
Die Gärten der Villa Sabrini
Roman

Im Abbild ist das in Wahrheit Ferne präsent und das Sterbliche unsterblich; das flüchtige Leben des Moments gewinnt, in Materie gezwungen, Dauer. So gibt die Poesie des Künstlers eine Ahnung von Ewigkeit.
Bernd Roeck

Die Uhr des «Caffè Gilli» zeigte halb sieben an. Es war ein Dienstagabend im September. Susanna Martens saß an einem der runden Tische am Fenster, beobachtete die Gäste auf der Terrasse unter den weißen Markisen und die Touristen auf der Piazza della Repubblica, die trotz der schwülen Spätsommerhitze in Scharen über den Platz marschierten. Sie genoss jeden Atemzug, jeden Moment in der Stille und Kühle des Tearooms. Endlich, nach vier langen Jahren, war sie zurück. Der vergangene Freitag, ein dreizehnter, hatte Schicksal gespielt. Wie hätte es auch anders sein können bei diesem Datum. Sie war hierher gereist mit einem speziellen Auftrag in der Tasche: Sie sollte den Urheber eines Gemäldes finden, das unangefordert und, so schien es zumindest auf den ersten Blick, auf dunklen Wegen zusammen mit einem weiteren Kunstwerk im Auktionshaus Wagner, für das sie seit drei Jahren arbeitete, angeliefert worden war.
Als sie das Bild zum ersten Mal in die Hand nahm, hatte sie ein seltsames Gefühl beschlichen, eine Mischung aus Faszination, Ärger und Unruhe. Das Bild berührte sie auch jetzt, ließ sich nur schwer aus den Gedanken verscheuchen, obwohl sie sich innerlich dagegen wehrte. Doch es musste warten. Dieser Abend gehörte ihr. Viel zu kopflos und verzweifelt hatte sie diese herrliche Stadt vor vier Jahren verlassen, jetzt wollte sie den Augenblick der Rückkehr ungestört genießen. Morgen würde sie sich in die Arbeit stürzen und versuchen, dem Rätsel des Gemäldes hier in Florenz auf die Spur zu kommen.
«Was darf es sein, Signora?» Ein Ober stand diensteifrig und leicht nach vorne gebeugt an ihrem Tisch und riss sie endgültig aus ihren Gedanken.
«Ein Glas Champagner!»
«Sì, Signora!» Ein kurzes beifälliges Nicken.
«Und ein Stück Schokoladenkuchen mit dunkler Glasur und … Sahne bitte.»
«Certo, Signora!» Dieses Mal erfolgte das kurze Nicken schon in einer Drehung nach rechts. Der Kellner wandte sich zum Gehen, doch Susanna hielt ihn mit den Worten zurück: «Einen caffè ristretto und ein Glas Wasser.»
«Ah», jetzt lächelte der Kellner ein wenig dünn, «Signora sind nicht allein.» Er verbeugte sich noch eine Spur tiefer und verschwand schließlich eilig in Richtung Küche, bevor sie ihn noch einmal von der Arbeit abhielt. Die einzelne Kundin im Tearoom bei vollbesetzter Terrasse zu bedienen machte ihm sichtlich keinen Spaß, registrierte Susanna belustigt. Aber die Signora war sehr wohl allein, dachte sie zufrieden – und genau das wollte sie in diesem Moment mehr als alles andere sein. Ihr war nach Überschwang, nach Schokolade und nach Champagner zumute, nach Genuss ohne vorwurfsvollen Zeugen. Sie lehnte sich in dem bequemen Kaffeehausstuhl zurück und sah sich um.
Nichts hatte sich verändert seit dem letzten Mal, als sie zusammen mit Andreas hier gesessen und Cocktails getrunken hatte. Der einladende Tearoom des «Caffè Gilli» war für sich schon eine Reise wert: Die wunderbare Uhr aus dem Fin de Siècle, die im Rundbogen über der Tür zum großen Barraum thronte, die mehrarmigen Murano-Lüster, die goldgelben Damastdecken über den runden Tischchen, der blendend weiße Stuck an Decke und Wänden und die honigfarbene Holzvertäfelung, die bis in Augenhöhe reichte. Susanna hatte einen Blick für Architektur, für Antiquitäten, für Bilder. Kunst war ihr Beruf und ihre zweite Natur. Warum nur hatte sie so viel Zeit verstreichen lassen, um dies alles wiederzusehen und zu genießen? Die vor Jahren liebgewonnene und vertraute Umgebung, die ruhige Atmosphäre im Inneren des Cafés bildeten den denkbar stärksten Gegensatz zu den Touristen, die auf der Terrasse dicht an dicht saßen und das stete Promenieren der Florentiner auf der piazza neugierig beobachteten, und gaben ihr die Gewissheit, dass ihre Reise nach Florenz das Beste war, was sie in den letzten Jahren unternommen hatte.
Susanna nippte an ihrem Champagnerglas und schob sich dann ein Stück des Schokoladenkuchens mit Sahne in den Mund. Dieser Schokoladenkuchen des «Caffè Gilli» war ein wahrer Hochgenuss. Dunkler Biskuitteig in Schichten übereinandergelegt, dazwischen eine fast schwarze Schokocreme, die schon Ähnlichkeit mit einer Mousse au Chocolat aus Bitterschokolade hatte, war Verführung pur und zerging auf der Zunge. Selbst die wenig angenehme Erinnerung an das gemeinsame Frühstück mit Jochen am gestrigen Montagmorgen konnte diesem Schokoladentraum etwas anhaben. Ein weiterer Bissen des Kuchens verschwand zwischen Susannas Lippen, und das Gesicht von Jochen, missbilligend und stirnrunzelnd ob so viel kalorienüppiger Unvernunft, das unvermittelt vor ihrem geistigen Auge erschien, machte ihr ungeheuren Spaß. Sie spürte selbst, wie sich ein Lächeln auf ihr Gesicht stahl.
Erst jetzt, abgeschieden und geborgen in der Anonymität des Tearooms, in der eleganten und altmodischen Umgebung des «Gilli», begriff sie, weshalb sie an diesem Morgen in München so befreit in den Flieger gestiegen und nach Florenz gereist war. Es ging nicht, wie sie sich einzureden versuchte, in allererster Linie darum, ihre Mission zu erfüllen, sondern sie wollte endlich ergründen, was ihr in ihrem Leben wirklich wichtig war. Denn der sogenannte Auftrag, den sie sich mehr oder weniger selbst verordnet und ihrem Chef förmlich abgerungen hatte, hatte den Stein lediglich ins Rollen gebracht. Handeln musste sie selbst, und das hatte sie endlich auch getan. Sie hatte sich eine Auszeit genommen. Und das Schönste dabei: Jochen hatte ihr fassungslos und – wie selten – sprachlos zugesehen, wie sie den Koffer packte.
Jochen war keiner, der gern verreiste. Jochen war Staatsanwalt. Er hatte keine Zeit für Extravaganzen. Er saß in unaufschiebbaren Verhandlungen und kämpfte sich durch riesige Aktenberge sowie kiloschwere Gesetzesbücher. An ihm hingen Schicksale, er entschied über Gedeih und Verderb. Susanna dagegen stöberte in verstaubten Büchern und zerschlissenen Stoffen, wuchtete ramponierte, alte Möbel und schätzte Ölschinken vergangener Epochen. Susanna handelte mit Kunst. Jochen verhandelte das Leben. Es war in seinen Augen einzig und allein ihre Schuld, wenn sie die Bedeutungshierarchie ihrer Beziehung nicht begriff.
Dabei hatte alles so normal angefangen. Nichts deutete auf einen partnerschaftlichen Urknall hin. Jochen war so wie immer gewesen. Sie hörte und sah ihn jetzt überdeutlich vor sich, als sie ein weiteres Stück des köstlichen Schokoladenkuchens in den Mund schob.
Wie jeden Morgen beim Frühstück verschanzte er sich hinter seiner Süddeutschen Zeitung und schlürfte immer wieder höchst aufreizend an seinem heißen Cappuccino. Manchmal las sie die Seite mit, die er ihr hinhielt, aber in diesem Fall war es die mehrspaltige Börsentabelle, die sie nicht interessierte. Dagegen beobachtete sie gespannt, wie Jochen das Kunststück fertigbrachte, seine Cappuccinotasse neben sich auf die Untertasse zu stellen, ohne dabei den Blick vom Wirtschaftsteil zu nehmen oder etwas zu verschütten. Mehr Nahrhaftes gab es für ihn nicht frühmorgens gegen acht. Susanna hatte das ganze Wochenende durchgearbeitet, sich kaum Zeit für eine Mahlzeit gegönnt, damit der Katalog für die kommende Herbstauktion rechtzeitig fertig wurde. Sie hatte Hunger und machte sich zwei Käsebrote und eine Kanne Kaffee. Beidem sprach sie mit großer Hingabe zu. Da ertönte unvermittelt Jochens Stimme hinter der Zeitung.
«Ich bin übrigens morgen Abend verhindert. Anwalt Oberhauser will mir einen Vergleich anbieten. Ich kann dich also leider ausnahmsweise nicht zu deinen Eltern zum Essen begleiten. Du entschuldigst mich, Liebes?» Jochen machte sich sogar die Mühe, lugte hinter seiner Zeitung hervor und schenkte ihr ein strahlendes Lächeln. Bevor sie jedoch auf diese neuerliche Absage des elterlichen Abendessens reagieren konnte, war sein blonder Schopf schon wieder hinter dem Druckerzeugnis verschwunden. Da Jochen schlicht nicht bereit war, einen Sonntag mit ihren Eltern zu teilen, zu opfern, wie er sich ausdrückte, hatten sie sich auf einen Dienstagabend geeinigt. Da Susannas Eltern beide bereits in Rente waren, sollte es doch für die «alten Leutchen», Zitat Jochen, keinen Unterschied machen, wann man gemeinsam zu Abend aß. Doch dieses Ritual, dieses Zugeständnis an familiäre Gepflogenheiten, fiel mindestens dreimal im Monat ins Wasser, weil der Herr Staatsanwalt sich dann doch nicht freinehmen konnte, da wieder einmal ein wichtiger Termin seine Anwesenheit erforderte.
Susanna sah zum Fenster hinaus. Die Terrasse war nach wie vor voll besetzt. Weiße Kugellampen und flackernde Windlichter zauberten Abendidylle unter die Markisen. Die Tagestouristen waren inzwischen mehr und mehr durch Florentiner ersetzt worden, die ihre Cafés am Abend zurückeroberten. Es saßen hauptsächlich junge Pärchen dicht nebeneinander. Sie gestikulierten, lachten und küssten sich ungeniert. Freunde kamen dazu. Frauen wie Männer begrüßten sich, als hätten sie sich tagelang nicht gesehen. Susanna war sich sicher, dass die meisten vor einer Stunde noch in einem Büro oder einem Laden zusammen gearbeitet hatten. Umarmungen und Küsschen auf beide Wangen vervollständigten das Begrüßungsritual. Motorradhelme und Rucksäcke landeten höchst unsanft unter den Tischen. Ein junger Mann in Jeans und locker darübergeworfenem T-Shirt, mit Handy in der einen und Speisekarte in der anderen Hand, überlegte noch im Stehen, was er nehmen sollte. Dann hielt er einen vorbeieilenden Kellner am Ärmel fest, dass dieser Mühe hatte, sein vollgestelltes Tablett nicht fallen zu lassen, und gab ihm die Bestellung mit auf den Weg. Die mürrische Reaktion des Kellners wurde mit Gelächter quittiert. Susanna fragte sich, wann sie jemals mit Jochen so frei und ungezwungen ausgegangen war? Waren sie einfach schon zu alt für diese Art von Leben? Zu sehr mit dem Alltag beschäftigt, um am Frühstückstisch oder in einem Restaurant etwas Lustiges oder gar Liebevolles zueinander zu sagen? Sollte sie ernsthaft bereits im Alter von dreiunddreißig Jahren mit ihm alt sein? Und was war von einer Beziehung zu halten, die ein harmloses Käsebrot ins Schleudern brachte?
Sie wusste bis jetzt nicht, was Jochen schließlich veranlasst hatte, ein weiteres Mal hinter seiner Zeitung hervorzuschauen und argwöhnisch ihr Frühstück zu beäugen.
«Warum hast du dir nicht auch gleich noch Spiegelei mit Speck gemacht?», kam es spitz über seine Lippen. Sein Gesichtsausdruck war dabei ein einziger Vorwurf. Das konnte er. Das hatte er in seinem Beruf zur Perfektion gebracht. Anfangs fand sie seine Sorge um ihre schlanke Figur schmeichelhaft. Unterstellte sie doch, dass er sie reizvoll und deshalb erhaltenswert fand. Aber sie hatte noch nie Gewichtsprobleme gehabt. Deshalb ging ihr seine Art, ihre Mahlzeiten zu kontrollieren, langsam, aber sicher gegen den Strich. Doch Susanna zog es vor zu schweigen, sich nicht provozieren zu lassen. Sie saßen in der Küche und nicht im Gerichtssaal. Stattdessen biss sie in ihr Camembertbrot.
Jochen legte nun endgültig die Zeitung beiseite und stützte beide Unterarme auf der Tischplatte ab. Seine Stirn in Falten gelegt, sagte er wenig freundlich: «Was veranlasst dich, derart unvernünftig zu sein und fetten Käse und Butter in rauen Mengen in dich hineinzustopfen?» Sein Blick wurde noch etwas argwöhnischer, und dann fragte er völlig konsterniert: «Du bist doch nicht etwa schwanger?»
Angewidert und plötzlich den Tränen sehr nahe, warf Susanna ihr angebissenes Käsebrot auf den Teller, ging zur Anrichte, kippte den Kaffee in den Ausguss und die Brote in den Müll. Dann verließ sie leise die Küche. Sie ahnte schon lange, dass Jochen geradezu panische Angst davor hatte, sie könnte schwanger werden, sie könnte ihn sozusagen mit einem Kind festnageln, an seine Ehre als Mann appellieren und gleichzeitig seine aufstrebende Juristenkarriere ruinieren. Wie sehr sie sich nach einem Kind, nach einer Familie sehnte, konnte Jochen offensichtlich nicht nachvollziehen. Er war weit davon entfernt, irgendwelche Schritte in Richtung Familie zu unternehmen oder sich zu irgendwelchen Zugeständnissen hinreißen zu lassen.
Letztlich hatte Jochen es Beate, Susannas langjähriger Freundin, zu verdanken, dass er noch nicht stolzer Vater eines ungewollten Kindes war. Beate redete immer wieder auf die Freundin ein, sie möge doch nicht so einen kapitalen Fehler begehen und ausgerechnet einen Mann wie Jochen vor vollendete Tatsachen stellen. Dabei könnte sie doch nur kreuzunglücklich werden.
«Aber ich hätte wenigstens ein Kind», hatte Susanna immer am Ende ihrer Diskussionen eingeworfen. Beate pflegte sich an diesem Punkt ihres Gesprächs dann an die Stirn zu tippen. Sie selbst hatte zwei Kinder und konnte diese Sehnsucht nach den quengelnden, weinenden und ständig streitenden Quälgeistern nur schwer nachvollziehen. Wenn sie auch keines freiwillig hergegeben hätte, wie Susanna nur zu gut wusste.
Inzwischen hatte sie ihr Champagnerglas geleert, den Kuchen aufgegessen, den Espresso getrunken, eine mehr als fürstliche Rechung bezahlt und auch dem freundlichen Ober ein üppiges Trinkgeld auf den Tisch gelegt. Es war kurz nach zwanzig Uhr an diesem Dienstag, die Happy Hour im «Gilli» fast zu Ende, denn die Gäste, die an den inzwischen in Weiß eingedeckten Tischen auf der Terrasse saßen, bestellten bereits ihr Abendessen. Nach einer weiteren einsamen Mahlzeit stand Susanna nicht mehr der Sinn. Aber sie wollte an der Bar noch einen Cocktail trinken. Sich unter die Florentiner mischen, die dort erfahrungsgemäß Abend für Abend zusammenkamen, aufgestylt für ein bewegtes Nachtleben, das man bestens am Bartresen des «Caffè Gilli» beginnen konnte. Niemand würde sie ob ihres ausschweifenden Lebensstils zur Rechenschaft ziehen. Die Umgebung rund um diesen Tresen aus glänzendem, aufpoliertem Holz war der ideale Laufsteg, um zu sehen und gesehen zu werden. Die grauweiß melierte Granitplatte, die die geschwungene Form des Tresens als durchlaufendes Band unterstrich, war vollgestellt mit Tellern, Schalen und Schüsselchen, deren Inhalt aus einem Cocktail eine volle Mahlzeit machten: pikante Cremes, gegrillte Scampis, verschieden große eingelegte Oliven, geröstete Erdnüsse, Chips, Grissini und Blätterteigplätzchen, gefüllt mit rohem Schinken und Ricottacreme.
Susanna bezahlte einen Negroni an der cassa und stellte sich in dritter Reihe an der Bar an. Sie hatte Zeit. Nichts war so anregend, wie den Barkeepern beim Schütteln und Rühren zuzusehen. Und ihre Erwartungen, was die sogenannte feine Gesellschaft von Florenz abends am Körper und in den Haaren trug, wurden nicht enttäuscht: die Damen in durchsichtigen Chiffonblusen und hautengen Jeans, mit riesigen Goldkreolen an den Ohrläppchen und dicken Ringen an mehreren Fingern, mit überdimensionalen dunkel- oder goldgefassten Sonnenbrillen, die an den Bügeln in Similisteinen die Embleme der Couturehäuser in den Raum strahlten und auf magische Weise in den gesträhnten Haaren hielten; die Herren in dunkelblauen Leinenanzügen und blau-weiß gestreiften Hemden, die sie am Kragen offen trugen, oder in dunklen Baumwollhosen und rosafarbenen Poloshirts, die die am Meer erlangte Sommerbräune im Lichterschein der Murano-Leuchter und in den Spiegeln hinter dem Tresen bestens zur Geltung brachten. Das Palaver war laut, das Gelächter nicht minder. Man kannte sich, man traf sich, und man beäugte sich jeden Abend aufs Neue, ob dem Modediktat der laufenden Saison auch Rechnung getragen wurde. Susanna, wie fast immer komplett in Schwarz gekleidet, konnte sich daneben sehen lassen. Sie gehörte hier zu den Vertretern des stile molto classico, zur Gruppe der ewig Schwarzen, die schon fast als Nonkonformisten verschrien, aber geduldet waren, weil man mit Schwarz einfach nichts falsch machen konnte.
Der Negroni schmeckte herrlich bitter nach der süßen Schokolade und war prickelnd kalt. Auf einem kleinen Porzellanteller hatte sich Susanna eine Auswahl der Snacks angerichtet und beschloss, dass das nun ihr Abendessen sein würde. Hunger hatte sie nach ihrer üppigen Kuchenvöllerei ohnehin keinen mehr. Sie beobachtete das Treiben um sich herum und dachte dabei unweigerlich an Andreas, mit dem sie hier viele Stunden während ihrer Studienzeit verbracht hatte.
Der bayerische Staat hatte ihr für außerordentliche Leistungen ein Stipendium bewilligt und sie mit einer Forschungsarbeit an die Stadt am Arno geschickt. Auch damals schon hatte ein Auftrag Schicksal gespielt. Ein Jahr lang konnte sie in Florenz bleiben und sich mit einem weniger bekannten und erforschten Zeichenkarton von Leonardo da Vinci beschäftigen. Mit den neuen Forschungsergebnissen wollte sie später ihre Promotionsarbeit in München fertigstellen. Andreas von Weisenfels, ein ausgewiesener Kenner der italienischen Renaissancemalerei, hatte sich in München habilitiert und einen Lehrstuhl an der Universität von Florenz angeboten bekommen. Zehn Jahre schon lehrte er in Italien, als Susanna bei ihm im Institut erschien. Er war ihr als Bester seines Fachs empfohlen worden, und sie hatte Glück: Er akzeptierte sie als Praktikantin an seinem Institut und unterstützte sie bei ihren Leonardo-Forschungen.
Als sie ihm zum ersten Mal begegnete, um sich vorzustellen, war er in seinem Büro umringt gewesen von einer Reihe junger Studentinnen, die er ganz offensichtlich mit einer Anekdote bestens unterhielt. Schallendes Gelächter empfing sie, als sie den Kopf zur Tür hereinsteckte, weil niemand auf ihr Klopfen reagiert hatte.
Der charismatische professore mit den langen dunkelbraunen Haaren, den blauen Augen und den immer leicht derangierten Klamotten, der hinter seiner hohen Stirn einen scharfen analytischen Verstand verbarg und ein Lächeln hatte, das sich nicht nur bei Susanna verheerend auf den Seelenfrieden auswirkte, wurde von seinen Studentinnen umschwärmt. Sein offen zur Schau gestellter Charme machte Susanna jedoch argwöhnisch und ließ sie anfangs an seiner Glaubwürdigkeit zweifeln. Irgendwie passten seine lockeren Umgangsformen nicht mit ihrem Weltbild eines ernstzunehmenden Wissenschaftlers zusammen. Kritisch beobachtete sie ihn, verfolgte sie seine Vorlesungen und Seminare, konnte es aber dann doch nicht verhindern, dass sie anfing wie die anderen auch, sein schier unerschöpfliches Wissen zu bewundern. Sie merkte, wie sein Charme auch bei ihr auf fruchtbaren Boden fiel, wie seine Nähe sie irritierte. Und sie machte den vergeblichen Versuch, sich hinter ihrer Arbeit und einem betont sachlichen Auftreten zu verstecken, stets darauf bedacht, ihr eigentliches Ziel, ihre Promotionsarbeit, zu verfolgen. Die weiblichen Studenten, allen voran die herausgeputzten Italienerinnen, die weniger mit guten Prüfungen als mit gewagten Modekreationen glänzten, gingen ihr auf die Nerven. Sie hatte kein Interesse daran, ihn mit einem figurbetonten Top zu begeistern, was sie wollte, war die Anerkennung ihrer Arbeit.
Ihre Zurückhaltung musste ihn schließlich gereizt und herausgefordert haben, denn sein Werben um sie wurde deutlicher, substanzieller und weniger wortreich. Er lud sie zum Abendessen und zu Konzerten ein, aber erst als er sie dazu aufforderte, mit ihm zusammen eine Sonderausstellung in den Uffizien vorzubereiten, kam er ihr auch persönlich näher. Leonardo war das Thema, um das sich alles drehte. Es sollte eine große Ausstellung werden, die einige Jahre der Konzeption und Planung bedurfte. Als sie schließlich nach einer langen durchgearbeiteten Nacht hier im «Caffè Gilli» den ersten gemeinsamen Cocktail tranken, wurde Susanna das Opfer ihrer eigenen Müdigkeit, des reichlich genossenen Alkohols und des weichen und plötzlich sehr anlehnungsbedürftigen Professore. Die Nacht endete am frühen Morgen in seiner Wohnung in einem der alten Häuser im Viertel von Santa Croce. Nach dieser gemeinsamen Nacht fand sie kein Mittel mehr gegen ihn. Die Arbeit half ihr zwar, nicht völlig kopflos zu werden, aber ihr sonst so gut funktionierender Verstand spielte ihr mehr und mehr Streiche. Sie merkte, wie sie vor sich selbst nach Entschuldigungen suchte, um ihre zunehmende Abhängigkeit von Andreas zu kaschieren. Und er schien ihre Verliebtheit zu genießen. Dabei wusste sie nie genau, wie weit es ihm selbst ernst war und wo das Spiel mit ihren Gefühlen anfing. Er hielt sie in einer Art Schwebezustand, der sie elektrisierte und gleichzeitig verzweifeln ließ. Im Austeilen von Küsschen und verbalen Nettigkeiten an seine Studentinnen war er niemals geizig. Einmal konnte Susanna nicht mehr an sich halten und fragte: «Warum machst du das?»
«Was mache ich denn?», fragte er in aller Unschuld zurück.
«Warum machst du einer Studentin Komplimente, die dich lediglich gefragt hat, ob sie zu deiner nächsten Sprechstunde kommen kann?»
«Sei nicht langweilig», hatte er ihr halb amüsiert, halb ärgerlich vorgeworfen. «Was habe ich denn bitte gesagt oder getan, das du mir vorhalten könntest?»
Er wollte sie nicht verstehen! Oder war er wirklich so begriffsstutzig? Merkte er denn nicht, wie verletzend er sich verhielt? Susanna hätte sich in diesem Moment am liebsten die Zunge abgebissen. Wie hatte sie nur so dumm sein und in seine Falle tapsen können wie ein junges Kaninchen? Wenn sie jetzt wiederholte, was er tatsächlich gesagt hatte, nämlich dass er sich freute, die Studentin zu sehen, und schon sehr neugierig auf die Fortschritte ihrer Arbeit war, machte sie sich in seinen Augen vollends lächerlich. Deshalb schwieg sie lieber. Sie packte ihre Sachen zusammen, um sein Büro zu verlassen, in dem sie sich zu einer kurzen Besprechung getroffen hatten. Aber Andreas umarmte sie von hinten, hielt sie fest und drückte ihr einen Kuss auf den Hals. Danach flüsterte er ihr ins Ohr: «Ich mag es, wenn du eifersüchtig bist.»
Sie konnte es nicht verhindern, dass ihr eine Gänsehaut über Gesicht und Hals lief. Er hatte sie in der Hand, und das machte sie manchmal unglaublich wütend auf ihn und auf sich selbst. Er brauchte nur im Institut aufzutauchen, und sie merkte, wie ihr Körper auf ihn reagierte, wie eine heiße Welle sie durchflutete, wie ihr Herzschlag schneller wurde. Der Verstand riet ihr, auf Abstand zu gehen. Andreas war kein Mann für eine dauerhafte Partnerschaft. Das ahnte sie, noch bevor er es ihr selbst sagte. Dennoch war sie gegen ihre Gefühle machtlos, ließ sich treiben, wollte alles mitnehmen, was sie kriegen konnte.
Susanna trank den Rest ihres Negroni aus. Seine Bitterkeit entsprach plötzlich auf unangenehme Weise genau ihren Erinnerungen an damals. Das Thema Andreas war nicht beendet. Sie spürte nach wie vor Wut, Ärger und Enttäuschung darüber, wie es zu Ende gegangen war, obwohl vier Jahre dazwischenlagen. Sie hatte ihre Affäre, wie Andreas ihre Beziehung zum Schluss abwertend und vielleicht auch aus Selbstschutz genannt hatte, weder verdaut noch verarbeitet, sondern nur verdrängt. Nie hatte sie sich das so deutlich eingestanden wie in diesem Moment. So sehr hatte sie darauf vertraut, die ruhige, manchmal fast langweilige, aber auch ungefährliche Beziehung zu Jochen könnte ihr helfen, die Vergangenheit zu vergessen. Seit gestern wusste sie, dass sich diese Hoffnung nicht erfüllen würde. Kaum zurück in Florenz, holten sie die verbannten Träume wieder ein, kam die Verzweiflung hoch, die sie besiegt zu haben glaubte. Vielleicht half ihr die direkte Konfrontation mit der Vergangenheit am besten, diese Gespenster endlich loszuwerden. Dabei legte sie keinen Wert darauf, Andreas zu treffen oder zu sprechen. Was sollte das nach all den Jahren bringen? Er hatte sich mit Sicherheit nicht verändert. Und sie wollte mit Sicherheit nicht zu ihm zurück. Doch sie hatte es ihm bis jetzt nicht verziehen, dass sie es zugelassen hatte, von ihm verletzt und gedemütigt zu werden. Aber sie hoffte, dass die großartige Stadt, vor allem aber auch ihre Freundin, Elisabetta Sabrini, helfen konnten, ihre diffusen Gefühle, die sie nach wie vor für Andreas empfand, zu klären. Sie wollte weder Groll noch Wut empfinden, da jene Zeit trotz allem zu den glücklichsten gehörte, die sie bis jetzt erlebt hatte.
Susanna trat vor das «Caffè Gilli», ging über die große Piazza, deren Gebäude ringsherum mit weichem Licht aus großen Strahlern beleuchtet waren. Blitzlichter aus Fotoapparaten versuchten, die Stimmung und die großartigen Bauten als Erinnerung für zu Hause festzuhalten. Sie verließ den Platz durch das riesige, mehrfach überbaute Tor und machte sich auf den Weg zu ihrem Hotel. Inzwischen fühlte sie sich müde, spürte die Anstrengungen der Reise und die Aufregungen, die sie wieder in die Stadt am Arno geführt hatten, auch körperlich. Der Alkohol hatte sie in eine melancholische Stimmung versetzt, die sie nun wirklich nicht gebrauchen konnte. Sie musste schnellstens unter die Dusche und dann ins Bett, damit sie morgen ihre eigentliche Aufgabe in Angriff nehmen konnte.
Die Uhr des Campanile zeigte zehn Minuten nach neun, als sie die Piazza Santa Maria Novella erreichte. Sie liebte die Kirche, die denselben Namen trug. Aber der Anblick, der sich ihr jetzt bot, war traurig. Hinter einem hohen Gerüst mit einem riesigen Baumwolltuch verhüllt, zeigte Santa Maria Novella nichts von ihrer sonst so berühmten weißgrünen Marmorfassade. Der ganze Platz war durch die Bauarbeiten an der Kirche beeinträchtigt. Sonst schon nicht unbedingt von besonderem Reiz mit seiner lieblosen Rasenfläche in der Mitte, lag alles voller Abfälle. Grauer Baustaub überzog Autos, Straßen und Gehsteige. Rund um die Piazza pulsierte unverdrossen das Leben von Florenz. Dies war die Kehrseite der berühmten Stadt. Nicht alle Viertel waren vorzeigbar. In manchen wurde einfach gelebt, war die Stadt kein Museum, sondern präsentierte ihre Schattenseiten. Baustellen in Florenz hatten eine lange Haltbarkeit. Geld versickerte hier, wie anderswo auch, in unbekannten Kanälen und tauchte nur sehr verspätet, wenn überhaupt, wieder auf. Santa Maria Novellas Fassade war jedenfalls für die nächsten Jahre kein Touristenmagnet.
Sie ging weiter, erreichte wenige Minuten später die Via della Scala und betrat ihr Hotel. Mit dem Lift fuhr sie in den dritten Stock und betrat ihr Zimmer. Susanna machte Licht und warf sich erleichtert und müde auf das Bett. Das Zimmer war hübsch und zweckmäßig eingerichtet: ein Messingbett mit einem seidigen Überwurf in Gold- und Brombeertönen, ein dunkelbrauner Holzschrank mit passender Schubladenkommode, ein kleiner Schreibtisch mit Stuhl, darüber ein ovaler Spiegel und daneben eine Stehlampe mit einem beigefarbenen Seidenschirm – kein Stück zu viel. Der wunderbarste Farbtupfer dieser Hotelidylle allerdings hing auf einem Bügel an der Frontseite des Kleiderschranks. Kein Innendekorateur hatte hier seine Finger im Spiel, sondern es war die neueste Errungenschaft Susannas: ein sündhaft teures, wunderschönes und für ihre Verhältnisse gewagtes Abendkleid aus Seide in einem intensiven Smaragdgrün. Sie stand vom Bett auf, nahm das Kleid vom Schrank, trat vor den Spiegel und hielt es sich unters Kinn. Sie blickte in ein blasses, von der Reise angestrengt wirkendes Gesicht, das von kinnlangen, tizianroten Haaren gerahmt war, die Susanna in der Mitte gescheitelt trug. Das Grün des Kleides und der dunkelbraune Ton ihrer Augen waren wie für einander geschaffen.
Als Jochen sie am gestrigen Abend zu Hause antraf und Susanna dabei beobachtete, wie sie gerade eine riesengroße Tüte einer Nobelboutique aus der Maximilianstraße auf den Boden stellte, war er mitten in der kleinen Diele explodiert.
«Was hast du da gekauft?», fragte er. Keine Begrüßung kam über seine Lippen, kein Kuss erreichte ihre Wangen. Ohne lange zu fragen, wollte er die Tüte an sich nehmen. Aber Susanna hielt sie fest.
«Ich möchte sofort wissen, was du in der teuersten Straße der Stadt eingekauft hast! Musst du jetzt für den Altwarenladen deines Chefs schon Designerklamotten kaufen, damit du den Krempel an den Mann bringst?»
Susannas rechte Handfläche fing zu kribbeln an. Am liebsten hätte sie Jochen für diese unverschämte Bemerkung eine Ohrfeige verpasst. Was in Gottes Namen hatte sie nur bisher an diesem Mann so begehrenswert gefunden? Wo hatte sie nur ihre Augen gehabt? Aber es wurde immer deutlicher: Jochen mochte zwar ein selbstbewusster und manchmal sogar mäßig witziger und charmanter Jurist sein, aber im täglichen Leben war er unbeholfen, lebensuntüchtig. Er brauchte eine Frau um sich, die ihm die Wohnung richtete, sich um seine Wäsche und Anzüge kümmerte, putzte und einkaufen ging. Dazu war sie bislang auch bereit gewesen. Allerdings hatte sie immer noch gehofft, er würde ihr als Gegenleistung einen Ehering an den Finger stecken und sie würden ein Kind bekommen. Aber seine letzte Bemerkung am Frühstückstisch hatte sie endgültig aufwachen lassen. Jochen forderte jegliche Bequemlichkeit, ließ sich nach Strich und Faden bedienen und verwöhnen, aber er erbrachte keine Gegenleistung, und er würde keine Verantwortung für sie, geschweige denn für ein gemeinsames Kind übernehmen, das begriff sie in diesem Augenblick. Dass er ihr jetzt offenbar auch noch übelnahm, was sie sich mit ihrem selbstverdienten Geld kaufte, war an diesem Tag entschieden zu viel. Sie sah plötzlich glasklar, was aus ihr nach zehn oder fünfzehn Jahren Beziehung mit Jochen werden würde. Sie würde die Bedienung spielen, die Haushälterin für den erfolgreichen Juristen, die nach Möglichkeit auch den sogenannten täglichen Kleinkram, wie Jochen das nannte, finanzierte.
Allerdings fehlte ihr nach der Auseinandersetzung mit Heribert Wagner am Vormittag dieses Montags die Energie, auch noch mit Jochen eine Grundsatzdiskussion über ihre nicht vorhandene Zweierbeziehung zu führen. Sie drehte sich daher auf dem Absatz um und trug ihre riesige Tüte in das gemeinsame Schlafzimmer. Dort öffnete sie ihre Seite des Kleiderschranks, zog den Hartschalenkoffer, den sie am Boden aufbewahrte, heraus, schob die Tüte an seiner Stelle hinein und verschloss nachdrücklich ihre Schrankhälfte mit dem Schlüssel. Jochen machte einen entschiedenen Schritt auf den Schrank zu, aber Susannas Arm schoss nach vorne. Unnachgiebig drückte sie ihm ihre Hand auf die Brust.
«Lass das», sagte sie und maß ihn mit einem Blick, der ihn endlich überrascht zurückweichen ließ.
«Was soll das werden? Was hast du vor?»
«Ich verreise!»
«Ich kann jetzt aber nicht verreisen. Ich habe zwei wichtige Verhandlungen in dieser Woche.»
«Du brauchst auch nicht zu verreisen. Ich fahre allein! Mir liegt es völlig fern, mit meiner Genusssucht deinem beruflichen Eifer im Wege zu stehen.»
Jochen machte den Mund auf und klappte ihn wieder zu. Er war zum ersten Mal in ihrer Beziehung sprach- und fassungslos. Er sah so verdattert aus, dass es schon wieder komisch war. Susanna kniff die Lippen zusammen, um nicht loszulachen, und begann aus ihrer Kommode Unterwäsche für fünf Tage zusammenzustellen. Stück um Stück wanderte in den Koffer, und Jochen stand daneben, die Hände in den Hosentaschen vergraben, und beobachtete ungläubig und mit zunehmend finsterer Miene Susannas Treiben. Als sie schwarze Miederhöschen und teure Seidenstrümpfe vorsichtig hineinlegte, fragte er: «Dir ist das ernst?»
«Todernst!»
«Gut möglich, dass du das noch bereust!» Dann verließ er das Schlafzimmer, nicht ohne zu vergessen, die Tür kräftig hinter sich zuzuschlagen.
Susanna hängte das Abendkleid wieder an die Schranktür zurück, damit es sich noch etwas aushängen konnte nach der Reise, und griff nach ihrer Handtasche, die sie auf dem Schreibtisch abgestellt hatte. Sie holte ein schmales, rauchgraues Kuvert heraus und entnahm ihm eine gedruckte Karte. Es war eine persönliche Einladung zu einer «Gem Show» der Goldschmiede und Juweliere im Palazzo Pitti. Morgen, Mittwoch, um 21.00 Uhr, erwartete man die verehrten Gäste in Abendkleidung zu einer Präsentation von Mode und Schmuck mit anschließendem Flying Buffet. Elisabettas Mann, Carlo Sabrini, aufstrebender Kommunalpolitiker der Stadt Florenz und deren Kulturreferent und Eventmanager, wie sich Elisabetta am Telefon lachend geäußert hatte, stellte für spezielle Veranstaltungen die exklusiven Räumlichkeiten der Stadt gegen horrende Mietpreise zur Verfügung. Er wusste, wie man die stets klamme Stadtkasse etwas aufbessern konnte. Es war nicht die erste Einladung, die Susanna auf diesem Weg erhalten hatte, aber noch nie hatte sie auch nur einen Gedanken daran verschwendet, sie könnte einmal eine davon wahrnehmen. Sie hatte sich die exotischen oder völlig abgehobenen Events gerne vorgestellt, aber dann die Einladungskarten regelmäßig in den Papierkorb geworfen. Dieses Mal konnte und wollte sie dabei sein.
Elisabetta hatte einen Freudenschrei am Telefon ausgestoßen, als sie sie heute Mittag noch vom Flughafen in München aus angerufen hatte. Die Freundin hatte nicht im Traum daran gedacht, dass ihre Bemühungen, Susanna endlich wieder einmal nach Florenz zu locken, Erfolg haben würden. Sie würden viel Spaß haben, das war sicher. Elisabetta war eine lebenslustige, kleine, drahtige Person, die mit ihrem Temperament und ihrer Lebensfreude einfach ansteckend wirkte.
Susanna sah sich um. Ihr Koffer stand unausgepackt noch in einer Ecke des Hotelzimmers und wartete darauf, dass sie sich seiner erbarmte. Eigentlich hatte sie keine Lust mehr dazu, alle Teile im Schrank zu verstauen. Aber wenn sie morgen früh in die Bibliothek wollte, um mit ihren Recherchen zu beginnen, würde sie auch keine Zeit dafür haben. Sie kannte sich, sie kam morgens schlecht aus den Federn. Also wuchtete sie den Hartschalenkoffer auf ihr Bett und öffnete den Deckel.
Obenauf lagen Pullover für die kalten Abende. Wenn sie an die Hitze dachte, die nach wie vor in den abendlichen Gassen stand, konnte sie über ihren deutschen Wetterpessimismus nur lachen. Sie hängte ihren schwarzen Hosenanzug, die Allerweltsgarderobe für alle Lebenslagen, auf den mitgebrachten Bügel und legte ihr Nachthemd über das Kopfkissen. Dann folgte eine Lage weißen Seidenpapiers, das die gesamte Kofferfläche abdeckte. Darunter kamen völlig ungewohnt und selten deplatziert für Susanna zwei dicke Wochenendausgaben der Süddeutschen Zeitung, die sie Jochen eigenmächtig entwendet hatte. Sie war ihm jetzt noch dankbar, dass er irgendwann das Schlafzimmer geräumt hatte, um nicht Zeuge ihrer Reisevorbereitungen zu werden. Eine Reise, die er überflüssig und in höchstem Maße lästig fand, weil sie seine tägliche Routine empfindlich störte.
Die dicken Zeitungen sollten ihr helfen, den Zoll am Flughafen bei ihrer Ankunft in Florenz zu überlisten. Dabei hatte sie wenig Hoffnung gehabt, dass ihr das Täuschungsmanöver gelänge. Aber niemand hatte sich bei der Einreise für ihren Kofferinhalt interessiert. Susanna hob die Zeitungen an und legte sie auf den Schreibtisch. Darunter kam ein dunkelbrauner Karton zum Vorschein. Sie starrte darauf und strich behutsam mit den Fingern darüber.
Dann hob sie vorsichtig den Karton hoch und blickte in zwei starre, weitaufgerissene, blaue Augen, die wie aus Glas zu sein schienen und die zu einem Jünglingskopf mit flachsgelben Locken gehörten. Sein Blick, der in eine unbekannte Ferne schaute, vermittelte den Eindruck von Trauer und Schmerz. Susanna unterdrückte den Wunsch, ihm über die Augen zu streichen, sie ihm wie bei einem Toten zu schließen. Der Ausdruck des Porträts hatte etwas Beklemmendes und unsäglich Trauriges an sich. Sie fühlte, wie eine leise Angst sie ergriff, eine leichte Gänsehaut über ihre Unterarme lief. Dieses Bild hatte alles ins Rollen gebracht, hatte sie ein Wochenende lang grübeln lassen. Während sie fieberhaft an dem Auktionskatalog arbeitete, hatte sie hin und her überlegt und schließlich den Mut aufgebracht, sich sowohl mit ihrem Freund als auch mit ihrem Chef anzulegen. Und je länger sie das Bildwerk betrachtete, desto sicherer war sie sich, dass sie mehr über dieses Jünglingsporträt wissen musste, wenn sie wieder zur Ruhe kommen wollte.