
Lieber Ernst, unsere letzte Begegnung hat mich nachdenklich gemacht. Der ganz normale Alltagsfrust war dir ins Gesicht geschrieben und von deiner unbeschwerten Fröhlichkeit war keine Spur zu sehen. Dein Beruf als Schauspieler, mit dem du so vielen Menschen Humor und Heiterkeit vermittelt hast, erfüllt dich nicht mehr. Die Regisseure proben jedes Stück so lange, bis auch den inbrünstigsten Schauspielern der letzte Rest von Begeisterung verloren gegangen ist, hast du erzählt.
Von den äußeren Bedingungen hast du dich früher doch auch nicht anstecken lassen. Was ist nur mit dir geschehen? Wo hast du deine Lebensfreude und Fröhlichkeit gelassen? Ich habe das Gefühl, du gehst mit dem Zeitgeist: Je mehr man jammert, umso mehr gehört man dazu ...
Aufgrund meiner Operation und der langen Zeit, in der ich nichts tun konnte (außer liegen), haben wir uns aus den Augen verloren. Gerne möchte ich mich mit dir treffen und auf einen Nachmittag mit »open end« habe ich große Lust. Ich möchte diese Zeit — falls du überhaupt Lust hast — nicht mit Erklärungen, Entschuldigungen und schon gar nicht mit Rechtfertigungen verbringen.
Ich würde dich gerne sehen — ohne komische Absicht und ohne hinterlistige Zwecke.
Lieben Gruß,
Inge
Liebe Inge, als ich deinen Brief bekam, habe ich mich gefreut und geärgert zugleich. Gefreut habe ich mich, dass ich dir nicht egal bin. Geärgert habe ich mich, dass du noch immer an deinem »Weltverbesserungswahn« festhältst. Hörst du eigentlich keine Nachrichten? Weißt du nicht, was in der Welt los ist? In der heutigen Welt gibt es nichts zu lachen. Ich fände es klüger, wenn man sich auf der Allee des Ernstes fortbewegt, als in der Sackgasse des Humors landet. Ich bin einfach realistisch und derzeit gibt es halt nichts zu lachen auf der Welt. Aber es wird schon wieder besser werden. Interessieren würde mich nur, was für dich eigentlich Humor ist?
Wenn du magst, schreib mir, nützen wird es nichts.
Ernst
Lieber Ernst, es mag sein, dass ich eine Art von Weltverbesserungswahn lebe, doch wie mir scheint, hast du dich vom Weltverbitterungswahn anstecken lassen.
Du möchtest wissen, was für mich Humor ist. Im Duden steht: »Humor ist die Gabe eines Menschen, die Unzulänglichkeit der Welt und der Menschen, den Schwierigkeiten und Missgeschicken des Alltags mit heiterer Gelassenheit zu begegnen.« Klingt gelehrt — nur ich möchte nicht belehren. Für mich persönlich kommt jene Art von Humor, die ich mit einer heiteren Gelassenheit verbinde, in einem Buchtitel von Viktor Frankl zum Ausdruck: ... trotzdem Ja zum Leben sagen. Diese Einstellung ist für mich lebensbestimmend geworden.
Natürlich lese ich Zeitungen, auch wenn sie keine positiven Schlagzeilen wagen, hin und wieder sehe ich auch Nachrichten im Fernsehen, trotz der Schreckensbilder. Doch ich trotze der anerzogenen Lust zum Unglücklichsein und der Feststellung, dass das Leben eben schwer ist und man dagegen nichts machen kann. Die Kostbarkeit meines Lebens ist Grund genug, dass ich die Stimmung der Verbitterung und Verzweiflung nicht permanent zulasse. Dabei hilft mir wesentlich der Frankl’sche Gedanke »Ich muss mir von mir nicht alles gefallen lassen.«.
Die Logotherapie Frankls wurde sozusagen zum Stimmgerät für meine verstimmten Lebenssaiten. Du kannst dich sicher erinnern, dass ich die Saiten des ewigen Jammers und der anklagenden Forderung ziemlich oft gespielt habe. Vielleicht kannst du dich auch erinnern, wie das Spiel mit den beiden Saiten geklungen hat: langweilig und nervtötend.
Das Umstimmen dieser Saiten war schwierig. Mein Bemühen, das Spiel des Jammers in ein Spiel der Lebensfreude zu verwandeln, misslang immer wieder. Der Grund des Misslingens lag daran, dass ich glaubte, ich könnte mit den Jammersaiten Fröhlichkeit spielen. Die e-Moll-Stimmung lässt sich nicht so einfach in H-Dur transponieren. Erst als ich entdeckte, dass ich immer nur zwei Saiten spiele, obwohl ich mindestens sechs zur Verfügung habe, veränderte sich etwas. Da verwandelte sich die »Entweder-oder-Stimmung« in die »Sowohl-als-auch-Stimmung«. Die Gitarre bietet mir sechs Möglichkeiten. Ich kann Dur oder Moll spielen: Es kommt darauf an, welche Saiten ich anschlage. Das Leben bietet wesentlich mehr als sechs Möglichkeiten. Im therapeutischen Humor hilft die Einstellung des »Weniger-desselben-Prinzips«. Das bedeutet, ich greife nicht immer wieder auf die alten Lebensmuster zurück.
Hast du dir schon mal Gedanken gemacht, welches Stimmgerät du zum Stimmen deiner Lebenssaiten verwendest?
Könnte es sein, dass du deine Lebenssaiten von anderen stimmen lässt? Die stimmen deine Saiten, wie es ihnen gefällt, und du wunderst dich, dass deine Saiten im Missklang sind?
Ich kann dir nicht sagen, was dir hilft, deine Saiten zu stimmen — ich kann dir nur erzählen, was mir geholfen hat, dass ich meine Saiten zum Klingen bringe. Ich kenne auch praktische Tipps und humorvolle Anregungen. Sollten sie dich interessieren, lass es mich wissen.
Ich wünsche dir eine gute Stimmung,
Inge
Liebe Inge, die Idee mit den Lebenssaiten gefällt mir nicht so schlecht, aber viel wird so eine Stimmungsveränderung nicht bewirken. Deshalb wird ja die Welt nicht besser, die Menschen werden nicht gescheiter und mir geht es auch nicht besser.
Letzte Woche hatten wir Premiere von Oscar Wildes Bunbury oder Ernst sein ist wichtig. Ich bekam Szenenapplaus und das Publikum hat viel gelacht. Nach der Premierenfeier ermahnte mich der Regisseur eindringlich: »Spiel bitte so, dass die Leute am Ende der Vorstellung applaudieren und nicht mittendrin. Außerdem, man kann die Szene auch so spielen, dass nicht das ganze Theater lacht.« Wenn ich nicht ganz sicher gewesen wäre, dass der Regisseur keinen Humor hat, dann hätte ich laut gelacht! In der besagten Szene habe ich zu sagen: »Ich habe diese geistreichen Gespräche gründlich satt. Heutzutage ist jeder geistreich. Ich wünsche mir oft, es gäbe noch ein paar Dummköpfe auf der Welt.«
Aufgrund meiner Gestik haben die Zuschauer gelacht und ich habe mich gefreut. Jetzt ist meine Freude weg, ich ärgere mich über den Regisseur. Diese Stimmung versaut mir jeden Abend. Ich gehe am Abend mit einer schlechten Laune ins Theater, die Augen streng aufs Honorar gerichtet. Die Leute haben aufgehört zu lachen, der Schlussapplaus dauert auch nicht länger, obwohl ich so spiele, dass mittendrin nicht applaudiert wird.
Wozu soll ich meine Lebenssaiten stimmen, wenn ich sie doch nicht spielen kann?
Ich bin neugierig, was dir jetzt einfällt, um mich zu belehren, dass ich die Dur-Tonarten wieder spielen sollte, und nicht nur Moll.
Ich grüße dich in e-Moll,
Ernst
Lieber Ernst, vor allem herzlichen Glückwunsch zur gelungenen Premiere. Die Kritik war ja hervorragend. Nur offen gesagt: Ich verstehe dich nicht. Bist du von allen guten Geistern verlassen? Ist dir eigentlich bewusst, wessen Saiten du zum Klingen bringst? Ich habe verstanden, dass der gute Regisseur seine Lebenssaiten auf Frust und Tragik gestimmt hat — und obendrein möchte er dem Publikum das spontane Lachen verbieten und ihm vorschreiben, wann es klatschen darf. Wenn für ihn der Lustgewinn aus Frust besteht, heißt das noch lange nicht, dass das für alle gilt. Stimm deine Saiten und spiel! Spiel so, dass das Publikum etwas zu lachen hat. Anschließend gehen sie sowieso nach Hause und da vergeht den meisten das Lachen.
Du hast mir am Telefon gesagt, dass der Regisseur ein Gesundheitsfanatiker ist. Falls du es noch nicht weißt, die Fanatiker tragen die Humorlosigkeit als Vereinsabzeichen. Den kannst du nicht belehren, aber lass du dich auch nicht von ihm beeinflussen, sondern tu etwas! Spiel die Rolle so, wie sie dich begeistert. Spiel und lass dich vom Text in seinen Bann ziehen. Mute dem Regisseur deine Lebendigkeit zu und verwehre dem Publikum nicht das Lachen.
Es gibt jede Menge guter Texte zum Humor. Humorforscher haben wissenschaftlich belegt, welche Auswirkungen das Lachen hat. Ich befürchte, deinen Regisseur wird auch die Gelotologie (Lachforschung) nicht überzeugen, weil er nach seinen gewohnten Fakten sucht und sofort ein Argument griffbereit hat, dass Lachen nichts bringt. Seine Fakten entsprechen dem Zweck der Welt und nicht dem Sinn des Lebens. Er erinnert mich an einen Wissensriesen mir Zwergengemüt.
Weißt du, wie er mir vorkommt? Wie die alte Dame, die in die Apotheke geht und fragt:
»Haben Sie Abitur?«
»Ja!«
»Und studiert?«
»Selbstverständlich!«
»Und promoviert?«
»Aber ja!«
»Mit Auszeichnung?«
»Auch das!«
»Gut, dann bitte einmal Kamillentee!«
Dein Regisseur würde mit humorvollen Menschen einen ganzen Abend verbringen und sie befragen, wo sie das gelernt hätten usw., und dann würde er aus Anstand fragen, ob sie ihm vielleicht einen Witz erzählen könnten, den er sich merken kann, um bei anderen als humorvoll zu gelten.
Den Regisseur kannst du nicht ändern. Wenn er in seinem Leben die Frustration zum Lebensmotto macht, ist das seine Sache. Ich kann dich nur daran erinnern, wie gerne du früher gelacht hast, wie fröhlich du warst und wie wohl sich die Menschen in deiner Gesellschaft gefühlt haben. Ich bin sicher, dass gute Laune genauso ansteckend ist wie schlechte. Dumm ist nur, dass die meisten Leute schlecht gelaunt sind und dadurch die Ansteckungsgefahr mit guter Laune relativ schwierig ist. Also bitte, dann tu wenigstens du als Schauspieler etwas dafür, dass Leute mit einer guten Laune aus dem Theater gehen!
Ich freue mich schon sehr, dass ich dich wieder auf der Bühne sehe. Du kannst sicher sein, dass ich mir nicht verbieten lasse zu lachen.
Und vergiss nicht: Wut braucht Mut und Humor!
Inge
PS: Vergiss nicht den Gedanken Frankls: »Ich muss mir von mir nicht alles gefallen lassen.« Also lass dir die schlechte Laune von dir – und auch von anderen – nicht gefallen.
Liebe Inge, du hast es doch glatt geschafft, mich zum Lachen zu bringen. Deinen Brief brachte mir meine Frau gerade, als ich zum Theater wollte. Ich war zu faul, am Morgen zum Postkasten zu gehen. Du hast mich an etwas erinnert, was in mir schlummert. Ich bin ganz schön wütend geworden, vor allem auf mich selbst. Du hast Recht, ich habe anderen erlaubt, dass sie meine Lebenssaiten stimmen — und dann mit mir spielen.
Ich glaube, ich weiß jetzt, was du mit Humor meinst: Der Humor ist das spielerische WIE. Wie ich mit mir umgehe, wie ich mit meiner Familie rede, wie ich meinen Beruf ausübe, ganz einfach, wie ich lebe. In heiterer Gelassenheit oder verbitterter Verbissenheit.
Nun, es war gar nicht so leicht, den Text — der sich von den Worten ja nicht verändert hat — anders zu spielen. Schwierig war, mich von der geforderten Absicht »kein Szenenapplaus« zu befreien. Als ich die ersten zaghaften Lacher im Publikum hörte, überwand ich meine Zweifel und legte los. Eine Kollegin habe ich durcheinander gebracht, sie hat ihren Text nicht mehr gewusst und musste improvisieren. Es war herrlich! Anschließend saßen wir zusammen und haben gefeiert, erzählt und viel gelacht. Der Regisseur hat nur irgendetwas von Folgen gemurmelt, dann ist er grußlos gegangen. Auf einmal hat mich seine schlechte Laune nicht gestört und Angst vor den Folgen habe ich auch nicht gehabt.
Meine Kollegen haben mich gefragt, woher auf einmal meine gute Laune kommt. Dann habe ich ihnen von dir erzählt und jetzt wollen sie wissen, wie sie Humor üben können. Du hast einmal von einem Humortraining was gesagt. Bitte schreib mir drüber.
Wenn du lachen willst, komm ins Theater!
Ernst
Lieber Ernst, ich freue mich und habe ganz laut »JA« geschrien, als ich deinen Brief gelesen hab. Worauf ich gespannt bin, ist, wie lange der Regisseur seine schlechte Laune aushält, wenn sein Ensemble fröhlich ist.
Dein Interesse am Humortraining freut mich sehr. Es geht nicht darum, bestimmte Techniken und Methoden zu lernen, das könnt ihr Schauspieler ohnehin perfekt. Wesentlich ist, das eigene Kind, das in dir schlummert, zu entdecken. Wie du weißt, sind Kinder nicht nur lustig, sondern sie leben ihre Traurigkeit und einige Zeit später sind sie wieder fröhlich. Die emotionalen Fähigkeiten eines Kindes zu leben, das ist eine Kunst. Leben in heiterer Gelassenheit ist auch eine Kunst. Zum Lernen dieser Lebenskunst braucht es so etwas wie Gehhilfen. Orthesen werden in der Medizin verwendet, um körperliche Ausfälle auszugleichen. Hier einige Hum-OR-THESEN, um seelische Ausfälle auszugleichen:
Probieren statt funktionieren Bevor du Argumente suchst, warum es keinen Sinn hat, heiter und fröhlich zu sein: Probier es aus! So, wie du versucht hast, deine Rolle nach deinem Empfinden zu spielen, so wachsen deine Kreativität und deine innere Fröhlichkeit. Die Erfahrungen, die du machst, werden dein Selbstvertrauen stärken.
Agieren statt lamentieren Sammle deine Energie für deinen Mut zum Tun und erwarte nicht, dass du sofort Anerkennung und Zuwendung von anderen bekommst. Dir wird viel Misstrauen begegnen, da wir in einer Zeit leben, in der man sich verdächtig macht, wenn man fröhlich ist. Agieren bedeutet: das eigene Leben verantworten, die Realität wahrnehmen und sich trotzdem von seinem Tun nicht abbringen lassen. Mach dein Tun nicht abhängig vom Lob der anderen.
Motivieren statt manipulieren Anstatt deinen Regisseur mithilfe der Trickkiste der Belehrung zu überzeugen, dass er falsch liegt, lebe deine Freude! Zeige deine Begeisterung und lebe deine Überzeugung.
Mach’s gut!
Lieben Gruß,
Inge
Liebe Inge, ich wundere mich über mich selbst und über meine Stimmungsveränderung. Es ist, als ob das innere Tief abgezogen wäre und ein Hoch sich ausbreitet.
Vorgestern habe ich nicht gewartet, bis meine Frau nach Hause kommt und mir die Post bringt. Ich habe die drei Stockwerke höchstpersönlich bewältigt, gesungen habe ich auch dabei. Die Nachbarin hat mich strafend angeschaut, aber die schaut auch strafend, wenn ich nicht singe.
Wichtig für mich ist, dass ich die zweite Hum-OR-THESE nicht vergesse. Das Probieren ist nicht das Schwierigste. Schwierig ist, dass ich das Gefühl habe, ich bin ein Außenseiter. Du hattest Recht: Mit dem »Ja, ABER« bekam ich jede Menge Argumente zu hören, dass Humor nicht funktioniert. Die Gefahr, zu lamentieren und das »Ja, ABER« zu füttern, ist groß. Ich spüre auch, wie sehr ich vom Lob und von der Anerkennung der anderen abhängig bin. Auf den Einwand, ob ich auf einmal anspruchsvoll sei, fiel mir bislang nichts anderes ein, als mich zu rechtfertigen. Während ich meine gewohnte Verteidigungsrede hielt, erinnerte ich mich an das, was du mir am Telefon gesagt hast: »Gewohnheiten sind wie Staub.« Während ich mich bemühe, die eine Seite vom Staub zu befreien, legt er sich auf eine andere Seite. Das Entstauben ist wohl das, was du mit dem Agieren meinst. Anstatt zu jammern, dass es staubig ist — den Staubsauger holen und saugen. Wenn ich nur die »Ja, ABER« einsaugen könnte! Dann wäre es nicht so mühsam.
Hast du eigentlich für »Ja-ABER«-Typen auch eine Hum-OR-THESE? Ich meine, gibt es nichts, was die anderen überzeugt, dass sie sich bemühen, das »Ja, ABER« wegzulassen?
Allein ist das Projekt Humor und gute Laune schon eine schwierige Sache.
Ernst
Lieber Ernst, um gleich ganz praktisch zu antworten: Falls du noch einmal gefragt wirst, ob du anspruchsvoll bist: Antworte nicht, frage! Auf die Frage »Bist du anspruchsvoll?« stelle also die Frage: »Wäre es dir lieber, ich wäre anspruchslos?«
Versuche dich mit dieser Frage nicht zu verteidigen, sondern bringe deine gute Laune in deiner Stimme und deiner Körpersprache zum Ausdruck. Das Wohlwollen wird nonverbal spürbar: »Ich weiß nicht besser, was für dich richtig ist. Nur du weißt es auch für mich nicht.« Dieses Wohlwollen ist keine Strategie für versteckte Menschenverachtung, sondern bedeutet: Ich respektiere deine Sichtweise.
Überzeugungsarbeit für eingefleischte »Ja-ABER«-Geister erinnert mich an Sisyphus. Da wälzt man mühevoll den Stein des »Warum nicht?« — und schon befördert das nächste »Ja, ABER« das Argument in den Abgrund! Verschwende nicht zu viel Energie in die Überzeugungsarbeit.
Distanzieren statt konfrontieren Nörgler, Jammerer und Griesgrämige haben selten ein Gefühl für menschliche Distanz, sie kommen einem körperlich zu nahe. Distanziere dich, ziehe dich zurück und vergiss nicht, dass dir nicht jeder etwas zu sagen hat. Belehren ist out. Das gilt für beide Seiten.
Reduzieren statt moralisieren Weniger ist mehr — so das Grundprinzip des Humors, und das ist mit Reduktion gemeint. Bestätige den »Ja-ABER«-Menschen in seinem Pessimismus: »Du hast Recht. Die Welt ist schlecht, die Menschen auch und eigentlich bringt es nichts, etwas für die eigene gute Laune zu tun.« Wahrscheinlich wird er sich wundern, er erwartet ja dein optimistisches Plädoyer.
Provozieren statt argumentieren Pro-vocare ist lateinisch und bedeutet heraus-, hervorrufen. Die eigene innere Haltung bestimmt die Provokanz. Provoziere ich, um zu vermitteln, dass ich Recht habe? Oder provoziere ich, weil ich die Fähigkeiten, die im anderen schlummern, erahne? Bei dieser Hum-OR-THESE kommt es wesentlich auf die Einstellung an. »Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie du ohne Jammern und Nörgeln leben könntest. Für dich ist eine gute Laune nicht erstrebenswert, da du die Griesgrämigkeit beruflich einsetzst.«
Ich will nicht verschweigen, dass nicht alle einverstanden sein werden, wenn du deinen eigenen Weg gehst. Den Rahmen der Gesellschaft halten das Bild der Leistung und das Streben nach Macht zusammen. Wenn du es wagst, aus diesem Rahmen zu fallen, wirst du mit etlichen Hindernissen rechnen müssen und du wirst auch einsame Stunden erleben. Diese Zeiten sind nicht lustig. Es sind Zeiten, in denen der Humor Urlaub macht. Der Humor ist ein eigenwilliger Freund. Er freut sich über deine Einladung, bleibt still in einer Ecke sitzen und drängt sich nicht auf. Sobald er spürt, dass er gefragt ist, inspiriert er jede und jeden. Wird er spielerisch eingesetzt, ist er kaum zu bremsen. Versucht man ihn als Zeigefinger der Moral zu verwenden, lächelt er gequält. Das oberflächliche »fishing for compliments« entlarvt er schnell und verschwindet dann in die tiefen Gründe.
Sobald man den Humor für versteckte Absichten benutzt, entzieht er sich. Die heitere Gelassenheit und die spielerische Leichtigkeit entfernen sich. Viele Menschen nehmen dann eine Unruhe wahr, sie fühlen sich nicht mehr wohl in ihrer Haut. Die Gleichgültigkeit und die Langeweile treten an die Stelle von Lebendigkeit und Lebensfreude. Die komische Schwerfälligkeit und der zwanghafte Zweck breiten sich aus. Du hast diesen Unterschied bei deinem Theaterstück hautnah erlebt und die Zuschauer haben die Wirkung gespürt.
Um zu schildern, was mit dem Humor alles möglich wird, reichen Worte nicht aus. Vor allem Fakten und Statistiken, Tatsachen und Strategien sind nicht mit Humor gesegnet. Es ist fast unmöglich, ein Gesetz oder ein Verbot auf humorvolle Art und Weise schriftlich festzuhalten.
Stell dir eine kleine Truhe vor: Sie hat einen Boden, einen Deckel und vier seitliche Flächen — also sechs Seiten. Sehen kannst du höchstens drei Seiten. Den Boden siehst du nur, wenn du die Truhe aufhebst und hochhältst. Die anderen Seitenteile, die für dein Gegenüber sichtbar sind, siehst du nur, wenn du aufstehst oder die Truhe umdrehst. Das bedeutet, weder du noch dein Gegenüber sieh(s)t alles. Blöd ist nur, wenn wir verlangen, dass wir alles sehen müssten. Überall wird heute von Ganzheit gesprochen. Der Anspruch, das Ganze auf einmal in den Blick zu bekommen, ist eine Überforderung. Es fügt sich zusammen, wenn zum Beispiel Regisseur und Schauspieler die jeweilige Sichtweise anerkennen und darin das Ganze wahrnehmen.
Du kannst das auch mit einem Würfel machen. Wenn du die Zahl 1 siehst, sieht dein Gegenüber 6, sieht dein Gegenüber 3, siehst du 4. Ihr seht nie die gleichen Zahlen, außer jener, die oben zu sehen ist. Das Ganze ergibt immer 7, doch dieses Ganze siehst du einfach nicht. Es ist räumlich nicht möglich.
Die Humorkiste schaut so aus:

Nicht überall, wo Humor draufsteht, ist Humor drin! Das liegt nicht daran, dass andere humorlos sind – zugegeben, das gibt es auch –, sondern daran, dass zum Beispiel dein Regisseur eine andere Vorstellung von Humor hat. Er will den Humor »verzwecken«. Er sucht eine Strategie, um bei den anderen anzukommen, und weil es derzeit »in« ist, nehmen wir den Humor. Keine Strategie kann jemals das verloren gegangene Gefühl ersetzen.
Ingeborg Bachmann erkannte, dass wir »im Spiel des Möglichen mit dem Unmöglichen unsere Möglichkeiten erweitern«. So wünsche ich dir von Herzen, dass du deine spielerischen Möglichkeiten im »Unmöglichsein« erweiterst.
Bis bald,
Inge
Ich freue mich über Ihr Interesse am Nachwort. In neuen Büchern fange ich auch hinten an, um vorwärts zu kommen.
Wie ist eigentlich Ihre Vorstellung von Humor? Hauptsache, Spaß haben und lachen? Oder denken Sie an jene heitere Gelassenheit, die es einem ermöglicht, mit Schwierigkeiten fertig zu werden?
Vor kurzem leitete ich einen Workshop zu humorvoller Stressbewältigung. Einige hofften begierig auf viel Handwerkszeug in möglichst kurzer Zeit. »Was tue ich, wenn ich nicht mehr kann? Ich brauche eine schnelle Methode, dass ich wieder fit bin.« — »Es ist ja bewiesen, dass durch das Lachen Endorphine frei werden und sich dadurch Wohlbefinden einstellt. Also, wie geht das?«
»Wenn ich lachen soll, muss mir schon jemand einen Witz erzählen«, hat Viktor Frankl einmal gesagt. Ich brauche einen Grund. Gründe zum Lachen gibt es im Alltag genug. Doch man hört am Lachen, wenn der Spaß aufhört. Die Grenzen dessen, was als Spaß gemeint ist und wo dieser aufhört, sind fließend. Schließlich will niemand als humorlos gelten und so finden Opfer übler Streiche selten den Mut, sich zu beschweren. Für Humor gilt: Das Zulässige vom Unzumutbaren und die Menschenwürde von der Menschenverachtung sind zu trennen. Spaß ergibt sich nur dann, wenn das Lachen von Herzen kommt und nicht auf Kosten anderer geht.
Auf der anderen Seite erzürnt Fanatiker nichts sosehr wie das Lächerlich-Machen dessen, was doch »heilig« ist. Fanatismus lebt vom Pathos, große Worte werden verehrt — Humor und Witz bringen ihn zur Raserei. »Der Humor hat auszugraben, was das Pathos verschüttet hat«, meinte Stanislaw Jerzy Lec. In der Begegnung mit Fanatikern, die nach strengen Normen und Regeln leben, ist es einen Versuch wert, Humor auszuprobieren.
Die Echtheit des Humors erkennt man übrigens daran, wie sehr man über seinen eigenen Humor lachen kann. Viel Freude beim Entdecken Ihres eigenen Humors wünscht Ihnen
Inge Patsch