
Sie kam und blieb
Roman
Aus dem Französischen übertragen von
Eva Rechel-Mertens

Für Olga Kosakievicz
«Ebenso muß jedes Bewußtsein
auf den Tod des anderen gehen.»
Hegel
Françoise blickte auf. Gerberts Finger tanzten über die Tasten, er stierte wild auf das Manuskript; offenbar war er müde; auch Françoise hätte schlafen mögen, aber ihre eigene Müdigkeit war etwas Vertrautes, Behagliches; die schwarzen Ringe um Gerberts Augen wollten ihr nicht gefallen; sein Gesicht war glanzlos und hart, man sah ihm seine Zwanzig fast an.
– Wollen wir lieber Schluss machen?, fragte sie.
– Nein, nein, es geht noch, gab Gerbert zurück.
– Es handelt sich auch nur noch um eine Szene, die ich ins Reine bringen muss, bemerkte Françoise.
Sie wendete die Seite um. Es hatte eben zwei geschlagen. Gewöhnlich war um diese Zeit keine lebende Seele mehr im Theater; heute Nacht aber lebte es; die Schreibmaschine klapperte, die Lampe goss über die Wände einen rosigen Schein. Ich bin da, mein Herz schlägt. Das Theater hat heute Nacht ein lebendiges Herz.
– Ich arbeite gern bei Nacht, sagte sie.
– Ja, meinte Gerbert, es ist dann still.
Er gähnte. Der Aschenbecher war mit Enden von englischen Zigaretten gefüllt, zwei Gläser und eine leere Flasche standen auf einem Seitentisch. Françoise ließ den Blick über die Wände ihres kleinen Arbeitsraumes gleiten, die rosig durchhauchte Luft strahlte von Wärme und menschlicher Gegenwart. Da draußen war das seelenlose schwarze Theater mit seinen verlassenen Korridoren und der großen Höhlung mittendrin.
– Wollen Sie nicht noch etwas trinken?, fragte sie.
– Da sage ich nicht nein, meinte er.
– Ich gehe in Pierres Garderobe und hole noch eine Flasche.
Sie verließ das Studio. Auf den Whisky war sie gar nicht so wild, die dunklen Korridore zogen sie an. Wenn sie nicht da war, existierte alles das, der Staub, das Halbdunkel, die trostlose Öde für niemand, es existierte überhaupt nicht. Aber nun war sie da, und das Rot des Teppichs drang durch das Dunkel wie ein schüchternes Nachtlicht. Solche Macht hatte sie: ihre Gegenwart riss die Dinge aus ihrem Nichtsein heraus, gab ihnen Farbe und Duft. Sie ging die Treppe hinunter und betrat den Zuschauerraum; es war wie eine Sendung, die ihr zuteil geworden war, sie musste diesen verlassenen, nachterfüllten Raum zur Existenz erwecken. Der eiserne Vorhang war heruntergelassen, die Wände rochen nach frischer Farbe; die roten Plüschsessel warteten reglos aufgereiht. Eben noch warteten sie auf nichts. Jetzt war sie da, und sie streckten ihr die Arme entgegen. Sie blickten auf die eisenverkleidete Bühne, sie riefen nach Pierre, nach Rampenlicht und einer andächtig lauschenden Menge. Man sollte immer dableiben und diesem einsamen Warten ewige Dauer verleihen; aber dann müsste man auch noch gleichzeitig in der Requisitenkammer, in den Garderoben und im Erfrischungsraum sein, überall zugleich. Sie ging durchs Proszenium auf die Bühne; sie öffnete die Tür zum Foyer und stieg hinunter in den Hof, auf dem die alten Versatzstücke schimmelten. Sie war die Einzige, für die jetzt diese verlassenen Stätten, diese verschlafenen Dinge einen Sinn besaßen; sie war da, sie gehörten ihr. Die Welt gehörte ihr.
Sie trat durch die kleine Eisentür vor dem Bühnenausgang auf den dahinterliegenden Platz. Alles ringsum schlief, die Häuser, das Theater waren in Schlaf versunken; ein einziges Fenster war rosig erhellt. Sie setzte sich auf eine Bank, der Himmel strahlte von Schwärze über den Kastanien. Hier fühlte man sich wie im Herzen einer ruhigen Provinzstadt. In diesem Augenblick bedauerte sie nicht, dass Pierre nicht bei ihr war, es gab Freuden, die sie in seiner Gegenwart nicht erlebte: alle Freuden der Einsamkeit; seit acht Jahren schon lebte sie ohne sie, und manchmal tat es ihr Leid. Sie lehnte sich an das harte Holz der Bank; ein rascher Schritt hallte auf dem Asphalt des Gehsteigs; in der Allee fuhr ein Lastwagen vorbei. Es gab nur dies: das Geräusch der Bewegung, den Himmel, das schlummernde Laub und ein beleuchtetes Fenster in einer schwarzen Hauswand; keine Françoise mehr; niemand mehr.
Françoise sprang auf; es war seltsam, wieder jemand zu werden, nur einfach eine Frau, eine Frau, die Eile hat, weil eine dringende Arbeit auf sie wartet, und dieser Augenblick war nur ein Augenblick ihres Lebens wie alle anderen. Sie legte die Hand auf den Türgriff und drehte sich noch einmal mit verkrampftem Herzen um. Es war eine Flucht, war Verrat. Die Nacht würde nun von neuem diesen kleinen, kleinstädtischen Platz überfluten; der rosige Schein im Fenster würde vergebens schimmern, er leuchtete für niemand mehr. Die Süße dieser Stunde war dann für immer verloren. So viel Süße verloren für die ganze Welt. Sie durchschritt den Hof und stieg die grüne Holzstiege hinauf. Diese Art von Trauer hatte sie sich längst abgewöhnt. Es gab nichts Wirkliches außer dem eigenen Leben. Sie trat in Pierres Garderobe, nahm eine Flasche Whisky aus dem Schrank und lief schnell in ihr Studio hinauf:
– Das gibt uns neue Kraft, sagte sie. Wie wollen Sie ihn haben, mit Wasser oder pur?
– Pur, sagte Gerbert.
– Können Sie dann nachher auch noch allein nach Hause gehen?
– O ja! Ich fange jetzt an, gab Gerbert würdevoll zurück, Whisky zu vertragen.
– Sie fangen an …, meinte Françoise.
– Wenn ich erst einmal reich bin und allein wohne, habe ich bestimmt immer eine Flasche Vat 69 im Schrank, sagte Gerbert.
– Mit Ihrer Karriere wird es dann aus sein, meinte Françoise. Sie blickte ihn beinahe zärtlich an. Er hatte jetzt die Pfeife hervorgeholt und stopfte sie mit größter Aufmerksamkeit. Es war seine erste Pfeife. Jeden Abend, wenn sie mit ihrer Flasche Beaujolais fertig waren, legte er sie auf den Tisch und sah sie mit den Augen eines Kindes an; er rauchte zu einem Cognac oder Marc. Und dann gingen sie durch die Straßen, mit von der Tagesarbeit, von Wein und schärferen Drinks noch etwas benommenen Köpfen. Gerbert nahm lange Schritte, das schwarze Haar fiel ihm ins Gesicht, die Hände hatte er in den Taschen. Das war jetzt zu Ende; sie würde ihn noch oft wiedersehen, aber nur noch mit Pierre, mit all den anderen; sie würden wieder wie zwei Fremde sein.
– Für eine Frau können Sie übrigens auch gut Whisky vertragen, stellte Gerbert unparteiisch fest.
Er sah Françoise prüfend an: – Sie haben heute zu viel gearbeitet, Sie sollten ein bisschen schlafen. Wenn Sie wollen, wecke ich Sie.
– Nein, ich möchte lieber fertig werden, sagte Françoise.
– Haben Sie keinen Hunger? Soll ich nicht ein paar Brote holen gehen?
– Danke, sagte Françoise. Sie lächelte ihm zu. Er war so zuvorkommend, so aufmerksam; immer wenn sie mutlos wurde, brauchte sie nur seine heiteren Augen anzusehen, und schon kehrte ihr Vertrauen zurück. Sie hätte gern Worte gefunden, ihm zu danken.
– Es ist beinahe schade, sagte sie, dass wir fertig sind; ich hatte mich so an die Zusammenarbeit mit Ihnen gewöhnt.
– Aber das Einstudieren wird ja erst recht amüsant, meinte Gerbert. Seine Augen blitzten, seine Wangen hatten Farbe bekommen durch den Alkohol.
– Wie schön zu denken, dass in drei Tagen alles wieder losgeht. Ich schwärme immer für den Saisonbeginn!
– Ja, es macht Spaß, sagte Françoise. Sie zog ihre Papiere wieder zu sich heran. Diese zehn Tage des ausschließlichen Beisammenseins sah er offenbar ohne Bedauern zu Ende gehen; an sich war es natürlich, auch sie würde ihnen nicht nachtrauern; schließlich konnte sie nicht verlangen, dass nur Gerbert etwas dabei empfand.
– Jedes Mal, sagte Gerbert, wenn ich durch dies totenstille Theater muss, verspüre ich etwas wie Grauen; es ist so ein düsterer Vorgeschmack. Ich habe doch tatsächlich geglaubt, diesmal würde es das ganze Jahr geschlossen bleiben.
– Es hat nicht viel gefehlt, sagte Françoise.
– Wenn es nur anhält, meinte Gerbert.
– Sicherlich, entschied Françoise.
Sie hatte niemals an Krieg geglaubt; der Krieg, das war wie Tuberkulose oder ein Eisenbahnunglück; mir kann das nicht passieren; so etwas kommt nur bei anderen vor.
– Können Sie sich vorstellen, dass ein wirklich großes Unglück Sie selber treffen könnte?
Gerbert verzog das Gesicht.
– Nur zu gut, meinte er.
– Ich nicht, sagte Françoise. Es lohnte sich gar nicht, darüber nachzudenken. Mit Gefahren, gegen die man machtlos ist, musste man natürlich rechnen, aber Krieg war etwas, was sich jedem menschlichen Maßstab entzog. Wenn er eines Tages ausbrach, hatte nichts mehr Bedeutung, nicht einmal, ob man lebte oder starb.
– Aber er wird nicht kommen, wiederholte sich Françoise. Sie beugte sich über das Manuskript; die Schreibmaschine klapperte, das Zimmer roch nach englischen Zigaretten, nach Tinte und nach Nacht. Draußen, vor dem Fenster, schlief der kleine Platz in gesammelter Ruhe unter dem schwarzen Himmel; mitten durch die einsame Landschaft rollte irgendwo ein Zug. Ich bin da. Für mich, die ich da bin, existiert der Platz und der fahrende Zug. Ganz Paris, und die ganze Erde in dem verschatteten rosigen Licht dieses kleinen Büros. Und diese Minute enthält alle langen Jahre des Glücks. Ich bin da, im Herzen meines Lebens.
– Schade, dass man schlafen muss, meinte Françoise.
– Leider, meinte Gerbert, merkt man nicht, wenn man schläft. Sobald man es merkt, wacht man auch schon auf. Man hat nichts Rechtes davon.
– Aber finden Sie es nicht fabelhaft, wenn man wach ist, und alle andern schlafen? Françoise legte ihren Füllfederhalter hin und lauschte. Kein Geräusch war zu hören, der Platz war schwarz, das Theater schwarz.
– Ich würde mir gern vorstellen, alles schliefe, und nur Sie und ich wären lebendig auf Erden.
– Da überläuft es mich eher, meinte Gerbert. Er warf die lange schwarze Haarsträhne zurück, die ihm in die Augen fiel. Das ist, wie wenn ich an den Mond denke: Eisberge und Gletscherspalten und nirgends eine Menschenseele. Wer sich da zum ersten Male hinauftraut, dem graut wirklich vor nichts.
– Ich würde nicht nein sagen, wenn man mich ließe, sagte Françoise. Sie blickte Gerbert an. Gewöhnlich lebten sie so nebeneinanderher, und sie war zufrieden damit, ihn nahe bei sich zu fühlen, ohne dass sie miteinander redeten. Heute aber hatte sie Lust, mit ihm zu sprechen.
– Es ist doch komisch, meinte sie, sich die Dinge vorzustellen, wie sie sind, wenn man nicht da ist.
– Ja, komisch, antwortete er.
– Es ist so, als wenn man sich vorstellen will, man sei tot, aber man kann es nicht, weil man doch immer dabei voraussetzt, dass man noch in einer Ecke steht und alles mit ansieht.
– Zu dumm, was man alles nie sehen wird, sagte Gerbert.
– Früher hat es mich ganz unglücklich gemacht, zu denken, dass ich immer nur ein armseliges Stückchen von der Welt sehen würde. Sie auch?
– Vielleicht, gab Gerbert zu.
Françoise lächelte. Wenn man mit Gerbert sprach, stieß man oft auf Widerstand, aber es war schwer, ihm eine positive Äußerung zu entlocken.
– Jetzt aber bin ich ganz ruhig, denn ich bin zu der Überzeugung gekommen, dass die Welt mir überallhin folgt, wohin ich mich auch begebe. Seitdem bin ich sicher davor, etwas zu bedauern.
– Was zu bedauern?, fragte Gerbert.
– Dass ich immer in meiner eigenen Haut bleiben muss auf dieser weitläufigen Erde.
– Ja, besonders, wo Ihr Leben eigentlich schon so geordnet ist.
– Er war immer so diskret. Diese Andeutung einer Frage war für seine Verhältnisse schon geradezu kühn. Fand er, dass ihr Leben schon allzu geordnet sei? Kritisierte er sie? Ich frage mich, was er von mir denkt. Dies Studio, das Theater, mein Hotelzimmer, Bücher, Papiere, meine Tätigkeit. Ein geordnetes Dasein.
– Ich bin zu der Einsicht gekommen, dass man resignieren und sich für eine Sache entscheiden muss.
– Ich mag nicht wählen, warf Gerbert ein.
– Anfangs ist es mir auch schwer gefallen, aber jetzt macht es mir nichts mehr, denn jetzt kommt es mir so vor, als ob die Dinge, die für mich nicht mehr existieren, überhaupt nicht mehr existieren.
– Wie meinen Sie das?, fragte Gerbert.
Françoise zögerte. Sie spürte das selber sehr stark; die Korridore, der Zuschauerraum, die Bühne verschwanden zwar nicht, wenn sie die Tür hinter sich schloss; aber sie existierten doch nur hinter der Tür und gewissermaßen von ferne. In der Ferne auch rollte der Eisenbahnzug durch die Felder, in denen sich im Dunkel der Nacht das trauliche Leben in dem kleinen Studio fortsetzte.
– Das ist so wie mit den Mondlandschaften, meinte Françoise. Es hat keine Wirklichkeit. Es ist nur vom Hörensagen da. Fühlen Sie das nicht?
– Nein, sagte Gerbert, ich glaube nicht.
– Stört es Sie denn nicht, dass Sie immer nur eine Sache auf einmal sehen können?
Gerbert dachte nach.
– Was mich stört, sagte er, das sind die andern Menschen; es ist mir grauenhaft, wenn man zu mir von jemandem spricht, und noch dazu mit Bewunderung. Da lebt so ein Kerl, irgendwo, und weiß überhaupt nicht, dass es mich gibt.
Es war selten, dass er so viel über sich selber sagte. Spürte auch er diese aufregende Intimität – eine Intimität, die noch alles offen ließ – der letzten gemeinsamen Stunden? Sie allein lebten in diesem warmen Lichtkreis. Für beide dasselbe Licht und dieselbe Nacht. Françoise betrachtete Gerberts schöne grüne Augen unter den gebogenen Wimpern, seinen lebendigen Mund. – Wenn ich gewollt hätte … Es war vielleicht noch nicht einmal zu spät. Aber was konnte sie wollen?
– Ja, es tut weh, sagte sie.
– Sobald man ihn dann kennt, wird es besser, meinte Gerbert.
– Man kann sich gar nicht vorstellen, dass die anderen auch ein Bewusstsein haben und sich selbst von innen heraus begreifen, genauso wie man selber es tut, sagte Françoise. Ich bin immer erschrocken, wenn mir das einmal aufgeht. Man hat dann ein Gefühl, als sei man ein Bild im Gehirn eines anderen. Aber es kommt ja fast niemals vor, und auch niemals so, dass es einem ganz deutlich wird.
– Es stimmt aber, fiel Gerbert lebhaft ein, und deshalb ist es mir auch so unangenehm, wenn jemand zu mir von mir selber spricht, auch wenn er es freundlich meint. Es kommt mir dann jedes Mal vor, als maße der andere sich eine Überlegenheit an.
– Mir ist es gleichgültig, meinte Françoise, was die Leute von mir denken.
– Ja, man kann allerdings nicht sagen, dass Eigenliebe Ihre Stärke ist.
– Es geht mir mit ihren Gedanken ebenso wie mit ihren Äußerungen und ihren Gesichtern: das sind alles nur Stücke meiner eigenen Welt. Elisabeth wundert sich immer, dass ich nicht ehrgeizig bin, aber das kommt eben auch daher. Ich habe nicht nötig, mir in der Welt eine bevorzugte Stellung zu verschaffen, es kommt mir vielmehr so vor, als hätte ich schon so ganz gut darin Fuß gefasst.
Sie blickte ihn lächelnd an:
– Und Sie? Sie sind ja auch nicht ehrgeizig.
– Nein, sagte Gerbert, wozu auch? Er zögerte. Dennoch würde ich gern eines Tages ein guter Schauspieler sein.
– So, wie ich gern ein gutes Buch schreiben würde. Die Arbeit, die man macht, macht man eben gern gut. Aber nicht wegen Ruhm und Ehre.
– Nein, gab Gerbert zu.
Ein Milchwagen fuhr unterm Fenster vorbei. Durch Châteauroux war der Zug bereits durch, bald würde er in Vierzon sein. Gerbert gähnte, und seine Augen waren leicht gerötet wie bei einem schlummernden Kind.
– Sie sollten schlafen gehen, sagte Françoise.
Gerbert rieb sich die Augen.
– Wenn wir es Labrousse zeigen wollen, muss es ganz fertig sein, beharrte er eigensinnig. Er griff zur Flasche und goss sich einen tüchtigen Schluck Whisky ein.
– Außerdem bin ich nicht schläfrig, sondern habe Durst! Er trank und stellte das Glas wieder hin. Dann überlegte er:
– Vielleicht bin ich im Grunde doch müde.
– Müde oder durstig, das müssen Sie selber wissen, meinte Françoise vergnügt.
– Ich weiß das niemals so genau, stellte Gerbert fest.
– Wissen Sie was?, sagte Françoise. Ich bin mir jetzt klar, was Sie tun müssen. Sie legen sich auf den Diwan und schlafen. Inzwischen gehe ich die letzte Szene noch einmal durch. Sie tippen sie dann, während ich zum Bahnhof gehe und Pierre abhole.
– Und Sie selbst?, fragte Gerbert.
– Wenn ich fertig bin, schlafe ich auch. Auf dem Diwan ist Platz, Sie stören mich nicht. Nehmen Sie sich ein Kissen, und decken Sie sich gut zu.
– Schön, sagte Gerbert.
Françoise dehnte sich einen Augenblick und griff dann wieder zur Feder. Gleich darauf sah sie sich um. Gerbert lag mit geschlossenen Augen auf dem Rücken; gleichmäßige Atemzüge kamen aus seinen Lippen hervor. Er schlief bereits. Er war schön. Lange blickte sie ihn an, dann ging sie an die Arbeit. Da drüben, im fahrenden Zug, schlief auch Pierre, den Kopf ans Lederkissen gelehnt, mit unschuldsvollem Gesicht. Er wird aus dem Abteil springen und sich recken mit seiner kleinen Gestalt; und dann wird er über den Bahnsteig gelaufen kommen und meinen Arm nehmen.
– So!, sagte Françoise. Befriedigt prüfte sie das Manuskript. Wenn er es doch gut finden möchte. Ich glaube, er findet es gut. Sie schob den Sessel zurück. Ein rosiger Schein stieg am Himmel auf. Sie zog die Schuhe aus und ließ sich neben Gerbert unter die Decke gleiten. Er seufzte, sein Kopf wendete sich auf dem Kissen von einer Seite zur andern und blieb an ihrer Schulter liegen.
– Armer kleiner Gerbert, dachte sie, wie müde er schon war. Sie zog die Decke ein bisschen herauf, dann lag sie unbeweglich mit offenen Augen da. Auch sie war voller Müdigkeit, doch wollte sie noch nicht schlafen. Sie blickte auf Gerberts frische Augenlider, die langen Mädchenwimpern; er schlief, wunschlos, entspannt. Sie fühlte am Hals das Schmeicheln seines weichen schwarzen Haars.
– Das ist alles, was ich jemals von ihm haben werde, dachte sie.
Es gab Frauen, die diese schönen Haare streichelten – Haare, die an chinesische Damen erinnerten – und die ihre Lippen auf diese kindlichen Lider drückten, die diesen langen schmalen Körper in die Arme schlossen. Eines Tages würde er zu einer von ihnen sagen: Ich liebe dich.
Françoise fühlte, wie ihr Herz sich zusammenzog. Noch war Zeit. Sie konnte ihre Wange an seine lehnen und ganz laut die Worte sagen, die ihr auf die Lippen kamen.
Sie schloss die Augen. Sie konnte nicht sagen: Ich liebe dich. Sie konnte es nicht denken. Sie liebte Pierre. In ihrem Leben war kein Raum für eine andere Liebe.
Und doch würde es Freuden geben, die diesen ähnlich wären, dachte sie mit einer Art von Angst. Der Kopf lag schwer auf ihrer Schulter. Was aber Wert gehabt hätte, war nicht diese drückende Last, sondern Gerberts Zärtlichkeit, sein Vertrauen, seine Selbstaufgabe, Liebe, mit der sie selbst ihn überschüttete. Nur dass Gerbert schlief und dass Liebe und Zärtlichkeit Traumgebilde waren. Wenn sie ihn in den Armen hielte, könnte sie vielleicht weiterträumen; aber durfte man unternehmen, eine Liebe zu träumen, die man nicht ernstlich leben will?
Sie blickte Gerbert an. Sie war frei in Worten und Gebärden. Pierre ließ sie vollkommen frei. Aber Gebärden und Worte würden nur Lügen sein, so, wie schon das Gewicht dieses Kopfes an ihrer Schulter lügenhaft war. Gerbert liebte sie nicht; sie konnte nicht wünschen, dass er sie liebte.
Der Himmel rötete sich hinter dem Fenster. Françoise fühlte in ihrem Herzen eine Traurigkeit, die herb und rosig war wie diese frühe Stunde. Dennoch bedauerte sie nichts; sie hatte nicht einmal ein Recht auf die Melancholie, die lastend auf ihren müden Gliedern lag. Es war ein endgültiger, ein unbelohnter Verzicht.