
An erster Stelle schulde ich der Gruppe von Probelesern meinen Dank, die »Drachenbrut« bis zur Fertigstellung, vom ersten bis zum letzten Kapitel, begleitet haben. Sie waren mir nicht nur ein begeistertes Publikum, für das ich schreiben konnte, sondern haben mir auch mit einer Fülle wertvoller Ratschläge weitergeholfen: Holly Benton, Dana Dupont, Doris Egan, Diana Fox, Laura Kanis, Shelley Mitchell, L. Salom, Micole Sudberg und Rebecca Tushnet. Francesca Coppa danke ich dafür, dass sie mich als Erste ermutigt hat, überhaupt anzufangen. Ein weiterer Dank geht an Sara Rosenbaum und all die anderen von livejournal, die Titelvorschläge beigesteuert haben.
Ich war in der glücklichen Lage, die Unterstützung einer wunderbaren Agentin zu haben, nämlich Cynthia Manson, die mir gleichzeitig eine Freundin ist, und den Rat von nicht nur einer, sondern gleich zwei großartigen Herausgeberinnen zu bekommen, Betsy Mitchell bei Del Rey und Jane Johnson bei HarperCollins UK. Auch viele andere Freunde und Leser haben mich auf meinem Weg ermutigt und beraten und mich bei allen Fragen unterstützt, von Titelvorschlägen bis zur Suche nach altertümlichen Begriffen. Ich wünschte, ich könnte sie alle aufzählen, muss mich jedoch mit einem allgemeinen und herzlichen »Danke schön« begnügen. Außerdem möchte ich einigen Menschen danken, die sich viel Mühe gemacht haben, mir bei meinen Recherchen behilflich zu sein: Susan Palmer im Soane Museum in London, Fiona Murray und den Ehrenamtlichen im Georgian House in Edinburgh und Helen Roche im Merrion Hotel in Dublin.
Meine Liebe und Dankbarkeit gilt meiner Mutter, meinem Vater und Sonia.
Und zuletzt und am allerwichtigsten: Dieses Buch widme ich meinem Ehemann Charles, der mir mehr gegeben hat, als ich aufzählen kann, allem voran Freude.

Naomi Novik wurde 1973 in New York geboren und ist mit polnischen Märchen, den Geschichten um die Baba Yaga und J. R. R. Tolkien aufgewachsen. Sie hat englische Literatur studiert, im Bereich IT-Wissenschaften gearbeitet und war außerdem an der Entwicklung von äußerst erfolgreichen Computerspielen beteiligt. Doch dann schrieb Naomi Novik ihren Debüt-Roman, mit dem sie sofort die Herzen von Kritikern und Lesern gleichermaßen eroberte: »Drachenbrut«, den ersten Band um DIE FEUERREITER SEINER MAJESTÄT. Naomi Novik lebt mit ihrem Mann und sechs Computern in New York.
Weitere Titel um DIE FEUERREITER SEINER
MAJESTÄT sind in Vorbereitung.
»Laurence, sei so gut und bring mir ein Glas Wein.« Jane Roland stöhnte und ließ sich auf den Stuhl neben seinem fallen, ohne sich im Geringsten darum zu kümmern, was sie damit ihrem Kleid antat. »Zwei Tänze sind mehr als genug für mich. Ich werde nicht mehr von diesem Tisch aufstehen, bis ich endgültig gehe.«
»Möchtest du vielleicht sofort gehen?«, fragte Laurence und erhob sich. »Ich bringe dich gerne zurück.«
»Wenn du meinst, ich sei so unbeholfen in einem Kleid, dass ich keine halbe Meile über ebenen Boden gehen kann, ohne hinzufallen, dann solltest du das sagen, damit ich dir mit dieser bezaubernden Handtasche auf den Kopf hauen kann«, sagte sie mit ihrem tiefen Lachen. »Ich habe mich nicht in Schale geworfen, um den ganzen Aufwand dann zunichtezumachen, indem ich so schnell wieder davonlaufe. In einer Woche sind Excidium und ich wieder zurück in Dover, und weiß der Himmel, wann ich wieder auf einen Ball gehen werde. Noch unwahrscheinlicher ist es, dass einer uns zu Ehren gegeben wird.«
»Ich bleibe Ihnen auf den Fersen, Laurence. Wenn die uns nicht mehr als diese paar französischen Leckerbissen servieren, dann muss ich wohl selbst Nachschub holen«, sagte Chenery und erhob sich ebenfalls.
»Hört, hört«, rief Berkley. »Bringen Sie doch gleich die ganze Platte mit.«
Am Büfett wurden sie von der Menschenmenge getrennt, die immer dichter wurde, je weiter der Abend fortschritt. Die Londoner Gesellschaft war noch immer außer sich vor Freude über die beiden Siege bei Trafalgar und Dover und wollte die Flieger eine Zeit lang ebenso ausgiebig feiern, wie sie sie zuvor verachtet hatte. Laurence’ Jacke und Kapitänsabzeichen brachten ihm genug lächelnde Blicke ein und Gesten, die ihm den Vortritt gewährten, sodass es ihm gelang, ohne größere Schwierigkeiten ein Glas Wein zu bekommen. Nur zögernd verzichtete er darauf, für sich selbst eine Zigarre mitzunehmen. Es wäre wohl der Höhepunkt der Unhöflichkeit gewesen, selbst zu schwelgen, wenn es Roland und Harcourt verwehrt blieb. Stattdessen griff er nach einem zweiten Glas Wein, denn er konnte sich vorstellen, dass irgendjemand am Tisch dafür schon Verwendung haben würde.
So hatte er beide Hände voll und war froh, auf seinem Weg zurück zum Tisch nicht mehr tun zu müssen, als sich gelegentlich zu verbeugen, wenn man ihn auf gleiche Art begrüßte. »Kapitän Laurence«, sagte Miss Montagu und lächelte mit deutlich mehr Freundlichkeit, als sie ihm im Hause seiner Eltern entgegengebracht hatte. Sie wirkte enttäuscht, als er nicht in der Lage war, ihr die Hand zu geben. »Wie großartig, Sie wiederzusehen. Es ist eine Ewigkeit her, dass wir alle in Wollaton Hall beisammen waren. Wie geht es dem lieben Temeraire? Mir blieb beinahe das Herz stehen, als ich von den Neuigkeiten erfuhr. Ich war mir sicher, dass Sie sich mitten im Kampfgetümmel befinden würden, und natürlich war es auch genau so.«
»Es geht ihm sehr gut, vielen Dank«, sagte Laurence so höflich, wie er konnte, doch die Formulierung»der liebe Temeraire« nagte heftig an ihm. Aber er würde einer Frau, die er als Gast seiner Eltern kennen gelernt hatte, nicht grob begegnen. Selbst wenn die erst kürzlich erfolgte Anerkennung durch die Gesellschaft seinen Vater noch nicht milde gestimmt hatte, gab es keinen Grund, den Zwistigkeiten neue Nahrung zu geben und so vielleicht die Situation seiner Mutter unnötig zu erschweren.
»Darf ich Ihnen Lord Winsdale vorstellen?«, fragte Miss Montagu und wandte sich ihrem Begleiter zu. »Dies ist Kapitän Laurence, Lord Allendales Sohn, müssen Sie wissen«, fügte sie mit einem Unterton hinzu, den Laurence kaum ertragen konnte.
»Sicher, sicher«, antwortete Winsdale mit einem äußerst knappen Nicken, welches er selbst offensichtlich als große Herablassung empfand. »Ganz der Mann der Stunde, Laurence. Man muss Sie wirklich loben. Wir alle können uns glücklich schätzen, dass Sie dieses Tier für England gewinnen konnten.«
»Sehr freundlich, dass Sie das sagen, Winsdale«, sagte Laurence absichtlich in gleichem Maße kurz angebunden. »Sie müssen mich jetzt entschuldigen, der Wein wird zu schnell warm.«
Diesmal konnte es auch Miss Montagu nicht entgehen, wie zurückhaltend er sich äußerte. Einen Moment lang sah sie zornig aus, dann sagte sie honigsüß: »Oh, natürlich. Vielleicht sehen Sie ja Miss Galman und können ihr meine Grüße ausrichten. Ach nein, wie dumm von mir, ich muss jetzt natürlich Mrs. Woolvey sagen, und sie ist auch gar nicht mehr in der Stadt, nicht wahr?«
Er betrachtete sie voller Ablehnung und wunderte sich über die Mischung aus Gespür und Gehässigkeit, die sie in die Lage versetzt hatte, die frühere Beziehung zwischen ihm und Edith aufzuspüren. »Nein, ich glaube, sie und ihr Ehemann bereisen zur Zeit den Lake District«, erwiderte er, verbeugte sich und entfernte sich, äußerst dankbar darüber, dass sie nicht die Gelegenheit gehabt hatte, ihn mit diesen Neuigkeiten zu überraschen.
Bereits kurz vor der Schlacht hatte seine Mutter ihn in einem Brief, der ihn noch in Dover erreicht hatte, von der bevorstehenden Eheschließung unterrichtet. Nachdem sie von dem geplanten Bund gehört hatte, hatte sie ihm geschrieben: »Ich hoffe, was ich dir nun schreibe, schmerzt dich nicht allzu sehr. Ich weiß, dass du sie lange bewundert hast, und auch ich habe sie immer bezaubernd gefunden, doch in dieser Angelegenheit kann ich ihre Entscheidung nicht gutheißen.«
Der schlimmste Schlag hatte Laurence bereits getroffen, lange bevor ihn der Brief erreichte. Die Neuigkeiten, dass Edith einen anderen Mann geheiratet hatte, waren nicht unerwartet gekommen, und das hatte er seiner Mutter auch glaubwürdig versichert. Tatsächlich konnte er Edith ihre Entscheidung nicht vorwerfen. Rückblickend war ihm klar geworden, wie entsetzlich sich eine Beziehung für sie beide gestaltet hätte. In den letzten neun Monaten hätte er kaum einen Gedanken für Edith übrig gehabt. Es gab keinen Grund, warum Woolvey kein guter Ehemann für Edith sein sollte. Er selbst hätte es sicher nicht werden können, und er war sich sicher, dass er ihr alles Gute wünschen würde, sollte er sie je wiedersehen.
Doch er ärgerte sich noch immer über Miss Montagus Anspielungen, und er hatte offenbar eine Miene aufgesetzt, die bei einem Ball unangemessen war. Als er zum Tisch zurückkam, nahm ihm Jane die Gläser aus der Hand und sagte: »Das hat ja lange gedauert. Hat dich jemand verärgert? Kümmere dich nicht um die Leute. Geh einfach ein bisschen raus, sieh dir an, wie viel Spaß Temeraire hat, und du bist wieder in besserer Stimmung.«
Der Gedanke kam ihm sogleich verlockend vor. »Ich denke, das werde ich machen, wenn du mich entschuldigst«, sagte er und deutete eine Verbeugung in Richtung des ganzen Tisches an.
»Sehen Sie auch mal für mich nach Maximus und fragen Sie ihn, ob er noch mehr fressen will«, rief Berkley ihm nach.
»Und nach Lily!«, fügte Harcourt hinzu, sah sich dann jedoch schuldbewusst um, ob die Gäste an den anderen Tischen etwas davon mitbekommen hatten. Natürlich hatte niemand der Gesellschaft begriffen, dass die Frauen, die bei den Fliegern saßen, selbst Kapitäne waren, und man hielt sie wohl eher für Ehefrauen. Rolands vernarbtes Gesicht hatte ihr allerdings viele entsetzte Blicke eingebracht, die sie ungerührt überging.
Laurence überließ es den anderen am Tisch, ihre lautstarken und angeregten Diskussionen wieder aufzunehmen, und machte sich auf den Weg nach draußen. Der uralte Stützpunkt in der Nähe Londons war längst von der Stadt okkupiert und vom Korps mehr oder weniger aufgegeben worden. Sonst nutzte nur noch der Postdienst das Gelände, doch für diesen feierlichen Anlass hatte das Korps alte Ansprüche geltend gemacht und am nördlichen Rand, wo sich früher das Hauptquartier befunden hatte, einen großen Pavillon aufgestellt.
Auf Bitten der Flieger hin hatten sie die Musiker ganz am Rande des Festzeltes aufgestellt, wo sich die Drachen versammeln konnten, um ebenfalls zuzuhören. Zuerst ängstigte die Musiker die Vorstellung, und sie rückten mit ihren Stühlen immer weiter weg, doch als sich im Laufe des Abends die Drachen als aufmerksameres Publikum erwiesen als die laute Menge der Gesellschaft, siegte nach und nach ihre Eitelkeit über ihre Furcht. Laurence trat hinaus und entdeckte, dass der erste Geiger das Orchester ganz und gar verlassen hatte und recht schulmeisterlich Ausschnitte verschiedener Melodien für die Drachen spielte, um ihnen die Arbeit der verschiedenen Komponisten zu erläutern.
Maximus und Lily befanden sich in der interessierten Gruppe, und sie lauschten fasziniert und stellten jede Menge Fragen. Zu seiner Überraschung bemerkte Laurence einen Augenblick später, dass sich Temeraire auf einer kleinen Lichtung abseits der anderen zusammengerollt hatte und sich mit einem Gentleman unterhielt, dessen Gesicht Laurence nicht sehen konnte.
Laurence verließ die kleine Gruppe und ging zur Lichtung, während er leise Temeraires Namen rief. Der Mann drehte sich um, als er ihn kommen hörte. Überrascht und hocherfreut erkannte Laurence Sir Edward Howe und eilte auf ihn zu, um ihn zu begrüßen.
»Ich freue mich wirklich sehr, Sie zu sehen, Sir«, sagte Laurence und schüttelte ihm die Hand. »Ich habe gar nicht gewusst, dass Sie zurück in London sind, obwohl ich mich nach Ihnen erkundigt habe, als wir ankamen.«
»Ich war gerade in Irland, als mich die Neuigkeiten erreichten, und bin soeben erst nach London zurückgekehrt«, entgegnete Sir Edward, und jetzt bemerkte Laurence auch, dass er noch immer Reisekleidung trug und dass seine Stiefel staubbedeckt waren. »Ich hoffe, Sie verzeihen mir. Aufgrund unserer Bekanntschaft glaubte ich, auch ohne eine offizielle Einladung kommen zu dürfen, in der Hoffnung, gleich mit Ihnen sprechen zu können. Als ich aber die Menge dort drinnen gesehen habe, hielt ich es für besser, mich hierher zurückzuziehen, bei Temeraire zu bleiben und abzuwarten, bis Sie herauskommen, statt Sie drinnen zu suchen.«
»Ich stehe wirklich in Ihrer Schuld, dass Sie sich so viel Mühe machen«, sagte Laurence. »Ich muss gestehen, dass ich unbedingt mit Ihnen sprechen wollte, seit wir Temeraires Fähigkeit festgestellt haben, was, wie ich annehme, der Grund ist, der Sie hergeführt hat. Alles, was Temeraire uns dazu sagen kann, ist, dass das Gefühl das gleiche ist, als würde er brüllen. Wir können uns keinen Reim darauf machen, wie reiner Klang einen so außergewöhnlichen Effekt haben kann, und keiner von uns hat je von etwas Derartigem gehört.«
»Nein, das haben Sie sicherlich noch nicht«, bemerkte Sir Edward. »Laurence …« Er brach ab und starrte auf die vielen Drachen zwischen ihnen und dem Pavillon, die nun alle beifällig knurrten, als der erste Auftritt vorüber war.
»Können wir uns irgendwo unterhalten, wo wir ungestörter sind?«
»Wir können zu meiner eigenen Lichtung fliegen, wenn Sie einen ruhigeren Ort suchen«, bot Temeraire an. »Ich trage Sie sehr gerne beide, und es dauert nur einen Augenblick, schon sind wir dort.«
»Vielleicht wäre das am besten, wenn Sie nichts dagegen einzuwenden haben«, stimmte Sir Edward zu und sah Laurence fragend an. Temeraire brachte die beiden vorsichtig in seinen Vorderklauen hinüber und setzte sie auf der verlassenen Lichtung ab, ehe er es sich selbst gemütlich machte. »Ich muss Sie um Verzeihung bitten, dass ich Ihnen solche Mühe mache und Ihren Abend störe«, sagte Sir Edward.
»Sir, ich versichere Ihnen, ich bin sehr froh, dass er auf diese Weise unterbrochen wurde«, beruhigte ihn Laurence. »Bitte machen Sie sich deshalb keine Sorgen.« Ungeduldig wartete er darauf, zu erfahren, was Sir Edward wohl wissen mochte. Er war um Temeraires Sicherheit besorgt, die durch einen möglichen Spion Bonapartes gefährdet sein könnte, jetzt, nach dem Sieg, vielleicht ganz besonders.
»Ich will Sie nicht länger auf die Folter spannen«, begann Sir Edward. »Auch will ich keineswegs so tun, als ob ich die mechanischen Prinzipien verstünde, auf denen Temeraires Fähigkeiten beruhen. Ihre Auswirkungen aber sind in der Literatur beschrieben worden, und so kann ich Ihnen sagen, wie diese Fähigkeit heißt: Die Chinesen und die Japaner nennen sie Göttlicher Wind. Dies verrät Ihnen nur wenig mehr als das, was Sie bereits durch Temeraires Beispiel herausgefunden haben, fürchte ich. Aber etwas anderes ist wirklich wichtig. Diese Fähigkeit zeichnet eine Rasse aus, und zwar eine Rasse einzig und allein: den Himmelsdrachen.
Einen Moment hing dieser Name in der Luft. Laurence wusste nicht gleich, was er denken sollte. Temeraire blickte unsicher zwischen ihnen hin und her. »Macht das einen großen Unterschied zum Kaiserdrachen?«, fragte er. »Sind das nicht beides chinesische Rassen?«
»Aber sehr unterschiedliche«, antwortete ihm Sir Edward. »Kaiserdrachen sind schon selten, aber die Himmelsdrachen werden ausschließlich Herrschern übergeben oder ihren nächsten Verwandten. Es sollte mich überraschen, wenn es weltweit mehr als hundert von ihnen gäbe.«
»Nur den Herrschern«, wiederholte Laurence verwundert, und langsam dämmerte es ihm. »Sie werden davon noch nichts gehört haben, Sir, aber wir haben auf dem Stützpunkt in Dover kurz vor der Schlacht einen französischen Spion gefasst. Er verriet uns, dass Temeraire gar nicht für Frankreich bestimmt gewesen war, sondern für Bonaparte selbst.«
Sir Edward nickte. »Das überrascht mich kaum. Der Senat hat Bonaparte vorletzten Mai die Krone zugesprochen. Ihr Zusammentreffen mit dem französischen Schiff lässt vermuten, dass die Chinesen ihm das Ei schickten, sobald sie davon erfuhren. Ich kann mir nur nicht vorstellen, warum sie ihm ein solches Geschenk machen sollten. Bislang war nichts davon zu bemerken, dass sie sich mit Frankreich verbünden wollen, doch die zeitliche Abstimmung passt zu genau, als dass es andere Erklärungen geben könnte.«
»Und wenn sie gewusst hätten, wann das Schlüpfen zu erwarten wäre, würde das auch die Art und Weise des Transportes erklären«, beendete Laurence Sir Edwards Ausführungen. »Sieben Monate von China nach Frankreich, um das Kap Hoorn herum: Die Franzosen können kaum gehofft haben, es rechtzeitig nach Frankreich zu schaffen, es sei denn mit einer schnellen Fregatte, trotz aller damit verbundenen Gefahren.«
»Laurence«, sagte Sir Edward zutiefst traurig. »Ich muss Sie herzlich um Vergebung bitten, dass ich Sie so in die Irre geführt habe. Nicht einmal Unwissenheit kann ich als Entschuldigung bieten. Ich habe die Beschreibung der Himmelsdrachen gelesen, und ich habe viele Zeichnungen von ihnen gesehen. Mir ist einfach nie in den Sinn gekommen, dass sich die Halskrause und die Sprossen erst mit der Reife entwickeln könnten. Was den Körper und die Flügelform angeht, sind die beiden Rassen gleich.«
»Sie brauchen das nicht weiter auszuführen, Sir, es gibt nichts zu entschuldigen«, sagte Laurence. »Es hätte kaum einen Unterschied in seiner Ausbildung gemacht, und schließlich haben wir zu einem äußerst günstigen Zeitpunkt von seiner Fähigkeit erfahren.«
Er lächelte Temeraire an und streichelte das schlanke Vorderbein neben sich, während Temeraire in fröhlicher Zustimmung schnaubte. »Also, mein Lieber, du bist wohl ein Himmelsdrache. Ich sollte nicht überrascht sein. Kein Wunder, dass Bonaparte dich unbedingt wiederhaben will.«
»Ich schätze, sein Zorn wird andauern«, sagte Sir Edward. »Und was noch schlimmer ist: Wir könnten deswegen die Chinesen am Hals haben, wenn sie davon erfahren. Sie sind extrem empfindlich, sofern etwas auch nur im Entferntesten mit dem Ansehen ihres Kaisers zu tun hat. Ich bezweifle nicht, dass sie höchst verärgert sein werden, mit ansehen zu müssen, dass ein britischer Dienstoffizier im Besitz ihres Schatzes ist.«
»Ich verstehe nicht, wieso es Napoleon oder sie auch nur kümmern sollte«, fauchte Temeraire. »Längst stecke ich nicht mehr in meiner Schale, und mir ist es gleich, ob Laurence ein Kaiser ist oder nicht. Wir haben Napoleon in der Schlacht besiegt, sodass er wegfliegen musste, obwohl er ein Kaiser ist. Ich sehe nicht, dass etwas an diesem Titel besonders beeindruckend ist.«
»Reg dich nicht auf, mein Lieber. Die Chinesen haben keinen Grund, Einspruch zu erheben«, sagte Laurence. »Wir haben dich nicht von einem chinesischen Schiff gestohlen, das möglicherweise neutral gewesen wäre, sondern von einem französischen Kriegsschiff. Sie haben sich entschlossen, dein Ei unseren Feinden zu überlassen, und du warst eine rechtmäßige Beute.«
»Ich bin froh, das zu hören«, sagte Sir Edward, aber er sah noch immer besorgt aus. »Trotzdem ist es gut möglich, dass sie auf Konfrontation aus sind. Sie halten wenig von den Gesetzen anderer Nationen und gar nichts von ihnen, wenn ihre eigene Auffassung von angemessenem Verhalten eine andere ist. Wissen Sie irgendetwas darüber, wo sie in Bezug auf uns stehen?«
»Sie könnten eine Menge Lärm machen«, sagte Laurence unsicher. »Ich weiß, dass sie zwar keine nennenswerte Marine haben, aber von ihren Drachen hört man viel. Ich werde Admiral Lenton über die Neuigkeiten informieren, und ich bin mir sicher, er wird besser als ich wissen, wie man mit etwaigen Meinungsverschiedenheiten in dieser Angelegenheit umgehen sollte.«
Über ihren Köpfen war das Geräusch von Flügelschlagen zu hören, und der Boden erbebte unter der Erschütterung. Maximus war zu seiner eigenen Lichtung geflogen, die nicht weit entfernt lag. Laurence konnte seine rotgoldene Haut durch die Bäume hindurch schimmern sehen. Auch mehrere kleinere Drachen flogen über sie hinweg und kehrten zu ihren Ruheplätzen zurück. Offenkundig neigte sich der Ball seinem Ende entgegen, und Laurence bemerkte an den heruntergebrannten Laternen, dass es spät geworden war.
»Sie müssen erschöpft von der Reise sein«, sagte er und wandte sich wieder Sir Edward zu. »Ich möchte noch einmal sagen, dass ich Ihnen zu großem Dank verpflichtet bin, Sir, dass Sie mir diese Nachricht so schnell überbracht haben. Darf ich Sie bitten, mir einen weiteren Gefallen zu tun und mir morgen beim Abendessen die Ehre zu geben? Ich möchte nicht, dass Sie jetzt noch länger in der Kälte herumstehen. Aber ich muss gestehen, dass ich noch viele Fragen zu diesem Thema habe, die ich Ihnen gerne stellen möchte, und ich wäre froh, mehr über den Himmelsdrachen zu erfahren.«
»Es wäre mir ein Vergnügen«, sagte Sir Edward und verbeugte sich vor Laurence und Temeraire. »Nein, danke, ich finde schon allein zurück«, sagte er, als Laurence ihn begleiten wollte. »Ich bin in London aufgewachsen. Als kleiner Junge bin ich oft hier herumgewandert und habe von Drachen geträumt. Ich darf wohl sagen, dass ich den Ort hier besser als Sie kenne; schließlich sind Sie erst seit einigen Tagen hier.« Er verabschiedete sich, nachdem sie ihre Verabredung getroffen hatten.
Eigentlich hatte Laurence die Nacht in einem nahe gelegenen Gasthaus verbringen wollen, wo Kapitän Roland abgestiegen war, doch er merkte, dass er Temeraire nicht allein lassen wollte. Also holte er einige alte Decken aus den Schuppen der Bodenmannschaft, baute sich ein recht staubiges Nest zwischen Temeraires Vorderbeinen und rollte seine Jacke als Kopfkissen zusammen. Am Morgen würde er sich entschuldigen, und Jane würde ihn verstehen.
»Laurence, wie ist es denn in China?«, fragte Temeraire träge, nachdem sie sich gemeinsam niedergelassen hatten und Temeraires Flügel sie vor der Winterluft schützten.
»Ich war noch nie dort, mein Lieber, nur in Indien«, antwortete Laurence. »Aber ich habe gehört, es soll dort fantastisch sein. China ist die älteste Nation der Welt, musst du wissen, und sogar älter als Rom. Und natürlich sind ihre Drachen die prächtigsten auf der ganzen Welt«, fügte er hinzu und sah, wie Temeraire vor Zufriedenheit strahlte.
»Nun ja, vielleicht können wir ja eine Reise dorthin machen, wenn der Krieg vorbei ist und wir gewonnen haben. Ich würde gerne eines Tages andere Himmelsdrachen kennen lernen«, sagte Temeraire. »Aber dass sie mich an Napoleon schicken wollten, ist wirklich Unsinn. Ich werde nie zulassen, dass dich jemand von mir trennt.«
»Ich auch nicht, mein Lieber«, flüsterte Laurence und lächelte, trotz all der Schwierigkeiten, die es, wie er wusste, geben würde, wenn China anderer Ansicht wäre. Im Herzen teilte er die vereinfachte Sicht Temeraires. Es dauerte gar nicht lange, und er glitt in den Schlaf hinüber, geborgen in der Sicherheit des langsamen, tiefen Pochens von Temeraires Herz, das ihn an den ewigen Klang des Meeres erinnerte.

Gelber Schnitter mit Besatzung
Auf dem Londoner Stützpunkt November 1805

Ausgewählte Auszüge aus den
Beobachtungen der Drachenrassen in Europa, mit Anmerkungen zu den orientalischen Rassen
von Sir Edward Howe,
Mitglied der Königlichen Gesellschaft
London
John Murray, Albemarle Street
1796
Einleitende Bemerkungen des Autors zur
Ermittlung des Drachengewichts
Ungläubigkeit ist die häufigste Reaktion meiner Leser auf die Zahlen, die im Folgenden genannt werden, um das Gewicht von verschiedenen Drachenrassen anzugeben, da sie in keiner Weise mit jenen übereinstimmen, die bislang genannt wurden. Weithin bekannt ist die Schätzung eines Gewichts von 10 Tonnen bei einem ausgewachsenen Königskupfer, und schon ein solch massiger Körper ist schwer vorzustellen. Was erst muss der geneigte Leser glauben, wenn ich dies als grobe Unterschätzung bezeichne und viel eher ein Gewicht von 30 Tonnen veranschlage und sogar so weit gehe, bei den größten dieser Rasse ein Gewicht von bis zu 50 Tonnen anzunehmen?
Zur Erläuterung muss ich den Leser auf die kürzlich erschienene Arbeit von M. Cuvier verweisen. In seinen letzten anatomischen Studien der Luftsäcke, die den Drachenflug ermöglichen, hat M. Cuvier sich seinerseits auf das Werk von Mr. Cavendish bezogen und auf dessen erfolgreiche Isolierung dieser besonderen Gase der Luftsäcke hingewiesen, die leichter als die übliche Zusammensetzung der Luft sind. Auch er hat ein neues System der Berechnung vorgeschlagen. Durch ein Verrechnen des Gewichts, das von den Luftsäcken verdrängt wird, gelingt ihm ein besserer Vergleich zwischen dem Gewicht von Drachen und dem von anderen großen Landtieren, denen diese Organe fehlen.
Diejenigen Leser, die noch nie einen leibhaftigen Drachen gesehen haben und erst recht noch keinen der größten Rassen, bei denen die Diskrepanz am deutlichsten zutage treten dürfte, mögen skeptisch sein. Die anderen, die, so wie ich, die Gelegenheit hatten, einen Königskupfer Seite an Seite mit den allergrößten Indischen Elefanten zu sehen, deren Gewicht ihrerseits mit 6 Tonnen festgelegt worden ist, werden mir hoffentlich zustimmen und ein Messsystem bevorzugen, das nicht den lächerlichen Vorschlag macht, dass das eine Tier, welches das andere beinahe mit nur einem Biss verschlingen könnte, weniger als doppelt so viel wiegen sollte.
Sir Edward Howe
Dezember 1795
Heimische Rassen der Britischen Inseln – Gewöhnliche Rassen – Verhältnis zu den kontinentalen Rassen – Die Auswirkungen moderner Fütterung auf die Größe – Ererbte Anlagen des Königskupfers – Giftige und ätzende Rassen
… Auch ist es gut, sich in Erinnerung zu rufen, dass die Gelben Schnitter, auf die so häufig mit der Verachtung herabgeblickt wird, die man dem Altvertrauten entgegenbringt, aufgrund ihrer vielen hervorragenden Eigenschaften überall zu finden sind. Im Allgemeinen sind sie zäh und wenig wählerisch bei ihrer Nahrung. Außer bei den schlimmsten Extremen von Hitze oder Kälte zeigen sie sich Temperaturen gegenüber unempfindlich, sind fast immer von freundlichem Charakter, und sie haben beinahe zu jeder Blutlinie dieser Inseln beigetragen. Zumeist handelt es sich bei diesen Drachen um mittelgewichtige Tiere, auch wenn es innerhalb der Rasse größere Schwankungen als üblich gibt und ein Gewicht von etwa 10 Tonnen bis 17 Tonnen bei einem besonders großen Exemplar beobachtet werden kann. Als normal gilt ein Gewicht zwischen 12 und 15 Tonnen bei einer Länge von 15 Metern und einer gut ausgewogenen Flügelspannweite von etwa 25 Metern.
Malachit-Schnitter sind am einfachsten durch ihre Färbung von ihren häufiger vorkommenden Verwandten zu unterscheiden: Während Gelbe Schnitter gelb getupft sind und manchmal weiße Tigerstreifen an den Flanken und den Flügeln aufweisen, zeigen Malachit-Schnitter eine gedämpfte Tönung in einem bräunlichen Gelb mit hellgrüner Zeichnung. Landläufig glaubt man, dass es sich bei ihnen um das Ergebnis einer wilden Kreuzung während der Angelsächsischen Eroberung zwischen Gelben Schnittern und Skandinavischen Lindwürmern handelt. Da sie kühleres Klima bevorzugen, findet man sie im Allgemeinen im Nordosten Schottlands.
Aus Bildern von Jagdszenen und Knochenfunden wissen wir, dass die Rasse der Grauen Witwenmacher einst genauso allgegenwärtig war wie die der Schnitter, auch wenn bekannt ist, dass man sie nur schwer aufspüren kann. Diese Rasse ist so eigensinnig und neigt dazu, Hausvieh zu reißen, dass sie durch die Jagd beinahe vollständig ausgerottet worden ist. Einzelne Individuen können jedoch sogar bis zum heutigen Tage wildlebend gefunden werden, zumeist in einsamen Bergregionen, vor allem in Schottland. Einige konnten in Zuchtgehege gelockt werden, um den Fortbestand der Rasse zu gewährleisten. Sie sind von Natur aus klein, doch angriffslustig, und bringen es selten auf mehr als 8 Tonnen. Die Tönung mit ihrem getupften Grau bewirkt, dass diese Tiere sich beim Fliegen gut verbergen können, was zu einer Kreuzung mit dem ausgeglicheneren Winchester inspiriert hat, wodurch die Rasse der Graulinge entstanden ist.
Die häufigsten französischen Rassen, der Pêcheur-Couronné und der Pêcheur-Rayé, sind enger mit der Rasse der Witwenmacher als der der Schnitter verwandt, wenn wir nach der Gestalt der Flügel und des Brustknochens urteilen. Letztere ist bei beiden Rassen kielförmig und mit dem Schlüsselbeinknochen verwachsen. Diese anatomische Besonderheit macht sie beide besonders nützlich bei der Zucht von Tieren mit leichtem Kampfgewicht und Botendienstrassen, weniger jedoch bei der für Tiere mit schwerem Kampfgewicht …
Die Kreuzung mit den kontinentalen Spezies bildet die Quelle für alle Züchtungen mit schwerem Kampfgewicht, die sich heute in Großbritannien finden lassen und von denen keine ursprünglich an unseren Küsten heimisch war. Wahrscheinlich ist dies dem Klima geschuldet: Die schwereren Drachen bevorzugen eindeutig wärmere Regionen, wo ihre Luftsäcke leichter ihr enormes Gewicht ausgleichen können. Es wurde vermutet, dass die Britischen Inseln keine Herden nähren können, die groß genug sind, die größten Rassen zu versorgen. Die Schwachpunkte dieser Überlegung liegen jedoch auf der Hand, wenn man bedenkt, welch unterschiedliche Menge an Nahrung von den Drachen aufgenommen wird.
Es ist weithin bekannt, dass die Drachen in der Wildnis nur sehr unregelmäßig fressen, manchmal nur einmal in zwei Wochen, besonders im Sommer, wenn sie einen Großteil der Zeit verschlafen und ihre natürliche Beute am fettesten ist. So dürfte es keine Überraschung sein zu erfahren, dass die Drachen in der freien Wildbahn nicht an die Größe ihrer domestizierten Verwandten heranreichen, die täglich und häufiger gefüttert werden, besonders in den ersten Jahren, die für das Wachstum so entscheidend sind.
Als Beispiel müssen wir nur die kahlen Wüstenregionen von Almería im Südosten Spaniens heranziehen, die spärlich von Ziegen bewohnt werden, die aber als Herkunftsort des wilden Cauchador Real gilt, welcher zum Teil ein Vorfahre unseres heimischen Königskupfers ist. In gezähmter Haltung erlangt diese Rasse ein Kampfgewicht von etwa 25 Tonnen, doch in der Wildnis lässt sich selten ein Tier mit einem Gewicht von über 10 oder 12 Tonnen finden…
Der Königskupfer übertrifft in der Größe alle zurzeit bekannten Rassen, denn ausgewachsen erreicht er ein Gewicht von 50 Tonnen und eine Länge von 36 Metern. Diese Drachen haben eine dramatische Färbung, mit Schattierungen von Rot bis hin zu Gelb, mit einer großen Bandbreite an Variationen zwischen den einzelnen Individuen. Das Männchen der Spezies ist im Durchschnitt ein wenig kleiner als das Weibchen und entwickelt als ausgewachsenes Exemplar Stirnhörner. Beide Geschlechter haben einen zackigen Rückenkamm, der sie zu einem besonders gefährlichen Ziel für Enterversuche macht.
Diese großen Tiere sind zweifellos der größte Triumph der britischen Zuchtgehege und das Ergebnis der Arbeit und sorgfältigen Kreuzung von gut zehn Generationen. Sie illustrieren die unerwartet guten Resultate, die man durch Paarung auch ohne zunächst sichtlichen Nutzen erzielen kann. Es war Roger Bacon, der als Erster vorschlug, die Weibchen der kleinen Prachtkupfer mit dem großen, männlichen Conquistador zu kreuzen, der als Teil der Mitgift von Eleanor von Kastilien nach England gebracht worden war. Auch wenn Bacons Vorschlag durch die irrige Annahme seiner Zeit begründet war, dass die Färbung ein Zeichen von grundlegenden Charakterzügen sei und das gemeinsame Orange der beiden als tiefgehende Kongruenz zu verstehen sei, war die Kreuzung doch fruchtbar. Sie führte zu Nachkommen, die sogar noch größer als der beeindruckende Zuchtvater und eher in der Lage waren, über weite Strecken fliegen zu können.
Mr. Josiah Colquhoun aus Glasgow betonte, dass die unproportionale Größe der Luftsäcke beim Prachtkupfer im Verhältnis zum Körper wahrscheinlich verantwortlich für diesen Erfolg sei, und es ist bewiesen, dass der Königskupfer dieses Charakteristikum mit seinen weiblichen Vorfahren teilt. M. Cuviers anatomische Studien zeigen, dass der riesige Körper des Königskupfers tatsächlich jeden Atemzug aus den Lungen der Drachen pressen würde, wenn sie lediglich durch den erstaunlich leichten Knochenbau gestützt würden …
Zwar gibt es keine Feuer spuckenden Rassen auf den Britischen Inseln – trotz der zahllosen Versuche der Züchter, zu dieser wertvollen Fähigkeit zu gelangen, die in Gestalt der französischen Flamme-de-Gloires und der spanischen Flecha de Fuegos so verheerend für unsere Schiffe waren –, die Rasse der heimischen Scharfspucker ist jedoch bekannt dafür, ein Gift zu produzieren, das ihre Beute außer Gefecht setzt. Auch wenn der Scharfspucker selbst zu klein ist und zu niedrig fliegt, um als kämpfendes Tier von großem Nutzen zu sein, wurde er mit dem französischen Honneur d’Or gekreuzt, um eine zufriedenstellendere Größe zu erreichen, und ebenfalls mit dem russischen Eisenflügel, einer weiteren giftigen Spezies. So gewann man etliche wertvolle Kreuzungen: bessere Flieger von mittelgewichtiger Größe, die ein weitaus zerstörerisches Gift versprühen.
Zwischenkreuzungen und ständiges Einkreuzen der Elternrassen kulminierten zur Zeit Heinrichs VII. mit dem Schlüpfen des ersten Drachen, der zu Recht als Langflügler bezeichnet werden kann. Bei dieser Züchtung war das Gift bereits so stark geworden, dass es richtigerweise als Säure bezeichnet werden musste und mit solcher Kraft austrat, dass es nicht nur gegen andere Tiere eingesetzt werden konnte, sondern auch gegen Ziele am Boden. Die einzigen anderen wirklich säurespritzenden Rassen, die uns zur Zeit bekannt sind, sind die Copacati, eine Züchtung der Inka, und die Ka-Rius aus Japan.
Leider sind Langflügler auf dem Schlachtfeld sofort zu erkennen und können dank ihrer ungewöhnlichen Proportionen, die ihnen den Namen eingebracht haben, nicht getarnt werden. Obgleich sie selten länger als 18 Meter werden, sind Flügelspannen von bis zu 36 Meter nicht ungewöhnlich. Die Flügelfarbe ist besonders leuchtend und reicht von Blau bis Orange, mit lebendigen schwarz-weißen Streifen an den Rändern. Sie haben die gleichen gelborangefarbenen Augen wie ihre Vorfahren, die Scharfspucker, und sie sind außergewöhnlich gut. Zunächst glaubte man, die Rasse sei eigensinnig, und stellte sogar Überlegungen an, sie wieder auszurotten, weil die Tiere zu gefährlich waren, wenn sie nicht angeschirrt wurden. Unter der Herrschaft von Elisabeth I. jedoch kamen neue Methoden des Anschirrens auf, die eine allgemeine Zähmung der Rasse sicherten, und die Drachen waren grundlegend an der Zerstörung der spanischen Armada beteiligt…
Vergleich zwischen den orientalischen und den westlichen Züchtungen – Die Vorzeit der orientalischen Drachen – Bekannte Rassen, den Kaisern von China und Japan vorbehalten – Besondere Charakteristika der Kaiserdrachen – Eine Anmerkung zum Himmelsdrachen
… Die Geheimnisse der Zuchtprogramme bei den Kaiserdrachen werden eifersüchtig bewacht wie die nationalen Schätze, zu denen sie sicherlich ebenfalls gezählt werden. Diese Geheimnisse werden ausschließlich an vertrauensvolle Nachfolger von Mund zu Mund weitergegeben oder in geheimen, kodierten Dokumenten. Deshalb ist im Westen, und tatsächlich sogar überall außerhalb der Kaiserlichen Hauptstadt, sehr wenig über diese Rassen bekannt.
Kurze Beobachtungen von Reisenden haben lediglich eine Hand voll zusammenhangloser Einzelheiten zur Folge gehabt. Wir wissen, dass die Kaiser- und die Himmelsdrachen sich durch die Anzahl der Krallen an ihren Klauen von anderen Drachen abheben, denn sie haben fünf, während buchstäblich jede andere Drachenrasse nur vier Krallen hat. Ähnlich verhält es sich mit ihren Flügeln, die sechs Fingerknochen haben, und nicht fünf, wie es bei den europäischen Rassen üblich ist. Im Orient schreibt man diesen Tieren allgemein eine überragende Intelligenz zu. Außerdem erhalten sich jene Drachen ihr außergewöhnliches Gedächtnis und die Sprachbegabung bis ins hohe Alter, obwohl Drachen sie normalerweise früh im Leben verlieren.
Für die Richtigkeit dieser Behauptungen haben wir nur einen Zeugen, allerdings handelt es sich um einen glaubwürdigen: M. le Comte de la Pérouse ist am koreanischen Hof einem Kaiserdrachen begegnet. Durch die engen Beziehungen zum chinesischen Hof wurde den Koreanern häufig das Privileg eines Kaiserdrachen-Eies gewährt. Der oben Genannte war der erste Franzose, der in jüngerer Geschichte an diesen Hof kam, denn er wurde gebeten, seine Sprache zu unterrichten. Laut seinem Bericht war der Drache zwar bereits voll ausgewachsen, doch als der Mann wieder abreiste, konnte der Drache eine flüssige Unterhaltung in Französisch bestreiten. Nach kaum einem Monat war dies eine Leistung, auf die nicht einmal begabte Sprachwissenschaftler verächtlich herabblicken dürften …
Aus den wenigen Zeichnungen, die wir im Westen von den orientalischen Rassen an uns gebracht haben, schließen wir, dass der Himmelsdrache eng mit dem Kaiserdrachen verwandt ist, doch es ist nur sehr wenig über sie bekannt. Den »Göttlichen Wind«, die geheimnisvollste Fähigkeit der Drachen, kennen wir nur vom Hörensagen. Demnach sollen wir glauben, dass die Himmelsdrachen in der Lage sind, Erdbeben und Stürme heraufzubeschwören – und sogar eine Stadt dem Erdboden gleichmachen können. Es ist offenkundig, dass diese Auswirkungen des Göttlichen Windes großzügig übertrieben wurden, doch unter den orientalischen Völkern ist ein bemerkenswerter Respekt gegenüber dieser Fähigkeit zu verzeichnen, welcher Warnung genug sein sollte, diese Gabe nicht allzu eilig als pure Fantasie abzutun …