, neben der Treppe stand eine Handvoll gedrungener Holzstühle, die willkürlich angeordnet waren – bewusst eingesetzte Hindernisse, über die unerwünschte Eindringlinge stolpern könnten. Sie sahen genauso aus wie die Stühle von vor fünfzehn Jahren. Damals hatte Jericho einmal ein Dienstmädchen auf die Straße gesetzt, weil es gewagt hatte, das Arrangement zu verändern.
«Wie geht es ihm?», fragte Beck und vermied dabei, Pamelas Blick zu begegnen.
«Er liegt im Sterben.»
«Sind Sie sicher?»
Ein verächtliches Kichern kam aus dem geziert geschürzten Mund. «Du bist hier, oder? Das bedeutet doch, dass du dir sicher bist.»
Rebecca ging auf die breiten Fenster zu, die bei Tage eine berückende Aussicht bis ins Tal boten, nachts jedoch im grellen Schein der Flutlichter lagen, auf die Jericho so großen Wert legte. Dort, wo keine Fenster waren, bedeckten Bücherregale mit Tausenden von Bänden die Wände, die meisten davon gebunden und mit Eselsohren. Oft hatte Jericho seiner jungen Geliebten ein Regal gezeigt und ihr die Anweisung gegeben, wahllos ein Buch herauszuziehen und ihm darüber im Verlauf einer Woche Bericht zu erstatten. Diese kleinen Spielchen hatte er geliebt. Heute jedoch schien die Feindseligkeit mit Händen zu greifen. Pamela war erst zweiundzwanzig gewesen und stand kurz vor ihrem Abschluss am College, als ihr Vater verkündet hatte, er werde ihre Mutter wegen einer Neunzehnjährigen verlassen.
«Audrey sagte, er habe nach mir gefragt», meinte Rebecca.
«Er fragt schon seit Jahren nach dir», kam Pamelas Stimme von hinten. «Bislang hat dich das nie hierher gebracht.»
Beck sagte nichts. Sie schaute zur Balustrade hoch, hörte eine Tür schlagen. Vermutlich hielt sich Jericho in seiner alten Suite auf. Von dort aus hatte er den großartigen Blick, der einem Mann seines Standes gebührte. Wenn man bei einem Haus in den Rocky Mountains die Fenster richtig positionierte, hatte man den Eindruck, die Berge seien endlos, und die Fenster dort oben waren richtig positioniert. Ihre eigene, kleinere Suite hatte gleich nebenan gelegen, doch die meisten Nächte hatte sie bei ihm verbracht.
«Rebecca?», fragte Pamela. «Hallo?»
Beck sagte immer noch nichts. Sie stand ganz still. Sie wollte nicht dort hochgehen. Lieber wäre sie in Alexandria, zusammen mit Nina und ihrer Katze Tom Terrific. Sie wollte wieder in ihrem Büro sein, Pfisters Geschwätz lauschen und dabei so tun, als wäre sie nicht so schlau wie er. In diesem Moment wäre sie sogar lieber unten in Florida gewesen, hätte ihrer zickigen Mutter im Wohnzimmer gegenübergesessen und den Offenbarungen ihrer TV-Heiligen Nancy Grace gelauscht. Alles, nur um ein Wiedersehen mit Jericho zu vermeiden. Und das nicht, weil er ihr Leben ruiniert hatte; schließlich hatte sie seines auch ruiniert.
Nein.
Beck wurde von dem gleichen Gefühl geplagt, das sie schon gestern niedergeschmettert hatte, als sie den Anruf bekam. Sie war immer davon ausgegangen, dass Jericho unsterblich sei. Seine ferne Präsenz, nicht nur in ihrer Erinnerung, sondern auch hier in dieser Bergfeste, hatte sie in all den Jahren, in denen sie erwachsen geworden war, gespürt. Vielleicht würden sie sich nie wieder lieben, doch eine Welt, in der er nicht existierte, war für sie einfach unvorstellbar.
Als sie nun neben dem erkalteten Kamin stand, begann Rebecca zu zittern. Sie erinnerte sich daran zurück, wie sie damals dieses Haus zum allerersten Mal betreten hatte, wie sie vor Begeisterung gequietscht hatte, als sie über den Boden rannte – Du hast das für uns gekauft? – Nicht für uns, Liebes. Für dich –, wie sie das Gesicht an die funkelnden Fenster presste, ganz das Kind, das sie bis vor kurzem noch gewesen war, und sich dann in seine gewaltigen ausgebreiteten Arme gestürzt hatte. Sie erinnerte sich, wie sie vor dem herrlichen Kamin für ihn getanzt und dann ganz langsam sich selbst und ihn entkleidet hatte, und daran, wie das Flackern der Flammen auf ihren Körpern die Berührungen noch intensiver gemacht hatte. Sie erinnerte sich auch an jene Nacht, als ihr Liebesspiel von drei Männern des CIA-Sicherheitsbüros unterbrochen worden war, die sie mit strengen Gesichtern in getrennte Räume abgeführt und anderthalb Stunden verhört hatten, wobei es sie besonders verärgerte, als Beck Probleme hatte, sich an den Namen ihres Spanischlehrers aus der fünften Klasse zu erinnern. Hinterher hatte sich Beck bei Jericho darüber beklagt, dass die Männer es ihr verweigert hatten, sich anzuziehen, und sie das ganze Verhör in eine Decke gewickelt durchstehen musste. Damals gestand er ihr, selbst als Autor bei dem Handbuch mitgewirkt zu haben, in dem genau diese Form der Demütigung vorgeschlagen wurde, um störrische Frauenzimmer zum Reden zu bringen.
Aber was wollen die?, hatte sie gefragt. Warum sind sie gekommen?
Bis letztes Jahr war ich Direktor der CIA, hatte er ruhig geantwortet. Davor war ich Verteidigungsminister und davor Sicherheitsberater des Weißen Hauses. Du gehörst jetzt zu meinem Leben dazu, mein Liebes. Du wirst für immer in ihren Akten stehen. Aus seinem Mund klang das so, als wäre es eine Ehre. Für die meisten Leute ist Sex einfach Sex. In meinem Metier müssen wir, solange nicht das Gegenteil bewiesen ist, immer davon ausgehen, dass eine Affäre ein Vorwand für etwas anderes ist.
Damals wollte Jericho das unterbrochene Liebesspiel einfach wiederaufnehmen, doch Rebecca war schnurstracks nach oben in ihre Suite marschiert, hatte die Tür abgeschlossen, Ewigkeiten geduscht und dann drei Pyjamas übereinander angezogen. In jener Nacht hatten sie getrennt geschlafen.
Und Jericho hatte recht gehabt, was ihre Akten anging. Im Lauf der Jahre war es fünf- oder sechsmal vorgekommen, dass ein paar solcher Besucher, immer ohne Vorwarnung, bei ihr zu Hause oder im Büro aufgetaucht waren. Niemals hatten sie vorher angerufen, sich immerhin jedoch bei einigen Gelegenheiten entschuldigt. Einmal hatten sie sie beim Mittagessen während einer Kreuzfahrt in der Karibik überrascht, ein anderes Mal waren sie in einem Pub in Edinburgh aufgetaucht. Beck bezweifelte, dass jeder Exfreundin eines Ex-CIA-Direktors diese Behandlung widerfuhr, und ab und zu hatte sie die Männer gefragt, was sie denn so besonders mache.
Sie hatte nur ein mitleidiges Lächeln als Antwort bekommen.
«Ja», sagte Pamela, die immer noch hinter ihr stand. «Er hat nach dir gefragt.»
«Dann gehe ich jetzt besser zu ihm.»
«Es ist spät.»
Beck sah Pamela an, die schon auf halbem Weg in die Küche war. «Trotzdem. Ich sollte schauen, ob er noch wach ist. Ich halte ihn nicht lange auf, das verspreche ich.»
«Okay.» Pamelas Stimme klang munter, wach, ja zufrieden, als hätte sie gerade einen erstklassigen Deal abgeschlossen: Pamela, die früher Independent-Filme gedreht hatte und heute bei ihrem Mann Koproduzentin von Katastrophenfilmen war und in Beverly Hills lebte. Sie zeigte auf die Balustrade. «Dad ist in der Mastersuite. Ich bin mir sicher, du weißt noch, wo das ist. Audrey und ich wohnen auf der Hauptetage. Dich habe ich hinten untergebracht.»
In der Suite, die Jericho die Enkelkindersuite genannt hatte. Zufall oder bewusste Kränkung? Bei Pamela konnte man das nie sagen.
«Danke.»
«Ich hasse dieses Haus», sagte Pamela, verschränkte die Arme über dem Pullover und rieb sich den Bizeps. «Ich hab nie hier gewohnt. Es war nie mein Haus, Rebecca. Und auch nicht das von Audrey oder von unserer Mom. Wir sind in Virginia aufgewachsen. Dieses Haus hier – nun, das war immer seins.» Eine Pause. Und deins, sagte Pamela, ohne es auszusprechen. «Dad hätte es schon lange verkaufen sollen.»
Wieder streckte die Erinnerung ihre Fühler nach Beck aus. «Legt er nach Einbruch der Dunkelheit immer noch Sprengsätze hinter die Türen?»
«Nicht dass ich wüsste.»
Sie lachten gemeinsam, ein gezwungenes Lachen.
Pamela legte den Kopf schief, und die beiden Frauen lauschten demselben Geräusch. «Verdammter Hubschrauber», brummte sie. «Der rattert schon die ganze Nacht hier rum.»
«Die Presse …»
«Von wegen. Das sind nur irgendwelche Unruhestifter. Die sind alle hier oben aufgetaucht, die gleichen Typen, die damals überall dort protestierten, wo Dad eine Rede hielt. Die können es kaum erwarten, auf seinem Grab zu tanzen.»
Rebecca schaute zum Fenster, hinter dem das flutlichtbeschienene Grundstück lag. «In einem Helikopter?»
«Klar, die fahren alle Geschütze auf. Du solltest dir mal anschauen, was die im Internet veranstalten.»
«Lieber nicht.»
Beck stieg die geschwungene, blanke Treppe hoch, die Hand auf dem Geländer, als sie hinter sich Pamelas Stimme hörte, unerwartet traurig. «Rebecca, hör mal.» Sie benutzte nie ihren Kosenamen. «Mein Vater hat nicht mehr viel Zeit.»
«Ich verstehe.»
«Da bin ich mir nicht so sicher, Rebecca. Es gibt nur noch uns drei. Audrey und mich und Dad. Sean kommt nicht. Es gibt keine Pflegerin. Dad schmeißt sie alle wieder raus. Er glaubt, sie schnüffeln hinter ihm her. Außerdem», sagte sie zögernd, «na ja, für eine Krankenschwester gibt es an dieser Stelle sowieso nicht mehr viel zu tun.»
«Verstehe», sagte Beck über die Schulter hinweg.
«Dad weiß, dass ihm nicht mehr viel Zeit bleibt. Tante Maggie war zwischendurch hier. Sie kommt nicht zurück. Dads Büro in Denver ist geschlossen. Mrs. Blumen ist letztes Jahr gestorben.» Jerichos langjährige Assistentin. «Es ist niemand mehr da.»
«Ich sagte, ich verstehe, Pamela.»
«Was ich sagen will, ist, ich weiß nicht, wie er darauf reagieren wird, dass du hier bist, Rebecca. Bitte bring die Dinge nicht noch einmal durcheinander.»
Das war dann endgültig zu viel. Doch als Beck sich zu ihrer alten Gegenspielerin umdrehte, bereit, einen Streit vom Zaun zu brechen, war Pamela in der Küche verschwunden. Sie schien die Einzige zu sein, die auf Jerichos knarrendem Dielenboden gehen konnte, ohne ein Geräusch zu machen. Während Beck die Treppe hochstieg, läutete wieder ihr Telefon. Unbekannte Nummer und dann ein digitales Plärren. Doch dieses Mal war sie nicht mehr überrascht. Als sie überprüfte, ob sie Empfang hatte, sah sie, dass die Verbindung tot war.