Cover

Das Buch

Am Tag von Jack Mercys Beerdigung treffen seine drei Töchter aus drei Ehen zum ersten Mal aufeinander. Der reiche Farmer hat in seinem Testament verfügt, dass sie gemeinsam ein Jahr auf der Ranch in Montana leben müssen, um ihr Erbe anzutreten. Willa ist als Einzige dort aufgewachsen und nicht gerade begeistert vom Einzug der fremden Schwestern. Die schüchterne Lily, die vor ihrem Exmann flieht, ist froh über ein neues Zuhause. Karrierefrau Tess hingegen lässt nur ungern ihre Arbeit in Hollywood zurück. Unter Willas beherztem Regiment bewirtschaften sie die Ländereien und verdrehen den Männern mit ihrer unterschiedlichen Art den Kopf. Die drei Frauen beginnen gerade, sich aneinander zu gewöhnen, als es zu schrecklichen Ereignissen kommt: Erst werden Tiere tödlich verwundet, dann auch Menschen angegriffen. Ist es ein Psychopath, der sein Unwesen treibt, oder steckt ein perfider Plan dahinter? Die Gefahr ist mitten unter ihnen – können die Schwestern sich und ihr Erbe beschützen?

Die Autorin

Nora Roberts wurde 1950 geboren und gehört heute zu den meistgelesenen Autorinnen der Welt. Ihre Bücher haben eine weltweite Gesamtauflage von über 450 Millionen Exemplaren, und auch in Deutschland erobert sie mit ihren Romanen regelmäßig die Bestsellerlisten. Nora Roberts hat zwei erwachsene Söhne und lebt mit ihrem Ehemann in Maryland, USA.

Nora

Roberts

Der weite Himmel

Roman

Aus dem Amerikanischen von Nina Bader

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Vollständige deutsche Taschenbuchneuausgabe 06/2017

Copyright © 1996 by Nora Roberts

Die Originalausgabe erschien 1996 unter dem Titel Montana Sky bei G. P. Putnams’s Sons, New York

Copyright © 1998 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München und © 2017 dieser Ausgabe by Diana Verlag, München,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen

Umschlaggestaltung: t.mutzenbach design, München

Umschlagmotiv: © Trevillion; Roman Mikhailiuk, silky, Bruce Ellis/Shutterstock

Satz: Leingärtner, Nabburg

Alle Rechte vorbehalten

ISBN 978-3-641-09187-3
V003

www.diana-verlag.de

Für die Familie

Die Welt sich unaufhörlich dreht

Vom Hauch der Ewigkeit umweht

Darüber strahlend unbewegt

Der weite Himmel sich erhebt

Des Menschen Herz zerreißt das Band

Das fest verbindet Meer und Land

Des Menschen Geist den Himmel teilt

Bis Gottes Antlitz ihm erscheint

Doch was der Mensch im Wahn getrennt

Mit Macht nun zueinander drängt

Und er, der endlos uns erscheint

Der Himmel ist’s, der alles eint.

EDNA ST. VINCENT MILLAY

Erster Teil

Herbst

Ein schönes, todgeweihtes Jahr

A. E. HOUSMAN

KAPITEL   1

Jack Mercys Tod änderte nichts an der Tatsache, dass er ein elender Hundesohn war. Die eine Woche, die er nun friedlich im Sarg lag, wog die achtundsechzig Jahre eines Lebens voller Niedertracht bei Weitem nicht auf, und viele der Menschen, die an seinem Grab zusammengekommen waren, hätten ihrem Herzen nur zu gerne Luft gemacht.

Begräbnis hin, Begräbnis her, Bethanne Mosebly flüsterte ihrem Mann ebenjene unfreundlichen Äußerungen ins Ohr, während sie im hohen Gras des Friedhofes standen. Nur ihre Zuneigung zu der jungen Willa hatte sie überhaupt hierhergeführt, und auch diese Bemerkung war während der gesamten Fahrt von Ennis bis zum Friedhof wieder und wieder gefallen.

Bob Mosebly, der das Geschnatter seiner Frau seit nunmehr sechsundvierzig Jahren ertrug, gab einen unverbindlichen Laut von sich und blendete dann ihre Stimme sowie die eintönige Rede des Pfarrers einfach aus. Nicht dass Bob freundliche Erinnerungen an Jack hegte. Er hatte den alten Bastard gehasst – wie fast jede lebende Seele im Staate Montana.

Inzwischen hatte sich in jenem idyllischen Eckchen der Mercy Ranch, die im Schatten der Big Belt Mountains nahe dem Ufer des Missouri lag, eine beachtliche Menschenmenge eingefunden, die sich hauptsächlich aus Ranchern, Cowboys, Kaufleuten und Politikern der Umgebung zusammensetzte. Hier, wo das Vieh friedlich auf den Hügeln graste und Pferde über die sonnigen Weiden galoppierten, lagen Generationen von Mercys unter dem sacht im Winde wehenden Gras begraben.

Jack war der letzte. Er selbst hatte den Sarg aus schimmerndem Kastanienholz bestellt, der eigens für ihn angefertigt und mit den ineinander verschlungenen goldenen Ms, dem Zeichen der Mercy Ranch, versehen worden war. Nun schlummerte er, bekleidet mit seinen besten Schlangenlederstiefeln und seinem uralten Lieblingsstetson, seinen Ochsenziemer zwischen den gefalteten Händen, für immer in der mit weißem Satin ausgeschlagenen Kiste.

Jack hatte stets erklärt, er wolle so abtreten, wie er gelebt hatte: in großem Stil.

Man erzählte sich, dass Willa bereits, den Instruktionen ihres Vaters Folge leistend, einen Grabstein bestellt hatte. Aus weißem Marmor sollte er sein – keinen gewöhnlichen Granitstein für Jackson Mercy, o nein –, und die Inschrift, die darin eingemeißelt werden sollte, hatte er auch bestimmt.

Hier ruht Jack Mercy

Er lebte, wie es ihm gefiel, und so starb er auch

Wem das nicht passt, der soll zum Teufel gehen

Sobald die Erde sich gesenkt hatte, würde der Stein aufgestellt werden und sich zu all den anderen gesellen, die verstreut auf dem steinigen Land standen. Alle Mercys lagen hier, angefangen bei Jacks Urgroßvater Jebidiah Mercy, der die Berge durchstreift und sich schließlich auf diesem Fleckchen Erde niedergelassen hatte, bis hin zu Jacks dritter Frau – der einzigen, die gestorben war, ehe er sich von ihr scheiden lassen konnte.

War es nicht eine Laune des Schicksals, grübelte Bob, dass ihm jede seiner Frauen eine Tochter geschenkt hatte, obwohl er sich doch nichts sehnlicher wünschte als einen Sohn? Vielleicht hatte Gott auf diese Weise einen Mann gestraft, der in jeder Hinsicht über Leichen ging, um das zu bekommen, was er wollte.

Bob konnte sich an jede von Jacks Frauen noch gut erinnern, obwohl keine lange geblieben war. Bildhübsch waren sie gewesen, alle drei, und auch die Töchter konnte man nicht gerade als hässlich bezeichnen. Bethanne hatte die Telefonleitungen zum Glühen gebracht, als bekannt geworden war, dass Mercys beide älteren Töchter zu seiner Beerdigung erscheinen würden. Keine hatte je zuvor einen Fuß auf Mercy-Land gesetzt. Sie wären auch nicht willkommen gewesen.

Nur Willa war geblieben. Mercy hatte kaum etwas dagegen unternehmen können, da ihre Mutter gestorben war, als sie noch in den Windeln lag. Da er keine Freunde oder Verwandten besaß, denen er das Kind hätte aufbürden können, wurde das Baby der Obhut seiner Haushälterin anvertraut, und Bess hatte das Mädchen großgezogen, so gut sie konnte.

Jede der drei Frauen hatte etwas von Jack, stellte Bob fest, während er sie unter der Krempe seines Hutes hervor betrachtete. Das dunkle Haar, das energische Kinn. Man sah sofort, dass es sich um Schwestern handelte, obwohl die drei sich noch nie begegnet waren. Mit der Zeit würde sich herausstellen, ob sie miteinander auskamen, und mit der Zeit würde sich auch zeigen, ob Willa genug von Jack Mercy in sich hatte, um eine fünfundzwanzigtausend Morgen umfassende Ranch zu leiten.

Auch Willa dachte an die Ranch und an die Arbeit, die vor ihr lag. Es war ein herrlicher klarer Morgen, und die Natur prunkte mit leuchtenden Farben, deren Intensität für die Augen fast schmerzhaft war. Die Berge und das Tal mochten zwar schon ihr Herbstgewand angelegt haben, doch der heiße, trockene Chinookwind war noch einmal zurückgekehrt. An diesem Tag Anfang Oktober war es warm genug, um in Hemdsärmeln herumzulaufen, doch das konnte sich morgen schon ändern. In den höheren Lagen hatte es bereits geschneit, Willa konnte die mit Schnee bedeckten Gipfel und Wälder sehen. Das Vieh musste zusammengetrieben, die Zäune überprüft, repariert und wieder überprüft werden. Auch die Wintersaat war fällig.

Das war nun ihre Aufgabe. Alles lag in ihren Händen. Jack Mercy war nicht länger Herr über die Mercy Ranch, sondern sie.

Sie hörte zu, als der Priester von immerwährendem Leben, Vergebung aller Sünden und Aufnahme in die himmlischen Gefilde sprach, und dachte, dass sich ihr Vater einen Dreck um seine mögliche Einkehr in den Himmel geschert hätte. Zeit seines Lebens hatte er sich nur in seinem eigenen Heim wohlgefühlt. Montana war seine Heimat gewesen, dieses weite Land der Berge und der Weiden, der Adler und der Wölfe.

Ihr Vater wäre im Himmel genauso unglücklich wie in der Hölle.

Willas Gesicht zeigte keine Regung, als der protzige Sarg in die frisch ausgehobene Grube hinabgelassen wurde. Sie hatte eine zart goldfarbene Haut, die sie zum einen der Sonne, zum anderen dem indianischen Blut, Erbteil ihrer Mutter, verdankte. Ihre Augen, fast ebenso schwarz wie ihr Haar, das sie für das Begräbnis hastig zu einem unordentlichen Zopf geflochten hatte, waren unverwandt auf die letzte Ruhestätte ihres Vaters gerichtet. Sie trug keinen Hut, sodass die Sonne ihre Augen aufleuchten ließ. Doch sie vergoss keine Träne.

Willa hatte stolze Gesichtszüge, hohe Wangenknochen, einen breiten, ein wenig hochmütigen Mund und dunkle, exotische Augen mit schweren Lidern und dichten Wimpern. Im Alter von acht Jahren war sie von einem bockenden Mustang gestürzt und hatte sich dabei die Nase gebrochen, die seither leicht nach links zeigte. Willa tröstete sich damit, dass die kleine Entstellung ihrem Gesicht Charakter verlieh. Charakter bedeutete Willa Mercy sehr viel mehr als bloße Schönheit. Männer respektierten schöne Frauen nicht, so viel wusste sie. Sie benutzten sie nur.

Regungslos stand sie da, während sich einzelne Strähnen aus ihrem Zopf lösten und im Wind tanzten; eine Frau von durchschnittlicher Größe, schlank und geschmeidig gebaut, in einem schlecht sitzenden schwarzen Kleid und hochhackigen schwarzen Schuhen, die bis zu diesem Morgen ihren Karton noch nie verlassen hatten. Eine Frau von vierundzwanzig Jahren, deren Gedanken um ihre Arbeit kreisten und die einen brennenden Schmerz mit sich herumtrug.

Sie hatte Jack Mercy trotz all seiner Fehler geliebt. Und sie hatte kein einziges Wort für die beiden fremden Frauen gefunden, in deren Adern dasselbe Blut floss und die gekommen waren, um ihrem Vater das letzte Geleit zu geben.

Flüchtig wanderte ihr Blick zum Grab von Mary Wolfchild Mercy und verharrte dort einen Augenblick. Die Mutter, an die sie sich nicht mehr erinnern konnte, lag unter einem sanften, mit Wildblumen bepflanzten Hügel begraben. Die Blüten schimmerten im Licht der Herbstsonne wie bunte Edelsteine. Adams Werk, dachte sie, hob den Blick und sah ihrem Halbbruder in die Augen. Er wusste besser als jeder andere, dass sie den Tränen, die tief in ihr aufstiegen, niemals freien Lauf lassen konnte.

Als Adam ihre Hand ergriff, schlossen sich ihre Finger um die seinen. Er war jetzt alles an Familie, was ihr noch blieb.

»Er hat sein Leben in vollen Zügen genossen«, murmelte Adam. Seine Stimme klang weich und beruhigend. Wären sie allein gewesen, hätte Willa sich zu ihm umdrehen, ihren Kopf an seiner Schulter bergen und dort Trost finden können.

»Ja, das hat er. Und nun ist es vorüber.«

Adam schaute zu den beiden Frauen, Jack Mercys anderen beiden Töchtern, hinüber und dachte, dass etwas anderes gerade erst begann. »Du musst mit ihnen sprechen, Willa.«

»Sie schlafen unter meinem Dach, essen an meinem Tisch.« Absichtlich blickte Willa wieder auf das Grab ihres Vaters. »Das ist genug.«

»Sie sind deine Blutsverwandten.«

»Nein, Adam, du bist mein Blutsverwandter. Sie bedeuten mir nichts.« Willa wandte sich von ihm ab und sammelte Kraft, um die Beileidsbezeugungen entgegenzunehmen.

Gab es in einer Familie einen Todesfall, so brachten die Nachbarn Lebensmittel und Kuchen vorbei. Diese tief verwurzelte Tradition ließ sich nicht unterbinden. Auch hatte Willa Bess nicht daran hindern können, für drei Tage im Voraus zu kochen, um für das gerüstet zu sein, was die Haushälterin ein Trauermahl nannte. Und das war in Willas Augen eine lächerliche Farce. Nicht die Trauer hatte die Leute zu ihnen getrieben, sondern schiere Neugier. Viele von ihnen, die jetzt im Haupthaus versammelt waren, waren nicht zum ersten Mal da. Jack Mercys Tod verschaffte ihnen wiederum Einlass, und sie nutzten diese Gelegenheit nach Kräften aus.

Das Haupthaus war eine echte Sehenswürdigkeit, ganz im Stile Jack Mercys. Wo vor mehr als hundert Jahren eine Blockhütte mit Lehmboden gestanden hatte, erhob sich nun ein mehrstöckiges, weitläufiges Gebäude aus Stein, Holz und Glas. Teppiche aus aller Herren Länder bedeckten die schimmernden Fußböden aus Kiefernholz und glänzenden Fliesen. Jack Mercy hatte mit Begeisterung die unterschiedlichsten Dinge gesammelt. Nachdem er die Mercy Ranch übernommen hatte, verbrachte er fünf Jahre damit, das, was einst ein gemütliches Heim gewesen war, in seinen ganz persönlichen Palast zu verwandeln.

Ist man reich, dann muss man auch einen entsprechenden Lebensstandard pflegen, so lautete seine ständige Redensart. Und er richtete sich auch danach. Er hatte Gemälde und Skulpturen gesammelt und weitere Räume anbauen lassen, um seine Kunstgegenstände auch ausstellen zu können. Die Eingangshalle war mit saphirblauen und rubinroten Fliesen ausgelegt worden, in denen sich das Emblem der Mercy Ranch ständig wiederholte. Die Treppe zum zweiten Stock bestand aus poliertem, wie Glas schimmerndem Eichenholz, den Geländerpfosten bildete ein geschnitzter Wolf, der mitten im Geheul erstarrt zu sein schien.

Hier hatte sich ein Großteil der Gäste versammelt. Viele bestaunten die Figur mit großen Augen, wobei sie reichlich gefüllte Teller in den Händen balancierten. Andere drängelten sich in dem riesigen Wohnzimmer, wo eine große halbkreisförmige Couchgarnitur aus weichem cremefarbenem Leder stand. Über dem aus glattem Flussgestein gefertigten Kamin, der eine ganze Wand einnahm, hing ein lebensgroßes Porträt von Jack Mercy auf einem schwarzen Hengst. Sein Kopf war leicht zur Seite geneigt, und in einer Hand hielt er seinen Ochsenziemer. Vielen kam es so vor, als würden diese harten blauen Augen sie dafür verurteilen, dass sie in seinem Haus saßen und mit seinem Whiskey auf seinen Tod anstießen.

Für Lily Mercy, die zweite Tochter von Jack Mercy, die er kurz nach ihrer Geburt verstoßen hatte, bedeutete diese Versammlung die reinste Qual. Das Haus, die vielen Menschen, der Lärm. Das Zimmer, das sie seit ihrer Ankunft bewohnte, war so hübsch. Und so ruhig, dachte sie nun und rückte unauffällig näher an das Geländer der Seitenveranda heran. Das reizende Bett, der goldene Holzfußboden, die Seidentapete.

Die Einsamkeit.

Danach sehnte sie sich mit jeder Faser ihres Herzens, als sie zu den Bergen hinüberschaute. Wie beeindruckend, so mächtig, so rau. Nicht zu vergleichen mit den unbedeutenden kleinen Hügeln ihrer Heimat Virginia. Und dann der endlose tiefblaue Himmel, der sich über die riesigen Landflächen erstreckte. Sie hätte es nicht für möglich gehalten, dass eine solche Landschaft überhaupt existierte. Sie war entzückt von der Weite und dem Wind, der fast unaufhörlich wehte. Und dann diese Farben! Gold- und Rosttöne, Scharlachrot und Bronze. Sowohl die Berge als auch die Täler waren in ein Meer von herbstlichen Farben getaucht.

Bereits jetzt schon liebte sie die kraftvolle Schönheit des Tales, in dem die Ranch lag. Von ihrem Fenster aus hatte sie an diesem Morgen Hochwild beobachtet, das an dem silbern im Morgenlicht glänzenden Fluss trank. Sie hatte Pferdegewieher gehört, Männerstimmen, das Krähen eines Hahnes und einen Schrei, bei dem es sich eventuell – hoffentlich – um den eines Adlers gehandelt haben könnte.

Sie fragte sich, ob sie wohl – sollte sie tatsächlich den Mut aufbringen, durch die Wälder des Vorgebirges zu wandern – die Elche, Wapitis und Füchse zu Gesicht bekommen würde, über die sie auf ihrem Flug nach Westen so begierig gelesen hatte.

Sie hoffte, dass man ihr gestatten würde, noch einen weiteren Tag hierzubleiben – doch wo sollte sie hingehen, was sollte sie tun, wenn man sie aufforderte, die Ranch zu verlassen?

In den Osten konnte sie vorerst nicht zurückkehren. Unsicher betastete sie den sich grüngelb verfärbenden Bluterguss, den sie durch Make-up und eine Sonnenbrille zu verdecken suchte. Jesse hatte sie gefunden. Sie war so vorsichtig gewesen, und doch hatte er sie gefunden, und die gerichtliche Verfügung hatte ihn nicht davon abgehalten, seine Fäuste an ihr zu erproben. Nichts konnte ihn davon abhalten. Die Scheidung hatte ihn nicht zur Vernunft gebracht, und auch das dauernde Umziehen und Weglaufen hatte nichts gefruchtet.

Aber vielleicht konnte sie hier, Tausende von Meilen von ihm entfernt, in einem so riesigen Land wie diesem, endlich wieder von vorne anfangen. Ohne die ständige Furcht im Nacken.

Der Brief des Anwalts, in dem ihr der Tod Jack Mercys mitgeteilt und sie aufgefordert wurde, nach Montana zu reisen, war ihr wie ein Geschenk des Himmels erschienen. Obwohl alle Kosten schon im Voraus bezahlt worden waren, hatte sich Lily den Aufschlag für das Ticket erster Klasse auszahlen lassen und unter drei verschiedenen Namen Flüge kreuz und quer durch die Staaten gebucht. Wie gerne würde sie daran glauben, dass Jesse Cooke sie hier nicht finden würde. Sie wollte nicht mehr ständig auf der Flucht sein, ständig in Angst leben.

Vielleicht konnte sie ja nach Billings oder Helena ziehen und sich dort einen Job suchen. Irgendeinen Job. Schließlich verfügte sie über einige Fertigkeiten. Sie war ausgebildete Lehrerin und konnte mit einem Computer umgehen. Vielleicht gelang es ihr, ein kleines Apartment zu finden, und wenn es für den Anfang auch nur ein einzelnes Zimmer war. Aber sie würde wieder auf eigenen Füßen stehen.

Hier könnte sie leben, dachte sie, während sie über die endlose, furchteinflößende, großartige Ebene blickte. Vielleicht gehörte sie sogar hierher.

Als eine Hand ihren Arm berührte, fuhr sie zusammen und unterdrückte einen entsetzten Aufschrei. Das Herz schlug ihr bis zum Hals.

Es war nicht Jesse. Der Mann neben ihr war dunkelhaarig, Jesse hingegen blond. Dieser Mann hatte eine bronzefarbene Haut, und das Haar fiel ihm bis auf die Schultern. Sanfte, sehr dunkle Augen leuchteten in einem Gesicht von herber männlicher Schönheit.

Aber auch Jesse war ein ausgesprochen attraktiver Mann. Lily wusste nur zu gut, welche Grausamkeit sich hinter einer schönen Fassade verbergen konnte.

»Es tut mir leid.« Adams Stimme klang so beschwichtigend, als wolle er einen verschreckten Welpen oder ein krankes Fohlen beruhigen. »Ich wollte Sie nicht erschrecken. Ich habe Ihnen nur etwas Eistee gebracht.« Er nahm ihre Hand, bemerkte, wie sie zitterte, und legte ihre Finger um das Glas. »Heute ist ein viel zu warmer, trockener Tag.«

»Danke. Ich habe Sie gar nicht kommen hören.« Unwillkürlich trat Lily einen Schritt zur Seite, um etwas Abstand zwischen sich und ihm zu schaffen. Eine Fluchtmöglichkeit. »Ich habe mich nur … umgeschaut. Es ist wunderschön hier.«

»Ja, das ist es.«

Sie nippte an ihrem Tee, kühlte ihre brennende Kehle und zwang sich, ruhig und höflich zu bleiben. Die Leute stellten weniger Fragen, wenn man sich gelassen gab.

»Leben Sie hier in der Nähe?«

»Sogar sehr nah.« Lächelnd trat er an das Geländer und deutete gen Osten. Ihm gefiel ihre Stimme und der gedehnte, warme Südstaatenakzent. »Dort drüben, das kleine weiße Haus auf der anderen Seite des Pferdestalles.«

»Ja, ich habe es gesehen. Sie haben blaue Fensterläden und einen Garten, und auf dem Hof schlief ein kleiner schwarzer Hund.« Lily erinnerte sich, wie gemütlich das Häuschen auf sie gewirkt hatte, wie viel freundlicher und einladender als das große Haus.

»Das ist Beans«, wieder lächelte Adam sie an, »der Hund. Er hat eine Vorliebe für gebackene Bohnen. Ich bin Adam Wolfchild, Willas Bruder.«

»Oh.« Sie musterte die Hand, die er ihr entgegenstreckte, einen Augenblick lang, dann befahl sie sich energisch, sie zu ergreifen. Jetzt erkannte sie auch die Ähnlichkeiten, die ausgeprägten Wangenknochen, die Augen. »Ich wusste gar nicht, dass sie einen … Dann sind wir also …«

»Nein.« Ihre Hand schien ihm ungemein zerbrechlich zu sein, und er gab sie sanft frei. »Sie beide haben denselben Vater. Willa und ich hatten dieselbe Mutter.«

»Ich verstehe.« Scham stieg in ihr hoch, als ihr bewusst wurde, dass sie kaum jemals einen Gedanken an den Mann verschwendet hatte, der heute zu Grabe getragen worden war. »Standen Sie sich nahe, Sie und Ihr – Stiefvater?«

»Niemand stand ihm sonderlich nah«, sagte Adam schlicht und ohne Bitterkeit. »Aber Sie fühlen sich hier nicht besonders wohl, nicht wahr?« Ihm war aufgefallen, dass sie sich immer am Rand aufhielt, als ob schon die flüchtige Berührung einer Schulter sie verletzen könnte. Auch die blauen Flecke in ihrem Gesicht, Anzeichen von brutaler Misshandlung, waren ihm nicht entgangen.

»Ich kenne ja überhaupt niemanden hier.«

Sie wirkte so verwundbar, dachte Adam. Schon immer hatte es ihn zu den Verwundbaren, Hilflosen dieser Welt hingezogen. Gekleidet in ein einfaches schwarzes Kostüm und schwarze Pumps, war sie nur unwesentlich kleiner als er und zu dünn für ihre Größe. Ihr dunkles Haar wies einen rötlichen Schimmer auf und fiel ihr in weichen Wellen über die Schultern. Ihre Augen konnte er hinter der Sonnenbrille nicht erkennen, aber ihn interessierte ihre Farbe und was er sonst noch darin lesen würde.

Sie hatte das Kinn ihres Vaters geerbt, stellte er fest, ihr Mund jedoch war ziemlich klein und weich wie der eines Kindes. Als sie ihn scheu angelächelt hatte, war der Anflug eines Grübchens in ihrem Mundwinkel aufgetaucht. Ihre seidige Haut schimmerte so durchscheinend blass, dass sich die Prellungen mit grausamer Deutlichkeit davon abhoben. Er fühlte, dass sie einsam war. Es würde ihn unter Umständen einige Zeit kosten, Willa für diese Frau, diese Schwester, zu interessieren.

»Ich muss noch nach den Pferden schauen«, setzte er an.

»Oh.« Zu ihrer eigenen Überraschung verspürte Lily eine leise Enttäuschung. Aber sie hatte ja schließlich allein sein wollen. Es ging ihr besser, wenn andere Menschen sie in Ruhe ließen. »Dann will ich Sie nicht aufhalten.«

»Möchten Sie nicht mitkommen und sich die Ställe anschauen?«

»Die Pferde? Ich …« Sei kein Feigling, befahl sie sich. Er wird dir nicht wehtun. »Gerne. Aber nur, wenn ich Ihnen nicht im Weg bin.«

»Das sind Sie nicht.« Da er wusste, dass sie vor ihm zurückscheuen würde, bot er ihr weder seine Hand noch seinen Arm an. Er ging lediglich voran, die Treppe hinunter und quer über eine holperige, unbefestigte Straße.

Einige Leute sahen die beiden zusammen weggehen, und unverzüglich setzten sich die Zungen in Bewegung. Immerhin war Lily Mercy eine von Jacks Töchtern, auch wenn sie kaum den Mund aufmachte – im Gegensatz zu Willa, die man gewiss nicht als schüchtern und zurückhaltend bezeichnen konnte. Dieses Mädchen sagte unverblümt seine Meinung, und zwar wann es wollte und zu wem es wollte.

Was die dritte anging – nun, das war ein ganz anderes Kaliber. Ein eingebildetes Geschöpf, so, wie sie da in ihrem schicken Kostüm herumstolzierte und die Nase nicht hoch genug tragen konnte. Jeder, der Augen im Kopf hatte, konnte sehen, dass sie ein eiskaltes Biest war. Völlig ungerührt hatte sie am Grab ihres Vaters gestanden und keine Miene verzogen. Zugegeben, sie war eine Augenweide. Jack Mercy hatte gut aussehende Töchter in die Welt gesetzt, und diese, die älteste, hatte seine Augen geerbt. Hart und kühl und blau.

Offensichtlich hielt sich die Dame für etwas Besseres mit ihrem kalifornischen Chic und den teuren Schuhen, aber viele der Anwesenden erinnerten sich noch daran, dass ihre Ma ein Showgirl aus Las Vegas gewesen war, das oft und schallend gelacht und sich einer recht derben Ausdrucksweise bedient hatte. Diejenigen, die sich erinnerten, hatten bereits entschieden, dass ihnen die Mutter wesentlich lieber war als die Tochter.

Tess Mercy kümmerte das herzlich wenig. Sie gedachte, nur so lange in dieser gottverlassenen Wildnis zu bleiben, bis das Testament verlesen worden war. Dann würde sie nehmen, was ihr zustand – und das war mit Sicherheit immer noch weniger, als der alte Bastard ihr schuldete –, und den Staub von ihren Ferragamos schütteln.

»Ich bin spätestens am Montag zurück.«

Den Telefonhörer ans Ohr gepresst, marschierte sie mit energischen Schritten auf und ab. Eine Aura nervöser Energie umgab sie. In der Hoffnung, wenigstens ein paar Minuten ungestört zu bleiben, hatte sie die Türen dieses Raumes, der anscheinend als Arbeitszimmer diente, hinter sich geschlossen, aber nun fiel es ihr schwer, die zahlreichen Tierköpfe zu ignorieren, die die Wände bedeckten.

»Das Skript ist fertig.« Lächelnd fuhr sie mit den Fingern durch ihr kinnlanges, glattes Haar. »Ja, es ist großartig, da hast du verdammt recht. Montag hältst du es in deinen gierigen kleinen Pfoten. Geh mir nicht auf die Nerven, Ira«, warnte sie ihren Agenten. »Ich bringe dir das Skript, und du handelst die Verträge aus. Aber streng dich gefälligst an. Ich bin nämlich fast pleite.«

Tess verlagerte den Hörer ein wenig und schürzte die Lippen, während sie sich aus der Brandykaraffe bediente. Sie lauschte immer noch den Versprechungen und Bitten aus Hollywood, als sie Lily und Adam am Fenster vorbeigehen sah.

Interessant, dachte sie, an ihrem Brandy nippend. Das verhuschte Mäuschen und der edle Wilde.

Tess hatte einige Nachforschungen angestellt, ehe sie sich auf den Weg nach Montana machte. Sie wusste, dass Adam Wolfchild der Sohn von Jack Mercys dritter und letzter Frau war. Bei der Heirat seiner Mutter mit Mercy war Adam acht Jahre alt gewesen. In seinen Adern floss größtenteils Blackfoot-Blut, aber seine Mutter hatte auch italienische Vorfahren gehabt. Dieser Mann hatte fünfundzwanzig Jahre auf der Mercy Ranch zugebracht und es nur zu einem kleinen Haus und einem Job als Pferdepfleger gebracht.

Damit würde Tess sich nicht abspeisen lassen.

Über Lily hatte sie nur in Erfahrung gebracht, dass sie geschieden, kinderlos und häufig von Ort zu Ort gezogen war. Vermutlich, weil ihr Mann sie als eine Art Punchingball benutzt hatte, dachte Tess und unterdrückte einen Anflug von Mitleid. Sie konnte sich keine Gefühlsregungen erlauben. Hier ging es einzig und allein ums Geschäft.

Lilys Mutter, von Beruf Fotografin, war nach Montana gekommen, um den echten, ursprünglichen Westen zu entdecken. Dabei hatte sie dann auch Jack Mercy entdeckt – viel gebracht hatte es ihr allerdings nicht.

Dann war da noch Willa. Bei dem Gedanken an sie kniff Tess die Lippen zusammen. Willa war diejenige, die geblieben war, diejenige, die der alte Mistkerl bei sich behalten hatte. Ihr gehörte jetzt wohl die Ranch, vermutete Tess achselzuckend. Nun, sollte sie damit glücklich werden, sie hatte sie zweifellos verdient. Aber Tess Mercy würde Montana nicht ohne ein hübsches Stück von dem Kuchen – in bar – verlassen.

Wenn sie aus dem Fenster schaute, konnte sie in der Ferne die endlosen öden Ebenen sehen. Ein Schauer überlief sie, und sie kehrte der Aussicht rasch den Rücken zu. Himmel, wie sie den Rodeo Drive vermisste!

»Montag, Ira«, fauchte sie in den Hörer, da ihr das Gezeter am anderen Ende der Leitung in den Ohren dröhnte. »Punkt zwölf in deinem Büro, dann kannst du mich gleich zum Lunch ausführen.« Mit diesen Worten knallte sie den Hörer auf die Gabel, ohne sich zu verabschieden.

Drei Tage allerhöchstens, schwor sie sich und prostete einem Elchkopf mit ihrem Brandy zu. Dann würde sie Dodge verlassen und in die Zivilisation zurückkehren.

»Ich muss dich ja wohl nicht daran erinnern, dass deine Gäste unten auf dich warten, Will.« Bess Pringle stemmte die Hände in die Hüften und schlug denselben Tonfall an, den sie der zehnjährigen Willa gegenüber gebraucht hatte.

Willa schlüpfte in ihre Jeans – Bess hielt nicht allzu viel von Privatsphäre und hatte nur flüchtig geklopft, ehe sie ins Schlafzimmer gestürmt war – und gab dieselbe Antwort, die sie mit zehn gegeben hätte: »Dann lass es doch!« Sie setzte sich, um ihre Stiefel anzuziehen.

»Du verhältst dich ausgesprochen unhöflich.«

»Die Arbeit erledigt sich schließlich nicht von selbst.«

»Aber du beschäftigst genug Leute, die sich darum kümmern können, du musst nicht ausgerechnet heute mit anpacken. Du wirst jetzt nirgendwo hingehen, heute nicht. Es gehört sich nicht.«

Die Frage, was sich gehörte und was nicht, bildete den Grundpfeiler von Bess’ moralischem und gesellschaftlichem Sittenkodex. Sie war eine winzige, vogelähnliche Frau, die nur aus Knochen und Zähnen zu bestehen schien, obwohl sie sich mit dem Appetit eines ausgehungerten Holzfällers durch einen ganzen Berg Pfannkuchen hindurchfuttern konnte und so vernascht war wie eine Achtjährige. Sie war achtundfünfzig Jahre alt und trug ihr flammend rotes Haar, das sie stets heimlich nachfärbte, zu einem strengen Knoten gebunden.

Ihre Stimme klang so rau wie ein Reibeisen, aber ihr Gesicht war glatt wie das eines jungen Mädchens und mit den moosgrünen Augen und der geraden irischen Nase verblüffend hübsch. Sie hatte kleine, kräftige Hände, denen man ansah, dass sie zupacken konnten, und ein aufbrausendes Temperament.

Die Hände noch immer in die Hüften gestemmt, baute sie sich vor Willa auf und blickte auf sie hinunter. »Du machst jetzt, dass du nach unten kommst, und kümmerst dich um deine Gäste!«

»Ich habe eine Ranch zu leiten.« Willa erhob sich. Dass sie in ihren Stiefeln Bess um Haupteslänge überragte, nützte ihr nichts. Die Machtkämpfe zwischen ihnen endeten meistens mit einem Unentschieden. »Und es sind nicht meine Gäste. Ich wollte sie nicht hier haben.«

»Sie sind gekommen, um deinem Vater die letzte Ehre zu erweisen, so wie es sich gehört.«

»Sie sind gekommen, um im Haus herumzuschnüffeln und alles zu begaffen. Es wird Zeit, dass sie wieder verschwinden.«

»Einige vielleicht.« Bess nickte leicht. »Aber die meisten sind deinetwegen hier.«

»Ich will sie nicht im Haus haben.« Willa wandte sich ab, griff nach ihrem Hut und blieb am Fenster stehen, die Krempe nervös zwischen den Fingern knetend. Ihr Schlafzimmerfenster ging auf den Wald und die Gipfel des Big Belt hinaus, eine Aussicht, die für sie alle Schönheit und alle Geheimnisse der Welt barg. »Ich brauche sie nicht. Ich kann nicht atmen, wenn all diese Menschen um mich herum sind.«

Bess zögerte kurz, ehe sie Willa die Hand auf die Schulter legte. Jack Mercy hatte nicht gewollt, dass seine Tochter verweichlicht wurde. Er hatte strenge Anweisung gegeben, sie nicht zu verwöhnen, zu verhätscheln oder zu verzärteln. Diese Erziehungsmethoden hatte er schon festgelegt, als Willa noch ein Baby gewesen war, und auch Bess hatte dieses eiserne Gebot nur dann übertreten, wenn sie ganz sicher war, nicht ertappt und wie eine von Jacks Ehefrauen fortgeschickt zu werden.

»Schätzchen, es ist dein gutes Recht, um ihn zu trauern.«

»Er ist tot und begraben, daran ändert sich nichts mehr, und wenn es mir noch so leid tut.« Doch Willa berührte die Hand, die auf ihrer Schulter lag. »Er hat mir noch nicht einmal gesagt, dass er krank ist. Er konnte mir noch nicht einmal diese letzten Wochen gönnen, in denen ich mich um ihn hätte kümmern können. Ich hätte so gerne noch Zeit gehabt, um von ihm Abschied zu nehmen.«

»Dein Vater war ein stolzer Mann«, sagte Bess, doch insgeheim dachte sie: Ein Scheißkerl war er, ein egoistischer, rücksichtsloser Scheißkerl. »Es ist besser, dass der Krebs ihn schnell dahingerafft hat, so musste er wenigstens nicht lange leiden. Das wäre ihm unerträglich gewesen und hätte es dir nur noch schwerer gemacht.«

»Wie dem auch sei, es ist vorüber.« Willa glättete die breite Krempe ihres Hutes und stülpte ihn sich auf den Kopf. »Und nun hängen Tiere und Menschen von mir ab. Die Leute müssen jetzt sofort begreifen, wer in Zukunft das Sagen hat. Die Mercy Ranch wird immer noch von einer Mercy geleitet.«

»Dann tu, was du tun musst.« Jahrelange Erfahrung hatte Bess gelehrt, dass sämtliche Regeln des Anstandes hinfällig wurden, sobald es um die Belange der Ranch ging. »Aber zum Essen bist du wieder da. Du wirst dich umziehen und dich bei Tisch ordentlich benehmen.«

»Sorg dafür, dass diese Leute mein Haus verlassen, dann sehen wir weiter.«

Sie verließ das Zimmer und lief nach links zur Hintertreppe, die zum Ostflügel des Hauses gehörte. So war es ihr möglich, unauffällig in den Abstellraum zu schlüpfen. Selbst hier noch drang das Summen der durcheinanderschwatzenden Stimmen und gelegentliches dröhnendes Gelächter an ihr Ohr. Angewidert knallte sie die Tür hinter sich zu und blieb wie angewurzelt stehen, als sie die beiden Männer sah, die auf der Seitenveranda in kameradschaftlichem Schweigen eine Zigarette rauchten.

Ihr Blick heftete sich auf den Älteren der beiden, der eine Flasche Bier in der Hand hielt. »Na, amüsierst du dich, Ham?«

Willas Sarkasmus ließ Hamilton Dawson kalt. Er hatte sie auf ihr erstes Pony gesetzt, ihr nach dem ersten Sturz den Kopf verbunden. Er hatte ihr beigebracht, wie man ein Lasso und eine Flinte gebraucht und wie man Wild aus seiner Decke schlägt. Nun schob er ungerührt seine Zigarette zwischen die Lippen, die ein grau gesprenkelter Bart schmückte, und blies einen Rauchring in die Luft.

»Es ist …«, ein zweiter Ring folgte, »… ein schöner Nachmittag.«

»Ich möchte, dass die Zäune entlang der nordwestlichen Grenzlinie überprüft werden.«

»Schon passiert«, erwiderte er gemütlich und lehnte sich an das Geländer; ein kleiner, untersetzter Mann mit Beinen so krumm wie ein Flitzebogen. Als Vorarbeiter der Ranch wusste er ebenso gut wie Willa, was getan werden musste. »Hab schon ’nen Trupp losgeschickt, um die Zäune zu reparieren. Brewster und Pickles schauen sich auf den oberen Weiden mal um, da haben wir ’n paar Tiere verloren. Sieht nach ’nem Puma aus.« Wieder zog er an seiner Zigarette und stieß genüsslich den Rauch aus. »Um den wird sich Brewster kümmern, der knallt die Biester gerne ab.«

»Ich will mit ihm sprechen, sobald er zurück ist.«

»Das hab ich erwartet.« Ham richtete sich auf und rückte seinen alten, verbeulten Hut zurecht. »Die Jungtiere werden gerade entwöhnt.«

»Ja, ich weiß.«

Ham hatte diese Antwort erwartet. Er nickte zustimmend. »Ich werd die Leute im Auge behalten. Das mit deinem Pa tut mir leid, Will.«

Sie wusste, dass diese beiläufig dahingeworfenen schlichten Worte ehrlicher und aufrichtiger gemeint waren als die Berge von Blumen und Kränzen, die ihr völlig fremde Menschen geschickt hatten. »Ich reite später selbst hinaus.«

Ham nickte ihr und dem Mann neben sich zu, dann stolzierte er säbelbeinig in Richtung seines Geländewagens.

»Wie fühlst du dich, Will?«

Sie zuckte die Achseln, frustriert, weil sie nicht wusste, was sie als Nächstes tun sollte. »Ich wünschte, es wäre schon morgen«, sagte sie schließlich. »Morgen sieht die Welt bestimmt freundlicher aus – meinst du nicht auch, Nate?«

Die Antwort auf diese Frage lautete ›Nein‹, aber das behielt er für sich. Stattdessen trank er sein Bier aus. Er war als ihr Freund hier, als Nachbar und als Rancher, aber er war zugleich auch in seiner Eigenschaft als Jack Mercys Anwalt im Haus, und er wusste, dass er in Kürze der Frau neben ihm eine vernichtende Nachricht übermitteln musste.

»Lass uns ein Stück gehen.« Er stellte die Bierflasche auf das Geländer und nahm Willas Arm. »Ich muss mir die Beine vertreten.«

Lang genug waren sie ja. Nathan Torrence hatte schon mit siebzehn seine Altersgenossen überragt und war dann immer noch gewachsen. Nun, mit dreiunddreißig, hatte er die zwei Meter fast erreicht. Er war schlank, unter seinem Hut kräuselte sich dichtes weizenblondes Haar, und in dem von Wind und Wetter gegerbten Gesicht leuchteten Augen, die so blau waren wie der Himmel über Montana. Die langen Arme endeten in riesigen Händen, die langen Beine in ebenso großen Füßen. Trotzdem bewegte er sich erstaunlich anmutig.

Wenn es sich um seine Familie, seine Pferde und die Gedichte von Keats handelte, hatte der Mann ein butterweiches Herz, doch sobald es um Rechtsangelegenheiten und die Frage von richtig oder falsch ging, zeigte sich sein messerscharfer Verstand. Er hegte eine langjährige, tiefe Zuneigung zu Willa Mercy. Deswegen belastete es ihn auch so, dass er sie durch die Hölle schicken musste.

»Ich habe noch nie jemanden verloren, der mir nahestand«, begann er. »Daher kann ich auch nicht nachempfinden, wie dir zumute ist.«

Willa ging weiter, vorbei an der Küche, den Unterkünften der Männer und dem Hühnerstall, wo die Hennen zu gackern begannen. »Er hat niemanden an sich herangelassen, auch mich nicht. Ich weiß gar nicht genau, wie ich mich fühle.«

»Die Ranch …« Hier begab er sich auf dünnes Eis, und Nate umging das heikle Thema vorsichtig. »Es ist eine ziemliche Verantwortung.«

»Wir haben gute Leute, gutes Vieh, gutes Land.« Es fiel ihr nicht schwer, Nate zuzulächeln. »Und gute Freunde.«

»Du kannst jederzeit auf mich zählen, Will. Auf mich und auf jeden sonst in der Gegend.«

»Ich weiß.« Sie blickte an ihm vorbei über die Weiden, die Pferche, die Nebengebäude und die Scheunen bis hin zum Horizont, wo sich das Land mit dem Himmel traf. »Seit mehr als hundert Jahren hat ein Mercy diese Ranch verwaltet, hat Vieh gezüchtet, Korn gesät und Pferde aufgezogen. Ich weiß, was zu tun ist und wie es getan werden muss. Nichts ändert sich jemals wirklich.«

Alles ändert sich, dachte Nate. Und die Welt, von der sie sprach, würde aufgrund der Hartherzigkeit jenes Mannes, der soeben begraben worden war, bald aus den Fugen geraten. Es war besser, die Sache hinter sich zu bringen, ehe sie auf ihr Pferd oder in ihren Jeep stieg und verschwand.

»Am besten beginnen wir jetzt mit der Testamentseröffnung«, beschloss er.