
Der Engländer Stephen Baxter, geboren 1957, zählt zu den weltweit bedeutendsten Science-Fiction-Autoren. Aufgewachsen in Liverpool, studierte er Mathematik und Astronomie und widmete sich dann ganz dem Schreiben. Baxter lebt und arbeitet in Buckinghamshire. Neben der Reihe der Zeitverschwörung sind im Wilhelm Heyne Verlag erschienen: Evolution, Der Orden, Sternenkinder und Transzendenz.

»Mein Sohn hat das nicht verdient, George.«
»Ich weiß, Mary, ich weiß.«
»Praktisch vom letzten Schuss des Konflikts getötet zu werden.«
»Oh, der Krieg ist noch nicht vorbei, Mary. Und, sehen Sie … nun ja … er ist jetzt bei meiner Hilda. Seiner Hilda. Das ist doch was, oder?«
»Glauben Sie das wirklich?«
»Ich bin dazu erzogen worden, es zu glauben. Und wenn ich mir wirklich Mühe gebe, kann ich es vielleicht wieder glauben.«
»Tja, dann werden Sie’s mir beibringen müssen.«
»Mary – George – bitte.«
»Tom? Was ist?«
»Ich weiß, Sie wollen mich nicht bei sich haben. Aber ich muss Ihnen das hier zeigen …«
Wenn er ihre Stimmen hören konnte, dachte Ben, dann musste er im Aufwachen begriffen sein. Wenn er aufwachte, hatte er geschlafen.
Und wenn er geschlafen hatte, musste er wieder eine von Julias grausigen historischen Veränderungen ausgelöst haben. Er war gestorben und wiedergeboren worden. Noch einmal. Diese tief sitzende Furcht traf ihn wie ein Stich. Es war eine Furcht vor der Vergänglichkeit des Lebens, vor seiner Unbeständigkeit, seiner Zerbrechlichkeit. Eine Furcht, als hinge man über einer mehrere hundert Meter hohen Klippe in der Luft.
Er schob sie beiseite und ließ die Augen geschlossen. Der Schlaf schwebte über ihm, eine lockere Decke. Vielleicht gelang es ihm mit seiner Willenskraft, ihn zurückzuholen und erneut von der Welt wegzufallen.
Doch konnte er seine Träume unter Kontrolle behalten, wenn er wieder einschlief?
»Mary. Schauen Sie. Das sind Ihre Notizen – sehen Sie, Ihre Abschrift von Eadgyths Testament aus Geoffreys Lebenserinnerungen, in Ihrer eigenen Handschrift. Sehen Sie?«
»Sie hat sich verändert. Sie lautet jetzt anders als zuvor. ›Schickt den Täuberich nach Westen! Oh, schickt ihn nach Westen!‹ Nach Westen, nicht nach Osten.«
»Die Geschichte ist um uns herum erzittert, Mary. Die Vergangenheit hat sich verändert.«
»Und dennoch erinnern wir uns.«
»Und dennoch, ja. Vielleicht müssen wir hundert Jahre lang an Trojans Webstuhl herumbasteln und noch länger Theorien und Hypothesen aufstellen, bevor wir das alles auch nur ansatzweise verstehen …«
Ben hatte ein gutes Gedächtnis. Das hatte er schon immer gehabt. Es war von Julias Hypnosen und den mnemonischen Bändern nur noch verbessert worden. Er glaubte sich an jedes Wort der die Zeit manipulierenden, holprigen Versbrocken zu erinnern, die sie ihm eingetrichtert hatte, an jeden einzelnen ihrer Versuche, die Geschichte zu verändern. Selbst an die »Probeläufe«, wie sie sie genannt hatte.
Und Marys Dünkirchen-Gegengeschichte hatte ihn fasziniert. Er hatte reichlich Zeit gehabt, darüber nachzudenken, während er in seinem Glaskasten lag.
Was wäre geschehen, wenn die Deutschen im Frühjahr 1940 aus irgendeinem Grund ihre Überlegenheit nicht ausgenutzt, sondern die BEF verschont hätten? Schließlich war er zu dem Schluss gelangt, dass es kleine Wellen der Veränderung gegeben hätte, eine Kette anderslautender Entscheidungen auf beiden Seiten. Menschen wären gestorben. Natürlich wären sie gestorben. Ben kannte die Nazis. Wenn es ihnen nicht gelungen wäre, ein Stück von England zu erobern, hätten sie ihre Ziele auf andere Weise verfolgt – mit Terror wahrscheinlich, mit Bomben auf London und die anderen Städte, einem Blitzkrieg gegen Zivilisten. Menschen wären gestorben. Aber nicht dieselben Menschen. Nicht Hilda Tanner, zum Beispiel.
Und Gary Wooler vielleicht auch nicht. Gary, der sein Versprechen gehalten hatte, Ben zu retten, Gary, der nicht um eine junge, von einem Nazi-Verbrecher abgeschlachtete Ehefrau hätte trauern müssen. Und er, Ben, hätte nicht in diesem Glaskasten liegen und mit anhören müssen, wie Gary erschossen wurde, ohne sein Leben gelebt zu haben. Gary, den Ben mehr geliebt hatte als irgendjemanden sonst. Er brauchte nur einzuschlafen und von einem exzentrischen Astrologen an Hitlers Hof zu träumen. Wenn er das tat, würde Gary vielleicht all dieser Schmerz erspart bleiben.
Er konnte das tun, er, Ben Kamen, der hilflose Junge im Kasten, der von allen benutzt und missbraucht worden war. Selbst jetzt konnte er sie noch alle retten und sich auch. Vielleicht konnte er einen Zeitteppich erschaffen, an dem etwas weniger Blut klebte, etwas weniger Weltschmerz, eine Welt mit etwas weniger Kummer. Auch wenn er dazu noch einmal sterben musste.
»Wissen Sie, Mary, wenn wir eine Möglichkeit fänden, diese Technik zu kontrollieren – ich meine, die Auswirkungen auf die Geschichte präzise zu berechnen und zu dämpfen –, können wir mit ihrer Hilfe vielleicht begrenzte, kontrollierte Veränderungen vornehmen. Ich finde mein Szenario des 1938er-Krieges nach wie vor verlockend. Wenn es uns gelänge, das in die Tat umzusetzen, könnte all dieses Leiden vermieden werden …«
»Nein. Sie sollten sich bloß mal hören, Tom! Wir müssen dem jetzt ein Ende bereiten. Müssen dieses monströse Ding, diesen Webstuhl vernichten. Geoffrey Cotesford hat uns in seinen Lebenserinnerungen angefleht, das zu tun. Ich meine, selbst wenn man sicher sein könnte, dass eine solche Veränderung uneigennützig und von lauteren Motiven geleitet wäre – was passiert, wenn jemand anders diese Technologie in die Finger bekommt? Stalin, ein weiterer Hitler? Was dann?«
»Hm. Da haben Sie wohl recht. Wir lassen ihn von den Pionieren auseinandernehmen, und der Mann von IBM bekommt den Colossus.«
»Ist das Ihr Ernst? Versprechen Sie’s mir?«
»Natürlich. Sobald die Sanitäter Ben Kamen aus seinem Glaskasten holen.«
»Da wir gerade von ihm sprechen …«
»Ja, George?«
»Lächelt Ben?«
Der Junge schlief neben der Rechenmaschine.
Und dann …
Mögliche alternative Abläufe und Folgen der Geschehnisse bei Dünkirchen hat beispielsweise Andrew Roberts in seinem Essay in Virtual History analysiert, herausgegeben von Niall Ferguson (Picador, 1997 [Virtuelle Geschichte – Historische Alternativen im 20. Jahrhundert, aus dem Englischen übersetzt von Raul Niemann, Primus Verlag, Darmstadt 1999]). Panzergeneral Heinz Guderian schreibt in seinen Erinnerungen eines Soldaten (Vowinckel, Heidelberg 1951), seiner Ansicht nach sei der Befehl, den Angriff in Richtung Dünkirchen zu stoppen, ein Fehler gewesen: »Nur eine Gefangennahme der britischen Expeditionsarmee hätte … die Aussicht auf ein Gelingen einer etwaigen Landung in England gewähren können.«
Unterlagen über Hitlers Planung für die »Operation Seelöwe«, die Invasion Großbritanniens, liegen in deutschen Archiven. Die Pläne selbst sind gut dokumentiert, nicht zuletzt von Churchill selbst in Their Finest Hour, dem zweiten Band seiner monumentalen sechsbändigen Geschichte des Zweiten Weltkriegs (Cassell, 1949 [Englands größte Stunde, aus dem Englischen übertragen von Eduard Thorsch, Scherz-Verlag, Bern und München 1953]), aber auch von Peter Fleming in Invasion 1940 (Rupert Hart-Davis, 1957). Ein neueres Werk, Derek Robinsons Invasion, 1940 (Constable, 2005), konzentriert sich auf die Bedeutung der Seemacht für die Verteidigung Großbritanniens.
Die ersten spekulativen Berichte über eine erfolgreiche Nazi-Invasion in Großbritannien erschienen während des Zweiten Weltkriegs, zum Beispiel der Roman When the Bells Rang von Anthony Armstrong und Bruce Graeme (Harrap 1943). Norman Longmates If Britain Had Fallen (Hutchinson 1972) ist ein sorgfältiger Bericht über eine erfolgreiche Invasion. Richard Cox’ Operation Sea Lion (Thornton Cox, 1974) beruhte auf einem Kriegsspiel, an dem Veteranen beider Seiten teilnahmen, und sagte nachträglich einen deutschen Fehlschlag voraus. Eine von mehreren neueren Studien zum Thema ist Martin Marix Evans’ Invasion! Operation Sea Lion 1940 (Pearson, 2004).
Sir Samuel Hoare, 1940 Botschafter in Spanien, war einer von Hitlers Lieblingskandidaten für die Machtübernahme als Premierminister nach Großbritanniens Kapitulation (siehe Hitler’s Table Talk, herausgegeben von Hugh Trevor-Roper (Weidenfeld and Nicolson, 1953)). Himmlers SS richtete in den besetzten Gebieten, besonders in Norwegen, tatsächlich arische Lebensborn-Zuchtlager ein. Ein neueres Werk über Wissenschaft und Pseudowissenschaft der Nazis ist The Master Plan: Himmler’s Scholars and the Holocaust von Heather Pringle (Fourth Estate, 2006).
Ein hilfreiches Werk über die Lebensverhältnisse in Großbritannien während des Krieges ist Wartime Britain 1939–1945 von Juliet Gardiner (Headline, 2004). Ein neueres Werk über die deutsche Besatzung Frankreichs (mein Modell für einige Elemente der Darstellung »Albions« im vorliegenden Buch) ist Richard Vinens The Unfree French (Allan Lane, 2006). Zu meinen Quellen über Kriegsgefangenenlager gehörten P.R. Reids Colditz-Bücher, besonders The Latter Days at Colditz (Hodder & Stoughton, 1953). Die Deutschen hatten die Angewohnheit, ihre britischen Feinde als »die Engländer« zu bezeichnen, und ich habe das hier widergespiegelt.
Kurt Gödels Spekulationen über das Wesen der Zeit in rotierenden Universen erschienen unter dem Titel »An Example of a New Type of Cosmological Solutions of Einstein’s Field Equations of Gravitation« in Reviews of Modern Physics, Bd. 21, S. 447–50 (1949); die philosophischen Implikationen erforschte Gödel in »A Remark about the Relationship between Relativity Theory and Idealistic Philosophy«, in Albert Einstein: Philosopher-Scientist, herausgegeben von P.A. Schilpp (La Salle, Illinois, 1949 [Albert Einstein als Philosoph und Naturforscher, Gödels Beitrag – »Eine Bemerkung über die Beziehungen zwischen der Relativitätstheorie und der idealistischen Philosophie« – ins Deutsche übertragen von Dr. Hans Hartmann, Kohlhammer Verlag, Stuttgart 1979). In einer neueren Arbeit über Gödels Werk und seine Beziehung zu Einstein vertritt Palle Yourgrau leidenschaftlich die Ansicht, dass die Implikationen von Gödels Erkenntnissen noch gar nicht vollständig vom wissenschaftlichen und philosophischen Establishment erfasst worden seien (siehe A World Without Time, Basic Books, 2005 [Gödel, Einstein und die Folgen: Vermächtnis einer ungewöhnlichen Freundschaft, aus dem Englischen von Kurt Beginnen und Susanne Kuhlmann-Krieg, Beck, München 2005).
J.W. Dunnes Vorstellungen von »Traumreisen« durch die Zeit wurden in den Zwischenkriegsjahren ernst genommen (siehe sein Buch An Experiment With Time, 1927, kürzlich neu herausgegeben von Hampton Roads Publishing, Charlottesville, VA). J.B. Priestley hat Dunne mehrere Stücke gewidmet, darunter auch Time and the Conways (1937 [Die Zeit und die Conways]). H. G. Wells interessierte sich für Dunnes Ideen und korrespondierte mit ihm, stand jedoch einigen seiner Vorstellungen kritisch gegenüber.
Britische Forscher haben tatsächlich Differentialanalysatoren mit dem »Meccano«-Baukasten konstruiert, angefangen 1934 in Manchester und bis in die 1950er Jahre hinein. Ihr wichtigster Verwendungszweck während des Krieges war wahrscheinlich die Entwicklung von Barnes Wallis’ »Rollbomben« für den Angriff der Dam Busters auf deutsche Talsperren (siehe www.dalefield.com/nzfmm/magazine/differential_analyser.html. ; zur »Operation Chastise« siehe de.wikipedia. org/wiki/Operation_Chastise). Diese Maschinen werden von den »Meccano-Leuten« bis heute studiert.
Ich bin Adam Roberts sehr dankbar für seine sachkundige Hilfe beim Altenglisch des »Testaments der Eadgyth« und für seine unschätzbar wertvolle Unterstützung bei dieser gesamten Buchreihe.
Für alle Fehler und Ungenauigkeiten bin ausschließlich ich allein verantwortlich.
Stephen Baxter
Northumberland
Mai 2007
Die von Stephen Baxter genannten Werke über die »Operation Seelöwe« sind bisher leider nicht in einer deutschen Ausgabe erhältlich. Eine umfassende Darstellung dieser Pläne zur Invasion Großbritanniens findet sich jedoch in Ronald Wheatleys Operation Sea Lion (Operation Seelöwe, deutsch von Dr. Heinzgeorg Neumann, Wilhelm Köhler Verlag, Minden 1959).
Hitlers Tischgespräche liegen auf Deutsch in der Nachschrift von Dr. Henry Picker vor (Hitlers Tischgespräche, Athenäum-Verlag, Bonn 1951). Im Namen-und Schlagwortregister fehlt jedoch ein Verweis auf Samuel Hoare.
Von P.R. Reids Colditz-Büchern wurde bisher nur eins ins Deutsche übersetzt, The Colditz Story (Flucht aus Oflag IV C, aus dem Englischen von Günter Panske, Edition Sven Erik Bergh im Ingse Verlag, Zug 1976).
Peter Robert
Der Junge schlief neben der Rechenmaschine.
Rory betrat das Zimmer. Der Schläfer, Ben Kamen, lag zusammengesunken über seinem Schreibtisch, umgeben von dicken, aufgeschlagenen Jahresbänden von Physikzeitschriften und Kanzleipapier, das mit seiner krakeligen deutschen Handschrift bedeckt war.
In dem mit den Bestandteilen des Analysators vollgestopften Zimmer hing der scharfe Ozongeruch von Elektrizität in der Luft, ein Geruch, der Rory an den Wind von der Irischen See erinnerte. Aber er befand sich hier am MIT in Cambridge, Massachusetts, einer Oase riesiger Betongebäude. Er war wirklich sehr weit von Irland entfernt. Niemand wusste, dass er hier war und was er hier tat. Sein Herz klopfte heftig, aber er war bei klarem Verstand und schien jedes Detail des unordentlichen, hell erleuchteten Raumes wahrzunehmen.
Er wandte sich von Ben ab und der Batterie elektromechanischer Gerätschaften zu, die den Raum beherrschte. Der Differentialanalysator war eine Denkmaschine. Es gab Arbeitsflächen, die Zeichentischen ähnelten, und Reihen von Zahn- und anderen Rädern, Stangen und Hebeln. Im Rotieren und Ineinandergreifen dieser Räder modellierte die rasselnde Maschine die Welt. Früher am Tag hatte Rory sie mit den Daten gefüttert, die sie brauchte; sorgfältig hatte er Kurven auf die Eingabetische gezeichnet, hatte die Übersetzungen von Hand berechnet und kalibriert. Nun riss er einen Ausdruck der Resultate ab. Die Gödel-Lösungen waren fertig.
Und auch Ben Kamen war bereit. Im Schlaf sah er sehr jung aus, jünger als seine fünfundzwanzig Jahre. Nichts an ihm ließ erkennen, dass er ein österreichischer Jude war. In einer Hand hielt er noch immer seinen Füllfederhalter; die andere lag unter seiner linken Wange. Sein kleines Gesicht war blass.
Rory ließ den Blick über die Assemblage schweifen: die brütende Maschine, den Jungen. Dies war der Webstuhl, wie er und Ben ihn inzwischen nannten, eine Maschine aus elektromechanischen Elementen und menschlichem Fleisch, mit der – das glaubten sie, und darauf deuteten ihre Theorien hin – man das Webmuster des Zeitteppichs verändern konnte. Und doch gehörte nichts davon ihm, Rory. Weder der Vannevar-Bush-Analysator, den sie vom MIT zur Verfügung gestellt bekommen hatten – als Studenten des Institute of Advanced Studies in Princeton waren sie unter dem Vorwand hierher nach Cambridge gekommen, mit dem Analysator komplizierte relativistische Modelle durchrechnen zu wollen –, noch der träumende Junge selbst und noch weniger das, was sich in dessen Kopf befand. Rory O’Malley besaß nur eines: den Willen, diese Komponenten zusammenzubringen und den Webstuhl sein Werk tun zu lassen.
Rory strich Ben eine schwarze Locke aus der Stirn. Er trug seine Haare zu lang, dachte er. Ben rührte sich nicht, was Rory nicht überraschte. Das Schlafmittel, das er ihm in seinen Mitternachtskaffee getan hatte, war stark genug gewesen. Seit ihrer gemeinsamen Zeit bei den Internationalen Brigaden in Spanien mochte er Ben, den armen, tiefgründigen, gefühlsbetonten Ben. Aber er brauchte ihn auch, oder zumindest die eigentümlichen Fähigkeiten, die in diesem seinem Kopf eingeschlossen waren. Rory sah keinen großen Widerspruch in dieser Mischung aus Manipulation und Zuneigung. Es ging ihm schließlich um nichts Geringeres als um eine Reinigung der Geschichte, darum, das größte Verbrechen aller Zeiten rückgängig zu machen. Was war dagegen schon ein kleiner Trick?
Er holte einen Fetzen Papier aus der Tasche seines Sakkos. Darauf stand ein sechzehnzeiliges englisches Gedicht, mehr schlecht als recht ins Lateinische übersetzt. Er überflog es ein letztes Mal. Dies war das zentrale Element seines Projekts, ein historischer Auftrag, befrachtet mit so viel Bedeutungsgehalt und Zielorientierung, wie er nur hineinzustopfen vermochte. Jetzt würden diese Worte in den Kosmos hinausgeschickt werden und knisternd durch Gödels geschlossene zeitartige Kurven sausen wie die Punkte und Striche des Morsealphabets durch eine Telegrafenleitung – von der Zukunft in die Vergangenheit, wo ein anderes träumendes Gehirn sie empfangen würde. Er musste Ben nur vorlesen, vorlesen wie einem Kind: die vom Analysator berechneten Gödel-Trajektorien, die holprigen Verse. Das genügte. Und alles würde sich ändern.
Ben bewegte sich und murmelte etwas. Rory fragte sich, wo in den vielen Dimensionen von Raum und Zeit sein Animus jetzt wohl gerade umherschweifte.
Rory begann zu lesen. »Ach Kind! Verwoben in den Wandteppich der Zeit, und dennoch frei geboren / Cum fortia sing ich dir von dem, was ist und was sein wird …«
Der Junge schlief neben der Rechenmaschine.
Und dann …
Julia Fiveash verführte Ben Kamen. Nein, sie verschlang ihn geradezu.
Drei Tage nach ihrer Ankunft in Princeton verleibte sie ihn sich ein. Er hätte sie nicht aufhalten können, selbst wenn er es versucht hätte. Er war nicht mehr unschuldig, weder was Männer noch was Frauen betraf, aber nachdem sie ihn auf den Teppich seines Zimmers gestoßen und mit ihren langen englischen Gliedmaßen umschlungen hatte, kam es ihm so vor, als wäre er es bis zu diesem Moment gewesen.
Das zweite Mal liebten sie sich im Arbeitszimmer seines Mentors, Kurt Gödel. Und Ben fing an, sich Gedanken über Julias Motive zu machen.
Er lag auf Gödels Sofa, den Schritt züchtig mit seinem Jackett bedeckt. Julia stolzierte in unverfrorener Nacktheit in Gödels Zimmer umher, blätterte in den Papieren auf seinem Schreibtisch und strich mit ihren zarten Fingerspitzen über die Bücher auf den Borden. Viele der Bücher lagen noch in ihren Kisten, denn Gödel war noch nicht lange hier; er hatte sein geliebtes Wien nicht verlassen wollen und bis zur letztmöglichen Minute gezögert, als die Nazis bereits angefangen hatten, Europa wie einen riesigen Teppich aufzurollen.
Julias goldenes Haar glänzte in einem staubigen Sonnenstrahl. Sie war hochgewachsen, mit langen, muskulösen Armen und Beinen, flachem Bauch und kleinen Brüsten; sie ging wie ein Tier, selbstsicher und im perfekten Gleichgewicht. Ihr Körper war das Produkt eines privilegierten englischen Lebens, dachte Ben, eines Lebens auf Pferderücken und Tennisplätzen, in dem ihre Sexualität von einem gesunden Engländer nach dem anderen ausgeformt worden war. Sie hatte Ben ebenso leicht erobert wie die Engländer einen großen Teil des Planeten.
Er sehnte sich nach einer Zigarette, wusste jedoch, dass er sich in Gödels Zimmer keine anzünden durfte.
Schließlich nahm er seinen Mut zusammen und ging zum Angriff über. »Was tun wir hier eigentlich, Julia? Was willst du?«
Julia lachte, ein kehliger Laut. Sie war achtundzwanzig, drei Jahre älter als er; ihre Stimmte verriet ihr Alter. »Das ist aber keine sehr nette Frage. Was glaubst du denn, was ich will?«
»Weiß ich noch nicht. Hat was mit Gödel zu tun. Du hast mich benutzt, um hier reinzukommen, stimmt’s? In dieses Arbeitszimmer.«
»Kannst du’s mir verdenken? Kurt Gödel ist der größte Logiker der Welt. Man sagt, er begründe eine neue Mathematik. Oder demontiere die alte. So was in der Art, hab ich recht?«
»Du bist Historikerin. An der Princeton University, nicht hier am Institut für Mathe und Physik. Weshalb interessierst du dich für Gödel?«
»Du bist immer so was von misstrauisch. Aber das hat dich nicht dazu gebracht, mich abzuweisen. Er ist so ein ulkiger kleiner Mann, nicht wahr? Ein schäbiger Zwerg mit hoher Stirn und dicker Brille, der in seinem Wintermantel durch die Gegend huscht wie ein Kaninchen.«
»Er ist bekannt für seine Liebschaften mit seinen Studentinnen. Trotz seines nicht sonderlich ansprechenden Äußeren. Ich meine, er ist ja gerade mal erst in den Dreißigern. Damals in Wien …«
»Als ich Gödel das erste Mal gesehen habe, ging er mit Einstein spazieren. Einstein ist ja nun nicht zu übersehen, oder? Und stell dir vor, er war in Pantoffeln unterwegs, mitten auf der Straße! Weißt du, ob er mit Gödel befreundet ist?«
»Sie haben sich 1933 kennengelernt, glaube ich. Freunde? Ich weiß nicht. Einstein ist wohl das exotischste europäische Tier hier in diesem amerikanischen Zoo. Aber selbst Einstein musste vor Hitler fliehen.«
»Ach, Hitler! Ich habe ihm schon mal gegenübergestanden, weißt du.«
»Wem?«
»Hitler. Ich habe ihm die Hand geschüttelt. Dass ich ihn kennengelernt habe, würde ich allerdings nicht gerade behaupten; ich bezweifle, dass er sich überhaupt an mich erinnert. Ich war Austauschstudentin, weil ich mit eigenen Augen sehen wollte, was die Deutschen taten, statt die übliche Schauerpropaganda zu schlucken. Das Land lag ja wirtschaftlich am Boden; es ist wirklich erstaunlich, wie sehr es sich binnen weniger Jahre verwandelt hat. Man hat uns sehr freundlich aufgenommen. Hitler ist eine höchst eindrucksvolle Erscheinung; er hat so eine Art, durch einen hindurchzuschauen. Goebbels dagegen hat mich in den Hintern gezwickt.«
Ben lachte.
»Und jetzt seid ihr alle hierhergewuselt, nicht? Seid vor dem Ungeheuer weggelaufen, bis nach Amerika.« Sie rümpfte die Nase. »Dass so ein winziger, verstaubter Raum einen Geist von Weltrang beherbergt! Gödel hätte nach Oxford gehen sollen. Einstein auch. Wäre besser gewesen als das hier. Ich meine, hier gibt’s Kreuzgänge aus Ziegelstein! Bertrand Russell sagt, Princeton sei Oxford so ähnlich, wie es ein Nachbau von Affen nur sein könne.« Sie lachte bezaubernd.
»Vielleicht fühlen sich Einstein und Gödel hier sicherer als in einem England, wo es Leute wie dich gibt.«
»Eigentlich bist du nicht sehr nett zu mir, was? Jedenfalls wäre Gödel im Reich nicht in Gefahr. Er ist ja nicht mal Jude.« Sie nahm ein paar Bücher von den Borden und blätterte in deren abgegriffenen Seiten.
Ben las seine auf dem Fußboden verstreuten Kleidungsstücke auf und begann sich anzuziehen. »Du hast deinen Spaß gehabt. Vielleicht solltest du allmählich damit rausrücken, was du von mir willst.«
»Tja, es sind da so einige Gerüchte im Umlauf«, sagte sie aalglatt. »Über dich und deinen Professor. Schau dir diese Titel an. Sein und Zeit von Martin Heidegger. An Experiment With Time von John William Dunne. Texte zur Phänomenologie des inneren Zeitbewusstseins, Edmund Husserl. Du hast schon in Wien mit Gödel zusammengearbeitet, und jetzt, wo er hier am IAS ist, macht ihr damit weiter, stimmt’s? Aber ihr arbeitet nicht an entlegenen Bereichen der mathematischen Logik.« Sie warf einen Blick auf eine von Gödel eigenhändig hingekritzelte Bleistiftnotiz auf dem Vorsatzblatt von Husserls Werk. »Mit meinem Deutsch hapert’s noch ein bisschen … ›Die Unterscheidung zwischen physischer Zeit und dem inneren Zeitbewusstsein. ‹ Ist das richtig?« Als sie in den Büchern blätterte, breitete sich ein Geruch von Staub und abgestandenem Tabak aus – der Geruch von Wien. »Ah. Die Zeitmaschine von H. G. Wells. Dachte ich mir doch, dass ich das hier finden würde!«
Er fühlte sich in die Enge und in die Defensive gedrängt, ein Gefühl, das er noch aus Wien kannte, wo ihn die »Anti-Relativitäts-Clubs« und andere antisemitische Gruppen aufs Korn genommen hatten. »Wie hast du das alles rausgefunden? Hast mit der halben Fakultät geschlafen, wie?«
Sie lächelte ihn an, nackt und vollkommen gelassen. »Und ich weiß auch, woran du noch gearbeitet hast. An etwas, worüber nicht mal Gödel Bescheid weiß. Es hat mit der Relativität zu tun und mit diesem schmalzigen Zeug von innerer Zeit und Bewusstsein … Es geht über bloße Theorie hinaus. Und du hast nicht allein daran gearbeitet. Ich rede von Rory O’Malley.«
»Was weißt du von Rory?«
»Ich hab so das Gefühl, dass ich mehr über deinen irischen Freund weiß als du.« Sie strich ihm mit einem trägen Finger über den nackten Arm; er erschauerte unwillkürlich und knöpfte sich das Hemd zu. »Komm schon, Ben. Raus mit der Sprache. Es geht das Gerücht …«
»Ja?«
»Dass du mit deinem irischen Freund eine Zeitmaschine gebaut hast.«
Er zögerte. »Es hat nicht das Geringste mit Wells’ Hirngespinst zu tun. Und wir haben nur mit Ideen – Konzepten – rumgespielt, das ist alles. Wir haben einige Berechnungen durchgeführt …«
»Das ist alles? Bist du sicher?«
»Natürlich bin ich sicher! Wir haben überhaupt nichts gemacht. Wir sind sogar zu dem Schluss gekommen, dass es gar nicht nötig ist, weil …«
»Rory O’Malley ist nicht gerade die Verschwiegenheit in Person. So viel weißt du doch bestimmt über ihn. Er hat was anderes gesagt.«
Als Ben klar wurde, was ihre Worte bedeuteten, krampfte sich sein Magen zusammen. War das möglich? Aber wie, ohne sein Wissen? O Rory, was hast du getan?
Julia sah seine Angst und lachte ihn aus. »Ich finde, du solltest Rory anrufen. Wir haben einiges zu bereden.«
»Ich habe Physik studiert«, sagte Rory langsam. »Ich war ein intelligentes Kind. Die Relativität hat mich fasziniert. Es gab bestimmt nicht viele andere fünfzehnjährige Schüler in Dublin, die ein Exemplar von Einsteins 1905 publizierten Abhandlungen besaßen – und noch weniger, die sie in der Sprache lesen konnten, in der sie ursprünglich abgefasst worden waren, in Deutsch.
Aber ich fühlte mich auch zur Geschichte hingezogen. Warum betont man bei einem Mann wie Einstein immer so, dass er Jude ist? Und überhaupt, warum lag die christliche Kirche – ich war irisch-katholisch – immer in einem solch schrecklichen Konflikt mit den Juden? Also begann ich, Geschichte zu studieren. Religion. Philosophie …« Er sprach unsicher und zupfte dabei an seinen Fingern.
Rory war ein dunkler Typ, noch dunkler als Ben. Er scherzte, das irische Blut seiner Familie sei von dunkelhäutigen Spaniern verunreinigt worden, die aus den Wracks der Armada an Land gespült worden seien. Der kleine Fleck Narbengewebe an seinem Hals war ein Überbleibsel der Nationalistenkugel, die ihn in Spanien um ein Haar getötet hätte. Rory war ein stämmiger, bulliger Mann, ein Ire, der sich in Amerika durchgeschlagen und in Spanien dem Tod ins Auge geblickt hatte. Dennoch wirkte er eingeschüchtert, als er nun vor Julia saß. Sie war in ihrem üblichen Stil gekleidet – ein beinahe männliches Kostüm mit Jackett und Hose, dazu eine hemdartige Bluse und eine lose gebundene Krawatte –, und Zigarettenrauch umrahmte ihr makelloses Gesicht.
Die drei saßen in Rorys Wohnung im baumbestandenen Herzen von Princeton. Das Wohnzimmer war klein, aber hell, und die langen Schiebefenster waren geöffnet, um die grüne Luft eines amerikanischen Frühlingstags hereinzulassen. Sie hockten auf verschlissenen, schmutzigen Möbelstücken inmitten unordentlicher Stapel von Büchern über Physik und Geschichte, über die Wurzeln des Christentums und die philosophischen Implikationen von Einsteins Relativität. Es war ein staubiges Zimmer, in dem ein chaotisches Durcheinander herrschte, aber es spiegelte Rory O’Malley wider, dachte Ben, als wäre es eine Projektion seines Geistes.
Es hatte ein paar Wochen gedauert, bis Julia diese Zusammenkunft anberaumt hatte. Sie benötige etwas Zeit, um einige Aspekte von Rorys »Bericht« zu überprüfen, hatte sie dunkel angedeutet, und nun war sie mit einer schmalen Aktentasche angerückt, in der sich vermutlich die Früchte dieser Recherchen befanden. Ben ertappte sich dabei, dass er die Aktentasche mit bangem Blick betrachtete.
Auch war ihm gar nicht wohl dabei zumute, wie Rory auf Julias inquisitorische Fragen hin freimütig Auskunft über sich gab – und über ihn gleich mit.
»Du musst nicht mit ihr reden, wenn du nicht willst, Rory«, sagte er scharf. »Ich meine, wer ist sie schon?«
Rory sah ihn niedergeschlagen an. »Weißt du’s denn nicht?«
Julia lächelte bloß.
»Ich will dir sagen, wer sie ist«, erklärte Rory. »Sie ist eine verdammte SS-Offizierin, das ist sie. Sie hat weitaus mehr getan, als Hitler die Hand zu schütteln.«
Ben starrte sie entsetzt an.
Julia nahm eine neue Zigarette aus dem silbernen Etui, das sie bei sich trug. »Ach, nun schau nicht so schockiert drein, Benjamin. Ich entschuldige mich dafür, dass ich’s dir nicht gesagt habe. Aber du hättest wohl kaum mit mir geschlafen, wenn du’s gewusst hättest, oder? Machen wir weiter. Ihr habt euch in Spanien kennengelernt, während des Bürgerkrieges.«
Rory war sichtlich unwohl zumute. Er antwortete mit stockender Stimme.
Schon mit zweiundzwanzig Jahren war er aus seiner Geburtsstadt Dublin nach New York gegangen, vorgeblich um zu studieren. Doch er hatte sich rasch einen Namen als Kolumnist gemacht, weil er ein energischer Idealist war, der kein Blatt vor den Mund nahm. Dann war er nach Spanien gegangen, um an einem Buch über die siebenhundertjährige Geschichte von Koexistenz und Konflikt zwischen Christentum und Islam auf der Iberischen Halbinsel zu arbeiten.
»Ich war in Sevilla, als die ganze Sache losging. Der Bürgerkrieg. Die Stadt ist Francos Nationalisten binnen Tagen in die Hände gefallen. Nach der Einnahme der Städte war das Blutvergießen noch schlimmer, weil die Nationalisten Vergeltungsmaßnahmen ergriffen haben. Also bin ich nach Norden geflohen, in die republikanischen Gebiete.«
»Und dort seid ihr euch begegnet?«, wandte sich Julia an Ben.
»Ich hatte in Deutschland schon genug von den Faschisten gesehen«, sagte Ben widerstrebend. »Ich bin nach Spanien gegangen, um in den Internationalen Brigaden zu kämpfen. Hinterher bin ich nicht mehr nach Österreich zurückgekehrt. Die Amerikaner in meiner Brigade haben mir geholfen. Zu guter Letzt ist es ihnen gelungen, mir ein Visum für die Staaten und einen Studienplatz hier in Princeton zu besorgen, wo ich mein Studium fortsetzen konnte.«
»Die Spanier haben mich noch nie sonderlich beeindruckt«, sagte Julia forsch. »Sie hatten all diesen Reichtum, ein Weltreich, das Gold der Inkas und der Azteken. Und binnen eines Jahrhunderts nach Kolumbus haben sie alles für dynastische Kriege verschleudert. Und dann ihr Bürgerkrieg – welch sinnloser Konflikt!«
»Dreihundertfünfzigtausend Menschen sind gestorben«, erwiderte Rory zornig. »Viele davon durch deutsche und italienische Bomben und Kugeln.«
»Man hat neue Formen der Kriegsführung erprobt. Ein imperialer Staat wurde zu einem Testgelände für die Waffen überlegener Mächte. So viel zu Spanien!«
»Du bist verdammt kalt, Julia«, fuhr Ben auf.
Julia lachte. »Nein. Nur realistisch. Habt ihr miteinander geschlafen?«
Sie antworteten gleichzeitig. »Nein«, sagte Rory, und Ben, wehmütiger: »Nur ein einziges Mal.«
»Und bei eurem Bettgeflüster in Spanien habt ihr dann wohl angefangen, von Zeitmaschinen zu träumen.«
»Es war eine Bündelung von Interessen«, meinte Ben.
»Bei meinem Geschichtsstudium habe ich irgendwann eine ungeheure Unzufriedenheit verspürt«, sagte Rory. »Es hätte nicht so sein müssen! All das Leid, das Blutvergießen – insbesondere wenn es von Religionen und von Friedensaposteln ausgelöst worden war. Ich habe mich gefragt, ob das alles sein musste – und mir sehnlichst gewünscht, es wäre nicht so gewesen.« Er warf Ben einen Blick zu. »Dann hat Ben von Gödel gesprochen, diesem exzentrischen Mathematikergenie, das mit Einsteins Gleichungen herumjongliert und sich vorgestellt hat, dank sogenannter ›geschlossener zeitartiger Kurven‹ wäre es vielleicht möglich, die Vergangenheit zu beeinflussen …«
»Und dazu noch meine Träume«, sagte Ben.
Julia musterte ihn. »Was für Träume?«
»Ich hatte schon immer intensive Träume. Oft sind sie wie Erinnerungen an Stippvisiten bei Geschehnissen der Vergangenheit – und der Zukunft. Ein- oder zweimal …«
»Sprich weiter.«
»Einmal hat er von der Kugel geträumt, die mich beinahe umgebracht hätte«, warf Rory ein und berührte seinen Hals.
»Du hast präkognitive Fähigkeiten«, sagte Julia zu Ben.
»Das würde John William Dunne wohl auch sagen. Er würde vielleicht davon sprechen, dass mein Animus frei in einer multidimensionalen Raumzeit schwebt.«
»Glaubst du das auch?«
»Nein.« Er seufzte. »Ich bin einer der rationalsten Menschen, denen du wahrscheinlich jemals begegnen wirst, Julia. Ich glaube nicht mal an Gott. Und doch sind andere davon überzeugt, dass ich solche Kräfte besitze. Ist das nicht eine Ironie des Schicksals?«
»Aufgrund solcher Hinweise auf präkognitive Fähigkeiten und auf der Basis von Gödels Spekulationen über Reisen in die Vergangenheit habt ihr also angefangen, eine Zeitmaschine zu entwickeln«, sagte Julia.
»Keine Maschine«, sagte Rory. »Obwohl wir ihr einen maschinenähnlichen Namen gegeben haben.«
»Der Webstuhl.«
»Ja. Aber eigentlich ist es eine Methode.«
»Eine Methode, die Vergangenheit zu beeinflussen. Sie zu verändern. Richtig? Und nach eurem Aufenthalt in Spanien seid ihr an dieses Institut gekommen, wo ihr daran gearbeitet habt, eure ›Methode‹ zu realisieren. Ihr habt euch sogar Zeit auf einer Rechenmaschine in Massachusetts erschlichen. Und du, Rory, hast angefangen darüber nachzudenken, welche Veränderung genau vorgenommen werden sollte, wenn du die Geschichte ändern könntest, die du so unbefriedigend findest.«
Rory schwieg. Ben starrte ihn an.
»Na, komm schon. Wenn du’s ihm nicht sagst, kann ich’s gern für dich tun – und das werde ich auch.« Sie klopfte auf ihre Aktentasche.
»Na schön«, platzte Rory heraus. »Es war Nicäa.«
Ben war verwirrt. »Nicäa?«
Julia lächelte. »Du bist ganz offenkundig nicht so vertraut mit der Geschichte des Christentums wie dein kleiner Freund hier, Ben. Nicäa, im Jahre 325 des Herrn. Wo Kaiser Konstantin sein großes Kirchenkonzil einberufen hat.«
»Konstantin!«, fauchte Rory. »Es war alles seine Schuld!«
»Ah, die Römer«, sagte Julia. »Sie waren zweifellos Arier. Hitler hat genug gute Wissenschaftler, die das beweisen können … Vor Konstantin war Jesus ein Sklavengott«, erklärte sie spöttisch. »Konstantin hat das Christentum zur römischen Staatsreligion erhoben und damit die Zukunft der Kirche gesichert.«
»Nur indem er sie in ein Spiegelbild Roms verwandelt hat! Und ebendiese römische Autokratie und Intoleranz waren die Wurzel all des Bösen, das seither im Namen Jesu Christi geschehen ist.«
»Und darum hast du einen kühnen Plan ausgeheckt, nicht wahr? Den Plan, mit Hilfe eures Webstuhls der Zeit ein paar Fäden der Historie aufzutrennen.«
»Davon hast du mir kein Wort gesagt«, wandte sich Ben vorwurfsvoll an Rory.
»Natürlich nicht«, sagte Rory kläglich. Er vermied es nach wie vor, Ben in die Augen zu schauen. »Du hättest mich ja daran gehindert.«
»Er hat sich eine Botschaft ausgedacht, die er in die Vergangenheit schicken wollte«, sagte Julia fröhlich. »So etwas wie eine retrospektive Prophezeiung, ja? Die wolltest du in die Zeit von Kaiser Claudius und seiner Invasion in Britannien senden, so viel ich weiß. Sie sollte Informationen über die Zukunft enthalten – und ein paar Albernheiten über Demokratie …«
»Die Ära der Republik war Roms beste Zeit«, erwiderte Rory trotzig. »Sie hat Amerika noch Jahrhunderte später inspiriert. Ich wollte ihnen Hoffnung schenken.«
»Wem?«, fragte Ben.
»Du weißt doch, wie es funktioniert, Ben. Wir können keine bestimmte Person in der Vergangenheit anvisieren. Wir können nur senden. Und hoffen, dass es Leute gibt, die genauso aufnahmefähig sind wie du – natürliche Empfänger, die auf Informationen aus der Zukunft warten.«
»Das prophetische Zeug war als eine Art Lockmittel gedacht, stimmt’s, Rory?«, meinte Julia. »Du hast es in die Zeit vor Claudius zurückgeschickt, in das Jahr von Christi Geburt, um die Aufmerksamkeit der frühen Christen zu erregen. Du wolltest dir dein Opfer in der Vergangenheit mit ein wenig Vorwissen angeln, das ihm Macht oder Reichtum verschaffen konnte, zum Beispiel über den Bau des Hadrianswalls. Und du hast gehofft, es würde diese Macht deinen Intentionen gemäß nutzen: um deinen eigentlichen Befehl auszuführen.«
»Und der wäre?«, fragte Ben.
Julia grinste. »Kaiser Konstantin zu töten!«
Ben merkte, dass er am Rand der Panik war. »Rory – wir haben doch über die Gefahren gesprochen –, woher nimmst du das Recht, solche Entscheidungen zu treffen?«
»Woher nehmen wir das Recht, eine solche Gabe nicht zu nutzen?«
Bens Gedanken rasten. »Aber das ist doch bloß ein Hirngespinst. Nur Gerede. Konstantin ist vor Nicäa nicht umgebracht worden, oder? Und die Kirche ist nicht in einen Zustand der Unschuld zurückversetzt worden. Der Papst sitzt noch immer in Rom.«
»Rorys Plan ist fehlgeschlagen«, sagte Julia.
»Tja, das kann ich nicht leugnen«, meinte Rory.
»Aber er hat es versucht, Ben.«
»Das ist unmöglich.«
»Nein.« Sie lächelte. »Ich habe einen Beweis dafür.«
Rorys Augen wurden schmal. »Was meinst du damit ?«
»Die Partei hat eine ziemlich gute Forschungseinrichtung. Sie hießt ›Ahnenerbe‹ und ist Himmler unterstellt. Einige recht innovative Forschungsarbeiten über die Ursprünge der Rassen. Ich habe ihnen geschrieben …« Sie öffnete ihre Aktentasche und holte ein zerfleddertes Buch heraus: eine Geschichte Roms.
Es war Julias Nazi-Wissenschaftlern nicht gelungen, Rorys Testament in vollem Umfang aufzuspüren. Einige Elemente waren jedoch in ein autobiografisches Werk von Kaiser Claudius aufgenommen worden. Auch dieses Werk war verloren gegangen, aber andere historische Werke bezogen sich darauf, und aus den Verweisstellen hatten sich mit ein wenig Sorgfalt und ein paar Vermutungen einige von Rorys Zeilen rekonstruieren lassen. Julia schlug das Buch bei einer markierten Seite auf und reichte es Ben. Ungläubig las er den verblichenen Text auf dem alten, vergilbten Papier:
Ruf ins Gedächtnis dir die Wahrheiten, die wir für selbstverständlich halten –
Ich sage dir, dass alle Menschen gleich und frei erschaffen sind, mit
Rechten, unveräußerlich, vom Schöpfer ihnen zugeeignet;
Etwa dem Recht auf Leben, Freiheit und aufs Glücksbestreben.
O in die Zeit verwobnes Kind, versuch die Wurzel auszureißen!
»Bei allem, was heilig ist«, sagte Ben. Sein Herz klopfte heftig.
Julia lächelte. »Leben, Freiheit und das Streben nach Glück. So herrlich plump!«
»Offenbar hab ich’s wirklich geschafft«, sagte Rory mit großen Augen. »Das sind meine eigenen Worte, wie ich sie 1940 zusammengebastelt habe – durch die Jahrhunderte in die Vergangenheit übertragen und nun in diesem zerlesenen alten Geschichtsbuch festgehalten. Dieses Beweisstück habe ich noch nie gesehen. Ja, mein Plan ist fehlgeschlagen – Konstantin ist am Leben geblieben –, aber der Webstuhl funktioniert .« Er lachte, doch es klang schrill.
»Das hättest du gar nicht gekonnt«, sagte Ben schwach. »Ich bin ein unverzichtbarer Bestandteil des Webstuhls – meine angebliche Präkognition …«
»Er hat dich betäubt«, sagte Julia schlicht. »Dich betäubt und im Schlaf benutzt. Hättest du sein Vorhaben verhindert?«
»Natürlich.«
»Warum? Weil du Konstantin so toll findest?«
»Nein.« Er sah Rory mit wachsendem Entsetzen an. »Weil ich zu der Überzeugung gelangt bin, dass der Webstuhl, falls er jemals benutzt wird, eine ungeheure Gefahr darstellt. Der Webstuhl ist eine Waffe – er erschafft die Geschichte nicht, er zerstört sie!«
»Aber er funktioniert«, meint Rory mit ausdrucksloser Stimme.
»Ja«, sagte Julia. »Hitler verabscheut das Christentum, wisst ihr. Er sagt, logisch zu Ende gedacht, bedeute es die systematische Kultivierung menschlichen Versagens. Ich denke, deine Versuche, die christliche Religion zu destabilisieren, werden seine Zustimmung finden.«
»Was soll das denn heißen?«, bellte Rory.
»Ich glaube wirklich, das Ahnenerbe ist der geeignete Ort, um dieses Projekt fortzuführen, meinst du nicht? Mit der richtigen Finanzierung und ein paar guten Forschern statt einem halbgebildeten irischen Halunken und einem verwirrten jüdischen Träumer, mit einer besseren Rechenmaschine als diesem antiquierten Gerät am MIT …«
»Du willst den Nazis eine Zeitmaschine geben?« Ben fühlte sich schwach. »Oh, das ist ein guter Plan.«
»Du hast also vor, Hitler zu unterstützen?«, fragte Rory.
Julia zuckte die Achseln. »Was kümmert’s dich? Irland ist in diesem Krieg neutral.«
»Aber dein eigenes Land nicht.« Rory stand auf. »Ihr englischen Aristokraten seid doch alle gleich. Ihr und euer verfluchtes Empire. Jetzt heißt es, lieber Hitler als eine Labour-Regierung, hm? Also, eins sag ich dir, diese Mörderbande kriegt meine Arbeit nicht in die Finger.« Er hob eine Faust und trat auf sie zu.
Es ging alles ganz schnell. Von irgendwoher brachte Julia eine Schusswaffe zum Vorschein. Ben hatte noch Zeit, um zu registrieren, wie klein sie war, wie hervorragend gearbeitet, wie teuer sie aussah. Sie hob die hübsche, versilberte Pistole und schoss Rory ins Herz. Rory machte ein überraschtes Gesicht und schaute auf das blutige Loch in seiner Brust hinunter. Dann erschauerte er; seine Knie gaben nach, und er brach zusammen.
»Wie bedauerlich«, sagte Julia. »Da haben wir eine ganz schöne Schweinerei in dieser Wohnung angerichtet, was? Ich brauche ihn nicht. Zweifellos steht alles hier in diesen Büchern und Papieren. Aber dich brauche ich natürlich.« Sie drehte sich zu Ben um und lächelte. »Dich und deine Träume.«
»Du willst mich deinem Ahnenerbe ausliefern. Den Deutschen.«
»Sie sind schon hier. Überall um das Gebäude herum.«
»In Nazideutschland werden sie dich lieben«, sagte er.
»O ja, das werden sie. Sie tun’s jetzt schon! Also, kommst du nun ohne Widerstand mit oder …«
Er hielt immer noch das schwere Geschichtsbuch in der Hand. So hart er konnte, knallte er es ihr gegen die Schläfe. Seine Bewegung kam aus dem Nichts, ohne die geringste Vorwarnung. Julia ging noch schneller zu Boden als Rory, und die Waffe fiel ihr aus der Hand.
Ben schaute auf das Durcheinander. Julia, lang hingestreckt über Rorys Beinen, die silberne Pistole auf dem Boden. Er sollte alle Spuren ihrer Arbeit vernichten. Die Waffe nehmen. Julia töten.
Er wusste, dass er es nicht konnte. In seinem Kopf war nur der Gedanke an Flucht, sonst nichts. Er wollte weglaufen, so weit er konnte, weg aus Princeton, aus Amerika – vielleicht bis nach England, wo er zumindest sicher sein konnte, nicht auf Nazis zu treffen.
Aber zunächst musste er diesen Tag überstehen, ohne geschnappt zu werden. Er ging zur Tür und hielt Ausschau nach Julias deutschen Helfershelfern.